Juni 30, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Donnerstag, 3. Juni, in einer warmen Sommernacht. Irgendwo in Bayern in einer hĂ€sslichen Betonstadt (sie sehen alle gleich aus). In einer nĂ€chtlichen Aktion haben wir uns entschieden, dass einige der Leih-E-Scooter, welche seit geraumer Zeit ganze StĂ€dte zumĂŒllen, eine dringende AbkĂŒhlung nötig haben. So schnappten wir uns ein Dutzend dieses piependen Elektroschrotts und brachten sie zur nĂ€chstgelegenen Wasserstelle um sie anschließend ĂŒber das BrĂŒckengelĂ€nder im Fluß zu versenken.

Diese Aktion erfolgte aus folgenden GrĂŒnden:

1. Die E-Scooter vermĂŒllen die ohnehin schon hĂ€sslich gepflasterten Gehwege und stellen eine enorme Behinderung dar, nicht nur fĂŒr Menschen wie uns, die eingeschrĂ€nkt unterwegs sind, sondern auch fĂŒr Eltern mit Kindern und KinderwĂ€gen oder Ă€lteren Menschen, die eventuell auf den Radweg ausweichen mĂŒssen um ĂŒberhaupt noch Platz zu haben.

2. Die Roller belasten die Umwelt und ficken einen bereits sterbenden Planeten. Die Überschwemmungen ganzer StĂ€dte mit diesem Elektroschrott passen nur allzu gut in die LĂŒge des Greenwashing. Ein Roller ist keine umweltschonende Alternative zum Auto. Beides ist ein Auswuchs unserer bestehenden Ordnung und beides muss weg. Auf dem ersten Blick mag ein E-Scooter eine kleinere Umweltbelastung darzustellen, doch wenn man berĂŒcksichtigt, wie sie hergestellt werden und vor allem, dass die Leih-E-Scooter oftmals nach nur wenigen Monaten ersetzt werden mĂŒssen, stellt man schnell fest, dass an diesen Teilen nichts, aber auch gar nichts grĂŒn ist (und Lithium, welches fĂŒr die Akkus benötigt wird, ist ganz sicher niemals eine grĂŒne Lösung!). Manche mögen uns nun vorwerfen heuchlerisch zu sein, den Elektroschrott in einem Fluß versenkt haben, und dem stimmen wir zu. Das ist nicht die beste Lösung und wir wĂŒnschten wir hĂ€tten deutlich mehr Optionen, doch fĂŒr uns sind die Mittel beschrĂ€nkt.

3. Daten, Daten, Daten. Wieder wird eine Technologie auf uns losgelassen, welche uns ĂŒberwacht. Der Anbieter VOI hat Daten von fast einer halben Millionen Menschen öffentlich im Internet einsehbar bereitgestellt. Mobike hat seine Nutzer*innendaten an Dritte verkauft. Die Datenerhebungen und deren Handel sind sicherlich fĂŒr viele Anbieter ein wesentliches GeschĂ€ftsmodell. BerĂŒcksichtigt man, wie schnell ein Scooter endgĂŒltig Elektroschrott ist, wird klar, dass die Unternehmen nicht mit einem simplen LeihgeschĂ€ft an ihr Geld kommen.

Nieder mit den E-Scootern. Nieder mit der LĂŒge grĂŒner Alternativen. Nieder mit der bestehenden Ordnung.

Antizivile behinderte Zellen

Quelle: schwarzerpfeil.de

Die Verwendung von wiederkehrenden Gruppennamen, sowie weitere Aspekte einer identitĂ€tsfixierten Bekennung zu Angriffen wurden im ZĂŒndlumpen bereits anlĂ€sslich diverser Angriffe unter dem Namen „Feministische Autonome Zellen“ kontrovers diskutiert (siehe ZĂŒndlumpen #048 und #072 (Wegen alledem und Von der Handlung zur IdentitĂ€t)). Es sei hier dazu ein Auszug aus Ausgabe #072 „Von der Handlung zur IdentitĂ€t“ zitiert:

