Mai 17, 2022
Von InfoRiot
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Der Angeklagte wird in den Verhandlungssaal gefĂŒhrt.

Der Angeklagte wird in den Verhandlungssaal gefĂŒhrt.

Foto: dpa/Fabian Sommer

Mord ver­jĂ€hrt nicht. Bei­hil­fe zum Mord ver­jĂ€hrt auch nicht, genau­so wenig wie Kriegs­ver­bre­chen. Trotz­dem mutet es fĂŒr den juris­ti­schen Lai­en viel­leicht selt­sam an, einen 101 Jah­re alten Mann jetzt noch dafĂŒr zur Rech­nen­schaft zu zie­hen, dass er in den Jah­ren 1942 bis 1945 als Wach­mann der SS im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen gear­bei­tet hat.

Tat­sĂ€ch­lich wirkt es wie ein Wun­der, dass Josef S. ĂŒber­haupt noch vor Gericht erscheint. Von Sani­tÀ­tern abge­holt und am Rol­la­tor in den Saal gefĂŒhrt, hat er seit Pro­zess­be­ginn Anfang Okto­ber ver­gan­ge­nen Jah­res etwa zwei­ein­halb Stun­den pro Ver­hand­lungs­tag durch­ge­hal­ten. Den Ton bekam er ĂŒber Kopf­hö­rer ver­stĂ€rkt, damit er trotz Schwer­hö­rig­keit ver­ste­hen konn­te, was gespro­chen wird.

Es hĂ€t­te leicht sein kön­nen, dass es gar nicht mehr zum PlÀ­doy­er von Ober­staats­an­walt Cyrill Kle­ment gekom­men wĂ€re. Denn der Ange­klag­te infi­zier­te sich zwi­schen­zeit­lich mit dem Coro­na­vi­rus und muss­te außer­dem im Kran­ken­haus am Fuß ope­riert werden.

Neh­men wir an, Josef S. wird wegen Bei­hil­fe zum Mord an min­des­tens 3522 KZ-HĂ€ft­lin­gen zu fĂŒnf Jah­ren Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt, wie vom Ober­staats­an­walt gefor­dert. Dann ist immer noch nicht klar, ob der gesund­heit­li­che Zustand den Haft­an­tritt erlaubt. Dann ist immer noch offen, ob er die fĂŒnf Jah­re absitzt oder vor­her stirbt.

War­um war die­ser Pro­zess den­noch wich­tig? Einer­seits wie­der­fÀhrt den Opfern bezie­hungs­wei­se ihren noch leben­den Ange­hö­ri­gen durch eine Ver­ur­tei­lung spÀ­te Gerech­tig­keit. Dass es ihnen dar­auf ankommt und nicht auf die Haft­stra­fe an sich, hat Roma­ni Rose deut­lich gemacht, der den Pro­zess an einem Ver­hand­lungs­tag Ende Janu­ar als Zuschau­er ver­folg­te. Der PrÀ­si­dent des Zen­tral­rats Deut­scher Sin­ti und Roma ist 1946 gebo­ren. Die Nazis haben 15 Ange­hö­ri­ge sei­ner Fami­lie ermordet.

Ande­rer­seits dient die Ver­ur­tei­lung auch der Abschre­ckung. Kein Kriegs­ver­bre­cher darf sich heu­te und in Zukunft sicher sein, unge­straft davon­zu­kom­men, wenn er sei­ne Taten nur lan­ge genug verheimlicht.




Quelle: Inforiot.de