Oktober 1, 2021
Von Emrawi
278 ansichten

I. Was ist der Kommunismus?

Der Kommunismus ist die Negation des Kapitalismus. Eine durch die Entwicklung und den Erfolg der kapitalistischen Produktionsweise selbst hervorgebrachte Bewegung, die sie schliesslich zerstören und eine neue Art der Gesellschaft erschaffen wird. Dort, wo eine Welt basierend auf der Lohnarbeit und der Ware existiert, muss eine Welt entstehen, wo die menschliche TĂ€tigkeit nie mehr Lohnarbeit sein wird und die Produkte derselben nie mehr Handelsobjekte sein werden. Unsere Epoche ist jene dieser Transformation. Sie vereinigt die Elemente der Krise des Kapitalismus und die notwendigen Materialien fĂŒr die kommunistische Lösung dieser Krise. Wir werden versuchen, die Prinzipien des Kommunismus zu beschreiben, zu untersuchen, wie sie kĂŒnftig das Leben der Menschheit garantieren können, und zu zeigen, dass sie vor unseren Augen schon am Werk sind.

Science-Fiction?

Wir wollen die Welt von morgen skizzieren, die kommunistische Gesellschaft, wovon wir trĂ€umen. Es geht nicht darum, mit der Science-Fiction oder dem Journalismus zu rivalisieren, indem wir eine Reportage ĂŒber das Leben der Leute und der Tiere in der Zukunft schreiben. Wir verfĂŒgen ĂŒber keine Zeitmaschine.

Trotz der Bedeutung der Frage können wir nicht vorhersehen, wer gewinnen wird im sie entgegensetzenden Krieg, die Hose oder das Kleid, die GemĂŒsebouillon oder die Schwalbennestersuppe. Im schlimmsten Fall können wir nicht einmal garantieren, dass die Menschheit eine Zukunft haben wird. Wer garantiert uns, dass wir nicht von einem Atomkrieg oder einer kosmischen Katastrophe hinweggefegt werden?

Trotz allem bleibt die Voraussicht wĂŒnschbar und möglich. Wir versuchen, die kommunistische Gesellschaft auf der Grundlage ihrer allgemeinen Funktionsregeln zu beschreiben, indem wir konstant auf ihre Differenzen in Bezug auf die bestehende Gesellschaft verweisen. Es gilt, zu zeigen, dass die Zukunft besser sein kann als eine verbesserte oder ĂŒberarbeitete Gegenwart.

Um nicht allzu fad zu sein, werden wir manchmal auf die Details eingehen, Beispiele vorbringen. Das soll nicht allzu ernst genommen werden. Jeder kann sich andere vorstellen. Man kann unsere durchaus verwerfen.

Die Zukunft ist kein neutrales Terrain. Das Kapital versucht, jeglichen gesellschaftlichen Raum zu besetzen und zu unterwerfen. Es kann seinen Handel jedoch nicht, wie es sich die Autoren von Science-Fiction vorstellen, zwischen der Vergangenheit und der Zukunft organisieren. Es rĂ€cht sich im Bereich der Werbung und der Ideologie. Man lĂ€dt uns ein, die Gegenwart als Zukunft zu leben, schon jetzt die Uhr oder das Auto von morgen zu kaufen. Die aufeinanderfolgenden, konkurrierenden und manchmal „antikapitalistischen“ Konzeptionen einer kapitalistischen Zukunft vernebeln unsere Gegenwart.

Die Debatte ĂŒber die kommunistische Organisation der Gesellschaft ist, trotz der Gefahr, sich zu irren, gleichbedeutend mit dem Schnappen nach etwas Luft in diesem stickigen Leben.

Auf die alte Frage der ReaktionĂ€re „Doch was fĂŒr eine Alternative schlagt ihr vor?“ darf nicht eingegangen werden. Wir sind keine IdeenhĂ€ndler. Wir werfen nicht eine Ersatzgesellschaft auf den Markt so wie man eine neue Seife lanciert. Der Kommunismus ist weder ein Objekt des Handels noch der Politik. Er ist die radikale Kritik davon. Er ist nicht ein den WĂ€hlern oder den Konsumenten offeriertes Programm, nicht einmal auf demokratische Art und Weise. Er ist die Hoffnung fĂŒr die proletarisierten Massen, nicht mehr auf den Zustand von WĂ€hlern oder Konsumenten reduziert zu werden. Wer sich in die Situation eines Zuschauers platziert, beurteilen können will, ohne sich zu engagieren, ist von der Debatte ausgeschlossen.

Es ist möglich von der revolutionÀren Gesellschaft zu sprechen, weil sie in der gegenwÀrtigen Gesellschaft im Entstehen begriffen ist.

Einige werden unsere Thesen als verrĂŒckt und naiv betrachten. Wir rechnen nicht damit, alle ĂŒberzeugen zu können. Wenn es möglich wĂ€re, wĂ€re das beunruhigend! Einige wĂŒrden sich sowieso lieber die Augen ausstechen, als die Wahrheit unserer Positionen anzuerkennen.

Die proletarische Revolution wird der Sieg der NaivitĂ€t ĂŒber eine devote und ausgetrocknete Wissenschaft sein. Jene, welche Demonstrationen verlangen, sollen auf sich achtgeben. Es ist durchaus möglich, dass sie nicht in der Ruhe der Laboratorien stattfinden, sondern heftig und in ihrer Gegenwart.

Bevor wir sagen, was der Kommunismus ist, muss zuerst das Terrain gerĂ€umt werden. Die LĂŒgen in seiner Hinsicht mĂŒssen verurteilt und es muss gesagt werden, was der Kommunismus nicht ist. Denn es haben sich, obwohl der Kommunismus eine sehr einfache Wirklichkeit ist, so verbunden mit der alltĂ€glichen Erfahrung, dass er davon ausgehend fast greifbar wird, in Bezug auf ihn enorme Unwahrheiten entwickelt. Das ist nur fĂŒr jene ein Widerspruch, welche nicht wissen, dass in der „Gesellschaft des Spektakels“ eben genau die Bedeutung dessen, was alltĂ€glich und vertraut ist, verdrĂ€ngt werden muss.

II. Kommunismus oder Kapitalismus?

FĂŒr die gĂ€ngige Meinung ist der Kommunismus allen voran eine im 19. Jahrhundert von den beiden berĂŒhmten siamesischen Zwillingen Karl Marx und Friedrich Engels ausgearbeitete Doktrin, die dann etwas spĂ€ter vom GrĂŒnder des sowjetischen Staates Lenin perfektioniert worden sei. Sie sei mehr oder weniger glĂŒcklich in einer gewissen Anzahl LĂ€nder angewandt worden: UdSSR, Osteuropa, China, Kuba
 In diesem Sinne debattiert man darĂŒber, um herauszufinden, ob Jugoslawien oder Algerien sozialistische, kapitalistische oder gemischte Regime haben. Man möge beruhigt sein – oder darĂŒber klagen, wir werden nicht die Verdienste dieser Art von Sozialismus oder Kommunismus anpreisen. Man wird uns kein X fĂŒr ein U vormachen und auch nicht die triste Eintönigkeit oder den Wahn fĂŒr den Personenkult fĂŒr die strahlende Zukunft der Menschheit.

Die Erfindung

Der Kommunismus ist weder von Marx oder Engels noch von Ramses II. begrĂŒndet worden. Es gibt womöglich einen genialen Erfinder, dem wir das Rad oder das Pulver verdanken. Es gibt keinen, dem wir den Kommunismus verdanken können, das gleiche gilt ĂŒbrigens fĂŒr den Kapitalismus. Gesellschaftliche Bewegungen sind nicht eine Sache des Erfindergeistes.

Engels und dann Marx beteiligten sich an einer Bewegung, die sich ihrer Existenz schon sehr wohl bewusst war. Sie behaupteten nie, weder die Sache noch das Wort erfunden zu haben. Über die eigentliche kommunistische Gesellschaft haben sie nicht viel geschrieben. Sie halfen der kommunistischen Bewegung und Theorie, sich des Nebels der Religion, des Rationalismus und des Utopismus zu entledigen. Sie regten die Proletarier dazu an, sich nicht auf die PlĂ€ne dieses oder jenes Reformisten oder die EnthĂŒllungen dieses oder jenes Erleuchteten zu verlassen.

Die wahrhaften RevolutionÀre fetischisieren die Ideen von Marx und Engels nicht. Sie wissen, dass sie Produkte einer bestimmten Epoche sind und ihre Grenzen haben. Die beiden MÀnner entwickelten sich und widersprachen sich manchmal. Man kann sagen, dass man bei Marx alles findet. Doch man muss fÀhig sein, auszusortieren!

Wir behaupten nicht, wir seien Marxisten. Doch wir verweigern jenen, welche behaupten, sie seien es, das Recht, sich die Ideen ihrer Idole anzueignen und sie zu verfÀlschen.

Der Beweis der Machtlosigkeit grosser MĂ€nner gegenĂŒber den Bewegungen der Geschichte liegt in der schĂ€ndlichen Art und Weise, wie das Werk von Marx und Engels deformiert worden ist, um gegen den Kommunismus benutzt zu werden.

Es gibt Individuen, die talentierter und weitsichtiger sind als ihre Zeitgenossenschaft. Die Klassengesellschaft kultiviert diese Unterschiede. Sie haben Auswirkungen innerhalb der kommunistischen Bewegung. Wir diskutieren nicht die Frage, ob die Chefs die Geschichte machen oder ob das Volk sie macht. Wir sagen, dass das Werk von Marx, genau wie jenes von Fourier, Bordiga oder von jeglichen FĂŒrsprechern des Kommunismus den einfachen Standpunkt eines Individuums ĂŒbersteigt. Der Kommunismus bestreitet die unterschiedlichen FĂ€higkeiten nicht, macht die Theoretiker nicht zu einfachen Lautsprechern der Massen, doch er ist hingegen ein erbitterter und permanenter Feind jeglichen Karrierismus oder Starkultes.

Der Kommunismus ist weder eine Ideologie noch eine Doktrin. Genau wie es kommunistische Handlungen gibt, gibt es auch Worte, Schriften, eine kommunistische Theorie, doch die Aktion ist nicht die Anwendung der Idee. Die Theorie ist nicht ein vorgefertigter Plan eines Kampfes oder einer Gesellschaft, der so gut wie möglich angewandt werden muss. Der Kommunismus ist nicht ein Ideal.

Jene LĂ€nder, welche verkĂŒnden, sie seien marxistisch-leninistisch, sind nicht Gebiete, wo die Prinzipien aus diesem oder jenem Grund falsch angewandt worden wĂ€ren. Es sind kapitalistische LĂ€nder. Ihr Regime hat spezielle Eigenschaften, doch es ist genauso kapitalistisch wie jedes liberale Regime. Man kann sogar sagen, dass LĂ€nder wie Polen oder die DDR viel kapitalistischer sind als viele kaum industrialisierte LĂ€nder der „freien Welt“. In diesen „kommunistischen“ LĂ€ndern bekĂ€mpft man einige spontane Tendenzen des Kapitals. Das geschieht fĂŒr das Wohl der allgemeinen Entwicklung des Kapitalismus und ist ĂŒberhaupt keine Besonderheit.

Die zwingende Planung, das kollektive Eigentum an den Produktionsmitteln oder die proletarische Ideologie sind alles andere als kommunistisch. Es sind ZĂŒge des Kapitalismus, die hier hervorgehoben worden sind. Allen grundlegenden Eigenschaften des Systems und der Logik der Kapitalakkumulation, die nun „sozialistische Akkumulation“ genannt wird, geht es dort bestens.

Die kapitalistische Produktionsweise

Wenn man in den marxistisch-leninistischen Regimes Sozialismus oder Kommunismus sieht, verkennt man ihre RealitÀt und man zeigt v.a., dass man nicht weiss, was der Kapitalismus ist.

Man glaubt, er beruhe auf der Macht einer besonderen Klasse, der Bourgeoisie, auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, auf dem frenetischen Streben nach Profit. Keiner dieser Aspekte ist fundamental.

Die Bourgeoisie ist die Nachfolgerin der antiken Klasse der HĂ€ndler. Nachdem sie lange eine bedeutende, aber begrenzte Rolle innerhalb auf der Landwirtschaft beruhenden Gesellschaften gespielt hatte, konnte die Handelsbourgeoisie im Verlauf des europĂ€ischen Mittelalters, statt wie bis anhin die Kontrolle ĂŒber einfache Waren, die Kontrolle ĂŒber Produktionsinstrumente erlangen. Unter ihnen die menschliche Arbeitskraft, aus welcher sie durch die Lohnarbeit eine Ware gemacht hat. Das ist der Ursprung des Kapitalismus.

Die Bourgeoisie ist ab jenem Moment an der Macht, wo sie dank der Schlagkraft der sie tragenden und die alten Arten der Produktion obsolet machenden wirtschaftlichen und industriellen KrĂ€fte zur herrschenden Klasse geworden ist. Doch sie kann nichts anderes tun, als sich den Gesetzen ihrer Ökonomie unterzuordnen. Als KapitaleigentĂŒmerin muss sie dieser Kraft gehorchen, welche sie mitreisst, anstösst und einige Konkurs gehen lĂ€sst.

Das spezifische Individuum oder Unternehmen verfĂŒgt ĂŒber einen Spielraum, doch man kann nicht lange gegen den Strom schwimmen.

Keine Klasse der Vergangenheit konnte all ihre Launen befriedigen durch den Gebrauch der ihr scheinbar zur VerfĂŒgung stehenden Macht. Der unumstrittenste Tyrann kann sich nur an der Macht halten, wenn er die engen Grenzen seiner wirklichen SouverĂ€nitĂ€t kennt. Es ist ein Fehler, gesellschaftliche PhĂ€nomene in den Begriffen der Macht erklĂ€ren zu wollen. Das gilt noch mehr fĂŒr den Kapitalismus als fĂŒr die vorhergehenden Systeme.

Die Klasse der Kapitalverwalter wurde von der Aktion des Kapitals selbst stets umgestaltet. Was haben der reiche HĂ€ndler des Mittelalters und der moderne Manager gemeinsam? Ihre Motivationen und ihre GeschmĂ€cker sind verschieden. Das ist notwendig, damit sie die gleiche Funktion wĂ€hrend zwei verschiedenen Momenten der Entwicklung des Kapitals ausĂŒben können. Die Klasse der Feudalherren orientierte sich an der Tradition und der Vererbbarkeit. Das gilt nicht mehr fĂŒr eine Bourgeoisie, die sich auflöst und neu gestaltet durch Erfolg, Heirat und Konkurs.

Die VerhĂ€ltnisse, welche den Sklaven und den Meister, den Leibeigenen und den Feudalherren miteinander verbinden, sind persönliche VerhĂ€ltnisse. Der moderne Proletarier ist hingegen eher mit einem System denn mit einem Chef verbunden. Was ihn ankettet, ist nicht ein persönlicher Treueeid oder ein besonderer Zwang, sondern direkt die Notwendigkeit des Überlebens, die Diktatur seiner eigenen BedĂŒrfnisse. Der seiner Scholle entrissene und von den Produktionsmittel getrennte Proletarier hat keine andere Lösung mehr, als sich zu prostituieren. Er ist frei, so wunderbar frei. Er kann sich sogar, falls ihm das gefĂ€llt, seinem Verkauf verweigern und verhungern.

Ein Bourgeois oder ein Politiker kann auf persönlicher Ebene in Konkurs gehen. In Russland oder China wurde eine ganze Fraktion der internationalen bĂŒrgerlichen Klasse ausser Gefecht gesetzt. Sie ist durch eine BĂŒrokratie ersetzt worden. Man möge in ihr keine radikal unterschiedliche Klasse sehen! Ein „kommunistischer“ Bankier oder IndustriekapitĂ€n Ă€hnelt mehr seinem kapitalistischen Widersacher, als dass dieser seinem Vorfahren Ă€hnelt, nicht jenem des 15. oder 16. Jahrhunderts, sondern jenem vor 50 Jahren.

Wenn der Kapitalismus, sei er westlich oder östlich, nicht durch die Macht der Bourgeoisie erklĂ€rt werden kann, so kann der Kommunismus noch weniger mit der Macht des Proletariats gleichgesetzt werden. Seine EinfĂŒhrung ist gleichbedeutend mit der Selbstzerstörung dieser Klasse.

Das Privateigentum

Das Privateigentum der Produktionsmittel ist nicht ein konstituierender Zug der kapitalistischen Produktionsweise. Sie ist in der juristischen SphÀre verortet. Sie besteht im Osten mit dem Landeigentum der Bauern weiter. Im Westen wird es vom öffentlichen Eigentum ausgehöhlt.

Der Staat ist hĂ€ufig EigentĂŒmer von grossen Industriekomplexen. Indem sie nationalisiert worden sind, haben die Post oder die Eisenbahn nicht ihr kapitalistisches Wesen verloren. Friedrich Engels sah in dieser Tendenz des Staates, EigentĂŒmer von ProduktivkrĂ€ften zu werden, eine allgemeine Entwicklung, welche den privaten Kapitalismus in den AntiquitĂ€tenhandel verbannen wĂŒrde.

Die Entwicklung des modernen Kapitalismus tendiert dazu, immer mehr das Eigentum und die Verwaltung der ProduktivkrĂ€fte voneinander zu trennen. Nicht nur die Manager der nationalisierten Unternehmen, sondern sogar jene der grossen privaten Unternehmen sind nicht EigentĂŒmer des von ihnen kontrollierten Kapitals oder nur eines geringen Anteils davon. Der Bedarf an Kapital der Industrieriesen ĂŒbersteigt bei weitem das, was ein persönliches oder familiĂ€res Vermögen ihnen bieten könnte. Diese Komplexe funktionieren mit dem Geld, das ihnen eine Masse an fast machtlosen KleinaktionĂ€ren und Anlegern liefert.

Die Situation der LĂ€nder des Ostens muss in Bezug auf diese allgemeine Entwicklung des Kapitals verstanden werden.

Der Profit

Der Kapitalist sei von einem Streben nach maximalem Profit angetrieben. Der Ausdruck „maximaler Profit“ ist nicht sehr aussagekrĂ€ftig. Ein Chef kann an einem Tag, in einer Woche, in einem Monat versuchen, Menschen und Maschinen auf Hochtouren laufen zu lassen, falls er sicher ist, dass er Absatzmöglichkeiten findet. Er lĂ€uft Gefahr, ziemlich schnell zu bereuen, dass er sein Kapital aufgebraucht hat. Das Scheitern eines solchen Versuches fand in China mit dem „grossen Sprung nach vorne“ statt. Die Bedeutung des herausgeholten Profits und somit die Bestimmung des Einkommens der AktionĂ€re und Manager, die wirtschaftliche Wachstumsrate werden nicht frei von allmĂ€chtigen Kapitalisten entschieden.

Geld zu machen, das ist es, was den Kapitalisten dazu drĂ€ngt, entweder sich zu bereichern oder zu investieren. Wenn er es nicht tut, sei es aus NachlĂ€ssigkeit oder GutmĂŒtigkeit oder weil es objektiv nicht möglich ist, wird sein Unternehmen eliminiert werden. FĂŒr den BĂŒrokraten kommt die Furcht vor administrativen Sanktionen hinzu. Man proklamiert ĂŒbrigens weder in der UdSSR noch in China, der Profit sei verschwunden. Im Gegenteil, man strebt nach Profit, zum Wohle des Volkes, um den Kommunismus aufzubauen. Er sei ein ökonomisches Messinstrument im Dienste der Planung geworden!

Im Osten wie im Westen, und wie es Marx gezeigt hat, kann die Entwicklung des Kapitalismus nicht mit dem Streben nach Profit erklÀrt werden. Das Gegenteil ist wahr. Die Begriffe des Profits oder der Grundrente können die Funktionsweise des Systems nicht erklÀren. Es sind Kategorien, dank welcher den herrschenden Klassen die wirtschaftlichen Notwendigkeiten bewusst werden und welche sie zum Handeln drÀngen.

Im Gegensatz zu den linken Humanisten, die im Profit ihren grossen Feind sehen oder es vorgeben, machen sich die RevolutionÀre keine Illusionen. Wir werfen dem System nicht seine Morallosigkeit vor. Wir halten nicht an archaischen Sektoren fest, die nicht mehr rentabel sind.

Der Profit wird mit der Revolution verschwinden. Und zwar fristlos! Bis dahin spielt er gewissermassen eine schĂŒtzende Rolle fĂŒr die Arbeiter. Er erlegt der Tyrannei der Bosse Grenzen auf. Er verpflichtet sie, schonend mit dem Menschenmaterial umzugehen. Wenn es möglich wĂ€re, den Profit abzuschaffen bei gleichzeitiger Erhaltung des Kapitals, wĂŒrde sich die durchschnittliche Unternehmung in ein Konzentrationslager verwandeln und die Gesellschaft wĂŒrde in die totale Barbarei abrutschen. Der Nazismus ist kein Unfall der Geschichte. Er ist der Ausbruch der KrĂ€fte, welche weiterhin in den Untiefen der Zivilisation des Kapitals verkrochen sind. Der Profit setzt dem Autoritarismus, dem Herrschafts- und Zerstörungswillen, ausgelöst von einem unmenschlichen System, Grenzen.

Man greife den Profit an! Doch man greife auch die Gesamtheit einer Gesellschaft an, wo das Leben des Menschen selbst zu einer Ware geworden ist.

Lohnarbeit und Industrialisierung

Die kapitalistische Produktionsweise grĂŒndet auf zwei miteinander solidarischen SĂ€ulen, welche sie von vorhergehenden Produktionsweisen unterscheiden.

Die erste dieser SĂ€ulen ist die Lohnarbeit. Menschen hatten schon anderen Menschen ihre Liebesdienste, ihre politische Verbundenheit, ihre militĂ€rische FĂ€higkeit und sogar ihre Arbeitskraft vermietet. Doch all das blieb marginal in gesellschaftlichen Strukturen, die aus kleinen Gruppen bestanden, innerhalb welcher das Geld und die Waren nicht viel zirkulierten. Die Entwicklung des Kapitalismus ist gleichbedeutend mit der wahrhaftigen EinfĂŒhrung der Lohnarbeit in der ProduktionssphĂ€re. Sie wird daraus die allgemeine Form der Ausbeutung machen.

Die zweite SĂ€ule ist die Industrialisierung oder allgemeiner eine Transformation der Beziehungen des Menschen zur Natur und zu seiner eigenen TĂ€tigkeit. Der Mensch begnĂŒgt sich nicht mehr damit, zur Sicherung des Lebensunterhalts im Boden zu scharren. Von nun an wird er die Natur systematisch und in immer grösserem Massstab transformieren. Der Kapitalismus ist eine ununterbrochene Revolution der produktiven Methoden. Er ist gleichbedeutend mit dem Fortschritt der Wissenschaft und der Vernunft in Anbetracht des Fatalismus und des Obskurantismus. Er ist die Bewegung, welche auf die ImmobilitĂ€t der landwirtschaftlichen Gesellschaften folgt.

Der Kommunismus wird kein Schritt zurĂŒck sein. Das Ende der Lohnarbeit ist nicht gleichbedeutend mit der RĂŒckkehr der Sklaverei oder der Leibeigenschaft. Die Überwindung des Prozesses der „Eroberung der Natur“ und der industriellen Organisation der Arbeit ist nicht gleichbedeutend mit der RĂŒckkehr zur vergangenen ImmobilitĂ€t. Der Kommunismus wird den aggressiven und chaotischen Charakter der Aktion des Kapitals abschaffen. Sein Ziel ist nicht die Zerstörung, die ZerstĂŒckelung und die Unterwerfung, sondern global das Weltgeschehen zu beeinflussen, um die Welt menschlich und bewohnbar zu machen. Jenseits der Industrie wird er das NĂŒtzliche und das Angenehme miteinander versöhnen. Er wird die verlorene Vertraulichkeit, welche das menschliche Wesen mit seiner Umwelt verband, auf einer höheren Ebene wiedererlangen.

Der Kapitalismus ist nicht eines schönen Tages aufgeblĂŒht, weil man plötzlich seine Effizienz erkannt hĂ€tte. Er ist nicht ein Sieg des VerstĂ€ndnisses. Er hat sich an Ort und Stelle mithilfe grausamer und irrationaler gesellschaftlicher UmwĂ€lzungen durchgesetzt. Er hat als Reaktionen Revolten ausgelöst. Er musste einige Schritte zurĂŒckgehen, um besser vorwĂ€rtszukommen. Seine Lohnarbeiter hat er aus einer Masse an Bauern gefischt, die er zuvor aus ihrem Heim verjagt und zu Bettlern gemacht hatte.

Die Bewegung des Kapitals hat einen doppelten Aspekt. Einerseits ist sie Entwicklung der menschlichen und materiellen ProduktivkrĂ€fte, d.h. des Gebrauchswerts, der NĂŒtzlichkeit. Andererseits ist sie Entwicklung von Marktwert. Die Ware hatte schon dieses doppelte Gesicht. Das Kapital bleibt Ware, aber es ist darĂŒber hinaus Wert, der permanent versucht, sich zu vergrössern.

Das Kapital ist schon lange unter der Ware hervorgebrochen. Der HĂ€ndler kann dank seiner Erfindungsgabe oder Gerissenheit eine stets wachsende Masse an Produkten besitzen und antreiben. Das gleiche gilt fĂŒr den Wucherer, obwohl er sich nur um Geld zu kĂŒmmern braucht. Doch diese Urformen des Kapitals können sich nicht unbestimmt ausbreiten. Der Wert bleibt parasitĂ€r und erschafft nicht die notwendigen Mittel fĂŒr seine Akkumulation. Nur indem es sich der Produktionsmittel bemĂ€chtigt und ihnen einen stets wachsenden Wert gibt, hat das Kapital wirklich aufblĂŒhen können. Als ein Vampir, der sich von Wert ernĂ€hrt, d.h. von menschlicher Arbeit, um zu seinen Zielen zu gelangen, muss es den Maschinenbetrieb und die ProduktivitĂ€t entwickeln. Es sind fĂŒr es nur Mittel. FĂŒr uns sind eben genau sie wichtig. Diese technische Entwicklung nimmt hĂ€ufig unangenehme Formen an: Arbeitslosigkeit, tödliche Waffen, Zerstörung der Natur, doch sie wird die menschliche TĂ€tigkeit revolutionieren und uns den Weg heraus aus der barbarischen Ära der Klassengesellschaften weisen.

Der Kommunismus erledigt nicht das Kapital, um die Urware wiederzuerlangen. Der Warenhandel ist eine Verbindung und ein Fortschritt. Doch es ist eine Verbindung zwischen antagonistischen Parteien. Sie wird verschwinden, ohne dass wir zum Tausch, dieser Urform des Handels, zurĂŒckkehren wĂŒrden. Die Menschheit wird nicht mehr in einander entgegengesetzte Gruppen und Unternehmen unterteilt sein. Sie wird sich organisieren, um ihre gemeinsames Erbe zu pflegen und zu benutzen, um Fronarbeiten und GenĂŒsse zu verteilen. Die Logik des Teilens wird jene des Handels ersetzen.

Das Geld wird verschwinden. Es ist kein neutrales Messinstrument. Es ist die Ware, in welcher sich alle anderen Waren widerspiegeln.

Gold, Silber und Diamanten werden keinen anderen Wert mehr haben als ihre eigentliche NĂŒtzlichkeit. GemĂ€ss dem Wunsch Lenins könnten wir Gold zum Bau von Pissoirs benutzen.

Der Staat und der Kapitalismus

Im „kommunistischen“ Lager zirkuliert das Geld weiterhin in aller Ruhe. Der Unterteilung durch Grenzen und innerhalb dieser Grenzen, jener der Wirtschaft in Unternehmen, geht es blendend.

Die Rolle, welche der Staat in der Wirtschaft spielt und juristisch auf dem öffentlichen Eigentum an den Unternehmen basiert, kann mit der Natur des Kapitalismus erklÀrt werden.

Der Staat und die Ware sind alte Freunde. Die HĂ€ndler wollen, dass die Gesellschaft vereinigt ist, die Diebe verfolgt werden und das Geld garantiert ist. Der Staat und die BĂŒrokratie finden mit der Zirkulation der GĂŒter und der Personen ein Mittel, um sich von der bĂ€uerlichen Welt abzunabeln.

Der moderne Staat, königlich oder republikanisch, ist das Produkt der durch das Kapital ausgelösten Auflösung der feudalen Strukturen. Er widersetzt sich den besonderen Interessen als ReprĂ€sentant des allgemeinen Interesses. Er ist notwendig fĂŒr das Kapital, denn er hilft ihm, WidersprĂŒche und WiderstĂ€nde zu ĂŒberwinden, welche es notwendigerweise auslöst. Die Monarchie und die Bourgeoisie haben sich trotz schwieriger Momente gegenseitig gegenĂŒber dem Adel unterstĂŒtzt. Die politische Vereinigung war notwendig fĂŒr die Entwicklung der Unternehmen des Gewerbes und der Industrie. Das Vermögen und der Reichtum erlaubten die StĂ€rkung und die Autonomie der Staatsmacht. Der Staat hat sogar hĂ€ufig selbst interveniert, um diesem oder jenem Sektor der Industrie Kapital zur VerfĂŒgung zu stellen oder es aufzutreiben. Er hat ein juristisches Arsenal entwickelt, das fĂŒr die Entwicklung einer freien Arbeitskraft notwendig ist. Er hat die alten BrĂ€uche und Fesseln liquidiert. Als die Bourgeoisie direkt die politische BĂŒhne betritt, ist sie schon seit langem eine vorherrschende Kraft und der monarchische Staat stand schon lange in ihrem Dienst.

In Russland und Japan, zwei LĂ€nder, die in einem Zustand der Unterindustrialisierung auf die internationale BĂŒhne geworfen worden sind, war es der Staat selbst, der die Entwicklung des Kapitalismus auslöste und organisierte. Er tat es, um die Grundlagen seiner eigenen Macht zu erhalten, um sich moderne Waffen zu beschaffen. Indem er das Kapital in seinen Dienst stellte, verneigte er sich vor seiner Überlegenheit. Die Monarchie löste einen Prozess aus, der sie letztendlich zerstören wĂŒrde. Die notwendigen Bedingungen fĂŒr diese Transplantation existierten nicht ĂŒberall. Wenn sie in Japan erfolgreich war, so war sie das, weil der Staat dort schon autonom und der Handel entwickelt war. China scheiterte einstweilen, genau wie die meisten anderen vorkapitalistischen LĂ€nder.

Der Staat muss oft intervenieren, um ein Kapital zu korrigieren, das sich gerne launisch zeigt und es bevorzugt, sich eher dort als anderswo anzusiedeln. Die bĂŒrokratischen Regime verschĂ€rfen nur diese Tendenz, damit sie einen Punkt erreicht, den sie nie erreicht hatte.

Erlaubt der östliche Kapitalismus ein harmonischeres und vernĂŒnftigeres Wachstum als der westliche Kapitalismus? Die Frage ist ziemlich sinnlos. Er hat die BĂŒhne aufgrund der SchwĂ€chen des traditionellen Kapitalismus betreten. Wenn der traditionelle Kapitalismus heute in Moskau oder Leningrad reimportiert wird, so geschieht das aufgrund der SchwĂ€chen des östlichen Kapitalismus.

Dort, wo sich die Bourgeoisie durch die Wirtschaft langsam entwickelt hatte, eroberte die BĂŒrokratie die politische Macht, indem sie sich auf gesellschaftliche KrĂ€fte wie das Proletariat und die Bauernklasse stĂŒtzte. Sie ist trotzdem die Frucht des Zerfalls der traditionellen Gesellschaft aufgrund des internationalen Kapitals. Die BĂŒrokratie hatte keine Wahl. Sie konnte nicht den Sozialismus oder den Kommunismus einfĂŒhren, wie sie es behauptete. Sie konnte auch nicht den traditionellen Kapitalismus restaurieren und befruchten. Das ist so aufgrund ihres gesellschaftlichen RĂŒckhalts und ihres Bedarfs an Kapital. Empirisch fand sie einen Weg, der ihrem Wesen entsprach und der es ihr erlaubte, auf dem RĂŒcken der Bauernklasse industrielles Kapital zu akkumulieren.

Die BĂŒrokratie ist eine vereinigende Kraft, der den autoritĂ€ren Transfer von Reichtum von einem Sektor der Gesellschaft in einen anderen erlaubt hat. Sie modifiziert die spontane Entwicklung des Kapitals zugunsten ihrer Ziele des Machterhalts. Doch das Kapital ist keine neutrale Kraft, die man auf irgendeine Art und Weise benutzen kann. Die BĂŒrokratie plant, herrscht. Doch was plant sie, ĂŒber was herrscht sie? Die Kapitalakkumulation. Sie beschrĂ€nkt den freien Markt, sie kĂ€mpft gegen einen immer wieder neu entstehenden Schwarzmarkt. Das ist nicht der Beweis ihres Antikapitalismus, sondern das Zeichen, dass die natĂŒrliche Grundlage des Kapitals sehr wohl lebendig ist. Was wĂŒrde man vom GĂ€rtner sagen, der, weil er das Unkraut ausreissen muss, behaupten wĂŒrde, die Pflanzen, die er anpflanzt, seien keine?

Die westlichen LĂ€nder sind selbst dazu gezwungen, vermehrt direkt ins Spiel der wirtschaftlichen KrĂ€fte zu intervenieren. Sie mĂŒssen eine Sozialpolitik haben und sich um Planung kĂŒmmern. Die BĂŒrokratisierung ist nicht ein PhĂ€nomen, das auf die östlichen LĂ€nder beschrĂ€nkt ist. Sie betrifft sowohl die demokratischen und faschistischen Staaten als auch die grossen privaten Unternehmen. Sie ist das Produkt der zunehmenden Atomisierung der Gesellschaft und die traurige Medizin dagegen.

In einem gewissen Sinn ist es ungenau, im Fall der LĂ€nder des Ostens von bĂŒrokratischem oder Staatskapitalismus zu sprechen. Alle modernen Kapitalismen sind bĂŒrokratisch und staatlich.

Der Staat als EigentĂŒmer der Gesamtheit der Industrie hat nicht notwendigerweise die absolute Kontrolle darĂŒber. Wirkliche und juristische Macht sind nicht das gleiche.

Im liberalen Kapitalismus kann der Staat, indem er sich auf populĂ€re, militĂ€rische oder gar bĂŒrgerliche KrĂ€fte stĂŒtzt, dieses oder jenes grosse Unternehmen angreifen; er ist die Macht. Das erlaubt ihm jedoch nicht, sich ĂŒber die wirtschaftlichen Gesetze hinwegzusetzen. Man will sich gegen die Macht der Monopole erheben, aber man kann nicht zu den kleinen Unternehmen der Vergangenheit zurĂŒckkehren.

Im östlichen Kapitalismus kann der bĂŒrokratische Staat, so gross sein Streben nach Kontrolle auch sein mag, die Handelskategorien und die Konkurrenz zwischen Unternehmen nicht abschaffen. Solange es unterschiedliche Unternehmen geben wird, werden sie in Konkurrenz zueinanderstehen, auch wenn die Preise nicht frei sind.

Diese mangelnde Einheit beschrĂ€nkt sich nicht auf die wirtschaftliche SphĂ€re. Die BĂŒrokratie selbst ist permanent von FraktionskĂ€mpfen oder Konflikten zwischen Personen gespalten. Da es keine Einheit geben kann, muss das Bild der Einheit aufrechterhalten werden. Der Feind ist nicht die Konkurrenz innerhalb der Partei, sondern die Antipartei.

Was einerseits die Effizienz der Wirtschaft steigert, verringert sie andererseits jedoch auch. Die LĂŒge, der RealitĂ€tsverlust durchtrĂ€nken die Gesellschaft. Der versteckte Kampf ersetzt die offene Konkurrenz.

Sie ist zwar fĂ€hig, den wirtschaftlichen Aufschwung unter ungĂŒnstigen Bedingungen zu organisieren, doch die BĂŒrokratie ist, was den technologischen Fortschritt betrifft, klar im RĂŒckstand gegenĂŒber den liberalen Gesellschaften.

Vereinnahmung

Welches Interesse haben Kapitalisten, sich Kommunisten zu nennen? Es ist eine allgemeine Regel, dass es den Kapitalisten nicht gefÀllt, Kapitalisten genannt zu werden!

Diese Bezeichnung hat eine genaue, mit der russischen Revolution verbundene Herkunft. Sich kommunistisch zu nennen, bedeutet, dass man so tut, als ob man sich fĂŒr die Arbeiterklasse aufopfern wĂŒrde, statt dass man anerkennt, dass man sie ausbeutet. Somit kann der unmenschlichen Entwicklung des Systems ein menschlicher Sinn gegeben werden: der Aufbau des Kommunismus. Anderweitig wird er hĂ€ufig aufgeschoben, schliesslich hat man eine Masse an Projekten wie die „neue Grenze“ oder die „neue Gesellschaft“!

Wenn das Kapital proklamiert, es sei Kommunist, wenn es das Denken von Marx vereinnahmt, um es in seinen UniversitÀten den Intellektuellen zu verabreichen oder um die Arbeiter in seinen Fabriken zu verdummen, Àfft es nur eine Bewegung nach, die es woanders wirklich vollendet. Das Kapital erschafft nicht, es vereinnahmt. Es ernÀhrt sich von der Leidenschaft und der Initiative der Proletarier, d.h. es ernÀhrt sich vom Kommunismus.

Man kann nicht viel vom Kommunismus verstehen, wenn man nicht das kapitalistische Wesen der LĂ€nder des Ostens verstanden hat. Der revolutionĂ€re Kampf ist nicht kompatibel mit dem Stalinismus, der ein grundlegend antikommunistisches System und eine grundlegend antikommunistische Ideologie ist. Die Tatsache, dass er sogar innerhalb der Arbeiterklasse ĂŒber Hochburgen verfĂŒgt, darf uns nicht erweichen, sondern muss uns im Gegenteil dazu bewegen, keine Kompromisse einzugehen.

Man hat dem Stalinismus einen riesigen Dienst erwiesen, indem man ihn nicht als kapitalistisches System kritisierte. RevolutionÀre, insbesondere Anarchisten, haben ihn als kommunistisch anerkannt unter der Bedingung, den Kommunismus als autoritÀr etikettieren zu können. Die AutoritÀt, das sei das wahrhaftige Monster! Anstelle einer ErklÀrung verweist man auf den Charakter von Karl Marx.

Die Trotzkisten haben nach Trotzki, dem unglĂŒcklichen Gegenspieler Stalins, nicht minder komplizierte denn bescheuerte Interpretationen entwickelt. Sozialistische Basis und kapitalistischer Überbau wĂŒrden zumindest in der UdSSR koexistieren. Was die anderen LĂ€nder betrifft, diskutiert man weiterhin. Sie haben sowieso nie nichts vom Kommunismus verstanden. Genau wie Trotzki, der die Zwangsarbeit als ein kommunistisches Prinzip betrachtete. Sie sind nicht revolutionĂ€r, Trotzki war es hingegen. Doch er war nie etwas anderes als ein bĂŒrgerlicher RevolutionĂ€r und ein glĂŒckloser BĂŒrokrat. Überlassen wir diese gesamte kleine Welt ihrem Intellektualismus, ihren byzantinischen Streitigkeiten und ihrem lĂ€cherlichen Fetischismus der Organisation.

Die Maoisten, diese „mystischen Stalinisten“, fĂŒhren die ganze Sache auf ein Problem der Politik und der Moral zurĂŒck. Die UdSSR ist sozialimperialistisch und vielleicht gar kapitalistisch geworden. Zum GlĂŒck sind China und Albanien unter der weisen proletarischen FĂŒhrung von Mao, Hoxha und Bibi Fricotin nicht kontaminiert worden. Der Kommunismus ist der Profit und die Politik in den Dienst des Volkes gestellt!

Je mehr sich kommunistische Ideen ausbreiten, auch in der UdSSR und in China, um die BedĂŒrfnisse eines erneut revolutionĂ€r gewordenen Proletariats zu befriedigen, umso mehr werden diese Sekten als eigenartig erscheinen! Sie versuchen, auf der BĂŒhne der Politik die Rolle der Revolution zu spielen. Sie sind die Avantgarde, allerdings die Avantgarde des Kapitals. Denn in einer Periode der Revolution werden all diese Kasperles der Politik versuchen, revolutionĂ€r auszusehen, um nicht im Abseits zu stehen.

Es ist zu einer Tradition geworden, dass die Revolution im Namen der Revolution bekÀmpft wird. Die stalinistischen oder linken Aktivisten, die sich getÀuscht haben, werden sich der wahrhaftigen kommunistischen Partei anschliessen.

Einige, die weniger blind sind, haben im östlichen Kapitalismus die Unterteilung in gesellschaftliche Klassen erkannt. Leider glaubten sie auch, darin eine neue und ĂŒberlegene Produktionsweise zu erkennen. Das war zu viel der Ehre fĂŒr Stalin und Konsorten.

Die Wilden

Wir sehen nichts kommunistisches in den Regimes, die sich so bezeichnen. Wir sehen es hingegen dort, wo man es gewöhnlich nicht sieht. Jene Urgesellschaften, welche von der „Zivilisation“ verdrĂ€ngt werden und weiterhin in kargen oder schwer zugĂ€nglichen Gegenden existieren, sind kommunistisch, unabhĂ€ngig von der Tatsache, ob ihre Mitglieder von der Jagd und vom Sammeln oder von einer wenig entwickelten Landwirtschaft leben. Somit ist die UdSSR nicht kommunistisch, doch die Vereinigten Staaten von Amerika waren es noch vor ein paar Jahrhunderten!

Wir wollen nicht die Menschheit in dieses Stadium zurĂŒckfĂŒhren. Das wĂ€re ohnehin sehr schwierig, denn ein solcher Zustand verlangt eine niedrige Bevölkerungsdichte. Es ist jedoch wichtig, die ursprĂŒngliche und prĂ€historische Menschheit zu rehabilitieren.

Der Indianer war glĂŒcklicher und gewissermassen zivilisierter als der moderne amerikanische BĂŒrger. Der Höhlenmensch starb nicht an Hunger. Heute hingegen haben Hunderte Millionen Menschen einen leeren Magen. Der ursprĂŒngliche Mensch lebt, wie es Marshall Sahlins gezeigt hat, im Überfluss. Er ist nicht reich, weil er ReichtĂŒmer akkumuliert hat, sondern weil er so lebt, wie er will. Seine scheinbare Armut, seine Mittellosigkeit löste das Mitleid des westlichen Reisenden aus, der sich manchmal paradoxerweise ĂŒber seine gute Gesundheit wundert, bevor er ihn mit der Syphilis ansteckt. Die ursprĂŒnglichen Menschen besitzen fast nichts. Doch fĂŒr jene, welche von der Jagd und dem Sammeln leben, ist das keine Unannehmlichkeit. Ihre Mittellosigkeit erlaubt es ihnen, sich frei zu bewegen und von den ReichtĂŒmern der Natur zu profitieren. Ihre Sicherheit basiert nicht auf ihren Ersparnissen, sondern auf ihrer Kenntnis und ihrer FĂ€higkeit, zu benutzen, was das Milieu ihrer Existenz ihnen gibt. Sie brauchen weniger Zeit als ein zivilisierter Mensch, um ihr Überleben zu sichern. Ihre „produktive“ TĂ€tigkeit hat nichts zu tun mit der vom BĂŒro oder der Fabrik ausgelösten Langeweile. Welch GlĂŒck haben die Yir-Yoront Australiens, die das gleiche Wort haben fĂŒr Arbeit und Spiel!

Der vergangene und der kommende Kommunismus unterscheiden sich zutiefst. Wir haben einerseits eine Gesellschaft, die ihre Umwelt benutzt und weiss, wie sie sich ihr anpassen kann, andererseits eine Gesellschaft, die auf der kontinuierlichen und tiefgreifenden Transformation dieser Umwelt basiert. Zwischen diesen beiden Kommunismen wird die Periode der Klassengesellschaften mit etwas Abstand als schmerzhafte, aber relativ kurze Periode der menschlichen Geschichte erscheinen. Ein geringer Trost, fĂŒr jene, welche weiterhin darin eingetaucht sind!

Marx und Engels

Marx und Engels bemĂŒhten sich, die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen. Sie sorgten sich kaum um die Beschreibung der kĂŒnftigen Welt, sie verbanden diese Beschreibung mit den BemĂŒhungen der utopischen Sozialisten. Doch man kann die Kritik des Kapitalismus und die Affirmation des Kommunismus nicht komplett voneinander trennen. Das wirkliche VerstĂ€ndnis der historischen Rolle des Geldes oder des Staates kann man nur vom Standpunkt ihres Verschwindens erlangen.

Wenn Marx und Engels nicht mehr von der kommunistischen Gesellschaft sprachen, so ist das paradoxerweise wohl auch so, weil diese Gesellschaft schwieriger zu erfassen war, da sie weniger in Reichweite erschien, doch auch weil sie in den revolutionĂ€ren Geistern prĂ€senter war. Als sie im Kommunistischen Manifest von der Abschaffung der Lohnarbeit sprachen, wurden sie von jenen verstanden, an welche sie anknĂŒpften. Heute ist es schwieriger, sich eine Welt ohne Staat und Waren vorzustellen, da sie allgegenwĂ€rtig geworden sind. Doch aufgrund dieser Allgegenwart haben sie auch ihre historische Notwendigkeit verloren. Die theoretische BemĂŒhung muss das spontane Bewusstsein ablösen, bevor sie nutzlos wird, weil das, was sie behauptet, zu einer BanalitĂ€t geworden sein wird.

Marx und Engels haben das Wesen des Kommunismus vielleicht weniger gut als Fourier als Befreiung und Harmonisierung der Leidenschaften erfasst. Letzterer schaffte es jedoch nicht, sich der Lohnarbeit zu entledigen, er wollte u.a., dass die Ärzte nicht mehr gemĂ€ss den Krankheiten ihrer Kunden bezahlt werden, sondern gemĂ€ss dem Gesundheitszustand der Gemeinschaft.

Marx und Engels waren allerdings klar genug, als dass man sie verantwortlich machen könnte fĂŒr das Gewicht der BĂŒrokratie und der Finanzen der „kommunistischen“ LĂ€nder. GemĂ€ss Marx verschwindet das Geld sofort mit der EinfĂŒhrung des Kommunismus und die Produzenten hören auf, mit ihren Produkten zu handeln. Engels spricht vom Verschwinden der Warenproduktion mit der EinfĂŒhrung des Sozialismus. Man schwadroniere uns nicht von JugendsĂŒnden, wie es die Gewohnheit des gesamten marxologischen Gesindels ist. Wir beziehen uns auf die Kritik des Gothaer Programms und den Anti-DĂŒhring.

Die Stalinisten aller Art werden von MĂ€ngeln im Werk der Meister sprechen. Sie werden ein Liedchen singen, um uns mitzuteilen, dass sie marxistisch und nicht dogmatisch sind. FĂŒr sie haben das Geld, das Kapital, der Staat ihren bĂŒrgerlichen Charakter verloren, um proletarisch zu werden. Die tollkĂŒhnsten unter ihnen gehen so weit, zu sagen, dass, wenn der Kommunismus einmal aufgebaut ist, man sich vielleicht all dieses Ramsches entledigen kann. FĂŒr die anderen ist der Kommunismus schlicht und einfach eine Gesellschaft, wo der Lebensstandard sehr, sehr hoch sein wird. Auf jeden Fall verliert sich der Kommunismus in den Wolken und die Leiter, die dorthin fĂŒhrt, besteht aus einer Vielzahl an Stufen, die genau so viele Übergangsphasen bilden.

Es ist exakt, dass man in den LĂ€ndern des Ostens den Kommunismus aufbaut. Man baut ihn nicht besser oder bewusster auf als anderswo. Eine Revolution wird notwendig sein, um ihm Leben einzuhauchen.

