September 7, 2021
Von Graswurzel Revolution
170 ansichten


Wie könnte naturnahes, selbstorganisiertes Zusammenleben, das eine sozial-ökologische Grundversorgung fĂŒr alle garantiert, aussehen? Welche Rolle werden dabei Arbeit und Entlohnung spielen? Wie geht man mit Konflikten um? Was bedeutet solidarwirtschaftliches und fĂŒrsorgliches Handeln fĂŒr die (globale) Gemeinschaft? In ihrem spannenden Beitrag fĂŒr die Graswurzelrevolution gibt Elisabeth Voß Einblicke in ihr Alltagsleben im Jahr 2048. (GWR-Red.)

Ich wache auf, weil die Sonne durch die dĂŒnnen VorhĂ€nge in mein Schlafzimmerfenster scheint. Wie fast jeden Morgen freue ich mich, dass ich mir vor 25 Jahren endlich meinen langgehegten Wunsch erfĂŒllt habe und aufs Land gezogen bin. Ich setze Kaffeewasser auf und öffne die TĂŒr zum Garten. Morgens ist es hier noch ruhig, nur die Vögel zwitschern. Mir gehen ein paar SĂ€tze fĂŒr meinen Artikel fĂŒr die Graswurzelrevolution durch den Kopf, wĂ€hrend ich den zapatistischen Soli-Kaffee aufgieße.
Den Kaffee hole ich mir, so wie fast alles andere, was ich brauche, aus unserem Genossenschaftsladen. Anfangs funktionierte der wie eine Food Coop, wir haben gemeinsam bestellt, die Sachen aufgeteilt und abgerechnet. Wie mĂŒhsam und wie sinnlos. Aber es war ein lĂ€ngerer Diskussionsprozess, bis alle eingesehen hatten, dass sowieso keine*r unbegrenzte Mengen essen und trinken kann – wozu dann abrechnen?
Wir leben hier mit knapp 100 Leuten in Brandenburg in einem denkmalgeschĂŒtzten Hofensemble und einer benachbarten Wagenburg. Mittlerweile haben wir die Geldwirtschaft untereinander gĂ€nzlich abgeschafft. Den zapatistischen Genoss*innen zahlen wir fĂŒr den Kaffee selbstverstĂ€ndlich weit mehr als den Weltmarktpreis. Die solidarisch eingekauften Produkte bieten wir GĂ€sten und Nachbarschaft auch in unserem Hofladen an. Um 10 Uhr habe ich Ladendienst, bis zum Mittagessen, das unser veganes Restaurant zubereitet.

