November 10, 2020
Von FAU Flensburg
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Anfang 2020 erfuhren wir von einem neuartigen höchst ansteckenden Corona-Virus, das sich ĂŒber die Welt ausbreitete, und eine Welle berechtigter Angst und Unsicherheit auslöste, was Regierungen weltweit zum Handeln zwang. Die meisten Staaten entschieden sich fĂŒr das autoritĂ€re chinesische Modell, andere fĂŒr freiwillige Maßnahmen, und wieder andere handelten gar nicht. Die deutsche Bevölkerung hatte relativ GlĂŒck, indem ein Großteil des Landes nur einem milden Lockdown, oder besser gesagt “Shutdown”, unterzogen wurde, im Gegensatz zu vielen LĂ€ndern, in denen drakonische Notmaßnahmen zusammen mit der UnterdrĂŒckung von Menschenrechten implementiert wurden. Leider trug dieses Handeln der deutschen Regierung dazu bei, dass autoritĂ€re Lockdowns tatsĂ€chlich als praktikable Maßnahme gesehen werden. Angesichts der niedrigen Sterblichkeitsrate im Vergleich zu vielen anderen LĂ€ndern ist die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, einschließlich vieler Linker, ĂŒberzeugt, dass der Lockdown Leben rettete. Diese Behauptung kann nur ĂŒberprĂŒft und widerlegt werden, wenn wir die Entwicklung auf einer internationalen Ebene betrachten. Besorgniserregend fĂŒr die, die Demokratie wertschĂ€tzen, und trotz der zunehmenden Indizien, dass eine bundesweite Ausgangssperre keine praktikable Maßnahme ist, sind viele Menschen wieder bereit ihre Rechte und ihre Verantwortung abzugeben, sollte im kommenden Winter die viel vorhergesagte ‘Zweite Welle’ eintreffen.

Also war das Umsetzen von autoritĂ€ren Lockdown-Maßnahmen ĂŒberhaupt effektiv, oder war es eher wie eine MĂŒcke mit einem Vorschlaghammer zu schlagen, wenn eine Fliegenklatsche genĂŒgt hĂ€tte, und dabei im Umfeld ernsthafte SchĂ€den anzurichten? Mensch könnte behaupten, dass sie effektiv waren, wenn mensch sich nur fĂŒr Covid-19-bezogene TodesfĂ€lle interessiert. Ein nationaler Lockdown ist schließlich eine extreme Art des Social-Distancing. Aber wenn wir in Betracht ziehen, dass unter solchen Maßnahmen aufgrund unbehandelter anderer Erkrankungen das Ausmaß an Leiden und die Anzahl von Toten steigt, muss die Antwort nein lauten. Leben opfern um Leben zu retten mag eine zweckdienliche politische Alternative fĂŒr diejenigen sein, die Wiederwahl oder Profit anstreben, aber fĂŒr alle Anderen sollte diese Denkweise unmenschlich erscheinen. In den letzten Monaten wird von einer Zunahme der Sterblichkeit bei sonst behandelbaren Krankheiten weltweit berichtet: Bluthochdruck, Diabetis, Demenz, Krebs, zerebrovaskulĂ€re und kardiovaskulĂ€re Krankheiten usw, ganz abgesehen von den negativen Wirkungen auf die psychische Gesundheit und ganz zu schweigen vom Anstieg der Suizide. Alkoholismus, Drogenmissbrauch und hĂ€usliche Gewalt sind auch stark gestiegen. Und zudem werden hunderttausende Menschen in Ă€rmeren LĂ€ndern aufgrund der steigenden Armut und mangelnder Impfungen und Behandlungen an anderen gefĂ€hrlichen Krankheiten wie HIV, Tuberkulose und Malaria frĂŒhzeitig sterben.

