Mai 17, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 6 Minuten

Malatesta erweist mir die Ehre

„Lasst euch nicht erzĂ€hl’n, ihr hĂ€ttet ein Problem! Propaganda der Yuppi-Schweine, Arbeit hat man besser keine!“ höre ich, wĂ€hrend ich am See liege, ein Seminar vorbereite, daran denke, dass ich Freitag wieder mal einen Vortrag halten werde und auch daran, dass ich meine Diss in ein handliches, verstĂ€ndliches Buch umschreiben mĂŒsste. Also ein neues Buch, dessen Lohn darin bestĂŒnde, dass vielleicht ein paar hundert Menschen mehr sich mit meinen Gedanken auseinandersetzen und weiterbilden könnten. Machen wir uns nichts vor: Meine TĂ€tigkeiten sind extrem unsexy und stellen ja vor allem eine Prokrastination von Verantwortungsnahme und Lebensgenuss dar. Wieder einmal beschleicht mich dieses erschreckende GefĂŒhl, dass mein Leben an mir vorbei zieht und immer schneller lĂ€uft. Und auch wenn ich denke, dass dies vielleicht allen bisweilen mal so geht, frage ich mich doch, ob sich hier nicht der SchraubschlĂŒssel rein werfen ließe. Doch Leben ist Wandel und Stillstand ist Tod – die Konsequenz daraus wĂ€re also das Gegenteil von dem, was ich anstrebe.

Wenn ich ehrlich bin, möchte ich ja nur meine Ruhe. Und ja, ich beneide auch die Menschen, die ihre Arbeit, ihre Familie, ihren geregelten Alltag, ihren Kleingarten haben. Sie sind damit im Durchschnitt sicherlich nicht mehr oder weniger zufrieden als ich, der ich permanent herum renne in meiner kleinen Welt. Oftmals auch nur innerlich. Naja klar, da fehlen eben Dinge. Sie fehlten schon immer, ebenso wie das Zutrauen darin, dass es besser werden könnte und mein Leben mehr wert sein sollte. Gegen einen gesunden Pessimismus ist nichts einzuwenden, denke ich mir. Gegen funktionale Depression schon. Denn andere können die Dinge eben etwas leichter nehmen oder lassen sich das eigene GlĂŒck zumindest nicht vermiesen, weil sie es sich wert sind.

Ich weiß, das klingt wohl ganz schön niederschmetternd. Besser aber die Dinge klar zu benennen, als die ganze Zeit um den heißen Brei herum zu reden. Es hat ja GrĂŒnde, warum ein Mensch zum Theoretiker und Anarchisten wird. In meinem Fall als anarchistischer Theoretiker kommen dann noch zwei ungĂŒnstige Dispositionen zusammen. Da will ich voranschreiten, doch die Meta-Reflexion hindert mich am unmittelbaren Leben, wie ich unterstelle, dass es meine Gesinnungsgenoss*innen könnten. Und als Theoretiker bin ich eben auch nicht mit mir im Reinen, weil ich wieder das GefĂŒhl habe, ich mĂŒsste das erwĂ€hnte oder ein anderes Buch schreiben. Doch wozu, wenn es niemanden in der eigenen Szene interessiert und es im akademischen Raum ebenfalls nicht gewertschĂ€tzt wird?

Doch nun gut, was soll ich resignieren? Immerhin ist das Wetter wirklich schön, denke ich mir. Und gerade als ich auf das Fahrrad steigen will, erhalte ich eine SMS. Sie ist von Malatesta. Oh mein Gott! Merklich steigt mein Puls an und ich werde direkt faserig. Lange war es her, dass ich ihn getroffen hatte. Zuletzt war es auf einer Konferenz. Er wĂ€re gerade in der Stadt, hĂ€tte was zu klĂ€ren, aber auch etwas Zeit. Ob wir uns fĂŒr einen Waldspaziergang treffen wollen? Ohne Handys versteht sich. Ich hatte heute keine Termine oder sonstigen Verabredungen mehr, aber wenn hĂ€tte ich sie sofort abgesagt. Oder einfach vergessen. Hoch erfreut antworte ich ihm also, fahre nach Hause und von dort zur vereinbarten Stelle mit der Bank vor den großen Platanen.

Dort steht der kleine Mann im Sommermantel bereits an einen Baum gelehnt. „Hallo Errico“, sage ich verlegen-erfreut und er kommt mir entgegen – doch wir umarmen und nicht, sondern schĂŒtteln uns nur die HĂ€nde. Doch blickt er mir mit seinem scharfen, verschmitzten Blick kurz tief in die Augen. „Lange war’s her, das wir uns gesehen haben
 Ich glaube auf diesem Kongress in
“, spricht er. Und selbstverstĂ€ndlich erinnert er sich, weil er eben so ein aufmerksamer, pfiffiger Kerl ist. Damit beginnen wir unseren Spaziergang und sprechen ĂŒber das Naheliegende: Über die (Anti-)Politik.