Diese Konzeption des Aufbaus des Kommunismus mithilfe von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Instrumenten ist typisch bĂŒrgerlich. Sie konzipiert die Sache wie die Produktion eines verfertigten Gegenstandes. Sie betrachtet die Gesellschaft als eine grosse Fabrik. Sie glaubt, das Ganze funktioniere wie die einzelnen Teile. Es handelt sich um Willen, ein Projekt, eine politische Linie…

Dieser Irrtum der Stalinisten in Bezug auf die Entwicklung wirkt sich auf das Resultat aus. Es geht nicht darum, die Wirtschaft der Unternehmen zum Verschwinden zu bringen, sondern aus der Wirtschaft ein einziges Unternehmen zu machen. Die von der Existenz der Polizei reprĂ€sentierte Verschwendung wird verschwinden. Die StĂ€rkung des moralischen Sinnes durch die „kommunistische“ Bildung wird genĂŒgen, um den Diebstahl und die Subversion zum Verschwinden zu bringen!

Die beste Lösung ist freilich jene, welche Josef Stalin selbst vorgeschlagen hat. Wenn man die Dinge nicht Ă€ndern kann, Ă€ndert man die Wörter. Wie sollen, erklĂ€rt uns der Vater der Völker, jene, welche einen Lohn erhalten, Lohnarbeiter sein, schliesslich sind die durch den Staat EigentĂŒmer an jenen Unternehmen, welche sie anstellen. Man kann nicht selbst sein eigener Lohnarbeiter sein! Die Lohnarbeit ist also in der Sowjetunion abgeschafft worden. Wenn ihr den Eindruck habt, einen Lohn zu erhalten, oder Angst, entlassen zu werden, dann habt ihr Wahnvorstellungen. GlĂŒcklicherweise verfĂŒgt unsere sozialistische Heimat ĂŒber Erziehungslager und psychiatrische SpitĂ€ler!

Stalin rĂ€umt ein, dass die Warenproduktion und die Unterteilung in Unternehmen fortbestehen, doch es kann sich nicht um Kapitalismus handeln, denn was den Kapitalismus definiert, ist die Tatsache, dass Private die Produktionsmittel kontrollieren. Es lĂ€uft alles auf ein Problem juristischer Definitionen hinaus. Es genĂŒgt, dass der Staat proklamiert, er sei kommunistisch, damit er es ist.

Seit uns Stalin all das im Text Die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR erklĂ€rt hat, haben jene, welche sich mit der Frage befasst haben, nicht viel Neues hinzugefĂŒgt.

Man kann in Mao Zedong oder Fidel Castro mutige Partisanen, geschickte Politiker sehen. Man kann davon ausgehen, dass die Chinesen besser genÀhrt sind als die Inder und weniger politische Freiheiten haben als die Japaner. Doch all das gehört zum Kapitalismus.

III. Ende des Eigentums

Kommunismus bedeutet das Ende des Eigentums. Die Sache ist bekannt und ruft viel Besorgnis hervor. Einige sind absolut gerechtfertigt. Die Besitzer von grossen LandgĂŒtern, vielen und prunkvollen Residenzen werden gezwungen werden, ihren Lebensstil zu Ă€ndern. Die industriellen und kaufmĂ€nnischen Vermögen werden verschwinden. Jene, welche enteignet werden, bilden, obwohl sie heute einen grossen Anteil der ReichtĂŒmer der Gesellschaft kontrollieren, eine beschrĂ€nkte und sehr abgegrenzte Kaste. Wir werden ĂŒbrigens im Allgemeinen nicht Leute angreifen, wir werden gemĂ€ss dem Wesen der GĂŒter handeln. Wir werden uns die Schlösser nehmen und die HĂŒtten lassen, mögen sie den Armen oder den Reichen gehören! Die Besorgnis in den Köpfen der Proletarier und v.a. der Bauern sind nicht gerechtfertigt. Kommunismus bedeutet nicht, dem UnterdrĂŒckten das letzte Hemd wegzunehmen.

Was ist das Eigentum?

Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Die Polemik zwischen Marx und Proudhon bezeugt das. „Eigentum ist Diebstahl“, hatte letzterer gesetzt. Proudhon erfasst sehr wohl, dass die Herkunft des Eigentums nicht natĂŒrlich ist. Es ist das Produkt einer Gesellschaft, wo KrĂ€fteverhĂ€ltnisse, Gewalt und die Aneignung der BemĂŒhung durch andere vorherrschen. Doch wenn man sagt, Eigentum sei Diebstahl, obwohl sich Diebstahl nur im VerhĂ€ltnis zu Eigentum definieren lĂ€sst, dreht man sich im Kreis.

Das Problem ist noch komplizierter geworden, als man vom Eigentum zur Abschaffung des Eigentums gekommen ist. Sollte man alles Eigentum abschaffen, egal ob es die Produktionsmittel oder die persönlichen GĂŒter betrifft? Soll selektiv gehandelt werden? Geht es darum, das Privateigentum durch kollektives oder staatliches Eigentum zu ersetzen? Geht es darum, radikal alles Eigentum abzuschaffen und wie könnte das ausschauen?

Der Kommunismus wĂ€hlt den letzten Vorschlag. Es geht nicht um einen Transfer von Eigentumsurkunden, sondern um das gĂ€nzliche Verschwinden des Eigentums. In der revolutionĂ€ren Gesellschaft wird man nicht ein Gut aus dem Grund, dass man der EigentĂŒmer davon ist, „gebrauchen und missbrauchen“ können. Diese Regel wird keine Ausnahme kennen. Ein GebĂ€ude, eine Nadel, ein GrundstĂŒck wird niemandem mehr oder, wenn man so will, allen gehören. Die Idee des Eigentums selbst wird schnell als eine AbsurditĂ€t betrachtet werden.

Wird also auch alles allen gehören? Kann jeder Dahergelaufene mich obdachlos machen, meine Kleider oder mir das Brot aus dem Mund nehmen, weil ich ja nicht mehr EigentĂŒmer meines Hauses, meiner Kleidung oder meiner Nahrung bin? Sicher nicht, die materielle und affektive Sicherheit von allen wird im Gegenteil verstĂ€rkt werden. Man wird sich schlicht und einfach nicht auf das Eigentum als Schutz beziehen, sondern direkt auf das Interesse der betroffenen Person. Jeder soll genug und gemĂ€ss seinen WĂŒnschen zu essen, ein Dach ĂŒber dem Kopf und Kleidung haben. Alle sollen gemĂ€chlich leben können. Einige Ideologen wollen im Eigentum nur die menschliche VerlĂ€ngerung des tierischen Territoriums sehen. Somit ist das Eigentum nicht mehr die Eigenschaft einer gegebenen Epoche, nicht mal mehr einer besonderen Spezies, sondern eines gesamten zoologischen Zweiges. Man hat jedoch noch nie einen Fuchs oder einen BĂ€r dabei erwischt, ein Territorium zu vermieten, dessen EigentĂŒmer er wĂ€re, oder einen Bau zu bewohnen, wovon er nur Mieter wĂ€re! In unserer Gesellschaft kommt das allerdings hĂ€ufig vor. Es ist eben genau das Eigentum, das es erlaubt, Gebrauch und Besitz voneinander zu trennen.

Die Tatsache, dass ein Gut kein Eigentum mehr ist, gibt keinen Hinweis darauf, wie man es gebraucht. Doch der Gebrauch wird eben genau auf den Gebrauch reduziert. Ein Fahrrad wird dazu dienen, sich fortzubewegen, und nicht mehr, dass Herr Dupont, sein legitimer EigentĂŒmer, sich fortbewegt. Ob die menschlichen Wesen oder gewisse menschliche Wesen aus sentimentalen oder affektiven GrĂŒnden ein fixes Territorium oder gewisse GegenstĂ€nde brauchen, an welchen sie sich festhalten können, ist nicht eine Frage des Eigentums. Die Hygieniker können beruhigt sein: Wir schlagen nicht vor, die ZahnbĂŒrsten zu vergemeinschaften.

Die Entgegensetzung von Individualismus und Kollektivismus, von persönlichem und gesellschaftlichem Gebrauch, um zu versuchen, daraus einen „gesellschaftspolitischen Entscheid“ zu machen, ist gleichbedeutend mit bĂŒrgerlicher Dummheit. Von diesem Standpunkt aus sollte man die Eisenbahn bedingungslos gegen das individuelle Fahrzeug verteidigen. Die Kommunisten seien fĂŒr die kollektive Orgie und die BĂŒrgerlichen fĂŒr die Masturbation! Uns sind solche Debatten egal, sie können nur in Bezug auf praktische UmstĂ€nde geregelt werden. Auf jeden Fall sind es nicht wir, die zusammenpferchen und entpersonalisieren.

In der gegenwĂ€rtigen Situation stellt das Recht auf Eigentum eine Garantie in Anbetracht der Zerstörung des persönlichen Lebens dar. Es ist eine sehr lĂ€cherliche Garantie. Sie hindert den LĂ€rm in schlecht isolierten GebĂ€uden nicht daran, ĂŒberall gehört zu werden. Sie kann nicht viel gegen eine Enteignung machen. Der Bauer ist vielleicht EigentĂŒmer seines Landes. Das hat die lĂ€ndlichen Gebiete nicht daran gehindert, sich zu leeren.

Heutzutage sind Böden brachliegend, HĂ€user unbewohnt, ReichtĂŒmer aller Art werden beseitegelassen. All das werden wir sehr wohl brauchen. Leider wollen oder können die EigentĂŒmer sie nicht benutzen oder aufgeben.

Der Begriff des Eigentums beschreibt eine RealitĂ€t, doch er ist auch eine Mystifizierung. Man kann EigentĂŒmer sein, ohne wirklich die Kontrolle zu haben. Die LĂŒge ist doppelt. Sie ist gesellschaftlich und wirtschaftlich. Sie betrifft auch die Beziehungen zwischen den Menschen und der Natur.

Das Recht auf Eigentum ist notwendig fĂŒr den Kapitalismus. Der Handel verlangt, dass die Dinge klar sind. Wenn man handelt, muss man wissen, wer wirklich ĂŒber eine Ware verfĂŒgt und wer nicht. Der lokale Brauch kann die Frage regeln, wie wir uns arrangieren und wie wir die Sachen benutzen. Sobald die Sachen im VerhĂ€ltnis zum Menschen eine UnabhĂ€ngigkeit erlangen und weitergereicht werden können, reicht der Brauch nicht mehr. Nur Fetzen davon sind in lĂ€ndlichen Gebieten ĂŒbriggeblieben: Wegrecht, Wasserversorgung, Recht auf Nachlese
 Die Ware und das Kapital brauchen eine Gesamtheit an gĂŒltigen Regeln unabhĂ€ngig vom besonderen Charakter einer Situation.

Im Mittelalter existierte das Grundeigentum im modernen Sinne nicht. Auf einem gegebenen Gebiet gab es die Rechte der Leibeigenen, der Feudalherren, der Lehnsherren, der Kirche
 Bis hinein ins 19. Jahrhundert besteht eine gewisse Anzahl an Regeln fort, welche die Macht des Besitzenden einschrÀnken, er kommt nur in den Genuss des ersten Schnittes einer Weide, hat nicht das Recht, sie einzuzÀunen, muss die Nachlese und das Weiderecht erlauben.

In der Welt der bĂŒrgerlichen Gleichheit sind alle freie EigentĂŒmer. Der Bauer ist es von seinem Feld, der Chef von seiner Fabrik, der Arbeiter von seiner Arbeitskraft. Es gibt keinen Diebstahl, einer bereichert sich jedoch und akkumuliert ohne VerhĂ€ltnis zu dem, was ihm seine eigene Arbeit erlauben sollte. Das Eigentum kaschiert die AusbeutungsverhĂ€ltnisse.

Obwohl der zum „Landwirt“ gewordene Bauer die Parzelle besitzt, welche er bebaut, ist er trotzdem Preisen ausgesetzt, deren Bildung seinen Handlungsspielraum ĂŒbersteigt. Zwar arbeitet er pausenlos, doch er schafft es nicht, reich zu werden.

Das Eigentum erklĂ€rt nicht die Macht der kapitalistischen Unternehmung. Sie ist EigentĂŒmerin des fixen Kapitals: GebĂ€ude, Maschinen. Das veranschaulicht die Bedeutung der ReichtĂŒmer nicht, welche durch ihre HĂ€nde gehen und ihren Umsatz darstellen.

Die Verflechtung der Wirtschaft zwingt zu einer BeschrĂ€nkung des Rechts auf Eigentum. Was man nĂ€mlich bei sich tut, lĂ€uft Gefahr, unangenehme Folgen fĂŒr die Nachbarin zu haben. Man kann sich nicht ungestraft seines MĂŒlls in einem Fluss entledigen, nur weil man EigentĂŒmer eines Teils einer Uferböschung ist.

Der absolute Charakter des Rechts auf Eigentum, es ist „unverletzlich und heilig“ gemĂ€ss der ErklĂ€rung der Menschenrechte, rechnet nicht mit der Macht und den Launen der Natur. Auch der hartnĂ€ckigste EigentĂŒmer wird machtlos sein, wenn ein Vulkan bei ihm ausbricht. Er kann die Polizei zur Hilfe rufen, doch deshalb wird der Eindringling nicht verschwinden. Es ist eine allgemeine Regel, dass die GegenstĂ€nde und PhĂ€nomene der Natur uns nicht gehorchen.

Wie es Niño Cochise, der Enkel des grossen Cochise, anmerkt, ist das Dasein der weissen MÀnner durch den Streit um Land geprÀgt. Es sind jedoch nicht die Menschen, welche die Erde besitzen können, sondern im Gegenteil die Erde, welche die Menschen besitzt und ernÀhrt. Sie wird sie alle eines Tages begraben.

Die landwirtschaftliche Frage

Die landwirtschaftliche Frage ist eng mit der Lösung des Problems des Eigentums verbunden. Es ist eine vitale Frage fĂŒr die Revolution. In der Vergangenheit wurden AufstĂ€nde der Arbeiter von Bauernarmeen bekĂ€mpft. Das Gegenteil gab es ĂŒbrigens auch, wie in Mexiko. Der Kleinbauer war im Namen der Verteidigung seines heiligen Rechts als EigentĂŒmer stets leicht mobilisierbar fĂŒr die Konterrevolution.

In den industrialisierten LĂ€ndern hat das Kapital jene Arbeit gemacht, welche es den „Roten“ vorwarf, tun zu wollen: Es hat den grossen Teil der Bauern aus ihrem Zuhause verjagt. Es kann also zur Formation der Armee der Konterrevolution nicht mehr auf ihre verĂ€ngstigte Masse zĂ€hlen. Der Nachschub an Lebensmittel in den StĂ€dten basiert allerdings weiterhin auf den lĂ€ndlichen Gebieten. Die Partei der Ordnung wird sich immer glĂŒcklich schĂ€tzen, aus dieser Situation eine Waffe gegen die Revolution zu machen.

Wenn die landwirtschaftlichen Arbeiter nicht EigentĂŒmer des Bodens sind, welchen sie bebauen, sondern einfache Bauern oder Lohnarbeiter grosser Betriebe, werden sie sich organisieren, um sich um die Produktion zu kĂŒmmern. Sie werden ihren ehemaligen Chefs nichts mehr schuldig sein. Die Erde wird jenen gehören, welche sie bebauen! Wenn ihr ehemaliger Chef oder EigentĂŒmer sich ihnen anschliessen will, um ihnen mit seinen Kenntnissen und KrĂ€ften zu helfen, wird das eine gute Sache sein. Er wird es nur unter der Bedingung der Gleichheit tun können.

Dort, wo Landbesitz und Landbebauung zusammenfallen, wenn der Bauer sehr wenig Lohnangestellte oder ĂŒberhaupt keine hat, muss das Problem aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Das zum Wohl der Gesamtheit der Gesellschaft, die nur schwer die unzufriedenen Landwirte entbehren kann. Das zum Wohl des Bauern, dessen Bedingung sich proletarisiert hat, der fĂŒr seinen Nachschub und seinen Absatz vom kapitalistischen System abhĂ€ngt und der verstehen muss, dass er mit der kommunistischen Revolution nur gewinnen kann.

Die Entwicklung des Kapitals geschah auf dem RĂŒcken der Landwirtschaft. Daraus kamen die Arbeitskraft und die Rohstoffe fĂŒr die Industrie. Der Kommunismus wird das Steuer herumreissen. Die Landwirtschaft ist sein bevorzugtes Kind, denn sie betrifft unmittelbar die Produktion der Nahrungsmittel und den Erhalt einer lebenswerten Umwelt. Zwei Dinge, die das Kapital besonders vernachlĂ€ssigt hat.

Das Eigentum, auf Familienbasis oder auch nicht, wird verschwinden, zusammen mit dem Staat und dem juristischen System, die es garantierten. Die Nutzung und die Gewohnheit der Bebauung von Land wird bleiben und sollte sogar von den revolutionĂ€ren Behörden garantiert werden. Auf dieser Grundlage werden sich die Bauern vereinen oder, falls sie das bevorzugen, sich isoliert um ihre Parzelle kĂŒmmern können. Es ist wahrscheinlich, dass sie zumindest wĂ€hrend einer gewissen Zeit die beiden Methoden kombinieren werden. Jeder wird mit seinem StĂŒck Land verbunden bleiben, doch sie werden sich mehr denn heute fĂŒr gewisse Arbeiten und die Verteilung ihrer Produkte gegenseitig helfen. Das Erbe im engen Sinn wird verschwinden, doch wer hat grössere Chancen, qualifiziert zu sein, der Nachfolger eines Landwirts zu sein und daran Interesse zu haben, als sein Sohn!

Die allgemeine Regel wird sein, dass die Bauern die landwirtschaftliche Produktion so organisieren, wie sie es möchten. Der Zwang wird die schlechteste und teuerste aller Lösungen sein.

Die vom östlichen Kapitalismus praktizierte Kollektivierung der Landwirtschaft hat nichts mit dem Kommunismus zu tun. Man kollektivierte nicht aus ideologischen GrĂŒnden, sondern aus wirtschaftlichen und ausgehend von Klasseninteressen. Es war notwendig, gegen die spontane Wiedergeburt der Bourgeoisie in den lĂ€ndlichen Gebieten zu kĂ€mpfen. Die reichen Bauern bereicherten sich auf dem RĂŒcken der armen Bauern, indem sie Wucherkredite praktizierten. Somit entstand ein Pol der Akkumulation von Wucherkapital, das den industriellen Pol konkurrenzierte, auf welchen sich die BĂŒrokratie stĂŒtzte. Deshalb war es notwendig, die Kollektivierung der Landwirtschaft durchzusetzen und den Preis dafĂŒr zu bezahlen.

Dieser Preis war hoch. AnfĂ€nglich leisteten die Bauern in der Sowjetunion Widerstand, sie gingen sogar so weit, ihren Viehbestand zu dezimieren. Langfristig waren die Konsequenzen eine Stagnation der landwirtschaftlichen ProduktivitĂ€t aufgrund des geringen Interesses in den Kolchosen. Daher kommt eine wechselhafte Politik betreffend familiĂ€ren Landbesitzes. Die Kollektivierung hat dazu beigetragen, die Bauern in den lĂ€ndlichen Gebieten zu belassen, indem sie einem direkten wirtschaftlichen Druck entzogen wurden. Das fĂŒhrte zu einem geringeren Druck und einer geringeren Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Die UdSSR hat, in Anbetracht ihres industriellen Niveaus, eine aussergewöhnlich bedeutende Masse an Bauern konserviert. Sie trĂ€gt sie wie eine BĂŒrde.

Indem wir uns weigern, zu kollektivieren, weigern wir uns, die Revolution in die lĂ€ndlichen Gebiete zu tragen und sie zu kommunisieren? Überhaupt nicht! Ganz im Gegenteil! Die kommunistische Revolution ist gleichbedeutend mit der Beseitigung der Warenwirtschaft. Das betrifft auch die lĂ€ndlichen Gebiete.

Der Landwirt wird im Austausch fĂŒr seine BemĂŒhungen kein Geld mehr erhalten, falls er Lohnarbeiter ist, oder fĂŒr seine Waren, falls er unabhĂ€ngiger Produzent ist. Er wird der Gesellschaft unentgeltlich den Überschuss seiner Produktion liefern. Im Gegenzug wird er nichts bezahlen mĂŒssen fĂŒr jene GĂŒter, welche fĂŒr seinen Lebenserhalt und seine TĂ€tigkeit notwendig sind. Er wird nicht mehr vom Streben oder vom Bedarf nach Geld getrieben sein. Er wird direkt getrieben sein vom Interesse fĂŒr die Arbeit, der Liebe fĂŒr seine Art der Existenz oder dem Wunsch, nĂŒtzlich zu sein.

Das Leben als Bauer wird weniger aufwĂ€ndig sein. Er wird Ă€ussere Arbeitskraft zur Hilfe rufen können. Das wird möglich gemacht werden durch die Schliessung vieler mehr oder weniger parasitĂ€rer Unternehmen und eine Reduzierung der Arbeitskraft in der Industrie und dem tertiĂ€ren Sektor. Es wird möglich sein, gewisse Produktionen wĂ€hrend der Periode grosser landwirtschaftlicher Arbeiten auszusetzen, um ArbeitskrĂ€fte verfĂŒgbar zu machen. Das ist heutzutage unvorstellbar.

Nicht nur einfach die Produktion wird transformiert werden, sondern auch die Distribution. Der Weg vom Landwirt zum Konsument wird so gut wie möglich reduziert werden. Der Transport der Produkte wird direkt von einer landwirtschaftlichen Siedlung in die Stadt erfolgen und die betroffenen Leute werden sich selbst darum kĂŒmmern. Wenn man den Preisunterschied zwischen dem Produktionspreis und dem vom Konsumenten bezahlten betrachtet, versteht man das Interesse einer solchen Vereinfachung.

Die Bauern werden selbst oder unter Einbezug von HilfskrĂ€ften das Land bebauen und Vieh zĂŒchten. Sie werden es nicht unabhĂ€ngig vom Rest der Gesellschaft tun. Wir versprechen ihnen nicht die absolute Freiheit. Die Landwirtschaft hĂ€ngt heute von anderen Sektoren ab und das wird auch so bleiben. Vor ihr stehen ihre Lieferanten von DĂŒnger und landwirtschaftlichem Material. Ihre UnabhĂ€ngigkeit ist also diesbezĂŒglich notwendigerweise beschrĂ€nkt. Sonst nimmt sie aber einen zu bedeutenden Platz ein, als dass alle, die von ihr abhĂ€ngen, sich weigern wĂŒrden, sie sich mal anzuschauen.

Nehmen wir einen Extremfall: WĂŒrden die Landwirte ihr Land und ihr Vieh vernachlĂ€ssigen, da sie es nicht mehr nötig haben, Geld zu verdienen, so wĂ€re es naiv zu glauben, dass die Anderen einfach in Ruhe verhungern. In einer solchen Situation wĂ€re es möglich, im Gegenzug den Faulen weniger Lebensmittel zu geben. Die Landwirte mĂŒssen ihr Land behalten und darauf angenehm leben können. Doch wir können nicht zulassen, dass sie zu Parasiten werden und v.a. dass sie sich GĂŒter aneignen, die Andere an ihrer Stelle nutzen könnten.

Die Überwindung der Spaltung zwischen Stadt und Land ist Teil des Programms der Revolution. Das wird nur sehr progressiv geschehen können, da sie in Stein und Beton gemeisselt ist. Man kann mit dem Zauberstab keine Wolkenkratzer oder WĂ€lder umsiedeln. Massnahmen in diesem Sinne werden aber schnell umgesetzt werden können. So z.B. die provisorische oder definitive Umsiedlung der stĂ€dtischen Bevölkerungen in die lĂ€ndlichen Regionen, wo man zusĂ€tzlich kleine Industriezentren, womöglich in Verbindung mit den landwirtschaftlichen TĂ€tigkeiten, installieren können wird. Viele Leute, welche die lĂ€ndlichen Regionen nur widerwillig verlassen haben oder die Stadt nicht mögen, werden glĂŒcklich sein, dorthin zurĂŒckzukehren. Die individuellen und kollektiven GĂ€rten werden spriessen und die VorstĂ€dte und sogar die Stadtzentren beleben. Dazu werden wir Strassen wieder zu fruchtbarem Land machen, da sie aufgrund der Reduzierung des motorisierten Verkehrs nutzlos geworden sind.

Das wird die nachhaltige Entsorgung eines Teils des MĂŒlls erleichtern, die Transportkosten verringern und der Bevölkerung frisches GemĂŒse verschaffen. Einer der Nachteile der kapitalistischen Landwirtschaft ist die Tatsache, dass sie das aufgrund ihrer Entfernung vom Konsumenten und seiner AbfĂ€lle hervorgebrachte Ungleichgewicht durch stets wachsende chemische oder biologische UnterstĂŒtzung kompensieren muss.

In diesen GĂ€rten werden die Kinder, die Alten, die Kranken, die heute hĂ€ufig von der Produktion ausgeschlossen und der Langeweile ĂŒberlassen werden, sich beschĂ€ftigen und nĂŒtzlich fĂŒhlen. Das wird eine hervorragende Bildungsgrundlage fĂŒr eine ausgeschulte Jugend sein. Letztendlich wird es auch eine verschmutzte Luft reinigen!

Vom Mangel zur FĂŒlle

Das Recht und das GefĂŒhl fĂŒr Eigentum werden in der kommunistischen Gesellschaft erlöschen, da der Mangel verschwinden wird. Es wird nicht mehr nötig sein, sich aus Angst an einen Gegenstand zu klammern, weil man nicht mehr in seinen Genuss kĂ€me, wĂŒrde man ihn auch nur einen Moment loslassen.

„Durch welche Zauberei glaubt ihr, diese wundersame Ära des Überflusses hervorbringen zu können?“, wird der Bourgeois ironisch fragen.

Es besteht nicht die geringste Zauberei in all dem. Wir werden den Überfluss hervorbringen können, weil er vor unseren Augen schon da ist. Es geht nicht darum, ihn zu erschaffen, nur darum, ihn zu befreien. Es ist eben genau das Kapital, das die Menschen und die Natur wĂ€hrend Jahrhunderten unterjocht hat, das ihn möglich gemacht hat. Es ist nicht der Kommunismus, der plötzlich den Überfluss hervorbringen wird, sondern der Kapitalismus, der kĂŒnstlich den Mangel unterhĂ€lt.

Die riesige Steigerung der ProduktivitÀt der Arbeit hat bis jetzt am Schicksal des Proletariats nicht viel geÀndert. Sie hatte sogar schÀdliche Auswirkungen. Die Macht des Kapitals hat die traditionellen Gesellschaften der Dritten Welt zerstört, ohne ihren Bevölkerungen den Zugang zur industriellen Welt zu erlauben. Diese Tatsache, verbunden mit einem monströsen demographischen Wachstum, hat einen grossen Teil der Menschheit zu totalem Elend verdammt. Der Status als Lohnsklave wird zu einem wahrhaftigen Aufstieg in Vergleich zu jenem als Obdachlosen.

Die Atomkraft und die Elektronik wirkten zuerst als Waffen. Zum GlĂŒck haben uns die Fortschritte der Wissenschaft von diesen barbarischen Zeiten entfernt, wo man gezwungen war, jene zu sehen, welche man tötete, und wo man manchmal sogar mit ihrem Blut bespritzt wurde. Wow!!!

Sogar die Bewohner der „reichen“ LĂ€nder, welche von dieser Steigerung der ProduktivitĂ€t profitieren, werden ĂŒbers Ohr gehauen. Die Lohnerhöhungen und die Steigerung des Konsums dienen nur dazu, die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen wettzumachen. Der Besitz von mehr GegenstĂ€nden oder perfektionierteren GegenstĂ€nden als in einer vergangenen Zeit bedeutet nicht, dass wir besser leben. Der Arbeiter hat ein Auto, was sein Vater nicht hatte. Doch sein Arbeitsort und die lĂ€ndliche Region des Wochenendes sind weit voneinander entfernt. In den Staus verliert er erneut, was der Arbeitszeit entrissen worden ist, und die nervöse MĂŒdigkeit kompensiert den geringeren körperlichen Aufwand. Was die Industrie mit einer Hand zugesteht, haben sich die Bedingungen ihrer Entwicklung schon mit der anderen zurĂŒckgeholt. Sie preist die QualitĂ€t ihrer Hausmittel, aber vergisst, zu sagen, dass sie die Krankheit ĂŒbertrĂ€gt. Das ist kein Zufall. Die Logik der Warenproduktion setzt voraus, dass die Bedingungen der Unzufriedenheit unterhalten werden. Das Medikament braucht die Krankheit. Wie es Fourier bemerkt hatte: In der Zivilisation entsteht der Mangel aus dem Überfluss selbst und die Gesellschaft dreht sich in einem Teufelskreis.

Das menschliche Wesen wird immer mehr auf die passive Rolle des Konsumenten reduziert. Sein untoter Zustand nĂ€hrt sich vom kĂŒnstlichen Leben der Waren. Sein Elend wird zur farbigen Widerspiegelung des in den Schaufenstern ausgestellten und zum besten Preis angebotenen GlĂŒckes.

In der kommunistischen Gesellschaft werden die GĂŒter frei und gratis sein. Die gesellschaftliche Organisation wird sich in ihren Grundlagen des Geldes entledigen.

Wie kann verhindert werden, dass die ReichtĂŒmer von gewissen zu Lasten von anderen in Beschlag genommen werden? LĂ€uft unsere Gesellschaft nicht Gefahr, nach einem Moment der Euphorie, wo wir die existierenden Reserven unserer Gesellschaft nutzen werden, in die Verschwendung und die Ungleichheit abzugleiten, bevor sie in der Unordnung und in der Schreckensherrschaft versinkt?

Diese BefĂŒrchtungen haben nicht einfach eine Handvoll Privilegierter, die ein direktes Interesse an der Erhaltung des Systems haben. Sie drĂŒcken auch den Standpunkt der UnterdrĂŒckten aus, die Angst haben, dass ein gesellschaftlicher Umsturz ihre Lage verschlimmert. Werden im Sturm die Grossen nicht besser bewaffnet sein, um davonzukommen, als die Kleinen?

In der entwickelten kommunistischen Gesellschaft werden die ProduktivkrĂ€fte zur Befriedigung der BedĂŒrfnisse genĂŒgend sein. Das frenetische und neurotische Verlangen nach Konsum und Beanspruchung wird verschwinden. Es wird absurd sein, akkumulieren zu wollen: Es wird kein Geld mehr geben, das man einstecken, und keine Lohnarbeiter, die man anstellen könnte. Wozu sollte man BohnenbĂŒchsen oder Zahnprothesen akkumulieren, die einem nichts nĂŒtzen? Wenn in diesem Stadium eine Form des Zwangs weiterbesteht, so wird es nicht jener der Distribution der Produkte sein, sondern in ihrem Wesen selbst, in den durch besondere Gebrauchswerten auferlegten Verbindlichkeiten. Es wird notwendigerweise Möglichkeiten auf der Ebene der Fabrikation geben, fĂŒr welche man sich entscheidet, und andere, welche man ablehnt.

Wenn die revolutionĂ€re Gesellschaft die Wege der alten Welt verlassen wird, wird die Situation eine andere sein. Die revolutionĂ€ren Behörden, die ArbeiterrĂ€te, werden eine gewisse Anzahl an Regeln definieren und anwenden mĂŒssen, um vor der RĂŒckkehr der Gewohnheiten und Mechanismen der Warenwelt geschĂŒtzt zu sein. Es wird vielleicht notwendig sein, die Anzahl BohnenbĂŒchsen oder ZuckersĂ€cke, die jeder bei sich zu Hause aufbewahren können wird, zu beschrĂ€nken. Mann kann die Dauer dieser Phase nicht prĂ€zis definieren. Sie wird aufgrund der grösseren oder kleineren Armut der Regionen variieren. Sie wird von der Macht und der Entschlossenheit der revolutionĂ€ren Partei abhĂ€ngen. Ein von der Partei des Kapitals ausgelöster Krieg, der zu SchĂ€den in der Produktion und im Transport fĂŒhren wĂŒrde, wĂŒrde diese Übergangsphase gezwungenermassen verlĂ€ngern. Wenn man nur von der notwendigen Periode zur kommunistischen Umwandlung der ProduktivkrĂ€fte ausginge, könnte sie sehr kurz sein. Man schaue sich nur an, wie schnell die amerikanische Wirtschaft sich wĂ€hrend dem Zweiten Weltkrieg in eine Kriegswirtschaft verwandeln konnte!

Mit dem Kommunismus werden der Charakter der Gesamtheit der Produktion und das Wesen der produzierten GegenstÀnde eine radikale Transformation erfahren. Das Verschwinden des Tauschwerts wirkt sich auf den Gebrauchswert aus.

Transformation der Produkte

Die auf dem Markt angebotenen Waren stellen ein extrem hierarchisiertes Ensemble dar. Es gibt nicht eine Ware oder einige Waren fĂŒr ein gegebenes BedĂŒrfnis, sondern eine Vielzahl von der gleichen Marke oder konkurrierenden Marken. Es geht natĂŒrlich darum, die Öffentlichkeit zu befriedigen und eine Antwort auf die Mannigfaltigkeit ihrer BedĂŒrfnisse zu bieten. Der Kunde muss die Wahl haben! In Tat und Wahrheit hat er nur jene Wahl, welche ihm seine finanziellen Mittel und seine gesellschaftliche Funktion erlauben. Etliche Waren stellen eine Antwort auf das gleiche BedĂŒrfnis dar, doch sie unterscheiden sich durch ihre QualitĂ€t und ihren privaten Charakter. Das gilt z.B. fĂŒr Kochtöpfe. Verschiedene Produkte können verschiedenen Nutzungen entsprechen. Nur sind diese verschiedenen Nutzungen nicht fĂŒr die gleichen Individuen erschwinglich. Es sind nicht die gleichen, welche ihre GeschĂ€fte mit dem Überschallflugzeug oder mit dem Fahrrad erledigen.

Diese Hierarchisierung und Unterscheidung der Waren ist die Widerspiegelung der Konkurrenz der Gruppen und der extremen Ungleichheit der Löhne und der Existenzbedingungen in der kapitalistischen Welt. Sie prĂ€gen die industrielle Entwicklung. Die BedĂŒrfnisse der Reichen stellen den Leitfaden dar. GĂŒter wie das Auto verlieren einen grossen Anteil ihrer GebrauchsqualitĂ€t, wenn sie nicht mehr das Privileg einer Minderheit sind, um von allen angeeignet zu werden.

Der Kommunismus schlĂ€gt nicht vor, allen Individuen die gleiche Uniform anzuziehen und sie mit der gleichen BrĂŒhe zu ernĂ€hren. Doch er wird Schluss machen mit dieser verhĂ€ngnisvollen Diversifizierung und Hierarchisierung der Produkte. Die neuen und noch seltenen GĂŒter werden anfangs kollektiv oder von den Erstgekommenen genutzt werden.

Im Bereich der Bekleidung kann man sich vorstellen, dass wir einerseits eine beschrĂ€nkte aber genĂŒgende Anzahl QualitĂ€tsbekleidung zur Abdeckung aller Grössen und gewöhnlicher GebrĂ€uche produzieren. Sie werden massiv und auf so automatische Art und Weise wie möglich produziert werden. Andererseits könnten wir Ateliers eröffnen, wo Maschinen und Stoff fĂŒr alle jene zur VerfĂŒgung stehen werden, welche fĂŒr sich selbst oder ihre Freunde andere Kleider fabrizieren möchten.

Die berĂŒhmte Freiheit des Konsumenten ist nicht nur durch die Anzahl seiner Taler beschrĂ€nkt. Man kann teuer bezahlen und bezĂŒglich der QualitĂ€t reingelegt werden. Wenn man nicht viel Geld hat, kann man praktisch sicher sein, dass man Schund bekommen wird. Betrug und die Ware bedingen sich gegenseitig. Es ist kein weiter Weg vom HĂ€ndler zum Gauner. Es ist wichtig, dass man scheinbar einen Vorteil hat, und es ist relativ unbedeutend, dass dieser nur scheinbar ist. Was vorher von der Bosheit des HĂ€ndlers abhing, ist unter dem Kapital praktisch zu einer permanenten Regel geworden. Das Kapital selbst produziert die Ware. Es kann also den Schwerpunkt auf ihr Bild statt auf ihre wirkliche QualitĂ€t legen. Wir sind an einem Punkt angekommen, wo Ingenieure den notwendigen Verfall der GegenstĂ€nde berechnen und bestimmen. Der Markt darf nicht mit Produkten behindert werden, welche zu lange halten wĂŒrden!

Je schneller ein Kapital ĂŒbrigens zirkuliert, je schneller es wieder die Geldform annimmt, um sie wieder zu verlieren und zu einer konkreten Ware zu werden, desto mehr bringt es ein. Es kann mit einem zusĂ€tzlichen Profit neu investiert werden. Diese Tendenz des Kapitals fĂŒhrt dazu, dass es unergiebige Reserven verwirft. Alles muss schnell zirkulieren. Sogar Investitionen in GebĂ€ude und Maschinen mĂŒssen so schnell wie möglich amortisiert sein: Sie reprĂ€sentieren immobilisiertes Geld. Der Kapitalist opfert die Möglichkeiten der Technik auf dem Altar der Finanz. Er investiert eher kurz- denn langfristig. Man schrĂ€nkt die QualitĂ€t ein und man erhöht den Preis der Produkte, weil man die Investitionen in Produktionsmittel eingeschrĂ€nkt hat. Man bevorzugt eine schnelle Erneuerung und eine oberflĂ€chliche VerĂ€nderung einer Produktpalette gegenĂŒber tiefgehenden technologischen Modifikationen des Produktionsapparats. Der technische Fortschritt wird sehr wohl verwirklicht, die Geschichte des Kapitalismus bezeugt es, doch es geschieht begleitet von wirtschaftlichen KrĂ€mpfen und einer enormen Verschwendung.

Wenn die Produkte der menschlichen TĂ€tigkeit nicht mehr die Form von Kapital annehmen werden, wird es keinen Grund mehr geben, keine Reserven anzulegen. Sie werden unsere Sicherheit garantieren und die Imperative der Produktion und der Transporte lockern, indem sie eine Pufferfunktion spielen werden. Ausser, wenn die Natur der Produkte selbst es verlangen wird, wird die Notwendigkeit zur stĂ€ndigen Eile verschwinden. Es wird möglich sein, langfristige Projekte aufzugleisen und die KrĂ€fte fĂŒr bedeutende und langfristige Investitionen zu bĂŒndeln. Die Technik wird dahingehend orientiert werden, dass sie die Fabrikation von nachhaltigen GegenstĂ€nden erlauben wird.

Heutzutage sind die Zirkulationskosten der Waren immer betrĂ€chtlicher geworden, oft sind sie höher als die eigentlichen Produktionskosten. Zu den Zirkulationskosten gehört nicht nur der Preis des Transports, sondern auch jener der Verpackung, des Marketings, der Werbung
 Ein grosser Anteil dieser Kosten hĂ€ngt nicht von der Natur des Produkts oder des Ortes ab, wo es gebraucht wird. Sie stellen eine Förderung der Ware als Ware dar. Sie werden verschwinden.

Sogar bezĂŒglich der eigentlichen Transportkosten werden betrĂ€chtliche Ersparnisse möglich sein. Die zunehmende Trennung zwischen Orten der Produktion und des Konsums hat viel mit der kapitalistischen Natur des Systems zu tun. Die Zustellung der Waren wird vereinfacht werden. Die vielen Unternehmen und ZwischenhĂ€ndler werden verschwinden.

Die mit der Notwendigkeit der Kontrolle und der Überwachung zur Verhinderung von Diebstahl verbundenen Kosten werden, genau wie alles, was mit Bezahlung zu tun hat, keine Daseinsberechtigung mehr haben.

In dieser neuen Welt wird der Mensch nicht pausenlos bezahlen und sich rechtfertigen mĂŒssen, um sich zu ernĂ€hren, fortzubewegen, zu amĂŒsieren. Diese Gewohnheit wird er schnell verlieren. Daraus wird das GefĂŒhl entstehen, wirklich frei zu sein. Er wird sich ĂŒberall zu Hause fĂŒhlen. Da er nicht pausenlos kontrolliert wird, wird er nicht in Versuchung kommen, etwas zu missbrauchen. Weshalb sollte man versuchen, zu lĂŒgen oder geheime Reserven anzulegen, wenn man sicher ist, dass man satt werden wird?

Das GefĂŒhl des Eigentums wird allmĂ€hlich verschwinden. RĂŒckblickend wird es als komisch und kleinlich erscheinen. Wieso sollte man sich an einen Gegenstand oder eine Person festklammern, wenn das gesamte Universum einem gehört?

Der neue Mensch wird seinem Vorfahren Ă€hneln, der JĂ€ger und Sammler war und der einer Natur vertraute, die gratis und hĂ€ufig im Überfluss liefert, was man zum Leben braucht, der sich nicht um den nĂ€chsten Tag sorgte, da er darauf ohnehin keinen Einfluss hatte. Der Mensch von morgen wird als Natur die von ihm gestaltete Welt haben, der Überfluss wird durch seine eigenen HĂ€nde entstehen. Er wird selbstbewusst sein, da er seiner Kraft vertraut und ihre Grenzen kennt. Er wird sorgenfrei sein, weil er weiss, dass die Zukunft ihm gehört. Der Tod? Er existiert. Doch es ist nicht angemessen, ĂŒber etwas zu weinen, das notwendig ist. Was wichtig ist, ist, dass man den Moment geniessen kann.

IV. Jenseits der Arbeit

Der Kapitalismus hat die Produktionsmittel ohne Unterbruch revolutioniert, doch er war unfÀhig, die produktive TÀtigkeit wirklich zu befreien und zu transformieren. Die industrielle Arbeit ist gleichbedeutend mit der extremsten Entfremdung. Der Proletarier im Blaumann oder im weissen Hemd ist an seine Maschine oder seine Arbeitsorganisation gekettet. Er nahm die Ermessensfreiheit und den Spielraum wahr, welche dem Handwerker oder gar dem Leibeigenen und dem Sklaven blieben. Der unpersönliche Charakter dieser Herrschaft macht sie nicht ertrÀglicher.

Die Arbeit hat sich vom Rest des Lebens abgespalten. Sie beherrscht es durch die von ihr ausgelöste MĂŒdigkeit und Verdummung und den durch sie verschafften Lohn.

Mit der Kontrolle des modernen Kapitals ĂŒber die Gesamtheit des gesellschaftlichen Lebens wird letztendlich die ganze Existenz von den Prinzipien der Arbeit bestimmt. Die Logik der Ergiebigkeit und der Produktion beherrscht die „freie“ Zeit. Alles muss rationalisiert und rentabel gemacht werden, auch das VergnĂŒgen und die Verschwendung! Jeder wird herzlich dazu eingeladen, die Nachfolge des Systems in seiner eigenen Selbstdisziplinierung anzutreten.

Der Kommunismus ist allen voran eine radikale Transformation der menschlichen TĂ€tigkeit. DiesbezĂŒglich kann man von der Abschaffung der Arbeit sprechen.

Arbeit und Folter

Wenn es ein Wort gibt, das nicht neutral ist, so ist es das Wort Arbeit.

Auf Französisch und Spanisch kommt das Wort vom lateinischen Wort trepalium, es beschrieb ein Folterinstrument, das auf das Kreuz folgte. Bevor es seine moderne Bedeutung annimmt, beschreibt es zuerst besonders mĂŒhsame Arbeiten, dann die Arbeit in den Minen. Heute hat sich seine Bedeutung betrĂ€chtlich ausgeweitet, doch die Grenzen davon bleiben vage. Die Arbeit, als ob es darum ginge, ihr eine natĂŒrliche Rechtfertigung zu geben, beschreibt letztendlich körperliche PhĂ€nomene.

Auf Englisch verweist der Ursprung auf eine konkrete bĂ€uerliche TĂ€tigkeit. Was den Begriff der Arbeit auszeichnet, ist eben genau sein abstrakter Charakter. Er beschreibt nicht mehr diese oder jene besondere TĂ€tigkeit, sondern die TĂ€tigkeit und die Anstrengung an sich. Man pflanzt keinen Kohl mehr an, man webt nicht mehr, man passt nicht mehr auf die Schafe auf, man arbeitet. Jede Arbeit ist einer anderen gleichwertig. Was zĂ€hlt, ist die Zeit, die man dafĂŒr aufwendet, und der Lohn, den man dafĂŒr bekommt. Wie Marx es formulierte: „Die Zeit ist alles, der Mensch ist nichts mehr, er ist höchstens noch die Verkörperung der Zeit.“

Wir greifen nicht das Wort Arbeit an, sondern die schĂ€ndliche Wirklichkeit, die es beschreibt. Es ist von geringer Bedeutung, ob der Begriff bleibt oder verschwindet. Wenn er bleiben soll, dann wird er seinen Sinn zutiefst Ă€ndern mĂŒssen. Vielleicht wird er letztendlich den Gipfel des Genusses beschreiben!

In der kommunistischen Gesellschaft wird die produktive TĂ€tigkeit ihren strikt produktiven Charakter verlieren. Die Obsession der Ergiebigkeit und der verlorenen Zeit wird verschwinden. Die Arbeit wird Teil der Gesamtheit eines transformierten Lebens sein.

Eine solche VerĂ€nderung ist gleichbedeutend mit dem Ende der Hierarchie, der Teilung zwischen AnfĂŒhrern und AngefĂŒhrten, der Trennung zwischen Entscheidung und AusfĂŒhrung, des Gegensatzes zwischen geistiger und körperlicher Arbeit. Der Mensch wird nicht mehr von den Produkten seiner TĂ€tigkeit und seinen Werkzeugen beherrscht sein. Die Unterwerfung der Natur unter den Produktionsprozess und ihre Aneignung durch Gruppen oder Individuen werden verschwinden.

Diese Revolution wird von einer technologischen Mutation begleitet sein. Das Wesen der industriellen Entwicklung selbst wird in Frage gestellt.

Der parasitĂ€re Charakter des Kapitalismus zeigt sich in der Tatsache, dass man das gesellschaftliche Leben garantieren kann, auch wenn ein grosser Teil der Unternehmen geschlossen werden. Ein Beweis fĂŒr die Ressourcen eines entwickelten Landes hat der Streik im Mai 68 in Frankreich geliefert. Die Gesamtheit der Industrie konnte wĂ€hrend einem Monat geschlossen sein, ohne dass die Folgen davon allzu fĂŒhlbar waren.

Vielleicht werden wir wĂ€hrend der Periode der Revolution zu wenig Brot haben. Doch dafĂŒr wird nicht eine SchwĂ€che der ProduktionskapazitĂ€t verantwortlich gemacht werden können. Es wird die Folge von besonderen Ursachen sein. Das wĂŒrde uns nicht daran hindern, parasitĂ€re Industrien zu schliessen. Im Gegenteil, das wĂŒrde umso notwendiger werden, um die KrĂ€fte hin zu den vitalen Sektoren zu orientieren.

Wir können nicht im Vornhinein und detailliert entscheiden, was abgeschafft werden wird und was nicht. Wir sind ĂŒberzeugt von der dreckigen Rolle der Kriegsindustrie. Sie wird keine Daseinsberechtigung in einer entwickelten kommunistischen Gesellschaft mehr haben. Wir können jedoch nicht entscheiden, ob sie in einer Übergangsphase nicht entwickelt werden muss!

Die Entscheidungen werden sowieso nicht mehr von einem Komitee von Technokraten getroffen, sondern direkt von den betroffenen Arbeitern. Die Bedrohung eines Lohnverlustes wird in ihrer Entscheidung nicht mehr ins Gewicht fallen!

