Juni 11, 2021
Von End Of Road
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Wieder ein Toter in HĂ€nden der Polizei. Wieder wird das Opfer zunĂ€chst in der medienöffentlichkeit systematisch entmenschlicht und der Tod eines Menschen lediglich zur Skandalisierung eines Artikels inszeniert. Wieder wurde das Bild des „Messermanns“ aufgebaut. Ein nĂŒtzliches rassistisches Bild zur Legitimierung tötlicher Bullengewalt.

Wir wissen leider nicht viel ĂŒber den Tod von Omar. Aber wir wissen, dass es bewaffnete KrĂ€fte gibt, die durch die StĂ€dte ziehen und immer wieder ungestraft morden. Wir hĂ€tten gerne Informationen aus anderen Quellen als der taz. Jedoch konnte wir bisher keine anderen Artikel finden. Schreibt uns gerne wenn ihr mehr wisst. Es folgt ein Artikel aus der taz ĂŒber den Tod Omars.

Kopiert von: taz.de (onion-Adresse)

Artikel von Lukas Door

„Der in Barmbek von Polizisten erschossene PalĂ€stinenser soll Zeugen zufolge niemanden bedroht haben. Neue Videos zeigen den Vorfall.

HAMBURG taz | Am 28. Mai hat die Polizei einen mutmaßlichen Angreifer erschossen, der aus dem Libanon nach Deutschland geflohen war. Seine IdentitĂ€t ist nun bekannt: Er hieß Omar und war PalĂ€stinenser. Laut neuer Zeugenaussagen hatte Omar, entgegen der Darstellung der Polizei, zuvor niemanden bedroht und auch keine Autos beschĂ€digt. „Allahu akbar“ habe er ebenfalls nicht gerufen.

Zudem hat eine neu gegrĂŒndete Initiative „Gerechtigkeit fĂŒr Omar!“ von der gegenĂŒberliegenden Straßenseite aus aufgenommenes Videomaterial verbreitet, aus denen sie den Schluss zieht, dass Omar zu einem Zeitpunkt vor der Tötung am Boden gelegen habe. Um ihn herum bewegen sich zehn bis 15 EinsatzkrĂ€fte. Allerdings ist in den Aufnahmen der Ort des Geschehens von einer Baustellenabsperrung verdeckt. Man hört einen Schrei und Rufe der Polizei.

Hingegen veröffentlichte die Hamburger Morgenpost (Mopo) am gestrigen Montag ein Video, das den Moment der Schussabgabe von oben zeigt: Darin ist klar erkennbar, dass Omar sich unvermittelt in Richtung eines Polizisten umdreht, der ihn verfolgt, und sich auf ihn zu bewegt. Kurz darauf greift sich der Beamte an den Arm und geht zu Boden. Dann werden sieben SchĂŒsse abgegeben. Das vorliegende Material zeigt, dass sich der Vorfall direkt vor Omars Wohnunterkunft und damit vor den Augen der Menschen abspielte.

Die Polizei hatte berichtet, dass Omar an der Kreuzung Hebebrandstraße/Sengelmannstraße Pas­san­t*in­nen mit einem Messer bedroht sowie mehrere Autos beschĂ€digt habe. Die alarmierte Streifenpolizei und das Spezialeinsatzkommando seien trotz Einsatzes von Pfefferspray und eines ElektroschockgerĂ€tes (Taser) nicht in der Lage gewesen, den 36-JĂ€hrigen zu stellen.

Hatte Omar vor den SchĂŒssen schon am Boden gelegen?

Die Polizei hat bis heute weder die Anzahl der EinsatzkrĂ€fte vor Ort bekannt gegeben noch nĂ€here Informationen ĂŒber die mutmaßliche Tatwaffe des PalĂ€stinensers. In der NĂ€he des Tatortes wurde lediglich ein Messergriff gefunden. Die Klinge war am Schaft abgebrochen.

