September 7, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Im Folgenden veröffentlichen wir einen subjektiven Bericht ĂŒber die Teilnahme an der Friedensdelegation #Delegation4Peace in der Autonomen Region Kurdistan. Über die Reise nach Irakisch-Kurdistan, die EindrĂŒcke vor Ort ebenso wie ĂŒber die Repression, die die Delegationsteilnehmer_innen bei ihrer RĂŒckkehr nach Deutschland erfahren haben, schreibt fĂŒr die GWR Delegationsteilnehmer und Mitglied des Internationalen Komitees der Freien Arbeiter*innen Union (FAU) Steff Brenner. (GWR-Red.)

Mitte Juni 2021. Wir fahren durch die Berge der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Unsere Busse sind voller Internationalist_innen. Das Rattern der Motoren mischt sich mit dem Hupen ĂŒberholender Pickups, dem Klicken von Kameras, Sprachfetzen angeregter Diskussion auf Englisch, Deutsch, Kurmandschi und Französisch. Die Busse winden sich die steilen Schotterstraßen des Zagros-Gebirges (ÇiyayĂȘn ZagrosĂȘ) hinauf, wir sind keine 20 Kilometer von der Front entfernt. Als Gewerkschafter_innen der Freien Arbeiter*innen Union (FAU) sind wir Teil einer internationalen Delegation zur UnterstĂŒtzung der kommunalistischen Bewegungen der Region und zum Protest gegen einen drohenden tĂŒrkischen Invasionskrieg im Nordirak. Unsere heterogene Delegation soll auf ĂŒber 150 Vertreter_innen verschiedenster Organisationen, Parteien, Gewerkschaften und Medien aus ĂŒber 20 LĂ€ndern anwachsen. Wir sollen uns mit Vertreter_innen von Parteien und Zivilgesellschaft, aber auch mit GeflĂŒchteten und Kriegsopfern treffen. Ziel ist es, einen Eindruck von der Lage in der Autonomen Region Kurdistan zu bekommen, wo seit dem 24. April 2021 (Jahrestag des tĂŒrkischen Völkermords an den Armenier_innen) eine groß angelegte tĂŒrkische MilitĂ€roffensive begonnen hat. Offiziell gilt diese der Niederschlagung der PKK im Zagros-Gebirge, viele Beobachter_innen befĂŒrchten indes darĂŒber hinaus eine dauerhafte tĂŒrkische Besetzung, Vertreibungs- und Umsiedlungspolitik in den attackierten Gebieten.

Blick zurĂŒck

2012: Mit ĂŒber 25 Freund_innen sind wir auf dem anarchistischen Weltkongress in St. Imier (Schweiz). In diesem Schmelztiegel libertĂ€rer Bewegungen macht eine Nachricht die Runde: Die kurdische PKK, verknĂŒpft mit parteiinternen MachtkĂ€mpfen und SĂ€uberungen, habe eine Kehrtwende gemacht. Von einer marxistisch-leninistischen Kaderpartei soll sie sich den anarchistischen Ideen des Anarcho-Kommunismus und Kommunalismus angenĂ€hert haben. LangjĂ€hrige Freund_innen, exilierte Anarchist_innen aus der TĂŒrkei, bestĂ€tigen, dass sich die Entwicklung schon mehrere Jahre vollziehe und dass die kommunalistisch-kurdische Bewegung mittlerweile grĂ¶ĂŸere Teile Nordsyriens und auch Teile der TĂŒrkei unter Kontrolle halte.
Zu Hause beginne ich zu recherchieren. Ein paar Artikel im Internet geben sehr unterschiedliche EinschÀtzungen.

Zwei Jahre spĂ€ter: Die nordsyrische Stadt KobanĂȘ wird vom Daesh („Islamischer Staat“, IS) bedrĂ€ngt. In meiner Stadt kommt es am 10. Oktober 2014 zu einer ersten großen Demonstration. FĂŒr viele der aufgetauchten deutschstĂ€mmigen Linken ist es der erste Kontakt mit den kurdischen Genoss_innen der Stadt. Wir sind verblĂŒfft und berĂŒhrt von der Masse und der Stimmung der Demonstration. (1)
Wie mir ging es vielen in und außerhalb unserer Gewerkschaftsbewegung. Wir begannen Reportagen, EinschĂ€tzungen und Dokus zu sichten und uns ein Bild von der Situation zu machen. Gleichzeitig wurde die Bewegung durch ihren erfolgreichen Bodenkampf gegen den Daesh weltberĂŒhmt, Rojava ein Schlagwort, welches vielen Menschen auch außerhalb der linken Bewegung ein Begriff wurde.

