September 13, 2022
Von Lower Class Magazine
35 ansichten

Von Ya Basta Jena

Die indigene Rebell*innen aus Südmexiko, die Zapatistas, haben letztes Jahr eine Delegation von 180 Personen auf Europareise geschickt – um zuzuhören und ihr Wort zu verbreiten. Seit 1983 organisieren sich die Zapatistas unabhängig vom mexikanischen Staat, nachdem dieser die indigene Bevölkerung jahrhundertelang getötet, missachtet und verraten hat. Seitdem haben die Zapatistas ihre eigenen Strukturen aufgebaut, angefangen bei einer autonomen, basisdemokratisch organisierten Regierung bis hin zu eigenen Gesundheits- und Bildungszentren und diversen Kollektivbetrieben. So konnten sie die Lebensbedingungen in ihren Gemeinden stark verbessern. Aktuell sind die Gemeinden wieder einmal stark von Angriffen durch den Staat und seine Paramilitärs betroffen und werden zusätzlich zunehmend von Drogenkartellen bedroht. In diesem Text beschreiben wir, die Thüringen-Vernetzung zur Organisation der Reise, welche Erkenntnisse wir aus dem Besuch von insgesamt 11 Compañeras und Compañeros in der Kommune Walterhausen mitnehmen, welche Fragen sich für uns aufgeworfen haben und wie wir das alles auf die Bewegung von links und unten hier in Deutschland beziehen. (Teil 1 von 2)

Fragend schreiten wir voran

Viele Fragen hat der einzigartige Besuch unserer zapatistischen Genoss*innen aufgeworfen. Was lernen wir aus ihren Worten und Gesten? Welche Verantwortung erwächst für uns aus ihrer Europareise? Wie können wir uns global und lokal besser, langfristiger, ernsthafter und lebendiger organisieren? Wir, die Thüringer Kerngruppe der Zapatista-Reise-Orga, wollen einen Einblick in unsere Reflexion geben.  Zu Beginn wollen wir allerdings Transparenz darüber schaffen, wer wir sind und welche Perspektiven wir auf die Reise der Zapatistas haben. Wir sind eine weiße Gruppe an Menschen, überwiegend weiblich sozialisiert ist und einige von uns sind in Ostdeutschland aufgewachsen. Wir bilden verschiedene Altersgruppen ab. Damit wollen wir sagen, dass unser Blick nur einen kleinen Ausschnitt der gesellschaftlichen Perspektiven sichtbar macht. Dennoch freuen wir uns, diesen mit euch zu teilen und laden auch euch herzlich dazu ein, diesen Blick, um eure Perspektiven zu erweitern. Schreibt uns also gerne, was für euch inhaltlich bemerkenswert war, wenn ihr unsere Fragen in euren Gruppen weiterspinnt, schickt uns eure Antworten und neuen Fragen, oder diskutiert sie in weiteren Treffen mit uns „Wir werden Eure Worte in unsere Gemeinden tragen und mit den tausenden zapatistischen Compañeras und Compañeros besprechen“, haben die Zapatistas zu uns gesagt. Uns haben sie gebeten, ihr Wort in unsere Kollektive, Gruppen, Familien, Wohnprojekte und Organisationen zu tragen und zu diskutieren, damit wir dann gemeinsam besprechen können, was zu tun ist. Auf dass der Samen des Widerstands und der Rebellion aufgehe!

Die Notwendigkeit des “Kampfes”

“Wir machen das nicht zum Spaß, es ist ein Kampf aus Notwendigkeit und anstrengend”. Diese Botschaft blieb hängen. Wie ist das bei uns? Ein Compa meinte, als sie uns nach dem Leben in der Kommune Waltershausen befragten: “Ihr würdet vermutlich auch lieber in Privathäusern wohnen statt in einem gemeinsamen Haus, wenn ihr könntet…?”