Mit und ohne Lohnarbeit

Lohnarbeit gibt es in unseren Genossenschaftsbetrieben kaum noch. Wir Mitglieder teilen die notwendigen Arbeiten danach auf, wer etwas am besten kann und gerne machen möchte. Alle arbeiten so viel, wie sie möchten. Es gibt auch BeschĂ€ftigte, die nicht bei uns wohnen. Die können sich aussuchen, ob sie einen guten Lohn bekommen oder unserer gemeinsamen Ökonomie beitreten möchten.
Ich arbeite noch manchmal freiberuflich, obwohl ich ja Rentnerin bin. Auch andere sind selbststĂ€ndig oder sind „draußen“ angestellt, wo sie mit ihren Vorgesetzten um Löhne verhandeln mĂŒssen, sofern sie nicht in einem Kollektivbetrieb arbeiten, in dem sie gleichberechtigte Mitinhaber*innen sind. Aber die Betriebe in unserer Gegend können sich keine ĂŒble Ausbeutung oder Repression mehr leisten, sie wĂŒrden sofort bestreikt. Vor allem die Agrarbetriebe – mittlerweile deutlich verkleinert, auf Bioanbau, Fruchtfolgen und extensive FlĂ€chenbewirtschaftung umgestellt – sind auf uns und unsere Mitarbeit bei ErnteeinsĂ€tzen angewiesen.
Jedes Jahr kommen rumĂ€nische Saisonarbeiter (ĂŒberwiegend mĂ€nnlich) in unsere Region. Sie bekommen den gleichen Lohn wie wir. Gemeinsam mit einer Basisgewerkschaft haben wir ein Meldesystem fĂŒr Aushilfen aller Branchen eingerichtet, so dass wir bei Unzufriedenheiten ĂŒber Arbeitsbedingungen oder ĂŒber die Bezahlung sofort reagieren können. Die Erntehelfer wohnen grĂ¶ĂŸtenteils in unserer Feriensiedlung, manche bringen ihre Angehörigen mit. Die Erwachsenen, die nicht aufs Feld gehen (ĂŒberwiegend Frauen), arbeiten dann fĂŒr die Erntezeit in unserer Pflegegenossenschaft, so dass andere Pfleger*innen in dieser Zeit Urlaub nehmen können, oder sie verstĂ€rken die Schichten in der benachbarten Kita, in der fĂŒr die Zeit ihres Aufenthalts auch ihre Kinder betreut werden. Das hat sich ĂŒber die Jahre gut eingespielt.
Letzte Woche war es wieder so weit, und es gab ein großes Hallo und eine große Freude, sich nach langer Zeit wieder zu sehen. Über die Jahre sind Freundschaften entstanden, wir verbringen viel Zeit miteinander und zum Abschied gibt es jedes Mal ein großes Fest. Manche von uns fahren im Urlaub nach RumĂ€nien und besuchen ihre Freund*innen, einige von ihnen sind auch mit ihren Familien zu uns gezogen und arbeiten fest in unseren Betrieben oder in der Umgebung.
Wir sind eine Open-Borders-Region und können ganz unbĂŒrokratisch Menschen aus aller Welt aufnehmen. Manche haben einfach Lust mit uns zu leben, andere mussten ihre LĂ€nder verlassen, weil es dort immer noch Kriege oder Umweltkatastrophen gibt. Das ist zwar weniger geworden, aber noch lange nicht gut. In unserer Regionalverfassung haben wie die globale SolidaritĂ€t als obersten Grundsatz verankert, das heißt, dass wir uns bei allen Entscheidungen fragen, welche Auswirkungen sie auf Menschen anderswo haben.

Sozialökologische Modellregion

Vor fast 20 Jahren haben wir erkĂ€mpft, dass diese Gegend zur selbstverwalteten sozial-ökologischen Modellregion wurde. Heute sind wir eine von unzĂ€hligen Regionen europaweit, die nach dem großen Umbruch aus dem Wiederaufbaufonds finanziert wurde. Mittlerweile brauchen wir keine Förderung mehr, sondern können uns weitgehend selbst versorgen. Geld spielt nur noch eine untergeordnete Rolle und ich denke, dass es eines Tages verschwinden wird. Was frĂŒher nur vereinzelt beispielsweise im Wendland oder in Nordhessen versucht wurde, wo Netzwerke von Projekten und Kommunen solidarwirtschaftliche Beziehungen aufgebaut hatten, ist jetzt weit verbreitet und nichts Besonderes mehr. Allein in unserer Region gibt es etwa 50 Ă€hnliche Projekte wie unseres.
Zur UnterstĂŒtzung der Ansiedlung in den Modellregionen gab es Wettbewerbe fĂŒr naturnahes Bauen fĂŒr ein Leben in und mit der Natur. Die Grenzen zwischen Siedlungen und NaturrĂ€umen sind fließend geworden. GroßstĂ€dte sind geschrumpft, GebĂ€ude aus Beton stehen als Warnmale unter Denkmalschutz, und heute kĂ€me keine*r mehr auf die Idee, HochhĂ€user zu bauen.

