Juli 16, 2021
Von Die Plattform
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Der folgende Text wurde von vietnamesischen Anarchist:innen um das Kollektiv “MĂšo Mun” im FrĂŒhling dieses Jahres verfasst. Er stellt eine kurze Analyse und Kritik der VerhĂ€ltnisse im sogenannten “sozialistischen” Vietnam dar. Anarchistische Einblicke in die LebensrealitĂ€ten der Menschen in den ĂŒbrig gebliebenen staatskapitalistischen Parteidiktaturen sind selten und damit umso wertvoller. Wir haben deshalb den mittlerweile in fĂŒnf Sprachen veröffentlichten Text ins Deutsche ĂŒbersetzt, um ihn auch Menschen aus unserer Region zugĂ€nglich zu machen. Wir freuen uns, wenn ihr uns helft, den Bericht der vietnamesischen Genoss:innen weiterzuverbreiten. Mehr von MĂšo Mun findet ihr auf Twitter. Den Text in anderen Sprachen findet ihr auf libcom.org. Viel Spaß beim Lesen!

“Eine Kritik vietnamesischer Anarchist*innen am sogenannten „Sozialismus“ in Vietnam

Vietnam 2021, Optimismus scheint in der Luft zu liegen. Die konsequente Verfolgung einer ZeroCovid-Strategie zur PandemiebekĂ€mpfung hat der Regierung sowohl national als auch international ein hohes Maß an Respekt und Zustimmung beschert. Wo viele NachbarlĂ€nder wirtschaftliche Einbußen durch die Pandemie erleiden mussten, konnte die vietnamesische Wirtschaft sogar Gewinne verzeichnen. Doch unter all den positiven Nachrichten scheint etwas verquer zu sein. Da ist dieses nagende GefĂŒhl, das niemand so recht zuzuordnen weiß. Fast, als wĂŒrde ein Gespenst in Vietnam umgehen, das Gespenst des Kommunismus – die wahrhaftige Ausgabe davon, ganz ohne Glocken und Pfeifen.

Wie Emma Goldman in ihren Werken bemerkte, gab es keinen Kommunismus in der UdSSR. Das selbe kann ĂŒber das Vietnam der Gegenwart gesagt werden. Die Partei an der Macht, die Kommunistische Partei Vietnams (KPV) – hat den Pfad zum Kommunismus lĂ€ngst verlassen.

​​​Bevor der gegenwĂ€rtige Parteichef zu seiner dritten Amtszeit (2020-2025) antrat, formulierte er einen ambitionierten Plan, durch welchen Vietnam bis 2045 ein „Industrieland“ werden solle, das es auch mit konkurrierenden Nationen wie Japan, SĂŒdkorea und Singapur aufnehmen könne. FĂŒr uns Radikale ist dies ein Verrat an der Arbeiter:innenklasse, an indigenen Communities und marginalisierten Gruppen, die so viel geopfert haben fĂŒr Vietnams Revolution. Doch wie euch Marxist:innen-Leninist:innen mit strahlenden Augen und steinharter Überzeugung versichern werden, ist dies alles Teil des Plansℱ und 2045 wird ganz sicher das Jahr sein, in dem Vietnam endlich zu einem klassenlosen, staatenlosen und geldlosen Land wird.