„Queere, arme ‚kranke‘, rassifizierte und FLINT* Menschen und alle, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, sind stĂ€ndig gezwungen, mehr oder minder öffentliche ‚Bekenntnisse‘, ‚outings‘ zu produzieren“, schreibt ihr, und spĂ€ter beklagt ihr noch die „leider seltenen ‚outings‘ anonymer Aktionsgruppen als FLINT* Gruppen“. Hier scheint die gute alte IdentitĂ€tspolitik Einzug in euer Militanzkonzept zu halten und eure Militanz zur identitĂ€tsstiftenden Angelegenheit zu machen. Es erinnert mich an die Schriften der Roten Zora, in denen hĂ€ufig von „Gegenmacht“ (Ein Konzept, das auch von den RevolutionĂ€ren Zellen und anderen militanten Gruppen gebraucht wurde und wird) und „Frauenmacht“ (was ebenso wie das Konzept der „Gegenmacht“ zumindest in „Mili’s Tanz auf dem Eis“ spĂ€ter kritisch gesehen wird) die Rede war und immer wieder das Frausein essentialisiert und als fĂŒr die Gruppe identitĂ€tsstiftend ins Spiel gebracht wird. Dabei geht es mir nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Personen nicht lĂ€nger in ZusammenhĂ€ngen „organisieren“ wollen, in denen sie marginalisiert werden und in denen sie den Eindruck haben, ihre eigenen Projekte nicht realisieren zu können – Im Gegenteil, ich bin ohnehin der Ansicht, dass eine Organisation zerstört werden sollte, sobald sie den ProjektualitĂ€ten ihrer „Mitglieder“ im Wege steht. Es geht mir auch nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Menschen gemeinsam mit Menschen innerhalb ihrer sozialisierten IdentitĂ€ten „organisieren“, verschwören, verbĂŒnden wollen. Wenn diese IdentitĂ€ten dann aber die eigenen Angriffe und Handlungen zu ĂŒberdauern scheinen, wenn es weniger auf eine Handlung ankommt, als auf die IdentitĂ€t der*desjenigen, die*der diese tĂ€tigt und vielleicht zusĂ€tzlich noch suggeriert wird, mensch wĂŒrde fĂŒr alle Menschen, die diese IdentitĂ€t (zu) teilen (scheinen), sprechen, so scheint mir diese Konstellation mitnichten geeignet, irgendein HerrschaftsverhĂ€ltnis radikal anzugreifen. Das gilt ĂŒbrigens nicht nur fĂŒr IdentitĂ€ten wie „wir, queere Militante“, „wir, eine FLINT* Aktionsgruppe“ oder „wir, eine Frauenkampfgruppe“, sondern insbesondere auch fĂŒr „wir, militante Linke“ oder „wir, Militante“, wie Lina Gaso in „Jenseits von Militanz: RevolutionĂ€re Gewalt“ (In der Tat Nr. 2) argumentiert.

Was mich aber bei „outings“ als „FLINT-Gruppen“ und der Ermutigung, sich als solche zu „outen“, wie ich das im Text der FAZ wahrnehme, ganz besonders verstört ist die eigentliche KontraproduktivitĂ€t des Ganzen und das implizite Fortschreiben einer der weitverbreitetsten und dĂ€mlichsten Legenden ĂŒber diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, nĂ€mlich dass dies (vor allem) nicht nur „MĂ€nner“ seien, sondern gar solche, die nicht „von gesellschaftlichen Normen abweichen“ wĂŒrden. Ist es nicht die grĂ¶ĂŸtmögliche Abweichung von „gesellschaftlichen Normen“, die bestehende Gesellschaft, das Eigentum, das Patriarchat, den Staat oder wie mensch es auch nennen will, anzugreifen? Und sicher mag es diese und jene ZusammenhĂ€nge geben, aber es wĂŒrde mich doch sehr verwundern und meinen eigenen Erfahrungen zentral widersprechen, wenn sich die gĂ€ngigen gesellschaftlichen Klischees ĂŒber diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, im Großen und Ganzen als wahr erweisen wĂŒrden. Das heißt nicht, dass ich es nicht respektiere, wenn Individuen wie beispielsweise die Anarchistin und Nihilistin Kaneko Fumiko so heftig um Anerkennung ihrer GefĂ€hrlichkeit kĂ€mpfen (wollen), dass sie bereit sind dafĂŒr hingerichtet zu werden. Aber fĂŒr die Anerkennung der GefĂ€hrlichkeit nicht eines Individuums, sondern einer IdentitĂ€t scheint mir ein solches Unterfangen – mit Verlaub – recht bescheuert. Geht es denn darum, das in einer Gesellschaft prĂ€sente Bild einer IdentitĂ€t zu verĂ€ndern (und was wĂŒrden beispielsweise liberale Feminist*innen dazu sagen, wenn dieses Unterfangen erfolgreich wĂ€re und FLINT* Personen fortan als „Terrorist*innen“ gelten wĂŒrden) oder geht es nicht vielmehr darum, jede Vorstellung von IdentitĂ€t und die Gesellschaft selbst – zumindest so wie sie heute existiert – zu zerstören?




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org