Wenn sich einige aus Korporatismus oder aus weniger redlichen GrĂŒnden an nutzlosen oder gar schĂ€dlichen Aufgaben festklammern, werden sie vor der Gesamtheit des kommunistischen Proletariats dafĂŒr verantwortlich sein. Das Recht auf Eigentum oder auf freie Bestimmung wird keine Entschuldigung sein fĂŒr die Polizisten oder die Finanzangestellten, die möchten, dass die Routine ihrer kleinen Gewohnheitsarbeit weitergeht!

Alles, was der Finanz und der Staatsmaschinerie dient, was anstrengende und bedeutende BemĂŒhungen zur Befriedigung sekundĂ€rer BedĂŒrfnisse verlangt, wird eliminiert oder zumindest zutiefst transformiert werden. Produkte oder „Dienstleistungen“ wie das Telefon, die elektrische Energie, die heutzutage von den Unternehmen genutzt werden, können grossmehrheitlich direkt hin zum individuellen Konsum umorientiert werden. GebĂ€ude und Maschinen werden anders genutzt werden können.

Zahlreiche BedĂŒrfnisse werden mit viel geringeren gesellschaftlichen Ausgaben befriedigt werden können. Der Transport z.B. wird auf einer viel vernĂŒnftigeren Nutzung der individuellen und kollektiven Fahrzeuge basieren. Die zeitlichen Imperative werden viel flexibler sein. Es wird viel weniger hĂ€ufig notwendig sein, zu verreisen.

TĂ€tigkeiten werden nicht wirklich verschwinden, sondern zutiefst transformiert werden. Die Bildung wird so gut es geht frei vom Handeln der Spezialisten sein. Das Druckwesen wird nicht mehr im Dienst grosser Tageszeitungen stehen, sondern in jenem einer Vielzahl kleiner Druckerzeugnisse.

Die Produktion fĂŒr die Produktion und der Kampf um die Kunden werden keine gĂŒltigen Prinzipien mehr sein, es wird darum gehen, die mĂŒhsame und uninteressante industrielle Arbeit so stark wie möglich zu beschrĂ€nken. Die Schliessung nutzloser Sektoren wird es erlauben, die notwendig gebliebenen produktiven Aufgaben zu erleichtern und zu variieren. Die befreiten gesellschaftlichen KrĂ€fte werden sich um neue TĂ€tigkeiten kĂŒmmern können.

Die Kinder, die Studenten, die alten Leute und die Hausfrauen werden gemÀss ihren FÀhigkeiten an den gesellschaftlichen TÀtigkeiten teilnehmen können, ohne auf dem Arbeitsmarkt eine konkurrierende Arbeitskraft darzustellen.

Diese Transformationen sind nicht ein Luxus, der die Revolution sich erlauben sollte, um die Zögernden anzuziehen. Sie sind unmittelbar notwendig, um die Partei des Kapitals zu bekĂ€mpfen und die KrĂ€fte gegen sie zu konzentrieren, denn es besteht das Risiko, dass sie eine gewisse Zeit ĂŒberlebt.

Wissenschaft und Automatisierung

All diese Massnahmen geben uns nur ein vages Bild dessen, was folgen wird. Der Kommunismus wird die materielle Grundlage benutzen, welche ihm die alte Welt vererben wird. Er wird v.a. technische und wissenschaftliche Errungenschaften entwickeln. Er wird es schneller und besser als das Kapital tun.

Es gehört zum guten Ton, ĂŒber die vollendeten technischen Fortschritte seit dem Zweiten Weltkrieg zu schwĂ€rmen. In Wirklichkeit sollten wir uns eher ĂŒber die Langsamkeit wundern, mit welcher die wissenschaftlichen Entdeckungen in die Industrie vorstossen. Diese zeichnet sich allen voran durch ihre TrĂ€gheit aus. Sie macht Fortschritte, wenn historische „UnfĂ€lle“ sie dazu zwingen, ihre Lieferanten oder ihren Absatzmarkt zu verĂ€ndern, sie modifiziert ihre technischen Grundlagen, wenn die ZinssĂ€tze zusammengefallen sind, um dem wirtschaftlichen Stillstand zu entfliehen.

Die aktuelle Industrie lebt von der Perfektionierung von Erfindungen und Entdeckungen, die mehrere Jahrzehnte alt sind. Fahrzeuge z.B., die auf dem Verbrennungsmotor und fossiler Energie basieren, wie unsere Avantgarde-Autos, sind wahrhafte Fossile in Hinsicht auf die wissenschaftlichen Möglichkeiten. Die Industrie hat es weder geschafft, wirklich die Automatisierung, noch neue Energiequellen zu entwickeln. Sie kann es nur tun, wenn es von ihrem engstirnigen Standpunkt aus rentabel wird.

Der Kommunismus wird es sich erlauben können, Maschinen oder Industriekomplexe zu bauen, die vom Standpunkt einer kapitalistischen Unternehmung oder gar eines Staates nicht rentabel gewesen wĂ€ren. Er wird davon ausgehen, dass der vollendete Fortschritt sich lohnt, wenn auch nicht unbedingt hinsichtlich eines unmittelbaren Vorteils. Obwohl er hĂ€ufig dort diesen unmittelbaren Vorteil finden könnte, wo ihn der Kapitalismus nicht sehen wĂŒrde: verbesserte QualitĂ€t der Produkte, Interesse der Forschung, Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Vom Standpunkt des Kapitalismus aus ist es nicht rentabel, einen stillen Presslufthammer zu entwickeln, solange der Preis nicht gleich oder geringer ist als jener eines lauten Presslufthammers. Es ist kaum von Bedeutung, ob die Kosteneinsparung durch offensichtliche Unannehmlichkeiten bezahlt wird. Die Tatsache, dass sich seine Produktion entwickeln wird und der stille Presslufthammer gĂŒnstiger werden kann als der laute, kann zum Zeitpunkt seiner Lancierung nicht berĂŒcksichtigt werden. Wieso wĂŒrde ein Unternehmen das Risiko eingehen, im Namen des technischen Fortschrittes oder aus Humanismus Konkurs zu gehen oder zumindest Opfer zu erbringen? Der Kommunismus wird sich nicht damit begnĂŒgen, den Kapitalismus abzulösen. Er wird die Wissenschaft und die Technik transformieren. Aus bewussten oder unbewussten Dienern der industriellen Hölle werden Werkzeuge der Befreiung.

Die Wissenschaft wird kein von der Produktion getrennter Sektor mehr sein.

Das Kapital hat ein vitales BedĂŒrfnis nach Innovation. Es kann sie nicht direkt aus dem Produktionssektor entstehen lassen. Dieser muss ruhig bleiben und die Vorstellungskraft darf sich darin nicht entfesseln. Die Wissenschaft hat sich also ihrerseits entwickelt. Sie ist lange marginal geblieben, das Werk von Amateuren. Da das Kapital ihre Dienste dringender braucht, musste es sie in die Hand nehmen. Unter der Schirmherrschaft des Staates und der Unternehmen wird die Wissenschaft zu einer Investition. Sie bĂŒrokratisiert sich, sie fĂ€llt unter das Joch der Berater und Verwalter. Die Schaffensfreiheit wird an der Leine gehalten.

In den Augen der öffentlichen Meinung ist die Wissenschaft eine gute oder böse Fee. Der Gelehrte ist der zum Lohnarbeiter gewordene Zauberer. Was das Resultat des kritischen Geistes ist, erscheint als ein Werk der Magie.

Die Ideologie der Produktion greift das wieder auf, was sie der Forschung zugestehen musste. Die Wissenschaft erscheint als der Sektor, wo eine besondere Ware produziert wird: das Wissen. Die Erkenntnis ist nicht mehr das prekÀre Resultat einer gegebenen Forschung, sondern wird zu einem als heilig verehrten Produkt, das einer Masse geistig Behinderter zur Kontemplation angeboten wird.

Es geht darum, die Initiative und die Forschung zu befreien, um sie allen zurĂŒckzugeben. Die Wissenschaft darf nicht mehr im Besitz einer Kaste von Spezialisten sein, um wieder zu einer Vorliebe fĂŒr das Risiko und das Spiel, zum VergnĂŒgen der Entdeckung zu werden.

Die „Eroberung“ des Weltraumes illustrierte die Möglichkeiten der Automatisierung und der Elektronik. Es geht darum, all diese Technologie zur Transformation unseres alltĂ€glichen Lebens anzuwenden. Die Automatisierung erlaubt es, die Menschen von langweiligen BeschĂ€ftigungen zu entlasten und den Maschinen das zu ĂŒberlassen, was sie verdienen.

Die ersten Schritte automatischer Systeme, die, einmal installiert, ohne Intervention funktionieren und sich regulieren, gehen auf die Zeiten der Pharaonen zurĂŒck. Sie dienten zur Regulierung des Nils. Mit dem Beginn der modernen Zeit sieht man sie aufblĂŒhen. Man sieht erstmals automatische „Fabriken“. So z.B. diese MĂŒhle in der NĂ€he von Philadelphia, die 1874 ohne manuelle Intervention das Getreide empfing und in Mehl verwandelte. Neben den automatischen Produktionsmaschinen haben sich die Rechenmaschinen entwickelt. Im Jahr 1881 wird das automatische Telefon prĂ€sentiert.

Der Automatismus existiert schon sehr lange. Er ist nur eine extreme Form des Maschinenbetriebes. Es ist die Elektronik, die es erlauben wird, daraus eine gÀngige, wenn nicht die gewöhnlichste Form des Maschinenbetriebes zu machen.

Die Elektronik, verbunden mit der Kontrolle bedeutender Energiequellen, erlaubt es, aus der Distanz zu agieren und eine grosse Anzahl Operationen zu zentralisieren.

Die Automatisierung ist nicht einfach die Möglichkeit, den Maschinen jene Aufgaben anzuvertrauen, welche der Mensch nur widerwillig erledigt. Es ist auch, und vielleicht allen voran, die Möglichkeit, Dinge zu unternehmen, die anders nie möglich gewesen wÀren. Sie macht Operationen möglich, die schnellere Reaktionen und komplexere Berechnungen als jene der Menschen verlangen. Die Maschinen können unter Bedingungen agieren, die zum Leben ungeeignet sind. Ohne die Automatisierung wÀren die Entwicklung der Atomkraft oder die Entdeckung des Weltraumes unmögliche Unternehmungen.

Jene, welche die Revolution wollen, aber ohne dafĂŒr die Wissenschaft und die fluchbeladene Technologie zu nutzen, sind in einer Sackgasse. Die massive Zerstörung unserer Umwelt ist freilich nicht unabhĂ€ngig von den technischen Möglichkeiten, doch wir können nicht sie dafĂŒr verantwortlich machen.

Die Atomenergie oder die Informatik können sehr gefĂ€hrliche Eigenschaften haben. Es ist der Widerschein ihrer Macht. Doch das ist nur ein Problem fĂŒr die gegenwĂ€rtige Gesellschaft, welche sie auf leichtsinnige Art und Weise oder zur StĂ€rkung ihrer Kontrolle ĂŒber die Leute benutzt.

Bis anhin hat das Kapital nur das Detail automatisiert. Das bedeutet nicht, dass es sich damit begnĂŒgen kann. Seine Logik, die Notwendigkeit, eine angemessene Profitrate aufrechtzuerhalten oder wiederzufinden, muss es dazu zwingen, weiter zu gehen. Das bedeutet nicht, dass die Verallgemeinerung der Automatisierung kompatibel mit der Aufrechterhaltung des aktuellen Systems ist. Ihr Prinzip selbst ist unvereinbar mit dem Überleben einer Klassengesellschaft: Sie macht den Proletarier nutzlos. „Wir sollten uns daran erinnern, dass die automatische Maschine [
] das exakte ökonomische Äquivalent zur Sklavenarbeit darstellt.“ [1] Das extreme Entwicklungsstadium des Maschinenbetriebes macht die menschlichen Maschinen nutzlos.

Die Lösung ist also die kommunistische Revolution, sonst droht dem Proletariat die Zerstörung, es wird auf eine Schicht von FĂŒrsorgeempfĂ€ngern reduziert oder schlichtweg eliminiert. Propheten des UnglĂŒcks sagen uns die zweite Möglichkeit vorher. Unser Optimismus basiert nicht auf dem Humanismus unserer AnfĂŒhrer: Die Geschichte hat gezeigt, dass sie nicht vor einem Völkermord zurĂŒckschrecken. Wir halten sie schlicht fĂŒr unfĂ€hig, die Situation im Griff zu haben und eine wahrhaftige Politik zu steuern. In guten wie in schlechten Zeiten werden wir nicht von Übermenschen mit mĂ€chtigem Weitblick regiert, sondern von Dummköpfen, die geschickt sind in RĂ€nkespielen, aber unfĂ€hig, eine historische Vision der Ereignisse zu haben. Sie werden selbst teilweise vom Produktionsprozess verworfen. Das einzige, was es braucht in der Geschichte, ist ein Proletariat, das sich nicht allzu dumm anstellt.

Die Macht der Proletarier ist immens. Das Bewusstsein ĂŒber diese Macht ist extrem beschrĂ€nkt. Die Arbeiterklasse hat immer ihre Macht dank ihrer Stellung im Produktionsapparat erlangt. Die Beginne der Automatisierung dieses Apparats haben diese Macht noch verstĂ€rkt. Kleine Fraktionen an Arbeitern und Technikern halten eine enorme Macht in ihren HĂ€nden. Wirtschaftliche Schwankungen bergen das Risiko, sie auf den Geschmack zu bringen, sie zu benutzen.

Die Bourgeoisie oder die BĂŒrokratie können nicht das Proletariat negieren, ohne sich selbst zu negieren. Sie sind an den Wert gekettet, d.h. an die menschliche Arbeit, welche die Grundlage dieses Werts ist. Sie wollen nicht den Fortschritt um des Fortschritts willen, sondern um des Geldes willen. Wenn sie den Maschinenbetrieb entwickeln, so ist das nicht mit dem Hintergedanken, sich zu turbulenter Arbeiter zu entledigen. Das Proletariat ist nicht einfach ein Werkzeug fĂŒr die Bourgeoisie. Es ist auch ihre Daseinsberechtigung. Das Kapital (oder die Arbeit) setzt den Menschen auf den Rang einer Maschine herab, doch es kann nichts anderes als ein gesellschaftliches VerhĂ€ltnis zwischen Klassen sein.

Klassengesellschaft und Robotisierung

Jede Klassengesellschaft tendiert dazu, aus dem menschlichen Wesen einen Roboter zu machen, es auf einen Gegenstand zu reduzieren, dessen Körper und Intelligenz man benutzt. Wenn ein Teil der Gesellschaft nicht mehr fĂŒr sich selbst arbeitet, sondern sich abquĂ€lt, um eine andere Fraktion der Gesellschaft zu nĂ€hren, bedeutet das, dass er sich zusĂ€tzlich bemĂŒhen muss, aber v.a. auch, dass das Wesen seiner TĂ€tigkeit sich verĂ€ndert. Was den Meister interessiert, ist nicht das VergnĂŒgen oder der Verdruss, die Freude oder das Leid des Sklaven, es ist seine Produktion. Die Klassengesellschaft basiert auf der menschlichen Möglichkeit, GĂŒter herzustellen, die vom Produzenten getrennt werden und von anderen benutzt werden können. Das menschliche Wesen ist kein menschliches Wesen mehr, sondern ein Werkzeug. Die typisch menschliche FĂ€higkeit, Werkzeuge zu bauen und die Produktion im Vornhinein zu denken, wendet sich gegen es, um aus ihm selbst ein Werkzeug zu machen!

Der Ausbeuter kann sich gegenĂŒber dem Ausgebeuteten als gutmĂŒtig oder bösartig zeigen. GefĂŒhle sind nicht ausgeschlossen. Noch besser, die GefĂŒhle sind notwendig, um die ZahnrĂ€der des Systems zu ölen. Doch sie sind ein sekundĂ€res und begrenztes Produkt. Der Ausbeuter kann gutmĂŒtig sein, doch er kann nicht mit der Ausbeutung aufhören. Er kann sadistisch sein, doch er kann nicht sein Menschenmaterial zerstören. Wenn der Kapitalismus jedoch diesen Punkt der Barbarei erreicht, dann wird er von der wirtschaftlichen Notwendigkeit dazu gedrĂ€ngt.

Die vergangenen herrschenden Klassen stĂŒtzten sich auf bĂ€uerliche Gemeinschaften. Das Kapital hat diese Gemeinschaften zerstört, um ein verstĂŒmmeltes und atomisiertes Menschenmaterial zu unterwerfen. Als Ware unter den Waren ist der Proletarier auf dem Markt der „Produktionsfaktoren“ mit seinen mechanischen Konkurrenten konfrontiert. In diesem Kampf gewinnt die Maschine allmĂ€hlich und reduziert seine Stellung im Produktionsprozess.

Der Kommunismus stellt den Charakter dieser Entwicklung auf den Kopf. Der Mensch stĂŒnde darin nicht mehr in Konkurrenz zur Maschine, weil er kein Produktionsfaktor mehr sein wird.

Die kommunistische Nutzung des Maschinenbetriebes ist gleichbedeutend mit der Möglichkeit, eine grosse Anzahl TĂ€tigkeiten zu automatisieren. Das bedeutet nicht, dass die verallgemeinerte Automatisierung der SchlĂŒssel fĂŒr die soziale Frage ist.

Die Abschaffung der Lohnarbeit bedeutet nicht die Ersetzung des Menschen durch die Maschine, sondern die menschliche Transformation der menschlichen TĂ€tigkeit mithilfe der Maschinen. Es geht nicht darum, die wöchentliche Arbeitszeit allmĂ€hlich oder sofort von 40 auf null Stunden zu reduzieren, wie es uns gewisse Pseudo-RevolutionĂ€re vorschlagen. Eine Welt, wo eine vollstĂ€ndig automatische Industrie eine unerschöpfliche Materie bearbeitet und sofort jede wĂŒnschenswerte und vorstellbare Sache liefern wĂŒrde, wĂŒrde den Menschen in ein Pflanzenstadium zurĂŒckwerfen. Es wĂ€re ein starres Universum ohne Abenteuer, denn alles was geschehen wĂŒrde, hĂ€tte im Vornhinein programmiert werden mĂŒssen.

UnabhĂ€ngig von seinem Glauben an die Wissenschaft ist dieser Mythos zutiefst kapitalistisch. Er betrachtet die Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit als vollendet und natĂŒrlich. Er will die Hölle der Produktion den Maschinen ĂŒberlassen und das Paradies des Konsums den menschlichen Wesen. Je nachdem, wie genau die Grenze festgelegt wĂŒrde, wĂŒrde das zu einem permanenten Ferienlager oder zur Verallgemeinerung des Fötuszustandes fĂŒhren.

Der Kommunismus bedeutet das Ende der Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit, zwischen Produktion und Konsum, zwischen Erlebtem und Experimentiertem.

Die Entlohnung

Das Verschwinden der Lohnarbeit genĂŒgt, um die Fundamente der alten Gesellschaft zu erschĂŒttern. Die Verpflichtung zur Arbeit um des Überlebens willens verschwindet. Die Arbeit wird kein Mittel mehr sein, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wird nicht mehr zwischen dem Menschen und seinen BedĂŒrfnissen vermitteln. Sie ist direkt Befriedigung eines BedĂŒrfnisses. Dadurch ist sie keine Arbeit mehr. Was zum Handeln drĂ€ngt, wird dem Individuum nicht mehr als Ă€ussere Notwendigkeit erscheinen und wird zu einer inneren Notwendigkeit: Wunsch nach BeschĂ€ftigung, Wille zur NĂŒtzlichkeit. Die Trennung von TĂ€tigkeit und Entlohnung, wenn man darunter nicht die Entlohnung durch das durch diese Arbeit konkret ausgelöste VergnĂŒgen versteht, muss einhergehen mit einer tiefen Transformation des Menschen. Sie verlangt Individuen, die Verantwortung tragen fĂŒr das, was sie unternehmen. Sie verlangt, dass sich die Initiative und die Intelligenz entwickeln und dass der Egoismus und die Kleinlichkeit verschwinden.

Es ist normal geworden, alle Übel der Menschheit mit der unverĂ€nderlichen menschlichen Natur zu erklĂ€ren. Es ist bekannt: Der Mensch ist ein Wolf fĂŒr den Menschen. Das erklĂ€rt nichts, aber es zeigt, inwiefern die menschlichen Wesen sich in Selbstverachtung suhlen. Es ist der Widerschein des vom Kapital entwickelten Fatalismus, der das menschliche Wesen auf die Rolle des Zuschauers seiner eigenen Entwicklung reduziert.

Die Aufrechterhaltung irgendeiner Art der Entlohnung wĂ€hrend einer Übergangsphase, wie Marx es vorschlug, in der Form einer Verteilung von Arbeitsgutscheinen proportional zu den geleisteten Arbeitsstunden, ist nicht wĂŒnschenswert. Wenn die Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte die kommunistische Revolution erlaubt, sie heute erlaubt, so darf diese nicht die vollstĂ€ndige Anwendung ihrer Prinzipien aufschieben. Ein System von Arbeitsgutscheinen, um damit fĂŒr die Arbeit zu bezahlen und somit zur Arbeit zu zwingen, wĂŒrde der spontanen Revolte der UnterdrĂŒckten, all jenen, welche sich erheben, ohne dass sie Macht, Geld oder eine Belohnung erwarten, nicht gerecht. Es hĂ€tte die Sympathie der BĂŒrokraten, der Verwalter, all jener, welche lieber kontrollieren und die anderen handeln lassen. Ein solches System wĂŒrde nur die Partisanen der Aktion im Zaum halten und wĂŒrde nicht reichen, um ihre Gegner anzutreiben. Wenn jemand gezwungen werden muss, etwas zu tun, bevorzugen wir die Methode des Trittes in den Arsch. Sie ist ehrlicher und effizienter.

Wir sind nicht bedingungslose Gegner der Nutzung der Arbeitsgutscheine. Es wĂ€re absurd, Diamanten frei zu verteilen! Die Gutscheine wĂŒrden in solchen FĂ€llen von den ermĂ€chtigten Behörden ausgestellt. Wenn es sich um GĂŒter mit einem Bezug zur Produktion handelt, wird der Gutschein von einem Fabrikrat ausgestellt werden. Wenn es sich um seltene oder gefĂ€hrliche Medikamente handelt, wird er von SpitĂ€lern oder Ärzten ausgestellt
 Diese Gutscheine werden nicht der Bezahlung dienen. Sie werden die gleiche Rolle spielen wie heutzutage eine Ă€rztliche Verordnung. Ihr Gebrauch wird von der Natur oder der Seltenheit der GĂŒter, gegen welche man sie „austauschen“ wird, bestimmt werden.

Die grösstmögliche Anzahl GĂŒter, besonders die Nahrung, muss frei und gratis sein, unter der Schirmherrschaft von revolutionĂ€ren Komitees und RĂ€ten in den von der Partei der Revolution kontrollierten Gebieten oder durch Zwangsmassnahmen in den nicht befreiten Gebieten. Es ist die einfachste, gĂŒnstigste und angenehmste Methode der Verteilung. Sie eignet sich am besten dafĂŒr, den Kommunismus populĂ€r zu machen. Es ist gescheiter, diese allgemeine Regel anzuwenden und dafĂŒr die MissbrĂ€uche sehr streng zu bestrafen, statt sich wĂ€hrend der Verteilung in pedantische und unangenehme Kontrollen festzufahren.

Die Faulheit

Wird ein solches Programm nicht zur Entwicklung der Faulheit anregen? Wenn man das Prinzip der Entlohnung der Arbeit abschaffen könnte und die Welt gleichzeitig so bleiben wĂŒrde, wie sie ist, dann freilich. Doch der Kommunismus verĂ€ndert alle Lebens- und Arbeitsbedingungen vollstĂ€ndig.

Der revolutionĂ€re Geist ist nicht der Geist der Aufopferung: Jeder vergisst sich selbst, um der Gemeinschaft zu dienen. Das ist Maoismus! Der Kommunismus setzt einen gewissen Altruismus, aber auch einen gewissen Egoismus voraus. Und v.a. setzt er nicht die NĂ€chsten- und die Selbstliebe einander entgegen, indem er verlangt, dass die eine im Dienste der anderen sei. Wir lieben die Pfaffen genauso wenig wie die Profiteure. Es ist der Kapitalismus, der verantwortlich dafĂŒr ist, dass das Interesse des Individuums und jenes der KollektivitĂ€t einander stets entgegengesetzt sind: Geben ist Verzicht.

Der kommunistische Mensch wird weder der verzichtende noch der fatalistische Mensch sein. Die Transformation der MentalitĂ€ten hĂ€ngt nicht von der PĂ€dagogik ab. Es wird kein Idealbild geben, welchem man sich anpassen sollte. Die Transformation der gesellschaftlichen Strukturen wird nicht dort und jene der Individuen da stattfinden. Der Kapitalismus trennt die Dinge auf diese Art und Weise. Das Proletariat wird nicht mehr entfremdet sein, doch das kann nur geschehen, wenn es die Welt und seine Existenzbedingungen verĂ€ndert. Einige Wochen Revolution werden Jahrzehnte der Konditionierung aufheben. Die NiedertrĂ€chtigkeit, der Geiz und die Dummheit sind Resultate eines gewissen gesellschaftlichen Zustandes. Das Zuckerbrot, die Peitsche oder die Bildung könnten nur dazu dienen, sie zu verdrĂ€ngen, wenn jene Situation, welche sie auslöst und ihnen eine gewisse NĂŒtzlichkeit gibt, nicht verschwindet. Mit dem Kommunismus werden diese Makel verschwinden, denn sie werden nutzlos geworden sein.

Auch wenn es Egoisten, unheilbar Faule und unrettbar UnfĂ€hige gĂ€be, so wĂ€re das nicht unbedingt sehr schlimm. Der mĂ€chtigste Feind dieser Leute ist nicht die Repression, sondern die Langeweile. Sie wird viele schlechte Willen brechen. Die Menschen sind Gesellschaftstiere. Sie brauchen viel Mut, um es auszuhalten, in der Gemeinschaft, in welcher sie leben, nutzlos zu sein. Schon heutzutage mĂŒssen der Parasit und der Egoist so tun, als ob, sowohl fĂŒr die anderen, als auch fĂŒr sie selbst. Wenn die Lohnarbeit abgeschafft ist, wird es sehr schwierig sein, Illusionen bezĂŒglich seiner TĂ€tigkeit zu nĂ€hren. Jeder wird nach dem beurteilt werden, was er wirklich machen wird, und nicht nach der investierten Zeit.

Der Kommunismus schliesst Zusammenstösse zwischen Leuten oder Gruppen nicht aus. Die Profiteure laufen Gefahr, dass man von ihnen verlangt, sich zu rechtfertigen. Wenn wir sie aushalten und nÀhren, dann, weil wir es wollen.

Die Kommunisten haben nichts gegen eine gesunde Faulheit. Die revolutionĂ€re Gesellschaft ist nicht dafĂŒr gemacht, dass man sich in ihr aufreibt. Die Faulen sind nur verwerflich, wenn sie von anderen verlangen, was sie sich selbst weigern, zu tun. Von den Mutigen wird nicht verlangt, dass sie alles mit Engelsgeduld ertragen, sondern dass sie nicht allen ihren persönlichen Geschmack aufzwingen!

Mit der Ersetzung der Zwangsarbeit durch die leidenschaftliche TĂ€tigkeit werden der grösste Teil der Ursachen fĂŒr eine systematische Faulheit verschwinden. Auch diese Irritation, die das Arbeitstier gegenĂŒber dem Nichtstuer verspĂŒrt und die hĂ€ufig nur kaschierter Neid ist, wird verschwinden.

Die Faulen von heute werden nicht unbedingt die Faulen von morgen sein. Gewisse, welche sich vom Streben nach Gewinn betrieben abmĂŒhen und erschöpfen, werden unser Wohlwollen brauchen. Andere, welche unfĂ€hig schienen, sich zu rĂŒhren, werden erwachen und sich entfesseln.

In der entwickelten kommunistischen Gesellschaft wird der Maschinenbetrieb dem Menschen viel Macht verleihen. Jeder wird seinen Lebensrhythmus wĂ€hlen können. Der eine wird sich in aufwĂ€ndigen Abenteuern erschöpfen und mehr ausgeben, als er der Gesellschaft im Gegenzug liefern wird. Der andere wird nicht viel tun und es wird jedoch die Gesellschaft sein, die in seiner Schuld stehen wird. Wir werden keine MilchbĂŒchleinrechnung erstellen.

Wenn das finanzielle Interesse mal verschwunden ist, wird dann nicht auch der Forschungs- und Erfindergeist verpuffen? Wird nicht jeder auf routinierte Art und Weise seinen kleinen Aufgaben nachgehen und nicht mehr? Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass das Streben nach Gewinn und der Forschungsgeist einhergehen. Der HĂ€ndler paktiert mit der LĂŒge und der Illusion. Der Wissenschaftler muss sie stets zurĂŒckdrĂ€ngen. Die Wissenschaft bringt etwas ein und die Erfindung lohnt sich, doch hĂ€ufig sind es nicht die gleichen, welche entdecken und einstecken. Sogar in der kapitalistischen Welt ist der Beweggrund fĂŒr die wissenschaftliche Leidenschaft nicht das Geld. Man vereinnahmt die KreativitĂ€t und die Vorstellungskraft, um Geld zu machen.

Die Verteilung der Aufgaben

Wenn sie nicht an der Faulheit scheitert, lĂ€uft unsere Gesellschaft nicht Gefahr, im Chaos zu versinken? Wenn der gute Wille auch allgemein ist, wird das reichen, um die Frage der Koordination der Gesamtheit der TĂ€tigkeiten zu regeln? Werden sich nicht alle auf die angenehme Arbeit stĂŒrzen und die andere vernachlĂ€ssigen, bevor die Maschinen Zeit gehabt hĂ€tten, sie zu ĂŒbernehmen? Kurz, jeder tut, was er will, und alle steuern auf die Katastrophe zu!

Die Idee, gemĂ€ss welcher die moderne Gesellschaft sehr komplex und dass diese KomplexitĂ€t unvermeidlich ist, ist sehr verbreitet. Sie ist nicht einfach eine Illusion. Das Individuum fĂŒhlt sich verloren im kapitalistischen Dschungel. Es schafft es nicht, sich selbst zurechtzufinden, und noch weniger, zu verstehen, wie die Gesamtheit funktioniert. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass dieser Eindruck in jeder modernen Gesellschaft gĂŒltig ist. Sie entsteht nicht notwendigerweise aufgrund einer Vielzahl die gesellschaftliche Gesamtheit konstituierender Operationen und Situationen. Sie entsteht aufgrund der Entfernung zwischen Entscheidung und Koordination einerseits, der AusfĂŒhrung andererseits.

Dieser Eindruck der KomplexitĂ€t und der permanenten Verirrung, welcher die kapitalistische Gesellschaft auslöst, hat sich auch auf die Beschreibungen einer sozialistischen Welt ausgewirkt. Man glaubt mittlerweile, dass das hauptsĂ€chlich zu lösende Problem in der kĂŒnftigen Gesellschaft jenes der Planung und der Koordination sei. Man hat sich eine „Fabrik des Plans“ vorgestellt, die dafĂŒr verantwortlich wĂ€re, den Zustand der Wirtschaft zahlenmĂ€ssig zu erfassen, die technischen Koeffizienten zu bestimmen, welche die Produktion eines Produkts mit der Produktion eines anderen Produkts verbinden: die notwendige Menge Kohle, um eine Tonne Stahl zu produzieren z.B. Diese Fabrik wĂŒrde realisierbare Ziele festlegen und sich um die im Verlauf der AusfĂŒhrung notwendigen ÜberprĂŒfungen kĂŒmmern. Die Probleme der kĂŒnftigen Gesellschaft werden hauptsĂ€chlich unter dem Gesichtspunkt der Verwaltung betrachtet [2].

Die kommunistische Gesellschaft wird sehr wohl komplexe technische Probleme zu lösen haben. Nur werden diese Fragen nicht von einer besonderen Instanz abhĂ€ngig sein. Es ist sinnlos, versuchen zu wollen, die Formen, welche die menschliche TĂ€tigkeit annehmen wird, vorherzusagen, es geht darum, ihren Inhalt zu bestimmen. Es wird nicht nötig sein, das zu vereinen oder zu verwalten, was nicht getrennt ist. Der spezifische Produzent wird sich sowohl um seine TĂ€tigkeit kĂŒmmern, als auch um ihre Verbindung mit der Gesamtheit der allgemeinen BedĂŒrfnisse und Möglichkeiten.

In der revolutionĂ€ren Gesellschaft werden die Beziehungen zwischen den Menschen und Gruppen der Produzenten simpel und transparent sein. Die zur Geheimhaltung verpflichtende Angst vor der Konkurrenz wird verschwunden sein. Es ist unbedeutend, ob jeder Zugang zur universellen Wissenschaft haben und ob jedes Gehirn eine „Fabrik des Plans“ in Miniaturform sein wird. Was nĂŒtzt es schon, dass ich weiss, woher das Erz kommt, aus welchem man meine Gabel gemacht hat? Was zĂ€hlt, ist die Tatsache, dass die notwendigen Informationen zirkulieren und verfĂŒgbar sind.

In einer flĂŒssigen Gesellschaft, wo der Lokal- und Wirtschaftspatriotismus verschwunden sein wird, wo die Leute vielseitig sein werden, werden sich die Individuen und die Gruppen an den BedĂŒrfnissen der Gesellschaft orientieren.

Die gesellschaftlichen Notwendigkeiten werden nicht von aussen durch ein zentrales BĂŒro festgelegt werden, weder von einem diktatorischen Komitee noch von einer demokratischen Versammlung. Das Individuum oder die Gruppe wird sich nicht dem Bewusstsein ĂŒber die Situation fĂŒgen, wenn man sich dieses Bewusstsein als einfachen Widerschein Ă€usserer Imperative vorstellt. Wir werden natĂŒrlich gemĂ€ss unserem Bewusstsein betreffend der gesellschaftlichen BedĂŒrfnisse und Möglichkeiten handeln, aber nicht unabhĂ€ngig von unserem eigenen Geschmack. HĂ€ufig werden Kompromisse nicht nötig sein. Man empfindet als gesellschaftliches BedĂŒrfnis allen voran seine eigenen Bestrebungen. Man ist eher versucht, das zu lösen, was man als einen Makel wahrnimmt. Wenn ich MĂŒhe habe, mir Wein zu beschaffen und er mir fehlt, werde ich mich nicht unbedingt ĂŒber die Produktionskurve mithilfe eines Computers informieren mĂŒssen, um herauszufinden, dass man sich vielleicht um die Weinberge kĂŒmmern sollte!

Der kommunistische Mensch wird die Befriedigung seines Geschmacks nicht von ihrer gesellschaftlichen Wirkung trennen. Er wird sich nicht auf Aufgaben stĂŒrzen, wenn sich schon jemand darum kĂŒmmert. Es wĂ€re sowieso dumm, zu glauben, dass alle gleich sein und je nach Mode den gleichen BeschĂ€ftigungen nachgehen werden.

Das Bewusstsein darĂŒber, was fĂŒr die Gesellschaft notwendig sein wird, wird viel schĂ€rfer sein als jetzt. Alle werden sich informieren können und fĂ€hig sein, zu verstehen, was funktioniert und was nicht funktioniert, auch wenn das nicht direkte Auswirkungen auf jeden hat. Die Computer werden wesentliche Werkzeuge fĂŒr die Zirkulation und die Interpretation der Informationen sein.

Die allgemeine Organisation der Gesellschaft benötigt weder ein leitendes Zentrum noch mehrere davon. Es wird vielleicht Leute geben, die sich besonders darum kĂŒmmern werden, Informationen zu sammeln, vorherzusehen, doch sie werden keinen Plan im imperativen Sinne des Begriffes ausarbeiten mĂŒssen. Planen bedeutet, die Zukunft in die Ketten der Gegenwart zu legen!

Die Koordination darf nicht von einer gegebenen Kaste ĂŒbernommen werden. Sie wird kontinuierlich und auf allen Ebenen der Gesellschaft erfolgen. Da die Menschen nicht mehr von tausend Schranken getrennt sein werden, werden sie sich spontan absprechen.

Alles wird nicht unbedingt reibungslos ablaufen. Konflikte werden unvermeidlich sein. Doch das Problem der Revolution ist es nicht, die Gesellschaft jeglicher Konflikte zu entledigen und eine Gesellschaft aufzubauen, wo alles im Vornhinein harmonisiert ist. Gewisse Konfliktformen werden natĂŒrlich verschwinden, jene zwischen den Klassen, den Nationen
 In der Welt, die wir wollen, haben die GegensĂ€tze gleich viel Platz wie das Einvernehmen. Die Harmonisierung und das Gleichgewicht werden mithilfe von Debatten und Streiten erarbeitet.

Der grundlegende Unterschied im Vergleich zur gegenwĂ€rtigen Situation ist die Tatsache, dass jeder sich nur mit seinen eigenen KrĂ€ften in die Schlacht einbringen wird. Es wird nicht möglich sein, irgendwelche abstrakten Rechte zu erwĂ€hnen, die von den konkreten GegensĂ€tzen und KrĂ€fteverhĂ€ltnissen losgelöst sind. Das ZurĂŒckgreifen auf ein Spezialkorps wie die Armee oder die Polizei zur Durchsetzung des Rechts wird nicht mehr möglich sein.

Der Kommunismus wird aus dem Konflikt eine normale und gar notwendige Sache machen, unter der Bedingung natĂŒrlich, dass die Bedeutung des Streitgegenstandes auf der Höhe der damit ausgelösten SchĂ€den ist. Der Kapitalismus ist zutiefst konfliktreich. Er basiert auf dem Gegensatz der Klassen, Nationen und Individuen. Alle stehen im Gegensatz zu allen. Um diese RealitĂ€t zu bannen, predigt man die selige Liebe und die BrĂŒderlichkeit. Überall versteckte AggressivitĂ€t, doch das Bild des Friedens muss vorherrschen. Sollte es vorkommen, dass man sich gegenseitig abschlachtet, so ist es nicht im Namen besonderer Interessen, sondern im Namen der Zivilisation, der universellen Werte usw.

Laufen wir nicht Gefahr, viel Zeit mit GeschwĂ€tz und Konflikten zu verlieren? Indem wir die Koordinations- und Anpassungsprobleme auf jene Ebene zurĂŒckfĂŒhren, wo sie sich befinden, wĂŒrden wir wohl eher Zeit gewinnen. Die Idee, dass Zeit eine Sache ist, die verloren oder gewonnen werden kann, ist an sich ziemlich erstaunlich.

Vom kommunistischen Standpunkt aus kann das Problem nicht mit der Tatsache zusammengefasst werden, welche Methode am meisten Zeit spart. Was wichtig ist, ist die Art und Weise, wie wir diese Zeit ausfĂŒllen werden. Werden wir Freude und Interesse haben an der Diskussion und der Harmonisierung oder werden wir es bevorzugen, uns damit zu begnĂŒgen, ohne Diskussion die Entscheide eines leitenden Komitees anzuwenden, das die Abwesenheit von Zusammenstössen programmiert haben wird? Die Menschen werden wieder lernen, auf vergnĂŒgliche Art und Weise miteinander zu sprechen und zu polemisieren. Die langatmigen Diskussionen werden durch die Langeweile der Diskussionsteilnehmer, aber auch durch die einfache Tatsache begrenzt werden, dass alles nicht immer wieder neu diskutiert werden muss. Wir werden uns auf vergangene Erfahrung stĂŒtzen können.

Die mĂŒhsamen Arbeiten

Es gibt wirklich mĂŒhsame und unangenehme Aufgaben. Wir können hoffen, dass wir sie dank dem Maschinenbetrieb beschrĂ€nken können, doch wir werden uns sehr wohl zuvor darum kĂŒmmern mĂŒssen und alles wird nicht unbedingt zum Verschwinden gebracht werden können.

Es wĂ€re inakzeptabel und wĂŒrde gewiss von den Betroffenen nicht akzeptiert werden, dass diese undankbaren Arbeiten immer von den gleichen Leuten ausgefĂŒhrt werden. Es wird also nötig sein, uns zu organisieren, damit eine grösstmögliche Anzahl an Leuten sich abwechselnd darum kĂŒmmert. Es wird sekundĂ€r sein, dass wir damit an RentabilitĂ€t verlieren.

In einer Fabrik oder einem anderen Ort der Produktion wird es einfach sein, sich an den unangenehmen Posten abzuwechseln.

Auf der Ebene der Gesamtheit der Gesellschaft kann man verlangen, dass diese unangenehmen Aufgaben abwechselnd von verschiedenen Leuten ausgefĂŒhrt werden. Wir werden einen gewissen Teil des Jahres im Dienste der MĂŒllabfuhr stehen.

MĂŒhsame Arbeiten sind es viel weniger, wenn sie die VerlĂ€ngerung angenehmer TĂ€tigkeiten und ihr Preis sind. Heutzutage sind die Arbeiten extrem parzelliert und die Notwendigkeiten der „rationalen“ Nutzung der Arbeitskraft verlangen, dass man das tut, wofĂŒr man qualifiziert ist, den Rest ĂŒberlĂ€sst man den anderen. In der kommunistischen Gesellschaft wird der Forscher sich auch darum kĂŒmmern können, seine RĂ€umlichkeiten zu putzen, der Autofahrer wird sich an der Asphaltierung der Strassen beteiligen und die Toten werden am besten geeignet sein, um sich darum zu kĂŒmmern, ihr Grab zu graben.

Die unangenehmen TĂ€tigkeiten werden es viel weniger sein, wenn jene, welche sich darum kĂŒmmern, ihnen nur eine kurze Zeit ihres Lebens widmen und nicht wie heutzutage den Eindruck haben, ihr ganzes Leben daran angekettet zu sein. Diese TĂ€tigkeiten können v.a. in einer ganz anderen AtmosphĂ€re ablaufen als heute: keine kleinen Chefs mehr, keine Obsession mehr fĂŒr die Arbeitsleistung. Die MĂŒllabfuhr könnte z.B. die Form eines Karnevals annehmen.

Viele mĂŒhsame TĂ€tigkeiten werden mĂŒhsam, nicht aufgrund ihrer eigentlichen Eigenschaft, sondern aufgrund der Tatsache, dass man sie im Namen der Rationalisierung der Arbeit serienmĂ€ssig von den gleichen Leuten ausfĂŒhren lĂ€sst.

Diese Transformationen des Rhythmus, der Aufteilung und des Wesens der Arbeit selbst werden natĂŒrlich nicht im Vornhinein programmiert werden und einfach vom Himmel fallen. Sie entstehen spontan, je nach den WĂŒnschen der betroffenen Leute. Wenn einer auf einer Baustelle leidenschaftlich gern die Schubkarre fĂ€hrt oder von einer anderen, wenig geschĂ€tzten Arbeit begeistert ist, wĂ€re es offensichtlich absurd, ihm seine Leidenschaften zu verweigern.

Wir sind nicht Fanatiker der Gleichheit. Es wĂ€re bescheuert, dass wir, obwohl es an Chirurgen mangelt, sie dazu zu zwingen, die Arbeit der PflegekrĂ€fte zu verrichten. Diese Art der Ungleichheit kann nur durch die Entwicklung der Vielseitigkeit und der Umschulung der Leute hin zu wahrhaft nĂŒtzlichen Sektoren ausgeglichen werden.

Das Ende der Trennungen

Der Kommunismus bedeutet das Ende der Trennungen, die unser Leben unterteilen.

Das berufliche und das affektive Leben werden nicht mehr voneinander getrennt sein. Es gibt nicht mehr eine Zeit fĂŒr den Konsum und eine fĂŒr die Produktion. Die Schulen, die ProduktionsstĂ€tten, die Freizeitzentren werden nicht mehr unterschiedliche und einander fremde Universen sein. Sie verschwinden allmĂ€hlich mit dem Verschwinden ihrer spezialisierten Funktion. Innerhalb des Produktionsprozesses werden die Hierarchisierung und die Unterteilung der menschlichen TĂ€tigkeit verschwinden. Es wird das Ende dieser Situation sein, wo der Arbeiter der AusfĂŒhrende des Zeichners, der Zeichner der AusfĂŒhrende des Ingenieurs, der Ingenieur der AusfĂŒhrende der Finanz oder der Verwaltung ist.

Die Vollendung dieser Transformationen wird eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Man kann nicht einfach so den Rahmen unserer Leben, eine gewisse Art der technologischen Entwicklung, menschliche Gewohnheiten und SchwÀchen wegwischen. Massnahmen, die in diese Richtung gehen, werden durchgesetzt werden und Wirkung zeigen, sobald die Warenproduktion und die Lohnarbeit abgeschafft sind.

Die Trennung zwischen dem beruflichen Leben einerseits und dem eigentlichen und familiĂ€ren Leben andererseits ist mit der Entwicklung der Lohnarbeit verbunden. Der Bauer ist seinem Land und seiner Familie entrissen worden, um ins industrielle Universum integriert zu werden. FrĂŒher war die Familie die Einheit des Lebens und der Produktion. Der Mann und die Frau, aber auch die Kinder und die Alten beteiligten sich an den Arbeiten im Stall und auf den Feldern. Jeder fand nĂŒtzliche TĂ€tigkeiten, die dem Niveau seiner KrĂ€fte entsprachen.

Die ReaktionĂ€re lieben es, sich als die Verteidiger der bedrohten Familie zu inszenieren. Diese Dummköpfe verweigern sich der Konfrontation mit der Tatsache, dass die Familie eben genau von jener Ordnung auf ihre marginale Rolle reduziert worden ist, welche sie verteidigen. Die Verwandtschaftsbeziehungen waren auf landwirtschaftlicher Ebene Beziehungen der gegenseitigen Hilfe. Sie gingen weit ĂŒber das Paar und seine direkten Nachkommen hinaus. Heutzutage ist die Familie nur noch die ProduktionsstĂ€tte fĂŒr Kinder. Noch schlimmer! Ihre wirtschaftliche Rolle ist jene einer Einheit des Konsums, die Zelle der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft ist nicht die Familie, sondern das Unternehmen.

Wir wollen nicht die alte patriarchale Familie neu aufbauen, damit sie die Produktion an Stelle des kapitalistischen Unternehmens garantiert. Die Blutsverwandtschaft mag in der Vergangenheit eine wichtige Rolle gespielt haben. Sie ist in der modernen Welt ziemlich bedeutungslos geworden.

In einer kommunistischen Gesellschaft werden die Leute zur AusfĂŒhrung einer produktiven oder unproduktiven TĂ€tigkeit nicht mehr durch den Zwang des Kapitals zusammengebracht. Sie werden sich aufgrund ihres gemeinsamen Geschmackes oder ihrer AffinitĂ€t zusammenschliessen und vereinen. Die Beziehungen zwischen den Leuten werden nicht minder bedeutend sein als die Produktion selbst.

Wir behaupten nicht, dass die eigentlichen Liebesbeziehungen einerseits und die beruflichen Beziehungen andererseits zusammenfallen werden. Das wird von Entscheidungen und dem Zufall abhÀngen. Doch es wird viel eher denkbar sein als heutzutage.

Einige wollen im Kommunismus die Kollektivierung der Frauen und Kinder sehen. Das ist eine Dummheit.

