Mai 6, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Über den Kontext des anhaltenden bewaffneten Konflikts in Tigray, die kĂ€mpfenden Fraktionen und die Vertreibung und Gewalt, unter der die Bewohnenden der Region leiden sowie der Gruppe Horn Anarchists. Aus dem Interview von The Final Straw Radio mit Anner, einem Ă€thiopischen Mitglied von Horn Anarchists, einer anarchistischen Gruppe mit Sitz in Ostafrika.

TFSR: WĂŒrdest du dich bitte vorstellen, wenn du magst, und uns ein bisschen ĂŒber Horn Anarchists als kollektives Projekt erzĂ€hlen? Was sind eure gemeinsamen Werte? Was macht ihr? Wo seid ihr beheimatet, und wie lange gibt es euch schon?

Anner: Ich höre auf den Namen Anner und benutze die Pronomen sie/ihr. Horn Anarchists als kollektives Projekt startete vor etwa einem Jahr mit dem Ziel, anarchistische Ideen und Werte und die Politik des Horns von Afrika zu verbreiten. Individuell waren wir in verschiedenen antifaschistischen, feministischen, Arbeits- und FlĂŒchtlingssolidaritĂ€ts-Organisationen engagiert und kamen spĂ€ter zusammen, um die Werte des Anarchismus und einige unserer Arbeiten in eine gemeinsame, kollektive Organisierung zu bringen. Das meiste von dem, was im letzten Jahr gemacht wurde, war online, da einige unserer Mitglieder in der Diaspora sind, einige von uns am Horn von Afrika leben und wir noch nicht in der Lage waren, zusammenzukommen und in einem Basisprojekt zu arbeiten, aber wir haben die Hoffnung, das zu tun. Angesichts der aktuellen Ereignisse in Tigray und der Krise planen wir, uns im Sudan zu treffen, um dort SolidaritĂ€tsarbeit mit den GeflĂŒchteten zu leisten, die aufgrund des völkermörderischen Krieges gezwungen sind, aus ihrer Heimat zu fliehen.

TFSR: Zur KlÀrung, gibt es eine bestimmte Vision des Anarchismus, die die Leute vereint, oder ist es nur eine Reihe von gemeinsamen Werten? Und könntest du beschreiben, welche das sind?

A: Als Kollektiv sind die Werte, die wir wirklich hochhalten, die der Gleichheit, der Freundlichkeit, der gegenseitigen Hilfe, der SolidaritĂ€t und der Freiwilligkeit, besonders einige von uns wurden durch die verschiedenen freiwilligen AktivitĂ€ten radikalisiert, die wir gemacht haben. Einige von uns wurden durch das Lesen von „zu viel anarchistischer Literatur“ radikalisiert, wĂ€hrend andere durch die Teilnahme an verschiedenen Organisationskreisen radikalisiert wurden. Das sind im Grunde einige der Werte, die wir alle teilen und aufrechterhalten.

TFSR: Moderne anarchistische Organisierung in Afrika, von der ich gehört habe, waren hauptsĂ€chlich Projekte in SĂŒdafrika, VerbĂŒndete der ZACF, oder Leute wie Sam Mbah und die Awakening Movement, eine syndikalistische Bewegung in Nigeria oder in Ägypten wĂ€hrend und nach den AufstĂ€nden gegen Hosni Mubarak. Kannst du ein bisschen ĂŒber das Milieu oder die Bewegung des Anarchismus am Horn von Afrika sprechen?

A: Ja, da hast du definitiv recht. Nun, als wir zusammenkamen, um Horn Anarchists zu grĂŒnden, war eines der Dinge, die wir tun wollten, den Anarchismus in der „dritten Welt“ zu analysieren. Die meiste anarchistische Literatur, die wir studiert haben, war sehr eurozentrisch, also wollten wir verstehen, wie die Geschichte des Anarchismus in unserem Teil der Welt funktioniert, und wir hatten in dieser Hinsicht nicht viel GlĂŒck. Die anarchistischen Bewegungen oder jegliche anarchistische PrĂ€senz, die wir finden konnten, waren an sehr wenigen Orten: es gab einige in Nigeria, SĂŒdafrika, Algerien, ein wenig im Sudan und Ägypten, aber nicht viel, vor allem nicht am Horn. Und eines der Dinge, die wir darauf zurĂŒckfĂŒhren, ist, dass die Siedler_innen in diesem Teil Afrikas, und besonders im Hochland des Horns, sehr hierarchische Gesellschaften sind, die auch sehr religiös sind. Die beiden vorherrschenden Religionen sind das orthodoxe Christentum und der Islam, und beide sind sehr fromm zu ihrer Religion, und das hat eine sehr starke hierarchische Gemeinschaft aufrechterhalten, die ĂŒber Generationen weitergegeben wurde. Und ihre Religion war auch stark mit dem Staat verbunden, und Menschen, die ihre Religion, ihren Gott, liebten, mussten auch den Staat lieben. So war der Anarchismus in unserem Teil der Welt nicht wirklich willkommen.

