Juni 21, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Lajos KassĂĄk: Ein Menschenleben. VIII. Buch Kommune. RĂ€terepublik Ungarn 1919, Deutsch von Tibor SillĂł, Verlag Edition AV, Bodenburg 2020, 217 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-86841-232-1.

„Eine geschenkte Revolution“
Lajos KassĂĄk – die ungarische RĂ€terepublik 1918
In der deutschen Erstausgabe des VIII. Bandes seiner Autobiografie setzt sich der bildende KĂŒnstler, Schriftsteller und Aktivist Lajos KassĂĄk (1887-1967) mit der Ungarischen RĂ€terepublik auseinander. An den Ereignissen war er als Volkskommissar und Herausgeber der Zeitschrift „MA“ (1) direkt beteiligt.
Nach einer Wanderschaft zu Fuß und ohne Geld, die ihn nach Paris gefĂŒhrt hatte, wo er Guillaume Apollinaire, Blaise Cendrars, Robert Delaunay und Pablo Picasso kennenlernte, war er nach Budapest zurĂŒckgekehrt und grĂŒndete die antimilitaristische Zeitschrift „A Tett“ [dt. Die Aktion]. Schon 1904 nahm er an Gewerkschaftsaktionen teil, wurde Mitglied der Ungarischen Sozialdemokratischen Partei und veröffentlichte seine ersten Gedichte. Nach deren Verbot 1916 gab er die Zeitschrift „MA“ heraus, in der Kurt Schwitters, Oskar Schlemmer, Tristan Tzara, El Lissitzky und Alexander Archipenko publizierten.
KassĂĄk war ein kompromissloser KĂŒnstler, der universell dachte und die politische Situation, nicht nur in Ungarn, analysierte und kritisierte. Nationalistische SchwĂ€rmereien waren ihm fremd. Politisch dĂŒrfte er dem Anarchosyndikalisten Ervin SzabĂł nahe gestanden haben, der im Jahr vor der Ausrufung der RĂ€terepublik verstorben war. Die politische Kontroverse mit BĂ©la Kun, einem Bolschewisten, der die mĂ€chtigste Figur in der RĂ€terepublik war, ĂŒber die Freiheit der Kunst, fĂŒhrte zum Verbot der Zeitschrift „MA“, die anfangs als kulturelles AushĂ€ngeschild der RĂ€terepublik betrachtet wurde.
Die RĂ€terepublik war ausgerufen worden, als Adel und Bourgeoisie im MĂ€rz 1919 kampflos die Macht in dem vom Krieg ruinierten Land einer Koalition aus Sozialdemokraten und Kommunisten ĂŒbergaben. Im November 1918 hatte Ungarn Waffenstillstand mit der Entente geschlossen. 600.000 Soldaten waren getötet worden, 81.000 desertiert, 750.000 schwer verletzt und ebenso viele in Gefangenschaft geraten. „Eine geschenkte Revolution“, urteilt KassĂĄk. Der Antimilitarist und Kriegsgegner berichtet ĂŒber den Widerstreit der politischen Strömungen, den Alltag und die Situation der KĂŒnstler und Intellektuellen. Trotz aller Kritik blieb er stets auf der Seite der Revolution. Anfangs glaubten die Arbeiter, die Welt aus den Angeln heben zu können. Betriebe wurden vergesellschaftet, den ehemaligen Besitzern ĂŒberließ man aber die Leitung der Staatsbetriebe. Die Bauern akzeptierten das massenhaft gedruckte Papiergeld nicht. Eier, HĂŒhner, Milch und Butter waren nur im Tauschhandel zu bekommen.
Zwar war auch der Großgrundbesitz vergesellschaftet worden, doch blieb die Leitung bei den Gutsherren. Millionen von Tagelöhnern und Kleinbauern waren enttĂ€uscht. Da sie kein eigenes Land erhielten, paktierten sie mit den KonterrevolutionĂ€ren. Dem ökonomischen Druck und der Intervention der Entente konnte die RĂ€terepublik nicht standhalten. Die Sozialdemokraten entmachteten die Kommunisten und machten der Reaktion den Weg frei. KassĂĄk versuchte, sich mit der Flucht in die Provinz in Sicherheit zu bringen, wurde aber verhaftet. Durch seine Flucht nach Wien konnte er sein Leben retten. Zwischen 1924 und 1935 veröffentlichte er seine Autobiografie „Ein Menschenleben“.
KassĂĄks Aufzeichnungen sind weder eine geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der 133 Tage der Kommune, noch eine trockene ideologische Analyse, sondern in erster Linie ein Augenzeugenbericht von außerordentlichem dokumentarischen Wert, in dem er auch ĂŒber die Rolle der Intellektuellen und der Arbeitermassen in einer RĂ€terepublik, die Frage nach der Autonomie der RĂ€te und die Strategien autoritĂ€rer Linker reflektiert. Die Ungarische RĂ€terepublik wurde nach ihrem Ende von der Linken stets kontrovers beurteilt, aber selbst „rechte“ Kritiker wĂŒrdigten in den 1920er Jahren ihre Leistungen fĂŒr die Volksbildung und ihr kulturelles Schaffen. KassĂĄk war eine Ausnahmeerscheinung. 1926 kehrte er nach Ungarn zurĂŒck, blieb aber ein Außenseiter.
In dem Band begegnet man einer Vielzahl von Akteuren, die nicht allgemein bekannt sein dĂŒrften, doch ein ausfĂŒhrliches Personen- und Sachregister, mit dem der Übersetzer den Band versehen hat, hilft bei der Orientierung.




Quelle: Graswurzel.net