Die Liebesbeziehungen werden keine andere Garantie mehr haben als die Liebe. Die Kinder werden nicht mehr aufgrund der Notwendigkeit der ErnĂ€hrung von ihren Eltern abhĂ€ngig sein. Das GefĂŒhl fĂŒr Eigentum gegenĂŒber Personen wird parallel mit jenem fĂŒr die Dinge verschwinden. Das ist es, was sehr beunruhigend ist fĂŒr jene, welche sich nicht vorstellen können, ohne die Garantie des Polizisten oder des Priesters zu leben. Die Ehe als staatliches Sakrament wird verschwinden. Die Frage, ob zwei, drei oder zehn Personen zusammenleben und ihre Verbindung gar in einem Pakt formalisieren wollen, geht nur sie etwas an. Wir sollten nicht im Vornhinein die möglichen und wĂŒnschbaren Formen der sexuellen Beziehungen bestimmen und beschrĂ€nken. Es gibt keinen Grund, die Keuschheit abzulehnen. Sie ist nicht minder eine achtbare Perversion als alle anderen! Was, neben dem VergnĂŒgen und der Befriedigung der Partner, wichtig ist, ist die Tatsache, dass die Kinder in einem Milieu aufwachsen, das ihr BedĂŒrfnis nach materieller und affektiver Sicherheit befriedigen kann. Das ist nicht eine Frage der Moral.

In den Resten einer von der Ware verdorbenen Familie herrscht die Heuchelei vor. Man schreibt der Liebe zu, was eigentlich nur wirtschaftliche, affektive und sexuelle Sicherheit ist. Die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern haben den Punkt des tiefsten Zerfalls erreicht. Unter dem Schleier der Zuneigung ist der Wille zur Ausbeutung ein Echo auf den Wunsch nach Besitz. Das Kind trĂ€gt die Hoffnungen seiner Eltern, die im Leben gescheitert sind, wie eine BĂŒrde. Es muss so tun, als ob es die Weisheit mit Löffeln gefressen hĂ€tte, Erfolg haben in der Schule, sich brav und ruhig oder aktiv und voller Initiative zeigen. Im Gegenzug erhĂ€lt es ein bisschen Zuneigung oder Taschengeld.

Genau wie die Familie, der Hafen der StabilitĂ€t und der Liebe in einer harten und feindlichen Welt, der Wirklichkeit der Warenwelt nicht entfliehen kann, kann sich auch das Unternehmen nicht der Zuneigung entledigen. Die scheinbare Freundlichkeit und der Handschlag verstecken die Verachtung, die RivalitĂ€t und die Ausbeutung. Alle sind schön und nett, alle fĂŒhren den Dialog, aber allen voran gehen alle allen auf den Keks.

Produktion und Konsum

Die Trennung zwischen Produktion und Konsum erscheint als eine natĂŒrliche Unterteilung zwischen zwei sehr verschiedenen SphĂ€ren des gesellschaftlichen Lebens. Nichts könnte falscher sein. Und das in doppelter Hinsicht.

Erstens ist die Grenze zwischen dem, was man Zeit der Produktion, und dem, was man Zeit des Konsums nennt, von einem historischen Standpunkt aus instabil und von einem ideologischen Standpunkt aus vage. In welche Kategorie gehören das Kochen oder der Sport? Es hÀngt davon ab, ob sie von Profis oder Amateuren betrieben werden. Was bestimmend ist, ist nicht das eigentliche Wesen der TÀtigkeit: Das Kochen ist insofern produktiver als das Sortieren der Post, als dass es eine Handlung der manuellen Transformation darstellt, und nicht weil es bezahlt ist oder nicht.

Viele TĂ€tigkeiten, die Teil des Konsums waren, sind nun Teil der Produktion. Der Astronaut oder der Kranke, die Sauerstoff aus der Flasche einatmen, die Hausfrau, die sich gemahlenen Kaffee oder Konservendosen kauft, sind Teil dieser Grenzverschiebung.

Die Spaltung zwischen Produktion und Konsum kaschiert die Bedeutung, welche die nicht entlohnte Hausarbeit in der modernen Welt immer noch hat. Sie gibt einer Abgrenzung einen festen und natĂŒrlichen Anschein, obwohl sie beweglich und gesellschaftlich ist.

Zweitens ist jeder Akt der Produktion auch und zwingend ein Akt des Konsums. Man transformiert schlichtweg eine Materie auf eine gewisse Weise und fĂŒr ein gewisses Ziel. WĂ€hrend man gewisse Dinge zerstört oder, wenn man so will, konsumiert, erhĂ€lt man, oder, wenn man so will, produziert man andere Dinge. Der Konsum ist produktiv, die Produktion konsumiert. Produktion und Konsum sind die beiden unzertrennbaren Seiten einer Medaille.

Die Konzepte der Produktion und des Konsums sind nicht neutral. Man kann nicht sagen, dass sie bĂŒrgerlich sind. Doch die bĂŒrgerliche Gesellschaft benutzt sie auf eine gewisse Art und Weise. Ein Birnbaum ist nicht bĂŒrgerlich, weil er Birnen produziert. Der Begriff der Produktion bekommt einen ideologischen Charakter, weil man die Idee der Erzeugung und der Abspaltung mit jener des Projekts und des Bewusstseins verbindet. Man unterhĂ€lt die Verwirrung zwischen den beiden Dingen. Alles wird letztendlich in den Begriffen der Produktion interpretiert. Ein Huhn wird zu einer Eierfabrik.

Man kaschiert die KontinuitĂ€t des Zyklus, durch welchen der primitive oder zivilisierte, kapitalistische oder kommunistische Mensch auf einfache oder gelehrte, individuelle oder kollektive, unumkehrbare oder flĂŒchtige Art und Weise grossflĂ€chig oder im Detail die Welt um ihn herum modifiziert und dabei unweigerlich sich selbst transformiert. Der totalitĂ€re Gebrauch des Begriffes der Produktion kaschiert die Eingliederung und die radikale AbhĂ€ngigkeit des menschlichen Wesens hinsichtlich seiner Umwelt und der Naturgesetze. Man interpretiert alles in Begriffen der Herrschaft und des Gebrauches. Der produzierende Mensch, selbstbewusst und diszipliniert, bricht auf zur Eroberung der Natur. Die Allmacht, welche die Menschheit dem Bild Gottes verliehen hatte, verleiht sie nun dem Bild ihrer selbst. Der Kommunismus ist nicht der Sieg des Bewusstseins ĂŒber die Unbewusstheit. Er ist nicht das Stadium, wo der Mensch, nachdem er sich der Produktion von Dingen gewidmet hatte, sich endlich selbst hervorbringen und damit gewissermassen den göttlichen Schöpfer ablösen kann. Der Wille, dass der Mensch sein eigener Herr wird wie er der Herr ĂŒber das Ding ist, das er fabriziert, ist gleichbedeutend mit dem Willen, das Getrennte unter dem Zeichen der Produktion vereinen zu wollen, d.h. unter jenem der Trennung. Der Produzent wĂ€re weiterhin ein Ding, aber er wĂ€re nun sein eigenes Ding.

Die Spaltung zwischen Produktion und Konsum verschwindet, weil die sehr konkrete aber, vom Standpunkt der Natur und der Physiologie aus, willkĂŒrliche Trennung zwischen jener Zeit verschwindet, wĂ€hrend welcher man Geld verdient, und jener, wĂ€hrend welcher man es ausgibt.

FĂŒr den kommunistischen Menschen werden Konsum und Produktion keine GegensĂ€tze sein, weil es kein Gegensatz mehr sein wird, sich um sich selbst oder um Andere zu kĂŒmmern. Das, weil er, indem er fĂŒr Andere produziert, seine KrĂ€fte fĂŒr Andere verausgabt, Gebrauchswerte erschafft, die auch ihm nĂŒtzlich sein können. Wir werden nicht einerseits Schuhe produzieren, damit wir sie andererseits auf dem Markt kaufen gehen mĂŒssen. Die Produktion wird sich v.a. transformieren und wird Kreation, Poesie, Verausgabung. Die Gruppe oder das Individuum wird sich durch das ausdrĂŒcken, was sie oder es tun wird. DiesbezĂŒglich ist die Revolution gleichbedeutend mit der Verallgemeinerung der Kunst und ihrer Überwindung als wirtschaftlicher und getrennter Sektor.

Wenn wir weiterhin in Begriffen des Gegensatzes zwischen Konsum und Produktion rĂ€sonieren wollen, kann man sagen, dass der Mensch, da er im Verlauf seiner produzierenden TĂ€tigkeit Befriedigung und VergnĂŒgen (oder im Gegenteil Unzufriedenheit und Verdruss) verspĂŒren wird, nach der Revolution Konsument sein wird. Der von ihm benutzte Computer oder die von ihm benutzte Kelle wird nicht einen grundlegend unterschiedlichen Wert haben, als das von ihm benutzte Auto oder die von ihm konsumierte Nahrung zu einem anderen Zeitpunkt.

Der Kommunismus bedeutet nicht, dass die Produktion endlich in den Dienst des Konsumenten gestellt wird, genau so wenig wie der Kapitalismus ĂŒbrigens die Diktatur der Produktion ist. Indem man sich einer TĂ€tigkeit widmet, wird man eine gewisse Macht erlangen. Bis zu einem gewissen Punkt wird man ĂŒber die FrĂŒchte seiner BemĂŒhungen verfĂŒgen können, geben können, was man produziert hat, oder auch nicht. Indem man v.a. diesen oder jenen Dienst anbietet und sie diese eine besondere Form annehmen, beeinflusst man das Feld der Möglichkeiten der Gesellschaft. Die TĂ€tigkeit der Nutzer wird von jener der Produzenten bestimmt werden. Es gibt keinen Grund, weshalb diese eine Macht missbrauchen sollten, die ohnehin nicht eine politische oder getrennte Macht sein wird, sondern der einfache Ausdruck der NĂŒtzlichkeit ihrer BeschĂ€ftigungen.

Der „Konsument“ wird dem Produzenten nicht mehr die Mangelhaftigkeit seines Produkts im Namen jenes Geldes vorwerfen können, das er ihm im Gegenzug nicht geben wird, sondern ihn einfach von innerhalb kritisieren können, nicht mehr von ausserhalb. Was auf dem Spiel steht, ist ihr gemeinsames Werk, falls sie an der gleichen Unternehmung beteiligt sind. Wenn jemand nicht zufrieden ist mit dem, was gemacht oder nicht gemacht wird, wird er sich nicht auf sein abstraktes Recht als Konsument berufen können. Er wird sich nur auf seine eigene FĂ€higkeit berufen können, es besser zu können, oder sonst argumentieren, wieso man auf seine RatschlĂ€ge hören sollte. Die Kritik wird leidenschaftlich und positiv sein. Sie wird nicht von jenen kommen können, welche sich gerne lustig machen, aber sich lieber nicht engagieren.

Produktion und Bildung

Die Trennung zwischen produktivem Leben einerseits und Bildung andererseits ist nicht das Produkt einer Notwendigkeit. Sie findet ihre Daseinsberechtigung nicht in einer steigenden Bedeutung des zu paukendem Wissen. Oder eher doch, aber wir mĂŒssen somit verstehen, wieso es notwendig ist, dass das Wissen nicht mehr das direkte Produkt der Erfahrung ist.

Die Grundlage dieser Trennung ist die Tatsache, dass der Proletarier sich, wĂ€hrend er produziert, nicht um sich selbst, sein VergnĂŒgen oder seine Bildung kĂŒmmern darf. Diese fĂŒr das Überleben der Wirtschaftswelt wesentliche Trennung kostet sehr viel. Sie fĂŒhrt zur Immobilisierung eines bedeutenden Teils der Gesellschaft in den Schulen, den Berufsbildungszentren und den UniversitĂ€ten, obwohl diese Leute woanders nĂŒtzlich sein und sich besser unterhalten könnten. Sie erlaubt keine gute Anpassung der menschlichen FĂ€higkeiten an den Bedarf der auszufĂŒhrenden TĂ€tigkeiten. Diese isolierte Ausbildung wird hĂ€ufig durch einen spontanen Lernprozess komplettiert, der oft heimlich geschieht.

Die Schule wird hĂ€ufig als öffentlicher Dienst jenseits der gesellschaftlichen Klassen prĂ€sentiert. Ihre NĂŒtzlichkeit sei unbestreitbar. Wer wĂŒrde es wagen, die Unwissenheit zu predigen? Gebildete Geister wagen es, den Inhalt des Unterrichts zu kritisieren. Sie werfen ihm vor, archaisch, vom Leben getrennt oder ein Faktor der Subversion zu sein. Je nach Geschmack sollten die Kinder lernen, die Heiligen Evangelien, das Kommunistische Manifest oder Kamasutra zu lesen!

Extremisten greifen nun die Schule selbst an. Nicht im Namen ihrer verhÀngnisvollen Effizienz, sondern im Namen ihrer Ineffizienz. Man greift die Schule an, um die PÀdagogik besser retten zu können.

Wir sollen lernen und nicht als lernen. Diesen wÀssrigen Brei gierig verschlingen, den man Kultur nennt. Die Welt ist so komplex! Das versteht ihr nicht? Dann lasst euch umschulen.

Nie haben die Leute so viel gelernt wie heute, nie waren sie unwissender ĂŒber ihr eigenes Leben. Sie sind ĂŒberflutet und betĂ€ubt von der Masse von der UniversitĂ€t, den Zeitungen und dem Fernsehen ausgeschĂŒtteter Informationen. Die Wahrheit wird nie ein Produkt der Akkumulation der Ware Wissen sein. Es ist ein totes Wissen, das unfĂ€hig ist, das Leben zu verstehen, da ihr tiefes Wesen eben gerade darin besteht, sich von der Erfahrung und dem Erleben losgelöst zu haben.

Die Schule ist der Ort, wo man lesen, schreiben und rechnen lernt. Doch die Schule lehrt allen voran den Verzicht. Man lernt, die Langeweile auszuhalten, die AutoritĂ€t zu respektieren, zu Lasten der Freunde Erfolg zu haben, zu heucheln und zu lĂŒgen. Man opfert dort die Gegenwart auf dem Altar der Zukunft.

Der Kommunismus ist gleichbedeutend mit der Dekolonisation der Kindheit. Es wird keine besondere Institution mehr brauchen, um die Kinder auszubilden. Ist man beunruhigt darĂŒber, wie die Kinder lesen lernen werden? Niemand ist hingegen beunruhigt darĂŒber, wie sie sprechen lernen.

Die Schule trennt die BemĂŒhung oder das Lernen von ihrer NĂŒtzlichkeit und propagiert diese Trennung. Es ist wichtig, dass das Kind lesen lernt, weil man es lernen muss, nicht um seine Neugierde oder seine Liebe fĂŒr die BĂŒcher zu befriedigen. Das widersprĂŒchliche Resultat davon ist die Tatsache, dass sie gleichzeitig den Analphabetismus reduziert und jegliche Freude am Lesen und die FĂ€higkeit dazu bei den meisten Leuten abgewĂŒrgt hat. In der kommunistischen Gesellschaft wird das Kind lesen und schreiben lernen, weil es den Drang hat, sich zu bilden und auszudrĂŒcken. Die kindliche Welt wird nicht mehr vom Rest des gesellschaftlichen Lebens getrennt sein, es wird fĂŒr das Kind zwingend notwendig sein, zu lernen. Es wird es genauso natĂŒrlich tun, wie es laufen oder sprechen lernt. Es wird es nicht nur aus eigener Kraft tun. Eltern oder gebildetere Ă€ltere Leute werden es unterstĂŒtzten. Die dabei auftretenden Schwierigkeiten werden ihm nĂŒtzlich sein. Indem es sie ĂŒberwindet, lernt es, zu lernen. Da es das Wissen nicht mehr vorgekaut aus der Hand eines Lehrers erhĂ€lt, wird es die Gewohnheit entwickeln, zu sehen und zu hören, es wird fĂ€hig sein, Wissen ausgehend von seiner Erfahrung aufzubauen und daraus SchlĂŒsse zu ziehen. Es wird die Rache des Lebens ĂŒber das schulische oder ausserschulische Programm der menschlichen Wesen sein.

Die Menschen werden ihre Erfahrungen teilen und einander ihre Kenntnisse kommunizieren. Ort und Zeit werden sie selbst bestimmen. Die Form der Beziehung wird nicht im Vornhinein bestimmt sein. Sie wird vom Inhalt des Austausches und dem gegenseitigen Wissen der interessierten Personen ĂŒber das betroffene Thema abhĂ€ngen. Auch wenn es den Fanatikern der PĂ€dagogik nicht gefĂ€llt, wenn 10 oder 10‘000 Individuen wissen wollen, was ein Individuum weiss, wird es vielleicht am einfachsten sein, das Meisterseminar neu zu erfinden.

Das moderne Interesse fĂŒr die PĂ€dagogik drĂŒckt die Tatsache aus, dass sich die Methode nicht ausgehend von einem bestimmten Inhalt durchsetzt. Wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, wenn der Inhalt des Unterrichts austauschbar geworden ist, diskutiert man ĂŒber die Art und Weise, es zu sagen. Wenn die Suppe schlecht ist, interessiert man sich fĂŒr den Anschein des Tellers.

Was wĂŒrde in der Welt der kapitalistischen Produktion geschehen, wenn die Arbeiter wirklich das Recht hĂ€tten, zu experimentieren, und nicht mehr in Bezug auf ihre unmittelbare RentabilitĂ€t beurteilt wĂŒrden? Sie wĂŒrden wohl sehr schnell vergessen, wieso man sie angestellt hat. Sie wĂŒrden experimentieren und versuchen, versuchen und experimentieren. Da ihnen die Produktion egal ist, wĂŒrden sie wohl schnell die Effizienz zugunsten ihres VergnĂŒgens aufgeben. Die Freude der Entdeckung und der Rausch der Freiheit wĂŒrden an die Stelle der Routine und der Wiederholung treten. Die sich entwickelnden Kontakte zwischen den Arbeitern unter dem Vorwand der Verbesserung der Produktion durch den Austausch der Erfahrungen wĂŒrden Gefahr laufen, einen anderen Weg einzuschlagen. Wieso sollten wir nicht der berauschenden Freude der kollektiven Sabotage nachgeben, wieso sollten wir nicht Spiele organisieren, wieso sollten wir die Produktion nicht in Wegen neu organisieren oder umleiten, die direkt zugunsten der Arbeiter sind?

Das Prinzip der Lohnarbeit verhindert es, dass man den Arbeitern vertrauen kann, sich Notwendigkeiten unterzuordnen, die sie nicht betreffen. Jene Lohnarbeiter, welche am meisten entfremdet sind, am meisten arbeiten, sich am meisten unterordnen, könnten in dieser ungemĂŒtlichen Situation vielleicht nicht einmal davon profitieren. Man kann es nicht zulassen, dass ein Arbeiter wĂ€hrend dem Verlauf der Produktion ĂŒber sich selbst verfĂŒgt. Ein Werkzeug muss als Werkzeug behandelt werden. Wenn man ihn um sich selbst kĂŒmmern lĂ€sst, wird er Freude daran finden und sich gegen das ihn als menschliches Wesen negierende Kapital erheben.

Die kapitalistische Trennung zwischen Produktion und Ausbildung hat Grenzen.

Es ist unmöglich, die Produktion, die Bildung und die Experimentierfreude komplett voneinander zu trennen. Die Produktion, die dĂŒmmste Arbeit verlangt eine gewisse Anpassung des Arbeiters und die FĂ€higkeit, einer unvorhersehbaren Situation zu begegnen. Genau wie die abstrakteste Bildung sich hinsichtlich gewisser „Produkte“ konkretisieren muss, sei es nur die Kopie einer PrĂŒfung. Die aufgrund Ă€usserer ZwĂ€nge notwendige Kontrolle beeinflusst die Produktion.

Der SchĂŒler ist nicht weicher Wachs, auf welchem man Wissen drucken kann. Er wĂŒrde nichts lernen, wenn er komplett passiv bliebe. Die Bildung kann nicht komplett von der Experimentierfreude und der Produktion getrennt werden, auch wenn sie von der eigentlichen wirtschaftlichen SphĂ€re getrennt ist. Die Schule dient dazu, dieser TĂ€tigkeit einen beschrĂ€nkten Rahmen zu geben und sie vom wirklichen Leben zu trennen. Der Unterricht funktioniert und geht weiter dank ebendiesen Prinzipien, welche er verdrĂ€ngt. Das gilt fĂŒr das Lernen das Lesens genau wie fĂŒr jenes der AufsĂ€tze. Letztere sind selbst die Negation der Kommunikation. Der SchĂŒler muss lernen, sich schriftlich auszudrĂŒcken, unabhĂ€ngig von dem, was er zu sagen hĂ€tte, und unabhĂ€ngig von den Adressaten. Es ist eine zutiefst gehaltlose Übung. Wenn es der SchĂŒler allerdings schafft, zu schreiben, schliesslich ist er dazu verpflichtet, dann kann er das nur, indem er auf eine gewisse Art und Weise kommuniziert. Genau wie der Arbeiter, der seine Arbeit machen muss, seine Arbeit nur ausfĂŒhren kann, indem er sich daran minimal beteiligt. Er kann nie einfach ein AusfĂŒhrender sein, eine Maschine.

Das Produktionssystem wĂŒrde zusammenbrechen, falls die Arbeiter nicht mehr experimentieren, sich gegenseitig helfen und RatschlĂ€ge geben könnten. Die hierarchische Organisation der Arbeit kann nur ĂŒberleben, wenn die Regeln permanent mit den FĂŒssen getreten werden. Es erlegt diesen verbotenen Dingen und der spontanen Organisation der Arbeiter einen unĂŒberwindbaren Rahmen auf, um sie daran zu hindern, sich zu entwickeln und wirklich gefĂ€hrlich und subversiv zu werden.

V. Geld und KosteneinschÀtzung

Der Kommunismus ist gleichbedeutend mit einer Welt ohne Geld. Aber das Verschwinden des Geldes ist nicht gleichbedeutend mit dem Verschwinden aller KosteneinschĂ€tzungen. Die gegenwĂ€rtigen, vergangenen und kĂŒnftigen menschlichen Gesellschaften und Handlungen werden notwendigerweise mit diesem Problem konfrontiert sein, unabhĂ€ngig davon, ob sie geldliche Zeichen einsetzen oder nicht.

Das Geld

Mit der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, wo die Ware zur allgemeinen Form des Produkts geworden ist, prĂ€sentiert sich das Geld in den Augen aller als Notwendigkeit, obwohl nicht alle gleich viel davon haben und es nicht gleich gebrauchen. Es ist ein Gut, das fĂŒr das menschliche Leben fast so wichtig ist wie der Sauerstoff. Können wir ohne Geld ĂŒberleben? Sowohl der Reiche als auch der Arme mĂŒssen ihren Geldbeutel öffnen, um ihre grundlegendsten BedĂŒrfnisse oder ihre ĂŒberflĂŒssigsten WĂŒnsche zu befriedigen.

Die objektive jedoch begrenzte Stellung des Geldes kontrastiert mit der subjektiven und phantastischen Stellung, die es im gesellschaftlichen Bewusstsein einnimmt. Jeglicher Reichtum wird letztendlich durch die Diener der Wirtschaft mit Geldreichtum assimiliert. Was nicht bezahlt wird, scheint jeglichen Wert zu verlieren, sogar wenn es sich um die lebensnotwendigsten GĂŒter handelt: Luft, Wasser, die Sonne, Sperma und Seifenblasen. Paradoxerweise nĂ€hert sich diese Epoche ihrem Ende, aber in jenem Sinn, dass die triumphierende Wirtschaft allem einen Marktwert gibt, sie fĂŒllt Wasser in Flaschen ab und deponiert Sperma in Banken.

WĂ€hrend der Laie sich damit begnĂŒgt, die Allgegenwart und Allmacht des Geldes festzustellen und versucht, von den BegĂŒnstigungen dieser launischen Gottheit zu profitieren, kĂŒmmern sich die Herren Ökonomen darum, es zu verherrlichen. Das Geld ist nicht nur unerlĂ€sslich in der gegenwĂ€rtigen Gesellschaft, eine Wahrheit, die sich auf alltĂ€gliche und leider unbestreitbare Erfahrung stĂŒtzt, es ist unerlĂ€sslich fĂŒr ein minimal zivilisiertes gesellschaftliches Leben. Die Geldzirkulation ist fĂŒr den Gesellschaftskörper was die Blutzirkulation fĂŒr den menschlichen Körper ist. Die Geschichte des Fortschritts ist die Geschichte des Fortschritts des Geldes vom Muschelgeld zur Kreditkarte. Ihr wollt die Gesellschaft des Geldes entledigen? Ihr seid bestimmt geisteskrank, AnhĂ€nger einer RĂŒckkehr zum Tausch. Merken wir nebenbei an, dass der Kapitalismus diesen ach so verschrienen Tausch nicht nur nicht abgeschafft hat, sondern ihn unaufhörlich neu erfindet, besonders auf der Ebene des internationalen Handels.

Das Geld wird zu einem Schleier, der letztendlich die wirtschaftliche RealitĂ€t kaschiert. Es gibt keine FrĂ€smaschinen, Ingenieure oder Spaghetti mehr, sondern nur noch Dollars oder Rubel. Es setzt sich die Illusion durch, dass die Kontrolle ĂŒber das Geld, seine Schaffung, Zirkulation und Verteilung gleichbedeutend mit einer tiefgehenden Kontrolle ĂŒber diese Zusammenstellung an Gebrauchswerten ist, welche die Wirtschaft immer noch ist. Daher kommt der Ärger.

Das Geld wird hĂ€ufig in Frage gestellt, aber weniger seine Existenz als die ĂŒbertriebene Sparsamkeit, mit welcher es in Brieftaschen wandert. Je mehr man es kritisiert, desto mehr will man davon. Wenn man das Goldene Kalb zerstören oder die Götzenverehrung beseitigen will, hat man, um effizient zu sein, besser volle Taschen. Man hat die Wahl zwischen der Verblödung bei der Arbeit, dem Risiko des Überfalls, den UnwĂ€gbarkeiten der Lotterie


Auch wenn es den Ökonomen nicht gefĂ€llt, das Geld ist eine sehr merkwĂŒrdige Sache. Das springt ins Auge, sobald man sich nicht mehr um seine unbestreitbare wirtschaftliche NĂŒtzlichkeit kĂŒmmert, sondern sich auf seine menschliche NĂŒtzlichkeit konzentriert.

BemĂŒhen wir uns, naiv zu sein.

Wie, durch welch infernale Magie ist es möglich geworden, dass der Reichtum, die Möglichkeit, BedĂŒrfnisse zu befriedigen, sich im Geld verkörpert? Wenn er unbedingt eine besondere Form annehmen musste, um fĂŒr unsere Augen sichtbar zu sein und von uns nie vergessen zu werden, hĂ€tte er, dem Beispiel unseres Herren Jesus Christus folgend, das Brot und den Wein wĂ€hlen können, nĂŒtzliche und angenehme Dinge. Aber nein! Er hat es vorgezogen, sich in der Form von Gold und Silber zu verkörpern, extrem seltene und nutzlose Metalle. Noch schlimmer, heute zeigt er sich dem gewöhnlichen Sterblichen nur noch in seiner Papierform.

Das einzige vom Geld befriedigte BedĂŒrfnis ist das BedĂŒrfnis nach Handel. Es wird mit ihm verschwinden.

Es ist haarstrĂ€ubend, das Geld bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Handels zu beseitigen oder weil man will, dass er endlich gerecht wird. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schlugen „ricardianische Sozialisten“ vor, dass Waren direkt je nach notwendiger Menge Arbeit fĂŒr ihre Produktion gehandelt werden. Die Bolschewisten Bucharin und Preobraschenski verbreiteten 1919 Ă€hnliche Illusionen:

„Das Geld verliert gleich von Anbeginn der sozialistischen Revolution allmĂ€hlich seine Bedeutung. Alle nationalisierten Unternehmungen fĂŒhren, Ă€hnlich dem Unternehmen eines reichen Besitzers [
], eine gemeinsame Kasse und haben es nicht nötig, fĂŒr Geld einen gegenseitigen Kauf und Verkauf zu betreiben. Es wird langsam der bargeldlose Verkehr eingefĂŒhrt. Infolgedessen wird das Geld aus einem großen Gebiete der Volkswirtschaft verdrĂ€ngt. Auch in bezug auf die Bauernschaft verliert das Geld ebenfalls langsam seine Bedeutung, und auf den Plan tritt der Warenaustausch. [
] Das langsame Verschwinden des Geldes wird auch begĂŒnstigt durch die riesige Papiergeldemission durch den Staat [
]. Der stĂ€rkste Schlag wird aber dem Geldbestand durch die EinfĂŒhrung der BudgetbĂŒcher und durch Bezahlung der Arbeiter mit Produkten versetzt.“ [3]

Es gab Versuche, die Wirtschaft zumindest teilweise des Geldes zu entledigen. Die Transaktionen zwischen den Unternehmen wurden nur als buchhalterische Operationen aufgenommen. Das ergab nichts, weder etwas bekanntes, noch etwas sehr kommunistisches.

GlĂŒckwunsch

In der kommunistischen Welt werden die Produkte zirkulieren, ohne dass Geld im umgekehrten Sinn zirkulieren muss. Der Ausgleich wird nicht auf der Ebene des Haushalts oder der Unternehmung stattfinden: Was als Ware herausgeht, entspricht einem Eingang an Geld und umgekehrt. Er wird direkt global sein und sich direkt an der Befriedigung der BedĂŒrfnisse messen.

Das Ende des Handels bedeutet selbstverstÀndlich nicht, dass die Kinder keine Murmeln oder die Liebenden keine Komplimente mehr austauschen können. Begrenzte Tauschwirtschaft wird in kleinem Rahmen fortbestehen. Allen voran am Anfang wird sie das allgemeine Verteilungsnetz komplettieren und seiner Starre entgegenwirken.

Das beste Indiz, um zu zeigen, dass das Geheimnis des Geldes nicht sein materielles Wesen ist, ist die Tatsache, dass die WĂ€hrungsstandards sich je nach Zeit und Ort verĂ€ndert haben. Salz und das Vieh spielten diese Rolle. Die wertvollen Metalle, besonders das Gold, wurden letztendlich nur wegen eben ihrer Nutzlosigkeit ausgewĂ€hlt. Wenn es an Nahrungsmitteln mangelt, kann das Gold nicht durch Konsum der Zirkulation entzogen werden. Wenn das Gold der Zirkulation entzogen wird, um gehortet zu werden oder als Dekoration zu dienen, dann ist es aufgrund seiner Funktion als wirtschaftlicher Wert. Gewisse Eigenschaften und vor allem seine besondere Seltenheit haben ihm einen gewissen Vorzug in der wirtschaftlichen Entwicklung gegeben. WĂ€hrend der ersten ErschĂŒtterungen des Handelssystems konnte das Salz eine WĂ€hrung aufgrund seines Nutzens und der Konzentrierung an besonderen Orten sein. Es war der optimale Zirkulationsgegenstand.

Heute tendiert das Geld dazu, sich zu entmaterialisieren. Es ist nicht mehr durch den Wert seiner Grundlage garantiert, sondern durch die Bank und das Finanzsystem, die es manipulieren. Es hört nicht auf, ein Mittel zum Handel zu sein, doch es wird allen voran zu einem Instrument im Dienste des Kapitals. Dadurch kann es vereinnahmt und bestens gebraucht werden, um Investitionen zu finanzieren und dem Kapital Kredit zu gewÀhren.

Die Zerstörung des Geldes ist nicht gleichbedeutend mit der Verbrennung der Geldscheine und der Konfiskation oder Schmelzung des Goldes. Solche Massnahmen können aus symbolischen oder psychologischen GrĂŒnden notwendig sein, zur Durcheinanderbringung des Systems. Sie werden nicht reichen. Das Geld wird in anderen Formen zurĂŒckkehren, wenn das BedĂŒrfnis danach und die Möglichkeit dafĂŒr fortbestehen. Getreide, SardinenbĂŒchsen, Zucker können Tauschmittel und sogar Lohn werden. „Du machst diese Arbeit, wir geben dir zehn Kilogramm Zucker, damit kannst du Fleisch, Alkohol oder einen Strohhut erstehen.“

Das erste Problem ist jenes des Kampfes um die Produktion, die Organisation, gegen den Mangel. Danach die Umsetzung abschreckender und repressiver Massnahmen gegen jene, welche versuchen, die Übergangsphase fĂŒr den Schwarzmarkt zu nutzen. Das Gold und die anderen wertvollen Metalle werden von den revolutionĂ€ren Behörden beschlagnahmt, um danach eventuell gegen Waffen oder Lebensmittel mit nicht kontrollierten Sektoren getauscht zu werden.

Das Geld ist der Ausdruck des Reichtums, des Handelsreichtums jedoch. Es ist nicht direkt Befriedigung der BedĂŒrfnisse, nur Mittel, um sie zu befriedigen. Es ist also auch die Schranke, die das Individuum von seinen BedĂŒrfnissen trennt.

Die Bestrebungen der Menschen werden zum Widerschein der Dinge, der Waren, die ihnen gegenĂŒber stehen. BedĂŒrfnisse zu haben und sie zu befriedigen, bedeutet, kaufen und konsumieren zu wollen und zu können. In diesem Spiel kann man nur reingelegt werden. Der Reichtum, das wahrhafte GlĂŒck kann und muss durch die Werbung nur eine unerreichbare Fata Morgana bleiben.

Wertgesetz

Das Geld dient zum Handeln. Doch Geld bedeutet auch Masseinheit. Was das Geld beim Handeln misst, den Preis einer Ware, hat seine Wurzel ausserhalb der TauschsphÀre.

Wie entsteht im kapitalistischen System das Gleichgewicht zwischen dem, was produziert, und dem, was konsumiert wird? Zwischen der gelieferten Anstrengung und dem erlangten Vorteil? Wie setzt sich eine bestimmte Entscheidung als die vernĂŒnftigere durch?

Das Problem steht in Zusammenhang mit jeder besonderen Ware. Sie ist gleichzeitig Gebrauchswert und Tauschwert. Der Gebrauchswert ist gleichbedeutend mit dem Vorteil, den sie einem einbringen soll. Der Konsument soll ihn direkt nutzen. Der durch den Preis ausgedrĂŒckte Tauschwert entspricht der Auslage, durch welche dieser Vorteil kompensiert wird. Geldausgabe zu seinem Kauf, aber vor allem und ursprĂŒnglich Arbeitsaufwand.

Der Preis eines Gutes wird von den auf der Ebene des Marktes wirkenden KrĂ€ften bestimmt, des Angebots und der Nachfrage. Doch darĂŒber hinaus verweist er auf die Produktionskosten, die aufgeteilt werden in unmittelbar gelieferte Arbeit und in jene Arbeit, welche in den zur Produktion genutzten Materialien enthalten ist.

In jeder Ware drĂŒckt sich somit die Notwendigkeit eines Gleichgewichts zwischen Auslage und gesellschaftlichem Gewinn aus, die sich in der Notwendigkeit des finanziellen Gleichgewichts der Unternehmen und der Haushalte widerspiegelt. Die Notwendigkeit eines Gleichgewichts, aber nicht dieses Gleichgewicht selbst! Der Preis eines Gutes entspricht nur auf sehr verzerrte Art und Weise der effektiv aufgewandten wirklichen Arbeit und sogar der gesellschaftlich notwendigen Menge an Arbeit. Das Gleichgewicht entsteht nicht auf der Ebene der besonderen Ware, sondern auf jener des gesamten Systems. Und dort ist dieses Gleichgewicht eher eine Art Ungleichgewicht.

Wird der Preis einer Ware von der in ihr enthaltenen Menge an Arbeit bestimmt? Ja und nein. Ja, weil der Preis dazu tendiert, entsprechend den ProduktivitĂ€tsgewinnen zu variieren, denn ein Produkt, das zweimal mehr Zeit braucht als ein anderes, lĂ€uft Gefahr, zweimal teurer zu sein, da die gesamte Menge an Arbeit den gesamten Wert der Waren bestimmt. Nein, weil man keine zwingende und einfache Verbindung zwischen jeder Ware und der aufgewandten Arbeit erstellen kann. Dies aufgrund der UnwĂ€gbarkeiten des Marktes. Denn wenn der Preis einer Ware wirklich von der konkret aufgewandten Arbeit bestimmt wĂŒrde, dann wĂ€re die Ware umso teurer, je niedriger die ProduktivitĂ€t wĂ€re, je fauler die Arbeiter wĂ€ren! In Wirklichkeit sind jene, welche hohe Selbstkostenpreise haben, benachteiligt und nicht begĂŒnstigt. Die Gewinner sind jene, welche die Produktionskosten und die Arbeit einsparen. Dies, weil die Preisbildung vom tendenziellen Ausgleich der Profitraten betroffen ist.

Was wird aus dem von den klassischen Ökonomen geerbten Gesetz der Arbeitswerttheorie, das besagt, dass der Wert der wirtschaftlichen Dinge von der Arbeit bestimmt wird? Dieses Gesetz ist ein allgemeines Gesetz, das durch die Preisbildung die allgemeine Entwicklung des Systems determiniert. Das Kapital entwickelt sich und teilt sich entsprechend den verwirklichbaren Einsparungen an Arbeitszeit auf. Es ist wie ein Fluss, obwohl sein Weg nicht der kĂŒrzeste ist, obwohl er sich in stehendem Wasser verliert, obwohl er Umwege macht, folgt er letztendlich blind seinem natĂŒrlichen Lauf und trĂ€gt dabei die Hindernisse ab. Der erwartete Profit, der den Kapitalisten dazu bringt, hier oder dort zu investieren, diese Technik oder jenen Maschinenbetrieb zu wĂ€hlen, widerspricht dieser Tendenz ĂŒberhaupt nicht, er ist nur der gewundene Gang, durch welchen es sich ihm auferlegt.

Letztendlich drĂŒckt das Wertgesetz nicht wirklich die Verbindung aus, die zwischen der Ware und ihrem Preis einerseits und der schöpferischen Arbeit andererseits fortbesteht, sondern eher ihre Trennung. Die Arbeit wird zu Wert, das bedeutet, dass das Werk sich von der Arbeit und dem Arbeiter befreit, um in die Umlaufbahn des Wirtschaftsraumes gebracht zu werden und sich dort gemĂ€ss der ihm eigenen Regeln zu bewegen. All die autonom und konkurrierend gewordenen Waren messen sich letztendlich zwischen ihnen durch den Handel und das Geld. Das Wertgesetz, dessen Entwicklung an den Handel und seine Wirkung auf die menschliche TĂ€tigkeit gekoppelt ist, verschwindet mit dem Kommunismus.

Wie steht es um das globale Gleichgewicht zwischen Ausgaben und Einnahmen innerhalb des Systems? Dieses Gleichgewicht ist ein Ungleichgewicht. Vom Standpunkt des Werts aus betrachtet, produziert die Gesellschaft mehr, als dass sie ausgibt. Der Mehrertrag wird akkumuliert. Ohne diese Tatsache wÀre das Kapital nicht das Kapital.

Marx hat gezeigt, dass eine besondere Ware existiert, welche die Gabe hat, mehr Wert zu produzieren als ihre Produktion verlangt. Daher vergrössert sich das Kapital in Bewegung, statt dass es von Transaktion zu Transaktion immer gleich bleibt. Diese Ware ist die Arbeitskraft, ihr Preis ist niedriger als der durch sie erschaffene Wert, es ist der Lohn. Der Unterschied ist der Mehrwert.

Der Arbeiter verkauft nicht seine Arbeit auf dem schlecht benannten „Arbeitsmarkt“, sondern seine FĂ€higkeit zu arbeiten, einen Teil seiner Zeit. Die Arbeit ist keine Ware, sie hat keinen Wert. Sie ist die Grundlage des Werts. Sie selbst, sagt Engels, hat nicht mehr Wert als die Schwerkraft Gewicht hat.

Wenn das Kapital die ZirkulationssphĂ€re verlĂ€sst, um beim Kapitalisten Zuflucht zu suchen, wĂ€chst es von der nicht bezahlten Arbeit des Arbeiters, ohne dass das Wertgesetz mit den FĂŒssen getreten wĂŒrde, ohne dass der Profit aus irgendeiner Gaunerei oder einem Verstoss gegen die Regeln des Handels entstĂŒnde. Jedes Warenkapital kann zerlegt werden in konstantes Kapital, der Amortisierung der benutzten Materialien und Maschinen entsprechend, und in variables Kapital, das den Löhnen oder dem Mehrwert, der nicht bezahlten Arbeit entspricht.

Das Geld ist TrĂ€ger einer tiefgehenden Mystifizierung. Es versteckt das ursprĂŒngliche Wesen des Aufwands, der das Produkt wirklich entstehen liess. Hinter dem Reichtum, auch hinter dem Warenreichtum, steht das menschliche Wesen und die menschliche Anstrengung. Das Geld scheint Zinsen zu produzieren, Junge zu bekommen. Die einzige Quelle jeglichen Werts, mag er noch so sehr Handelswert sein und eben genau, weil er es ist, ist die Arbeit.

NatĂŒrlich rĂ€umen auch die ergebensten Ökonomen der Arbeit einen kleinen Platz als Quelle des Reichtums neben dem Kapital und dem Boden ein. Die Mystifizierung wird allerdings nicht einmal teilweise beseitigt. Nicht die Arbeit als solche kommt in den Genuss dieses Gefallens, nur die Arbeit als Gegenleistung fĂŒr den Lohn. Nicht das Geld wird auf die Arbeit reduziert, sondern die Arbeit wird im Gegenteil durch den Lohn auf das Geld reduziert.

Unentgeltlichkeit

Man ist hĂ€ufig versucht, aus dem Verschwinden des Geldes in der kommunistischen Gesellschaft darauf zu schliessen, dass keine Kostenfragen mehr geregelt werden mĂŒssten, dass es nicht mehr notwendig sein wĂŒrde, den Wert der Dinge einzuschĂ€tzen. Das ist ein grundlegender Irrtum.

Es ist eine Sache, dass ein Gut oder Dienst gratis ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass das nichts kostet. Die Illusion ist ein direktes Produkt der Funktionsweise des Handelssystems. Man wird dazu gedrĂ€ngt, Kosten und Zahlung zu assimilieren. Man sieht nur noch die Zahlung, die Geldausgabe. Man vergisst den Aufwand an MĂŒhe und Materialien, der dem Produkt zugrunde liegt.

Sowohl fĂŒr den Kapitalismus als auch fĂŒr den Kommunismus bedeutet Unentgeltlichkeit nicht Aufwandslosigkeit. Der Unterschied zwischen der kommunistischen und der kapitalistischen Unentgeltlichkeit ist die Tatsache, dass letztere nur eine falsche Unentgeltlichkeit ist. Die Zahlung ist nicht inexistent, sie ist nur zeitlich oder örtlich versetzt. Die Unentgeltlichkeit der Schule oder der Werbung bedeutet nicht, dass sie ausserhalb des Handelssystems sind und dass der Konsument nicht letztendlich dafĂŒr bezahlt. Die unentgeltliche Ware ist sehr verdorben. Sie bedeutet auferlegten oder halb auferlegten Konsum, Schwierigkeit, das, was man einem „offeriert“, auszuwĂ€hlen oder abzulehnen.

In der neuen Gesellschaft mĂŒssen die Kosten der Dinge bekannt sein und, falls nötig, berechnet werden. Nicht aus buchhalterischer Pedanterie oder um grundlos gewordene Hintergehungen zu verhindern. Es wird darum gehen, den nötigen Aufwand zu erfassen, um zu wissen, ob er sich lohnt, ihn falls möglich zu reduzieren. Die auf die menschliche und natĂŒrliche Umwelt ausgelöste Wirkung der Befriedigung eines BedĂŒrfnisses oder des Aufbaus eines Projekts muss evaluiert werden.

Ein Uhrzeiger, ein Auto, rechtfertigen sie die ihrer Produktion gewidmete Zeit und MĂŒhe und die mit ihrem Gebrauch verbundenen Nachteile? Setzt man eine Produktionseinheit besser an diesem oder jenem Ort ein? Rechtfertigt es eine gewisse Produktion, dass man begrenzte ErzvorrĂ€te reduziert? Wir können nicht den Zufall oder die Intuition bestimmen lassen. Es ist nicht schwer, zu verstehen, dass all das EinschĂ€tzung, Berechnung und Voraussicht impliziert.

Wir behalten den dermassen mit Ökonomismus durchsetzten Begriff der Kosten bei, weil es sich nicht nur um eine Wahlmöglichkeit und eine Massregel, einen intellektuellen Prozess handelt, sondern um körperlichen Aufwand. Welches technische Niveau auch immer erreicht sein mag, es wird immer kostspielige TĂ€tigkeiten und Aufgaben geben, die mĂŒhsamer sind als andere. Dass alles einfach und unterschiedslos wĂŒrde, wĂ€re eine traurige Sache und einer kommunistischen Gesellschaft fremder als einer anderen.

Die Ware hat zwei Seiten: Gebrauchswert und Tauschwert. Sie sind scheinbar von zwei irreduziblen Ordnungen abhÀngig.

Der Gebrauchswert, die NĂŒtzlichkeit ist qualitativ. Der Benutzer vergleicht und beurteilt, was ihm am ehesten zusagt, ein Flugzeug oder eine Orange. Die Entscheidung kann nicht unabhĂ€ngig von seiner Lage und seinen konkreten BedĂŒrfnissen sein.

Der Tauschwert ist quantitativ. Alle GĂŒter können bemessen und objektiv gemĂ€ss einem einheitlichen Normalmass angeordnet werden, egal ob es sich um ein Flugzeug oder eine Orange handelt.

Der Kommunismus ist nicht wirklich eine Welt, wo ein endlich von seinem Parasiten Tauschwert befreiter Gebrauchswert fortbesteht oder der Tauschwert sich selbst negiert und wieder Gebrauchswert wird. Der Vorteil und der Nachteil sind von der gleichen Ordnung der Dinge abhĂ€ngig und nicht mehr angebunden und getrennt. Der Wert ist nicht mehr Wert, um wieder als konkreter und vielgestaltiger Aufwand zu erscheinen. Die Arbeit ist nicht mehr die Grundlage und die Garantie des Werts. Es gibt kein einheitliches Normalmass mehr, das quantitative Vergleiche zwischen allem erlaubt, sondern konkrete AufwĂ€nde und Arbeiten, die unterschiedlich mĂŒhsam sind und berĂŒcksichtigt werden sollten. Indem sie nicht mehr die TrĂ€gerin des Werts und nicht mehr durch den Tauschprozess vereinheitlicht ist, ist die Arbeit nicht mehr die ARBEIT.

„Die bĂŒrgerliche Ökonomie ist eine der doppelten BuchfĂŒhrung. Das bĂŒrgerliche Individuum ist kein Mensch, es ist eine Firma. Wir wollen alle Firmen zerstören, die Ökonomie der doppelten BuchfĂŒhrung abschaffen. Und eine einfache BuchfĂŒhrung begrĂŒnden, die es in der Geschichte gibt, seit der Troglodyt losging, um so viele KokosnĂŒsse zu pflĂŒcken, wie es GefĂ€hrten in der Höhle gab und dabei nur seine beiden HĂ€nde bei sich trug.“ [4]

Es wird Unentgeltlichkeit geben, weil die „Gabe“ den Verkauf ersetzen wird. Jene, welche diese oder jene Aufgabe mit dem Ziel erledigen, ihre eigenen BedĂŒrfnisse zu befriedigen oder auch fĂŒr andere nĂŒtzlich zu sein, werden direkt mit der gelieferten Anstrengung bezahlen.

Ist das sehr neu? Nein, denn sogar heute wĂŒrde es niemandem in den Sinn kommen, fĂŒr eine Diskussion oder einen Streit den Preis des Speichels zu bezahlen. In einer Konversation tauscht man nicht eine gewisse Redezeit oder eine gewisse Anzahl an Dezibel aus, man bemĂŒht sich, das zu sagen, was man zu sagen hat, weil man findet, dass man es sagen muss. Der GesprĂ€chspartner oder der Zuhörer schuldet einem nichts im Austausch fĂŒr seine Aufmerksamkeit. Die Hoffnung auf eine Antwort, das Risiko, nicht verstanden, nicht erwidert oder belogen zu werden, sind Teil des Spiels. Sie sind weder die Erwartung einer Bezahlung noch das Marktrisiko. Im gewöhnlichen Leben ist das Wort keine Ware, Sprechen keine Arbeit.

