Oktober 25, 2021
Von Contraste
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In Israel kommen noch heute rund 80 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte und Dienstleistungen aus der genossenschaftlichen Landwirtschaft, also aus Kibbuzim und Moshavim. Dieser Versorgungsgrad wurde unter anderem durch die GrĂŒndung von SekundĂ€rgenossenschaften und gemeinsame Verbandsarbeit ermöglicht.

Hanno Böhle, Leipzig

Kibbuzim waren Siedlungsgenossenschaften bzw. Kommunen mit einer GrĂ¶ĂŸe von 100 bis 1.000 Personen, ursprĂŒnglich mit einem hohen Grad an vergemeinschaftetem Eigentum: vom Wohnen, ĂŒber die Produktionsmittel bis hin zur Kleidung der Mitglieder. Auch Moshavim waren Siedlungen, in denen jedoch private, landwirtschaftliche Familienbetriebe als Mitglieder eine gemeinsame, demokratische Dorfgenossenschaft bildeten.

Die Dorfgenossenschaft ĂŒbernahm nicht nur die gemeinsame Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Sie verwaltete auch die Siedlungs-Infrastrukturen, etwa die Wasserversorgung der Haushalte. Sie stellte auch landwirtschaftliche Dienstleistungen bereit, beispielsweise die Nutzung von Hallen fĂŒr die Kommissionierung und Lagerung sowie nicht zuletzt finanzielle Dienstleistungen wie Übernahme von BĂŒrgschaften und Weitergabe von Krediten an die Mitglieder.

Finanzielle Garantiesysteme

Die Dominanz der agrarischen Kooperativen in Israel war eng mit ihrer Rolle als Wegbereiterinnen des Staates Israel verknĂŒpft. Durch die Kooperativen wurde Land aufgeforstet, bewohnbar gemacht und der landwirtschaftliche Nutzungsgrad erhöht: Man sicherte die ErnĂ€hrung fĂŒr weitere israelische MigrantInnen und schaffte Integrationsorte fĂŒr das Lernen einer israelischen IdentitĂ€t, was auch deutschen JĂŒdinnen und Juden einen Auswanderungsort schaffte und letztlich vor dem Nationalsozialismus das Leben rettete. FĂŒr diese tragende Rolle im »nation-building« wurden Moshavim und Kibbuzim bis in die 1970er Jahre staatlich gefördert. Auch im Westjordanland wird Land durch einige kooperative Siedlungen beansprucht. Diese werden von UN und EU nicht als legal anerkannt und bilden somit Teil der international umstrittenen Siedlungspolitik Israels.

FĂŒr eine Versorgung von ĂŒber 80 Prozent der Bevölkerung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen brachten sich viele Kooperativen in eine grĂ¶ĂŸere Struktur ein: Auf der unteren Skalenebene befanden sich die einzelnen produzierenden Betriebe der Moshavim und Kibbuzim. Diese gaben ihre Erzeugnisse an gemeinsame SekundĂ€rgenossenschaften: Die grĂ¶ĂŸte ihrer Art war »Tnuva«, 1926 als Zentralgenossenschaft gegrĂŒndet, die auch Weiterverarbeitungsfabriken unterhielt. Auf einer dritten Ebene schlossen sich Kibbuzim und Moshavim in InteressenverbĂ€nden zusammen. Diese dienten der politischen Vertretung und der internen Beratung in Sachen der Siedlungs- und Betriebsentwicklung, Erziehung und kulturellen Organisation.

Krise und Privatisierung

Durch den Zusammenschluss vieler Kooperativen war es möglich, große finanzielle Mittel zu akquirieren und Investitionen zu tĂ€tigen. Denn die Kooperativen gingen ĂŒber ihre SekundĂ€rgenossenschaften und VerbĂ€nde gemeinsame Haftungsverpflichtungen ein (»mutual liability & guaranty«). Viele Kooperativen hafteten also gemeinsam fĂŒr Kredite einzelner. Das erweiterte den Zugang zu finanziellen Mitteln und ermöglichte beispielsweise die Expansion von Kibbuzim in industrielle Branchen wie etwa die Plastikproduktion.

Das Kreditsystem erzeugte aber ebenso systematische Anreiz-Risiken, da die Gemeinschaft im Falle eines Scheiterns fĂŒr die einzelne Kooperative haften wĂŒrde (»moral hazard«). Im Zusammenspiel mit einer unzureichenden PrĂŒfung auf Seite der Banken bei der Kreditvergabe entwickelte sich eine verhĂ€ngnisvolle Schuldenkrise, als tatsĂ€chlich diverse investive Projekte von Kooperativen und SekundĂ€rgenossenschaften scheiterten und sich mit der Öl-Krise und Inflation am Ende der 1970er Jahre die politischen Rahmenbedingungen Ă€nderten.

Staat, Banken und Kooperativen erreichten zwar durch mehrere Schuldenschnitt-Vereinbarungen zwischen 1989 und 1996 den Erhalt vieler Kibbuzim und Moshavim. Jedoch beendete die Regierung danach die Subventionen, und die Strukturen verÀnderten sich nachhaltig: So wurden viele SekundÀrgenossenschaften zur Schuldentilgung privatisiert, Kibbuz-eigene AgrarflÀchen wurden in staatliches Bauland umgewandelt und das gemeinsame Haftungssystem der Kooperativen wurde aufgelöst. Dennoch existieren die Kibbuzim und Moshavim fort, wenn auch in weitaus weniger radikal-egalitÀrer und kooperativer Weise.

Von anderen lernen

Auch in Deutschland erleben wir derzeit ein Wachstum landwirtschaftlicher Kooperativen: Solidarische Landwirtschaften grĂŒnden sich seit 2010 vermehrt als eingetragene Genossenschaften im Eigentum von GĂ€rtner*innen und Verbrauchenden. Und unter dem Eindruck akuter Umweltbedrohungen und der Notwendigkeit einer ökologischen Transformation steigt auch medial und politisch die Wahrnehmung fĂŒr dieses neue Betriebsmodell. Mit dem Kartoffelkombinat in MĂŒnchen und der Kooperativen Landwirtschaft in Leipzig gibt es mittlerweile auch Einzelbetriebe, die ĂŒber 1.000 Haushalte wöchentlich mit Ernteanteilen versorgen. Die Bewegung wĂ€chst also. Wenn das Netzwerk Solawi-Genossenschaften sich in Zukunft erneut mit Verbandsbildung und SekundĂ€rgenossenschaften beschĂ€ftigen sollte, können derartige Erfahrungen aus anderen LĂ€ndern wertvolle Inspirationen erzeugen und Risiken aufzeigen.

Literatur:
Godenschweger & Vilmar (1990): Die rettende Kraft der Utopie, Luchterhand Literaturverlag
Rosenthal & Eiges (2014): Agricultural Cooperatives in Israel, Journal of Rural Cooperation 42 (1).
Kislev, Lerman & Zusam (1989): Credit Cooperatives in Israeli Agriculture, World Bank

Titelbild: »Nahalal« von Zeev Stein (https://tinyurl.com/yck6v24h, CC BY-SA 4.0)




Quelle: Contraste.org