Eine nĂ€here Betrachtung der vietnamesischen Gesellschaft hingegen enthĂŒllt, dass dieser Plan lediglich eine Illusion ist und die Verprechungen bestenfalls eine Rechtfertigung fĂŒr die herrschende kapitalistische Klasse darstellen, das Leben noch ein wenig lĂ€nger aus dem Land zu saugen. Der Unterschied zwischen dem, was die Parteieliten predigen und was sie umsetzen ist ein Unterschied zwischen Tag und Nacht.
WĂ€hrend Vietnams Wirtschaft wĂ€chst und wĂ€chst, so wĂ€chst auch der Unterschied zwischen Armen und Reichen. Keine Regulierungsmaßnahmen und kein Sozialstaat kann die Akkumulation von Kapital aufhalten oder den Strom von Reichtum aus den HĂ€nden Vieler in die HĂ€nde einiger Weniger. Diese Akkumulation wird nirgendwo deutlicher als in der Praxis des Landbesitzes. Dieses System ermöglicht, dass die Kontrolle des Landes den HĂ€nden von Landarbeiter:innen mit minimaler EntschĂ€digung entrissen werden und im Gegenzug Kapitalist:innen ĂŒbergeben werden kann, die ein vielfaches an Profit daraus erpressen können. Im ganzen Land sind luxuriöse Wohnkomplexe aus dem Boden geschossen, aber nur wenige der Enteigneten können es sich leisten, dort einzuziehen. Der MilliardĂ€r PháșĄm Nháș­t VÆ°á»Łng, dessen Familie ungefĂ€hr so viel besitzt wie 800.000 durchschnittliche Vietnames:innen, hĂ€tte sein Imperium nicht aufbauen können, wenn ihm nicht Land aus Volksbesitz auf diese Art und Weise zugespielt worden wĂ€ren.

Vietnams ohnehin fragiles Ökosystem und indigene Communities zahlen ebenfalls einen hohen Preis fĂŒr das schnelle Wirtschaftswachstum. Der Plan fĂŒr den ElektrizitĂ€tssektor berĂŒcksichtigt zwar in begrenztem Maße erneuerbare Energien, schließt jedoch auch den Bau neuer Kohlekraftwerke mit ein – trotz dringlicher Warnungen ĂŒber deren CO2-Bilanz und PM2.5-Smog, der ohnehin schon viele GroßstĂ€dte einschließt und die Gesundheit von Millionen Menschen bedroht. Um 2015 herum entstanden außerdem viele hydroelektrischen Kraftwerke in den bergigen Regionen des Landes, um den Strombedarf von StĂ€dten und Fabriken zu fĂŒllen. Diese Kraftwerke haben nicht nur das Flussnetzwerk gestört und tieferliegende Agrarregionen wichtiger Sedimente beraubt, sondern auch verheerenden Schaden an indigenen Communities angerichtet. Solarenergie-Kraftwerke in Ninh Thuáș­n haben den indigenen Chăm ihr Farmland genommen. Das Mekongdelta, Vietnams Hauptanbaugebiet fĂŒr Reis, ist durch die vielen DĂ€mme stromaufwĂ€rts in Thailand und China existenziell bedroht. Und zur selben Zeit, zu der verabschiedet wird, dass landesweit eine Milliarde BĂ€ume gepflanzt werden sollen, wurden Kapitalist:innen zahlreiche Genehmigungen erteilt, damit sie tausende Hektar Farm- und Waldland in Resorts und GolfplĂ€tze verwandeln können.

Hinter all dem steht ein starkes nationalistisches GefĂŒhl – ein effektives Werkzeug, jegliche Kritik gegen am Staat abzutun. Dies bedeutet, dass nach Belieben die KĂ€mpfe anderer Leute untergraben werden können, um einem abstrakten „grĂ¶ĂŸeren Ganzen“ nicht im Weg zu stehen. Nationalismus ist inzwischen der Faktor, der den Wert vietnamesischer BĂŒrger:innen bestimmt.

