Juni 8, 2021
Von End Of Road
134 ansichten


Ein Polizeidirektor behauptet, sogenannte Mantrailer könnten Duftspuren auch nach Monaten noch sicher verfolgen. Die Uni Leipzig verlieh ihm dafĂŒr den Doktortitel. Andere halten den Mann fĂŒr einen Hochstapler. 

 

FĂŒr den Polizeidirektor Leif Woidtke könnte es kaum besser laufen. In den vergangenen Jahren entwickelte sich der Kriminalist aus Sachsen zu einem regionalen Medienstar. Stolz erklĂ€rt er Journalisten, welche Wunderdinge die Suchhunde vollbringen, mit denen er ermittelt.

Gerichte geben bei ihm immer wieder Gutachten in Auftrag; Woidtke behauptet, dass die sogenannten Mantrailer der sĂ€chsischen Polizei in der Lage seien, GerĂŒche einzelner Personen an einem Tatort auch noch sechs oder gar zwölf Monate nach einer Tat zu wittern – was etwa helfen könne, die Spur zu TĂ€tern oder Vermissten zu finden.

Im vergangenen Oktober wurde dem Polizisten aufgrund seiner Forschung mit den vierbeinigen SpĂŒrnasen gar am Institut fĂŒr Rechtsmedizin der UniversitĂ€t Leipzig der Doktortitel verliehen.

Alles bestens – wĂ€re da nicht Kai-Uwe Goss, Chef der Abteilung fĂŒr Analytische Umweltchemie am Helmholtz-Zentrum fĂŒr Umweltforschung in Leipzig. Der Wissenschaftler hĂ€lt Woidtke fĂŒr einen gefĂ€hrlichen Hochstapler.

Hunde, die DNA riechen können? Unsinn!

Die mithilfe der Hunde gewonnenen Ermittlungsergebnisse seien zweifelhaft, so Goss, und könnten unschuldige Menschen hinter Gitter bringen. Er glaubt, dass Woidtke seine Studie, die ihm die DoktorwĂŒrde einbrachte, mit fragwĂŒrdigen Testergebnissen unterfĂŒttert hat.

Schon einmal hat Goss die Hundetrainer um Woidtke bei einer hanebĂŒchenen Übertreibung ertappt. Im Januar 2018 vermeldete die Polizei Sachsen unter anderem auf Twitter eine scheinbare Sensation: »Können Mantrailer Hunde DNA riechen? Ja sie können!« Goss, der seit Jahrzehnten das Verhalten von GeruchsmolekĂŒlen in Luft und Boden erforscht, entlarvte die Erfolgsmeldung als Unsinn. Hundenasen seien in keiner Weise darauf ausgelegt, DNA-StrĂ€nge zu sequenzieren.

Doch Woidtke ließ sich davon nicht beirren. In der rechtsmedizinischen Fachzeitschrift »Forensic Science International« (»FSI«) veröffentlichte er neue, scheinbar bahnbrechende Forschungsergebnisse – diese Studie brachte ihm schließlich die DoktorwĂŒrde ein. Der Polizeidirektor behauptet darin, nachweisen zu können, dass Mantrailer-Hunde die Geruchsspur von TĂ€tern oder Vermissten am Boden des Tatorts wahrnehmen können – und das womöglich noch nach Monaten.

Doch diese vermeintliche FĂ€higkeit der Suchhunde wird von Fachleuten bezweifelt. Nach Ansicht der polizeilichen Arbeitsgruppe fĂŒr PersonenspĂŒrhunde liegt die Obergrenze fĂŒr erschnĂŒffelbare individuelle Geruchsspuren von Menschen bei rund 36 Stunden. Um einen lebenden Menschen aufzuspĂŒren, mĂŒssten Mantrailer ein ganzes Bouquet verschiedener GerĂŒche erkennen. Diese Geruchsinformationen befinden sich in der Regel auf Hautschuppen, auf denen unzĂ€hlige Bakterien chemische Stoffe bilden, aus deren Zusammensetzung der spezifische Geruch eines einzelnen Menschen entsteht. Bei trockenem Wetter können solche Spuren schon innerhalb einer Stunde unbrauchbar werden.

Vernichtendes Zeugnis

Sind die angeblichen Leistungen von Sachsens Suchhunden also ein Hirngespinst? Vor Gericht erweisen sich deren Dienste jedenfalls immer wieder als kaum belastbar. In Dresden etwa waren im vergangenen September zwei MĂ€nner nach BrandanschlĂ€gen auf eine Baufirma und den Neubau der Justizvollzugsanstalt Zwickau in Haft geraten; Polizeihunde hatten angeblich die FĂ€hrte der VerdĂ€chtigen an einem nicht gezĂŒndeten Brandsatz aufgenommen. Das Gericht sah dieses Indiz jedoch als nicht ausreichend an, die MĂ€nner wurden nach wenigen Wochen aus der Untersuchungshaft entlassen.

Im Fall eines Mannes, der im Verdacht stand, in Brandenburg mehrere Geldautomaten aufgesprengt zu haben, ermittelten im Jahr 2017 Woidtkes Hunde Hermine und Hippie und sammelten vermeintlich belastende Indizien gegen den Angeklagten. WĂ€hrend des Verfahrens hatte die Strafkammer als SachverstĂ€ndige sowohl Woidtke als auch Goss gehört. Der Argumentation des sĂ€chsischen Polizeidirektors stellten die Richter anschließend ein vernichtendes Zeugnis aus.

