Februar 8, 2022
Von InfoRiot
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Potsdam – Am gestrigen 7. und heutigen 8. Februar jährt sich der Todesmarsch von KZ-Häftlingen durch Potsdam. 1945 mussten sie vom Außenlager Lieberose zum Stammlager Sachsenhausen marschieren, viele von ihnen kamen dabei ums Leben. Unter ihnen waren zahlreiche Zwangsarbeiter:innen, weshalb eine Gruppe von Potsdamer:innen nun diesen Jahrestag zum Anlass genommen hat, auf ein vergessenes Kapitel der NS-Verbrechen in Potsdam aufmerksam zu machen: Die Zwangsarbeit, insbesondere in den Arado-Flugzeugwerken in Babelsberg.

Die „AG Geschichtsprojekt Freiland“ plant, auf dem soziokulturellem Freiland-Gelände einen zentralen Erinnerungsort zu schaffen, da es bislang so gut wie kein Gedenken an die Zwangsarbeit in Potsdam gebe. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Bronze-Skulptur „Befreiung“ des Bildhauers Jürgen Raue. Sie steht am Eingang des Freilands und ist Zwangsarbeiter:innen und sowjetischen Kriegsgefangenen gewidmet. 

Dort, wo heute das Freiland ist, befanden sich während des Zweiten Weltkriegs die Hauptverwaltung der Arado Flugzeugwerke GmbH und eine Produktionsstätte des Konzerns. „Auch hier mussten Tausende Menschen aus verschiedenen Ländern Zwangsarbeit für den Arado-Rüstungsbetrieb leisten, die werkseigenen Lager für Zwangsarbeiter:innen gehörten mit zu den größten in der Stadt Potsdam und befanden sich in unmittelbarer Nähe“, heißt es von der AG Geschichtsprojekt.

Wie der Gedenkort aussehen soll, ist noch unklar

Ein Großteil der Zwangsarbeiter:innen kam aus der Sowjetunion, insbesondere der Ukraine, sowie aus den Niederlanden. Laut der Historikerin Almuth Püschel, die das Thema in ihrem Buch „Zwangsarbeit in Potsdam“ erstmals umfassend beleuchtet hatte, mussten allein 1944 über 18.000 Zwangsarbeiter:innen in beinahe allen Potsdamer Betrieben schuften. Dazu gehörten die Arado-Werke, die Firma Orenstein & Koppel, Sägewerke und Gärtnereien, aber auch kirchliche Einrichtungen wie die Hoffbauerstiftung, das Oberlinhaus und das St. Josefs-Krankenhaus.

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Die AG Geschichtsprojekt besteht aus acht Potsdamer:innen, darunter Lehrer:innen und Geschichtsstudent:innen, die im vergangenen Sommer auf dem Freiland zusammengefunden hatten. Wie der Gedenkort künftig aussehen soll, ist noch unklar: „Das hängt von dem Material ab, das wir finden“, sagt Hannes Richter von der AG, der als selbstständiger Dokumentarfilmer arbeitet. 

Über die sozialen Medien hat die Initiative einen Aufruf an alle Potsdamer:innen gestartet, die entweder Zeitzeug:innen waren oder noch Fotos, Dokumente oder Filme besitzen, die über die Zwangsarbeit in den Arado-Werken Aufschluss geben. „Vielleicht findet sich ja etwas in den Familienalben, auf dem Dachboden, im Keller oder in den Schränken“, sagt Richter. Die AG recherchiert zudem in den Stadtarchiven und hat Kontakt zu Opferverbänden in den betroffenen Ländern aufgenommen. Erste Ergebnisse sind für 2023 erwartet. 

Die AG ist unter der E-Mail-Adresse [email protected] oder unter Tel.: 0157 74455857 erreichbar.




Quelle: Inforiot.de