Mai 14, 2021
Von InfoRiot
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Stefan Boness/IPON

Dank den Befreiern: Gedenkversammlung am Sonnabend vor dem Sowjetischen Ehrenmal im Berliner Tiergarten

Wie wurde das Gedenken an diesem 8. Mai, dem 76. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg, aufgrund der Coronapandemie begangen?

Wir mussten in diesem Jahr erneut das Gedenken nahezu ausschließlich in den virtuellen Raum verlagern. Die Jahrestage der Befreiung von RavensbrĂŒck und Sachsenhausen haben wir mit Gedenkveranstaltungen, Kultur, Information und Diskussion gestaltet, was gut rezipiert wurde. Dennoch war es schmerzhaft: Üblicherweise kommen die Überlebenden und Angehörigen, und der Tag ist stark von persönlichen Begegnungen geprĂ€gt.

Wie schwierig ist es, das Gedenken aufrechtzuerhalten, da viele Zeitzeugen verstorben sind?

Wir sind in einer Transformationsphase. Wenn diese Menschen nicht mehr am Leben sind, wird sich das Gedenken verĂ€ndern mĂŒssen. Doch auch fĂŒr die Generation der Kinder und Enkel ist es wichtig, das Andenken an ihre Familiengeschichte lebendig zu halten. Vermittlungsarbeit findet mitunter schon heute ohne Zeitzeuginnen und -zeugen statt.

Obgleich hÀufig gefordert, ist der 8. Mai nicht bundesweit zum offiziellen Feiertag erhoben. WÀre das wichtig, um die Geschichte des deutschen Faschismus in Erinnerung zu behalten?

Das ist eine politische Entscheidung. Aber auch in der historischen Zunft gibt es dazu kein einhelliges Meinungsbild. Ich hielte es fĂŒr ein wichtiges Signal, den Tag feierlich zu begehen, weil Deutschland von den Alliierten damals befreit wurde und dies fĂŒr die weitere Entwicklung hierzulande sehr entscheidend war. Ich kenne aber auch kritische Stimmen dazu. Historiker warnen, dass die Deutschen etwa an diesem Tag den Eindruck erwecken könnten, es gĂ€be GrĂŒnde zu feiern, weil sie sich angeblich selbst von den Nationalsozialisten befreit hĂ€tten. Es gibt aber keine Eigenleistung, dass sie sich vom Joch des Faschismus befreit haben. Im Gegenteil, weite Teile der Gesellschaft waren verstrickt in die Verbrechen oder zumindest Mitwisser. Es gab keine »Stunde Null«, sondern sogar NS-KontinuitĂ€ten in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik.

Wie ist es um den Erhalt von GedenkstĂ€tten fĂŒr die Rote Armee bestellt?

In Brandenburg gibt es zahlreiche DenkmĂ€ler, sie werden auch gepflegt. Ein Sowjetisches Ehrenmal, ein Obelisk mit rotem Stern, in unmittelbarer NĂ€he zur GedenkstĂ€tte Sachsenhausen ist fester Bestandteil von Gedenkritualen anlĂ€sslich der Jahrestage der Befreiung, an der ĂŒbrigens auch polnische Soldaten beteiligt waren. In diesem Jahr war ich mit Vertretern des Internationalen Sachsenhausen-Komitees dort.

Spielt das Gedenken an die Befreiung durch die Rote Armee eine besondere Rolle gegenĂŒber dem an die durch andere Befreier?

Es gibt keine maßgeblichen Unterschiede, ob es sich um die Befreiung durch die Rote Armee oder durch die Westalliierten handelt. In der Erinnerung fĂŒr die Überlebenden war und ist der Moment, als ihnen die Befreier gegenĂŒberstanden, eine der wichtigsten Begegnungen. Das Gedenken an die Rote Armee ist durch zwei Aspekte bestimmt: Sie waren Befreier und Opfer. In Sachsenhausen wurden etwa 10.000 sowjetische Kriegsgefangene systematisch mit der »Genickschussanlage« ermordet.

Wie kann AfD-Politikern wie Alexander Gauland der Wind aus den Segeln genommen werden, der gegen den 8. Mai als Feiertag plĂ€dierte, weil der ein Tag einer »absoluten Niederlage« und nur fĂŒr KZ-Insassen ein Tag der Befreiung gewesen sei?

Wir können glĂŒcklich sein, dass das Regime mit dem gewalttĂ€tigen SS- und Polizeiapparat untergegangen ist. Das war nur durch die Truppen der Alliierten möglich. In der letzten Phase des Krieges nahm die Gewalt nochmals deutlich zu, weil es viele ÜberzeugungstĂ€terinnen und -tĂ€ter gab. Umgekehrt wĂŒrde es heißen, wir bedauern die Niederlage der Wehrmacht. Das wĂ€re grotesk.




Quelle: Inforiot.de