September 7, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Was Utopien und Dystopien sind, ist nicht so leicht zu klĂ€ren. Viele verschiedene Begriffsbestimmungen konkurrieren, verschiedene Konzepte werden diskutiert und sind nĂŒtzlich, um unterschiedliche Aspekte des Utopischen zu beleuchten. Man muss sich unter ‚Utopie‘ und ‚Dystopie‘ also eher einen Diskurs, eine dauerhafte Diskussion um das, was die beiden Konzepte ausmacht, vorstellen denn feststehende Begriffe. Dass sie aber immer wieder diskutiert werden, zeigt auch, dass die beiden Konzepte wichtig sind. Es geht hier also darum, in KĂŒrze den historischen Diskurs des Utopischen und Dystopischen nachzuzeichnen und zu zeigen, was ihn so relevant macht und relevant hĂ€lt.

Das ideale Leben im ‚Anderswo‘

Vorstellungen vom idealen, schwer zu erreichenden, aber wĂŒnschenswerten Leben hat es schon immer gegeben. In der westlichen Kultur war hierfĂŒr lange Zeit das Christentum zustĂ€ndig, das das ideale Leben aber als Verlust des Paradieses entwarf und nur im Nachleben, also nach dem Tod im Himmelreich Gottes, die Heimkehr ins Paradies versprach – vorausgesetzt man fĂŒhrte ein gottgefĂ€lliges Leben. Damit war das Ideale zu einem mĂ€chtigen Instrument geworden, das den Menschen eine bestimmte LebensfĂŒhrung abzwang, die allein dazu fĂŒhren sollte, den Zugang zum Paradies zu gewĂ€hren.
Mit der Utopie Ă€nderte sich das, und es ist kein Zufall, dass Thomas Morus den Begriff 1516 mit seinem Roman De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia (Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia) prĂ€gte, zu einer Zeit also, als die Macht des Christentums zu bröckeln begann und die wir heute als Ende des Mittelalters und als Beginn der FrĂŒhen Neuzeit verstehen. Diese Zeitenwende ist bei Morus dadurch angelegt, dass das paradiesische Utopia nicht mehr im göttlichen Reich, sondern innerweltlich angelegt ist, also kein Versprechen auf Erlösung bei konformer LebensfĂŒhrung mehr beinhaltet. Morus entwirft stattdessen einen idealen, quasi-kommunistischen Staat auf der Insel Utopia und setzt damit die MaßstĂ€be fĂŒr das Utopische, die zum Teil bis heute gelten: Zum einen ist die Utopie an einen anderen Raum gekoppelt, ein Anderswo, das sich zum zweiten natĂŒrlich dadurch auszeichnet, dass es fiktiv, also erdacht, ist. Der Begriff ‚Utopie‘ bezeichnet genau dies: griechisch Îżáœ und Ï„ÏŒÏ€ÎżÏ‚, ‚nicht‘ und ‚Ort‘, Nicht-Ort, ein Ort also, der nicht existiert. Das Fiktive der Utopie ist zwar grundlegend fĂŒr den Begriff, bedeutet aber nicht, dass die Utopie nichts mit der RealitĂ€t zu tun hat. Schon Thomas Morus nutzt die Utopie zur kritischen Spiegelung der realen gesellschaftlichen ZustĂ€nde seiner Zeit, und so ist die Utopie von Beginn an eng mit dem Politischen, dem Kritischen und dem Wunsch nach realer VerĂ€nderung verbunden.