Was noch heute fĂŒr das Wort gilt, wenn es nicht aufgenommen und als Ware verbreitet wird, wird morgen fĂŒr jegliche Produktion gelten. Die EinschĂ€tzung der Kosten wird nicht mehr vom nötigen Aufwand getrennt sein. Die Vorbedingung, der erste Schritt der Berechnung wird der Antrieb fĂŒr diese oder jene TĂ€tigkeit sein. Ein Buch oder ein Schuh werden „offeriert“ werden, wie man es heute mit den Worten tun kann. Die Gabe impliziert bis zu einem gewissen Punkt Gegenseitigkeit, das Wort ruft nach einer Antwort, doch es ist nicht mehr der anonyme und antagonistische Prozess des Handels.

Arbeitszeit

Der offizielle englische Ökonom der Bourgeoisie Ricardo hatte anfangs des 19. Jahrhunderts behauptet, dass der Wert eines Produkts von der fĂŒr seine Produktion notwendigen Menge Arbeit abhĂ€nge, es fehlte nicht an Leuten, die forderten, dass der Wert der Gesamtheit seines Produkts an den Arbeiter gehen soll. Der Profit war moralisch als Diebstahl verurteilt. Das Problem des Sozialismus ist jenes der VergĂŒtung, einer gerechten VergĂŒtung.

Ein amerikanischer Kommunist, John Francis Bray, sticht heraus. Er sieht im gerechten Tausch nicht die Lösung, sondern ein Mittel zur Vorbereitung derselben, der Gemeinschaft der GĂŒter. Eine Übergangsphase, wĂ€hrend welcher niemand mehr verdient als den Wert seiner Arbeit und nicht sehr reich werden kann, erweist sich als notwendig. Jeder wird in den LĂ€den das Äquivalent in Form diverser Dinge dessen erlangen, was er in einer anderen Form produziert hat. Das Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsum wird aufrechterhalten.

Im Elend der Philosophie wĂŒrdigt Marx Bray, kritisiert ihn aber auch. Entweder endet der gerechte Tausch letztendlich wieder im Kapitalismus: „Herr Bray ahnt nicht, daß dieses egalitĂ€re VerhĂ€ltnis, dieses Verbesserungsideal, welches er in die Welt einfĂŒhren will, selbst nichts anderes ist als der Reflex der gegenwĂ€rtigen Welt und daß es infolgedessen total unmöglich ist, die Gesellschaft auf einer Basis rekonstituieren zu wollen, die selbst nur der verschönerte Schatten dieser Gesellschaft ist. In dem Maße, wie der Schatten Gestalt annimmt, bemerkt man, daß diese Gestalt, weit entfernt, ihre ertrĂ€umte VerklĂ€rung zu sein, just die gegenwĂ€rtige Gestalt der Gesellschaft ist.“ Oder wir entledigen uns des Tausches: „Was heute durch das Kapital und die Konkurrenz der Arbeiter unter sich bewirkt wird, wird morgen, wenn man das VerhĂ€ltnis von Arbeit und Kapital aufhebt, das Ergebnis einer Vereinbarung sein, die auf dem VerhĂ€ltnis der Summe der ProduktivkrĂ€fte zu der Summe der vorhandenen BedĂŒrfnisse beruht. Aber eine solche Vereinbarung ist die Verurteilung des individuellen Austausches [
].“

Ohne auf den Tausch zurĂŒckgreifen zu wollen, haben gewisse RevolutionĂ€re, allen voran Marx und Engels, die zwingende Notwendigkeit verstanden, das Problem der Kosten und ihrer Buchhaltung in der zukĂŒnftigen Gesellschaft zu regeln. Sie suchten ein Normalmass, um die AufwĂ€nde einzuschĂ€tzen und zu vergleichen.

In der Regel war das vorgeschlagene Normalmass die Menge an Arbeit. Diese Menge wird durch die Zeit gemessen und manchmal durch die IntensitĂ€t korrigiert. Jede Investition der Gesellschaft kann somit auf einen gewissen zeitlichen Aufwand zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Die Orange und das Flugzeug entsprechen nicht mehr einer gewissen Menge an Geld, sondern einer gegebenen Anzahl Arbeitsstunden. Trotz ihrem unterschiedlichen Wesen können sie anhand eines gemeinsamen Massstabs verglichen werden.

Diese Vorgehensweise scheint logisch. Was haben verschiedene GĂŒter gemeinsam, wenn nicht die in ihr enthaltene Arbeit? Davon ging Marx im Kapital aus, um die Arbeit als Quelle des Werts zu entdecken. Welches andere Normalmass könnte man finden?

Marx und Engels ĂŒbernahmen diese Konzeption, ohne sich in praktischen Details zu verlieren. Andere versuchten, sie detaillierter zu entwickeln, indem sie sich auf eine prĂ€zise Buchhaltung der Arbeitsstunden stĂŒtzten, die es erlaubt, den Wert jedes Gutes zu evaluieren.

Was uns betrifft, haben wir nicht von einem „Jenseits der Arbeit“ gesprochen, um uns danach armselig auf das Mass der Arbeitszeit zu stĂŒrzen, sobald es darum geht, die harten praktischen Wirklichkeiten zu behandeln.

Die Theorie der Messung der GĂŒter oder der Vorausplanung der Investitionen durch die Menge an Arbeit ist falsch. Sie muss radikal abgelehnt werden. Es geht nicht um eine methodische Streitigkeit, sondern um ein grundsĂ€tzliches Problem, welches das Wesen des Kommunismus selbst betrifft.

Die Messung durch die Arbeit bleibt ökonomistisch. Sie will das Ende des Wertgesetzes, aber erkennt nicht, was das impliziert. Die kapitalistische Gesellschaft tendiert dazu, fortzubestehen, obwohl sie der Klassenteilung und des Tauschwertes entledigt ist!

Man wollte ein Problem abhaken, das zwei Aspekte hat. Das erste ist jenes der VergĂŒtung der Arbeiter. Das zweite, allgemeinere, betrifft die Verteilung der ProduktivkrĂ€fte in der Gesellschaft.

Wie sollen die KonsumgĂŒter ohne Geld verteilt werden? Wie soll der Arbeiter gerecht fĂŒr seinen gelieferten Aufwand vergĂŒtet werden?

DiesbezĂŒglich ĂŒbernimmt Marx in der Kritik des Gothaer Programms den Standpunkt von Bray. Er entledigt ihn seiner störenden Aspekte. In einer Übergangsphase, wĂ€hrend welcher das Prinzip „Jedem nach seinen BedĂŒrfnissen“ noch nicht angewandt werden kann, wird die VergĂŒtung von der gelieferten Arbeit abhĂ€ngen. Sie wird davon abhĂ€ngen und ihr nicht entsprechen, denn ein Teil dessen, was diese Arbeit reprĂ€sentiert, wird zur Produktion der ProduktionsgĂŒter, zur UnterstĂŒtzung der Gebrechlichen in einen Sozialfonds fliessen
 Der Arbeiter bekommt nicht das gesamte Produkt seiner Arbeit. Da ausserdem die Gutscheine, welche die gelieferte Menge an Arbeit belegen, nicht zirkulieren, ist der Handel im Keim erstickt.

Was bedeutet und verlangt, dass man eine Buchhaltung fĂŒhrt. „[D]ie Arbeit, um als Maß zu dienen, muß der Ausdehnung oder der IntensitĂ€t nach bestimmt werden, sonst hörte sie auf, Maßstab zu sein.“ [5]

FĂŒr Marx ist das Problem der VergĂŒtung nebensĂ€chlich und beschrĂ€nkt auf die niedere Phase des Kommunismus. Die Frage der Verteilung der ProduktivkrĂ€fte ist hingegen grundlegend und permanent.

In einer kommunistischen Gesellschaft „fĂ€llt zunĂ€chst das Geldkapital ganz fort, also auch die Verkleidungen der Transaktion, die durch es hineinkommen. Die Sache reduziert sich einfach darauf, daß die Gesellschaft im voraus berechnen muß, wieviel Arbeit, Produktionsmittel und Lebensmittel sie ohne irgendwelchen Abbruch auf GeschĂ€ftszweige verwenden kann, die, wie Bau von Eisenbahnen z.B., fĂŒr lĂ€ngre Zeit, ein Jahr oder mehr, weder Produktionsmittel noch Lebensmittel, noch irgendeinen Nutzeffekt liefern, aber wohl Arbeit, Produktionsmittel und Lebensmittel der jĂ€hrlichen Gesamtproduktion entziehen.“ [6]

Die Berechnung der notwendigen Menge an Arbeit bedeutet jedoch nicht, dass das Wertgesetz fortbestehen kann, wĂ€hrend das Geldkapital verschwindet. Die Menge an Arbeit ist nĂ€mlich hinsichtlich der BedĂŒrfnisse verteilt. Im Elend der Philosophie schreibt Marx: „In einer kĂŒnftigen Gesellschaft, wo der Klassengegensatz verschwunden ist, wo es keine Klassen mehr gibt, wĂŒrde der Gebrauch nicht mehr von dem Minimum der Produktionszeit abhĂ€ngen, sondern die Produktionszeit, die man den verschiedenen GegenstĂ€nden widmet, wĂŒrde bestimmt werden durch ihre gesellschaftliche NĂŒtzlichkeit.“

Das Wertgesetz ist nur ein besonderer merkantiler Ausdruck einer allgemeineren Regel, welche die gesamte Gesellschaft betrifft: „In der Tat, keine Gesellschaftsform kann verhindern, daß one way or another die disponible Arbeitszeit der Gesellschaft die Produktion regelt. Aber, solange sich diese Reglung nicht durch direkte bewußte Kontrolle der Gesellschaft ĂŒber ihre Arbeitszeit – was nur möglich bei Gemeineigentum – vollzieht, sondern durch die Bewegung der Preise der Waren, bleibt es bei dem, was Du bereits in den ‚Deutsch-Französischen JahrbĂŒchern‘ ganz zutreffend gesagt hast.“ Das schrieb Marx an Engels am 8. Januar 1968. Was war die von ihm dargelegte These? „Daß obige AbwĂ€gung von Nutzeffekt und Arbeitsaufwand [
] alles ist, was in einer kommunistischen Gesellschaft vom Wertbegriff der politischen Ökonomie ĂŒbrigbleibt, habe ich schon 1844 ausgesprochen. Die wissenschaftliche BegrĂŒndung dieses Satzes ist aber, wie man sieht, erst durch Marx‘ ‚Kapital‘ möglich geworden.“ [7]

Was uns Marx und Engels von der kommunistischen Gesellschaft sagen – und man sieht, dass sie sehr wohl davon sprechen – lĂ€sst sich direkt von ihrer Analyse der kapitalistischen Gesellschaft ableiten. Ihre Konzeption entnimmt ihr ihre VorzĂŒge, aber auch ihre Makel.

Ihre VorzĂŒge sind, dass sie zeigt, dass die Probleme der Verteilung des Konsums, der VergĂŒtung fĂŒr die Arbeit nicht fundamental sind. Es ist die Produktionsweise, welche die Distributionsweise determiniert. Die BekrĂ€ftigung gegenĂŒber den guten Seelen, dass der Arbeiter nicht in den Genuss der Gesamtheit seines Produkts kommen kann, ist eine direkte VerlĂ€ngerung der Analyse des Kapitalismus, wo gezeigt wird, dass der Wert einer Ware zusĂ€tzlich zum Lohn und Mehrwert auch das konstante Kapital abdeckt. Die Produktionsinstrumente mĂŒssen produziert werden. Der Kapitalismus und der Kommunismus sind, im Gegensatz zu vorhergehenden Gesellschaften, mit Werkzeugen ausgestattet.

Der Kapitalismus und der Kommunismus sind auch wechselhafte Gesellschaften. Man kann sich nicht auf uralte Erfahrung verlassen. Nicht alles kann durch den eventuell durch den gesunden Menschenverstand korrigierten vergangenen Gebrauch geregelt werden. Die EinschĂ€tzung der Kosten ist letztendlich nicht so sehr ein Problem der nachtrĂ€glichen Buchhaltung, als ein Problem der Voraussicht. In Bezug auf diesen grundlegenden Punkt machen die Kommunisten nach Marx eher Schritte zurĂŒck. Einige RĂ€tekommunisten reduzieren die Frage auf jene eines bestmöglichen Abbildes der Wirklichkeit und der ökonomischen Bewegungen.

Die folgende Passage zeigt, inwiefern die gegenwĂ€rtige und die kommende Gesellschaft das GLEICHE Problem regeln mĂŒssen, erstere dank dem Geldkapital, dem Kredit, letztere, indem sie ohne sie auskommt. „[A]usgedehntere Operationen von lĂ€ngrer Dauer [bedingen] grĂ¶ĂŸre VorschĂŒsse von Geldkapital fĂŒr lĂ€ngre Zeit. Die Produktion in solchen SphĂ€ren ist also abhĂ€ngig von den Grenzen, innerhalb deren der einzelne Kapitalist ĂŒber Geldkapital verfĂŒgt. Diese Schranke wird durchbrochen durch Kreditwesen und damit zusammenhĂ€ngende Assoziation, z.B. Aktiengesellschaften. Störungen im Geldmarkt setzen daher solche GeschĂ€fte still, wĂ€hrend diese selben GeschĂ€fte ihrerseits Störungen im Geldmarkt hervorrufen. Auf Basis gesellschaftlicher Produktion ist zu bestimmen der Maßstab, worin diese Operationen, die wĂ€hrend lĂ€ngrer Zeit Arbeitskraft und Produktionsmittel entziehn, ohne wĂ€hrend dieser Zeit ein Produkt als Nutzeffekt zu liefern, ausgefĂŒhrt werden können, ohne die Produktionszweige zu schĂ€digen, die kontinuierlich oder mehrmals wĂ€hrend des Jahrs nicht nur Arbeitskraft und Produktionsmittel entziehn, sondern auch Lebensmittel und Produktionsmittel liefern. Bei gesellschaftlicher ebenso wie bei kapitalistischer Produktion werden nach wie vor die Arbeiter in GeschĂ€ftszweigen von kĂŒrzern Arbeitsperioden nur fĂŒr kĂŒrzre Zeit Produkte entziehn, ohne Produkte wieder zu geben; wĂ€hrend die GeschĂ€ftszweige mit langen Arbeitsperioden fĂŒr lĂ€ngre Zeit fortwĂ€hrend entziehn, bevor sie zurĂŒckgeben. Dieser Umstand entspringt also aus den sachlichen Bedingungen des betreffenden Arbeitsprozesses, nicht aus seiner gesellschaftlichen Form.“

Marx und Engels setzen den Kommunismus zu stark als VerlÀngerung des Kapitalismus. Das ist ihr Makel.

Sie erhalten die bĂŒrgerliche Trennung zwischen ProduktionssphĂ€re und KonsumtionssphĂ€re aufrecht. Schon Das kommunistische Manifest unterscheidet das kollektive Eigentum an den Produktionsmitteln und die persönliche Aneignung von KonsumgĂŒtern. Es wird dort hoch und heilig geschworen, dass man nur vergesellschaften will, was schon gemeinschaftliches und gesellschaftliches Eigentum ist: die Instrumente der kapitalistischen Produktion. In der Kritik des Gothaer Programms wird weiterhin der verhĂ€ltnismĂ€ssige individuelle und familiĂ€re Konsum der gelieferten Arbeitszeit und dem produktiven und gesellschaftlichen Konsum entgegengesetzt. Nichts wird ĂŒber die Art und Weise gesagt, wie letzterer organisiert werden wird.

Es herrscht Verwirrung ĂŒber die Verteilungsweise der Produkte und ihr Wesen als „KonsumgĂŒter“ oder Produktionsinstrumente. Es gibt einerseits die Individuen und andererseits die Gesellschaft, auf abstrakte Art und Weise konzipiert. Es gibt isolierte Individuen, solche in Gruppen oder in einer Kommune, die sich gegenĂŒberstehen und sich organisieren.

In Wirklichkeit verschwindet die dem Individuum entgegengesetzte Gesellschaft, wenn der Staat oder der Firmenchef als ReprĂ€sentanten des „allgemeinen Interesses“ verschwinden. Es gibt nur noch isolierte Menschen, solche in Gruppen oder Kommunen, die sich auf die eine oder andere Weise organisieren. Ein Individuum bekommt womöglich eine Werkzeugmaschine und ein Quartierkomitee einige Tonnen Kartoffeln zugewiesen.

Die Trennung zwischen einerseits der Arbeitskraft, den getrennten Individuen, und des gesellschaftlichen und kollektiven Kapitals andererseits verschwindet. Man kann sich zu ihrer Aufrechterhaltung nicht auf die Notwendigkeit der VergĂŒtung in einer Übergangsphase berufen. Es ist im Gegenteil die Verteidigung dieser Notwendigkeit bei Bray oder Marx, welche die Grenzen einer Epoche, die Unreife des Kommunismus widerspiegeln.

Trotz kritischen und zutreffenden Bemerkungen bleibt Marx vom Fetischismus der Zeit beherrscht. Entweder macht er daraus einen ökonomischen oder einen ausserökonomischen Massstab: „Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des Reichtums.“ [8]

Die Arbeitszeit ist die Grundlage der freien Zeit. Die Herrschaft der Freiheit kann nur auf der Herrschaft der Notwendigkeit grĂŒnden.

Der Irrtum besteht nicht darin, in der kĂŒnftigen Gesellschaft weiterhin Notwendigkeit, Aufopferung und Produktion zu sehen. Er besteht darin, all das zu bĂŒndeln, das Etikett falls möglich zu reduzierende „Arbeitszeit“ darauf zu kleben und es allgemein der freien Zeit entgegenzustellen.

Marx sagt in der Kritik des Gothaer Programms, dass die Arbeit eines Tages zum ersten der LebensbedĂŒrfnisse wĂŒrde. Die stalinistischen AnfĂŒhrer versĂ€umten es nicht, sich die Formulierung in einem abscheulichen Sinn zunutze zu machen. Es ist sowieso ein Widerspruch. Wird die Arbeit in der kommunistischen Gesellschaft zu einem Aufwand oder einer Befriedigung? Ist es somit notwendig, die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren oder, im Gegenteil, soviel Arbeit wie möglich hervorzubringen, um die Nachfrage zu befriedigen? Die Arbeit kann nur in der kapitalistischen Gesellschaft als erstes der LebensbedĂŒrfnisse erscheinen, als einziges Mittel, um die anderen zu befriedigen. Nur in ihr kann sie sowohl gehasst, als auch eingefordert werden.

Phantastisch

Der Massstab der Arbeitszeit ist eine phantastische Sache.

Jegliche produzierende TĂ€tigkeit mit der fĂŒr sie notwendigen Zeit messen zu wollen, bedeutet, alle FlĂŒssigkeiten einzig durch ihr Volumen messen und vergleichen zu wollen. NatĂŒrlich braucht jede TĂ€tigkeit eine gewisse Zeit, genau wie jede FlĂŒssigkeit ein gewisses Volumen beansprucht. Das ist nicht unbedeutend. Eine einen Liter fassende Wasserflasche kann auch einen Liter Wein enthalten. Doch wer wĂŒrde es wagen, davon abzuleiten, dass eine Flasche Wasser unter jedem Umstand den gleichen Wert wie eine Flasche Wein, Alkohol, Grenadinsirup oder SalzsĂ€ure hat? Das kann allenfalls nur vom bornierten Standpunkt aus von jenem gĂŒltig sein, der sie lagert.

Die Zeit ist die einzige objektive Sprache, in welcher sich die schaffende BemĂŒhung des Leibeigenen oder des Arbeiters ausdrĂŒcken kann, betrachtet vom Standpunkt des Ausbeuters. Das bedeutet Ă€usserer Massstab, Kontrolle und Antagonismus. Die Dauer und die IntensitĂ€t der TĂ€tigkeit verdrĂ€ngen ihr Wesen und ihre besondere MĂŒhsamkeit, sie tendieren dazu, unterschiedslos zu werden. Die SubjektivitĂ€t des Erduldeten wird auf dem Altar des objektiven Massstabs geopfert. Die Schöpfung und das Leben sind der Produktion und der Wiederholung unterworfen.

Die Messung durch die Zeit ist Ă€lter als das Handelssystem. Statt dass er ihm diese oder jene Menge eines gewissen Produkts liefert, stellt der Ausgebeutete dem Ausbeuter einen Teil seiner Zeit zu VerfĂŒgung. So wie die Fronarbeit zur Zeit des Feudalismus. Das Verfahren ist im System der Inka bemerkenswert entwickelt. Es ist ein Beispiel eines grossen landwirtschaftlichen Reichs, das durch eine BĂŒrokratie vereinigt ist, die das Geld nicht kennt. Die Leistungen werden in Form von auf diesem oder jenem Landgut verbrachten Arbeitstagen erbracht. Das fĂŒhrt zu einer grĂŒndlichen Buchhaltung.

In den Bauern- und Dorfgemeinschaften geht man an einem Tag wÀhrend der Ernte zur anderen und umgekehrt. Der Bauer und der Schmied tauschen ihre Produkte auf der Grundlage der Produktionszeit. Die TÀtigkeit des Kindes wird im VerhÀltnis zu jener des Erwachsenen evaluiert. Man kann in diesen Praktiken den Ursprung des Gebrauches der Zeit als universellen Massstab und der Unterwerfung des Planeten unter die Handelsökonomie sehen. Allerdings nur den Ursprung. Diese marginalen Praktiken sind eher gegenseitige Hilfe denn Handel. Die gemessenen TÀtigkeiten sind wesensgleich und konkret vergleichbar. Die Messung durch die Zeit ist nicht unabhÀngig vom gemessenen Inhalt.

Die Messung durch die Zeit hat mit der parallelen Entwicklung des Handelssystems und der Arbeitsteilung ihren phantastischen Charakter erlangt. Sie entkoppelt sich vom Inhalt der TĂ€tigkeit, umso mehr er sich diversifiziert.

Die Bewegung verschÀrft sich, als der Tausch in die ProduktionssphÀre eindringt. Die Messung durch die Zeit entwickelt sich in Verbindung mit der Tendenz zur Einsparung von Arbeitszeit. Es muss so viel wie möglich so schnell wie möglich produziert werden. Die Möglichkeit der Messung durch die Zeit ist nicht unabhÀngig von der Komprimierung der menschlichen TÀtigkeit in die kleinstmögliche Zeiteinheit. Die Arbeit bringt nicht nur die Ware hervor, sondern die Ware bringt die Arbeit durch den Despotismus der Fabrik hervor.

Dadurch erscheint die Messung durch die Zeit nicht mehr in ihrer NaivitÀt, sie versteckt sich hinter dem Geld und rechtfertigt sich durch finanzielle Notwendigkeiten.

Die bĂŒrgerlichen Ideologen, besonders jene, welche sich auf den Heiligen Marx berufen, projizieren diesen Fetischismus der Zeit und der Produktion auf die gesamte menschliche Geschichte. Sie wird reduziert auf einen unaufhörlichen Kampf, um Zeit zu gewinnen. Die Wilden sind wild geblieben, weil sie aufgrund der Tatsache, dass sie von ihrer schwachen ProduktivitĂ€t beherrscht waren, nicht die notwendige Zeit zur Akkumulation eines Überschusses fanden. Die Zeit ist rar, man muss darin die TĂ€tigkeit so dicht wie möglich komprimieren.

Weit davon entfernt, nur daran zu denken, Zeit zu gewinnen, wĂŒrden sich die Wilden eher darum kĂŒmmern, sie so effizient wie möglich zu verschwenden. Man findet bei ihnen hĂ€ufig einen gleichgĂŒltigen Charakter. Abgesehen von einigen Jagdinstrumenten kĂŒmmern sie sich kaum darum, GĂŒter auf die Seite zu legen.

Im 18. Jahrhundert sieht Adam Smith davon ab, den Wert bezĂŒglich der Neuzeit auf die Arbeitszeit zu grĂŒnden. Doch er sieht diesen Arbeitswert in jenen Urgesellschaften am Werk, wo die Dinge noch nicht kompliziert geworden sind.

Er stellt sich vor, dass die JÀger ihr verschiedenes Wildfleisch austauschen wollen. Auf welcher Grundlage können sie dies tun, wenn nicht auf jener der Arbeitszeit, auf Grundlage der notwendigen Zeit, um die Tiere zu erwischen? Das setzt eine ökonomistische und hÀndlerische MentalitÀt dort voraus, wo die Regeln des Teilens und die gegenseitigen Verbindungen vorherrschen.

Gehen wir jedoch davon aus, dass der Handel bereits existierte oder dass die Wilden rational entschieden, ihre KrĂ€fte zur gĂŒnstigsten Erwerbung von Fleisch aufzuwenden. Werden sie ihr System auf der notwendigen Arbeitszeit grĂŒnden?

Bei der Jagd gibt es Freuden und Gefahren, welche die verbrachte Zeit nicht ausdrĂŒckt. Was ist ein auf die LĂ€nge der Jagd gegrĂŒndeter Vergleich zwischen Löwe und Antilope wert, ohne das unterschiedliche Risiko in Betracht zu ziehen? Einige Arten der Jagd können lĂ€nger dauern, aber sicherer, weniger ermĂŒdend, weniger gefĂ€hrlich, mehr oder weniger grausam sein.

Wenn sie jedoch darauf beharren wĂŒrden, diese Art der Messung zu praktizieren, könnten sie es? Es ist ziemlich schwierig, prĂ€zise die Zeit zu bestimmen, die es braucht, um dieses oder jenes Wildtier zu erlegen. Wenn man systematisch das von diesem bornierten Standpunkt aus rentabelste Fleisch jagt, lĂ€uft man schnell Gefahr, die Situation und die notwendige Jagdzeit zu modifizieren. Man bricht sowieso hĂ€ufig auf, um den Damhirsch zu jagen, und kommt dann mit Hasen zurĂŒck. Es ist nutzlos, das zu programmieren, was nicht programmierbar ist.

Wird man uns sagen, dass das nicht mehr fĂŒr unsere zivilisierte Epoche gilt, dass die Jagd eine sehr besondere produktive TĂ€tigkeit ist? Das ist ein Irrtum. Die Allgegenwart des Tausches kaschiert die RealitĂ€t vor uns. Die Messung durch die Arbeitszeit steht nicht ĂŒber den UnwĂ€gbarkeiten, den menschlichen Risiken, der Aufzehrung der Rohstoffe. Diese Probleme sind nicht den Wilden eigen, sie betreffen jede Gesellschaft. VerdrĂ€ngt von der Logik des Kapitals, treten viele davon umso stĂ€rker wieder zutage.

Die Messung durch die Zeit berĂŒcksichtigt die Auswirkungen auf die Umwelt und die MĂŒhsamkeit der TĂ€tigkeit nur indirekt. Kann man sie mit dem Kommunismus benutzen, indem man die VerĂ€nderung oder die Zerstörung einer Landschaft, die Ausschöpfung einer Mine, die Produktion von Sauerstoff eines Waldes in ihre Sprache ĂŒbersetzt? Die einer Produktion zugehörigen Vor- oder Nachteile wĂŒrden in Bezug auf die virtuell eingesparte oder aufgewandte Arbeitszeit eingeschĂ€tzt. Es wĂŒrde den Kapitalismus an AbsurditĂ€t ĂŒbertreffen, wenn man offen und bewusst Gebrauchswerte, Eigenschaften auf Arbeitswert reduziert. Wie soll man den Wert einer Landschaft einschĂ€tzen, anhand des notwendigen Aufwands, um sie peinlich genau nachzubilden? Zu diesem Preis wĂ€re nicht mehr viel rentabel.

Um den unterschiedlichen Wert zwei gleicher Arbeitsperioden mit verschiedenen Risiken und ungleicher MĂŒhsamkeit einzuschĂ€tzen, soll man sie anhand des gleichen Massstabs vergleichen? Eine Stunde Mauerbau wĂŒrde gleich viel kosten wie eineinhalb Stunden Schreinerhandwerk. Entweder wĂŒrde man davon ausgehen, dass der Unterschied dem notwendigen Zeitaufwand fĂŒr die Gesundheitsversorgung des Maurers, der WĂ€sche seiner Kleider entspricht, oder man sieht davon ab, alles auf einen Aufwand an Arbeitszeit zu reduzieren, doch wie wĂŒrde man dann die den unterschiedlichen Wert oder die unterschiedliche MĂŒhsamkeit der verschiedenen Arbeiten ausdrĂŒckenden Koeffizienten erstellen? Wieso sollte man ĂŒbrigens objektive Koeffizienten erstellen, obwohl diese Unterschiede von den Bedingungen und dem Rhythmus der TĂ€tigkeit und den Vorlieben der Beteiligten abhĂ€ngen?

Sobald die Arbeiter loslegen, laufen die AnhĂ€nger der Messung durch die Arbeitszeit oder der VergĂŒtung entsprechend der Arbeitsstunden Gefahr, die Kontrolle zu verlieren. Wenn die TĂ€tigkeit nicht mehr komprimiert sein wird, wird sich ihr Wesen Ă€ndern und sie wird sich ausweiten. Die Menge und die Art der Produktion werden nicht mehr entsprechend der konsumierten Arbeitsdauer evaluiert werden können. Einer, der nicht lange bleiben wird, wird trotzdem genug produzieren, ein anderer, der seinen Tag dabei verbringt, wird fast nichts tun. Wenn von der VergĂŒtung behauptet wĂŒrde, sie stĂŒtze sich auf die PrĂ€senzzeit, wĂŒrde sie entweder seriöse Aufseher benötigen oder schnell zu einer Anstiftung zur Faulheit verkommen.

Die Tatsache, dass Arbeiter sich einigen, um eine gewisse Produktion zu garantieren oder eine gewisse Anzahl Stunden pro Tag produktiven Aufgaben zu widmen, ist eine Frage der praktischen Organisation, die nicht direkt mit der Bestimmung des Preises des Produzierten zusammenhÀngt. In dieser Fabrik wird man zweimal mehr Zeit brauchen als in jener, um Dinge zu produzieren, deren Kosten gleich sein werden.

Man kann freilich von gesellschaftlicher Aufteilung der Arbeitszeit sprechen, ĂŒber welche die Gemeinschaft verfĂŒgt. Aber man sollte nicht vergessen, dass die Zeit nicht eine Materie ist, die mit dem Schöpflöffel verteilt werden kann. Es werden die Menschen sein, die da- oder dorthin gehen, sich um diese oder jene Aufgabe kĂŒmmern werden. Sobald die verfĂŒgbare Zeit nicht ausserordentlich selten und dafĂŒr bestimmt ist, absolut notwendige BedĂŒrfnisse zu befriedigen, wird es Aufgaben geben, die dringender sind als andere, Menschen, die es eiliger haben als andere.

Mit dem Kapital muss der Preis, der Aufwand an Arbeitskraft von ihrem Resultat entkoppelt werden, von der Arbeit, die keinen Wert hat. Diese Entkoppelung hat im Kommunismus keinen Sinn mehr. Man kann nicht mehr die Arbeitskraft von der Arbeit, den Menschen von seiner TĂ€tigkeit trennen.

Das bedeutet allen voran, dass es keinen Mehrwert mehr gibt, nicht einmal mehr fĂŒr die Gemeinschaft beanspruchter Mehrwert in einer neuen Form des gesellschaftlichen Überschusses. Man kann nicht mehr von Akkumulation sprechen, auch nicht von Expansion, ausser als physische Grösse. Es ist absurd, von sozialistischer Akkumulation zu sprechen, auch wenn man zu einem gewissen Zeitpunkt mehr Stahl oder Bananen als vorher produziert, auch wenn man mehr gesellschaftliche Zeit der Produktion widmet. Diese Bewegungen Ă€ussern sich nicht mehr als Wert, auch nicht als aufgewandte Zeit.

Weiter bedeutet es, dass die Arbeit, die im Kapitalismus keinen Wert hat, im Kommunismus einen Wert erlangt. Dieser erlangte Wert ist weder moralisch noch hĂ€ndlerisch. Er ist nicht gleichbedeutend mit einer Lobrede auf die Arbeit, er drĂŒckt im Gegenteil ihre Überwindung aus.

Die Arbeit, Quelle des Werts, ist eine unverĂ€nderliche Grösse. Man spart sie ein, doch ihr Charakter wird nicht in Frage gestellt. Im Kommunismus unterscheidet sich diese oder jene TĂ€tigkeit nicht mehr von der MĂŒhe, welche die sie praktizierenden Menschen empfinden. Die Arbeiten haben nicht alle die gleichen menschlichen Kosten. Es geht darum, jene zu entwickeln, welche am wenigsten kosten.

Wenn man sich in der kapitalistischen Gesellschaft vom Standpunkt des Kapitals entfernt und jenen des Arbeiters einnimmt, kostet die Arbeit auch. Eine gewisse Stelle ist dieser oder jener vorzuziehen. Am Abend fĂŒhlt man die MĂŒdigkeit oder seine Entnervung. Doch letztendlich sind die Unterschiede gering. Die Arbeit wird immer als mehr oder weniger verlorene Zeit betrachtet. Man mĂŒht sich kaum ab an der Berechnung der Langeweile oder des gesundheitlichen Verfalls. FĂŒr den Arbeiter ist der Lohn der Preis fĂŒr all diese Scheisse. Man weiss, dass es eine Mystifizierung und der Lohn nicht anhand der gelieferten BemĂŒhung oder der erduldeten Langeweile bestimmt ist.

Die Überlegenheit des Kommunismus liegt in der Tatsache, dass er sich nicht damit begnĂŒgt, die „KonsumbedĂŒrfnisse“ zu befriedigen. Er widmet sich der Transformation der produktiven TĂ€tigkeiten, der Arbeitsbedingungen, wenn man so will. Die Wahl der Investitionen ist nicht zuerst durch die Einsparung an Arbeitszeit bestimmt, obwohl die Schnelligkeit der AusfĂŒhrung eine Rolle spielen kann. Es geht darum, dass, indem die Bedingungen hervorgebracht werden, unter welchen die TĂ€tigkeit stattfinden wird, man die angenehmsten unter ihnen begĂŒnstigt. Die Bestimmung der Bedingungen der TĂ€tigkeit ist nicht gleichbedeutend mit der Bestimmung der TĂ€tigkeit, dem Verhalten der Produzenten selbst. Der Produzent bleibt Meister seiner Tat, doch er handelt aufgrund von gewissen Bedingungen, abhĂ€ngig von gewissen ZwĂ€ngen, die man beeinflussen kann.

Die Hervorbringung der Instrumente und des Rahmens der Produktion erlaubt diese Transformation der menschlichen TĂ€tigkeit. Die Entwicklung der Technologie kann in eine mehr oder weniger gĂŒnstige Richtung fĂŒr die Produzenten orientiert werden. Diese oder jene Art der Maschine oder Kombination an Maschinen erlaubt es den Benutzern, weniger erschöpft, weniger abhĂ€ngig von einem Produktionsrhythmus zu sein. Man kann die Eigenschaften, welche es den Menschen erlauben, im Produktionsprozess so frei wie möglich zu sein, systematisch entwickeln.

Man erzĂ€hle uns nicht, dass die persönlichen Vorlieben, die SubjektivitĂ€t es verhindern, jede Entscheidung objektiv zu machen. Es existieren allgemeine Konstanten. Zudem behaupten wir nicht, dass die Kriterien eine universelle GĂŒltigkeit haben sollten. Sie werden je nach Epochen und Situationen variieren. Die Menschen werden sich absprechen, um zu bestimmen, was am ehesten angebracht ist. Die unterschiedlichen Vorlieben und der Wille zum Experiment können zur Entwicklung von verschiedenen Wegen fĂŒr ein Ă€hnliches Ziel fĂŒhren.

Die EinschĂ€tzung der Kosten kann nicht auf die Notwendigkeit des Gleichgewichts der „Einnahmen und Ausgaben“ reduziert werden. Das Gleichgewicht muss als dynamisches Gleichgewicht konzipiert werden. Ausgehend von den vom Kapitalismus geerbten Bedingungen geht es darum, sich fĂŒr eine gewisse Art der Entwicklung zu entscheiden. Sind die vereinbarten Kosten fĂŒr diese oder jene produktive Struktur, diesen oder jenen Lebensrahmen gerechtfertigt? Rechtfertigt die Automatisierung einer gewissen Produktionseinheit die nötigen BemĂŒhungen zur Fabrikation automatischer Maschinen? Die Logik der Einsparung der Arbeitszeit, welche die Konstruktion von Situationen in der kapitalistischen Welt organisiert, ĂŒberlĂ€sst ihren Platz einer anderen Logik. Eine Logik, die nicht mehr ausserhalb jener Menschen liegt, welche sie umsetzen. Die Menschheit organisiert und herrscht abhĂ€ngig von ihren BedĂŒrfnissen, Situationen zu konstruieren. In diesem Sinn wird sie situationistisch.

Lift oder Treppe?

Man sollte hinter dem wirtschaftlichen Begriff der Kosten jene alltÀglichere und banale Logik wiederfinden, welche er verschleiert.

Alle stellen sich die Frage, ob das, was man unternimmt, sinnvoll ist oder nicht. Rechtfertigt das erwartete Resultat den Aufwand oder das Risiko? Gibt es gĂŒnstigere, d.h. angenehmere Mittel, um ein Ă€hnliches oder genug befriedigendes Resultat zu erhalten?

WĂŒrde diese Art von Frage von der Ökonomie abhĂ€ngen, gĂ€be es nur noch Ökonomen oder Manager. Die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme sind in Wirklichkeit ein besonderer und eher merkwĂŒrdiger Fall einer allgemeineren Problematik.

Die spontane und naive Berechnung der Kosten gab es schon lange vor dem Kapitalismus. Sie besteht neben der ökonomischen SphĂ€re fort, obwohl unsere Entscheidungen kontinuierlich finanzielle Notwendigkeiten berĂŒcksichtigen mĂŒssen. Was sie charakterisiert, ist die Tatsache, dass sie ohne monetĂ€ren Umweg auskommen und nicht auf zeitliche Kriterien reduziert sind.

Die Grenze der KosteneinschÀtzung ist vielleicht sogar kein Privileg der menschlichen Gattung. Die zögernde Taube, bevor sie die offerierten Körner picken kommt, tut es auf ihre Art. Die Tatsache, dass sie sich tÀuschen und im Kochtopf landen kann, Àndert daran nichts. Die EinschÀtzung schliesst den Irrtum nicht notwendigerweise aus.

Die Entscheidung des Vogels hÀngt mehr vom Instinkt und der Gewohnheit ab als von etwas anderem. Bei den menschlichen Wesen sieht die Sache anders aus.

Das Individuum, das sich im Erdgeschoss eines GebĂ€udes befindet, ein gewisses Stockwerk erreichen muss und die Wahl hat zwischen dem Lift und der Treppe, ist mit einem Kostenproblem konfrontiert. Vielleicht wird es eine Stunde ĂŒberlegen, vielleicht mechanisch entscheiden, ohne lange nachzudenken.

Das Problem ist einfach, wenn man es auf die drei angebotenen Lösungen beschrĂ€nkt: der Lift, die Treppe oder die Aufgabe. Es wird komplizierter, wenn man jene Elemente berĂŒcksichtigt, welche bewusst oder nicht die Entscheidungsfindung beeinflussen. Welches Stockwerk muss erreicht werden? Weiss man es? Ist dieser Mensch in guter Gesundheit? Alt? MĂŒde? KrĂŒppel? Wie hoch sind die Stufen? Wie steil ist die Treppe? Wie schnell und effizient der Lift? Wie dringend ist das alles?

Die getroffene Entscheidung wird nicht ökonomisch sein. Sie wird subjektiv, direkt und mit einer konkreten Situation verbunden sein. Sie ist nicht monetĂ€r. Es geht nicht darum, herauszufinden, welche Lösung kostspieliger ist, unter der Bedingung natĂŒrlich, dass der Lift nicht, wie es manchmal vorkommt, kostenpflichtig ist und jemand schon fĂŒr sein Funktionieren bezahlt hat. Die Schnelligkeit der AusfĂŒhrung kann die Entscheidung beeinflussen, sie wird vielleicht bestimmend werden können, doch das ist nicht mit der Situation verbunden. Die Zeiteinsparung wird ĂŒberhand nehmen, wenn wir unglĂŒcklicherweise auf die Feuerwehr gestossen sind. Sie wird es vielleicht vorziehen, ihre grosse Leiter zu benutzen.

Wie kann man das auf die Wirtschaft anwenden, was eben genau ausserhalb der ökonomischen SphĂ€re bleibt? Es ist ein falsches Problem. Die wirkliche Frage ist hingegen, herauszufinden, ob wir ĂŒber die Wirtschaft hinausgehen und sie als getrennte SphĂ€re auflösen können.

Es geht darum, die Wirtschaft aus der Welt zu schaffen. Das wird nicht möglich, weil wir plötzlich entdecken, dass wir die aktuellen Methoden mit einfacheren und direkteren Verfahren ersetzen können. Paradoxerweise ist es die Entwicklung der Wirtschaft, die Vergesellschaftung der Produktion, die unglaubliche AbhÀngigkeit der Unternehmen voneinander, die Ausarbeitung von Methoden der wirtschaftlichen Prognose und Berechnung, welche diesen Bruch erlauben.

In der Zukunft werden die unsere Entscheidungen bestimmenden Prinzipien genau so einfach und transparent sein, wie jene, welche wir kontinuierlich praktizieren. Es wird darum gehen, die BemĂŒhungen, die Anstrengungen und die AufwĂ€nde zu reduzieren. Es wird nicht an sich das Ziel des gesellschaftlichen Lebens sein, sondern eine Tendenz, abhĂ€ngig von den jeweiligen Projekten. Vielleicht werden wir uns sehr schwierige und gefĂ€hrliche Aufgaben geben, doch wir werden uns bemĂŒhen, sie zu vereinfachen. Ein Team von Bergsteigern kann sich einen schwierigen Gipfel zum Ziel setzen, ohne dass es akzeptieren wĂŒrde, ihn mit nackten HĂ€nden zu besteigen.

Einfache Prinzipien sind nicht immer gleichbedeutend mit leichten Methoden und Lösungen. Die Schwierigkeiten entstehen aus dem Wesen und der KomplexitĂ€t der zu regelnden Probleme selbst. Vielleicht werden sie auch aus der Unangemessenheit der Berechnungsmethoden in Bezug auf die zu berechnende Sache oder aus der Schwierigkeit der Bestimmung der Entscheidungskriterien entstehen. Die Gefahr des Irrtums, die Notwendigkeit, sich mit AnnĂ€herungen zu begnĂŒgen, sind diesbezĂŒglich keine Verurteilung. Es wird ohnehin in Anbetracht des vorhergehenden Stadiums keinen RĂŒckschritt darstellen.

Was heute fĂŒr die Benutzung der Treppe oder des Lifts gilt, wird morgen fĂŒr ihre Produktion und ihre Installation gelten. Die objektiven ZwĂ€nge, zwischen welchen der Benutzer sich bewegt, werden nicht mehr wirtschaftlich bestimmt sein.

Ist es besser, eine Treppe, einen Lift, beides oder ĂŒberhaupt nichts zu bauen? Diese Fragen implizieren viele andere. Lohnt es sich, hinaufzugehen? Ist dieses BedĂŒrfnis wichtig und hĂ€ufig genug, dass es den notwendigen Aufwand fĂŒr eine Treppe, einen Lift, ein Seil oder den Arschtritt zur Erreichung des gewĂŒnschten Stockwerkes rechtfertigt? Man kann die Perspektive Ă€ndern. Sollte man in Anbetracht der Kosten eines Lifts hohe GebĂ€ude bauen? Oder sollte man im Gegenteil, in Anbetracht des VergnĂŒgens, Lifte zu fabrizieren, etliche Wolkenkratzer bauen?

Die Liste der offenen Fragen ist praktisch endlos. Genau das scheint entmutigend zu sein. In Wirklichkeit werden wir uns nur eine beschrĂ€nkte Anzahl davon stellen. Viele werden schlichtweg durch den gesunden Menschenverstand beiseite geschoben. Unsere Bergsteiger werden fĂŒr ihre Expedition keinen Lift verlangen können. Jede Entscheidung wird anhand einer konkreten Situation getroffen, in welcher etliche Fragen alleine schon durch die Tatsachen geregelt worden sind. Die Gewohnheit spielt uns Streiche, aber erspart uns auch Ärger. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Mensch, der sich im Erdgeschoss des GebĂ€udes befindet, sich auf sie gestĂŒtzt hat. Die EinschĂ€tzung der Kosten wird bedeutend, wenn man mit einer neuen Situation konfrontiert ist, wenn man einen neuen Produktionsprozess angeht. Das Problem der Fabrikation und der Installation eines Lifts und einer Treppe könnte ein gĂ€ngiges Problem sein, das anhand von bekannten Elementen gelöst wird. Ein etwas besonderer oder neuer Fall wird als Modifikation einer klassischeren Situation behandelt werden.

Es existiert eine Hierarchisierung der Lösungen. Wenn man ĂŒber die Baustelle eines GebĂ€udes entscheidet, werden die ungefĂ€hr bekannten Kosten der Aufstiegsmittel wahrscheinlich sekundĂ€r sein. Wenn die Entscheidung einmal getroffen ist, wird die Treppe, der Lift oder beides gebaut werden mĂŒssen. Die ĂŒbrigbleibenden Entscheidungen werden die Art und QualitĂ€t des Materials betreffen. Auch diese Entscheidungen werden nicht absolut getroffen, sondern anhand der wirklich ausgewĂ€hlten und entwickelten Produkte und Techniken in diesem Gebiet. Jede Entscheidung tendiert dazu, die optimale Lösung zu wĂ€hlen, doch jede Entscheidung wird anhand einer gewissen Anzahl von ZwĂ€ngen getroffen. Die optimale Lösung selbst lĂ€uft Gefahr, ein Kompromiss zwischen den Interessen der verschiedenen betroffenen Gruppen zu sein.

Das Ende der Aufteilung der Wirtschaft in konkurrierende Unternehmen bedeutet nicht, dass die gesamte gesellschaftliche Produktion nur noch ein einziges koordiniertes Ensemble bildet, wo jede AktivitĂ€t unmittelbar im Dienst einer anderen steht, wo es nur ein einziges gemeinsames Interesse gĂ€be und die KosteneinschĂ€tzung direkt auf einer globalen Ebene gemacht wĂŒrde. Aus menschlichen und technischen GrĂŒnden werden sich die Produzenten in Gruppen aufteilen, deren Interessen zwar nicht mehr antagonistisch sein werden, aber deren Meinungen verschieden sein können. Auch wenn die Individuen von einer BeschĂ€ftigung, Werkstatt oder Baustelle zu einer anderen wechseln, auch wenn die Gruppen nicht permanent sind, wird die zeitliche und rĂ€umliche Aufteilung fortbestehen.

Der Bau eines GebĂ€udes impliziert den Einsatz verschiedener BerufsstĂ€nde. Man kann sich vorstellen, dass im Kommunismus der Architekt zum Handlanger, Maurer oder Maler wird. Das wird nicht die Aufteilung der Menschen in verschiedene Teams und verschiedene Phasen der Arbeit verhindern, vor allem wenn der Bau wichtig ist. Die Erbauer werden gezwungen sein, Ă€ussere UnterstĂŒtzung hinzuzuziehen. Sie werden vielleicht Hilfe oder RatschlĂ€ge brauchen. Allen voran werden sie Maschinen und Materialien besorgen mĂŒssen.

Wie sollte man die Kosten dieser von aussen kommenden Produkte kennen und einschĂ€tzen? Die Erbauer können versuchen, ihre Aufgabe zu vereinfachen, wenn es um die Aufteilung und den Gebrauch ihrer eigenen KrĂ€fte und FĂ€higkeiten geht. Doch dies gilt nicht mehr, wenn sie auf VorrĂ€te zurĂŒckgreifen mĂŒssen, die sie nicht selbst angelegt haben. Irgendein Baustoff, deren Erstellung leichter ist oder den Benutzern des GebĂ€udes mehr Befriedigung bringt, kann jedoch aufgrund seiner Fabrikationskosten abgelehnt werden. In jeder Situation muss der erlangte Vorteil den Aufwand rechtfertigen, um Verschwendung zu vermeiden.

