Juni 3, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 4 Minuten

Es ist so leicht ein Buch zu veröffentlichen. Und gleichzeitig so schwer, wenn man nicht weiß, wo man damit eigentlich hin und an wen man sich richten will. Es einfach sein lassen mit der akademischen Karriere, weil die ja eh sinnlos und eine Illusion ist? Oder sich die Wege offen halten, in den sauren Apfel beißen, dem entsprechenden Verlag die Kohle in den Rachen werfen? Tja, das sind eben Fragen ĂŒber Fragen, die mich bewegen. Und einige Anregungen dahingehend habe ich auch von einem integren Verleger im ZwiegesprĂ€ch erhalten. Denn es ist nun mal nicht so, als wĂ€re alles heile im Anarch@-Wunderland. Das lĂ€sst sich leider nicht sagen.

Mehr das Gemeinsame suchen als das Trennende, habe ich mir dennoch vorgenommen. Dass diesmal keine „Insus“ am Start waren macht es das leichter? Ja und nein. Vom Publizieren kommen wir sicherlich allein nicht zur Revolte. Insbesondere, wenn wir uns damit vor allem selbst bespaßen. Und das betrifft wohl genauso jene Gruppe, die eher seriös-trockene Klassiker*innen prĂ€sentieren, als den DIY-/Punk-/Szene-Versand, der sich ebenfalls auf sein Klientel bezieht. Beziehen muss. Die Frage, was fĂŒr Publikationen eine anarchistische Szene braucht, hat z.B. schon Johann Most in einem Beitrag besprochen. Auch er war unzufrieden mit der Gesamtsituation und hatte wie ich super schlaue VorschlĂ€ge, wie man alles besser machen könnte. Respektive, was die anderen besser machen sollten. Eine fundierte anarchistische Theoriezeitschrift fehlt zum Beispiel.

Krieg und Frieden. Tja, war nicht so leicht auf der Buchmesse, wo die GraswurzelrevolutionĂ€r*innen ihren 50sten Geburtstag gefeiert haben – was ihnen meinerseits herzlich gegönnt sei. Schwierig aber, wenn Personen nicht nachvollziehen können, dass es sich gegen Russland als Manifestation eines globalen Aufstiegs des Faschismus zu wehren und aufzubegehren gilt. Hundert Milliarden fĂŒr die deutsche AufrĂŒstung und den damit verbundenen Militarismus der europĂ€ischen Gesellschaft hin oder her. SelbstverstĂ€ndlich ist das beschissen und keine unserer Forderung, keine Frage. Aber direkte Hilfe, UnterstĂŒtzung und eben gerne auch Waffen fĂŒr unsere Genoss*innen in der Ukraine, die es sich verdammt noch mal nicht ausgesucht haben, gegen das paranoide Putin-Regime kĂ€mpfen zu mĂŒssen – das muss doch drin sein.

Debatten im entsprechenden Kontext sind jene zwischen verschiedenen ideologisch-weltanschaulichen Überzeugungen. Aber auch solche zwischen Generationen. Und das ist spannend, denn nach wie vor bin ich der Ansicht, es wĂ€re sinnvoll und erforderlich, eine Form zu finden, um die kontroversen Standpunkte im Anarchismus respektvoll und auf Augenhöhe auszudiskutieren. Nicht, damit wir unterm Strich alle einer Meinung sind. Diese Gefahr besteht sicherlich nicht! Sondern, damit wir gemeinsam im VerstĂ€ndigungsprozess weiter kommen und vor allem auch gemeinsame KĂ€mpfe fĂŒhren können, anstatt uns ins GrabenkĂ€mpfen zu verlieren. Alles nicht so einfach, ich weiß. Aber einen Versuch wĂ€re es – auch bei einem nĂ€chsten Mal – wert. Zu den plattformistischen Anarcho-Kommunistischenn habe ich mich dann allerdings nicht getraut. Meinerseits fehlte der Anlass. Ihrerseits waren sie halt zu adrett und straight. Obwohl sie’s mehr als alle anderen sind, haben sie glaub ich wenig VerstĂ€ndnis fĂŒr die lost boys, die zu ihrem freien Fall stehen.