 

Dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen LĂ€ndern zu einer niedrigeren Todesfallrate kam, wird als Folge des Lockdowns gesehen und der Staat fĂŒr die DurchfĂŒhrung eines frĂŒhzeitigen Lockdowns gepriesen, dabei wird ĂŒbersehen, dass Deutschland, trotzt wachsendem Pflegepersonalmangel, eines der besten Gesundheitssysteme der Welt hat, was die Versorgung von schwer an Covid 19 Erkrankten sicher stellte. LĂ€nder wie Spanien, Frankreich, UK und Schweden, die von der Pandemie viel hĂ€rter getroffen wurden, sind in den letzten Jahren einer umfassenden Privatisierungspolitik unterzogen worden, was zur Folge hatte, dass sie noch weniger auf die Pandemie vorbereitet waren, besonders was die Risikogruppen angeht. Zum Beispiel kamen 2017 in Deutschland im Durchschnitt 33,9 Krankenhausbetten zur intensivmedizinischen Versorgung auf je 100.000 Einwohner*innen. Das war ungefĂ€hr ein Drittel mehr als in den USA und mehr als dreimal so viel wie in Italien. Die Behauptung, dass alleine der Lockdown fĂŒr den deutschen Erfolg verantwortlich sei, lenkt die Aufmerksamkeit von den zukĂŒnftigen PrivatisierungsplĂ€nen ab. Auch in Deutschland sollen mehr KrankenhĂ€user auf Kosten der Patient*innen und des Klinikpersonals in gewinnbringende Unternehmen umgewandelt werden.

 

Lockdowns auf internationaler Ebene

 

Wenn wir verschiedene LĂ€nder vergleichen, stellen wir fest, dass Lockdowns nicht das Allheilmittel sind, wie von Politiker*innen und in den herkömmlichen Medien behauptet wird. Wenn wir uns Peru genauer anschauen, ein Land, in dem eines der strengsten Lockdowns durchgefĂŒhrt wurde – sogar bevor es den ersten Covid-19-Todesfall im Land gab – stellen wir fest, dass es eines der LĂ€nder mit der höchsten Todesrate per 100.000 Einwohner*innen ist. Keine*r hat berĂŒcksichtigt, dass ein Großteil der Bevölkerung nicht ĂŒber den Luxus verfĂŒgt, zu Hause bleiben zu können. Viele Leute können sich keinen KĂŒhlschrank leisten und mĂŒssen regelmĂ€ĂŸig ein Familienmitglied zum Markt schicken, um Frischwaren zu kaufen, wo diese sich oft mit dem Virus infizieren und diesen nach Hause bringen, wo dann alle anderen in den großen Hausgemeinschaften angesteckt werden. New York und New Jersey in den USA sind ein Beispiel fĂŒr einen harten, schnell implementierten Lockdown in Gebieten mit einer hohen Bevölkerungsdichte und einer dieser Dichte entsprechenden hohen Sterblichkeitsziffer. Die autoritĂ€re chinesische Regierung wurde von vielen im Westen gelobt, weil die Regierung das Virus mit sehr harten Maßnahmen besiegt haben soll, aber können wir die Behauptungen der chinesischen Diktatur wirklich ernst nehmen? Schließlich wurde ihr vorgeworfen, anfangs den Krankheitsausbruch vertuscht zu haben, was die ĂŒbrige Welt kostbare Zeit und Leben gekostet hat. Als Anarchist*innen sollten wir immer skeptisch sein gegenĂŒber Informationen, die von jedweder Regierung stammen, aber am allermeisten denen von autoritĂ€ren Regimen.

