Juni 9, 2021
Von InfoRiot
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Potsdam – „Ihr seid aber auch die Streiter Gottes, die nicht ruhen dĂŒrfen, bis sein heiliges Wort fĂŒr alle Völker gilt! Nicht Friede darf werden auf Erden, bis das heilige Evangelium der Glaube aller Völker ist.“ So predigte Divisionspfarrer Johannes Kessler am 26. Juli 1900 in der Garnisonkirche Potsdam zu den Soldaten, die zur Niederschlagung des Boxeraufstandes nach China aufbrachen. Laut der Initiative Lernort Garnisonkirche waren solche Predigten in dem Gotteshaus keine EinzelfĂ€lle, sondern standen tief in der Tradition des preußischen Nationalprotestantismus, dessen wichtigster Symbolort die Garnisonkirche war.

„Wenn man sich die historischen Fakten anschaut, muss man feststellen, dass die Garnisonkirche ein Walhalla deutscher Gotteskrieger war“, sagt Architekt Philipp Oswalt von der Lernort-Initiative, die am Dienstag neue Forschungsergebnisse zum Nationalprotestantismus und zur Rolle der Garnisonkirche veröffentlichte.

Kritiker: Kirche stellt sich der eigenen Geschichte nicht

„Bislang hat in der Wiederaufbaudiskussion die kirchliche Tradition des Ortes kaum eine Rolle gespielt, die aber fĂŒr diesen Ort deutscher Geschichte wesentlich war“, sagt Oswalt. „Es ist unerklĂ€rlich und unverantwortlich, dass die Evangelische Kirche trotz einer 30-jĂ€hrigen Kontroverse ĂŒber den von ihr betriebenen Wiederaufbau nicht bereit war, sich ihrer eigenen Geschichte an diesem Ort zu stellen und entsprechende Forschung ignoriert hat.“ Daher habe die Lernort-Initiative und ihr 13-köpfiger wissenschaftlicher Beirat vor einem Jahr die Aufarbeitung selbst in die Hand genommen. Das sei keineswegs schwierig gewesen, so Oswalt, Quellen gebe es zur GenĂŒge, in den Archiven seien zahlreiche Predigten frei zugĂ€nglich.

Philipp Oswalt von der Initiative Lernort Garnisonkirche.Foto: privat

Nun hat die Initiative ihre Ergebnisse und Analysen nebst etlichen AuszĂŒgen aus Originaldokumenten auf ihrer Webseite veröffentlicht. Zusammen mit der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung veranstaltet sie zudem am 1. und 2. Oktober ein Symposium mit dem Titel „Gott mit uns! – Das schwierige Erbe des Nationalprotestantismus“, auf dem unter anderem die Verbindung der Garnisonkirche mit den deutschen Kolonialkriegen und dem Völkermord an den Herero und Nama thematisiert wird, aber auch die Rolle der MilitĂ€rseelsorge und christlich legitimierter Rassismus und Antisemitismus. Auch eine Podiumsdiskussion unter Beteiligung von Altbischoff Wolfgang Huber ist angekĂŒndigt.

Was unter Nationalprotestantismus zu verstehen ist, illustriert ein Zitat des Hof- und Garnisonpredigers Max Schmidt, der am 8. November 1907 bei einer Soldatenvereidigung in Potsdam predigte: „Jeder Soldat, ja jeder Knabe weiß, daß es euer kaiserlicher Kriegsherr ist, dem Gott das deutsche Schwert zu fĂŒhren gegeben hat.“ Johannes Kessler sah in dem Kolonialkrieg in China gar den „tausendjĂ€hrigen Kampf zwischen Morgen- und Abendland“ wieder anbrechen.

Ein Hort christlicher Werte?

Der Ansicht vieler WiederaufbaubefĂŒrworter:innen, dass die Garnisonkirche ein Hort christlicher Werte und preußischer Tugenden gewesen sei, der am Tag von Potsdam „fĂŒr eine Dreiviertelstunde“ missbraucht worden sei, widerspricht Philipp Oswalt entschieden: „Leider ist die Garnisonkirche spĂ€testens seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein bitteres Beispiel fĂŒr das Wirken des deutschen Nationalprotestantismus, der fĂŒr Antisemitismus, Frankophobie, Polenhass, völkisches Denken, Rassismus, Militarismus, Demokratiefeindlichkeit und Obrigkeitsgehorsam stand.“

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SpÀtestens seit der Berufung von August Ludwig Bollert im Jahr 1847 zum Hof- und Garnisonprediger der Garnisonkirche Potsdam hÀtten nahezu alle dort wirkenden Pfarrer solche Haltungen gepredigt und Völkermord, Angriffskriege, Kriegsverbrechen und Völkerhass als Vertreter der evangelischen Kirche religiös legitimiert und gesegnet.

Im Inneren des in Bau befindliche Turms der Garnisonkirche, MĂ€rz 2021.Foto: Ottmar Winter

Zu dieser Tradition gebe es keinen erkennbaren Bruch im originalgetreuen Wiederaufbau des Turmes der Garnisonkirche, heißt es von Seiten der Lernort-Initiative. Der Religionswissenschaftler Horst Junginger spricht sich unter anderem dagegen aus, dass der preußische Adler mit der Sonne wieder auf die Spitze des Turmes gesetzt wird: Die Figur sei ein militaristisches Gleichnis, das gegen Frankreich gerichtet sei und den Anspruch zeige, „Europa zu dominieren“.

Wieland Eschenburg von der Stiftung Garnisonkirche.Foto: Sebastian Gabsch

Die Garnisonkirchenstiftung betonte auf Nachfrage der PNN, sich im geplanten Lernort im Garnisonkirchenturm kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzen zu wollen: „Was passiert, wenn die Kirche, eine Religionsgemeinschaft oder aber auch eine Partei ein herrschendes Regime mit höheren Weihen versieht? Und was geschieht, wenn staatliche Stellen eine Religion fĂŒr sich instrumentalisieren und benutzen? Das ist brandgefĂ€hrlich! DafĂŒr bietet die Garnisonkirche Anschauungsmaterial, das uns warnen kann“, sagte Stiftungssprecher Wieland Eschenburg.

Der Theologe Andreas Pangritz begrĂŒĂŸt, dass der Diskurs innerhalb der Wiederaufbau-Initiative offener geworden sei, allerdings bemerke er eine deutliche Kluft zwischen „Sprechen und Handeln“: „Ich kann bislang nicht erkennen, dass Konsequenzen aus diesem Lernprozess gezogen wurden.“ Auch Junginger findet, die Wiederaufbaubetreiber:innen machten es sich zu einfach, die Garnisonkirche in eine Friedenskirche umzuwidmen: „Das widerspricht komplett der historischen KontinuitĂ€t der Kirche.“




Quelle: Inforiot.de