August 3, 2021
Von InfoRiot
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Anklage zugelassen

Ehemaligem KZ-Wachmann wird vor dem Landgericht Neuruppin Prozess gemacht

02.08.21 | 14:58 Uhr

Ein HundertjÀhriger muss sich wegen Beihilfe zum Mord in 3.518 FÀllen vor dem Landgericht Neuruppin verantworten. Ab Oktober soll dem ehemaligen Wachmann des KZ Sachsenhausen der Prozess gemacht werden. Er ist aber nur begrenzt verhandlungsfÀhig.

Fast acht Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs kommt es erneut zu einem NS-Prozess. Ein ehemaliger Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen muss sich ab Anfang Oktober vor Gericht verantworten. Das Landgericht Neuruppin habe die Anklage zugelassen und ein medizinisches Gutachten die VerhandlungsfÀhigkeit des inzwischen HundertjÀhrigen bejaht, teilte Gerichtssprecherin Iris de Claire am Montag mit.

Zuvor hatte die “Welt am Sonntag” berichtet. Der Beschuldigte soll fĂŒr zwei bis zweieinhalb Stunden am Tag verhandlungsfĂ€hig sein, sagte GerichtsprĂ€sident Frank Stark der Zeitung. Nach einem Bericht des NDR aus dem FrĂŒhjahr lebt der HundertjĂ€hrige in Brandenburg.

Der ehemalige SS-Wachmann soll laut Anklage der Staatsanwaltschaft durch seine TĂ€tigkeit im Hauptlager des ehemaligen KZ von 1942 bis Februar 1945 wissentlich und willentlich Hilfe zur grausamen und heimtĂŒckischen Ermordung von Lagerinsassen geleistet haben. Dabei soll es unter anderem um die Erschießung von sowjetischen Kriegsgefangenen im Jahr 1942 und Beihilfe zur Ermordung von HĂ€ftlingen mit dem Giftgas Zyklon B gegangen sein. Angeklagt ist Beihilfe zum Mord in 3.518 FĂ€llen.

Wachdienst in Vernichtungslagern gilt als Beihilfe zum Mord

Eine Strafverfolgung wegen NS-Verbrechen ist in Deutschland nur noch wegen Mordes oder Beihilfe dazu möglich, andere denkbare VorwĂŒrfe wie Freiheitsberaubung oder Körperverletzung sind verjĂ€hrt. Der Wachdienst in einem NS-Konzentrationslager allein reicht nicht aus. Nur bei Todes- und Vernichtungslagern, deren Zweck die systematische Tötung sĂ€mtlicher Gefangener war, gilt nach deutscher Rechtsprechung bereits die Zugehörigkeit zur Wachmannschaft auch ohne konkretere Tatnachweise als Mordbeihilfe.

Das KZ Sachsenhausen bei Oranienburg (Oberhavel) war auch ein Vernichtungslager, in dem Tausende sowjetische Soldaten sytematisch exekutiert wurden und Experimente mit Vergasungen stattfanden [sachsenhausen-sbg.de]. Es wurde 1936 in Betrieb genommen. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 22. April 1945 waren dort mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende starben durch Krankheit oder wurden ermordet. Etwa 30.000 Menschen starben auf TodesmÀrschen kurz vor Kriegsende.

Sendung: Inforadio, 01.08.2021, 10:20 Uhr




Quelle: Inforiot.de