Daneben hielten uns als ostdeutsche Linke in dieser Zeit aber v. a. auch lokale Geschehnisse auf Trab: Die Zahl rechter AnschlĂ€ge und Gewalttaten schoss in die Höhe, weit ĂŒber ein Jahr waren 35 rechtsradikale Demonstrationen pro Woche (!) in Sachsen keine Seltenheit. Meine Genoss_innen und ich fuhren mehrmals die Woche los, vor irgendeine GeflĂŒchteten-Unterkunft, wo wir mit den Betroffenen, nur mit ein paar Fahnenstangen und Pfefferspray bewaffnet, notdĂŒrftig den Selbstschutz gegen einen besser bewaffneten und weit grĂ¶ĂŸeren rechten Mob organisierten. Heidenau, Freital, Bautzen, Dresden und Clausnitz sind nur einige der Ortsnamen, die uns zu dieser Zeit mehr im Ohr klangen als KobanĂȘ, DirbĂȘsiyĂȘ, QamiƟlo oder AfrĂźn. (2)
Gerade in dieser Zeit lernten wir immer wieder Menschen kennen, die vor Ort gewesen waren, die in uns ein differenzierteres Bild von den gesellschaftlichen Dynamiken entstehen ließen, die sich im Nord-Osten Syriens und wenig spĂ€ter auch im Sindschar-Gebirge (ÇiyayĂȘ ƞingal) abspielten.

Eigene Verantwortung

In den Jahren 2016 und 2017 beschĂ€ftigten wir uns in unserem Syndikat (lokale Gewerkschaft der FAU) intensiv mit der bevorstehenden GrĂŒndung unserer neuen Gewerkschaftsinternationale, der Internationalen Konföderation der Arbeiter_innen, (3) und im Zuge dessen auch mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der zapatistischen, kommunalistischen und syndikalistischen Bewegungen. Diese drei Strömungen versuchen gerade, mit libertĂ€r orientierten Konzepten Tausende von Menschen zu organisieren und sich dabei weltweit mit anderen Bewegungen zu koordinieren.
Ein großes Problem fĂŒr die kommunalistischen Bewegungen in der TĂŒrkei, in Nord-Ost-Syrien, im Iran und Nordirak ist, dass ihnen internationale Aufmerksamkeit meist nur wĂ€hrend akuter Kriegszeiten zuteilwurde und -wird. Ich war da leider zunĂ€chst keine Ausnahme. Mit dem 19. Januar 2018 sah sich die Revolution in Nord-Ost-Syrien einer neuerlichen tĂŒrkischen Invasion gegenĂŒber. Anders als bei vorherigen Konflikten nahm ich diesmal sehr aktiv an der SolidaritĂ€tsarbeit teil, lernte Menschen vor Ort kennen, sichtete tĂ€gliche Berichte ĂŒber FrontverlĂ€ufe und Menschenrechtsverletzungen. NatĂŒrlich hatte mich all dies schon vorher beschĂ€ftigt, doch diesmal verzweifelte ich ob unserer Machtlosigkeit und der Desinteressiertheit der deutschen Öffentlichkeit, deren Regierung den tĂŒrkischen Diktator deckte, Panzer und Drohnentechnologie lieferte, um im nĂ€chsten Moment wieder etwas von humanistischen Werten und Rechtsstaatlichkeit zu faseln.
FĂŒr mich begann eine intensive Auseinandersetzung mit mir selbst, mit den eigenen Privilegien, die wir als Mitglieder von linken Bewegungen in KonsumlĂ€ndern wie Deutschland genießen, wie diese Gesellschaftsformen unsere Aushandlung von individuellen und kollektiven Zielen und unser VerantwortungsgefĂŒhl prĂ€gen. Am Ende der Überlegungen stand der Entschluss, mich im Internationalen Komitee der FAU-Bundesföderation zu engagieren und mich durch Korrespondenz und Recherche so gut wie möglich mit den VerhĂ€ltnissen vertraut zu machen.

