November 23, 2020
Von Emrawi
350 ansichten


1., „WĂ€re im Sozialbereich so viel getestet worden wie im Profisport, wĂ€re uns der Lockdown erspart geblieben,“ so der durchwegs treffende Kommentar eines Kollegen. Aber hey, der Sozialbereich schafft ja keinen Mehrwert, deswegen ist Geld, dass da investiert wird, ja auch verloren – so das Credo des Kapitalismus neoliberaler PrĂ€gung. Der schlug unter dem Namen der „neuen RealitĂ€t“ nach dem Ende der ersten Welle wieder voll zu. Die unsichtbare Hand des Marktes regelt alles. Deswegen braucht es möglichst wenig Staat. Selbst die Pandemie hat daran wenig geĂ€ndert. Der Staat soll das FĂŒllhorn ĂŒber die armen, in Not geratenen Unternehmen ausschĂŒtten – mehr aber auch nicht.

Besonders deutlich wurde das in den Vorbereitungen des Bildungsbereiches: Die guten RatschlĂ€ge, LĂŒften und möglichst Unterricht draußen, haben den Vorteil, dass sie nichts kosten. Jede weitergehende PrĂ€ventionsmaßnahmen wie das Anmieten grĂ¶ĂŸerer RĂ€ume, kleinere Klassen oder selbst der Ankauf von Luftfilteranlagen scheiterte an den Kosten. Ähnlich sieht es im Sozialbereich aus: Trotz leerer Hotels, trotz des Wissens um die Gefahr von Massenquartieren hat sich an der Situation von Refugees und Obdachlosen nichts geĂ€ndert. Nach wie vor gibt es Quartiere, wo hundert und mehr Leute schlafen mĂŒssen, nach wie vor gibt es SchlafsĂ€le, wo Abstand halten illusorisch ist. Es verwundert nicht, dass es dort immer wieder zu Corona-AusbrĂŒchen kommt.

Weitaus am tragischsten ist die Lage in den Pflegeheimen. Vor Corona waren es Orte des Absonderung. Unsere junge, hippe, mobile, liberale Gesellschaft wollte nicht den Problemen der Alten konfrontiert werden. Doch wĂ€hrend der ersten Welle galt es plötzlich solidarisch zu sein mit den Alten, mit den Schwachen. Doch kam war die unmittelbare Gefahr vorbei, wurden sie wieder vergessen. Jetzt, mitten in der zweiten Welle, werden wir wieder aufgerufen, solidarisch zu sein. Die HĂ€lfte der Toten sind aktuell Insass*innen von Pflegeheimen. Sie dĂŒrfen vergessen werden, sie dĂŒrfen schlecht gepflegt werden, aber eine schlechte PR – und viele Tote sind nun mal eine schlechte PR – dĂŒrfen sie nicht machen. Die Aussicht ist klar: Jetzt wird um ihr Leben gerungen, danach werden sie wieder aus dem GedĂ€chtnis der Gesellschaft entfernt – mit den bekannten Folgen.

2., Symptomatisch mit dem Umgang ist die Farce rund um die Sonderbetreuungszeit. Zur Erinnerung: Es war vor allem die Wirtschaft, die die Schulen unbedingt offen halten wollte. Sie hatte Angst, dass so viele Eltern/Betreuende nicht mehr in die Arbeit kommen wĂŒrden. Immerhin hatte die Regierung erst vor kurzem eine Sonderbetreuungszeit beschlossen, die im Falle von Schulschließungen könnten Eltern/Betreuende ihre Kinder zu Hause betreuen. Es kam, wie kommen musste, Die Schulen schlossen, die Sonderbetreuungszeit gibt es aber nicht. Das Schlupfloch: Eine Betreuung in den Schulen ist weiterhin möglich, sie sind also gleichzeitig offen und geschlossen. Die Eltern/Betreuenden mĂŒssen nun einmal mehr zum Wohle der Wirtschaft zaubern lernen: Arbeiten, Kinderbetreuung, Ersatzlehrer*in spielen, und das Ganze ohne die (legale) Möglichkeit, Freund*innen zu treffen oder mal bei einem Bier außerhalb auszuspannen. Mensch merkt hier den Wert des Menschen ganz klar.

3., Und ĂŒberhaupt, was soll der ganze Scheiß? „Jeder Kontakt ist ein Kontakt zu viel.“ Das ist das Credo eines Psychopathen, vor kurzem feuchter Wunschtraum der Neoliberalen (Remember Margaret Thatcher: „ There is no such thing as society“) jetzt offizielle Linie der PandemiebekĂ€mpfung. Dass der Mensch ein soziales Wesen ist, dass es auch und gerade in Krisenzeiten Begegnungen braucht, dass es die Möglichkeit sicherer Kontakte (draussen, mit Abstand) wird ignoriert. Ignoriert wird auch die Wissenschaft. Laut momentanen Stand ist Frischluft das beste Mittel gegen Aerosolkonzentration, und dadurch gegen Ansteckung. Der Rat mĂŒsste eigentlich jetzt lauten: „Leute, geht möglichst viel raus!“ und nicht „Sperrt euch zu Hause ein!“

So, mein Rant endet hier. Zum Schluss hab ich noch zwei kleine Bitten, die zwar phrasenhaft sind, aber ehrlich gemeint sind (und die natĂŒrlich zusammenhĂ€ngen)



Passt aufeinander auf!

Lasst uns das System stĂŒrzen!




Quelle: Emrawi.org