Die angewandten Produkte oder sogar Verfahren werden objektiv bekannte Kosten haben mĂŒssen. Aufgrund dieser Kosten werden die Benutzer eine rationale Entscheidung treffen.

Bedeutet das, dass jedes Produkt eine Etikette haben wird, worauf sein „Preis“ draufsteht? Wird die Hausfrau, die zum „Markt“ geht, Kohl und RĂŒben antreffen, die von einem bezifferten Indiz begleitet sind?

Das wĂ€re eine traurige Wiederholung der gegenwĂ€rtigen Situation. Allgemein wird jeder nehmen, was er braucht, solange es verfĂŒgbar sein wird und ihm keine dringendere Nachfrage als seine bekannt ist. Die Berechnung der Kosten ist allen voran eine Prognose und drĂŒckt sich direkt im Wesen und der Menge der angebotenen GĂŒter aus. Es braucht keine bezifferte Etikette, um Druck auszuĂŒben, wenn auch nicht auf den Geldbeutel, so doch zumindest auf die Absichten des Benutzers.

Es existieren verschiedene Sorten von Zement die aktuell, und wohl auch kĂŒnftig, verschiedene Produktionskosten haben. Es wĂ€re dumm, einen zweimal teureren Zement zu benutzen als jenen, der ausreicht. In der Regel reicht die sichtbare Natur des Produkts oder die es begleitende Gebrauchsanleitung zur Bestimmung des gewĂŒnschten Gebrauchs. Falls die Gefahr der Verwechslung besteht, wird es reichen, in den Gebrauchsanleitungen die Kostenunterschiede zwischen den verschiedenen Produkten zu prĂ€zisieren.

Im Moment lastet die tote auf der lebendigen Arbeit, die Vergangenheit auf der Gegenwart. Im Kommunismus sind die Kosten eines Produkts nicht der Ausdruck eines zu verwirklichenden Werts oder zu amortisierenden ArbeitsgerĂ€ts. Das bedeutet, dass die Kosten einer Sache nicht notwendigerweise den dafĂŒr erforderlichen Aufwand reprĂ€sentieren werden. Nicht einmal einen durchschnittlichen notwendigen Aufwand fĂŒr die Gesamtheit der Produkte ihrer Art.

Ein Produkt wird bestimmt sein durch die Kosten, die zu diesem Zeitpunkt nötig sind, um es zu ersetzen. Es gĂ€be keinen Grund, dass eine Steigerung oder Senkung der ProduktivitĂ€t sich als Unterschied zwischen den Produktionskosten und dem Verkaufspreis ausdrĂŒckt. Sie wĂŒrde unmittelbar als solche verzeichnet, auch fĂŒr die zuvor fabrizierten GegenstĂ€nde. Diese Variation könnte sich durch die Expansion der betroffenen Produktion ausdrĂŒcken, wenn sie rentabler wird. Die Steigerung der Investitionen hĂ€tte nicht grössere Profite als Grundlage.

Es kann Kostenunterschiede in der Produktion eines gleichen Produkts oder zweier Ă€hnlicher Produkte geben. Diese Unterschiede können vom fortwĂ€hrenden Gebrauch rĂŒckstĂ€ndigerer Fabrikationsverfahren als andere herrĂŒhren. HĂ€ufig werden sie von natĂŒrlichen Bedingungen bestimmt. Die landwirtschaftlichen ErtrĂ€ge sind sehr variabel, alle Minen nicht zwingend einfach nutzbar. Bedeutet das, dass Ă€hnliche Produkte verschiedene Kosten aufweisen oder sich durchschnittliche Kosten fĂŒr alle ergeben werden, genau wie sich heute tendenziell ein durchschnittlicher Marktpreis ergibt?

Es wird sehr wichtig sein, dass die Kostenunterschiede bekannt sind. Doch das wird die Benutzer dieser Produkte nicht tangieren. Es werden nicht die einen bestraft und die anderen begĂŒnstigt sein. Wir werden schlichtweg versuchen, so gĂŒnstige Fabrikationsverfahren wie möglich zu entwickeln.

Wenn eine Produktionssteigerung mit einer geringeren RentabilitĂ€t einhergeht, bedeutet das nicht, dass sie zwingend zu vermeiden ist. Nur schon, weil diese Verringerung der RentabilitĂ€t ein flĂŒchtiges und vorĂŒbergehendes PhĂ€nomen sein kann. Aber auch, weil anhand der Bedeutung der zu befriedigenden BedĂŒrfnisse beurteilt werden muss. So ist betreffend der Nahrungsproduktion eine Erhöhung hĂ€ufig gleichbedeutend mit einem geringeren Ertrag. Man bebaut weniger fruchtbares Land. Das ist kein Grund, einem Teil der Bevölkerung die Nahrung zu verweigern und sich in TĂ€tigkeiten zu stĂŒrzen, die eine Steigerung der RentabilitĂ€t mit sich bringen.

Die ErtrĂ€ge können ĂŒbrigens nur kurzfristig geringer sein. Aussaat in der WĂŒste ist nicht sehr vielversprechend, doch bedeutende Investitionen, die Einrichtung von BewĂ€sserungsverfahren und neue Anbaumethoden können viele Dinge Ă€ndern. Diese von der Sonne verbrannte WĂŒste einmal bewĂ€ssert oder jener Bauernhof mitten im Meer haben das Potenzial, traditionell fruchtbares Land in den Schatten zu stellen.

Was heute unausfĂŒhrbar scheint, wird morgen möglich sein. Die modernen Techniken werden die WĂŒsten fruchtbar machen, statt dem WettrĂŒsten zu dienen.

Vom Moment an, wo die Nachfrage nach einem Gut steigt, besteht die Gefahr, dass die Kosten fĂŒr die neu zu produzierenden Einheiten sinken oder steigen. Geringere Kosten werden tendenziell die Nachfrage nach diesem Produkt steigern. Wenn sie hingegen höher sind, wird man wissen mĂŒssen, wann die Kosten unerschwinglich werden. In diesem Fall muss bestimmt werden, ob diese Nachfrage beiseite geschoben werden oder sie im Gegenteil befriedigt werden muss, indem man andere Nachfragen aufgibt oder reduziert.

Berechnung

Wenn man komplexe Produktionen oder Projekte lanciert, wenn gewisse Entscheidungen eine Reihe anderer Entscheidungen beeinflussen, muss man fĂ€hig sein, vorherzusehen und zu berechnen, um sich fĂŒr die kostengĂŒnstigsten Verfahren zu entscheiden. Die Kosten werden hĂ€ufig langfristig geschĂ€tzt werden mĂŒssen. Ein kurzfristiger Gewinn oder mangelndes Studium können in der Zukunft sehr kostspielige Folgen haben.

Die Entscheidung fĂŒr diesen oder jenen Gleisabstand fĂŒr die Eisenbahn ist ein schwer umkehrbares Engagement. In diesem Fall wie in vielen anderen kann ein anfĂ€nglicher Mangel an Voraussicht viel weniger vernĂŒnftige Nutzungsbedingungen zur Folge haben.

Es geht auch darum, die technischen Faktoren zu bestimmen, welche die Produktion verschiedener Produkte miteinander verbinden. Die Produktion eines gewissen Baustoffes oder Gegenstandes impliziert notwendigerweise die Ausgabe anderer GĂŒter gemĂ€ss einem bestimmten VerhĂ€ltnis.

Es geht darum, die möglichen Ausgaben zu antizipieren, die Verwirklichung eines Projekts zu simulieren. Diese Vorausplanungen können betrÀchtliche Projekte betreffen, sei es hinsichtlich der nötigen Mittel, ihrer Dauer oder der zu erwartenden UnwÀgbarkeiten.

RĂ€umen wir ein, dass die Menschen die Ambition haben, einen unberĂŒhrten Planeten zu erreichen, zu erforschen und sich eventuell dort anzusiedeln. Eine solche Operation kann man nicht einfach unĂŒberlegt lancieren. Man muss die Möglichkeiten einschĂ€tzen und die Ausgaben vorausplanen.

Die erste EinschĂ€tzung der GĂŒltigkeit einer Sache wird von der Anzahl Individuen abhĂ€ngen, die einverstanden sind, sich daran zu beteiligen oder sie zu unterstĂŒtzen. Diese Anzahl wird vom Eindruck der Ernsthaftigkeit bestimmt, der vom Projekt und seinen AnhĂ€ngern ausgeht.

Ist das Projekt einmal aufgegleist, werden wir Entscheidungen treffen und sie miteinander kompatibel machen mĂŒssen. Sollen automatische Raketen oder bewohnte Raumschiffe im Mittelpunkt der Erforschung stehen? Sollen wir fĂŒr diese Raumschiffe eine Luft- oder SauerstoffatmosphĂ€re bevorzugen?

Diese Fragen sind heute technische Fragen, auf welchen finanzielle oder politische ZwĂ€nge lasten. Im Kommunismus gibt es nur noch technische Fragen, die auch menschliche Fragen sind. Die Debatte ĂŒber die bewohnten oder bewohnbaren automatischen Raketen betrifft das Niveau der Wissenschaft, den Komfort, den man den Kosmonauten geben will, die BaubemĂŒhungen, die Zukunft jedes Projekts


Die getroffenen Entscheidungen beeinflussen sich gegenseitig. Es ist allerdings nicht notwendig, dass alles im Vornhinein entschieden und geplant wird. Die ersten Entscheidungen geben dem, was folgt, eine Richtung, ohne jedoch alles detailliert zu definieren. Was wichtig ist, ist die Tatsache, dass wĂ€hrend jeder Etappe die getroffene Entscheidung falls möglich die beste ist und dass sie nicht in eine Sackgasse fĂŒhrt. Die Anzahl zu treffender Entscheidungen ist immens, doch sie mĂŒssen nicht alle gleichzeitig getroffen und können korrigiert werden.

Wieso sollten wir uns das Leben mit all diesen Dingen kompliziert machen? Im Kapitalismus wird all das automatisch geregelt.

Das stimmt ĂŒberhaupt nicht. Nur weil die Kosten zu monetĂ€ren Preisen werden und der Markt das Verhalten der Unternehmen sanktioniert, bedeutet das nicht, dass alles automatisch ist. Auf einer allgemeinen Ebene existiert eine Planung und Voraussicht, das gilt auch fĂŒr einigermassen bedeutende Unternehmen.

Alle Operationen werden nicht unmittelbar vom Markt sanktioniert. Diese Sanktion reprÀsentiert die letzte Etappe einer Gesamtheit an Ausgaben und Entscheidungen.

Falls möglich, muss die Entscheidung des Marktes antizipiert werden. Die mÀchtigen Unternehmen machen ihre Preise nicht mehr direkt von den Fluktuationen des Marktes abhÀngig, sondern tendieren dazu, einen optimalen Preis zu berechnen und durchzusetzen. Dieser Preis wird es nicht zwingend erlauben, am meisten Waren abzusetzen oder gar die GeldeintrÀge kurzfristig zu erhöhen. Er kann aufgrund einer globalen Strategie festgelegt werden. In den LÀndern des Ostens werden die Preise nun durch mathematische Mittel bestimmt.

Im Osten wie im Westen tendiert das Unternehmen dazu, sich vom Markt abzusetzen, um seine Strategie durch seine Preise durchzusetzen. Das ist nicht eine grundlegend neue Tendenz. Heutzutage wird sie verstÀrkt durch die Macht der Unternehmensgruppen, die technische Möglichkeit, ein Produkt zu individualisieren, und die Entwicklung der Methoden der wirtschaftlichen Berechnung. Die Konkurrenz und der Markt sind nicht abgeschafft worden. Ihre Wirkungen sind schlichtweg zeitversetzt und die Schlacht zwischen den Monopolen dreht sich nicht direkt und einzig um das Niveau der Preise.

Es ist wichtig, dass sich innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft und Unternehmen selbst EinschĂ€tzungs- und Berechnungsmethoden entwickeln, die im Kommunismus auf systematischere Art und Weise benutzt werden können. Die Entwicklung der Computer wurde von einer breiten Forschung in der Mathematik begleitet, welche zum Ziel hat, die Wirklichkeit zu reprĂ€sentieren und zu formalisieren, um Probleme betreffend Entscheidungen, Simulation und wirtschaftlicher Strategie zu behandeln. Sogar wenn es nicht mehr darum gehen wird, so gut wie möglich finanzielle Kriterien zu berĂŒcksichtigen und zu befriedigen, wird diese Forschung benutzt und entwickelt werden können.

Gemeinhin verlassen sich die Unternehmen nicht auf den Markt, um die Produktion der GĂŒter so rational wie möglich zu organisieren. Der Markt ist eine Sanktion fĂŒr ein Verhalten, aber nicht ein prĂ€ziser technischer Leitfaden fĂŒr dieses Verhalten.

„Stellen wir uns also einen Industriellen vor, der aus Blech eine maximale Anzahl an runden BehĂ€ltern herstellen möchte. Wenn er mit einem Ingenieur zusammenarbeitet, wird er unmittelbar das VerhĂ€ltnis Höhe/Durchmesser berechnen können, um den bestmöglichen Gebrauch des Metalls zu garantieren: Dieses VerhĂ€ltnis ist 1.103. Sonst wĂŒrde unser Industrieller ‚zufĂ€llige‘ Werte wĂ€hlen. Falls es aber zu einer Konkurrenz zwischen mehreren Unternehmen kommt, werden jene ruiniert sein, welche die schlechtesten Werte gewĂ€hlt haben. Die Hersteller werden also auf rein experimentellem Weg dazu gedrĂ€ngt – ohne zu wissen, warum – Werte zu benutzen, die sich immer mehr 1.103 annĂ€hern.“ [9]

Die „wissenschaftliche“ Rationalisierung dehnt sich auf die Organisation der Produktion und der Distribution selbst aus. Die Operationsforschung komplettiert die Gewohnheit und den gesunden Menschenverstand.

Schon 1776 machte sich der Mathematiker Monge das systematische Studium der gĂŒnstigsten Organisation der Aushub- und AufschĂŒttungsarbeiten zur Aufgabe. Das Resultat davon waren auch rein mathematische Werkzeuge.

Die auf die militĂ€rischen Operationen wĂ€hrend dem Zweiten Weltkrieg angewandte Operationsforschung entwickelte sich dank der Leistung der elektronischen RechengerĂ€te kontinuierlich weiter. Man benutzt sie fĂŒr Fragen des Wettbewerbs und der Reaktion zwischen Gegnern, PhĂ€nomene des Wartens, die Materialwirtschaft, die Voraussicht der Abnutzung und der Ersetzung der ArbeitsgerĂ€te, die Simulation


Es geht nicht um einfache Buchhaltung, sondern um Ableitung, ausgehend von der Analyse der Vergangenheit und der Gegenwart, um herauszufinden, was geschehen könnte und was wĂŒnschenswert sein wird.

Vergleiche

Im Kommunismus genau wie im Kapitalismus muss man vergleichen können, um die Kosten einzuschĂ€tzen und sich fĂŒr die besten Lösungen zu entscheiden. Wie soll man vergleichen?

Solange Geld existiert, d.h. ein universelles Äquivalent, ist alles einfach, denn jedes Gut sollte aufgrund dieses Normalmasses eingeschĂ€tzt werden können. Es existiert ein quantitatives VerhĂ€ltnis zwischen allen Produkten. Wenn man sich aber des Geldes und sogar der Messung der Arbeitszeit entledigen will, auf was soll man dann den Vergleich grĂŒnden? Was anderes kann man finden, das allen GĂŒtern gemeinsam ist und sie miteinander vergleichbar macht?

Es gibt kein anderes einheitliches und universell gĂŒltiges Normalmass. Wir werden also ohne es auskommen. Das wird Vergleiche nicht verhindern. Diese Vergleiche werden qualitativ sein und auf verschiedenen und variablen Kriterien grĂŒnden. Sie funktionieren nicht mehr anhand einer abstrakten und universellen Referenz. Sie werden mit konkreten Situationen und Zielen verbunden sein.

Was phantastisch ist, ist die Tatsache, dass verschiedene GĂŒter miteinander unabhĂ€ngig von ihrem eigenen Wesen Ă€quivalent sein können. Man kann verstehen, dass Nahrungsmittel aufgrund ihres Proteingehalts, ihres Gewichts, ihrer Frische verglichen werden können. Doch diese verschiedenen Kriterien erlauben es nicht, eine allgemeine Äquivalenz zu definieren.

Das BedĂŒrfnis nach einer allgemeinen Äquivalenz kann nicht von jenem nach Handel getrennt werden. Alle Dinge mĂŒssen von einem universellen Standpunkt aus verglichen werden können, weil sie zu austauschbaren GĂŒtern, wirtschaftlichen Werten geworden sind. Genau das muss verschwinden und genau das will der Traum oder der Albtraum der Messung durch die Arbeitszeit retten, indem er es verschleiert.

Sogar unter der Herrschaft des Kapitals können nicht alle Vergleiche auf Vergleiche des Werts reduziert werden. Die GĂŒter bleiben Gebrauchswerte. Das Urteil des KĂ€ufers betrifft den Preis, aber auch die NĂŒtzlichkeit und die QualitĂ€t des Produkts.

Wenn eine Hausfrau auf den Markt geht und sich zwischen einem Blattsalat und einem BĂŒndel Radieschen entscheidet, tut sie das anhand des Geschmacks ihres Schwiegersohnes, des Gerichts am Vortag, des Aussehens des Produkts, des Platzes, den sie in ihrem Korb noch hat
 Der Preis ist nur wirklich bestimmend, wenn zwei identische Produkte verschiedene Werte haben.

Die Vielzahl an zu berĂŒcksichtigenden Kriterien hindern die Hausfrau nicht daran, Vergleiche anzustellen und sich zu entscheiden. Ihr Urteil ist subjektiv. Es ist nicht universell gĂŒltig. Das bedeutet nicht, dass es in Anbetracht der betroffenen Situation irrational ist.

Wenn es darum gehen wird, sich zwischen verschiedenen Fabrikationsverfahren zu entscheiden, wird es freilich notwendig sein, dass sich ein allgemeineres EinverstÀndnis abzeichnet. Die Entscheidung wird weniger subjektiv sein, da sie unabhÀngig von der Laune des Moments getroffen werden muss und ihre Konsequenzen langfristiger sind.

GegenwÀrtig kommt es vor, dass die rein monetÀren EinschÀtzungen nicht entscheidend sind oder durch andere korrigiert werden. Die Gefahr bedeutender Variationen gewisser Preise im Verlauf der Zeit und die politischen Notwendigkeiten wirken den finanziellen Sichtweisen entgegen.

Nehmen wir die Frage der Atomkraftwerke. Neben den wirtschaftlichen Argumenten stehen ihnen ökologische, soziale und politische Standpunkte im Wege. Man spricht, hÀufig unaufrichtig, von Energieeffizienz, Problemen des Transports und der Lagerung der AbfÀlle, nationaler UnabhÀngigkeit, Schaffung und Reduzierung von ArbeitsplÀtzen.

In der kommunistischen Gesellschaft ist es nicht mehr notwendig, jeden Vergleich auf universeller Ebene anzustellen. Es genĂŒgt, die sich wirklich anbietenden Möglichkeiten zu bestimmen und jene zu bevorzugen, welche die schnellsten Resultate bringen, am sichersten, am wenigsten gefĂ€hrlich sind


Es ist wichtig, spontan eine Gesamtheit an stichhaltigen Kriterien zu bestimmen und anhand derselben direkt die denkbaren Lösungen miteinander zu konfrontieren. Es geht nicht so sehr darum, die Kriterien und Lösungen zu quantifizieren, sondern sie untereinander anzuordnen. Es herrscht die relative und qualitative Bedeutung vor.

Wir verlassen uns nicht auf die RechengerĂ€te, um alles zu regeln. Aber sie werden notwendig und brauchbar sein. „Zuerst konzipiert fĂŒr Operationen der Buchhaltung und die nachgĂ€ngige Verwaltung, auch gebraucht fĂŒr wissenschaftliche Berechnungen, wurden sie lange (zehn Jahre vielleicht
) als Instrumente betrachtet, die quantitative Resultate liefern sollen. Diese Eigenschaft transformiert sich nun. Dank der Methoden der Operationsforschung und besonders jener der Simulation fĂŒhrt die Akkumulation der Zahlen zu einem qualitativen Resultat: Man interessiert sich nicht mehr fĂŒr die exakten Zahlen, sondern fĂŒr ihre relative Bedeutung, wovon die Orientierung der Entscheidung abhĂ€ngt. Somit werden die RechengerĂ€te zu Mitteln der Betriebsplanung.“ [10]

Was vereinfacht und universalisiert werden muss, sind weniger die relevanten Entscheidungsfaktoren, denn die Lösungsverfahren, die Programme, welche es erlauben werden, eine Gesamtheit an Daten zu behandeln. In einem gewissen Sinn dĂŒrfte die ReprĂ€sentation der Wirklichkeit umso prĂ€ziser sein, je grösser die Anzahl an Kriterien ist.

Man kann sich vorstellen, was eine Debatte ĂŒber die Rolle der verschiedenen Energiequellen ergeben wĂŒrde. Eine bedeutende Anzahl an Daten mĂŒssten berĂŒcksichtigt werden. Man könnte nur dann ein einziges Kriterium benutzen, wenn man die VerstĂŒmmelung der Wirklichkeit akzeptiert. Die Entscheidungen werden auf globale Art und Weise anhand allgemeiner Faktoren getroffen werden mĂŒssen, aber auch auf lokale Art und Weise anhand der verschiedenen Ressourcen und BedĂŒrfnissen der Regionen.

Der Kommunismus schliesst rein quantitative Entscheidungen und Vergleiche nicht aus. Sie bleiben gĂŒltig, wenn ein einziges Entscheidungskriterium anhand der betroffenen Produkte reicht. Zum Beispiel, wenn es darum geht, eine gegebene Produktion auszuweiten oder zu reduzieren. Auch wenn die Einsparung des Aufwands einer quantitativen Einsparung im Gebrauch eines fĂŒr einen gleichen Gebrauch vorgesehenen Rohstoffs entspricht, wie im Fall der Konservendosen. Doch sogar in diesem Fall sollte diese Einsparung nicht als Einsparung von Arbeitszeit betrachtet werden, sondern schlichtweg als Einsparung an Material. Die Tatsache, dass sie sich als Reduzierung der Dauer der produktiven TĂ€tigkeit Ă€ussert, ist schlichtweg eine mögliche Folge davon.

MĂŒssen wir uns nicht vor diesem kommunistischen Rationalisierungswahn fĂŒrchten? LĂ€uft er nicht Gefahr, dem kapitalistischen Ausbeutungswahn zu Ă€hneln?

Heutzutage gehören Rationalisierung und Ausbeutung zusammen. Man tendiert dazu, den Menschen als einen Gegenstand zu betrachten, aus dem man so viel rausholen muss wie möglich. Man entwickelt unmenschliche Methoden, die nicht von technischen ZwÀngen abhÀngig sind: höllische Arbeitsrhythmen, Arbeit in zwei oder drei Teams. Die kapitalistische Rationalisierung, mag sie brutal oder sanft sein, ist immer mehr oder weniger gegen die Menschen gerichtet. Deshalb bleibt sie immer grundlegend irrational.

Die kommunistische Rationalisierung hat nicht die Durchsetzung eines Arbeitsrhythmus zum Ziel. Sie wird ihrem Wesen nach dazu tendieren, die Freiheit und die Befriedigung der Menschen zu vergrössern. Die Entscheidungsfindung und die AusfĂŒhrung werden nicht mehr von den Vorlieben und den Gewohnheiten der betroffenen Leute getrennt sein. Es gibt technische ZwĂ€nge, Notwendigkeiten der Produktion, die einen Einfluss auf die Art und die Dauer der TĂ€tigkeit haben werden. Doch das wird nichts mehr mit der Rentabilisierung des Humankapitals zu tun haben.

VI. Jenseits der Politik

Der Kommunismus ist nicht eine politische Bewegung. Er ist die Kritik des Staates und der Politik.

Die Absicht der RevolutionÀre ist nicht die Eroberung und die Nutzung der Staatsmacht, sondern ihre Zerstörung. Die Partei des Kommunismus prÀsentiert sich nicht wie eine politische Partei und hat nicht den Anspruch, diese Organismen zu konkurrieren.

Mit dem Aufbau der kommunistischen Gemeinschaft verschwindet jegliche politische TÀtigkeit als getrennte TÀtigkeit und Streben nach Macht um der Macht willen. Es gibt nicht mehr einerseits die Wirtschaft, die SphÀre der Notwendigkeit, und andererseits die Politik, die SphÀre der Freiheit.

Ende des Staates

Der Staatskult ist grundlegend antikommunistisch.

Er entsteht aus allen von der kapitalistischen Gesellschaft ausgelösten Defekten, SchwĂ€chen und Konflikten und wird paradoxerweise davon gestĂ€rkt. Er ist der oberste Retter. Der letzte Ausweg der Witwe und des Waisen. Nebenbei, obwohl er von sich behauptet, er stĂŒnde ĂŒber den Klassen, und sich als Garant des allgemeinen Interesses gegen private Exzesse prĂ€sentiert, ist er mit der Verteidigung des Eigentums und der Privilegien beschĂ€ftigt.

Es gab eine Epoche, wo die aufsteigende Bourgeoisie antistaatliche GefĂŒhle zeigte. Heute schmollt sie nur noch. Die Zeiten sind vorbei, wo die bĂŒrgerlichen RevolutionĂ€re behaupteten, dass die glĂŒcklichsten Völker jene ohne Staat seien. Der Aufstieg der proletarischen Gefahr, die Entwicklung der konkurrierenden Imperialismen und das Ausmass der Wirtschaftskrisen haben gezeigt, dass es von Interesse ist, ĂŒber eine mĂ€chtige Staatsmaschinerie zu verfĂŒgen und allen voran einen guten Repressionsapparat.

Die politischen Parteien streiten sich um die Eroberung, im Namen des Volkes, dieser Staatsmaschinerie, die sie als neutrales Instrument prĂ€sentieren. Die konsequenten Leninisten proklamieren den Klassencharakter des Staates und die Unmöglichkeit, ihn durch einen einfachen Wahlsieg zu kontrollieren. Sie leiten davon die Notwendigkeit seiner Zerschlagung ab, aber nur um ihn durch einen „Arbeiterstaat“ zu ersetzen.

Es ist der Verdienst der Anarchisten, eine grundlegende Staatsfeindlichkeit gewahrt zu haben.

Noch mehr als ĂŒber das Geld fĂŒhlen sich jedoch alle verpflichtet, ĂŒber den Staat zu fluchen. Man protestiert gegen die SchwerfĂ€lligkeit der Verwaltung, den Steuerdruck, die Arroganz der Polizisten, die Ambition der Politiker, die Dummheit der WĂ€hler
 Doch das Verschwinden des Staates ĂŒbersteigt die Grenzen der Vorstellungskraft. Und von letzterer will man, ohne Vorstellungskraft, dass sie die Macht ergreift.

Seit einigen Jahrzehnten interveniert der Staat immer offener im gesellschaftlichen Leben. Die Entstehung des Stalinismus und des Faschismus waren nur Etappen dieses Prozesses, die sichtbarer markiert waren. Dort, wo einige glaubten, der Staat sei Teil des Volkes geworden, muss man die VerstĂ€rkung der Kontrolle des Staates ĂŒber die Bevölkerungen sehen.

Besonders die Disziplinierung oder die Integration der Organismen der Verteidigung und der SolidaritĂ€t der Arbeiter in den Staatsapparat muss betont werden. Über verschiedene Wege haben sich die Sozialversicherungen und die gewerkschaftlichen Apparate dem Staat untergeordnet. Das erlaubt ihnen, mehr oder weniger wie Interessengruppen zu agieren. Ihre Bekenntnisse zur UnabhĂ€ngigkeit und zur Opposition sollten niemandem etwas vormachen. Sie sind Teil ihrer Rolle.

NatĂŒrlich wurden diese Integration des Kampfes und diese offizielle BestĂ€tigung der Sozialpartnerschaft als grosse Siege der Arbeiterklasse prĂ€sentiert. Eine Schicht von Protestspezialisten profitiert von den KĂ€mpfen der Arbeiter und das Ă€ussert sich in einer zunehmenden Institutionalisierung der „Arbeiterorganisationen“. HĂ€ufig haben diese „Errungenschaften“ nicht einmal eine Umverteilung der Ressourcen hin zu den benachteiligsten Schichten zur Folge, sondern tragen dazu bei, ihnen noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Obwohl Gewerkschaften und Regierungen heuchlerisch das Gegenteil behaupten.

Die zunehmende Verstaatlichung kann aber nicht nur als SchwÀchung des Proletariats betrachtet werden. Sie entspricht im Gegenteil der Notwendigkeit, seine zunehmende Macht zu kontrollieren. Diese Verstaatlichung kompensiert die Zerbrechlichkeit der modernen Gesellschaften. Doch sie kann sich selbst dieser Zerbrechlichkeit nicht entziehen. Die staatliche Betreuung der Bevölkerung ist nur mit ihrer KomplizitÀt möglich. Die antipolitische Revolution wird letztendlich den oberflÀchlichen Charakter dieser Betreuung zeigen.

Im Gegensatz zu den Politikern jeglicher Couleur hĂŒten sich die RevolutionĂ€re davor, an die Verantwortung des Staates zu appellieren, sobald ein Problem auftritt. Sie heben systematisch die Autonomie und die Selbstorganisation der proletarischen Klasse hervor. Die Berufung auf die SchwĂ€che des Proletariats zur Rechtfertigung des ZurĂŒckgreifens auf den Staat bedeutet, diese SchwĂ€che zu rechtfertigen und sie als ewig zu setzen.

Die revolutionĂ€re Gesellschaft wird Koordinations- und Zentralisierungsorgane haben. HĂ€ufig wird sie sogar eine weitergehendere Zentralisierung erlauben, globaler als jene, welche das Kapital erlaubt. Doch sie wird keinen Staat brauchen, wo sich die Macht konzentriert, keine Maschinerie zur Repression, Identifikation, Kontrolle und Bildung. Die Verwaltung der Dinge wird die Regierung ĂŒber die Menschen ersetzen.

Das Problem ist, in einer aufstĂ€ndischen Übergangsphase nicht den Staat neu zu erschaffen, aber gleichzeitig verwaltende und repressive also staatliche Funktionen zu garantieren. Jene, welche dieses Problem nicht regeln wollen, wie die Anarchisten, können nur von den StaatsglĂ€ubigen betrogen oder gezwungen werden, selber staatsglĂ€ubig zu werden. Die Beteiligung anarchistischer Minister an der regierenden Junta wĂ€hrend der spanischen Revolution zeigte, wohin das fĂŒhren kann.

Die Lösung fĂŒr dieses Problem, diesen Widerspruch ist von den proletarischen AufstĂ€nden seit der Pariser Kommune skizziert worden. Es ist der Arbeiterrat, die RĂ€teorganisation des gesellschaftlichen Lebens.

Die ArbeiterrÀte

Die Pariser Kommune vermittelte eine erste Vorstellung dessen, was eine Regierung der Arbeiter sein kann.

Die aufstÀndischen russischen Arbeiter entwarfen 1905 die Form des Sowjets. Dieses aus Fabrikdelegierten bestehende Organ diente anfangs dazu, den Kampf zu koordinieren. Es verwandelte sich allmÀhlich in einen Verwaltungsorganismus, der dazu tendierte, die offizielle Verwaltung zu ersetzen. Sogar ein Teil der PolizeikrÀfte fiel unter die Kontrolle des Sowjets von Petrograd. Seine Existenz endete mit der Verhaftung der Abgeordneten durch die zaristischen KrÀfte.

Dies wurde 1917 mit einer breiteren Beteiligung der Soldaten wiederholt. Der bolschewistische Staatsstreich im Oktober 1917 geschah im Namen der Macht der Sowjets. Er stĂŒtzte sich auf die Sowjets, in welchen die Bolschewisten die MilitĂ€rkommissionen kontrollierten, sie hatten eine Mehrheit der Stimmen in Petrograd und Moskau erobert. Dieser Sieg war der Anfang des Endes. Mit dem RĂŒckgang der Revolution, dem BĂŒrgerkrieg, der StĂ€rkung der Partei und der bolschewistischen Verwaltung verloren die Sowjets schrittweise ihren Inhalt. Der letzte Widerstand vom Sowjet des MarinestĂŒtzpunktes Kronstadt wurde 1921 von der Roten Armee niedergeschlagen, sie wurde befehligt von Trotzki, dem ehemaligen PrĂ€sidenten des Sowjets von Petrograd.

Die proletarischen AufstĂ€nde des 20. Jahrhunderts haben die sowjetische Form regelmĂ€ssig wieder auftauchen lassen. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution bildeten sich ArbeiterrĂ€te in Ungarn, Deutschland, Italien. WĂ€hrend dem Spanienkrieg entstanden ĂŒberall Arbeiter- und Bauernkomitees. In Ungarn bildeten die Fabrikdelegierten 1956 den Arbeiterrat von Gross-Budapest. In Polen organisierten sich die aufstĂ€ndischen Hafenarbeiter der Ostsee 1971 wieder auf diese Weise.

Das Wort Rat deckt in Wirklichkeit ziemlich verschiedene Organisationsformen ab, sogar wenn wir die alles andere als revolutionĂ€ren Organismen der Mitverwaltung oder der Arbeiterverwaltung aussen vor lassen. Es reicht vom Fabrik- oder Nachbarschaftskomitee bis zum Sowjet, der eine grosse Stadt oder Region verwaltet. Es ist ein Fehler, diese Organismen einander entgegenzusetzen, um nur einigen von ihnen die Etikette „Arbeiterrat“ zu geben.

Wir sind nicht fĂŒr diese oder jene Form des Rates. Wir sind fĂŒr die RĂ€teorganisation der Gesellschaft. Das impliziert verschiedene Ebenen der Organisation, die sich komplettieren und einander unterstĂŒtzen. Was schlecht ist und regelmĂ€ssig geschah, ist die Tatsache, dass eine Ebene die anderen ausschaltet.

Das Fabrikkomitee kann auf eine einfache Funktion der Arbeiterkontrolle oder der reinen Kontrolle einer Produktionseinheit reduziert werden. Der Mangel an eigentlichen Sowjets in Spanien und in Katalonien liess, trotz den vielen Basiskomitees, dem republikanischen Staat und den Politikern das Feld frei. Daraus entstand das Dilemma der Anarchisten.

Wenn der Sowjet von seiner Basis getrennt ist, kann er sich in eine Art regionalen Staat oder Arbeiterparlament verwandeln. Er ist kein handelndes und antipolitisches Organ mehr und wird zum Schlachtfeld der politischen Parteien.

Was den revolutionÀren Charakter des Arbeiterrates ausmacht, was ihm einen antipolitischen Inhalt gibt, ist allen voran die Tatsache, dass er direkt von den handelnden Massen ausgeht. Er bildet sich ausgehend von einer Pyramide an Komitees, die sich einander bedingen, ohne dass der Gipfel davon glauben könnte, unabhÀngig von der Basis zu sein.

Die Komitees sind nicht einfache Wahlversammlungen, welche die Macht von unten nach oben delegieren. Jede Ebene erfĂŒllt praktische Funktionen. Jedes Komitee ist eine handelnde Gemeinschaft. Es delegiert jene Aufgaben an die obere Ebene, welche es nicht selber regeln kann. Es gibt seine SouverĂ€nitĂ€t nicht auf. Die Delegierten mĂŒssen sich gegenĂŒber ihren Auftraggebern rechtfertigen, sie sind verantwortlich und widerrufbar.

Im Arbeiterrat werden die Trennungen zwischen legislativer, exekutiver und judikativer Gewalt nicht reproduziert. Er ist damit beschÀftigt, in seinen HÀnden diese verschiedenen Funktionen zu vereinheitlichen und zu konzentrieren. Obwohl er Regeln erlÀsst, handelt er allen voran gemÀss der Situation, ohne sich hinter einem Arsenal an formellen Gesetzen zu verstecken.

Der Arbeiterrat tritt als Gericht auf, um Konflikte zu regeln, zu richten, zu entscheiden und zu bestrafen. Diese Handlung geschieht anhand einer konkreten Situation. Es wird nicht ĂŒber die Schwere des Fehlers gerichtet, sondern ĂŒber die objektiven SchĂ€den und Gefahren fĂŒr die Revolution und die Gesellschaft.

Die LegitimitĂ€t des Rates wird nicht durch demokratische Wahlen garantiert, die aus ihm die Salbung des Volkes machen wĂŒrden. Er ist nicht der ReprĂ€sentant der Massen. Er ist die organisierten Massen. Die Individuen und Gruppen, die sich um besondere Aufgaben kĂŒmmern, sind nicht notwendigerweise gewĂ€hlt. Doch wenn sie sich gegenĂŒber der Gesamtheit des Rates engagieren, sind sie vor den Generalversammlungen verantwortlich. Der Rat behauptet nicht, der Ausdruck der gesamten Gesellschaft jenseits der sie durchziehenden Konflikte zu sein. Er ist ein Klassen- und Kampforgan. Das impliziert innerhalb desselben ein Minimum an EinverstĂ€ndnis. Er kann keine Meinungsverschiedenheiten tolerieren, die ihn lĂ€hmen wĂŒrden.

Man kann im Arbeiterrat eine ultradiktatorische oder eine ultrademokratische Form sehen. Er ist beides zugleich und was anderes. Er ist in jenem Sinne ultradiktatorisch, als dass er nur sich selbst Rechenschaft ablegt und die unantastbaren Prinzipien der Gewaltenteilung mit FĂŒssen tritt. Er ist in jenem Sinne ultrademokratisch, als dass er eine Debatte und eine Beteiligung der Massen erlaubt, die im demokratischsten Staat nie erreicht worden ist.

Der Arbeiterrat ist vor allem kein politisches Organ mehr. Er trennt den BĂŒrger nicht mehr vom gesellschaftlichen Individuum. DiesbezĂŒglich ist er jenseits der Diktatur oder der Demokratie, die zwei Seiten der Medaille der Politik. Obwohl er Verfahren oder Formen benutzt, die noch demokratisch oder diktatorisch sind.

Der Rat ist weder das Werkzeug einer Volksdemokratie, noch das Werkzeug einer Diktatur des Proletariats. Diese Begriffe können die Phase des Bruches zwischen Kapitalismus und Kommunismus nicht charakterisieren.

Die ArbeiterrĂ€te der Vergangenheit wurden, von einigen seltenen Ausnahmen abgesehen, unserem Programm nicht gerecht. Sie waren Verwaltungsorgane, bĂŒrokratisch, kleinlich, palavernd, unfĂ€hig, eine Perspektive zu haben, die ihrem Wesen entspricht. Sie starben daran. Das beweist nicht, dass die RĂ€teform nichts wert ist, sondern dass sie auf noch zu kargem Land kultiviert worden ist.

Der Arbeiterrat von Gross-Budapest, der die Gesamtheit der Region verwaltete, verlangte 1956 seinen eigenen Selbstmord mit der Wiedereinsetzung der parlamentarischen Demokratie.

Die ArbeiterrĂ€te der Vergangenheit haben trotzdem den Verdienst, existiert zu haben. Sie haben die FĂ€higkeit der Arbeiter gezeigt, sich um ihre Angelegenheiten zu kĂŒmmern, Fabriken und StĂ€dte in die Hand zu nehmen und zu verwalten. Sie sind mit den grossartigen Bewegungen verbunden, durch welche die Arbeiter, zumindest provisorisch, die BĂŒrgerlichen und die BĂŒrokraten stĂŒrzten. Wenn man diese Erfahrungen verschleiert, will man nicht, dass das Proletariat erneut tut, was es in Katalonien, Polen und China getan hat, es sich der Chefs entledigt und damit gut fĂ€hrt.

Die Konterrevolution, auch in der Sowjetunion, konnte sich nie damit abfinden. Es ist eine Sache, dass die RĂ€te sich gemĂ€ssigt zeigen, dass die Konterrevolution sich ihnen gegenĂŒber gemĂ€ssigt zeigt, eine andere.

Die besten Demonstrationen der ArbeiterrÀte fanden statt, wenn sie ihren Feinden schnell, klar und hart antworten mussten. Sie werden direkt als Kampforganisation gebildet. Ihr Programm mag beschrÀnkt sein, aber sie kennen es.

WĂ€hrend anderer Gelegenheiten verlieren sie sich in der Verwaltung, im Warten. Ihre einzige Daseinsberechtigung scheint die Abwesenheit der bĂŒrgerlichen Macht zu sein. Man sieht die Entwicklung wunderbarer Organisationsstrukturen. Doch es geschieht im Leeren, ausserhalb der Imperative eines Kampfes. Die anscheinende Abwesenheit einer Gefahr lĂ€dt zu den schlimmsten Illusionen ein.

Der Rat erscheint mehr als Antwort der Arbeiter auf die durch die Bourgeoisie gelassene Leere denn als Organisationsniveau, das durch die RadikalitÀt des Kampfes selbst durchgesetzt wird.

Wir sind fĂŒr die ArbeiterrĂ€te. Aber wir sind gegen die rĂ€tekommunistische Ideologie. Diese Ideologie sieht in den RĂ€ten nicht ein Moment der Revolution, sondern ihr Ziel. Der Sozialismus ist der Ersatz der Macht der Bourgeoisie durch die Macht der RĂ€te, der kapitalistischen durch die Arbeiterverwaltung. Das Scheitern oder der Sieg der Revolution sind eine Frage der Organisation. Dort, wo die Leninisten alles auf die Partei setzen, setzen die RĂ€tekommunisten alles auf den Rat.

Die ArbeiterrÀte werden sein, was sie tun. Ihre einzige Chance zum Sieg wird es sein, die Kommunisierung zu unternehmen und ihre Organisation zu sein.

FĂŒr die Kommunisten ist die Revolution keine Frage der Organisation. Was die Möglichkeit des Kommunismus determiniert, ist ein gewisses Niveau der Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte und der proletarischen Klasse. Es gibt Organisationsprobleme, doch man kann sie nicht unabhĂ€ngig von dem setzen, was man organisiert, der festgelegten Aufgaben. Sind Organisationsregeln neutral? Sind sie rein technische Fragen? Gewiss nicht. Solche Entscheidungen sind von einer grossen Bedeutung. Einige sind passend und begĂŒnstigen eine kommunistische Aktion. Andere behindern sie. Doch es ist eine grosse Illusion, zu glauben, dass die Hervorhebung gewisser Regeln, besonders bezĂŒglich der Kontrolle der Delegierten, reicht, um die BĂŒrokratisierung, die LĂŒge und die Spaltung zu verhindern. Die BĂŒrokraten sind die Profis der Organisation als getrennte Organisation. Sie betonen gerne die Vorbedingungen der Aktion, die demokratischen Mechanismen, statt die Aktion selbst. Kleinliche und unangemessene Regeln, wenn sie auch formell antibĂŒrokratisch sein mögen, laufen Gefahr, ihnen die Aufgabe zu erleichtern.

Vorausgesetzt, dass die RÀte sich entwickeln und nicht mehr einfach liquidiert werden können, werden die schlimmsten Feinde der Revolution so tun, als ob sie RÀtekommunisten seien, um sich der RÀte zu entledigen. Sie werden versuchen, aus ihnen das Feld ihrer Mauscheleien zu machen, die RevolutionÀre davon auszuschliessen. Gegen den Kommunismus werden die Lumpen der alten Welt nicht zögern, sich als RÀtekommunisten wiederzutaufen.

Kann man aus dem hÀufig wenig kommunistischen Charakter der RÀte der Vergangenheit schliessen, dass ihre Zeit vorbei ist? Ist jegliche Institutionalisierung nicht konterrevolutionÀr?

Wir betrachten die ArbeiterrĂ€te nicht als Institutionen. Die Revolution, ob sie es will oder nicht, wird mit Problemen der Verwaltung, der Aufrechterhaltung der Ordnung, der Einigung verschiedener Tendenzen konfrontiert sein. Es wird nötig sein, wenn auch nicht ĂŒber die Menschen, so doch ĂŒber gewisse Menschen zu regieren. Man kann davon ausgehen, dass die PlĂŒnderung eine gesunde Reaktion auf die Provokation der Ware und den Mangel darstellt. Sie kann in einer Phase des Bruchs eine nĂŒtzliche Rolle spielen: Ventil fĂŒr die Wut und Niederschlagung der Ware. Doch man kann die PlĂŒnderung nicht institutionalisieren, man kann daraus nicht die normale Weise der kommunistischen Verteilung der Produkte machen. Es ist unmöglich, alle Produkte frei zu verteilen. Es muss organisiert, geteilt und beschrĂ€nkt werden. Das ist die Aufgabe der RĂ€te.

Je weniger selten die GĂŒter werden und je stĂ€rker die Konterrevolution zurĂŒckgeschlagen wird, desto eher werden die RĂ€te ihren staatlichen Charakter verlieren. Sie werden nicht abgeschafft werden. Sie werden mit dem gesellschaftlichen Leben verschmelzen.

Die Verweigerung der RĂ€te aus Purismus, wenn sie anhand wirklicher BedĂŒrfnisse erscheinen werden, bedeutet, dass man sich ausserhalb des revolutionĂ€ren Prozesses platziert. Es ist gescheiter, sich an ihrer Erschaffung, an ihrer Funktionsweise und an ihrer eventuellen Auflösung anhand des Kampfes und des KrĂ€fteverhĂ€ltnisses zwischen Revolution und Konterrevolution zu beteiligen.

Die Beteiligung an den RĂ€ten bedeutet nicht, dass die RevolutionĂ€re darauf verzichten mĂŒssen, zu handeln und sich autonom zu organisieren. Die RĂ€te sind Massenorganisationen. Daher kommt eine gewisse SchwerfĂ€lligkeit, ein langsamerer Rhythmus der Radikalisierung als in anderen Teilen der Bevölkerung. Die Entwicklung der RĂ€te wird teilweise von dem bestimmt werden, was ausserhalb von ihnen gemacht werden wird.

Was bekĂ€mpft und sabotiert werden muss, sind die korporatistischen RĂ€te, die Verwaltungsorganisationen, die neogewerkschaftlichen oder neopolitischen Gruppen, welche die Organisation des gesellschaftlichen Lebens zugunsten einer Minderheit konfiszieren wollen. Man kann ein Organ nicht als Sowjet betrachten, wenn es die Warenproduktion beibehalten möchte, eine Polizei aufbaut oder die RĂŒckkehr der Chefs fordert


Der Rat ist notwendig, wenn es darum geht, ein Territorium zu verwalten. Er löst sich auf, wenn diese Notwendigkeit provisorisch verschwindet anhand eines gewissen KrĂ€fteverhĂ€ltnisses oder definitiv aufgrund der Konsolidierung des Kommunismus. Gruppen können anhand einer revolutionĂ€ren Situation intervenieren und WarenvorrĂ€te kommunisieren, ohne dass sie ihre Produktion und ihre Verteilung permanent in die Hand nehmen können oder wollen. Es geht darum, herauszufinden, wann man die Mittel hat, von dieser Art punktueller und wilder Aktion zu einer direkten Verwaltung eines Gebietes ĂŒberzugehen. Der Vorteil davon ist, dass man besser ĂŒber seine Ressourcen zur ErnĂ€hrung der Bevölkerung oder zur FĂŒhrung des Kampfes verfĂŒgen kann. Der Nachteil davon ist, dass man sich zum Ziel macht. Vom Moment an, wo man dieses Risiko akzeptiert, stellt sich die Frage der RĂ€teorganisation dieses Gebietes. Das Problem des Aufbaus einer revolutionĂ€ren Macht.