Malatesta erkundigt sich, wie es lokal und regional so lĂ€uft im anarchistisch-autonomen-antiautoritĂ€ren Lager. Ob wir es hinbekommen eine gute Propaganda- und Kommunikationsarbeit zu machen. Ob wir neue Leute dazu gewonnen haben. Ob sich die Subkultur weiter entpolitisiere oder wieder ein rebellisches Refugium werden könnte. Wie der Stand unserer Debatte ist in Hinblick auf die aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen von Kapitalismus, Klimakollaps, Pandemie und Krieg. Ob wir eine vernĂŒnftige BĂŒndnisarbeit mit anderen emanzipatorischen Strömungen hinbekĂ€men und es schaffen wĂŒrden, außerhalb unserer Blase aktiv zu sein. Geflissentlich beantworte ich alle seine Fragen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, mit einem Blick dafĂŒr zu unterscheiden, was ich generell feststellen kann und was meine persönliche EinschĂ€tzung ist. Denn warum sollte ich ihm etwas vormachen? Immerhin können wir nur VerĂ€nderungen bewirken, wenn wir die Gegebenheiten klar benennen und deuten.

Eine gute Weile sprechen wir auch darĂŒber, was es bedeutet im Widerspruch mit der bestehenden Herrschaftsordnung zu leben und die WidersprĂŒche in unserer Bewegung und in uns selbst auszuhalten. Denn wenn wir keine absoluten Wahrheiten haben, wie können wir dennoch darauf vertrauen, dass unsere Wege schon die richtigen sind? Und er erzĂ€hlt auch von sich. Wie er die Dinge sieht; dass ihn bedrĂŒckt keine Zeit fĂŒr seine Freundschaften zu haben, weil er so viel unterwegs ist fĂŒr die Sache. Und das er es nicht mag, dass ihm sein Ruf vorauseilt – auch wenn ihn etliche Genoss*innen aufgrund seiner selbstkritischen Art und weil er den Finger in die Wunden unserer Bewegung legt, verfluchen. „Heute wirst du von der Masse gefeiert, morgen von ihr fallen gelassen. In einer Phase hast du Macht in der Bewegung aufgrund deines Engagements, in einer anderen mindert sich deine Anerkennung, weil irgendein von seinem Ego eingenommener Genosse plötzlich großspurige Reden von sich gibt und die anderen sich davon blenden lassen. Es bleibt kompliziert unter diesen Bedingungen eine langfristige Strategie zu entwickeln“, klagt mir Errico sein Leid. Und ich bestĂ€tige ihn fortwĂ€hrend, weil ich den Eindruck habe, ich wisse genau. Denn ich denke, es wĂ€re ohnehin alles so scharfsinnig, reflektiert und durchdacht, was er erzĂ€hlt.

Es ist eben leider so. Ich bin etwas in ihn verknallt, glaube ich. Schon komisch, denn auch wenn ich mir meine homoerotischen Neigungen stets eingestehen konnte, hatte ich nie den Mumm, sie weiter zu verfolgen. Ein Begehren ĂŒberkommt mich bei MĂ€nnern sehr viel seltener als in Hinblick auf Frauen. DarĂŒber hinaus fĂŒhlt es sich aber auch merkwĂŒrdig anders an. Geheimnisvoller, wĂŒrde ich sagen. Und ich weiß nicht, ob ich nicht sogar bedauere, als junger Erwachsener nicht einfach andere Erfahrungen gemacht zu haben
 Wie auch immer, ich hĂ€nge Malatesta an den Lippen. Also leider nur im ĂŒbertragenen Sinne, nicht im wörtlichen. Denn dazu habe ich offenbar nicht den Mut. Mal abgesehen davon, dass ich ohnehin ziemliche Probleme mit dem Thema Erotik und Liebe habe, hat es auch bestimmte GrĂŒnde, dass ich mich nie mit Genoss*innen eingelassen habe. Ich vermute, es erschien mir intuitiv immer besser (Anti-)Politik und Romantik zu trennen, weil beides schon fĂŒr sich genommen verwirrend genug ist und schnell zu Streit fĂŒhrt. Doch bei Errico könnte ich mir vorstellen eine Ausnahme zu machen
 Sein Scharfsinn und seine Empathie verzĂŒcken mich. Ich halte ihn fĂŒr weich, aber bestimmt. Er kennt seine Grenzen und kann fĂŒhren. Ich wĂŒrde mich gerne bei ihm fallen lassen


„Wo bist du mit deinen Gedanken?“, fragt er mich, offenbar bemerkend, dass ich arg vertrĂ€umt vor mich hinstarre. „Oh, Ă€hmm, Ă€hh“, stammle ich, „ich – Ă€hhh – habe anknĂŒpfend an das was du zu populĂ€ren Mobilisierungen gesagt hast, darĂŒber nachgedacht, in welchen Situationen ich mich habe begeistern lassen fĂŒr 
 die Anarchie 
 und – Ă€hm – mich dann eben zu organisieren. Letztendlich sind es doch immer die konkreten Menschen, die einen faszinieren und mitreißen, oder?“. „Eben“, entgegnet Malatesta milde. Und weiter: „Siehst du und du bist auch ein toller, reflektierter und kluger Mensch. Du kannst denken, aber koppelst das nicht von deinem GefĂŒhl ab. Du kannst beurteilen, aber weißt um die Grenzen und RelativitĂ€t deiner EinschĂ€tzungen. Du kannst Menschen auf deine Weise begeistern, ohne, dass du ihnen irgendwas vormachen brauchst. Das ist viel wert. Nutze diese FĂ€higkeiten und bring sie fĂŒr unsere Sache ein“.

Tja und was soll ich sagen? Ich glaube es war der schönste, unausgesprochene Korb den ich im letzten Jahr bekommen habe. So trennten sich unsere Wege und wir vereinbarten, uns wieder beieinander zu melden beziehungsweise gegebenenfalls per Email in Kontakt zu treten, falls es etwas Bestimmtes gibt.




Quelle: Paradox-a.de