Grundversorgung fĂŒr alle

Nach dem Mittagessen gehe ich zur öffentlichen Ratssitzung unseres Energieversorgers. Auf der Tagesordnung steht eine Neuaufteilung der Kriterien fĂŒr die Zuteilung von Sonderrationen fĂŒr Strom und WĂ€rme. Seit dem großen Umbruch gibt es Energie kostenlos – so wie die gesamte Grundversorgung – aber sie ist streng rationiert. Jede Region bekommt ein Kontingent, das möglichst selbst produziert werden soll. ÜberschĂŒsse gehen ins nĂ€chsthöhere Netz, aus dem auch Defizite ausgeglichen werden. Die Regionen bewirtschaften ihre Kontingente selbst.
Mit dem Netzwerk der Gemeinschaftssiedlungen haben wir einen Vorschlag eingereicht, dass unsere Mitglieder eventuelle Mehrbedarfe – zum Beispiel zum Aufladen ihres Elektrorollstuhls oder weil sie zuhause arbeiten – nicht mehr individuell begrĂŒnden mĂŒssen, sondern dass wir eigene Sonderbedarfskontingente bekommen, ĂŒber die wir autonom untereinander entscheiden. Unsere Delegierte im Rat begrĂŒndet den Antrag und er wird angenommen, weil er der Erweiterung der SubsidiaritĂ€t (1) dient.
Zur kostenlosen Grundversorgung durch demokratisch gefĂŒhrte öffentliche Unternehmen gehören auch Wasser und Abwasser. Nach dem Umbruch wurden die zentralistischen ZweckverbĂ€nde aufgelöst. Regionale WasserrĂ€te koordinieren die weitgehende Selbstversorgung und naturnahe Entsorgung. In unserem Dorf haben wir eine eigene Pumpstation und eine KlĂ€rwerksgenossenschaft, die auch unsere gemeinschaftliche PflanzenklĂ€ranlage betreibt. Zeitweilig war das Wasser rationiert, aber das ist nun nicht mehr nötig.
Die Gesundheitsversorgung wurde ebenfalls dezentralisiert, und es gibt jetzt auch hier auf dem Land genug Polikliniken und Pflegeeinrichtungen, die Nutzer*innen und Angehörige gemeinsam mit den BeschĂ€ftigten selbst verwalten. Bus- und Bahnfahrten bis 500 Kilometer sind kostenlos. Bis spĂ€t nachts halten bei uns, und in vielen kleinen Orten auf der Strecke, mindestens jede Stunde die ZĂŒge zwischen Berlin und Stralsund, so dass es problemlos möglich ist, Abendveranstaltungen in anderen Orten zu besuchen und anschließend nach Hause zu fahren. FĂŒr weitere Reisen gibt es ein JahresmobilitĂ€tskonto, das nur Vielfliegen merklich eingeschrĂ€nkt hat. Das Bahnnetz wurde auch international ausgebaut und lĂ€ngere Reisen, die viele sich frĂŒher gar nicht leisten konnten, sind jetzt so gĂŒnstig, dass wer möchte sogar mehrmals im Jahr wegfahren kann.
FĂŒr diejenigen, die nicht arbeiten können oder wollen, gibt es ein geringes Grundeinkommen, das bedingungslos und ohne weitere ÜberprĂŒfungen an diejenigen ausbezahlt wird, die versichern, ĂŒber gar kein oder kein ausreichendes Einkommen zu verfĂŒgen. Alle drei Monate fragt das Grundsicherungsamt nach, ob der Bedarf weiterhin besteht. Das Geld reicht aus, denn vieles was mensch zum Leben braucht, gibt es ja nun kostenlos. Mieten mĂŒssen erst ab Wohnraum ĂŒber 30 Quadratmeter pro Person bezahlt werden, und es gibt nur noch wenige GeschĂ€fte mit kĂ€uflichen Produkten.