Auf dem Weg


Es ist der 10 Juni. Nach 40 Grad im staubig-abgasbelasteten Erbil und fĂŒnf Stunden Busfahrt atmen wir endlich kĂŒhle Bergluft. Wir blicken auf die angrenzenden iranischen Berge und den Cheekha Dar (den höchsten Berg des Iraks). Es ist mein dritter Tag in Kurdistan, und unsere Gastgeber_innen wollen uns zunĂ€chst die Schönheit des Landes nahebringen. Das ist gelungen! Mit Blick auf das zerklĂŒftete Gebirge, die leidvolle Geschichte der Minderheiten der Region und die immer mangelhafte UnterstĂŒtzung fĂŒr diese wird mir die Tragweite des kurdischen Sprichworts „Keine Freunde außer den Bergen“ voll bewusst.
Die Fahrt geht weiter, es werden Projekte besprochen, Pressemitteilungen geschrieben, Perspektiven aus verschiedenen LĂ€ndern ausgetauscht. Unterbrochen wird das rege Treiben von Checkpoints der Peschmerga-Einheiten, die meist entweder der stĂ€rksten Regierungspartei PdK (auf deutsch KDP abgekĂŒrzt) oder der zweitgrĂ¶ĂŸten YNK (auf deutsch PUK abgekĂŒrzt) unterstehen. Innerhalb von zwei Tagen sehe ich so viele Sturmgewehre wie vermutlich in meinem ganzen Leben zuvor nicht. Schon am gestrigen Tag wollte eine Abordnung unserer Delegation zum Parlament fahren und sich mit Vertreter_innen der verschiedenen kurdischen Parteien treffen. Daraus wurde nichts, vorm Hotel hielten bewaffnete KrĂ€fte die Fahrt auf. Auch wir machten erste Bekanntschaft mit MilitĂ€r-Transportern und Agent_innen in Zivil, die uns begleiten.
WĂ€hrend unserer heutigen Fahrt beginnen SicherheitskrĂ€fte der Autonomen Region Kurdistan, am Flughafen Erbil ankommenden Mitgliedern unserer Delegation die Einreise zu verweigern. Zum Schluss werden es weit ĂŒber 50 sein. Viele sitzen tagelang bei mangelnder Versorgung im Transit-Bereich fest, manche gehen in den Hungerstreik. Das deutsche Konsulat in Erbil schweigt zu den VorgĂ€ngen. Am selben Tag werden drei Mitglieder der syrischen PKK-Schwesterpartei PYD, teils offizielle Vertreter in der Autonomen Region Kurdistan, in Erbil festgenommen und ohne Gerichtsverfahren und Beistand oder Informationen ĂŒber ihren Verbleib in Haft genommen. Zwei kommen nach 50 Tagen ohne ErklĂ€rung wieder frei. Der dritte Aktivist ist Anfang August weiterhin vermisst.