Die Art und Weise, wie der Anarchismus am Horn von Afrika aufkam, besonders in Äthiopien und Eritrea, hat einen sehr interessanten Aspekt, denn er kam nicht als eigene Bewegung, die anerkannt und klar von anderen Bewegungen abgegrenzt war. Und eigentlich ist es so, dass es in der Geschichte auftaucht, wenn marxistisch-leninistische und andere kommunistische Bewegungen, kommunistische Organisationen es benutzen, um sich gegenseitig zu etikettieren, um zu zeigen, dass die andere weniger erstrebenswert war als sie selbst. Sie wollten einen starken Staat aufbauen, wenn auch einen kommunistischen Staat, und die anderen als Anarchist_innen zu bezeichnen, war ein Weg, um sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit das Vertrauen verliert und sie mit Feindseligkeit betrachtet. Es war ein Weg, den Namen der anderen zu beschmutzen, und so wurde der Anarchismus benutzt, nicht der Anarchismus an sich, sondern das Wort „Anarchist_in“, als Etikett.

TFSR: Im Moment sprechen wir ĂŒber die Nachwirkungen einer „Polizeiaktion“ gegen die nördliche Provinz Tigray? Korrigiere mich bitte, wenn ich das falsch verstehe, aber die Aktion wurde vom Ă€thiopischen MilitĂ€r durchgefĂŒhrt und hat zu weitreichenden Vertreibungen gefĂŒhrt. Es wurde von mindestens zwei anderen LĂ€ndern plus regionalen und ethnischen Milizen angegriffen, es gibt Berichte ĂŒber Diebstahl und sexuelle Übergriffe auf Menschen in Tigray. Ich weiß es zu schĂ€tzen, dass du hierher gekommen bist, um zu berichten, was du weißt, vor allem, weil der Ă€thiopische Staat viel getan hat, um zu verhindern, dass man erfĂ€hrt, was dort vor sich geht. FĂŒr diejenigen, die mit der Politik und der Geschichte des Horns von Afrika, insbesondere Äthiopiens, nicht vertraut sind, kann die Geschichte der Konflikte und der verschiedenen staatlichen und nicht-staatlichen Akteur_innen und deren Motivationen ein wenig verwirrend sein. Wenn es nicht zu viel ist, wĂŒrdest du uns einen Überblick oder eine kleine Skizze des BĂŒrgerkriegs und seiner Folgen geben und das Spielfeld fĂŒr das legen, was jetzt gerade passiert?

A: Um dir einen Überblick ĂŒber die Geschichte zu geben, um zu verstehen, wie wir hierher gekommen sind, rĂŒhmt sich Äthiopien, eine Geschichte der Reichsbildung zu haben, die bis vor 3000 Jahren zurĂŒckreicht. Zentral fĂŒr den Prozess der Reichs- und Staatsbildung war die behauptete Abstammung vom biblischen König Salomon, wobei verschiedene Könige und Königinnen behaupteten, sie seien Nachkommen von König Salomon und hĂ€tten daher ein göttliches Recht zu regieren. Diese salomonische Tendenz war also eine der stĂ€rksten KrĂ€fte in der Region bis zur Revolution von 1974, in der der letzte Monarch durch einen Staatsstreich gestĂŒrzt und ein kommunistischer Staat durch eine MilitĂ€rjunta errichtet wurde, welche die Macht vom letzten König ĂŒbernahm. Und diese kommunistische MilitĂ€rjunta schuf einen sehr unterdrĂŒckerischen und diktatorischen Staat und startete eine rote Terrorkampagne gegen andere linke Gruppen, die zu dieser Zeit im Land aktiv waren. Zu dieser Zeit gab es eine ganze Reihe von Rebell_innengruppen, GuerillakĂ€mpfenden und die TPLF war eine der GuerillakĂ€mpfenden, zusammen mit der Eritreischen Volksbefreiungsfront, der Tierbefreiungsfront und vielen anderen. Die MilitĂ€rjunta wurde spĂ€ter von einer Koalition dieser GuerillakĂ€mpfenden unter dem Namen EPRDF (Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front) besiegt, die das Land fĂŒr die nĂ€chsten 30 Jahre fĂŒhren sollte. Die TPLF war eines der zentralen und dominierenden Mitglieder dieser Koalition.

TFSR: WĂŒrdest du ein wenig ĂŒber die TPLF sprechen? Ich glaube, in einem frĂŒheren Artikel auf dem Blog der Indigenous Anarchist Federation hat dein Kollektiv sie als marxistisch-leninistische Gruppe beschrieben. Kannst du ein bisschen ĂŒber sie sprechen? Wie ist ihre Beziehung zu den Menschen in Tigray? Welche Rolle haben sie in diesem jĂŒngsten Aufflammen des Konflikts mit dem zentralĂ€thiopischen Regime von Abiy Ahmed gespielt?