Es sind die Menschen 


Heute Abend werde ich in einer benachbarten Gemeinschaft ein Emo-Plenum moderieren. Das ist ein Plenum, auf dem es ausschließlich um die persönlichen, emotionalen Belange geht. Eigentlich ist das mindestens ebenso wichtig wie all die organisatorischen, baulichen, finanziellen und politisch-inhaltlichen Fragen des Zusammenlebens. Darum treffen sich manche Gruppen ebenso hĂ€ufig zum Emo-Plenum wie fĂŒr alles andere. In dieser Gemeinschaft hatten das jedoch viele bisher fĂŒr nicht nötig befunden, hielten es fĂŒr Zeitverschwendung.
KĂŒrzlich berichtete mir eine junge Nachbarin, dass ein paar Ă€ltere MĂ€nner beim Plenum immer wieder Frauen, vor allem jĂŒngere, unterbrechen oder deren VorschlĂ€ge abfĂ€llig beiseite wischen wĂŒrden. Seit einer der GrĂŒnder vor ein paar Monaten gestorben ist, wurde es immer schlimmer. Offensichtlich hatte er einen mĂ€ĂŸigenden Einfluss auf seine Geschlechts- und Altersgenossen gehabt. Ich ermutigte meine Nachbarin, ein Emo-Plenum einzuberufen, und habe angeboten, es zu moderieren.
In unserer Gemeinschaft bemĂŒhen wir uns mittlerweile um einen offensiven Umgang mit Konflikten. Wenn es gar nicht mehr geht, können wir auch Leute wegschicken. Es kann zwar keine*r aus unserer Genossenschaft ausgeschlossen werden und alle haben ein lebenslanges Wohnrecht, aber wer die Gemeinschaft beeintrĂ€chtigt, muss den Hof verlassen und bekommt eine unserer Wohnungen im Dorf. Manche nĂ€hern sich danach wieder an, andere gehen ganz weg.
Aber erstmal packe ich, denn morgen frĂŒh fahre ich mit dem Zug nach Katalonien und besuche eine Permakulturfarm, mit der wir schon lange vernetzt sind und Produkte tauschen. Anschließend geht es weiter ins befreite Andalusien, wo die Landarbeiter*innen-Gewerkschaft nach der Zerstörung der Plastikmeere eine kleinbĂ€uerliche Landwirtschaft aufgebaut hat. Dort haben die Interbrigadas gemeinsam mit kurdischen Frauengruppen ein transnationales Treffen vorbereitet, und ich freue mich besonders darauf, die zapatistischen Freund*innen aus Chiapas wiederzutreffen, die schon mit einem Zeppelin angereist sind. Auf der RĂŒckreise werde ich meine Freundin in einer Longo-Mai-Kooperative in der Provence besuchen, aber nur fĂŒr ein paar Tage, denn bald haben wir unsere große jĂ€hrliche Regionalversammlung, die ich nicht verpassen möchte und zu deren Vorbereitung ich auch schon ein paar Ideen habe.

Wie es dazu kam:
Der große Umbruch

Hinter der Corona-Krise der 20er Jahre schien die weit bedrohlichere Klimakatastrophe aus dem Blick zu geraten. Dann kam die Unwetterkatastrophe mit Hunderten Toten in Deutschland. Weltweit nahmen Überschwemmungen und BrĂ€nde, Industrie-unfĂ€lle und TerroranschlĂ€ge dramatisch zu. Die Toten waren nicht mehr die „Anderen“, sondern die eigenen Angehörigen und Freund*innen. Erst da wachten die meisten Leute auf, ließen es zu, ihre Verletzlichkeit zu spĂŒren und glaubten den Reichen und MĂ€chtigen ihre schönen Worte nicht mehr.
Die Vereinten Nationen befreiten sich endlich aus dem Klammergriff der Konzerne, die EuropĂ€ische Kommission setzte ihren bisherigen Nachhaltigkeitsberater, den Finanzinvestor BlackRock, vor die TĂŒr. Innerhalb kĂŒrzester Zeit wurden global und auch in den meisten LĂ€ndern Gesetze eingefĂŒhrt und durchgesetzt, die der Versorgung von Allen dienten, statt die StĂ€rkeren systematisch zu bevorzugen. Illegitime Vermögensmassen wie Konzerne, Finanzinvestoren oder große Stiftungen wurden aufgelöst, die Börsen geschlossen. Rohstoffe und Energie wurden kontingentiert, die Herstellung von Agrargiften und chemischen DĂŒngemitteln verboten und die gesamte KonsumgĂŒterproduktion weltweit heruntergefahren.
Auch die Umstrukturierung der Landwirtschaft ist eine der Folgen aus den großen Katastrophen. Die vermeintlich segensreiche Digitalisierung wurde weitgehend dezentralisiert und regionale Netze als Hilfsmittel und ErgĂ€nzung fĂŒr RĂ€teversammlungen aufgebaut. Das weltweite Internet ist sehr schlank geworden und wird vom Globalrat bewirtschaftet. Die allgemeine Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft findet ihren Ausdruck auch in konvivialen Technologien (2), die so niedrigschwellig wie möglich funktionieren. Das Wichtigste ist jedoch der kulturelle Wandel, weg von High-Tech-Macht- und Machbarkeitsphantasien hin zu einer fĂŒrsorglichen und wertschĂ€tzenden Haltung gegenĂŒber Mensch und Natur.




Quelle: Graswurzel.net