Treffen mit Vertretern
der Êzüd_innen

Wieder im Bus. Wir singen revolutionĂ€re Lieder oder blicken, unseren Gedanken nachhĂ€ngend, aus dem Bus ins schwindende Tageslicht. Wir sind fertig vom Tag. Es sind die WidersprĂŒche des Erlebten, die an uns nagen und in unseren Köpfen ihre Kreise drehen.
Am Morgen des 4. Tages unseres Aufenthalts haben wir nach mehrstĂŒndiger Fahrt das religiöse Oberhaupt der ÊzĂźd_innen getroffen, den „BavĂȘ ƞĂȘx“ Ali Elias, der seit Ende 2020 im Amt ist. Die ÊzĂźd_innen sind eine religiöse Minderheit, die seit Jahrhunderten verfolgt wird. Internationale Aufmerksamkeit erhielten sie ab dem 3. August 2014, als der Daesh vor ihrem Hauptsiedlungsgebiet, dem Sindschar-Gebirge, stand, mit der festen Absicht, sĂ€mtliche ÊzĂźd_innen samt ihrer kulturellen StĂ€tten zu vernichten. Das Sindschar-Gebirge im Westen des Nordirak, nahe der Autonomen Region Nord-Ost-Syrien, unterstand damals dem Schutz der Autonomen Region Kurdistan. Die Peschmerga der PdK, von der Bundesrepublik Deutschland spĂ€ter fĂŒr die Abwehr des Daesh mit Waffen ausgerĂŒstet, rĂ€umten die Stellungen des Sindschar-Gebirges, ohne einen einzigen Schuss abzugeben, und ĂŒberließen Zehntausende vorher entwaffnete ÊzĂźd_innen ihrem Schicksal. Schlussendlich waren es revolutionĂ€re Einheiten aus Nord-Ost-Syrien und der PKK, die mit US-LuftunterstĂŒtzung einen Fluchtkorridor freikĂ€mpften. FĂŒr Tausende kam diese Hilfe allerdings zu spĂ€t.
Die Audienz ist widersprĂŒchlich. Einerseits weil es um die Person Ali Elias wie auch anderer kĂŒrzlich gewĂ€hlter OberhĂ€upter innerhalb der ĂȘzĂźdischen Gemeinschaften Streit gibt. Neben den tradierten Wahlverfahren (die FĂŒhrer der ÊzĂźd_innen sind prinzipiell MĂ€nner, mĂŒssen bestimmten Familien entstammen und werden meist nur von den Eliten gewĂ€hlt) wurden bei den letzten Wahlen auch besondere politische Einflussnahme und eine NĂ€he der Kandidaten zur Partei PdK unterstellt. Teile der ÊzĂźd_innen erkennen die Wahl nicht an. Weiterhin werden bis heute Kinder aus IS-Vergewaltigungen von der ĂȘzĂźdischen FĂŒhrung nicht anerkannt, und viele betroffene Frauen fĂŒhlen sich ausgestoßen und stigmatisiert. Nach Aussagen von ÊzĂźd_innen und ehemaligen YPG-KĂ€mpfer_innen, die ich treffe, befinden sich Hunderte betroffene Kinder in Waisenlagern der YPG in Nord-Ost-Syrien, zurĂŒckgelassen von verzweifelten MĂŒttern. Auch die Selbstmordrate unter ĂȘzĂźdischen Frauen ist weiterhin hoch. Schließlich kommt mir zu Ohren, dass weibliche KĂ€mpfer_innen der ĂȘzĂźdischen Selbstverteidigungseinheiten YBƞ und YJÊ (nach 2014 nach nord-ost-syrischem Vorbild von Kommunalist_innen aufgebaut) vom BavĂȘ ƞĂȘx aus der ĂȘzĂźdischen Gemeinschaft ausgeschlossen worden sein sollen. Auf der anderen Seite vertritt der BavĂȘ ƞĂȘx immer noch Tausende ÊzĂźd_innen, bringt uns viele Probleme der Religionsgemeinschaft nahe und legitimiert mit seiner Audienz auch unsere Delegation auf dem diplomatischen Parkett der Autonomen Region Kurdistan.
Es folgt ein eindrĂŒcklicher Besuch von Lalisch (LaliƟ), dem höchsten Heiligtum der ÊzĂźd_innen. Auch hier haben wir widersprĂŒchlichste EindrĂŒcke, und wir treffen eine auffĂ€llige Frau wieder, die uns schon beim Hinflug an den Fersen klebte und der wir noch verschiedentlich begegnen – ob sie BND-Agentin oder Mitglied eines anderen Geheimdienstes ist, lĂ€sst sich schwer feststellen.