A: Die TPLF hat eine sehr interessante Geschichte. Als Organisation begann sie mit taffen Menschen und wurde spĂ€ter zum grĂ¶ĂŸten bewaffneten Kampf im Land. Auch die Beziehung zum Staat war sehr dynamisch. Sie begannen zunĂ€chst als rebellische Gruppe gegen das Regime und waren spĂ€ter an der Macht, aber davor haben sie ihr Manifest und ihr Programm als politische Partei und als bewaffnete Rebell_innengruppe mit dem Ziel der Selbstverwaltung oder Selbstbestimmung oder sogar der UnabhĂ€ngigkeit ausgearbeitet, wenn die Einheit innerhalb des Landes nicht machbar schien. Das ist es, was spĂ€ter zum ethnischen Föderalismus und dann zu Art. 39, welcher der am meisten umstrittene Artikel der Verfassung ist. Das ist der Artikel, der den Nationen das Recht auf Abspaltung gibt, wenn die Einheit nicht möglich ist. Aber das VerhĂ€ltnis zur TPLF war sehr wechselnd. Zuerst wurden sie von der Gemeinschaft sehr geliebt und verehrt, sie wurden von den Gemeinschaften aufgenommen, als sie Rebell_innen waren, und dann ĂŒbernahmen sie die Macht — sie wurden ein Instrument des Staates, und die Gewalt, die dem Staat innewohnt, setzte sich innerhalb der TPLF/EPRDF fort. Die EPRDF ist die Koalition, die von der TPLF angefĂŒhrt wurde. Die Gewalt des Staates und die Gewalt der Partei konnten nicht auseinandergehalten werden, und dann fingen sie an, sich mit den Menschen anzulegen, die frĂŒher die TPLF verehrten und ihr Engagement, ihre Hingabe und Disziplin bewunderten. Die TPLF wurde als Beispiel fĂŒr Mut, Disziplin und Hingabe benutzt, aber nachdem sie an die Macht kam, nachdem sie ins Amt kam und dann die Gewalt des Staates fortsetzte, Ă€nderte sich irgendwie das VerhĂ€ltnis zum Rest des Ă€thiopischen Staates und auch zu den Menschen in Tigray. Als Abiy Ahmet vor drei Jahren an die Macht kam, da hatte die TPLF die Chance, ihre Beziehung zu den Menschen in Tigray zu ĂŒberdenken. Sie traten von ihren Posten in der Föderalregierung zurĂŒck und gingen zurĂŒck, Mitglieder der TPLF gingen zurĂŒck in die Region Tigray und fingen an, auf das zurĂŒckzublicken, was sie in den letzten Jahren getan haben und sich bei den Menschen dafĂŒr zu entschuldigen, dass sie sie nicht genug vertreten haben, dass sie in den letzten 27 Jahren nicht viel Gutes getan haben. An diesem Punkt hatte das Volk von Tigray nicht wirklich eine Option. Ich persönlich denke, dass es eine Belagerung war, da die Straßen nach Tigray von der Fanno BĂŒrgerwehr aus der Amhara Region blockiert wurden und es gab sehr viele Hasspredigten, die gemacht wurden. Staatlich geförderte Hasspredigten, die sich gegen Tigrinya sprechende Menschen richteten. Tigrinya ist die offizielle Sprache, die die Menschen in Tigray sprechen. Sie wurden nicht als ethnische Tigrayaner_innen bezeichnet, aber eine staatliche Propagandamaschine benutzte den Ausdruck „Tigninya-sprechend“, um von GrĂ€ueltaten zu erzĂ€hlen, die der Staatsapparat in den letzten 30 Jahren begangen hat.

Abiy wurde als Reformist, als Demokrat und als neoliberale Kraft in der Region bejubelt. In seinem Versuch, dies zu beweisen, stellte er sicher, dass verschiedene Dokumentarfilme in den staatlichen Medien liefen, die im Grunde die Gewalt des Staates aufdeckten und vor allem, wie Gefangene behandelt wurden, wie es GefĂ€ngnisse gab, die nicht einmal offiziell waren, UntergrundgefĂ€ngnisse, GaragengefĂ€ngnisse und all diese Dinge, sehr grausame Dinge, die geschahen. Die Verantwortlichkeit wurde der TPLF ĂŒbertragen. Von der TPLF wurde erwartet, dass sie fĂŒr all diese GrĂ€ueltaten, die im ganzen Land passierten, verantwortlich ist. Obwohl die TPLF nur ein Teil der Koalition war, die das Land regierte. Sie waren ein Mitglied der EPRDF und die anderen Mitglieder der EPRDF waren noch an der Macht, aber spĂ€ter Ă€nderten sie ihren Namen von EPRDF und machten daraus die Prosperity Party, die Partei, die jetzt an der Macht ist, die PP. Die PP ist ein sehr scharfer Kontrast, da sie fast eine Ein-Mann-Partei ist, in der Abiy der Vorsitzende und der AnfĂŒhrer ist. Und die Partei spiegelt im Grunde das wider, was Abiy als Person ist — sehr narzisstisch, autoritĂ€r, mit dem Ziel, alles zu kontrollieren, was um ihn herum passiert. Das ist eine der Bedrohungen, die viele Menschen als eine Bedrohung fĂŒr den ethnischen Föderalismus und die Selbstbestimmung der verschiedenen ethnischen Regionen im Land empfunden haben. Der Krieg gegen Tigray im Moment
 Ein Aspekt davon ist dieser ideologische Unterschied zwischen einem zentralistischen Staat, der von Abiy gefĂŒhrt wird, der alles kontrollieren will, der regionale PrĂ€sident_innen vom Zentrum aus einsetzen will, und dann der Widerstand von einer Partei wie der TPLF, sie war eine sehr starke Partei. Sie ist seit 30 Jahren an der Macht und sie hat eine gut aufgebaute Struktur, sie ist sehr dominant in der Region, kontrolliert die Region und hat fast alle Sitze im Regionalrat. Sie war eine Kraft, die der Zentralregierung Paroli bieten konnte, vielleicht die einzige regionale Kraft, die Abiy und der föderalen Regierung Paroli bieten konnte, da alle anderen unter Abiys Fittichen standen und er jede beliebige Person zum PrĂ€sidenten einer Region ernennen konnte, ohne dass die Menschen die Möglichkeit hatten, sie zu wĂ€hlen oder auch nur ein Mitspracherecht zu haben, wer gewĂ€hlt wurde, um ihren regionalen Staat zu verwalten. Das ist einer der Aspekte der ideologischen Seite des Krieges: Selbstverwaltung und Autonomie versus Unitarismus und Einheitsdiktatur.