Nationalismus war es, der die Việt Minh in den 1940er Jahren an die Macht katapultierte. Es war Nationalismus, der Millionen jugner Vietnames*innen motivierte, die Interessen ihres Landes ĂŒber ihre eigenen zu stellen und gegen auslĂ€ndischen Imperialismus zu kĂ€mpfen. Schon seit der frĂŒhen Geschichte der Partei gab es starke Bestrebungen, ĂŒberall ein starkes GefĂŒhl des Nationalismus zu etablieren. Nationalismus ist im Lehrplan vietnamesischer Kinder, in unseren Liedern, Gedichten, Kunst und ĂŒberall in den Medien. Einer der grĂ¶ĂŸten Erfolge der Partei ist die absolute Überhöhung von nationaler IdentitĂ€t und LoyalitĂ€t zur Partei. Die moderne kapitalistische Klasse wie VinGroup oder der BKAV hat bei den Erzeugnissen der staatlichen Propagandamaschinerie gut aufgepasst und bezieht nationalistische Elemente in ihr Marketing mit ein.
Ironischerweise sind es insbesondere die Nationalist:innen, die sich als Erben der „kommunistischen“ Revolution sehen, dabei sind sie es, die allen radikalen Ideen wie Tierbefreiung, sexueller und geschlechtlicher Befreiung, indigener Autonomie, Entkriminalisierung von Sexarbeit und internationaler SolidaritĂ€t am ablehnendsten gegenĂŒberstehen. Die nationalistischen Überzeugungen haben sich vorhersehbarerweise in eine konterrevolutionĂ€re, reaktionĂ€re Kraft entwickelt, die sich in rote GewĂ€nder hĂŒllt.

Opfer des vietnamesischen Nationalismus sind unter anderem:

  • Queere Personen, die weiterhin einen hohen Grad an Diskriminierung in Vietnam erfahren. Fortschritte im Hinblick auf Geschlecht und SexualitĂ€t kommt vorrangig aus liberaleren Strömungen wie dem Pride Movement, welches leider kaum mehr ist als ein Marketingwerkzeug fĂŒr auslĂ€ndische und lokale Konzerne. Wirklich tiefgreifende VerĂ€nderungen wie die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Familien oder die rechtliche Anerkennung der medizinischen BedĂŒrfnisse von trans Personen wurden immer wieder verschoben um „dringlichere Angelegenheiten“ zu priorisieren.
  • Sexarbeiter:innen, die von der vietnamesischen Polizei stigmatisiert wird. In den Augen der vietnamesischen, patriarchalen Gesellschaft ist Sexarbeit keine Arbeit, sondern lediglich eine Kinderkrankheit, die es auszumerzen gilt. Daraus folgend, wird Sexarbeit fĂŒr die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten verantwortlich gemacht und Sexarbeiter:innen werden an den Rand der Gesellschaft verdrĂ€ngt.
  • Indigene Communities, die seit dem Feudalismus unter der Siedlungspolitik leiden, finden auch unter der aktuellen, „anti-imperialistischen“ Regierung keinen RĂŒckhalt. Schlimmer noch, die UnterdrĂŒckung hat sogar noch zugenommen, seit der Staat neue und effektivere Methoden entwickelt hat, jeglichen Widerstand gegen ihn zu neutralisieren.

Viele Verteidiger:innen des vietnamesischen „Sozialismus“ im Ausland haben diese offensichtlichen Red Flags ignoriert oder im Namen der Entwicklung ihres „sozialistischen“ Lieblingslandes als gerechtfertigt betrachtet. Dies demonstriert Apathie und Ignoranz gegenĂŒber den vietnamesischen KĂ€mpfen fĂŒr eine gerechte Gesellschaft und gegen den Kapitalismus. All diese genannten Punkte werden akzeptiert wegen eines roten Anstriches und wegen vorgeblich „anti-imperialistischer“ Ambitionen gegen die USA. FĂŒr uns ist deutlich: Kommunismus stand nie auf der Agenda.

Letztendlich ist zu existieren allein und fĂŒr sich genommen schon ein Sieg. DarĂŒber entsteht eine Aufgabe, eine Rolle – die Rolle, die Stimmen vietnamesischer Radikaler abzubilden. Wir richten uns an die Zukunft der Arbeiter:innenklasse, die Jugend, die den Kapitalismus und den Staat sowohl am Leben erhalten und von ihnen unterdrĂŒckt werden. Wir hoffen, dass sie eines Tages diese knechtenden Ketten sprengen können.”




Quelle: Dieplattform.org