Oktober 8, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 4 Minuten

Und wieder ist der Herbst eingezogen. Die Zeit der bunten BlĂ€tter und der wechselnden Kleidung. Die Zeit, sich ein Nest fĂŒr den Winter zu bauen, die Zeit der Depressionen. Theoretisch eine Zeit fĂŒr eine kĂ€mpferische Herbstoffensive, nachdem alle im Sommer ihre ausgedehnten Auszeiten hatten. Praktisch eine Zeit der Auszeit von der Auszeit, also sprich: der apolitischen Rudimente autonomer Politik, welche als „politisch“ ausgegeben werden.

FĂŒr mich geht die Suche weiter. Und das ist ja falsch, wie ich immer wieder erfahre. Sehnsucht ist eine romantische Verlagerung der ErfĂŒllung konkreter BedĂŒrfnisse. Eine Projektion auf ZukĂŒnfte, andere Welten, andere Menschen, in welchen und durch welche die BedĂŒrfnisse dann irgendwie erfĂŒllt werden sollten. Und das ist Ă€ußerst problematisch, das gebe ich zu. Denn, so scheint es nun mal zu sein, das Erwachsenenleben im Kapitalismus. Dass mensch sich selbst kĂŒmmern muss, um Alles beziehungsweise um das Essenzielle. Ist ja auch prinzipiell besser, als wenn das der paternalistische Sozialstaat tut.

Gelegentlich kommt es mir so vor, als wĂŒrde das (neo)liberale Diktum „Jede ist ihres GlĂŒckes Schmiedin“ vor allem in linken Szenen zelebriert werden. Menschen faseln von „SolidaritĂ€t“, weil es oftmals so ist, dass man viel von Dingen spricht, die man eigentlich ziemlich schlecht kann. So wie die ReaktionĂ€ren von „Heimat“ schwafeln, tun es die Linken von „SolidaritĂ€t“. Damit möchte ich gar nicht sagen, dass SolidaritĂ€t gar nicht praktiziert wird. SelbstverstĂ€ndlich engagieren sich viele zehntausend Menschen tĂ€glich fĂŒr den Aufbau einer besseren Welt und das gilt es zu wĂŒrdigen.

Was ich in diesem Zusammenhang meine, ist die in unserer Zeit verbreitete SelbstbezĂŒglichkeit, von der ich mich nicht ausnehmen will. Die Haltung, sich aus der kurzen Lebensspanne, die wir haben, das Beste heraus zu krallen, in der Angst, bei all dem zerstörerischen Reichtum, den diese Gesellschaft produziert, zu kurz zu kommen. Gerade „konsum-kritische“ Personen konsumieren dabei vor allem Erlebnisse
 und andere Menschen. Das geschieht teilweise doch ziemlich rĂŒcksichtslos, muss ich immer wieder feststellen

Und diese Einstellung widert mich an – weil ich neidisch bin und das nicht kann. Weil ich mich nicht gut um mich selbst kĂŒmmern kann. Weil ich aber auch nur sehr schlecht etwas einfordern, greifen und erzwingen kann
 Dazu fehlt mir die Grundhaltung, dass ich es „verdient“ habe. Denn ich möchte nichts „verdienen“ mĂŒssen, sondern nur beschenkt werden und schenken.

Was Selfcare angeht, ist das auch absolut mein (mĂ€nnlich konnotiertes) Problem, das gebe ich zu. Da muss mich mich selbst bewegen, um etwas zu verĂ€ndern – die GrĂŒnde, warum das so ist, hin oder her. Über die anderen Aspekte wĂŒrde ich aber schon ganz gerne mal wieder ins GesprĂ€ch kommen


Was mich da beispielsweise stark irritiert, ist, dass es in linken Szenen erwĂŒnscht ist, ja, nahezu erwartet wird, dass Menschen ĂŒber ihre GefĂŒhle sprechen. Aber wenn sie dies tun, dann ist es schnell auch wieder zu viel und mensch geht in Distanz. Das heißt, Menschen werden anerkannt, wenn sie ĂŒber ihre GefĂŒhle sprechen. Aber sie sollen es auf eine bestimmte Weise tun. NĂ€mlich so, dass sie bei anderen den Eindruck von Offenheit, Ehrlichkeit und „AuthentizitĂ€t“ vermitteln. Nicht aber so, dass sie offen, ehrlich und „authentisch“ rĂŒber bringen, wie abgefuckt sie von dieser Gesellschaft und den Erfahrungen in ihr sind. Das erste wird als wĂŒnschenswert emotional verstanden. Das zweite als Irritation und Infragestellung des eigenen Yolo-Daseins aufgefasst.

Doch nur eine BeschĂ€ftigung mit Letzterem wĂŒrde ermöglichen, eine anti-politische Einstellung zu den gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen zu entwickeln. Also mal aufzuhören mit dem Kreisen um das eigene Hausprojekt, um die Bildungsarbeit oder die eigenen IdentitĂ€t. Mal raus zu kommen, aus der abgekoppelten BeschĂ€ftigung mit Theorie oder den kopflosen Einweg-Aktionen. Sondern derartige Praktiken auf ein Ganzes zu beziehen.

Doch das Ganze, das verstehe ich schon, erscheint oftmals ganz schön groß. Zu groß. Und so gilt es also wiederum, individualisiert der ErfĂŒllung eigener BedĂŒrfnisse nachzugehen. Dazu kann mensch sich auch in seine geschlossene, spießige WohlfĂŒhl-Gemeinschaft zurĂŒckziehen. Das tun viele. Aber meine Sache ist es nicht. Und auch nicht die von allen. Manche können das nicht. Vielleicht ist es auch ein Privileg, das zu können, anstatt draußen in der Welt sein zu mĂŒssen. Der KĂ€lte der Welt im warmen zwischenmenschlichen Nest zu entfliehen, jenen sogenannten „RĂŒckzugsrĂ€umen“, die auf keinen Fall irritiert und verletzt werden sollen


Dagegen werden sozial-revolutionĂ€re Perspektiven gemieden, weil sie eben nicht primĂ€r der eigenen BedĂŒrfnisbefriedigung dienen, weil das ach so besondere und wichtige Individuum darin weniger Lust, Anerkennung und Sicherheit findet, als ihm der Kapitalismus in westlichen Staaten zu bieten scheint. Insbesondere dort, wo RebellionswĂŒnsche heute auf verschiedenen Weisen warenförmig ausgelebt werden können
 Grenzen zu ĂŒberwinden, bedeutet aber immer, Sicherheiten aufzugeben, sich verletzbar zu machen und nicht zu wissen, ob mensch dabei gewinnt.

Im Endeffekt ist es doch gerade in unseren Szenen so: Wer hat, dem wird gegeben. Und: Du sollst nicht bedĂŒrftig sein.




Quelle: Paradox-a.de