Die von der Initiative veröffentlichten Handyaufzeichnungen zeigen den Vorfall von der anderen Straßenseite. Omar ist nicht direkt zu sehen, er befindet sich hinter einer Baustellenabsperrung. Die EinsatzkrĂ€fte scheinen ihn eingekreist zu haben. Gestik und Blickrichtung legen nahe, dass Omar vor ihnen am Boden liegt. Im Verlauf des knapp 30-sekĂŒndigen Videos eilen weitere EinsatzkrĂ€fte hinzu. Diese Aufnahmen scheinen einige Minuten vor der Schussabgabe entstanden zu sein.

Das Video aus der Mopo zeigt dann schließlich den Eskalationsmoment: Omar steht auf beiden Beinen, die Po­li­zis­t*in­nen um ihn herum. Er bewegt sich auf einen Beamten zu, scheint ihn anzugreifen. Sieben SchĂŒsse fallen.

Rafael Behr, Professor fĂŒr Polizeiwissenschaften der Akademie der Polizei Hamburg, hatte den Schusswaffeneinesatz in der taz kritisiert. Vor dem Hintergrund der neuen Aufnahmen reflektiert er den Vorfall erneut: Auf Grundlage des Bildmaterials habe eine Gefahrensituation bestanden. „Den EinsatzkrĂ€ften ist erst einmal nichts vorzuwerfen, da sie ausbildungskonform gehandelt haben“, so Behr. Die Situation sei quasi „katalogartig“: Jemand laufe mit einem Messer auf die EinsatzkrĂ€fte zu, als Konsequenz werde geschossen. „Es bleibt zu kritisieren, dass keine Technologien entwickelt werden, mit denen Personen gefasst werden können, ohne sie zu töten“, bemĂ€ngelt Behr. Es fehle an schnell wirksamen Distanzinstrumenten. Er könne sich vorstellen, dass SchĂ€ume oder Netze funktionieren könnten. „Daran mĂŒsste man forschen und ich frage mich, warum da noch nichts Anwendungsreifes auf dem Markt ist.“

In einer Pressemitteilung der Initiative „Gerechtigkeit fĂŒr Omar!“ heißt es auf Grundlage einer Zeugenaussage eines Bewohners der Wohnunterkunft, Omar habe die Straße vor dem Heim in Richtung Bahnhof RĂŒbenkamp ĂŒberquert, um bei seinem Dealer Marihuana zu kaufen. Ein Autofahrer habe sich daran gestört und gehupt, woraufhin Omar nach dem Auto getreten habe. Es sei dabei nicht beschĂ€digt worden. Der Autofahrer habe im Anschluss die Streifenpolizei alarmiert und sei weitergefahren.

Kein Islamist

Im GesprĂ€ch mit der Initiative Ă€ußerte Omars Mitbewohner, dass er weder psychisch krank noch ein religiöser Extremist gewesen sei und dass er sich auch nicht in einem Rauschzustand befunden habe. Er berichtet, dass auf Omar eingeschrien worden sei, er aber kein Deutsch verstehe. Die Frage, warum Omar als islamistischer Terrorist inszeniert wurde, bleibt offen. Ein Pressesprecher der Polizei betont, dass die Schilderungen der letzten Pressemitteilung vom 29. Mai weiterhin Bestand hĂ€tten.

Der Hamburger Rechtsanwalt MĂŒlayim HĂŒseyin ist MitbegrĂŒnder von „Gerechtigkeit fĂŒr Omar!“. Die Initiative fordert die Auflösung des Spezialeinsatzkommandos (SEK), die Suspendierung aller beteiligten EinsatzkrĂ€fte vom Dienst sowie eine Auseinandersetzung mit Rassismus im Zuge der Ermittlungen. Nach Darstellung von Polizei und Staatsanwaltschaft dauern die Ermittlungen weiterhin an. Neue Informationen gebe es keine.

Laut der Aussage des Bewohners seiner Unterkunft kam Omar vor etwa zwei bis drei Monaten wegen aufenthaltsrechtlicher Probleme aus der Haft in die WohnstĂ€tte. Er habe von einer RĂŒckkehr nach PalĂ€stina getrĂ€umt. Um Omars Beerdigung, die heute stattfinden soll, kĂŒmmere sich seine Schwester, die in Dortmund wohne. Wann der Obduktionsbericht vorliegen werde, sei unklar, sagt die Staatsanwaltschaft.“




Quelle: Endofroad.blackblogs.org