Diese Macht wird, obwohl sie nach der grösstmöglichen Zustimmung und Beteiligung der Massen streben muss, nicht danach streben, sich auf die Demokratie zu stĂŒtzen, z.B. indem sie Wahlen organisiert.

Die Demokratie

Was gibt es schöneres auf Erden als die Demokratie, der Macht des souverĂ€nen Volkes? Genau wie der Begriff Kapitalismus störend sein kann, ruft jener der Demokratie Zustimmung hervor. Alle sind fĂŒr die Demokratie, ob sie begleitet von einem Königshaus oder republikanisch, bĂŒrgerlich oder eine Volksdemokratie sein mag. Wenn man seinen Gegnern einen Vorwurf macht, so ist es jener, nicht demokratisch genug zu sein.

Wer sich gegen die Demokratie erhebt, kann im besten Fall nur ein Nostalgiker der ehemaligen absoluten Monarchien sein. Im Allgemeinen zieht man es vor, ihn als abstossenden Faschisten zu etikettieren. Die HartnĂ€ckigsten sind hĂ€ufig die Marxisten und Marxisten-Leninisten, die vergessen, was die GrĂŒndervĂ€ter ĂŒber die Demokratie gesagt haben, die ihre Vorliebe fĂŒr die Macht und die Diktatur kaschieren wollen
 Gewisse Nostalgiker des Stalinismus mit schlechtem Gewissen werden uns vorwerfen, wir seien Stalinisten.

Die Demokratie erscheint als Antithese zum kapitalistischen Despotismus. Dort, wo man weiss, dass in Wirklichkeit eine Minderheit regiert, behauptet man, ihr die aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgegangene Macht entgegenzusetzen.

In Wirklichkeit haben der Kapitalismus und die Demokratie gemeinsame Interessen. Die Demokratie ist das Feigenblatt des Kapitals. Die demokratischen Werte, weit davon entfernt, subversiv zu sein, sind der idealisierte Ausdruck der wirklichen und weniger noblen Tendenzen der kapitalistischen Gesellschaft. Die Kommunisten wollen weder die Trilogie „Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit“ noch jene „Arbeit, Familie, Vaterland“ verwirklichen.

Wie kommt es, dass, wenn die Demokratie die Tochter des Kapitals ist, Diktatur und Kapitalismus so hÀufig koexistieren? Wie kommt es, dass die Mehrheit der Menschen in autoritÀren Regimes leben? Wie kommt es, dass sogar in den demokratischen LÀndern ihre Funktionsweise kontinuierlich behindert wird?

Die demokratischen Werte und Bestrebungen sind die Folge des auflösenden Charakters des Kapitals. Sie entsprechen dem Ende der Eingliederung des Individuums in eine Gemeinschaft und ein Netzwerk fester Beziehungen. Sie entsprechen auch der Notwendigkeit, eine idealisierte Gemeinschaft aufrechtzuerhalten, die Konflikte zu regeln, die Zusammenstösse zum Wohle aller zu begrenzen. Die Minderheit ordnet sich den Entscheidungen der Mehrheit unter.

Die Demokratie ist nicht einfach eine LĂŒge, eine vulgĂ€re Illusion. Sie bezieht ihren Inhalt aus einer zerrissenen gesellschaftlichen Wirklichkeit, wovon sie die Wiedervereinigung scheint. Es existiert in der demokratischen Bestrebung eine Suche nach Gemeinschaft, ein Wille des gegenseitigen Respekts. Doch die Grundlage, auf welcher sie verwurzelt ist und sie behauptet, sich zu entwickeln, hindert sie daran, erfolgreich zu sein.

Die Demokratie ist noch hĂ€ufig zu gefĂ€hrlich fĂŒr das Kapital oder zumindest fĂŒr gewisse bestehende Interessen. Deshalb wird sie kontinuierlich begrenzt. Von einigen Ausnahmen abgesehen, werden diese Grenzen und sogar die einfache Diktatur als Siege der Demokratie selbst prĂ€sentiert. Welcher Tyrann behauptet nicht, durch das Volk oder zumindest fĂŒr das Volk zu regieren?

Die Demokratie, die in ruhigen Perioden ein gutes Mittel zu sein scheint, um die ArbeiterkĂ€mpfe abzufedern, wird ungeniert aufgegeben, sobald es die Verteidigung des Kapitals verlangt. Es gibt immer ein paar Intellektuelle und Politiker, die ganz ĂŒberrascht sind, dass sie so leicht auf dem Altar der Interessen der MĂ€chtigen geopfert wird.

Demokratie und Diktatur sind entgegengesetzte Formen, doch sie sind einander nicht fremd. Die Demokratie, da sie die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit impliziert, ist eine Form der Diktatur. Eine diktatorische Junta muss sich sehr wohl auf demokratische Mechanismen stĂŒtzen, um Entscheidungen zu treffen.

Man vergisst manchmal, dass der Faschismus, der Nazismus und der Stalinismus terroristische Verfahren und regulĂ€re Wahlen miteinander vermischt haben, um sich durchzusetzen. Sie setzen gerne die breiten Massen, die Volksgerichte den wenigen „VerrĂ€tern“, „vaterlandslosen Gesellen“ und „Feinden der Partei“ entgegen.

Der Kommunismus ist nicht der Feind der Demokratie, weil er der Freund der Diktatur und des Faschismus wĂ€re. Er ist der Feind der Demokratie, weil er der Feind der Politik ist. Abgesehen davon ist es den Kommunisten nicht gleichgĂŒltig, in welchem Regime sie leben. Sie bevorzugen es, am Abend ruhig einzuschlafen, ohne sich fragen zu mĂŒssen, ob es nicht diese Nacht sein wird, wo man sie aus dem Bett holen wird, um sie ins GefĂ€ngnis zu bringen.

Die Kritik des Staates sollte nicht die Kritik der Politik ersetzen. Einige greifen die Staatsmaschinerie an, doch sie tun es, um die Politik besser retten zu können. Genau wie gewisse PĂ€dagogen die Schule kritisieren, um die PĂ€dagogik auf jede Form gesellschaftlicher Beziehung auszuweiten. FĂŒr die Leninisten ist alles politisch. Hinter jeder Manifestation des Kapitals sehen sie eine Absicht, einen Zweck. Das Kapital wird zu einem Werkzeug eines politischen Projekts, dem man ein anderes politisches Projekt entgegensetzen muss.

Die Politik ist die SphĂ€re der Freiheit, der Aktion, der BetĂ€tigung gegenĂŒber der wirtschaftlichen FatalitĂ€t. Die Wirtschaft ist jene der GĂŒterproduktion und von der Notwendigkeit beherrscht. Die Entwicklung der Wirtschaftskrisen erscheinen als natĂŒrliche PhĂ€nomene, die ausserhalb des menschlichen Einflusses liegen.

Die Linke betont gewöhnlich die Möglichkeiten der Politik, die Rechte die Notwendigkeiten der Wirtschaft. Das ist eine falsche Debatte.

Die Politik erscheint immer mehr als Abbild des wirtschaftlichen Lebens. Sie konnte wĂ€hrend einem gewissen Zeitraum die Rolle des Kompromisses und des BĂŒndnisses zwischen gesellschaftlichen Schichten spielen.

Heutzutage ist die Bedeutung der Politik als Intervention in die Wirtschaft grösser geworden. Doch gleichzeitig hat die politische SphÀre ihre Autonomie verloren. Es gibt nur noch eine einzige Politik des Kapitals, zu deren Umsetzung sowohl die Rechte als auch die Linke gezwungen sind, unabhÀngig von den spezifischen Interessen ihrer gesellschaftlichen Basis.

WĂ€hrend der Staat als eine mehr oder weniger abgrenzbare Institution erscheint, wird die Politik aus allen Poren der Gesellschaft wieder und wieder geboren. Obwohl sie sich durch die Aktion einer speziellen Schicht der Aktivisten und Politiker ausdrĂŒckt, stĂŒtzt sie sich auf die Verhaltensweisen aller und findet in ihnen ein Echo. Das macht ihre StĂ€rke aus und erweckt den Eindruck, dass jegliche gesellschaftliche Lösung nur politisch sein kann.

Die Politik ergibt sich aus der Trennung zwischen Entscheidung und Handlung und den Trennungen, welche die Individuen gegeneinander aufbringen. Die Politik erscheint zuerst als dieses permanente Streben nach Macht, das die Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft antreibt. Die Demokratie und der Despotismus scheinen die einzigen Arten der Regelung von Problemen zwischen den Leuten zu sein. Die EinfĂŒhrung der Demokratie in den Paaren oder den Familien wird als neue Etappe in der menschlichen Entwicklung dargestellt. Sie drĂŒckt allen voran, vielleicht auf die am wenigsten schlechte Art und Weise, den Verlust der tiefen Einheit aus, welche die menschlichen Wesen vereinen kann.

Der Kommunismus trennt Entscheidung und AusfĂŒhrung nicht. Es gibt keine Trennung mehr zwischen zwei Gruppen oder gar zwei unterschiedlichen und hierarchisierten Momenten. Man tut, was man tun muss oder was man entschieden hat, zu tun, ohne sich die Frage zu stellen, ob man in der Mehrheit oder in der Minderheit ist. Begriffe, welche die Existenz einer formellen Gemeinschaft voraussetzen.

Das Prinzip der Einstimmigkeit ist in dem Sinne vorherrschend, als dass jene, welche etwas tun, am Anfang einverstanden sind und dieses EinverstÀndnis die Grundlage und die Möglichkeit der gemeinsamen Handlung liefert. Die Gruppe existiert nicht unabhÀngig von der Handlung und vor ihr. Sie spaltet sich nicht wÀhrend der Abstimmung, um sich danach durch die Unterwerfung eines Teils unter den anderen wiederzuvereinigen. Sie bildet sich in der Handlung und durch sie und durch die FÀhigkeit der Leute, sich miteinander zu identifizieren und den Standpunkt des anderen zu verstehen.

Es geht nicht darum, systematisch jegliche Abstimmung und jegliche Unterwerfung der Minderheit unter die Mehrheit abzulehnen. Es sind technische Formen, denen man nicht einen absoluten Wert geben kann. Es kann sein, dass die Minderheit im Besitz der Wahrheit ist. Es kann sein, dass die Mehrheit gegenĂŒber der Minderheit in Anbetracht der Bedeutung der Sache fĂŒr letztere nachgibt.

Ist der Kommunismus die EinfĂŒhrung der Freiheit? Ja, wenn man darunter versteht, dass die Menschen mehr Wahlmöglichkeiten haben werden als jetzt, dass sie ihren Vorlieben gemĂ€ss werden leben können.

Was wir ablehnen, ist die Philosophie, die den freien Willen und den Determinismus einander entgegensetzt. Diese Trennung widerspiegelt den Gegensatz zwischen dem Menschen und der Welt, dem Individuum und der Gesellschaft. Sie drĂŒckt die Entwurzelung des Individuums aus und seine UnfĂ€higkeit, seine eigenen BedĂŒrfnisse zu erfassen, um sie zu befriedigen. Es kann zwischen tausend Arbeiten, tausend Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, tausend Formen der Liebe wĂ€hlen und auf tausend Arten beeinflusst werden, da es nichts wirklich betrifft. Nichts ist ihm gewiss. Es zweifelt an allem und allen voran an sich selbst. Indem es das tut, ist es bereit, alles ĂŒber sich ergehen zu lassen, und glaubt hĂ€ufig, es habe eine Entscheidung getroffen. Die Freiheit prĂ€sentiert sich als das philosophische Kleid des Elends. Der Zweifel als Ausdruck der Freiheit des Denkens, wenn er Verirrung, die UnfĂ€higkeit des Menschen bedeutet, sich in dieser Welt zu situieren.

Im Verlauf der Revolution verliert der Mensch seine Ketten, doch indem er endlich zu sich selbst wird, ist er simultan an seine WĂŒnsche und die Notwendigkeiten des Moments gekettet. Er wird wieder leidenschaftlich und lernt sich wieder kennen. Das aussergewöhnliche Klima der Freude und der Spannung der AufstĂ€nde ist mit dem GefĂŒhl verbunden, dass alles möglich ist und dass gleichzeitig das, was man tut, zwingend getan werden muss. Es gibt keinen Grund mehr, zu zögern und zwischen unbedeutenden BeschĂ€ftigungen hin- und hergerissen zu sein. Die subjektiven und objektiven ZwĂ€nge fallen zusammen.

Der Wahlzirkus

Wenn ihr die Demokratie angreift, werden uns die subtilen Geister antworten, dann, weil ihr wisst, dass sie euch verurteilen wĂŒrde.

Wir haben keine Illusionen. Es ist gewiss, dass, wenn das System normal funktioniert, wir haushoch besiegt werden wĂŒrden. Unser Programm wĂŒrde vielleicht von den meisten WĂ€hlern nicht als unsympathisch betrachtet, doch es wĂŒrde sicher als unverwirklichbar beurteilt. Nur indem sie sich als WĂ€hler negieren, könnten sie anfangen, die Möglichkeit seiner Verwirklichung zu erkennen.

Wenn die Politik die Kunst des Möglichen ist, wie man sagt, dann situieren wir uns ausserhalb dieses Möglichen.

Die Herren Wahltaktiker und Demokraten, seid ihr bereit, die Bevölkerung ĂŒber gewisse Probleme zu befragen und ihre Meinung zu berĂŒcksichtigen? Ihr, die ihr die Lakaien des Kapitals seid, seid ihr bereit, ein Referendum zu organisieren, um herauszufinden, ob der Kapitalismus fortbestehen soll oder nicht? Es gibt etliche Fragen, bezĂŒglich welchen ihr es so einrichtet, dass sie nie gestellt werden. Sie werden im Vornhinein als unrealistisch eliminiert. Ihr bestimmt, was möglich ist und was nicht. Das reicht euch noch nicht. Eure realistischen Programme und Vorhersagen dĂŒrfen nie angewandt werden.

Der Staat lebt dank den Steuern der BĂŒrger. Er wird dank ihrer Stimmabgabe verwaltet. Wenn die Politik direkt durch die Akzeptierung oder die Verweigerung der Bezahlung der Steuern der privaten Personen gutgeheissen und unterstĂŒtzt werden mĂŒsste, wĂŒrde sie Gefahr laufen, viele ihrer AnhĂ€nger zu verlieren. Wenn er bezahlt, hat der BĂŒrger den Eindruck, reingelegt zu werden. Wenn er abstimmt, wĂ€hrend er sonst nur den Mund halten soll, ist er geschmeichelt, dass man ihn nach seiner Meinung fragt.

Es gibt eine Trennung zwischen der wirklichen Verwaltung des Systems und den sich darum kĂŒmmernden FunktionĂ€rsschichten einerseits und der Politik der Parteien, des Spektakels andererseits.

Die Wahldemokratie dient dazu, die Tatsache zu kaschieren, dass sich die wichtigen Entscheidungen den WĂ€hlern und sogar den Politikern entziehen.

Die politische und demokratische Wirklichkeit wird immer mehr von der Ware durchtrĂ€nkt. Die Demokratie erscheint als direkter Widerschein der wirtschaftlichen Welt. Der WĂ€hler ist nicht mehr der BĂŒrger, sondern der Konsument von Programmen und Ideologien. Das Spektakel der Politik und die Wahlen als ihr privilegiertes Moment mĂŒssen als das verurteilt werden, was sie sind: eine Art unter anderen, um das Volk vergessen zu lassen, dass es nichts ist.

Manchmal kommt es vor, dass die Leute die LĂŒgner beim Wort nehmen. FĂŒr eine verweigerte Wahl oder fĂŒr das, was ihnen als Wahlsieg erscheint, beginnen sie, sich zu erheben. Das gehört nicht mehr zur Wirklichkeit der Wahlen.

Wir befĂŒrworten die Beteiligung an Wahlen nicht und noch weniger die Stimmenthaltung. Wenn die Proletarier wĂ€hlen, haben sie zwar nicht unbedingt Recht, aber zumindest ihre GrĂŒnde. Dieses Ritual wird erst als wirklich illusorisch, lĂ€cherlich und jĂ€mmerlich erscheinen, wenn die Gesamtheit der Lebensbedingungen beginnen werden, sich wahrhaftig zu verĂ€ndern. In der Zwischenzeit hat es im Rest des Arsenals seinen Platz.

In einer kommunistischen Organisation kann es Wahlen geben. Man ernennt Abgeordnete. Doch die Wahl erscheint nicht mehr als besonderer Moment. Der GewĂ€hlte verfĂŒgt nicht ĂŒber eine Blankovollmacht. Er erfĂŒllt eine Funktion unter anderen, die nicht heiliger ist als andere. Indem diese Person oder jenes Team ernennt oder indem danach ihre Handlung begrĂŒsst wird, tut die Basisgruppe nichts anderes, als zu garantieren, dass ihr Programm angewandt wird. Was zĂ€hlt, ist nicht die Prozedur der Ernennung, sondern die wirklich ausgefĂŒhrte Handlung.

Die Bildung der ArbeiterrĂ€te setzt keine allgemeinen Wahlen voraus. Es geht nicht darum, ein Gebiet zu befreien, um darin Wahlen zu organisieren, die nur von den Organisatoren als gĂŒltig anerkannt werden, wie es gemeinhin geschieht. Zu diesem Thema haben wir das schlechte Beispiel der Pariser Kommune.

Wenn auch in dieser Art von Situation Wahlen ernsthaft organisiert werden könnten, wĂŒrde dies nur Entscheidung und Handlung voneinander trennen und wĂ€re gleichbedeutend mit der Wiedergeburt der Berufspolitiker. Wahlen setzen voraus, dass die WĂ€hler erfasst werden und ihre Karte haben.

Die EinfĂŒhrung einer Verwaltung durch Wahlen setzt die Existenz eben dieser Verwaltung voraus!Die Macht und der Staat entstehen nicht durch Wahlen, im Gegenteil.

Die revolutionÀren Massenorganisationen werden sich anhand der praktischen Aufgaben bilden und stÀrken. Sie werden ausgehend von der Handlung einer Minderheit entstehen. Wir werden nicht plötzlich 51% der Bevölkerung nach dem selben Ziel streben sehen. Diese handelnde Minderheit wird sich durch die Tatsache auszeichnen, dass sie nicht den Rest der Bevölkerung organisieren, sondern dazu tendieren wird, sie zur Lösung der Probleme aller beizuziehen. Ihr Erfolg wird von ihrer FÀhigkeit abhÀngen, viel mehr als 51% der Bevölkerung zur Beteiligung zu animieren.

Der Kommunismus kann nicht durch einen Putsch errichtet werden. Da er die Staatsmacht und seine Repressionswerkzeuge gegen sich hat, kann der Kommunismus nur siegen, falls er es schafft, die mehr oder weniger aktive Beteiligung eines grossen Teils der Gesellschaft zu entwickeln und eine kleine Minderheit zu isolieren.

Indem sie die Ketten der Lohnarbeit zerbricht, wird die proletarische Revolution eine Beteiligung der Massen erlauben und verlangen, die nicht vergleichbar ist mit den politischen Revolutionen der Bourgeoisie. Sogar wenn diese Revolutionen Volksrevolutionen waren. Diese Volksrevolutionen, auf welche sich die Demokraten berufen, sind nicht demokratisch entschieden worden. HĂ€tte man den Franzosen 1789 die Wahl gegeben, hĂ€tten sie fĂŒr die Revolution gestimmt? In Wirklichkeit hat sich ein Teil der Bevölkerung ausgehend vom obsoleten Wesen der Privilegien der Adligen erhoben. Getrieben vom Erfolg und den Folgen seiner Handlungen hat er schrittweise ein verfaultes System ĂŒberwunden.

Die kommunistische Partei wird nur dann die ĂŒberwiegende Mehrheit der Bevölkerung mit sich reissen, wenn der Kommunismus als das einzige unmittelbare Mittel erscheinen wird, um Probleme des alltĂ€glichen Lebens zu lösen. Es kommt nicht zur Revolution, weil genug Leute revolutionĂ€r geworden sind. Die Leute werden RevolutionĂ€re, weil die Revolution ihnen erscheint, weil es möglich und notwendig erscheint, anders zu leben.

Heutzutage, wo alle Elemente des gesellschaftlichen Gewölbes sich gegenseitig stĂŒtzen, scheint das Verschwinden des Geldes unmöglich. Jene, welche es gutheissen, gelten als naive TrĂ€umer. Wenn die Mechanismen der Ware rosten, wird es als bescheuerte Akrobatik erscheinen, sich weiterhin fĂŒr seine Versorgung vom Geld abhĂ€ngig zu machen. Man wird sich nicht aufgrund der Ideologie oder sogar des Abscheus vor der mit dem Tode ringenden Gesellschaft dem Kommunismus anschliessen, sondern aus einfachen GrĂŒnden des Überlebens. Es wird also Verteidigungsmechanismen gegen Opportunisten brauchen, die unfĂ€hig sind, langfristige Perspektiven zu haben, und versuchen werden, eine unmittelbare und persönliche Bevorteilung aus der Situation zu erstreben.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Revolution sich auf eine möglichst breite Beteiligung stĂŒtzen muss, weshalb erklĂ€ren wir uns nicht zu Demokraten? Das wĂŒrde vielleicht einige unserer Gegner verwirren und uns einige neue Freunde verschaffen. Aber genau darum geht es, wir sind nicht Politiker, ein oberflĂ€chlicher Anschluss ist eher lĂ€stig denn nĂŒtzlich. Wir mĂŒssen klar sein, um unsere AnhĂ€nger anhand solider Grundlagen zu versammeln und zu orientieren. Was unsere wirklichen Gegner betrifft, wollen wir ihre Aufgabe nicht einfacher machen, aber es interessiert sie ohnehin kaum, was wir wirklich sagen und wollen. Entweder verstehen sie es nicht, oder sie verleumden uns, nicht ohne den RevolutionĂ€ren einige Ideen zu klauen, um ihr Programm aufzulockern.

Die Demokratie sei die Macht des Volkes, die Macht aller. Die kommunistische Revolution will nicht die Form der Macht verÀndern oder sie dem Volk geben. Sie will sie allen wegnehmen.

Die Macht braucht immer eine Legitimierung, die ausserhalb ihrer selbst liegt. Gott fĂŒr die Monarchie, das Volk fĂŒr die von einem Königshaus begleitete oder republikanische Demokratie. Ist das Volk realer als Gott? Nein, Gott ist eine Figur, eine mit Menschheit gefĂŒllte Verkörperung, wĂ€hrend das Volk dazu tendiert, nur eine reine Abstraktion der Menschheit zu sein. Dieses Volk, auf welches man sich beruft, um den Staat gutzuheissen, ist nur sein Abbild. Zwischen diesem Volk als Idee, diesem politischen Volk und dem wirklichen Volk mit all seinen Unterschieden, lebendig, dumm oder intelligent, das sich im alltĂ€glichen Leben manifestiert, liegen Welten.

Es ist nicht die Politik, welche die Ideen und WĂŒnsche der Menschen ausdrĂŒckt und verkörpert, letztere werden zu TrĂ€gern politischer Meinungen. Sie werden selbst zu Abstraktionen, wenn sie als WĂ€hler oder Aktivisten ihre Meinungen beichten gehen.

Warum verzichten die Kommunisten, welche die Ausbeutung und die Kriege beenden wollen, nicht auf den Zwang und diktatorische Verfahren?

Kann man davon ausgehen, dass die herrschenden Klassen darauf verzichten werden, diese Mittel zu gebrauchen? Kann man davon ausgehen, dass die demokratischsten Staaten wĂ€hrend einer Periode des Umsturzes ihre Prinzipien nicht ausrangieren werden? Die Besitzenden, die Privilegierten, die Diener der liberalsten Ordnung werden vielleicht behaupten, sie wĂŒrden fĂŒr die Demokratie kĂ€mpfen. Sie werden nicht die Verteidigung ihrer wirklichen Interessen vorbringen. Doch die Chancen sind gering, dass sie demokratisch kĂ€mpfen.

Man sollte bĂŒrgerliche und revolutionĂ€re Methoden anhand einer Krisensituation miteinander vergleichen. Es ist heuchlerisch, die Verhaltensweise der demokratischsten bĂŒrgerlichen Staaten in Friedenszeiten und die Verhaltensweise der RevolutionĂ€re wĂ€hrend unruhigen Zeiten einander entgegenzusetzen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die RevolutionĂ€re in Krisenzeiten menschlicher und demokratischer zeigen werden als die Verteidiger der Ordnung.

Der Streik

Die Demokratie wird mit der Entwicklung von wilden Streiks und Erhebungen negiert. Die Einleitung der Aktion ist nicht abhÀngig von einer demokratischen Konsultation der Basis oder ihrer ReprÀsentanten.

Ein Teil der Arbeiter, da er kĂ€mpferischer, weniger entfremdet ist oder bessere Bedingungen hat, erhebt sich. Es gibt keine Trennung zwischen der Entscheidung und der AusfĂŒhrung, zwischen jenen, welche entscheiden, und jenen, welche die Entscheidung ausfĂŒhren.

Es ist nicht zwingend das grundlegende Problem, alle hinter sich zu haben. Ausgehend von einer SchlĂŒsselposition in der Produktion kann man den Chef zum Einlenken zwingen. Die Arbeitsunterbrechung kann ein Selbstzweck sein, es geht nur darum, etwas Dampf abzulassen oder sich zu weigern, eine gegebene Arbeit auszufĂŒhren.

Es ist möglich, dass die Arbeitsniederlegung einiger eine allgemeine Arbeitsniederlegung auslöst. Das konnten wir landesweit im Mai 68 beobachten.

Der Streik breitet sich aus. Er wird von einer grossen Mehrheit der Arbeiter unterstĂŒtzt. Die UnterstĂŒtzung entsteht in der Aktion und es gibt keine vorangehende Konsultation aller Betroffenen.

HĂ€tten sich die Arbeiter demokratisch zur Eröffnung der Kampfhandlungen Ă€ussern mĂŒssen, hĂ€tten sie vielleicht davon abgesehen. Das Beispiel einer geringen Anzahl hat ihnen den offenen Riss, die Angst der GeschĂ€ftsfĂŒhrung und den möglichen Erfolg gezeigt. Sie werden angetrieben vom Klima des Kampfes und der SolidaritĂ€t und sind eher geneigt, das durch die alltĂ€gliche Ohnmacht ausgelöste GefĂŒhl der Entmutigung und der Resignation zu ĂŒberwinden.

Gehen wir davon aus, dass der Streik im Verlauf einer Konsultation entschieden worden ist. Sein Verlauf wĂ€re wohl anders gewesen. Es wĂ€re das Ende der Unvorhersehbarkeit der Arbeiteroffensive gewesen. Der Gegner wĂ€re ĂŒber das Wesen, die Form, das Ausmass und die Ziele der Bewegung informiert gewesen. Die Organisation wĂ€re der Aktion vorhergegangen und hĂ€tte den Mut zu Initiativen genommen. Die Streikenden wĂ€ren mehr oder weniger passiv und, abgesehen von einer Minderheit an Gewerkschaftern und Organisatoren, ihrem Streik fremd geblieben.

Wenn die Arbeiter beginnen, sich zu radikalisieren, wird aus dem demokratischen Moment zunehmend das Moment der Vereinnahmung. Es geht darum, ĂŒber die Wiederaufnahme der Arbeit abzustimmen. Die BĂŒrokraten, Spezialisten der Verhandlung, nehmen Überhand.

Die Demokratie wird zum Ausdruck des Verzichts. Sie wird auf sichtbare Weise das, was sie essentiell schon war.

Die Berufung auf die einzig souverĂ€ne Generalversammlung, um gegen die BĂŒrokratisierung zu kĂ€mpfen, genĂŒgt nicht. Die Versammlung kann zum idealen Ort fĂŒr die Manipulation, die massenhafte Versammlung getrennter und ohnmĂ€chtiger Individuen, zum TrĂ€ger von verwirrendem und nutzlosem GeschwĂ€tz werden.

Generalversammlungen sind notwendig. Es ist notwendig, Bilanz zu ziehen, seine KrĂ€fte einzuschĂ€tzen, Delegierte und spezialisierte Kommissionen zu kontrollieren und von ihnen Rechenschaft zu verlangen. Doch die Versammlung sollte nicht als Moment erscheinen, wo alles ausgesetzt ist oder wofĂŒr der Rest der Wirklichkeit ĂŒberprĂŒft wird.

Die Partei

Je mehr sich die Krise des Kapitals vertieft und den illusorischen Charakter der kapitalistischen Lösungen fĂŒr diese Krise sichtbar macht, desto eher bildet sich wieder eine kommunistische Partei innerhalb der Bevölkerung.

Die Bildung der Partei ist nicht die Ursache, welche die Krise determiniert. Sie ist nicht die Voraussetzung fĂŒr den Angriff gegen das Kapital. Ihre quantitative und qualitative Entwicklung ist hingegen extrem abhĂ€ngig von der VerstĂ€rkung dieser Krise. Sie wird versuchen, ihrem Ausgang eine Richtung zu geben und Steine aus dem Weg zu rĂ€umen.

Die Partei ist nicht eine anhand einer Doktrin gebildete Versammlung, die sich vergrössert, ohne dass sich ihr Wesen verĂ€ndern wĂŒrde. Die Partei ist nicht, sie bildet sich. AllmĂ€hlich taucht sie auf, nimmt klarere Formen an und ihr Inhalt wird klarer. Ihr Wesen prĂ€zisiert sich und die Anzahl der Mitglieder wĂ€chst, je mehr sich die Möglichkeiten des Bruches mit dem System abzeichnen.

Die Bildung der Partei ist allerdings nicht ein neues und unbestimmtes PhĂ€nomen. Die Partei, so wie sie wĂ€hrend einer gegebenen historischen Periode entsteht, ist das Wiedererstehen einer Bewegung, die sich ihren zeitlichen Grenzen entzieht. Die moderne Partei knĂŒpft wieder an eine Partei an, deren Wirklichkeit und sogar deren Erinnerung von der Konterrevolution ausgelöscht worden sind.

Ausserhalb aufstĂ€ndischer Perioden, wenn der Kommunismus nur scheu und unstetig bekrĂ€ftigt werden kann, ist die Partei im strengen Sinne dazu verurteilt, ein kleiner und vernachlĂ€ssigbarer Teil der Bevölkerung zu bleiben. Neben den bewussten Kommunisten existieren zahlreiche unbewusste Kommunisten, die durch ihre Verhaltensweise revolutionĂ€re AnsprĂŒche zeigen. Die Partei im breiten Sinne jener, welche sich mehr oder weniger bewusst als Kommunisten wĂ€hrend den sich vermehrenden Gelegenheiten zeigen, ist unsichtbar. Ihr Bild nimmt nicht im herrschenden Spektakel Gestalt an. Ihre Macht wird allerdings auf der Ebene dieses Spektakels selbst fĂŒhlbar. Die Publizisten und die Politiker machen sich zum deformierten Echo ihrer Hoffnung, um ihren Ramsch zu vertreiben. Die Bourgeois und BĂŒrokraten zittern vor dieser noch namen- und gesichtslosen Bedrohung.

Es ist widersprĂŒchlich, sich in einer Welt Kommunist zu nennen, welche den Kommunismus mit allen Mitteln verdrĂ€ngt. Die Kommunisten sind keine Übermenschen, die schon anders leben als ihresgleichen. Sie können sich dem vorherrschenden Elend nicht entziehen. Zur Transformation ihres eigenen Lebens fĂ€llt ihr theoretisches Bewusstsein nicht wirklich ins Gewicht.

Es ist wesentlich und ohnehin unvermeidbar, dass bewusste Kommunisten erscheinen und dass sie sich darum kĂŒmmern, die kommunistische Revolution zu verstehen und vorzubereiten. Doch man sollte nicht bewusste und unbewusste Kommunisten einander entgegensetzen. Man muss allen voran erkennen, wie und weshalb das kommunistische Bewusstsein sich als eine praktische Notwendigkeit entwickelt.

Es existieren freilich Leute, die sich RevolutionĂ€re nennen. Die Hervorbringung dieser „RevolutionĂ€re“ ist nicht unabhĂ€ngig von der VerstĂ€rkung der Krise. Die meisten von ihnen sind nicht Kommunisten und wissen nicht einmal, was sie sind und was sie wollen. Der Wunsch nach der Revolution prĂ€sentiert sich als letzter und inhaltslosester aller möglichen WĂŒnsche in dieser Gesellschaft. Er ist eine von den konkreten BedĂŒrfnissen und Hoffnungen getrennte Abstraktion. Der „RevolutionĂ€r“ kann alles ausfĂŒhrlich erörtern, Leidenschaft fĂŒr strategische Fragen entwickeln, aber er ist unfĂ€hig, das zu definieren, was er anstrebt. Wenn er von den notwendigen VerĂ€nderungen spricht, ist seine Sichtweise von der Frage der Macht beherrscht. Die aufzubauende Gesellschaft grĂŒndet auf einer neuen Machtverteilung. Man „will“ die Volksmacht, die Arbeitermacht, die Studentenmacht, die Macht der RĂ€te (plus Elektrifizierung oder Automatisierung), die Macht der Leute ĂŒber ihr eigenes Leben, die Macht, können zu können


Die meisten hingegen, welche RevolutionĂ€re sein werden, wenn die Revolution konkreten BedĂŒrfnissen und Möglichkeiten entsprechen wird, halten es nicht fĂŒr nötig, sich RevolutionĂ€re zu nennen.

Erst in einer Phase der offenen Konfrontation, wenn die Möglichkeit besteht, die Gesellschaft zu kommunisieren, kann die Partei aufhören, eine Versammlung gemeinsamer Meinungen oder das Produkt sporadischer Aktionen zu sein. Sie kann endlich zu einer handelnden Gemeinschaft werden.

Wenn das Proletariat sich in seiner Gesamtheit an der Revolution beteiligt, verschmilzt die Partei nicht mit der Klasse. Sie behauptet nicht, das Proletariat zu sein oder es zu reprĂ€sentieren. Sie ist der scharfsinnigste und entschiedenste Teil davon. Sie koexistiert, kooperiert oder stösst mit anderen, gemĂ€ssigteren oder von bĂŒrgerlichen Apparaten und Ideologien abhĂ€ngigen Teilen zusammen.

Man kann ihre Handlung in einem Satz charakterisieren: Eine Situation erschaffen, die jegliches ZurĂŒck unmöglich macht.

Es ist normal, dass sich GegensĂ€tze zwischen der Handlung der Kommunisten und dem Verhalten der Massen zeigen. Das ist nicht das Zeichen eines grundlegenden Antagonismus. Die Partei braucht die Organisationen und Massenbewegungen nicht zu eliminieren. Die RĂ€te und die anderen Komitees der Basis brauchen die Partei nicht zu eliminieren. Sollte eines der beiden Dinge geschehen, wĂŒrde das zwingend das Ende und die Niederlage der Revolution bedeuten. Diese Sichtweise eines Antagonismus ist ein Erbe der russischen Revolution und der RĂ€tewelle der 1920er Jahre. Sie hat nur einen Makel: Sie betrachtet Organisationen als kommunistisch, die es nicht waren.

Die Partei wird fĂŒr die RĂ€te kĂ€mpfen, denn dieser Kampf kann nicht von jenem fĂŒr den Kommunismus getrennt werden. Auch wenn die Kommunisten bezĂŒglich diesem oder jenem Punkt betreffend der Organisationsweise nicht mit den Massen einverstanden sind.

Die Partei selbst, die nicht eine von oben vereinigte Organisation oder, noch schlimmer, Institution ist, wird sich durch RĂ€te organisieren. Sie ist die Vereinigung jener, welche sich zur Verteidigung der Gesamtheit der Bewegung Ziele setzen, welche ĂŒber die unmittelbaren Aufgaben und Interessen hinausgehen. Sie muss die niederzureissenden Festungen aufzeigen, die KrĂ€fte an strategischen Punkten konzentrieren, Lösungen vorschlagen.

Es gibt keine Organisation, die sagen können wird, sie sei die Partei. Letztere identifiziert sich nie mit einer Sekte oder irgendeiner Massenorganisation. Die AnhĂ€nger des Kommunismus zeigen sich durch das, was sie tun, und nicht durch die Zugehörigkeit zu einer begrenzten Gruppierung. Die Organisationsformen mĂŒssen nicht erstarrt oder im Vornhinein vereinigt sein. Sie werden im Verlauf der Bewegung entdeckt werden.

VII. Aufstand und Kommunisierung

Die Kommunisierung der Gesellschaft wird nicht auf graduelle und ruhige Art und Weise geschehen, sie wird brĂŒsk und aufstĂ€ndisch sein. Es wird nicht ein ruhiger Wandel sein, dem sich allmĂ€hlich genĂŒgend KrĂ€fte anschliessen werden.

Aufstand und Kommunisierung sind eng miteinander verbunden. Es wird nicht zuerst zu einem Aufstand kommen und danach, ermöglicht durch diesen Aufstand, zur Transformation der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Der aufstÀndische Prozess zieht seine Kraft aus der Kommunisierung selbst.

Zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus gibt es nicht eine Art gemischte und dazwischenliegende Produktionsweise. Die Übergangsphase oder eher die Bruchphase ist durch einen Widerspruch zwischen einerseits absolut kommunistischen Methoden und andererseits einer noch von der Warenwelt durchdrungenen Wirklichkeit charakterisiert. In dieser Phase ist eine Gesellschaft des Überflusses und der Freiheit mit Problemen des Mangels und der Macht konfrontiert. Sie muss die menschlichen und materiellen Nachwirkungen einer Ära der Sklaverei liquidieren und jene KrĂ€fte neutralisieren, die ihr immer noch anhĂ€ngen.

Die Gewalt

Der Einsatz von Gewalt zur Erreichung ihrer Ziele, das sei es, was die RevolutionÀre von den Reformisten unterscheide.

Der Gegensatz zwischen RevolutionĂ€ren und Reformisten betrifft nicht so sehr die Strategie und die Methode als das Wesen der herbeizufĂŒhrenden Transformation. Daraus folgt natĂŒrlich eine unterschiedliche Methode.

Die Geschichte unterschied zwei Arten von Reformisten: die weichen und die harten.

Die weichen Reformisten, Sozialdemokraten und Parlamentaristen, denken, dass ihre Anpassungen reibungslos geschehen können. Sie haben hĂ€ufig in dem Sinne recht, als dass ihre Illusionen die Tiefe der Reformen betreffen, welche sie ausfĂŒhren können. Jeden Tag und ĂŒberall auf der Welt beweisen sie, dass die herrschenden Interessen es akzeptieren, jene nicht niederzuschlagen, welche sie nicht bedrohen. Diese weichen Reformisten werden manchmal hart, aber ihre HĂ€rte ist vor allem gegen das Proletariat gerichtet.

Neben ihnen gibt es die wirklich harten, Stalinisten und Ă€hnliche. Diese glauben, sie seien RevolutionĂ€re. Ihr Ziel ist es, den Staat an sich zu reissen, indem sie die herrschenden AnfĂŒhrer ersetzen. Es liegt in ihrem Interesse, die FĂ€higkeit ihrer Gegner, darauf zu antworten, nicht zu unterschĂ€tzen. Es geht um ihren Erfolg und sogar um ihr Leben.

Und die RevolutionÀre?

Die kommunistische Revolution ist eine grossartige gesellschaftliche ErschĂŒtterung. Sie impliziert Zusammenstösse und Gewalt. Doch obwohl die Revolution ein Akt des Zwanges ist, ist ihr wesentliches Problem nicht eines der Gewalt und die Bedingung ihres Erfolgs ist nicht wesentlich eine Frage der militĂ€rischen Macht.

Dies, weil die Revolution nicht eine Machtfrage ist. Wir machen den herrschenden MÀchtigen nicht den Staat oder die Wirtschaft streitig. Dank seiner Stellung in der Wirtschaft wird der Kommunismus fÀhig sein, die Grundlagen zu untergraben und die Konterrevolution zu entwaffnen, besonders ihren militÀrischen Arm. Er wird so gut es geht eine direkte Konfrontation vermeiden.

Die kommunistische Revolution macht nicht aus der Gewalt das zentrale Problem, denn sie hat zum Ziel, etwas schon bestehendes aufkeimen zu lassen, nicht, ein Projekt in die Wirklichkeit hineinzupressen.

Genau wie wir gegen die Fanatiker und Fetischisten der Gewalt sind, so sind wir auch gegen die Pazifisten. Zwar kann und muss man gewaltfreie Methoden anwenden, auch gegen das MilitÀr, aber wir können die gewaltfreie Ideologie nicht akzeptieren.

Diese Ideologie vermittelt pĂ€dagogische Illusionen und stĂŒtzt sich auf sie. Sie geht davon aus, dass die Gesamtheit der Leute zur Gewaltlosigkeit erzogen und gefĂŒhllos mobilisiert werden kann. Sie will Massenaktionen, aber sieht nicht, dass die durch diese Art der Aktion und des Gegenschlages implizierten Informations- und Koordinationsprobleme ohne die Möglichkeit der Gewalt nicht gelöst werden können. Die systematische Gewaltlosigkeit geht davon aus, dass ein Konsens zwischen Gegnern existiert, gewisse Regeln zu respektieren, und allen voran eine minimale Informationsfreiheit.

Die Gewaltlosigkeit ist vor allem als defensive Methode effizient. Ihre Grenzen zeigen sich, wenn es darum geht, die Initiative zu ergreifen und seine Feinde zu neutralisieren.

Je mehr sich die Revolution mit Kraft und Scharfsinn erhebt, desto mehr werden ihre Optionen respektiert und als unumkehrbar betrachtet werden, desto mehr wird sie fÀhig sein, die Zögernden auf ihre Seite zu bringen und die Gegner zu neutralisieren. Das VerstÀndnis der begrenzten, aber wesentlichen Rolle der Gewalt kann Fehler mit blutigen Resultaten vermeiden.

Das Proletariat kann nicht davon absehen, sich Waffen zu verschaffen, sie herzustellen und zu benutzen. Wenn auch die Waffen nicht immer in der Gesellschaft verbreitet sind, so sind es die zu ihrer Herstellung nötigen Bauteile hĂ€ufig und in grosser Anzahl. Es ist wesentlich, sie zu verzeichnen und ihren eventuellen Gebrauch vorzubereiten, sich zu bewaffnen und Fallen aufzustellen, die unseren Feinden ihre Interventionen teuer zu stehen kommen lassen werden. Was lĂ€cherlich und schĂ€ndlich ist, ist die Leute dazu drĂ€ngen, Gruppen der Selbstverteidigung zu bilden und sich mit Revolvern und Messern auszurĂŒsten, um ihre Fabriken und Quartiere gegen Kampfpanzer oder Flugzeuge zu verteidigen.

Wir können den Ablauf der kĂŒnftigen AufstĂ€nde nicht vorhersehen, doch wir können im Vornhinein und im Verlauf der Bewegung eine Strategie verteidigen. Diese Strategie grĂŒndet auf dem Wesen der kommunistischen Revolution selbst und den KrĂ€ften aller.

Die Bourgeois und BĂŒrokraten zĂ€hlen auf die Armee. Die Macht des Proletariats ist seine wirtschaftliche Position.

Die Armee ist verwundbar, aber nicht so sehr vom militĂ€rischen Standpunkt aus betrachtet als von jenem ihrer AbhĂ€ngigkeit hinsichtlich der Wirtschaft. Sie ist fĂŒr ihre Waffen, ihre Munition, ihre Nahrung, ihre Transporte immer mehr davon abhĂ€ngig. Innerhalb ihr befinden sich Arbeiter und Techniker. Um Krieg zu fĂŒhren, und der moderne Krieg ist teuer, muss der Nachschub garantiert sein und das Land arbeiten.

Die militÀrische Konterrevolution muss wirtschaftlich hinter der Front angegriffen werden. Es ist entscheidend, dass eine nationale Armee nicht woanders einen Aufstand niederschlagen kann, weil bei ihr der soziale Frieden aufrechterhalten wÀre.

Die MilitĂ€rangehörigen kennen das Risiko fĂŒr sie, wenn sie den „Fehlleistungen“ der Arbeiter im Bereich der Produktion abhelfen mĂŒssten. Die Armee kann nicht die Wirtschaft gegen die Arbeiter organisieren. Sie bevorzugt es, einen klar abgegrenzten Gegner mit gleichem Wesen wie sie zu haben, statt Aufgaben erfĂŒllen zu mĂŒssen, die ihr fremd sind, sich in ihnen festzufahren und zu zerstreuen.

Die Armee

Es ist gĂ€ngig, sich die Revolution als Zusammenstoss zwischen zwei Armeen vorzustellen. Die eine den Privilegierten und den Ausbeutern unterstellt, die andere im Dienste der Proletarier. Die Revolution wird auf einen Krieg reduziert. Es geht um die Machtergreifung und die Kontrolle von Territorien. Das ist eine gefĂ€hrlich falsche Sichtweise. Sie stĂŒtzt sich auf die Erinnerungen an die KĂ€mpfe des russischen und spanischen BĂŒrgerkrieges sowie auf die nationalen Befreiungskriege.

Wenn auch die revolutionÀre Aktion zu diesem oder jenem Zeitpunkt, unter diesem oder jenem Umstand eine militÀrische Wende nimmt, Interventionen von Kommandos, Luftangriffe usw., so wird das nichts am tiefen Wesen und dem globalen Charakter des Konflikts Àndern.

Die Revolution als eine Konfrontation zwischen einer roten und einer weissen Armee zu betrachten, wĂ€re nicht kommunistisch, zudem wĂ€re es in Anbetracht des MissverhĂ€ltnisses der streitenden militĂ€rischen KrĂ€fte idiotisch. Dem Kapital einen Krieg anzubieten, wĂŒrde bedeuten, sein Spiel zu spielen.

Die Armee und die Polizei bilden das letzte Bollwerk des Kapitals. Ihre Handlung kann sich direkt durch die Zerstörung von Menschen und Dingen ausdrĂŒcken, aber auch, indem sie eine Situation des Mangels erschafft und aufrechterhĂ€lt, die dazu geeignet ist, Egoismus, Angst und die anderen alten Reflexe auszulösen. Das wĂŒrde die bedĂŒrftigen Bevölkerungen gegen die unruhestiftenden RevolutionĂ€re aufbringen und dazu tendieren, die Marktmechanismen wiederzubeleben.

Die Armee kann benutzt werden, um gewisse strategische Sektoren der Wirtschaft am Laufen zu erhalten und zu kontrollieren.

Durch ihr hierarchisiertes Wesen, das die Diskussion und den Protest zugunsten des Gehorsams und der Disziplin eliminiert, durch ihre Funktion und ihre patriotische Ideologie tendiert die Armee dazu, ein konservatives Korps zu sein.

Doch die militĂ€rische Konterrevolution hat LĂŒcken.

Der Eindruck von Sicherheit und das GefĂŒhl, im Recht zu sein, welche die MilitĂ€rangehörigen in ihrem Ghetto und aus ihren Macken entwickeln, laufen Gefahr, schnell getroffen zu sein, wenn sie nicht in der Konfrontation mit einer gegnerischen Armee auf einem klar abgegrenzten Schlachtfeld gerechtfertigt und verstĂ€rkt werden können. Die Armee muss daran gehindert werden, als Armee zu funktionieren, ihr muss die auflösende FluiditĂ€t des Kommunismus entgegengesetzt werden. Es geht darum, die militĂ€rischen KrĂ€fte zu lĂ€hmen, zu verseuchen, zu spalten und aufzulösen.

Unsere bewaffneten Interventionen mĂŒssen unsere Handlungen der gesellschaftlichen Zerstörung und des Wiederaufbaus eng begleiten. Der Gebrauch der Gewalt sollte nicht zu einer autonomen TĂ€tigkeit und zum Selbstzweck werden. Sie dient dazu, Situationen direkt im Zusammenhang mit der Kommunisierung, die ihr ihre Rechtfertigung, aber auch ihre Kraft liefert, zu blockieren und zu deblockieren.