‚Anderswo‘ und ‚Anderswann‘

Mit dem 1771 erschienenen Roman L’An deux mille quatre cent quarante. RĂȘve s’il en fut jamais (Das Jahr 2440. Ein Traum aller TrĂ€ume) von Louis-SĂ©bastien Mercier verschiebt sich das Utopische von einer rĂ€umlichen zu einer zeitlichen Vision und wird dadurch noch stĂ€rker als etwas entworfen, das es in der Zukunft und fĂŒr die Zukunft zu realisieren gilt. Damit ist das Utopische endgĂŒltig im Raum des Politischen angekommen, indem es nun als Navigationsinstrument fĂŒr gegenwĂ€rtige Zukunftsgestaltung dient. Schnell entstehen politische Strömungen, die sich der Verwirklichung von Utopien widmen, z. B. die FrĂŒhsozialist:innen, die in England im frĂŒhen 19. Jahrhundert die ersten Gewerkschaften grĂŒndeten.
Zur gleichen Zeit etwa wurde der Begriff des Utopischen zum politischen Vorwurf, man könnte sagen zum Schimpfwort, indem er das Unrealistische, Unrealisierbare des politischen Entwurfs brandmarkte. Dieser Trend setzte schon frĂŒh auch innerhalb der sozialistischen Bewegungen ein und wurde spĂ€testens mit Friedrich Engels’ Schrift Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft (1880) zementiert. Damit wurde das Utopische dem Wissenschaftlichen gegenĂŒbergestellt, als unvereinbare Kategorien, die die Vertreter:innen der ersteren zu unrealistischen TrĂ€umenden, die der letzteren zu realistischen Zukunftsforschenden und -gestaltenden macht. Bis heute wird der Begriff der ‚Utopie‘ von selbsternannten Realpolitiker:innen ins Feld gefĂŒhrt, um Vorstellungen von einer besseren Zukunft (wie auch immer diese dann konkret aussehen) den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Das Ausflaggen des Marxismus als ‚wissenschaftliche‘ Theorie war eine Reaktion auf diesen Vorwurf, diskreditierte das Utopische aber zusĂ€tzlich. Doch der Erfolg gab seinen AnhĂ€n-ger:innen Recht. Der Marxismus setzte sich als einflussreichste ‚linke‘ Ideologie durch und verdrĂ€ngte damit den ebenfalls als ‚idealistisch‘ oder ‚utopistisch‘ gebrandmarkten Anarchismus um Michail Bakunin. Das Utopische war damit erst einmal vom Tisch.

Dystopische Schreckensvisionen

Stattdessen erhielten zwei andere Formen des ZukĂŒnftigen Aufwind: das Szenario und die Dystopie. WĂ€hrend das Szenario auf der Basis realer Daten Trends berechnet und bestimmte EventualitĂ€ten durchspielt und so mit dem Realen, weniger mit dem Idealen im Bunde steht, ist die Dystopie der Gegenbegriff zur Utopie: ein Schreckensentwurf, eine negative Utopie. Doch schon der Begriff Dystopie macht deutlich, dass sich Dystopie und Utopie eher wie zwei Seiten einer Medaille zueinander verhalten. Die griechische Vorsilbe ÎŽÏ…Ï‚ bedeutet nĂ€mlich ‚un-‘. Wenn aus dem Nicht-Ort ein Un-Ort wird, zeigt das an, dass es sich zwar nicht mehr um ein Ideal, nicht mehr um etwas WĂŒnschenswertes handelt, aber doch bestimmte Aspekte zutreffen, die vom Utopischen schon bekannt sind: Vor allem das Fiktive und die örtliche Lokalisierung bleiben im Begriff bestehen. Ebenso teilen sich Utopie und Dystopie die Funktion, gegenwĂ€rtige gesellschaftliche Prozesse kritisch zu spiegeln. So lĂ€sst sich die vermutlich bekannteste Dystopie, George Orwells Nineteen Eighty-Four (dt. 1984, im Jahr 1949 erschienen), als dĂŒstere Prognose der sozialistischen StaatsĂŒberwachung ‚hinter‘ (aus Orwells Perspektive) dem Eisernen Vorhang lesen. Die prophetische Kraft dieses Romans ist im Nachhinein erschreckend, zumal Orwell nicht nur die repressive Gewalt von sich als ‚sozialistisch‘ bezeichnenden Diktaturen sehr frĂŒh erkannte, sondern auch schon den Einsatz von Technologien zur Überwachung von Einzelpersonen in ihrer privaten Umgebung vorhersah. Dystopien dienen also einem Ă€hnlichen Zweck wie Utopien, indem sie kritisch Bezug auf als negativ wahrgenommene VorgĂ€nge in der Gegenwart nehmen. Dabei entwirft die Utopie eine positive Alternative, wĂ€hrend die Dystopie gegenwĂ€rtige Prozesse weiterdenkt und als Warnung fungiert.
Es ist nicht unbedingt erstaunlich, dass die Utopie mit den 1968ern wieder an Prominenz gewann. Mit den Studierendenbewegungen und der zunehmenden Politisierung der Post-Adenauer-Gesellschaft wurden alternative LebensentwĂŒrfe diskutiert, die den Kapitalismus, das Patriarchat und das spießbĂŒrgerliche Leben infrage stellten. Da fiel Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung (1954 in der DDR, ab 1959 in der BRD erschienen) wie warmer Regen auf trockenen Boden. Bloch verlagert die Utopie in die Gegenwart – als Vorschein, als konkrete Utopie, die der aufmerksame Geist, das ‚utopische Bewußtsein‘, wie es bei ihm heißt, aus dem GegenwĂ€rtigen herauslesen und produktiv machen kann. Hier sieht er vor allem das Feld der KĂŒnste als Labor des ZukĂŒnftigen am Werk, das kĂŒnstlerische Genie, vor allem in der Musik, aber auch die Zuhörenden und Zuschauenden, die in der Kunst auf den Vorschein des Idealen stoßen, als wirkmĂ€chtige Akteur:innen. Wichtig ist, dass bei Bloch das Utopische kein Un-Ort oder Nicht-Ort, keine unrealisierbare Zukunftsvision mehr ist, sondern eine TĂ€tigkeit kritisch denkender Menschen im Hier und Jetzt – und zwar aller Menschen, nicht nur der Philosoph:innen und Literat:innen. Das ist eine so fundamentale Verschiebung des Utopischen, dass Blochs Werk als Meilenstein des Diskurses ums Utopische zu verstehen ist. Dabei greift schon Bloch auf einen wirkmĂ€chtigen VorgĂ€nger zurĂŒck, Karl Mannheim, der den berĂŒhmten Satz formulierte: „Utopisch ist ein Bewußtsein, das sich mit dem es umgebenden ‚Sein‘ nicht in Deckung befindet”. (1) Dieser Satz ist zentral fĂŒr das VerstĂ€ndnis vom Utopischen als denkender TĂ€tigkeit und unterstreicht noch einmal die politische Ausrichtung des Utopischen (und auch Dystopischen) als Einspruch gegen die Wirklichkeit der Gegenwart.