Nein, bei uns wäre es oft leichter, den Mainstream-Weg zu gehen. “Wir”, Weiße, im globalen und auch deutschen Kontext Privilegierten – bei uns geht es eher darum, Privilegien abzugeben, statt für unsere persönliche Lebensverbesserung zu kämpfen. So könnten viele von uns zumindest materiell bessergestellt sein, wenn wir uns für den erwarteten Weg von Studium und Lohnarbeit entscheiden würden. Stattdessen geht es häufig darum, für die Lebensverbesserung anderer oder der Gesamtgesellschaft einzutreten. Ist das der Grund dafür, dass linke Organisierung so schwierig ist? Ist eine Organisierung im gefühlten “Schlaraffenland” überhaupt möglich? Welche Chance haben wir, wo hier scheinbar die Dringlichkeit und existenzielle Bedrohung fehlt? Wie können wir Bequemlichkeit bekämpfen? Wie können wir verhindern, dass unsere Kämpfe nur das System stabilisieren, das wir eigentlich bekämpfen wollen? Eine radikalere Positionierung mag „leichter“ sein, wenn man schon “unten” angekommen ist, keine Papiere hat, kaum etwas verlieren kann. Oder…? Was ist ausschlaggebend dafür, dass sich Menschen entscheiden zu kämpfen, wenn nicht unbedingt die soziale Position? Wie können wir der bestehenden Verantwortung, durch unsere Geschichte als kolonialisierende Mächte, gerecht werden. Wir leben im Herzen der Bestie und tragen somit die Verantwortung, genau hier grundsätzliche Veränderung der bestehenden Unterdrückungssysteme einzufordern und zu bewirken! Wieso übernehmen wir so wenig langfristige und verbindliche Verantwortung? Wie können wir das Bewusstsein bekommen und halten, unsere privilegierte Lebensgrundlage zu nutzen, um für ein gutes Leben für alle zu kämpfen?

Langsam, aber stetig: Die Ausdauer der Zapatistas

Vor ca. 40 Jahren begann die Organisierung der Zapatistas im Untergrund; vor knapp 30 Jahren begann der sichtbare Aufstand und Aufbau alternativer Strukturen. Bei uns zu Besuch waren auch 19- und 21-jährige Zapatistas, die in die zapatistische Bewegung hineingeboren wurden und voller Eifer dahinterstehen. Wie ist diese Ausdauer möglich?
Bei uns geht es oft um Planungen von einem halben Jahr, einer Aktion, Demo, Kampagne – und wird der Erfolg nicht erzielt, wendet man sich frustriert von der Bewegung ab und zieht sich ins Private zurück. Oft bleibt auch der schale Beigeschmack, dass sich viele vor allem fürs Ego engagieren, um sich moralisch über andere zu erhöhen. Aber wie ernsthaft und verbindlich sind wir in unserem “Kampf”? Wie gestalten wir ihn aus, damit wir langfristig aktiv sein können? Wir überlegten: Hängt die Ausdauer auch daran, dass es weiterhin ein Kampf der Notwendigkeit ist? Dass es einen klaren gemeinsamen Feind gibt, der zusammenschweißt (den Staat, dessen Militär, die Paramilitärs bei den Zapatistas)?
Dass dort nur durch die gemeinsame Organisierung Grundbedürfnisse gedeckt werden können? Wobei hier die Taktik der Regierung ist, Gegenangebote zu schaffen. Wird ein zapatistisches Gesundheitszentrum gebaut, folgt häufig ein staatliches im gleichen Ort (während in Nicht-Zapatista-Gebieten oft weiterhin null Infrastruktur ist) – manche Zapatistas konnten dadurch aus der Bewegung gezogen werden. Doch viele bleiben. Was hält sie, obwohl doch viel Zeit und Energie in die Organisierung geht? Es geht schließlich auch um positive Erfahrung, um Kollektivität, um Kultur.