Besuch im
FlĂŒchtlingslager Sheikhan

Anschließend fahren wir ohne offizielle Genehmigung ins ĂȘzĂźdische FlĂŒchtlingslager Sheikhan. Sieben Jahre nach dem Genozid von 2014 leben hier ca. 12.000 Geflohene in Zelten – es ist nur eines von vielen Lagern in Syrien und Nordirak, und die ÊzĂźd_innen sind nur eine von vielen Betroffenengruppen. Allein im Gouvernement Dahuk (Dihok) leben einer Übersichtskarte in der Lagerverwaltung zufolge ĂŒber 700.000 „Displaced Persons“. Nur ein Bruchteil unserer Delegation wird ins Lager gelassen, nur fĂŒr kurze Zeit und mit Polizeibegleitung. Der Rest unserer zu diesem Zeitpunkt 60-köpfigen Delegation wird von der Lagerleitung zum Tee eingeladen.
Auch hier Ambivalenz: Der Lagerleiter hat selbst Fluchtgeschichte, scheint sich sogar ĂŒber die Delegation zu freuen, und doch bleiben die Menschen hier in elenden Lagerbedingungen, weil das Barzani-Regime, welches fĂŒr die LagerfĂŒhrung verantwortlich zeichnet, weder materielle noch militĂ€rische Sicherheiten fĂŒr die ÊzĂźd_innen garantiert. Viele von uns verzichten daher darauf, unter Barzani-PortrĂ€ts und -SchriftzĂŒgen die Tee-Rationen der Insass_innen wegzutrinken, und suchen am Rande des Camps das GesprĂ€ch mit den Betroffenen – so auch ich mit zwei Genoss_innen. Wir und andere erhalten in unseren GesprĂ€chen Ă€hnliche EinschĂ€tzungen der aktuellen Lage: Die Leute trauen dem Barzani-Regime nicht, es waren PKK- und nord-ost-syrische KrĂ€fte, die sie sowohl militĂ€risch als auch humanitĂ€r unterstĂŒtzt hĂ€tten. Sie erzĂ€hlen, dass sie keine Hoffnung haben, da der Daesh immer noch stark in der Region sei, auch sonst viele Muslim_innen den ÊzĂźd_innen feindlich gegenĂŒberstĂŒnden und nun sogar Daesh-Gefangene im selben Lagerkomplex untergebracht wĂŒrden. Die PKK sei schließlich abgezogen, um keine Legitimation fĂŒr weitere tĂŒrkische Angriffe auf die Region zu liefern, die ĂȘzĂźdischen Selbstverteidigungseinheiten wĂŒrden von der kurdischen und irakischen Regierung bekĂ€mpft. Internationale Hilfen fĂŒr den Aufbau ĂȘzĂźdischer Dörfer wĂŒrden von der kurdischen Regierung in die eigene Tasche gesteckt, der Wiederaufbau und der Verkehr in und aus ĂȘzĂźdischen Ortschaften von Regierungsmilizen verhindert. Das Bild, das bleibt: Hunger, Elend, Trauma, Stillstand und Resignation. (4)

Der fĂŒnfte Tag beginnt mit einer Überraschung: Die Bundespolizei selbst ist am Flughafen DĂŒsseldorf aktiv geworden und hat rund 20 unserer Delegierten an der Ausreise gehindert. Da davon auch deutsche Parlamentarier_innen betroffen sind und alles danach aussieht, dass die deutschen Sicherheitsorgane hier auf direkte Anfrage des tĂŒrkischen Geheimdienstes handeln, erfĂ€hrt die Geschichte eine grĂ¶ĂŸere Öffentlichkeit in linken und konservativ-rechten Medien. Der Tag besteht fĂŒr uns im Wesentlichen aus Pressearbeit im Hotel.

