Mai 3, 2021
Von InfoRiot
317 ansichten


Potsdam – Die HintergrĂŒnde des Gewaltverbrechens mit vier Toten am Oberlinhaus sind weiter unklar – Inklusionsaktivisten wie RaĂșl Krauthausen fordern angesichts der Tat mehr Aufmerksamkeit fĂŒr das Thema Gewalt in Behinderteneinrichtungen. „Immer wieder gibt es in Pflege- und Wohnheimen fĂŒr Menschen mit Behinderung FĂ€lle von Gewalt, Missbrauch, Diskriminierung und Beleidigung“, schreibt Krauthausen auf der Plattform „Die neue Norm“. Dabei handele es sich nicht um EinzelfĂ€lle, sondern um eine diskriminierende Struktur.

Frauen sind laut einer Studie besonders betroffen

TatsĂ€chlich sind Menschen mit Behinderungen deutlich hĂ€ufiger von Gewalt betroffen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Eine im Auftrag des Bundesfamilienministeriums an der UniversitĂ€t Bielefeld erarbeitete Studie zur Situation von Frauen mit Behinderungen konnte das 2011/12 erstmals mit reprĂ€sentativen Zahlen belegen. Frauen mit Behinderungen haben demnach ein fast doppelt so hohes Risiko, körperliche Gewalt zu erleben wie der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt. Von sexueller Gewalt sind Frauen mit Behinderungen sogar zwei- bis dreimal hĂ€ufiger betroffen. Zwischen 14 und 31 Prozent der befragten Frauen – die verschiedenen Werte beziehen sich auf zuhause wohnende und in Einrichtungen lebende Befragte – haben als Erwachsene psychische Gewalt in Einrichtungen oder Diensten erfahren. Bis zu 20 Prozent der in Einrichtungen lebenden Frauen gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt an einer Einrichtung erlebt zu haben – besonders hĂ€ufig genannt wurden WerkstĂ€tten und Personal oder Mitbewohner im Wohnheim.

[Was ist los in Potsdam und Brandenburg? Die Potsdamer Neuesten Nachrichten informieren Sie direkt aus der Landeshauptstadt. Mit dem neuen Newsletter Potsdam HEUTE sind Sie besonders nah dran. Hier geht’s zur kostenlosen Bestellung.]

2013 legte die Uni Bielefeld eine Ă€hnliche Studie zur Situation von MĂ€nnern mit Behinderungen vor. Auch sie sind demnach ĂŒberdurchschnittlich oft von Gewalt betroffen. Anders als bei den Frauen spielen die Einrichtungen als Tatort keine ganz so deutliche Rolle: Immerhin zwei Prozent der Befragten gaben aber an, an einer Einrichtung körperliche Gewalt erfahren zu haben.

Betroffene stark machen: Lebenshilfe startete Beschwerdestelle nach VorfÀllen

Bei der Bundesvereinigung Lebenshilfe, die sich der Selbsthilfe fĂŒr Menschen mit geistigen Behinderungen widmet und deren OrtsverbĂ€nde auch Einrichtungen wie WerkstĂ€tten oder Wohnheime tragen, hat man 2017 eine bundesweite unabhĂ€ngige Beschwerdestelle fĂŒr Lebenshilfe-Einrichtungen eingerichtet. Anlass waren die im selben Jahr vom Journalistenteam um GĂŒnter Wallraff aufgedeckten schwerwiegenden MissstĂ€nde auch in Lebenshilfe-Einrichtungen.

Zwei bis drei Betroffene pro Woche meldeten sich seitdem ĂŒber diese Beschwerdestelle, sagt Jeanne Nicklas-Faust, die BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Lebenshilfe, den PNN – die Lebenshilfe betreut rund 130 000 Menschen mit geistigen Behinderungen bundesweit. Meist gehe es um Konflikte zwischen Mitarbeitenden und Bewohnern oder BeschĂ€ftigten, die gelöst werden konnten. Aber man sei ĂŒber die Beschwerdestelle auch „auf schwerwiegende Dinge aufmerksam geworden“. Das sei auch Ziel, betont Nicklas-Faust.

Wichtig, dass auch Kollegen Warnzeichen wahrnehmen und melden

Es gehe bei diesem und anderen Angeboten wie zum Beispiel Schulungen darum, die Betroffenen stark zu machen: „Damit sie das Selbstbewusstsein haben, sich zu melden, wenn jemand Grenzen ĂŒberschritten hat.“ Das könne auch Kollegen betreffen. Menschen, die in einer Einrichtung fĂŒr Behinderte arbeiten, seien anfangs oft idealistisch, „wollen Gutes tun“, sagt Nicklas-Faust. „Manchmal biegen die irgendwann ab.“ Dann brauche es Kollegen oder Vorgesetzte, „die merken, da muss man etwas tun“.

Klaus Heidrich, der stellvertretende Vorsitzende des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland e.V., spricht sich fĂŒr mehr Kontrollen an Einrichtungen aus, um Gewalt vorzubeugen. Wichtig seien auch Schulungen fĂŒr das Personal, sagte Heidrich den PNN am Montag. Mitarbeitende mĂŒssten sensibilisiert werden, damit sie bei zweifelhaftem Vorgehen von Kollegen die Verantwortlichen in Kenntnis setzen und diese reagieren können. „Das ist das Entscheidende“, sagt Heidrich. Im Fall am Oberlinhaus könne er kaum glauben, dass die Tat aus dem Nichts heraus geschah: „Es muss da im Vorfeld Signale gegeben haben.“

Der Bund verpflichtet TrĂ€ger erstmals zur GewaltprĂ€vention – eine Vorgabe der UN-Behindertenrechtskonvention

Oberlinhaus-Sprecherin Andrea Benke verwies am Montag gegenĂŒber der Deutschen Presseagentur auf psychologische und teambildende Begleitung fĂŒr Mitarbeitende. JĂ€hrlich gebe es Angebote fĂŒr Supervisionen, Coachings, Fallberatungen und Teamtage, so die Sprecherin. „Somit können wir bei Bedarf entsprechend reagieren und weitere UnterstĂŒtzungsmaßnahmen einleiten.“

TrĂ€ger von Behinderteneinrichtungen sind mit dem im April vom Bundestag verabschiedeten TeilhabestĂ€rkungsgesetz erstmals gesetzlich zur GewaltprĂ€vention verpflichtet – bislang war das nur empfohlen. Damit setzt Deutschland eine Vorgabe aus der 2008 in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention um. Die Lebenshilfe geht einen Schritt weiter und fordert eine staatlich finanzierte unabhĂ€ngige Ombudsstelle, an die sich Betroffene von Gewalt an Behinderteneinrichtungen wenden können. Die PrĂ€ventionsmaßnahmen der TrĂ€ger allein reichten nicht, sagt Lebenshilfe-Bundeschefin Nicklas-Faust den PNN: „Weil es eine Form von struktureller Gewalt in diesen Konstellationen gibt.“




Quelle: Inforiot.de