Zuhören, Geschichten, Bilder und Contra-Kultur

In vielen Situationen während des Besuchs fiel uns die zentrale Rolle der zapatistischen Geschichten und Symbole auf. Beim Gestalten eines gemeinsamen “murals” (Wand- bzw. Treppenbilds) malten die jungen Zapatistas ganz selbstverständlich den Mais (als Lebensspender), beschrieben die sieben Prinzipien des guten Regierens, zeichneten den roten Stern mit seinen fünf Spitzen (die 5 Kontinente) und die Schnecke (“caracol”): Das vielleicht wichtigste Symbol der Ausdauer, des langsamen, aber unbeirrbaren, fragenden Voranschreitens. Als die Zapatistas uns am letzten Abend mit einem kleinen Musikauftritt überraschten, sangen sie ihre Lieder, die die Geschichten des Widerstands erzählen („corridos“). Bei der öffentlichen Veranstaltung erzählten sie ihre Geschichte der Rebellion und des Widerstands.  Eine Geschichte der Indigenen, nicht erzählt von den Kolonisator*innen, sondern von ihnen selbst. Verschiedene Compas erzählten Teile der Geschichte, beginnend mit den Erlebnissen ihrer Großeltern in Leibeigenschaft auf den Großgrundbesitzen, der klandestinen Organisierung, des Aufstands und des langjährigen Widerstands. Es waren lebendige Geschichten, die auch von den Wiederholungen und Emotionen lebten. Vielleicht waren die Compas weniger „effizient“ im Erzählen, redeten nicht nur sachlich und kopfgesteuert – sondern sprachen aus dem Herzen. Das ermöglichte, sich nicht nur rational, sondern auch auf Gefühlsebene zu verstehen… Geschichten schaffen Verletzlichkeit und Nähe.

Bei unserer Diskussion zu patriarchaler Gewalt, die zwischendurch nach Geschlechtern getrennt stattfand, fragte eine Compa, was wir eigentlich unter Patriarchat verstünden. Eine Definition fiel uns schwer. Da wurde uns deutlich, wie abstrakt wir oft reden – wie sehr an unseren Lebensrealitäten vorbei. Geschichten erzählen macht greifbar, wogegen und wofür wir uns verbünden wollen – und dafür braucht es nicht unbedingt ein ausgereiftes theoretisches Konzept oder leer gewordene Worthülsen. Auch in der Gruppe der Männer spielten die Geschichten eine zentrale Rolle. Wir fragten, wie sie den enormen Haltungswechsel bei den Männern innerhalb weniger Jahrzehnte erreichen konnten: Von einer Gesellschaft, in der manche Väter ihre Töchter noch zwangsverheirateten, in der die Frau als Eigentum des Mannes betrachtet und ohne jedes politische Recht, ohne Bildung und ohne Freiheiten im Haus gehalten wurden, hin zu einer Organisation, in der der Respekt vor Frauen eine zentrale Säule ist, in der alle Selbstverwaltungsgremien paritätisch besetzt sind und Frauen aktiv dazu animiert werden, immer mehr Verantwortung zu übernehmen und selbstbewusster aufzutreten. Wir konnten bei den Männern spüren, dass sie die Befreiung der Frau nicht als eine abstrakte moralische Pflicht sahen, sie war ihr eigenes Bedürfnis. Im Gespräch stellte sich heraus, dass auch hier das Geschichten erzählen und das Zuhören – beides vom Herzen aus! – das wichtigste Mittel war. Indem die Frauen ihren Schmerz in Form unzähliger Geschichten teilten und die Männer mit offenem Herzen zuhörten, wurde ein kollektiver Schmerz geschaffen. Diesen Schmerz zu lindern, die Wunden zu heilen und die Ursache zu bekämpfen, wurde das persönliche Interesse aller.

Fehlt uns solch eine linke Contra-Kultur? Gemeinsame Symbolik und Geschichten – über erfolgreichen Widerstand hier, über unser Leiden, über unsere Hoffnungen und Utopien? Wie können wir dahin kommen? In den Treffen während und nach der Reise probierten wir es aus und konnten bereits die Erfahrung machen, wie viel mehr Verbundenheit das Teilen von Geschichten und das offene, urteilsfreie Zuhören schaffen. Erst durch diese Nähe erhalten theoretische Erkenntnisse emotionale Tiefe und damit auch Gewicht, das uns veranlasst, unser Handeln nach diesen Erkenntnissen auszurichten.