 

Wenn wir die LĂ€nder anschauen, die keine offiziellen Lockdowns durchfĂŒhrten, sehen wir eine andere Geschichte. Schweden (5,895 Covid-TodesfĂ€lle*), nach dem anfĂ€nglichen Scheitern angesichts des Schutzes der Risikogruppe in Pflegeheimen, leidet nicht mehr als LĂ€nder mit schĂ€rferen Lockdowns wie Belgien (10,037 Covid-TodesfĂ€lle*), Großbritannien (42,358 TodesfĂ€lle*) und Frankreich (32.171 Covid-TodesfĂ€lle*). In Japan waren die Todeszahlen niedrig (1,594 Covid-TodesfĂ€lle*), wo aus juristischen GrĂŒnden kein offizieller Lockdown durchgesetzt werden konnte, aber die Mehrheit der Bevölkerung freiwillig die Regierungsrichtlinie beachtete und als Gesellschaft besser auf eine Epidemie vorbereitet war als die meisten anderen LĂ€nder. Die tansanische Regierung (21 Covid-TodesfĂ€lle*) hat viele Maßnahmen eingestellt, nachdem klar wurde, dass sie mehr Schaden als Nutzen brachten. Schließlich betrĂ€gt das Durchschnittsalter, wie in den meisten afrikanischen LĂ€ndern, 18 Jahre. In afrikanischen LĂ€ndern wie Nigeria (1,112 Covid-TodesfĂ€lle*), wo harte Maßnahmen eingefĂŒhrt wurde, gab es ebenfalls eine relativ niedrige Todeszahl fĂŒr ein Land mit ĂŒber 207 Millionen Einwohner*innen, aber es gibt eine starke Zunahme an Leid und TodesfĂ€llen aufgrund anderer nicht behandelter Krankheiten und einen Anstieg des Armutslevels. Die Zahl von Vergewaltigungen und geschlechtsspezifischer Gewalt hat sich verdreifacht. In Taiwan (7 Covid-TodesfĂ€lle*) reagierte die Regierung schnell auf den Krankheitsausbruch auf dem Festland in China, indem eine effiziente Maßnahme zum AufspĂŒren und Isolieren von Infizierten frĂŒh eingefĂŒhrt wurde. Zudem hat die Regierung die Bevölkerung gut informiert und auf dem Laufenden gehalten, ohne sie zu verĂ€ngstigen und auf drakonische Maßnahmen zurĂŒckzugreifen.

 

In Deutschland (9,531 Covid-TodesfĂ€lle*) erlebten wir, was viele „Lockdown light“ genannt haben, eine Maßnahme, die nicht so durchgreifend war wie in vielen anderen LĂ€ndern, aber trotzdem ein Schritt nĂ€her an dem autoritĂ€ren chinesischen Modell als an dem demokratischeren taiwanesischen Modell ist. Mehr als 50% der deutschen BĂŒrger*innen mussten nur geringfĂŒgige Unbequemlichkeiten ertragen: die SupermĂ€rkte blieben geöffnet, es war noch möglich nach draußen zu gehen ohne ĂŒbermĂ€ĂŸige Kontrollen und Maßregelungen durch die Polizei, Homeoffice war kein Problem fĂŒr den wohlhabenderen Teil der Bevölkerung. Und trotz aller Kritik folgt die deutsche Regierung einer halbwegs klaren Linie, im Gegensatz zu vielen anderen LĂ€ndern wie z.B. Großbritannien, wo chaotische Strukturen und WidersprĂŒchlichkeiten an der Tagesordnung sind, was fĂŒr die Bevölkerung verunsichernd und auch traumatisierend ist und eine autoritĂ€re Stimmung im Land zur Folge hat.

 

Es gab auch LĂ€nder, in denen aus zweifelhaften Motiven so gut wie keine Maßnahmen durchgefĂŒhrt wurden. Bolsonaro, der rechtskonservative Regierungschef von Brasilien behauptete, dass Covid-19 nicht schlimmer als eine leichte Grippe sei. In Belarus schlug PrĂ€sident Lukaschenka vor, sich vor dem Virus mittels Sauna und Vodka zu schĂŒtzen. In Burundi ĂŒberließ der PrĂ€sident Gott die Entscheidung, ob Menschen leben oder sterben. Trotz der falschen GrĂŒnde fĂŒr den Verzicht auf nationale Lockdowns haben diese LĂ€nder nicht mehr Schaden erlitten als LĂ€nder mit harten Lockdowns: in Brasilien gab es 145.388 TodesfĂ€lle* auf eine Bevölkerungzahl von 212 Millionen im Vergleich zu Peru mit 32,535 TodesfĂ€llen* auf eine Bevölkerungszahl von 33 Millionen Menschen; in Belarus gab es 844 Covid-TodesfĂ€lle*, wenn wir den Zahlen, die von einer Diktatur angegeben werden, glauben dĂŒrfen; Burundi hat erstaunlicherweise nur einen gemeldeten Todesfall*, obwohl es wahrscheinlich weniger mit Gottes Eingreifen als mit der jĂŒngeren Bevölkerung im Verglich zu den meisten LĂ€ndern außerhalb Afrikas zu tun hat.