TFSR: Was war der Auslöser fĂŒr den Angriff auf die ENDF durch die TPLF-KrĂ€fte?

A: Je nachdem, wen du fragst, hatte der Krieg in Tigray verschiedene Ursachen. Eine ist die, die ich bereits erwĂ€hnt hatte. Die StĂ€rke der TPLF war eine Bedrohung fĂŒr Abiy. Abiy als jemand, der abweichende Meinungen kriminalisiert, wĂŒrde natĂŒrlich gegen eine Region sein, die mĂ€chtig genug ist, um das, was er sagt, zu bestreiten. Das hat sich unter anderem bei den Wahlen gezeigt, die in der Region Tigray abgehalten wurden, obwohl die Zentralregierung, die föderale Regierung, beschlossen hatte, die Wahlen unter dem Vorwand von COVID-19 zu verschieben. Die Region Tigray hat ihren eigenen Wahlvorstand gegrĂŒndet und es geschafft, Wahlen abzuhalten, lokale Wahlen in einer Weise, die die Pandemie ernst nahm. Sie haben dafĂŒr gesorgt, dass die Menschen ihre soziale Distanz wahren und sie haben die notwendigen Maßnahmen ergriffen, aber dafĂŒr gesorgt, dass die Wahlen stattfanden. Das ist vielleicht eine der stĂ€rksten Maßnahmen der TPLF, die Abiy sehr unglĂŒcklich gemacht hat. Die andere, besonders die, die der Staat erwĂ€hnt, ist der Angriff auf die ENDF durch die TPLF-KrĂ€fte. Wir wissen nicht, wie wahr das ist, trotzdem gibt es Behauptungen, dass verbĂŒndete TPLF-KrĂ€fte nach einer gestellten Bedrohung das Nordkommando der Ethiopian National Defense Force angegriffen haben, was zu einem ausgewachsenen Krieg fĂŒhrte.

TFSR: In Bezug auf die Kommunikationsblockade: ich weiß, dass viele Journalist_innen einen großen Aufstand gemacht haben ĂŒber die Tatsache, dass sie nicht reinkommen und auch, dass sie das Wort nicht nach draußen bringen können, und ich bin sehr froh, dass wir beide uns unterhalten können, aber ist die Kommunikationsblockade begrenzt oder wurde sie auf Tigray begrenzt, ist sie immer noch im Gange? Ich habe einige GrĂŒnde, warum ich denke, dass das MilitĂ€r dies tun wĂŒrde, aber könntest du erklĂ€ren, warum du denkst, dass es fĂŒr das MilitĂ€r wichtig ist, dass die ENDF dies durchsetzt?

A: Die ENDF und die Prosperity Party haben sehr heftig reagiert, sie haben dafĂŒr gesorgt, dass alle Arten von Kommunikation in Tigray gekappt wurden, einschließlich der Telekommunikation, Internet, Telefonleitungen, Dienstleistungen, Strom und sogar die Wasserversorgung wurden gekappt. Die gesamte Region war in einem kompletten Blackout. Wir konnten nicht mitbekommen, was passiert ist. Wir hatten Familie dort. Wir konnten monatelang nichts von unseren Familien hören, und es gab auch einen kompletten Medien-Blackout. Und die ENDF tappte im Dunkeln, ohne an die Konsequenzen zu denken, im Glauben, dass es sich vielleicht nicht herumsprechen wĂŒrde.

TFSR: Vielen Dank dafĂŒr. Du hast erwĂ€hnt, dass Abiy Ahmet international eine Menge Anerkennung bekommen hat. Ich glaube, er hat einen Friedensnobelpreis bekommen, was auch immer das wert ist, weil er diesen Vertrag mit Eritrea unterschrieben hat, und seit der Konflikt eskaliert ist, gab es Berichte ĂŒber EinfĂ€lle von militĂ€rischen Truppen aus Somalia und Eritrea, und auch einen Konflikt zwischen der Ă€thiopischen Regierung und ich glaube, der Regierung im Sudan, wo viele Menschen vor der Gewalt in Tigray geflohen sind. Kannst du ein wenig ĂŒber die Art und Weise sprechen, wie die Grenzen in diese Krise hineinspielen und wie andere internationale Akteur_innen daran beteiligt sind?