Dann habe ich auch selber etwas vorgetragen. Ich fand mich recht lustig, aber das auch, um zu ĂŒberspielen, dass ich erst nicht so Bock hatte und das Ganze schon fast einen ArbeitsatmosphĂ€re angenommen hatte fĂŒr mich – was es unter Genoss*innen nicht sein sollte, denn blöderweise habe ich so viele lieb, auch wenn ich das schlecht zeigen kann. Und ich damit vermutlich wiederum meine Unsicherheiten ĂŒberspiele. Ja Mist, viel zum Nachdenken ĂŒber mich selbst wieder dieser Tage. So ist es halt manchmal. Warten wir nen Sommer, vielleicht wird’s besser. Vielleicht brauche ich nen Job, vielleicht sollte ich publizieren, vielleicht kommt eine Prinzessin oder ein Prinz, mich zu erlösen vom romantischen Jammertal – who knows.

Letztendlich war es toll, mal wieder ein paar Menschen zu begegnen, die ich gefĂŒhlt einige Jahre nicht mehr gesehen habe. Toll, toll, toll. Gute Menschen, super KĂ€mpfer*innen auf ihre je eigene Weise. Schade auch von den verschiedenen Konflikten in unterschiedlichen StĂ€dten zu hören. Verdammte Axt, die Pandemie-Situation hat es fĂŒr viele lokale ZusammenhĂ€nge echt nicht einfacher gemacht. Und zwar gar nicht mal wegen dem Thema Corona selbst unbedingt, sondern weil die mitlaufenden Aggressionen, die diese Gesellschaft hervorbringt, eskalierten. Bei maximal schlechter Gesellschaftskritik wird das Misstrauen auf die NĂ€chsten projiziert – statt an den objektiv eindeutigeren Verursacher*innen der sozialen Misere, in welche uns das Seuchen-Management gebracht hat.

Schwierig, schwierig, schwierig. Und ich mittendrin. Mitten in den BĂŒchern und so. Hatte gar keinen richtigen Blick dafĂŒr. Liegt wohl wiederum an der professionellen Distanz zu den Sachen. TatsĂ€chlich habe ich nur ein Buch erworben. Und zwar von Ulrich Klemm, „Anarchisten als PĂ€dagogen“. Nicht, das uns die PĂ€dagogik retten wĂŒrde. Vielleicht dachte ich beim Kauf aber daran, dass sie es auch nicht schadet, auf die nachfolgenden Generationen zu setzen. Bis ans Ende des Jahrtausends gebe ich der Menschheit, um weitgehend libertĂ€r-sozialistische VerhĂ€ltnisse zu erkĂ€mpfen. Ich denke, das ist eine realistische EinschĂ€tzung, fĂŒr die wir nun leider wiederum nicht auf historische GesetzmĂ€ĂŸigkeiten setzen, sondern im Hier&Jetzt kĂ€mpfen mĂŒssen.

Nun ja und da waren auch zwei Personen, zu denen ich einen guten Draht hatte, wie ich finde. Ich habe nicht noch mal nachgefragt. Muss ich bei der nĂ€chsten Gelegenheit machen. Klar, wir reagieren alle ganz unterschiedlich aufeinander. Aber in meiner offenen Verschlossenheit habe ich doch plötzlich sehr aufgehoben gefĂŒhlt, bei unserer Begegnung, bei unserem GesprĂ€ch. Lief ich frĂŒher von Vortrag zu Vortrag, um fleißig die Inhalte aufzusaugen und sicherlich auch in der Hoffnung auf ein anschließendes GesprĂ€ch im kleinen GrĂŒppchen, finde ich mich plötzlich meistens vor der TĂŒr stehend wieder – wartend, bis ich mit jemandem ins GesprĂ€ch komme. Mensch, bin ich alt geworden denke ich mir. Aber was sage ich dann wohl in zehn Jahren? Am besten die Ă€hnlichen Kamellen, die mir in Mannheim manchmal durch den Kopf gehen. Ich kann nicht konkret benennen, wieso. Aber der Westen ist halt nicht der Osten.

An die Organisierenden: Versteht nicht mich falsch – ich bedanke mich wirklich ehrlich fĂŒr eure Arbeit und das ihr das Event stemmt. Die artikulierten Verunsicherungen sind ganz meinerseits und gar nicht an euch gerichtet. In diesem Sinne: Gerne wieder. Vielleicht mal mit ein klein wenig mehr Abwechslung. Aber dazu kann ich ja ebenfalls beitragen.




Quelle: Paradox-a.de