Wenn wir die Lage in verschiedenen LÀndern betrachten, fÀllt auch die fehlende internationale Kooperation auf, sowie die Missachtung von regionalen Faktoren, wie das Durchschnittsalter und die Bevölkerungsdichte. Könnte das Scheitern der WHO, die Krise auf einer weltweiten Ebene zu bewÀltigen, etwas mit unterschiedlichen Interessen ihrer Mitglieder zu tun haben?

 

* Daten von der COVID-19 Karte – Johns Hopkins Coronavirus Resource Center, Stand 03.10.2020

Alternative Maßnahmen zu nationalen Lockdowns

 

WĂ€hrend einer Pandemie können Gesundheitsexpert*innen es fĂŒr nötig halten, Maßnahmen einzufĂŒhren, um die Ausbreitung einer Krankheit einzudĂ€mmen. Die wichtigste von allen wĂ€re der Schutz von Risiko-Gruppen, diese mit allem zu versorgen was sie brauchen, ohne sie lediglich gefĂ€ngnisĂ€hnlichen VerhĂ€ltnissen auszusetzen [AI Bericht]. Andere allgemein anerkannte Maßnahmen sind die EinschrĂ€nkung von Massenveranstaltungen, Social-Distancing, die Infizierten unter QuarantĂ€ne zu stellen, und andere örtliche EinschrĂ€nkungen. Aber was ist mit einem nationalen Lockdown? Die Maßnahme wurde bisher nie in der Geschichte eingesetzt.

 

Örtliche Lockdowns und Mikro-Containment sind Maßnahmen, die schon öfters in der Vergangenheit eingesetzt wurden. Einige der frĂŒhesten FĂ€lle, die schriftlich niedergelegt wurden, waren wĂ€hrend der Großen Pest in London in 1665 und zur Zeit des Pestausbruchs in Marseilles in 1720, aber die Umsetzung eines nationalen Lockdowns, auch fĂŒr Gegenden, die nicht von der Krankheit betroffen waren, wĂ€re damals weder praktisch noch logisch erschienen. Heutzutage leben wir in einer Welt, die aus Nationalstaaten besteht, und Regierungen haben viel mehr Kontrolle ĂŒber viel grĂ¶ĂŸere Gebiete als in der Vergangenheit, was nationale Lockdowns zu einer attraktiven und durchfĂŒhrbaren Maßnahme macht, aber um diese Politik zu rechtfertigen, mĂŒsste die Bedrohung, ob tatsĂ€chlich oder empfunden, die unermesslichen SchĂ€den, die dadurch verursacht werden, mehr als aufwiegen.

 