A: NachbarlĂ€nder wie der Sudan haben auf interessante Weise reagiert. Der Sudan hat GeflĂŒchtete aufgenommen, die wegen des Krieges vertrieben wurden, es hat mehr als 60.000 GeflĂŒchtete aufgenommen. Die Zahlen wĂ€ren noch gestiegen, wenn die Grenzen nicht von der ENDF blockiert worden wĂ€ren. Im Gegensatz hat sich Eritrea auf sehr gewaltsame Weise in diesen Krieg eingemischt. Die TPLF und die Eritreische Volksbefreiungsfront (EPLF) waren wĂ€hrend des Derg-Regimes VerbĂŒndete, als sie beide GuerillakĂ€mpfende waren, und dann hat sich Eritrea abgetrennt und der Ă€thiopisch-eritreische Krieg passierte, und es gab eine Feindschaft, die fast drei Jahrzehnte andauerte. Und Frieden zwischen Äthiopien und Eritrea zu schaffen, war einer der HauptgrĂŒnde, warum Abiy nominiert wurde und spĂ€ter den Friedensnobelpreis bekam, aber dieser Friedensprozess mit Eritrea hat nie die Hauptkriegsparteien einbezogen, was die TPLF war, und es war ein Friedensabkommen zwischen Abiy und dem Diktator Isaias Afwerki. Den Medien wurde nicht gesagt, was der Friedensdeal bedeutet und was er ausmacht und im Nachhinein schien es eher ein Kriegsdeal zu sein, ein völkermörderischer Kriegsdeal anstelle eines Friedensprozesses. Als echter Friedensprozess hĂ€tte dieser zuallererst die großen, kriegfĂŒhrenden Parteien miteinbeziehen mĂŒssen, was dieser Friedensdeal nicht tat. Und vielleicht war der ganze Sinn des Versuches, Frieden mit Eritrea zu schließen, die Beseitigung der TPLF.

TFSR: Es gibt Berichte von Massakern, unter anderem in Mai Kadra. 600 Zivilist_innen, meist ethnische Amharer_innen und Wolkaits. Es wird beschuldigt, dass die GrĂ€ueltaten von TPLF-freundlichen Milizen und Polizist_innen durchgefĂŒhrt wurden. Dies ist ein Beispiel dafĂŒr, dass es von Leuten einer Seite durchgefĂŒhrt wurde, aber es gab auch Berichte ĂŒber Angriffe und Massaker, die von Amharaner_innen gegen Tigrayaner_innen durchgefĂŒhrt wurden, ebenso wie all die Berichte von Human Rights Watch und anderen Organisationen ĂŒber Angriffe durch das uniformierte MilitĂ€r. Es ist ein schwieriges Thema, aber kannst du darĂŒber sprechen? Ich schĂ€tze, es gibt einige Dinge, die du dem internationalen Publikum mitteilen möchtest, was du darĂŒber gehört hast, was vor sich geht, und könntest du es als ein Zeichen fĂŒr einen grĂ¶ĂŸeren Zusammenbruch der multiethnischen Gemeinschaften des Landes lesen?

A: Der Medienblackout hatte die internationale Reaktion auf den Krieg wirklich beeinflusst. In den ersten Monaten des Krieges waren nur die regionalen staatlichen Medien von Tigray zugĂ€nglich, und das war auch staatliche Propaganda, und dann gab es die staatliche Propaganda von hier, aber es gab keine Möglichkeit, wirklich zu erfahren, was die normalen Menschen durchmachten. Beide verbreiteten nur Propaganda und berichteten nicht, was vor Ort passierte. Die ersten GrĂ€ueltaten, die wir hörten, waren von GeflĂŒchteten, die es in den Sudan geschafft hatten. Sie erzĂ€hlten, was sie gesehen haben, was sie durchgemacht haben und die Schrecken des Krieges. Abiy ging sogar ins Parlament, um diese Berichte zu diskreditieren, indem er sagte, dass diese GeflĂŒchteten Mörder_innen seien und dass es sich um von der TPLF organisierten Jugend handele. Er bezeichnete sie im Grunde als Killerkommando und versuchte, sie und ihre Berichte unglaubwĂŒrdig zu machen. Aber die internationalen Medien sprachen mit den GeflĂŒchteten, die es aus Tigray in den Sudan geschafft hatten und das waren die ersten Nachrichten, die wir ĂŒber die Geschehnisse hörten. Das waren die ersten Berichte von Überlebenden, die wir vom Krieg hören konnten. SpĂ€ter kamen Menschen nach Addis, vor allem solche, die eine andere StaatsbĂŒrgerschaft hatten, vielleicht sogar eine doppelte StaatsbĂŒrgerschaft. Da gab es einige: Äthi-Amerikaner_innen, Deutsch-Äthiopier_innen, und ihre Botschaften fanden einen Weg, sie zurĂŒck nach Addis zu bringen und in ihre LĂ€nder zurĂŒckzufliegen. Und sie hatten mehr Geschichten ĂŒber das, was sie durchgemacht hatten. Aber die ersten Berichte, die wir hörten, waren von GeflĂŒchteten im Sudan und dann spĂ€ter waren die Telefonleitungen in ein paar Gebieten in Mekelle und ein paar anderen StĂ€dten erreichbar. Die Verbindung war wirklich schlecht, aber wir konnten uns trotzdem ein Bild von den Geschehnissen machen, und spĂ€ter kamen Videos und Bilder und anderes Beweismaterial hinzu.