Retrotopie und Katastrophe

Der Diskurs um das Utopische, den ich hier versucht habe in aller KĂŒrze und ohne Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit zu skizzieren, ist mit Blochs wirkmĂ€chtigem Prinzip Hoffnung noch lĂ€ngst nicht beendet. Erst kĂŒrzlich entwarf Zygmunt Bauman einen neuen Begriff, die ‚Retrotopie‘, die er gegenwĂ€rtig als Prinzip der Zukunftsmodellierung beobachtet – problematischerweise. Denn in Retrotopien, so Bauman, ist eine Nostalgie am Werk, die eine so nie vorhanden gewesene Vergangenheit als Ideal in die Zukunft projiziert. Diese rĂŒckwĂ€rtsgerichtete Utopie, die in der Illusion einer idealen Vergangenheit ein Versprechen von Gemeinschaft, Halt und Sicherheit fĂŒr eine immer unsicherer werdende Zukunft sucht, fungiert vor allem als Triebfeder ‚rechter‘ Ideologien. Die Unsicherheit unserer Zukunft, das beobachtet auch Eva Horn, fĂŒhrt dazu, dass in Romanen, Filmen etc. das ZukĂŒnftige als Katastrophe modelliert wird, was sie – traurigerweise wohl zu Recht – als Szenarien, nicht als Dystopien, deutet.
An dieser sehr kurzen Geschichte des utopischen bzw. dystopischen Denkens kann gesehen werden, dass das Utopische und Dystopische Formen der kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart sind, TĂ€tigkeiten, die auf die Verbesserung der RealitĂ€t ausgerichtet sind und damit gerade nicht ‚utopisch‘ im negativen Sinne als Ausdruck von grundsĂ€tzlicher Unrealisierbarkeit. Was utopisch, also wĂŒnschenswert, oder dystopisch ist, ist dabei abhĂ€ngig von den Akteur:innen, die diese Vorstellungen entwerfen. Wir brauchen also unsere Utopien und Dystopien, damit wir denen von anderen, z. B. den Retrotopien, etwas entgegenhalten können. Diese Notwendigkeit zum utopischen Denken erklĂ€rt die anhaltende Diskussion um dessen AusprĂ€gungen und Formen.




Quelle: Graswurzel.net