Die richtige Vorgehensweise mit der Krise umzugehen, angenommen dass das jeweilige Land nicht von einer autoritĂ€ren Regierung wie in China beherrscht wird, wĂ€re viele unabhĂ€ngige Expert*innen aus verschiedenen medizinischen Fachbereichen zusammenzubringen, einschließlich Epidemiolog*innen, Immunolog*innen und Virolog*innen, um das Ausmaß der GefĂ€hrlichkeit des Virus einzuschĂ€tzen, aber auch Statistiker*innen, Ökonom*innen und andere Expert*innen im öffentlichen Gesundheitswesen mĂŒssten mit einbezogen werden, um die eventuellen SchĂ€den eines Lockdowns zu beurteilen. Mit diesen Informationen mĂŒsste eine grĂŒndliche Risikoanalyse durchgefĂŒhrt und die Ergebnisse transparent an die Öffentlichkeit vermittelt werden. Obwohl Staats- und Industrievertreter*innen ein Teil des Prozesses sein könnten, sollte der Einfluss von diesen Regierungswissenschaftler*innen und denjenigen mit deutlichen Verbindungen zur Pharmaindustrie beschrĂ€nkt werden, damit Entscheidungen zuverlĂ€ssig und frei von politischen und wirtschaftlichen Eigeninteressen bleiben. Leider hat sich kaum eine Regierung fĂŒr diese Vorgehensweise entschieden, was keine Überraschung ist, wenn mensch bedenkt, dass wir in einer kapitalistischen Stellvertreter*innendemokratie leben, unter der wir unsere Stellvertreter*innen/UnterdrĂŒcker*innen zwar wĂ€hlen dĂŒrfen, aber sonst wenig zu Sagen haben wie die Gesellschaft sich organisieren sollte.

Gewinner*innen und Verlierer*innen

Es wird oft gesagt, dass der Kapitalismus in dieser Krise gescheitert ist, aber fĂŒr wen? Sicherlich nicht fĂŒr die Pharmaindustrie, die Milliardensummen einsteckt. Sicherlich nicht fĂŒr die großen Online-Einzelhandelsunternehmen wie Amazon. Sicherlich nicht fĂŒr die Banken, und sicherlich nicht fĂŒr die großen Tech-Unternehmen wie SAP und Google. In Wirklichkeit schneiden die Kapitalist*innen in dieser Krise sehr gut ab. Auch Großkonzerne in Sektoren, die von Lockdowns schwer betroffen waren, wie die Luftfahrtindustri, bekommen großzĂŒgige Staatshilfen zusammen mit der Handlungsfreiheit, nicht benötigte Arbeiter*innen entlassen zu können ohne Arbeitskampfmaßnahmen befĂŒrchten zu mĂŒssen– die „Corona-Krise“ ist schuld. Wir erleben den erstaunlichen Erfolg des Katastrophen- und „Vetternwirtschafts“-Kapitalismus. Die 1% können sich außerordentlich freuen.

 

WĂ€hrend die Mittelschicht, besonders im Westen, nur kleine Unannehmlichkeiten erlitten hat, wurden die Menschen ganz unten in der Gesellschaftspyramide, auch in Deutschland, von der internationalen Lockdown-Politik viel schwerer getroffen. Wir sitzen in dieser Krise nicht alle im selben Boot – die Privilegierten sitzen in Sicherheit in ihren Luxusjachten wĂ€hrend die Mehrheit in undichten, ĂŒberfĂŒllten Ruderbooten um ihre Existenz wenn nicht gar um ihr Leben kĂ€mpft. Am schwersten betroffen sind Menschen mit schlecht bezahlter und prekĂ€rer Arbeit, insbesondere Migrant*innen im Westen, aber auch ganze Abschnitte der Gesellschaft in sog. SchwellenlĂ€ndern wie Indien – es geht hier nicht nur um den Lebensunterhalt, sondern auch um deren Menschenrechte.

 

Die Schließung der Grenze hat GeflĂŒchtete schwer getroffen – die Festung Europa war nie unĂŒberwindbarer. Zigtausende vegetieren in FlĂŒchtlingslagern auf der ganzen Welt dahin, von LĂ€ndern, die sich nur fĂŒr ihr eigenes Wohlergehen interessieren, im Stich gelassen, wĂ€hrend Krieg und Ausbeutung, eben durch diese Staaten in ihren HerkunftslĂ€nder mit initiiert, kein Ende nehmen. Angesichts der nationalistischen Stimmung, die auch unter Liberalen floriert, machen sich diese Menschen immer weniger Hoffnungen fĂŒr die Zukunft.