Das Massaker von Mai Kadra wurde benutzt, um den Krieg zu rechtfertigen. Es war das zweitgrĂ¶ĂŸte Ereignis, das der Bundesstaat benutzt hat, um den Krieg gegen Tigray zu rechtfertigen. Das erste war der Angriff auf das Nordkommando der ENDF und das zweite war das Massaker in Mai Kadra. Wir wissen immer noch nicht, wer der TĂ€ter war, es gibt unterschiedliche Behauptungen. Einige behaupten, es waren verbĂŒndete KrĂ€fte der TPLF. Andere behaupten, es war die ENDF. Wieder andere behaupten, es war die Amhara-Miliz oder die Fanno-BĂŒrgerwehr. UnabhĂ€ngig davon gibt es keine Untersuchung, auf die sich alle Gruppen einigen können, aber was wir wissen ist, dass es Vergeltungsmaßnahmen gegeben hat. Ob es nun die Amharaner_innen waren, die getötet wurden, oder ob es die Tigrayaner_innen waren. Wir wissen mit Sicherheit, dass es Vergeltung gab und jeder andere Aspekt des Krieges. Wir haben von Massakern in einer ganzen Reihe von Orten gehört, das grĂ¶ĂŸte bisher in Aksum, wo 800 Menschen in einer Kirche getötet wurden, und nichts davon wurde vom Staat gemeldet, genauso wie Mai Kadra. Es ist fast vier Monate her, aber Mai Kadra nimmt immer noch Sendezeit ein und nicht die anderen Massaker. Die Art und Weise, wie es als Propagandawerkzeug benutzt wurde, lĂ€sst einen an der Echtheit der Berichte zweifeln.

Also ich weiß nicht, ich wĂŒrde es nicht als einen Zusammenbruch des multiethnischen Föderalismus sehen. Ich meine, es gibt Anzeichen fĂŒr den Zusammenbruch, aber nicht diesen Krieg. Ich sehe es einfach als jahrelange Hasspredigt und Faschismus, um ehrlich zu sein. Einer der GrĂŒnde, warum die Amhara-Miliz und die Fano-BĂŒrgerwehr in den Krieg zogen, war, dass sie AnsprĂŒche auf einige der LĂ€ndereien hatten, die von Tigrayer_innen besetzt waren und das ist hauptsĂ€chlich im westlichen Teil von Tigray. Sie waren am schlimmsten betroffen. Es gab fast eine ethnische SĂ€uberung. Heutzutage lebt kaum noch ein_e Tigrayer_in in der Region, die von Tigrayer_innen besetzt war und welche Amharer_innen ĂŒbernommen haben, und das war einer der GrĂŒnde, warum sie in den Krieg gezogen sind. Ich wĂŒrde es also eher dem Faschismus zuschreiben als dem Zusammenbruch des multiethnischen Föderalismus.

Ohne klare Beweise fĂŒr das, was tatsĂ€chlich vor Ort passierte, trotz der Aussagen der beiden kriegsfĂŒhrenden Parteien in ihren staatlichen Medien, glaube ich, dass die internationale Gemeinschaft hoffnungsvoll und optimistisch war und Abiy beim Wort nehmen wollte, dass dies eine chirurgische Operation sein wĂŒrde, um die TPLF ohne weiteren Schaden zu entfernen, aber es war eindeutig alles andere als das. Wenn ĂŒberhaupt, dann ist dies eine kollektive Bestrafung fĂŒr alle ethnischen Tigrayaner_innen, die nicht nur in Tigray leben, sondern auch außerhalb von Tigray. Sie wurden ethnisch profiliert — ich spreche von Menschen, die nicht in Tigray lebten — sie wurden verhaftet, inhaftiert, ihr Haus wurde ohne Durchsuchungsbefehl durchsucht und dann wurden sie auf der Straße schikaniert, gefoltert, misshandelt. Diese kollektive Bestrafung geht auf das Jahr 2016 zurĂŒck, als die ethnischen Tigrayaner_innen gezwungen wurden, aus ihren HĂ€usern zu fliehen. Der Ort, an dem sie jahrelang, jahrzehntelang gelebt haben, doch weil sie ethnische Tigrayaner_innen waren, wurden sie gezwungen zu fliehen und zurĂŒck nach Tigray zu gehen. Und seitdem waren die Straßen blockiert, die Inflation war wirklich hoch, und wie ich bereits erwĂ€hnt habe, die Hasspredigten, die Hassreden gegen ethnische Tigrayaner_innen
 Sie wurden vom Premierminister als HyĂ€nen bezeichnet, und das war etwas, das sich seit ziemlich vielen Jahren aufgebaut hat.

Die internationale Gemeinschaft war, glaube ich, einfach hoffnungsvoll und wollte Abiy beim Wort nehmen. Aber spĂ€ter wurde klar, dass es sich nicht um eine chirurgische Operation handelte und dass die Zivilist_innen das Opfer dieses Zorns von Abiy waren. Und nun ist die internationale Gemeinschaft sehr alarmiert und versucht, Abiy zu beeinflussen und unter Druck zu setzen, damit er zumindest Zugang zur Verteilung humanitĂ€rer Hilfe gewĂ€hrt und die notwendigen Schritte unternimmt, um die Zivilist_innen zu schĂŒtzen. Nicht einmal wirklich zu schĂŒtzen, sondern einfach das Töten von Zivilist_innen zu beenden. Jetzt gibt es auch Drohungen mit Wirtschaftssanktionen, KĂŒrzungen von Hilfsgeldern, und die internationale Gemeinschaft scheint wirklich alarmiert ĂŒber das, was passiert, und erwĂ€hnt es immer wieder gegenĂŒber Abiy. Dennoch hat sich nicht viel geĂ€ndert an dem, was er tut. Ethnische Tigrayaner_innen waren Repressionen ausgesetzt. Nicht nur, dass sie illegal festgenommen, durchsucht und sogar inhaftet wurden, sie wurden auch auf der Straße schikaniert und gefoltert, wenn sie einen tigrinisch klingenden Namen hatten oder ihr Ausweis besagte, dass sie der tigrinischen Ethnie angehörten. Sie konnten auch nicht in internationale FlĂŒge einsteigen, da Ethiopian Airlines von den Menschen verlangte, ihre lokalen Ausweise vorzulegen, um sicher zu gehen, welcher Ethnie sie angehörten und um sie vom Flug auszuschließen.