In der Thüringer Vernetzung zur Reise waren es nicht zuletzt die Geschichten, die wir den Compas von uns erzählt haben, die uns untereinander nähergebracht haben. Teilweise waren sie wohl für uns viel interessanter als für sie, da wir so Vieles voneinander noch nicht wussten, obwohl wir über Jahre und Jahrzehnte in der gleichen Gegend verwandte Kämpfe führen. Wie können wir in Geschichten und Kultur deutlich machen, dass der kapitalistische Lifestyle auch für die Privilegierten nicht nur “schön” ist. Dass er nicht glücklich macht, sondern vereinzelt, entfremdet, Energie frisst und krank macht. Wie können wir eine schlüssige und kraftvolle Gegenerzählung finden? Unser Eindruck ist, dass der linken Bewegung, die wir bisher hier vor Ort kennengelernt haben, genau diese gemeinsam ausgehandelten Prinzipien fehlen. Wir haben keine ausformulierten Grundlagen, sondern stehen auf instabilem Boden der großen Worte „anti-rassistisch, feministisch, anti-kapitalistisch, anti-antisemitisch, ….“, ohne dabei genau zu wissen, welches Verständnis einer Praxis dahintersteht. Dadurch entstehen immer wieder die gleichen grundsätzlichen Fragen, die in jeder Gruppe neu ausgehandelt werden müssen. Die Mentalität einer kapitalistischen, individualisierten Gesellschaft und die dabei fehlende Bezugnahme aufeinander als Teil einer großen Bewegung werden dadurch spürbar.  Was sind die Maßstäbe, an denen wir unser Handeln als emanzipatorische Kräfte messen, an denen wir uns kritisieren und somit auch wachsen können– mit einem gemeinsamen Verständnis?

Kollektive Identität

Hängt dieses Fehlen gemeinsamer Geschichten und die Schwierigkeit der linken Organisierung hier damit zusammen, dass eine kollektive Identität fehlt? Bei den Zapatistas gibt es einen geteilten Schmerz, die Unterdrückung ihrer Vorfahren, die existenzielle Notwendigkeit. Zapatista-Sein ist eine kollektive Identität. Bei uns scheint dies sehr schwer. Wir leben meist völlig vereinzelt und individualisiert. In der Postmoderne scheinen wir lieber alles „dekonstruieren“ zu wollen, hängen uns an den Unterschieden auf. Dennoch: In den Zapatista-Gebieten gibt es verschiedene Sprachen (teilweise verstehen sich Gemeinden untereinander ohne Übersetzung nicht), unterschiedliche Religionen, es gibt Hoch- und Tiefland, heiße und kalte Klimazonen, auch immer noch große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die kollektive Identität wurde aufgebaut und erarbeitet. Eine kollektive Identität widerspricht auch nicht dem anderen Ideal der Zapatistas: Eine Welt aufzubauen, in der viele Welten möglich sind. Wie könnten wir, statt Identitäten zu unterscheiden, mehr Gewicht darauf legen, was wir Gemeinsames haben? Wie könnte es gelingen, uns vielleicht weniger an Einzelheiten aufzuhängen, und stattdessen das große Ganze zu erkennen und gemeinsam zu kämpfen? Auch das war eine sehr eindrückliche Erfahrung der Reise: Wie viel „wir“ (die Menschen von links und unten) doch eigentlich gemeinsam haben, wie viel wir gemeinsam erreichen können, wenn wir uns schlicht und einfach von unserem Fokus auf die Unterschiede lösen und das Gemeinsame stärker würdigen. Außerdem lernen wir uns dadurch besser gegenseitig kennen, entdecken noch mehr Gemeinsamkeiten und noch viel mehr Unterschiede – aber wir lernen auch, die Unterschiede zu respektieren und sogar als eine Stärke zu erkennen!

#Titelbild: Kommune Waltershausen




Quelle: Lowerclassmag.com