 

In den westlichen LĂ€ndern zĂ€hlen auch kleine und mittlere Unternehmen, die Unterhaltungsbranche und die Gastronomie zu den Opfern der Lockdown-Politik. Regierungen legen mit Rettungspaketen ein Lippenbekenntnis zur finanziellen Not ab, wĂ€hrend sie Großunternehmen mit Milliarden ĂŒberschĂŒtten – alles geht wie gewohnt weiter. DarĂŒber hinaus warten Raubtierkapitalist*innen auf die Gelegenheit, durch AufkĂ€ufe von pleite gegangenen LĂ€den Gewinn zu machen und dabei das Kulturangebot weiter zu kommerzialisieren.

Das Demonstrationsrecht

 

Im jedem Land, in dem ein Lockdown durchgefĂŒhrt wurde, wurde auch das Demonstrationsrecht drastisch eingeschrĂ€nkt. WĂ€hrend in einigen LĂ€nder Demonstrationen mit BeschrĂ€nkungen stattfinden durften und dĂŒrfen, werden sie in anderen immer noch durch Gewalt und hohe Strafgelder unterdrĂŒckt. Eine Ausnahme, zumindest bis Ende September, war Israel, wo trotz einer der hĂ€rtesten Lockdowns die Wichtigkeit des Demonstrationsrecht anerkannt wurde[36]. In Deutschland wurden Demonstrationen im Großen und Ganzen mit beschrĂ€nkter Teilnehmer*innenzahl zugelassen. Bemerkenswerte Ausnahmen waren die politisch fragwĂŒrdige „Querdenker“ Demo in Berlin und die bundesweiten „Black Lives Matter“ Proteste. Es könnte sein, dass die Erstere genehmigt wurde und ungestört verlief, um die Behauptung einer „Merkel-Diktatur“ und dass die Grundrechte abgeschafft seien, zu unterminieren. Und was die „Black Lives Matter“ Demonstrationen betrifft, könnte es sein, dass die Regierung nicht die Linken gegen sich aufbringen wollte, um einerseits nicht Krawalle und Unruhe wie in den USA zu riskieren, und andererseits waren die Linken bis dahin weitestgehend konform mit der Corona-Krise-Politik der Regierung. Abgesehen davon war das Hauptziel der Proteste Trumps Amerika. Weltweit, von Australien bis nach SĂŒdamerika, hatten die Menschen weniger GlĂŒck mit einer Zunahme an Menschenrechtsverletzungen mit der „BegrĂŒndung“ des Schutzes der öffentlichen Gesundheit.

Lockdowns und die radikale Linke

 

Die Krise, die Anfang dieses Jahres begann, ist einmalig in der Geschichte. Noch nie haben so viele Regierungen unter dem Beifall der Bevölkerung ihre Wirtschaften plattgemacht. Diese beispiellose Lage erwies sich als ein großes Problem fĂŒr die radikale Linke, die noch nie auf eine Pandemie reagieren musste, in der die Krankheit höchst ansteckend ist, aber fĂŒr den Großteil der Bevölkerung nicht tödlich. Sogar wĂ€hrend der Influenzapandemie in 1918, wo Menschen buchstĂ€blich auf der Straße starben, wurden Lockdowns nur regional, den örtlichen Gegebenheiten angepasst, durchgefĂŒhrt, um eine bereits zusammenbrechende Gesellschaft nicht weiter zu schĂ€digen. Diese neue Situation fĂŒhrte zu einer langanhaltenden LĂ€hmung und Spaltung einer bereits zersplitterten radikalen Linken. Einige entschieden sich den Informationen zu glauben, die von den Regierungen und ihren Vertreter*innen stammten, wĂ€hrend andere kritisch aber still blieben. Als radikale Linke ist es wichtiger denn je, den zahlreichen kritischen Stimmen von unabhĂ€ngigen Epidemiolog*innen und anderen medizinischen Expert*innen zuzuhören, um sich einen Überblick zu verschaffen und eine klare Meinung zu bilden, anstatt sich nur auf die Äußerungen von kapitalistischen Regierungs- und Pharmalobby-Vertreter*innen zu verlassen, deren Wörter zu leicht von politischen und finanziellen Interessen beeinflusst werden. Die fehlende Lockdown-Kritik schafft einen gefĂ€hrlichen PrĂ€zedenzfall fĂŒr die Zukunft. Informationen, die von einer rechtsliberalen, kapitalistischen Regierung stammen, sollte von radikalen Linken immer kritisch betrachtet werden, und dieses umso kritischer in Krisensituationen, da Regierungen die Gewohnheit haben, echte Bedrohungen wie Pandemien, Klimawandel und Terrorismus zu ihrem eigenen politischen Vorteil zu nutzen. Wir mĂŒssen auf der Hut sein vor der Zunahme von Nationalismus durch Lockdowns entlang der Grenzen von Nationalstaaten, aber am allermeisten mĂŒssen wir uns vor einem aufkommenden Faschismus in Form eines autoritĂ€ren Techno-Kapitalismus hĂŒten und uns dagegen wehren.