Es gab auch ein paar Hinweise darauf, dass es so etwas wie ein Konzentrationslager gab. Wir haben nicht ĂŒberprĂŒfen können, ob das stimmt oder nicht, aber man hat definitiv auch von einem Konzentrationslager gehört. Viele ethnische Tigrayaner_innen wurden entlassen. Sie wurden von der Arbeit suspendiert, besonders diejenigen, die einen Regierungsjob hatten. Jedes Mitglied des MilitĂ€rs, das ein_e ethnische_r Tigrayaner_in ist, wurde suspendiert. Auch Mitglieder der Föderalregierung und der ihr unterstellten Organisationen, die in verschiedenen Teilen des Landes arbeiteten, wurden von der Arbeit suspendiert, weil sie ethnische Tigrayaner_innen waren. Viele Vermieter_innen vertrieben Menschen und forderten sie auf, ihr Haus zu verlassen, weil und nur weil sie ethnische Tigrayaner_innen waren. Dies war so schlimm geworden, dass die Tigrayaner_innen nicht einmal mehr ihre Sprache auf der Straße und in CafĂ©s oder in Hotels sprechen konnten, da sie sehr alarmiert waren und Angst hatten, was das zur Folge haben wĂŒrde, wenn sie ihre Sprache hören wĂŒrden, was der Staat und die SicherheitskrĂ€fte tun wĂŒrden.

Inhaltswarnung: Es folgt eine grafische Beschreibung von sexuellen Übergriffen. Wenn du das nicht lesen möchtest, ĂŒberspringe bitte den folgenden Absatz.

KĂŒrzlich habe ich gesehen, dass in den sozialen Medien Aufnahmen kursierten, auf denen zu sehen war, wie Zivilist_innen von der ENDF auf grausame Weise massakriert wurden. Eine der grĂ¶ĂŸten Sorgen ist auch die Vergewaltigung. Es gibt weit verbreitete Vergewaltigungen in den StĂ€dten, die von der ENDF kontrolliert werden. Sowohl die ENDF als auch die eritreischen Soldaten sind an Gruppenvergewaltigungen von sehr jungen MĂ€dchen beteiligt. Zuerst waren es Teenager und dann kommen jetzt Berichte ĂŒber Kinder unter dreizehn Jahren. Und der Grund fĂŒr die Berichte ist, dass die eritreischen Soldaten vor HIV gewarnt wurden. Man ging also davon aus, dass junge MĂ€dchen frei von HIV sind und dass sie eine sichere Option sind, und so kam es zu Gruppenvergewaltigungen von sehr jungen MĂ€dchen. Wir haben vor kurzem einen Bericht gelesen und auch ein Video von dieser jungen Frau gesehen, die fĂŒnf Tage lang von 23 Soldaten gruppenvergewaltigt wurde, und dann stopften sie ihr etwas Dreck und PlastiktĂŒten und sogar NĂ€gel in die Vagina, und es kursierte ein Video von den Ärzt_innen, die all das Zeug entfernten, das in sie hineingestopft wurde. Die Grausamkeit ist unvorstellbar, es ist unmenschlich.

* Ende der Inhaltswarnung*

TFSR: Wie ist die Reaktion der internationalen Gemeinschaft in deinen Augen auf die Konflikte in Tigray und die UnterdrĂŒckung des tigrayischen Volkes?

A: Wenn wir ĂŒber die Verteilung in der Region sprechen, mĂŒssen wir verstehen, was hier im Spiel ist. Es gibt internationale Hilfsorganisationen, die Lebensmittel, Medikamente, medizinische HilfsgĂŒter, LebensmittelvorrĂ€te bereit und verpackt hatten, und sie hatten LKW-Ladungen mit diesen Dingen, die darauf warteten, verteilt zu werden, aber sie konnten keinen Zugang zu den Regionen bekommen. Die Regierung und die ENDF erlaubten den Zugang nicht und das war die Hauptschwierigkeit, den Menschen zu helfen, die hungerten und an Hunger, Durst und Mangel an Medikamenten starben.

TFSR: Ich habe definitiv eine Reihe von Kritiken in den sozialen Medien fĂŒr Horn Anarchists gesehen, die sich um die Verteilung der HilfsgĂŒter drehten und was tatsĂ€chlich damit geschah. Ich stelle mir vor, dass einiges davon eine Reaktion darauf ist, dass westliche Social-Media-Nutzende vielleicht sagen: „Schau, jemand tut schon etwas, ich muss nicht darĂŒber nachdenken, was da drĂŒben passiert“ oder sagen: „Ich kann ein paar Dollar schicken, ich mache nur ein paar Klicks und dann habe ich keine Verantwortung oder Beziehung mehr zu dieser Sache. Ich habe meinen Teil getan“. Gibt es irgendetwas, was du dir vorstellen kannst, was Menschen aus dem Ausland tun können, um den Menschen in Tigray tatsĂ€chlich zu helfen und Material zu schicken, um die Menschen zu ernĂ€hren?