Treffen mit einem
PdK-Offiziellen

Durch die Medienberichte ĂŒber unsere Delegation Ă€ndert die Regierungspartei PdK am nĂ€chsten Tag ihre Taktik: Nach diversen Treffen einer unserer Abordnungen mit verschiedenen Parteien und Gewerkschaften der Autonomen Region sagt der Regierungsverantwortliche fĂŒr auswĂ€rtige Angelegenheiten ĂŒberraschend ein kurzfristiges Treffen zu. Noch zwei Tage vorher hatte uns seine Partei in Pressestatements wĂŒst als Terrorist_innen beschimpft.
Das Treffen findet bei uns im Hotel statt, ĂŒber 80 Mitglieder der Delegation sind anwesend. Nach diplomatischen Nettigkeiten beginnt der Quasi-Außenminister einen lĂ€ngeren Monolog und wiederholt die gĂ€ngigen ErzĂ€hlungen der PdK: Dass es sich bei der Autonomen Region Kurdistan um einen Rechtsstaat handele, die PKK diesen nicht anerkenne, dass die tĂŒrkischen Angriffe die Schuld der PKK seien und sie außerdem dafĂŒr verantwortlich sei, dass die ÊzĂźd_innen nicht in ihre Siedlungsgebiete zurĂŒckkehrten. Manche Teilnehmer_innen werden in ihren Nachfragen eindringlicher: Ob nicht verschiedene Demokratie-Konzeptionen ihre Berechtigung hĂ€tten – und in jedem Fall mehr als der tĂŒrkische Despotismus? Ob der Feind nicht eher die aggressive tĂŒrkische Autokratie sei als die PKK? Unser GegenĂŒber verfĂ€llt in Realtalk: Welche Optionen die Autonome Region gegen das NATO-Land TĂŒrkei denn hĂ€tte? Ob die Regierungen unserer HerkunftslĂ€nder irgendetwas fĂŒr den Schutz der irakischen Kurd_innen unternehmen wĂŒrden, kĂ€me es zum Krieg? Es fallen die Worte „Politik ist ein dreckiges GeschĂ€ft!“, und auf die Nachfrage, ob nicht wenigstens die Grenzen nach Nord-Ost-Syrien geöffnet werden könnten, um die ausblutende Bevölkerung dort mit dem Nötigsten zu versorgen, folgt die klare Antwort: „Nein, weil wir ĂŒberleben wollen!“ Nach diesem Wortgefecht verlĂ€sst der Politiker nebst seiner LeibwĂ€chter eilig und sichtlich wĂŒtend das GebĂ€ude.
Noch in der Nacht steigt die PrÀsenz ziviler Agent_innen unertrÀglich an. Schon in den letzten Tagen waren offensichtlich Hotelzimmer in unserer Abwesenheit durchsucht worden und immer einige Spitzel zugegen, doch ab jetzt bis zur Abreise der Delegation aus Erbil bevölkern ganze Scharen die Lobbys der Hotels, in denen wir uns bewegen.
Eine Auswertung der GesprĂ€che mit den restlichen Parteien und Organisationen kristallisiert spĂ€ter zwei Kernforderungen heraus, bei denen sich alle einig sind: 1. Die PKK muss von den internationalen Terrorlisten verschwinden, da diese Einordnung einerseits ungerechtfertigt ist und andererseits die internationale Legitimation fĂŒr die tĂŒrkischen Angriffskriege liefert. 2. Es darf zu keinerlei Gefechten zwischen PKK-Milizen und Peschmerga kommen.
Am darauffolgenden Tag wird unsere geplante Demonstration inklusive Pressekonferenz vor dem UN-Sitz in Erbil verboten. Unser Hotel wird von bewaffneten KrĂ€ften mit Sturmgewehren umstellt, wir dĂŒrfen das GebĂ€ude nur einzeln fĂŒr Besorgungen verlassen. Kurzerhand wird die Pressekonferenz unter Anwesenheit von Polizei und Peschmerga in der Hotellobby abgehalten. Ich schreibe eine Pressemitteilung, umringt von tĂŒrkisch sprechenden Agenten und keine 20 Meter vom Lauf der nĂ€chsten AK-47 entfernt. Trotz des Verbots des Protests bleibt ein Erfolg: Alle namhaften Medien der Region sind vertreten, das Thema ist in der lokalen Öffentlichkeit voll gesetzt, kritische Stimmen aus der Region, vorgetragen durch uns Internationalist_innen, können vom Barzani-Regime nicht zum Schweigen gebracht werden.