»Dass ein Hund in der Lage sein soll, nach fast einem Jahr noch eine Geruchsspur eines Menschen auszuarbeiten, die im Freien ungeschĂŒtzt der Witterung von nahezu vier vollen Jahreszeiten ausgesetzt war und unmittelbar an einer viel befahrenen Bundesstraße innerörtlich beiderseits entlang derselben fĂŒhren soll, ist der Kammer nach allem Gesagten schon grundsĂ€tzlich nicht mehr nachvollziehbar«, konstatierten die Richter in der UrteilsbegrĂŒndung. Der Beschuldigte wurde im MĂ€rz 2020 freigesprochen.

In der Studie von Polizeidirektor Woidtke stieß Goss nun zudem auf eine statistische Ungereimtheit, welche die Aussagekraft der SchnĂŒffelarbeit grundsĂ€tzlich in Zweifel zieht. Woidtke hatte 675 Geruchstests mit SpĂŒrhunden durchfĂŒhren lassen. In den Versuchen mussten die Tiere die FĂ€hrte eines Menschen aufnehmen, die von einem fiktiven Tatort stammte. Vor jedem Testgang musste der jeweilige HundefĂŒhrer aus drei verschiedenen Möglichkeiten eine Geruchsprobe auswĂ€hlen. Der Zufall entschied: Zwei der Proben, die zur Auswahl standen, stammten von dem Testtatort; die dritte Probe gehörte hingegen zu einer Person, die sich gar nicht am fiktiven Tatort aufgehalten hatte – ein sogenanntes Negativ.

Laut Woidtkes Studie irrten sich die Polizeihunde nur in höchstens fĂŒnf Prozent der FĂ€lle, was ein Beweis fĂŒr die außergewöhnlichen FĂ€higkeiten der SchnĂŒffler wĂ€re. Doch Goss fiel auf: Nicht bei jedem dritten, sondern angeblich nur bei knapp jedem vierten SchnĂŒffeltest hatten die HundefĂŒhrer eine Negativprobe gezogen – ein extrem unwahrscheinlicher Zufall. Die Chance dafĂŒr, 158 oder weniger Negativproben zu ziehen, liege, so Goss, bei 1 zu 88 Millionen.

Misslungene Farbcodierung bei Geruchsproben

Sein Verdacht: Woidtke habe Dutzende Proben, die nicht von dem fiktiven Tatort stammten und bei denen die Hunde dennoch fĂ€lschlicherweise die FĂ€hrte aufnahmen, einfach unterschlagen. Durch diese Manipulation habe er die Treffsicherheit seiner Hunde kĂŒnstlich erhöht.

Nachdem Goss der Fachzeitschrift »FSI« seine Bedenken mitgeteilt hatte, forderte die Redaktion von Woidtke und seinen beiden Co-Autoren jenes Datenmaterial zur Analyse an, auf dem die Studie basiert. Woidtke verteidigt sich, er habe »einer unabhĂ€ngigen Re-Evaluation der Studienergebnisse nie widersprochen, sondern die komplette Datengrundlage der Studie dem FSI zur Veröffentlichung ĂŒberlassen«.

Das wiederum wird jedoch von den Herausgebern der Fachzeitschrift bestritten. Sie warnen nun sogar ausdrĂŒcklich vor der Nutzung der Studienergebnisse, »insbesondere in der forensischen Fallarbeit«.

Inzwischen geriet die Hundestudie aus Sachsen auch ins Visier des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Deren Vertreter finden, »dass die UniversitÀt sich der Sache dringend annehmen sollte«.

TatsĂ€chlich wusste die UniversitĂ€t Leipzig bereits vor der Verleihung der akademischen WĂŒrde an Woidtke von den wissenschaftlichen EinwĂ€nden gegen seine Forschungsarbeit. Der Ombudsmann der UniversitĂ€t kam zwar zu dem Schluss, dass die Studie methodische MĂ€ngel aufweise. Doch weder die Fachgutachter noch der Ombudsmann konnten eine absichtliche TĂ€uschung erkennen.

Autor Woidtke behauptet, etwaige Unstimmigkeiten in der Statistik seiner Studie seien vermutlich auf eine misslungene Farbcodierung bei den Geruchsproben zurĂŒckzufĂŒhren. GegenĂŒber dem SPIEGEL erklĂ€rte er: »Der Verdacht auf Datenmanipulation wurde durch nachtrĂ€gliche unabhĂ€ngige statistische Auswertungen widerlegt.«

Diese nachtrĂ€gliche Auswertung ĂŒbernahm ein Biometriker der UniversitĂ€t Leipzig, der die statistischen Unstimmigkeiten in Woidtkes Studie untersucht hat. Sein Urteil fĂ€llt allerdings deutlich skeptischer aus, als Woidtke dies im Nachhinein offenbar zugeben mag: »Anhand der Daten lĂ€sst sich leider nicht klĂ€ren, warum der Anteil der ausgewĂ€hlten negativen Proben ĂŒberzufĂ€llig niedrig ist.«

Auf Anfrage des SPIEGEL teilte die UniversitĂ€t Leipzig jetzt ĂŒberraschend mit, dass sich ihre StĂ€ndige Kommission zur Untersuchung von VorwĂŒrfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens erneut mit Woidtkes Forschung beschĂ€ftigen wolle.

Kritiker Goss reicht das nicht mehr aus: »Wenn es nach der UniversitĂ€t geht, gibt es womöglich nur einen â€șFall Woidtkeâ€č – aber inzwischen ist die UniversitĂ€t Leipzig selbst zu einem Fall geworden. Und der muss von einem unabhĂ€ngigen Gremium außerhalb der UniversitĂ€t untersucht werden.«




Quelle: Endofroad.blackblogs.org