A: Unsere Kritik bezog sich hauptsĂ€chlich auf die verschiedenen Gofundme-Konten, die von Kriegstreibenden eingerichtet wurden, die den Krieg unterstĂŒtzten. Wir haben das GefĂŒhl, dass es unehrlich war, im Namen des tigrayischen Volkes Geld und Hilfe zu sammeln und zu sagen, dass man an die Menschen in Tigray verteilt, wenn man keine Möglichkeit hat, Tigray zu erreichen. Das Problem war nicht, dass es einen Mangel an Lebensmitteln oder medizinischer Versorgung gab. Es gab Hilfsorganisationen, die bereit waren, zu verteilen, sie hatten LKW-Ladungen davon. Sie bekamen nur keinen Zugang, und egal wie viel Geld man im Namen der Tigrayer_innen und der Menschen in Tigray sammelte, es wĂ€re egal, wie viel Geld sie sammelten, da sie keine Mittel hĂ€tten, es zu verteilen. Unsere Kritik bezog sich also hauptsĂ€chlich auf diese aufrichtigen Versuche, den Tigrayer_innen durch das Sammeln von HilfsgĂŒtern und das Organisieren von Gofundmes sympathisch zu sein.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie die internationale Gemeinschaft ihre SolidaritĂ€t mit dem Volk von Tigray zeigen kann. Die grundlegendste ist zu twittern, die Hashtags zu benutzen, sicherzustellen, dass das Wort nach außen dringt, sicherzustellen, dass es keine Kommunikation und keinen Medien-Blackout gibt, was bedeutet, dass die Welt nicht weiß, was passiert ist. Wir mĂŒssen so laut wie möglich sein, um sicherzustellen, dass die Menschen wissen, was passiert. Ich persönlich glaube, dass Tigray in diesem Moment das Zentrum der Welt sein sollte. Alle Augen sollten auf Tigray gerichtet sein, denn es geschieht ein weiterer Genozid im 21. Jahrhundert, und wir können uns fast sicher sein, dass unsere FĂŒhrenden morgen herauskommen werden, um zu sagen, dass dies nie wieder geschehen wird, dass sie dies nie wieder geschehen lassen werden, aber dies geschieht gerade jetzt und wir erleben es, und wir können es nicht zulassen. Und vor allem können wir es nicht im Stillen geschehen lassen. Das Mindeste, was wir tun können, ist das Bewusstsein zu schĂ€rfen, sicherzustellen, dass jede_r davon weiß, sicherzustellen, dass unsere lokalen Vertreter_innen davon wissen, darauf reagieren und den Menschen, die sie gewĂ€hlt haben, berichten, was sie tun, um zu versuchen, es zu stoppen.

Es gibt auch Möglichkeiten, GeflĂŒchteten zu helfen, die vertrieben wurden, von denen die meisten gerade im Sudan sind. Unser Kollektiv organisierte gegenseitige Hilfe mit GeflĂŒchteten, die im Sudan sind. Es gibt auch andere Initiativen, die versuchen, GeflĂŒchtete im Sudan zu unterstĂŒtzen, ebenso wie die in Tigray. Der Zugang ist jetzt relativ besser. Wir können nicht sagen, dass er ungehindert und frei ist, aber er ist relativ besser und es gibt auch Initiativen, die versuchen, Hilfe in Tigray zu verteilen, auch wenn es begrenzt bleibt. Es gibt auch die Möglichkeit, tigrayischen Organisator_innen zu helfen. Es gibt verschiedene tigrayische Organisator_innen auf der ganzen Welt, die versuchen, Proteste und Kundgebungen zu organisieren und an die Vereinten Nationen und die Regierungen der LĂ€nder, in denen sie leben, zu appellieren, um Druck auf Abiy auszuĂŒben, damit er den Genozid stoppt und sicherstellt, dass die eritreische Armee Tigray verlĂ€sst, dass die Amhara-Milizen und die Fano-BĂŒrgerwehr Tigray verlassen, denn die GrĂ€ueltaten, die sie begehen, sind unvorstellbar und entsetzlich.

Es ist auch wichtig, dass die Menschen, die sich mit den Tigrayer_innen solidarisieren wollen, ihre ReprĂ€sentant_innen fĂŒr die Maßnahmen, die sie und ihre Regierungen ergreifen, zur Rechenschaft ziehen, um die Ă€thiopische Regierung unter Druck zu setzen, diesen völkermörderischen Krieg zu beenden und ihre LĂ€nder und die Vereinten Nationen unter Druck zu setzen, zu intervenieren und zu handeln — ihre Verantwortung, Zivilist_innen zu schĂŒtzen. Wir haben von bestĂ€tigten Todesopfern von mehr als 50.000 gehört, aber viele Orte sind immer noch nicht zugĂ€nglich und die Berichte sind nicht einmal in den Teilen, die zugĂ€nglich sind, abgeschlossen. Und das geht auch so weiter.

TFSR: Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, um mit mir dieses GesprĂ€ch zu fĂŒhren. Ich weiß es wirklich zu schĂ€tzen.


Du kannst mehr Perspektiven von Horn Anarchists hören, indem du @HornAnarchists auf Twitter besuchst oder ihre Webseite, HornAnarchists.NoBlogs.Org, besuchst, die grĂ¶ĂŸtenteils auf Amharisch und Tigrayanisch ist, aber ĂŒber Online-Übersetzungsdienste auf Englisch gelesen werden kann.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de