Am achten Tag reise ich schweren Herzens ab, viele andere bleiben. Beim Flug treffen wir wieder auf die mutmaßliche BND-Agentin. In DĂŒsseldorf empfangen uns eine große SolidaritĂ€tskundgebung und ein ebenso großes Polizeiaufgebot, das sich aber zurĂŒckhĂ€lt – uns schĂŒtzt vermutlich die gesteigerte Aufmerksamkeit deutscher Medien.
Der Rest der Delegation wechselt im Anschluss ins YNK-dominierte Gebiet, wo der Repressionsdruck nachlĂ€sst. Es kommt zu Fahrten in direkte FrontnĂ€he, Treffen mit Kriegsopfern, Demonstrationen und Auftritten in diversen kurdischen Medien. Je spĂ€ter unsere Mitdelegierten nach Deutschland zurĂŒckkehren, desto unfreundlicher wird der Empfang. Zuletzt werden GepĂ€ckstĂŒcke illegal durchsucht und entwendet, RĂŒckkehrer_innen teils zu Boden geworfen, mehrere Stunden festgehalten und befragt. Weitere Repression wird sicher folgen, wenn das Medieninteresse völlig verebbt ist.

Relative Machtlosigkeit und fehlende Empathie

Unsere Delegationsreise kann sicher als ein Versuch begriffen werden, eine öffentliche Debatte auch dort herzustellen, wo sie unterdrĂŒckt wird. Sie war ebenso eine Suche nach neuen Konzepten in einer Situation, in der GroßmĂ€chte mit einer historisch nie dagewesenen militĂ€rischen Übermacht das Leben Zigtausender Menschen und eben auch die Hoffnung auf (basis-)demokratische und humanistische Gesellschaftsformen bedrohen.
Trotzdem bleibt ein GefĂŒhl relativer Machtlosigkeit in mir zurĂŒck, denn der PdK-Vertreter hatte an einem Punkt recht: Die Autonome Region Kurdistan und die Autonome Administration Nord-Ost-Syrien allein hĂ€tten gegen die NATO-Armee der TĂŒrkei kaum eine Chance, selbst wenn sie effektiv zusammen kĂ€mpfen könnten und wollten. Der Krieg wird in den LĂ€ndern entschieden, die das Erdoğan-Regime wirtschaftlich und politisch am Leben erhalten, also u. a. in Deutschland.
Je lĂ€nger ich mich mit den sozialen KĂ€mpfen außerhalb von Europa befasse, Freund_innen und Genoss_innen kennenlerne, die im Kampf fallen oder mir ihre Geschichten des Verlusts und ihrer Entbehrungen erzĂ€hlen, desto mehr befremdet mich, welche Urteile, welchen Luxus und welche Privilegien sich selbst eine radikale Linke in Deutschland als scheinbar selbstverstĂ€ndlich herausnimmt. Diese mangelnde Empathie und das mangelnde VerantwortungsgefĂŒhl sind ein großes Problem. Ein anderes, noch schwerwiegenderes Problem ist, dass Öffentlichkeitsarbeit und Protest in Deutschland und anderswo wenig bis gar nichts bewirken werden, wenn die wirtschaftlichen Interessen in eine andere Richtung weisen. Als Belege fĂŒr diese Aussage sei nur beispielhaft der Massenprotest gegen die Agenda 2010 (um 2004) genannt oder auf die völlig verzerrten Reaktionen der Politik bezĂŒglich der Forderungen der aktuellen Klimabewegung verwiesen.
Als Internationalist_innen und Humanist_innen bleibt uns in Deutschland aus meiner Sicht deshalb nichts anderes ĂŒbrig, als unsere eigenen Privilegien immer wieder kritisch zu ĂŒberprĂŒfen, uns in möglichst breiten, globalen und radikaldemokratischen Organisationen zu engagieren und darauf hinzuarbeiten, dass wir selbst wirtschaftlichen Schaden in solch einem Maße verursachen können, dass wir gegenĂŒber den wirtschaftlichen Interessen an der UnterstĂŒtzung der einen oder anderen Diktatur und Autokratie Gehör finden mĂŒssen. Dieser Weg ist lang, steinig, ein Kampf gegen die eigene Resignation und die Resignation der Mitmenschen. Auf diesem Weg sehen wir als Internationalist_innen immer wieder Freund_innen und Genoss_innen sterben. Ich kann daher nur alle Leser_innen bitten, sich den nötigen Organisierungs- und Bildungsprozessen anzuschließen und sie zu beschleunigen.

Steff Brenner
Mitglied des Internationalen Komitees der FAU
Ein detaillierter Bericht wird auf Direkte Aktion (https://direkteaktion.org/) veröffentlicht.




Quelle: Graswurzel.net