 FAU Flensburg, Oktober 2020

Weitere Infos:

[1] Charity raises concern over spike in diabetes deaths in community

[2] Lockdown’s side effect: mental health deterioration of people affected by dementia, with third ‘giving up’

[3] Bittere Folgen des Lockdowns? Tausende Krebs-Tote im UK erwartet – Gefahr auch in Deutschland

[4] Thousands of excess deaths from cardiovascular disease during the COVID-19 pandemic

[5] Psychische Gesundheit und COVID-19

[6] ‘Drastic rise’ in Malawi’s suicide rate linked to Covid economic downturn

[7] Kein SanitÀter in der Not

[8] Corona verÀndert Drogenkonsum

[9] Studie belegt hÀusliche Gewalt wÀhrend Lockdown mit Zahlen

[10] Sustainable Development Goals Report 2020

[11] Offensiv gegen Privatisierungen im Gesundheitswesen

[12] Durchschnittliche Anzahl von Intensivbetten in KrankenhÀusern ausgewÀhlter LÀnder bis 2020

[13] Corona-Pandemie und Privatisierung im Gesundheitswese

[14] Peru hat die höchste Corona-Sterberate weltweit

[15] China’s deadly coronavirus cover-up

[16] A history of the Swedish covid response

[17] What Japan Can Teach the World About the Pandemic

[18] Tanzania under fire from WHO for lackluster response to COVID-19 pandemic

[19] 18 Jahre – das ist in Afrika das Durchschnittsalter

[20] «Wochen des Hungerns und des Leidens» – wie Corona weltweit Millionen von Menschen in die extreme Armut treibt

[21] Nigeria declares emergency after rapes triple under lockdown

[22] Was Deutschland von Taiwan lernen kann

[23] Jair Bolsonaro unterzieht sich erneut Corona-Test

[24] Lukaschenko empfiehlt Wodka-Trinken und Saunabesuche gegen Coronavirus

[25] Burundi president dies of illness suspected to be coronavirus

[26] Weltgesundheitsorganisation

[27] The temporal association of introducing and lifting non-pharmaceutical interventions with the time-varying reproduction number (R) of SARS-CoV-2: a modelling study across 131 countries

[28] The Great Plague 1665 – the Black Death

[29] Große Pest von Marseille – Great Plague of Marseille Große Pest von Marseille

[30] OnlinegeschÀft zieht Einzelhandelsumsatz ins Plus

[31] How the coronavirus is making tech companies richer

[32] Lufthansa bekommt Milliardenhilfen

[33] „UngeschĂŒtzt ausgeliefert“

[34] Democracy under Lockdown

[35] Authorities are using COVID-19 as a smokescreen to stifle the legitimate right to protest

[36] Limitierung der Proteste – Politentscheidung oder Corona-Notwendigkeit?

[37] COVID-19 emergency measures and the impending authoritarian pandemic




Quelle: Fau-fl.org