Man kann wĂ€hrend oder vor einer aufstĂ€ndischen Phase nie genug misstrauisch gegenĂŒber der getrennten Gewalt, dem Terrorismus sein. Die RevolutionĂ€re sind darin in einem RĂ€derwerk des Kampfes und der GegenschlĂ€ge gefangen, wovon der Kommunismus letztendlich abwesend ist. Wenn die Gewalt zu einer Gewalt fĂŒr den Kommunismus wird und nicht mehr den Kommunismus begleitet, wenn sie ihres unmittelbaren Inhalts entleert wird, erlaubt das jegliche Provokationen. Es ist einfach, Morde oder Attentate auszufĂŒhren und sie den RevolutionĂ€ren anzukreiden.

Durch die unmittelbare und radikale Transformation der gesellschaftlichen Organisation muss den MilitÀrangehörigen den Wind aus den Segeln genommen werden, indem man sie einer zu verteidigenden Sache beraubt. Die Armee ist ein Werkzeug, sie kann nicht alles als Organisation der Gewalt durch sich selbst tun. Man kann alles tun mit einem Bajonett, ausser sich darauf setzen.

Innerhalb der Linken existiert ein Vorurteil zugunsten der Intellektuellen und zuungunsten der MilitĂ€rangehörigen. Wenn es um die Revolution geht, denkt man natĂŒrlicherweise, dass erstere auf ihrer Seite stehen und letztere ihre Gegner sein werden. Auf der einen Seite die Intelligenz, auf der anderen die blinde Gewalt.

Die Geschichte hat die Fehlerhaftigkeit dieser Vorurteile gezeigt. Seit der Pariser Kommune, wĂ€hrend welcher sich der Oberst Rossel den AufstĂ€ndischen anschloss und dafĂŒr erschossen wurde und fortschrittliche Schriftsteller wie George Sand und Émile Zola ebendiese AufstĂ€ndischen verachteten, hat sich regelmĂ€ssig ein Teil der bewaffneten StreitkrĂ€fte dem Aufstand angeschlossen und ein nicht minder betrĂ€chtlicher Teil der Intelligenzia war gegen ihn gerichtet.

So ist die Revolution, wenn sie sich ereignet, erschreckt sie manchmal jene, welche sie herbeisehnten, und freut jene, welche sie fĂŒrchteten.

Die Armee bildet ein ziemlich autonomes Korps, dessen Werte teilweise jenen der Bourgeoisie und des Handels fremd sind. Die bĂŒrgerliche Klasse ist nicht wie die feudale Klasse fĂ€hig, ihre Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen. Sie ĂŒberlĂ€sst diese Arbeit der Armee oder der Polizei. Obwohl ein Teil der AnfĂŒhrer der Armee ihre Interessen komplett mit jenen der herrschenden Klasse identifiziert, existiert trotzdem ein latenter Widerspruch zwischen den Interessen und den Verhaltensweisen der MilitĂ€rangehörigen und jenen der Bourgeoisie.

Man sollte nicht glauben, dass die Armee oder ein Teil der Armee sich spontan und einfach der Revolution anschliessen wird. Das kann nur anhand der Entwicklung der Revolution selbst und ihrem Eindringen in die Armee geschehen. Die Armee wird insofern revolutionÀr werden, als dass unter dem Druck der Soldaten und Offiziere die Allmacht der Hierarchie in Frage gestellt und der blinde Gehorsam verurteilt wird.

Die RevolutionĂ€re sollten gegenĂŒber dem Militarismus ĂŒberhaupt keine Konzession machen. Es ist nötig, den MilitĂ€rangehörigen zu zeigen, dass sie nicht fĂŒr sich und noch weniger fĂŒr die Nation kĂ€mpfen. Es muss aufgezeigt werden, dass ihre Ideale von der Kapitalbewegung unterwandert sind. Zudem sollte aufgezeigt werden, dass die MilitĂ€rangehörigen als Menschen mit ihren FĂ€higkeiten und Eigenschaften durchaus Platz haben in der kommunistischen Bewegung.

Unser Ziel ist die Zerstörung der Armee. Man muss hoffen, dass dies mit so wenig Konfrontationen wie möglich mit den MilitÀrangehörigen geschehen kann. AllmÀhlich werden die neu gebildeten oder eingebundenen bewaffneten Gruppen ihren eigentlichen Charakter verlieren, indem sie sich an den produktiven Aufgaben und den ArbeiterrÀten beteiligen.

Die Revolution sollte ihre Macht nicht geringschÀtzen und Möglichkeiten nicht verpassen, Repressionsorgane der alten Gesellschaft in ihre KrÀfte zu integrieren, indem sie sie transformiert. Der Bulle kann vollstÀndig gewillt sein, dem zu dienen, was ihm nicht mehr als die Subversion erscheint, sondern als die neue AutoritÀt. Man kann sogar hoffen, dass einige nicht mehr Lakaien sein wollen.

Auf jeden Fall sollten die RevolutionĂ€re und die Proletarier das Monopol der Bewaffnung nicht anderen ĂŒberlassen. Diese Frage der Bewaffnung des Proletariats wird ein Test sein, um den Wert des Anschlusses der MilitĂ€rangehörigen an die Revolution zu beurteilen.

Rache

Den RevolutionĂ€ren gelĂŒstet es nicht nach Blut, auch nicht nach Rache. Die AufstĂ€nde der Vergangenheit zeigen, dass das Blutvergiessen im Allgemeinen nur zu einem geringen Teil die Schuld der AufstĂ€ndischen ist. Die Hoffnung tilgt den Groll.

Es war die Konterrevolution, die massakrierte, einsperrte, deportierte. Das Blut floss wĂ€hrend den KĂ€mpfen, aber hĂ€ufig auch danach, wenn der militĂ€rische Sieg gesichert war. Eine mörderische Wut, entstanden aus dem Terror der Besitzenden. Die Reaktion muss die gegnerischen KrĂ€fte niederschlagen. Es scheint ihr, die Revolution sei in den RevolutionĂ€ren ansĂ€ssig. Sie mĂŒssen also zerstört werden.

Die Rachsucht konnte in den ArbeiteraufstÀnden eine Rolle spielen. Doch was ist sie schon, wenn man ihr Handeln mit der Repression der Versailler, der Kuomingtang 1927, der Franquisten vergleicht


Die ArbeiteraufstĂ€nde waren viel weniger rachsĂŒchtig als die bĂ€uerlichen Revolten gegen den Feudalismus. Dies, weil die Revolution nicht ein Akt der Hoffnungslosigkeit ist. Die Zerstörung von GĂŒtern, die Vergeltungsmassnahmen gegen Personen sind hĂ€ufig ein Akt jener, welche nicht wissen, wie sie dem Elend entfliehen können, und sich damit begnĂŒgen, das zu vernichten, was die UnterdrĂŒckung verkörpert.

Sich zu rÀchen, wÀre nicht nur kleinlich, sondern auch dumm. Die Verurteilung im Vornhinein anhand der Vergangenheit ist gleichbedeutend mit der StÀrkung unserer Gegner in ihrer Angst und ihrer Entschlossenheit. Es bedeutet, sich unter jenen Feinde zu schaffen, welche zu Recht oder zu Unrecht denken, dass sie sich etwas vorzuwerfen haben. Es bedeutet, persönliche Abrechnungen zu ermutigen.

Wir mĂŒssen unseren Gegnern die Möglichkeit bieten, das Lager zu wechseln. Die kommunistischen Prinzipien diktieren nicht per se eine einheitliche Handlungsweise. Im Gegenteil, sie implizieren, dass sich die DiversitĂ€t der Charaktere, der Situationen und der Vergangenheit jener ausdrĂŒcken können, welche sich an der Revolution beteiligen. Noch besser, sie implizieren, dass wir unsererseits, obwohl unsere Gegner dermassen erblindet sein können, dass sie uns nur noch als „rotes Gesindel“ wahrnehmen, weiterhin im schlimmsten unserer Feinde ein menschliches Wesen sehen mĂŒssen. Dies ĂŒbrigens ohne Illusion bezĂŒglich des menschlichen Wesens.

Es wĂ€re dumm, Ärzte, Ingenieure, Bauern gegen uns aufzubringen, obwohl etliche von ihnen bereit sein werden, sich uns anzuschliessen, ohne dass wir ZugestĂ€ndnisse machen wĂŒrden bezĂŒglich des Mythos des Spezialisten, der Hierarchie der Arbeit, des Eigentums. Das bedeutet, dass die RĂ€te manchmal gewisse gesicherte Situationen schĂŒtzen werden mĂŒssen. Das wird der Gleichheit zuwiderlaufen, doch erlauben, auf einige Druck auszuĂŒben, indem man ihnen noch etwas lĂ€sst, an das sie sich festklammern können. Man kann den Ärzten den Gebrauch ihres Wohnsitzes und ihrer beruflichen Ausstattung unter der Bedingung garantieren, dass sie nicht auswandern und jene pflegen, welche es nötig haben. Irgendein Zweitwohnsitz auf dem Land kann seinem legitimen EigentĂŒmer, einem Familienangehörigen oder Freund zurĂŒckgegeben werden, ohne dass man deswegen zugesteht, dass Leute zwei Wohnsitze haben können und andere in Bruchbuden bleiben.

Jene hingegen, welche versuchen werden, ihre Privilegien zu sichern oder von der Situation zu profitieren, um sich die Taschen zu fĂŒllen, mĂŒssen wissen, dass sie nicht in den Genuss des Mitleids ihrer Opfer kommen werden.

Je mehr Selbstsicherheit die revolutionÀren RÀte haben, je fÀhiger sie sein werden, klare Regeln zu verordnen und die Wirklichkeit schnell zu transformieren, umso weniger wird die Gewalt notwendig sein.

Umstellung

Die Kommunisierung bedeutet nicht, die Chefs aus den Unternehmen und den Fabriken zu verjagen, um sich daran festzuklammern, sondern damit zu beginnen, einen grossen Teil von ihnen zu schliessen.

Die Grenze zwischen Konterrevolution und Revolution wird zwischen jenen verlaufen, welche im Namen des Vaterlandes, der Demokratie, der Selbstverwaltung, der ArbeiterrĂ€te, des Christkönigs oder der Schokoladencreme die Arbeiter-Konsumenten dazu drĂ€ngen, sich an ihren Strafkolonien oder Drogen festzuklammern, und jenen, welche dazu drĂ€ngen, die Produktion massiv zu reduzieren und radikal umzustellen. Es wird darum gehen, die Verschmutzung zu reduzieren und so schnell wie möglich mit der Verblödung der Arbeit und dem vermeintlichen Überfluss der Warenwelt zu brechen.

Wenn man in seiner Fabrik bleibt, sogar um sie selbst zu verwalten, bedeutet das, die Situation zugunsten der Konterrevolution einzufrieren. Ob diese Haltung von ArbeitswĂŒtigen, naiven Gewerkschaftern oder nach Zeitgewinn strebenden, gewieften Kapitalisten verteidigt wird, Ă€ndert am Resultat nichts.

Die RevolutionÀre werden wahrscheinlich von all diesen guten Aposteln beschuldigt werden, die Produktion durcheinanderzubringen und das Lebensniveau des Volkes senken zu wollen.

Diese Reduktion der Produktion ist keine Faszination fĂŒr die Sparsamkeit. Die verlangten Opfer werden viel geringer sein als jene, welche eine andere Lösung auferlegen wĂŒrde. Eine falsche Lösung, die nur dazu dienen wĂŒrde, einen entscheidenden Bruch mit der Vergangenheit zu verhindern und fĂŒr den Kampf notwendige KrĂ€fte zu lĂ€hmen. Eine falsche Lösung, die jene um sich scharen wird, welche Angst haben, dass sich die Grundlagen ihrer Macht in Luft auflösen: unverbesserliche Gewerkschafter, kleine und grosse Chefs, Politiker, Verwalter, Arbeitgeber


Nur indem wir aufhören, eine Unzahl an wenig nĂŒtzlichen, nutzlosen oder schĂ€dlichen Produkten zu produzieren und indem wir die Trennung zwischen Unternehmen zerschlagen, werden wir die KrĂ€fte darauf konzentrieren können, die unerlĂ€sslichen oder notwendigen Produkte im Überfluss zu produzieren. Wir werden forschen und damit beginnen mĂŒssen, eine neue Produktion in Gang zu setzen. Die Kommunisierung bedeutet also nicht nur Abschaffung des Geldes, sondern auch eine schnelle Transformation der Produktion. Die beiden Dinge sind eng miteinander verbunden.

Die Arbeiter, die Angestellten, die Lehrer werden aufgefordert werden, dorthin zu gehen, wo sie wirklich nĂŒtzlich sein werden. Diese VerĂ€nderungen werden sich zuerst auf den spontanen Abscheu der Massen fĂŒr ihre Arbeit und die Aufdeckung ihrer FĂ€higkeiten stĂŒtzen. Sie werden nicht unter der Schirmherrschaft eines FĂŒhrungszentrums zustande kommen, sondern aus einer Vielzahl verschiedener Initiativen. Das bedeutet nicht Chaos und NachlĂ€ssigkeit. Jede Revolution impliziert einen Anteil an UnschlĂŒssigkeit, Durcheinander und Verschwendung. Es ist bedeutend, ihn auf ein Minimum zu reduzieren. Das ist besonders die Aufgabe der Radikalsten. Wir sind weder gegen die Ordnung oder die Disziplin, noch gegen die Organisation oder sogar die AutoritĂ€t. Jene, welche Revolution und Chaos miteinander verwechseln, werden genauso entschlossen verurteilt und bekĂ€mpft werden mĂŒssen wie die StaatsglĂ€ubigen, denen sie in die HĂ€nde spielen.

Die Umstellung wird zuerst die Befriedigung der elementarsten BedĂŒrfnisse erlauben mĂŒssen. Danach wird, statt die Erschaffung gewisser Produkte, jene der zu ihrer Fabrikation notwendigen Werkzeuge und Maschinen begĂŒnstigt werden mĂŒssen. Dieses Material wird in der Gesellschaft verbreitet sein und jedem erlauben, das zu fabrizieren, was er von anderen hĂ€tte fabrizieren lassen.

Das sind einige Indikationen zu den denkbaren VerĂ€nderungen in Zusammenhang mit den grossen wirtschaftlichen Sektoren. Keine dieser Transformationen hat an sich einen Sinn. Die Gefahr konkreter VorschlĂ€ge ist, dass sie gegen den Kommunismus vereinnahmt werden können. Doch man sollte nicht vergessen, dass die RevolutionĂ€re sich nicht damit begnĂŒgen können, allgemeine Prinzipien zu formulieren, und dass sie anhand einer bestimmten Situation konkrete Lösungen vorschlagen mĂŒssen.

Energie: Es wird zu einer bedeutenden Reduktion der Energieproduktion kommen. Diese Reduktion ergibt sich natĂŒrlicherweise aus der Schliessung eines Teils der Industrie, die den grössten Teil dieser Energie konsumiert. Sie wĂŒrde vielleicht ohnehin zwingend aufgrund der Schwierigkeit, den Nachschub an Erdöl, Gas und Kohle zu garantieren.

Die Verteilung der Energie wird transformiert werden. Ein Teil davon, der direkt von der Industrie benutzt worden war, wird in den Konsum der Haushalte umgeleitet werden können: Heizung, Beleuchtung, Versorgung kleiner Maschinen.

Wir werden schrittweise neue Energiequellen erschliessen. Es wird das entwickelt werden mĂŒssen, was am wenigsten verschmutzt und begrenzte Rohstoffe wie fossile Brennstoffe schont. Wir könnten eine dezentralisierte und zeitweilige Produktion zum lokalen Gebrauch begĂŒnstigen. Das bedeutet jedenfalls nicht, dass der Kommunismus grundlegend gegen die Atomkraft ist. Es braucht schlichtweg ernsthafte Garantien bezĂŒglich den Produktionsbedingungen und den Notwendigkeiten ihres Gebrauchs. Kurzfristig scheinen Wasser, Wind und Sonne die bessere Lösung zu sein.

Transportmittel: Die Transportmittel verschwenden Energie, verschmutzen, konkretisieren gesellschaftliche Ungleichheiten
 Auch hier wird es eine bedeutende Reduktion und Rationalisierung geben, möglich gemacht durch die Neugestaltung des Raums. Die Leute werden sich arrangieren, um keine allzu langen Strecken zurĂŒcklegen zu mĂŒssen. Sie werden weniger Gelegenheiten haben, sich widerwillig fortbewegen zu mĂŒssen. Freiere ZeitplĂ€ne werden es erlauben, nicht zusammengepfercht in den gleichen Fahrzeugen zu sein.

Die aktuelle Autoproduktion wird allgemein gestoppt werden können. Die Anzahl der gegenwĂ€rtig zirkulierenden Autos erlaubt es, wenn sie auf vernĂŒnftigere Weise benutzt werden, auf die Entwicklung und Fabrikation weniger elender GerĂ€te zu warten. Ein Teil der Fahrzeuge werden als Taxis gebraucht werden können, mit oder ohne Fahrer, oder öffentlichen Aufgaben dienen.

Die grosse Mehrheit der Autos wird wahrscheinlich weiterhin auf private Art und Weise benutzt werden mĂŒssen. Das wird es erlauben, die traditionellen Gewohnheiten zu schonen und die Benutzer fĂŒr die gute VerkehrstĂŒchtigkeit dessen zu interessieren, was ihnen weiterhin gehört. Dieser Besitz könnte durch gewisse Nutzungsbedingungen beschrĂ€nkt werden, sie hĂ€tten zum Ziel, den Verkehr an gewissen Orten zu beschrĂ€nken oder zu eliminieren und den bestmöglichen Gebrauch und die bestmögliche Nutzung zu erlauben.

Der Zug und andere gesteuerte Transportmittel werden begĂŒnstigt und entwickelt werden mĂŒssen. Denn sie garantieren die grösste Sicherheit, die beste Energiebilanz und die geringste Beanspruchung des Bodens. Diese schnellen und bequemen GerĂ€te könnten mit langsameren Fahrzeugen komplettiert werden, deren Gebrauch individueller und flexibler wĂ€re und die mit nicht verschmutzenden Motoren ausgestattet wĂ€ren.

In der Zwischenzeit werden wir weiterhin Lastwagen, FahrrÀder, Trottinette und gute Schuhe produzieren können.

Um die ReisebedĂŒrfnisse zu reduzieren, besonders betreffend der schnellen Kontakte ĂŒber weite Distanzen hinweg, werden wir ein gutes Telefon- oder Videotelefonnetz entwickeln mĂŒssen. Das wird es auf viel gĂŒnstigere Art und Weise viel mehr Leuten als heute erlauben, miteinander in Kontakt zu treten. Das Flugzeug ist lĂ€rmiger und verschmutzender Schnickschnack fĂŒr GeschĂ€ftsmĂ€nner und eilige Touristen. Sein Gebrauch kann nur schwer auf alle ausgedehnt werden. Wir werden es also eliminieren oder auf einige besondere FĂ€lle beschrĂ€nken mĂŒssen.

FĂŒr Reisen ĂŒber weite Distanzen hinweg, wieso beleben wir nicht die Mode der grossen Segelschiffe neu, indem wir sie modernisieren? Ihre Fabrikation wĂŒrde einen gesunden Wettbewerb entstehen lassen. Auf jeden Fall wird es andere Mittel geben, um von einem zu einem anderen Kontinent transportiert zu werden. DafĂŒr braucht es keine Überschallflugzeuge.

Verlagswesen: Es ist ein Sektor, dessen revolutionÀre Bedeutung einfach zu verstehen ist. Wer wird die Presse kontrollieren?

WĂ€hrend aufstĂ€ndischen Perioden kontrollierten die Arbeiter regelmĂ€ssig den Inhalt der von ihnen gedruckten Zeitungen. Das wird wieder so sein, auch wenn es den Predigern der Pressefreiheit, die hĂ€ufig einfach die AnhĂ€nger der Freiheit des Geldes sind, nicht gefallen mag. Doch das reicht nicht. Die Presse wird sich transformieren mĂŒssen. Sie wird nicht mehr der kontemplative Widerschein der Wirklichkeit sein.

Die Revolution wird eine Redefreiheit erlauben, die heutzutage unmöglich ist. Eine grosse Menge an kleinen Druckmaschinen, die den Unternehmen und Verwaltungen gehören, werden allen verfĂŒgbar gemacht werden.

In der Welt von morgen wird ein Buch oder irgendein SchriftstĂŒck nicht herausgegeben und vertrieben aufgrund des EinverstĂ€ndnisses eines Verlegers. Es wird direkt von jenen betreut und gedruckt werden, welche sich fĂŒr es interessieren. Sein Erfolg wird also vom Mut des Autors und seiner praktischen UnterstĂŒtzung abhĂ€ngen.

Heutzutage ist ein betrÀchtlicher Anteil der Kosten eines Buches mit seinem Vertrieb und seiner Verkaufsförderung verbunden. Der Vorteil mit dem Kommunismus ist offensichtlich. Man kann zur Schonung der WÀlder sogar einrÀumen, dass Zeitungen oder Texte zirkulieren oder plakatiert werden.

WĂ€hrend er die schriftliche, mĂŒndliche oder audiovisuelle MeinungsĂ€usserung aller begĂŒnstigt, sollte es der Kommunismus erlauben, der Gesellschaft Ausgaben an Papier und Tinte zu ersparen.

Was wird aus der Literatur werden? Zweifellos wird sie sich transformieren und Romane werden allmĂ€hlich weniger notwendig. Es wird keine Welt der BĂŒcher mehr geben, welche der wirklichen Welt entgegensetzt ist, obwohl wir uns weiterhin um Fiktion kĂŒmmern werden. Vielleicht wird die schriftliche Kommunikation mit der Zeit sogar an Bedeutung verlieren und tendenziell verschwinden.

Bauwesen: Die Bauindustrie wird sich verĂ€ndern. Das bedeutet nicht, dass die Maurer nichts mehr tun werden. Die BautĂ€tigkeit ist eine der wenigen TĂ€tigkeiten, die keine RĂŒckschritte machen wird.

Es wird jedoch notwendig sein, Massnahmen zu ergreifen, um sie in den ĂŒberbevölkerten StĂ€dten und VorstĂ€dten zu beschrĂ€nken oder, radikaler, zu verbieten. Doch die Leute, welche aus diesen urbanen Zentren umsiedeln, werden eine Unterkunft brauchen. HĂ€user und GebĂ€ude jeglicher Art mĂŒssen zwingend Baustellen werden. Es muss auch demoliert und die Wiederverwertung der Materialien organisiert werden.

Dort genau wie anderswo wird der Professionalismus untergraben werden, aber vielleicht noch schneller. Jene, welche ein neues Haus wollen, werden anpacken mĂŒssen. Sie werden unterstĂŒtzt werden von jenen, welche sich darin aufgrund ihrer Ausbildung oder Erfahrung besser auskennen.

Die notdĂŒrftig Untergebrachten werden in Wohnungen oder Residenzen untergebracht werden, welche aus irgendeinem Grund unbewohnt sind. Die Suspendierung der Bezahlung der Mieten und Rimessen wird natĂŒrlich eine der ersten Manifestationen der Revolution sein.

Kleidung: Wir werden nicht alles sofort transformieren können. Es wird nötig sein, weiterhin anhand der bestehenden Materialien und Maschinen zu produzieren. Es wird gewiss ziemlich schnell zu Transformationen bezĂŒglich der QualitĂ€t und der BestĂ€ndigkeit kommen.

Eine gewisse Anzahl von Modellen an Kleidern und Schuhen werden in grosser Anzahl produziert werden können. Daneben werden wir die Produktion von Stoffen und kleinen Maschinen entwickeln, damit die Leute selber anfertigen, was sie brauchen. Das wird es erlauben, die Produkte den GeschmĂ€ckern der Leute anzupassen. Es wird auch erlauben, dass der Vertrieb der Kleider von den direkt geleisteten BemĂŒhungen abhĂ€ngt.

Nahrung: Die Industrialisierung der ErnĂ€hrungsprodukte hatte allgemein eine Verschlechterung ihrer QualitĂ€t zur Folge. Der Kommunismus wird so schnell wie möglich die Menge an produzierter Nahrung erhöhen, ihre Verteilung besonders zugunsten der unterernĂ€hrten Bevölkerungen der Dritten Welt verĂ€ndern und hinsichtlich der Verbesserung ihrer QualitĂ€t agieren mĂŒssen.

Es wird Modifikationen bezĂŒglich der Zusammensetzung der Produkte geben. Alles, was schĂ€dlich oder gar nutzlos ist und nur dazu dient, den Konsumenten zu tĂ€uschen, wird ausgeschlossen werden mĂŒssen. Die Verpackungen werden vereinfacht werden.

Betreffend der Landwirtschaft wird es nötig sein, die Nutzung chemischer Produkte allmĂ€hlich zu beschrĂ€nken und zu reduzieren. Es geht hier nicht um eine Opposition aus Prinzip gegen alles Chemische oder KĂŒnstliche, sondern um eine Opposition gegen eine wirkliche Verschlechterung oder VerfĂ€lschung landwirtschaftlicher Produkte.

Die Monokultur wird der Mischkultur und dem Zusammenschluss des Anbaus und der Zucht Platz machen mĂŒssen, das erlaubt die Wiederverwertung und die Nutzung des Mists und der AbfĂ€lle. Das erlaubt es, die Wichtigkeit Ă€usserer Zufuhren zu reduzieren, was besonders fĂŒr die nicht industrialisierten LĂ€nder eine zentrale Bedeutung hat.

Es ist besser, dass die KrĂ€fte der Gesellschaft direkt in den Anbau des Landes investiert werden, statt in Fabriken fĂŒr DĂŒnger und chemische Produkte. Wenn man der Landwirtschaft Arbeitskraft entziehen muss, ist es besser, das fĂŒr die Fabrikation von Werkzeugen und landwirtschaftlichen Maschinen zu tun. Dieses Material muss besonders in die Landwirtschaft der Dritten Welt eingefĂŒhrt werden.

Die Forschungen bezĂŒglich der QualitĂ€t der Nahrungsmittel und der landwirtschaftlichen Methoden, die heutzutage wenig entwickelt sind, werden verstĂ€rkt werden mĂŒssen. Es wird nötig sein, die besten Pflanzenarten, die fĂŒr den Boden schonendsten Methoden und die beste Aufteilung des Anbaus fĂŒr den Bedarf an Nahrungsmitteln auszuwĂ€hlen. Genau wie ĂŒberall mĂŒssen in der Landwirtschaft Entscheidungen getroffen werden: Sollen wir die Produktion von tierischen oder pflanzlichen Proteinen bevorzugen? Ist der Ertrag oder die Robustheit wichtiger?

Die Gesundheit: Die Gesundheitsprobleme sind zu einem grossen Teil von den Lebens- und Arbeitsbedingungen verursacht. Indem der Kommunismus diese Bedingungen revolutioniert, wird er viel fĂŒr die Gesundheit der Bevölkerungen tun.

Hygiene- und PrĂ€ventionsmassnahmen sollten der Schwerpunkt sein. Die Produktion von Medikamenten wird aus diesem Grund reduziert werden. Gewisse Produkte, die nutzlos oder im Moment als nĂŒtzlich erscheinen, werden abgeschafft werden. Genau wie fĂŒr die Marken der Waschmittel existieren verschiedene Waren eines gleichen pharmazeutischen Produkts. Die Kosten der Verpackung und der Werbung sind wichtiger als das wirklich aktive Produkt. All das wird natĂŒrlich verschwinden.

Es geht darum, die Medizin den Laien so schnell wie möglich zugĂ€nglich zu machen. Das bedeutet die WiedereinfĂŒhrung von in der Gesellschaft verlorenem medizinischem oder hygienischem Wissen. Die Ermöglichung der Nutzung medizinischer Pflanzen. Das bedeutet, einen Teil der Bevölkerung auszubilden, damit sie medizinisch so schnell wie möglich intervenieren kann.

Bildung: Die Periode des Aufstands und der Umstellung wird das BedĂŒrfnis nach Bildung und Lernen entwickeln. Da ein grosser Teil der Bevölkerung einer anderen TĂ€tigkeit nachgehen muss und da alle ihre FĂ€higkeiten vervielfachen werden mĂŒssen, wird es nötig sein, zu lernen.

Dieser Lernprozess wird grösstenteils spontan geschehen. Alle werden ihren GefĂ€hrten ihre Kenntnisse vermitteln mĂŒssen.

Das Fernsehen und das Radio werden gĂŒnstige Mittel sein, um das zu ĂŒbermitteln, was die Leute brauchen. Es ist einfach, LehrgĂ€nge in Mechanik, Landwirtschaft oder Mauerbau zu verbreiten, das wird den praktischen Lernprozess komplettieren.

Was wird aus den Lehrern? Es geht nicht darum, das Lehren zu verbieten, aber die Tatsache, nur Lehrer zu sein, muss mit allen Mitteln entmutigt werden. Ein grosser Teil der Kultur wird sowieso kein Lehrobjekt im strikten Sinne mehr sein. Betreffend der Kinder geht es nicht darum, ihre Aufsicht den ihren Beruf liebenden Lehrern zu entziehen. Doch sobald die den Kindern angebotenen TĂ€tigkeiten sich vervielfĂ€ltigen und sie keine Last mehr fĂŒr die nicht mehr an berufliche oder hĂ€usliche Arbeiten geketteten Erwachsenen sein werden, wird der Fortbestand der Schule unmöglich sein.

Es wird im Interesse des Lehrerkorps liegen, sich zur Garantie seines Wohlbefindens wie alle um praktische Aufgaben zu kĂŒmmern. Falls es das nicht tut, wird es direkt dafĂŒr bezahlen. Es steht ausser Zweifel, dass der grösste Teil der Lehrer, die immer mehr zu Unterrichtsmaschinen verkommen, eine neue Lebensweise schĂ€tzen werden, die sie ohnehin nicht daran hindern wird, anderen ihre Kenntnisse zu vermitteln.

Religion: Einige kleinglĂ€ubige GlĂ€ubige beteuern mit Vehemenz, die kommunistische Revolution sei das Ende der Religion. Es ist gleichbedeutend mit einem Zweifel an der Macht des Herrn, sich um seine eigenen GeschĂ€fte zu kĂŒmmern. Was uns betrifft, ĂŒberlassen wir ihm das.

Bruch

Zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus gibt es keine Übergangsphase, sondern eine Phase des Bruches, wĂ€hrend welcher die RevolutionĂ€re versuchen mĂŒssen, unumkehrbare Massnahmen zu ergreifen.

Einige bedauern die Kommodifizierung und die Industrialisierung des gesamten gesellschaftlichen Lebens. Sie möchten, dass sich das Ă€ndert, jedoch auch vernĂŒnftig bleiben. Sie rufen die bestehenden Behörden oder ihre offiziellen Gegenspieler dazu auf, VerĂ€nderungen zu unterstĂŒtzen. Sie möchten vor allem, dass sie geordnet ablaufen. FĂŒr sie kann der Einbruch der Massen auf die BĂŒhne der Geschichte nur zu einem unentwirrbaren Chaos fĂŒhren.

Sie möchten eine allmĂ€hliche Dekommodifizierung der Wirtschaft durch die Entwicklung öffentlicher Dienste und unentgeltlicher GĂŒter. Die Lohnarbeit wĂŒrde reduziert werden und es wĂŒrden sich daneben neue, weniger unmenschliche produktive TĂ€tigkeiten entwickeln.

Die tollkĂŒhnsten unter ihnen planen ein, dass die Ware und die Lohnarbeit frĂŒher oder spĂ€ter verschwinden.

Es ist immer die gleiche Hoffnung, das Kapital benutzen und zĂ€hmen zu können. Die gleiche Illusion wird von jenen verbreitet, welche die Lohnarbeit beibehalten wollen, wĂ€hrend die Lohnunterschiede eliminiert werden oder aus dem Lohn die gerechte VergĂŒtung der MĂŒhsamkeit der Arbeit gemacht wird.

Das Kapital ist grundlegend expansionistisch und imperialistisch. Deshalb versucht es, das gesamte gesellschaftliche Leben an sich zu reissen. Ein anders funktionierender Sektor neben dem Handelssystem wĂ€re schnell wieder kommodifiziert. Entweder bliebe er eine FreizeitaktivitĂ€t oder ein Spiel, komplett abhĂ€ngig vom Kapital, wie heutzutage die Bastelei, oder er wĂŒrde an Bedeutung gewinnen und seine Produktion zirkulieren und er wĂŒrde den Kapitalismus selbst neu erfinden. Es kĂ€me zu einer Zersetzung von innen und einem Angriff von aussen. Die „freien“ Produzenten, die Wochenendhandwerker, welche weiterhin Gefangene einer bĂŒrgerlichen Lebensweise wĂ€ren, wĂŒrden natĂŒrlicherweise danach streben, aus ihrer parallelen Produktion einen Ertrag zu generieren, um ihr Budget aufzubessern.

Sollen wir uns auf die politische Macht verlassen, um eine solche „Revolution“ zu unterstĂŒtzen? Das bedeutet, ihre AbhĂ€ngigkeit von der Wirtschaft zu vergessen. Es lĂ€uft darauf hinaus, den Warentotalitarismus dem Staatstotalitarismus entgegenzusetzen.

Können wir auf eine VerÀnderung der MentalitÀten zÀhlen? Es ist gleichbedeutend mit dem Glauben, die Warenwelt sei allen voran eine Perversion des Geistes. Die MentalitÀten werden das sein, was die Situation ihnen erlauben wird, zu sein.

Man kann nicht mit einem Fuss in der neuen Welt sein, wÀhrend die Hand den Geldbeutel festhÀlt.

Diese reformistischen Konzeptionen verstehen nichts von der Notwendigkeit eines globalen Bruches und dem Wesen der revolutionÀren proletarischen TÀtigkeit. Sie erkennen nicht, dass der wahre Gegner des Handelssystems die Lage und die TÀtigkeit der Klasse der Enteigneten ist. Man glaubt, man könne Massnahmen gegen das Kapital ergreifen, weil man es als Sache betrachtet, deren Macht begrenzt werden muss, und nicht als gesellschaftliches VerhÀltnis.

Das Kapital kann seine Zeit damit vertreiben, die menschliche TĂ€tigkeit zu befreien und sie scheinbar zu dekommodifizieren. Es verkauft ein neues Leben in seinen Ferienressorts, man bezahlt, um nicht bezahlen zu mĂŒssen. Die neuen Zahlungssysteme tendieren dazu, den direkten und bedrĂŒckenden Kontakt mit dem Geld zu vermeiden. All das zeigt den Drang nach Kommunismus und seine Möglichkeit, aber auch das vereinnahmende, blutsaugende und verlogene Wesen des Kapitals.

Das Handelssystem ist ein Ganzes. Es wird als Ganzes niedergeschlagen werden. Wir können durch den Handel eng miteinander verbundene Sektoren nicht einen nach dem anderen kommunisieren. Glaubt sowieso jemand, dass das Interventionsfeld eines Aufstands beschrÀnkt werden könnte?

Die Massnahmen „gegen die Warenwelt“, die darauf aus sind, die Aktion des Kapitals temporĂ€r zu beschrĂ€nken oder weniger sichtbar zu machen, können nur zum Ziel haben, einen Aufstand zu verhindern oder zu hemmen. UnabhĂ€ngig vom guten Willen oder sogar vom annĂ€hernden VerstĂ€ndnis jener, welche sie vorschlagen, werden sie nur der Konterrevolution dienen können.

WĂ€hrend einer aufstĂ€ndischen Periode werden die RevolutionĂ€re sich darum bemĂŒhen mĂŒssen, falsche radikale Massnahmen zu verurteilen und den Lauf der Dinge zu beschleunigen. Sehr hĂ€ufig werden ihre Aktionen als revolutionĂ€re Exzesse denunziert werden, dies von jenen, welche sich als RevolutionĂ€re verkleiden, um die Revolution besser bekĂ€mpfen zu können.

Die Lösung fĂŒr die wichtigen Probleme, ausgelöst durch den abrupten Bruch mit der Handelswirtschaft, wird allen voran auf der RĂ€teorganisation der Produktion und der Distribution der GĂŒter beruhen. Die Diskriminierungen aufgrund der Seltenheit der Produkte werden nicht mehr durch das Geld bestimmt, sondern in dieser Zwischenphase durch die RĂ€te und die „Konsumentenkomitees“, die darauf achten werden, sie anhand des besten Gebrauchs zu verteilen. Die Gefahr ist, dass man glauben könnte, es wĂ€re möglich, ein gemischtes System aufzubauen, um Schwierigkeiten zu verhindern.

Die RĂ€te werden schwierige Probleme regeln mĂŒssen, doch sie sind die einzige Kraft, die fĂ€hig ist, sie zu regeln.

Um die RĂ€teorganisation zu erlauben und zu unterstĂŒtzen, wird es nötig sein, dass der funktionierende FlĂŒgel der Revolution seine KrĂ€fte auf gewisse strategische Punkte konzentriert. Sie wird das zerstören mĂŒssen, was das Überleben oder den Neubeginn des alten Systems erlauben könnte.

Die materiellen Grundlagen des Bank- und Finanzsystems werden zerstört werden mĂŒssen. Die Einrichtungen werden angegriffen und die GeschĂ€ftsbĂŒcher, Papiere und Archive verbrannt werden mĂŒssen. Alles, was einem Zahlungsmittel gleichen kann, wird zerstört werden mĂŒssen.

Die Staatsmaschinerie wird gelĂ€hmt werden mĂŒssen. Das bedeutet nicht so sehr, das System frontal anzugreifen, sondern seine etlichen Tentakel zu zerstören. Der Staat hat ĂŒberall Verzweigungen. Es ist seine StĂ€rke und seine SchwĂ€che.

Alles, was es erlaubt, die Leute zu kontrollieren, wird angegriffen werden mĂŒssen, allen voran die Ausweispapiere jeglicher Kategorie. Es wird Jagd auf alle staatlichen oder privaten Dateien gemacht werden mĂŒssen. Von einigen Dokumenten mit revolutionĂ€rem oder historischem Interesse abgesehen, werden jegliche Archive und administrative Dokumente zerstört werden mĂŒssen.

Die Übernahme der GefĂ€ngnisse und die Befreiung der Gefangenen, auch der politischen Gefangenen, wird auf der Tagesordnung stehen. Das wird die anstĂ€ndigen Leute nicht beruhigen. Die ganze Unterwelt von einem Tag auf den anderen auf der Strasse. Sind die GefĂ€ngnisse nicht voll von schrecklichen Gangstern und abscheulichen Mördern?

In Wirklichkeit sind die Mehrheit der Gefangenen Proletarier, die durch den Angriff auf die Ware und das Eigentum ihrer Bedingung entkommen wollten. Die meisten von ihnen sind keine kleine Heilige oder grosszĂŒgige RevolutionĂ€re. Doch die GrĂŒnde ihrer Aggressionen verschwinden mit dem gegenwĂ€rtigen System. Sie werden grossmehrheitlich fĂ€hig sein, ihre Talente in den Dienst der Revolution zu stellen.

Und die Unterwelt? Im Allgemeinen sind die Ganoven nicht hinter Schloss und Riegel. Sie treiben manchmal sogar ihr Unwesen mit der KomplizitÀt der Polizei. Die Mörder? HÀufig steht das Gesetz auf ihrer Seite. Gewisse sind sogar StaatsoberhÀupter.

Die Befreiung der Gefangenen wird die Widerlinge und die notorischen KonterrevolutionÀre ausschliessen. Das Ende der Ware und die Organisation bewaffneter Milizen wird eine Reduktion der schÀdlichen Elemente erlauben.

Diese verschiedenen Massnahmen können nicht in jedem Zusammenhang und in jedem KrĂ€fteverhĂ€ltnis ergriffen werden. Doch sie sind eine zwingende Notwendigkeit fĂŒr die RevolutionĂ€re und die Feinde des Staates.

Die mit der Verteilung der GĂŒter beschĂ€ftigten Komitees könnten versuchen, die kleinen HĂ€ndler und die Betreiber auf ihre Seite zu bringen und ihre Lokale zu benutzen. Wenn diese gesellschaftlichen Kategorien sich zur Anpassung fĂ€hig zeigen, wird das umso besser sein. Falls sie Widerstand leisten und versuchen, EigentĂŒmer ihrer VorrĂ€te und ihres Ladens zu bleiben, werden wir ohne sie auskommen mĂŒssen. Wenn die Waren, die sie besitzen, bedeutend und notwendig sind, werden wir sie beschlagnahmen mĂŒssen. Ihre Macht ist ohnehin begrenzt, denn es genĂŒgt, ihren Nachschub an der Quelle zu unterbinden.

Die Werbung wird in Antiwerbung umgewandelt werden können. Es wird darum gehen, ĂŒber die Eigenschaften und die Fabrikation der Produkte, den Zustand der Reserven zu informieren und zur MĂ€ssigung anzuregen.

Internationalismus

Die Revolution wird global sein.

Das ist nicht ein moralischer Imperativ: Alle Menschen sind gleich und BrĂŒder und Schwestern und haben ein Recht darauf.

Die Revolution wird global sein, weil das Kapital selbst eine globale Wirklichkeit ist. Es hat die menschlichen Gemeinschaften zerstört, die Individuen voneinander getrennt, aus allen Konkurrenten aller gemacht. Doch in der gleichen Bewegung hat es die menschliche Gattung unter seinem Einfluss versammelt und vereint. Heute und zum ersten Mal seit Adam und Eva ĂŒberschneiden sich die genetische und die gesellschaftliche Einheit der Spezies.

Die Entstehung der nationalen Idee und der Nationalstaaten ist das direkte Resultat der kapitalistischen Entwicklung, der Zerstörung der traditionellen Gruppen, der Standardisierung durch den Handel und der Ungleichheit des Wachstums. Doch obwohl das Kapital hinter Grenzen in Deckung geht, lÀsst es sich nicht darin einsperren. Seine imperialistische und anonyme Entwicklung tendierte immer dazu, MÀrkte zu erobern und zu vereinigen. Es waren verschiedene LÀnder und Gebiete, die aufeinanderfolgend die privilegierten Orte der Kapitalakkumulation waren, bevor sie untergingen, um anderen Platz zu machen.

In der neuzeitlichen Epoche hat sich diese Bewegung beschleunigt. Es kam zur Globalisierung der Handelsbeziehungen und der VerstÀrkung der Ungleichheiten. Die Kolonialisierung, die Weltkriege, die Entwicklung neuer Akkumulationspole, die Bildung neuer, mehr oder weniger marionettenhafter Nationalstaaten waren Etappen dieser Bewegung. Die Vermehrung der Nationen und der Staaten hat die Vereinigung auf der politischen Ebene selbst nicht verhindert. Die kleinen Staaten sind abhÀngig von stÀrkeren Staaten. Sie haben sich in militÀrischen Blöcken und Wirtschaftszonen gruppiert. Sie haben Institutionen und globale InterventionskrÀfte erschaffen.

Noch bemerkenswerter ist die Internationalisierung der Handelsbeziehungen und die Bildung multinationaler Unternehmen, sie haben sich noch schneller als die politische Vereinigung entwickelt und die Staaten um einen grossen Teil ihrer wirtschaftlichen Macht gebracht. Diese riesigen Firmen sind reicher als viele Nationen. Sie haben eine planetarische Sichtweise der Dinge. Sie versuchen, dort zu produzieren und zu verkaufen, wo es am rentabelsten ist, ohne sich um die Grenzen zu sorgen.

Der Handel vereinheitlicht das Leben auf der ganzen Welt und man findet ĂŒberall die gleichen Arten von Getreide, GebĂ€uden und Bildungswesen. Der bewahrte oder hinzugefĂŒgte lokale Charakter ist ein Werbeargument fĂŒr Touristen und Traditionalisten. Nichts illustriert diese Banalisierung der nationalen Idee besser als die typischen Kulissen, die durch Ă€hnliche Flugzeuge durch die Welt transportiert werden. Hier isst man auf französische Art und Weise, dort trifft man japanische Geishas – und so ziemlich ĂŒberall palĂ€stinensische Luftpiraten.

In Anbetracht all dessen rufen die RevolutionĂ€re natĂŒrlich nicht zur Verteidigung oder Wiederherstellung des Vaterlandes auf, wie es etliche Idioten und Demagogen tun. Genauso wenig unterstĂŒtzten wir regionalistische oder neonationalistische Bewegungen, die sich die Bildung neuer, legitimerer VaterlĂ€nder auf die Fahnen schreiben. Indem man sich auf das Recht auf den Unterschied und die Autonomie beruft, setzt man den Nationalismus dem Nationalismus, den Staat dem Staat entgegen. Am Anfang steht hĂ€ufig eine gesunde Reaktion gegen den Staatsglauben, die Vereinheitlichung und die UngleichmĂ€ssigkeit der Entwicklung der gegenwĂ€rtigen Welt. Die einzig mögliche Lösung ist das Ende des Kapitals und all seiner Staaten.

Der Kommunismus ist nicht der Feind der VaterlÀnder, wenn man darunter die Verbindung der Menschen mit der Region, der Landschaft, den BrÀuchen und den lokalen Lebensweisen versteht. Wir wollen nicht den Lokalpatriotismus wiederauferstehen lassen, aber wir sind gegen die Angleichung der LÀnder und ihrer Bewohner.

Die Verteidiger des Vaterlandes sind hÀufig bloss Verteidiger des Staates. Ihre Nostalgie will das ignorieren, was die von ihnen verteidigten Werte zerstört.

Der Nationalismus hat sich paradoxerweise in gleichem Masse entwickelt, wie sich die Kenntnis und die Verbundenheit des Menschen mit seiner Umwelt verschlechtert hat. Er wĂŒrdigt nicht eine wirkliche Gemeinschaft, sondern das Bild einer Gemeinschaft, abgeleitet vom schwachsinnigen Fetischismus fĂŒr die Fahne oder den Nationalhelden. In unserer Epoche wird dieser Ramsch immer mehr obsolet. Die von ihm ausgelösten GefĂŒhle sind immer mehr getrennt von der Wirklichkeit oder heuchlerisch.

Der Mehrheit der die nationale Idee preisenden AnfĂŒhrer ist sie scheissegal. Die herrschenden und privilegierten Klassen haben etliche Male bewiesen, wie wenig Wert sie auf den Patriotismus legen. Das nationale Interesse ist nur etwas wert, wenn es dem Interesse des Kapitals entspricht. Sobald eine proletarische Bedrohung erscheint, beeilen sich die herrschenden Klassen der verschiedenen LĂ€nder, sich zu versöhnen.

Die Revolution wird global sein, weil die Probleme, die sie lösen mĂŒssen wird, global sein werden. Die Verflechtungen der verschiedenen Volkswirtschaften verhindert es, allein davon zu kommen. Wenn die Revolution sich in einem einzigen Land entwickelt, wird sie ohnehin mit der Aktion der Ă€usseren Konterrevolution konfrontiert sein. Doch diese gegenseitige AbhĂ€ngigkeit, die Entwicklung der Kommunikationsmittel, die Gleichzeitigkeit der wirtschaftlichen und politischen Schwankungen werden die Revolution ansteckender denn je machen. Jeder Staat muss befĂŒrchten, dass die Dinge sich bei ihm beschleunigen, wenn er woanders Polizei spielt. Je schneller sich der Aufstand verallgemeinern wird, umso schwieriger wird die Repression werden.

Der Hunger und die Verschmutzung haben nicht lokale Ursachen, obwohl ihre Wirkungen sehr wohl lokal sind. Die Revolution wird universelle Regeln zum Schutz der Natur aufstellen mĂŒssen. Die Landwirtschaft wird organisiert werden mĂŒssen, um die BedĂŒrfnisse der Gesamtheit der Bevölkerungen zu befriedigen.

Das bedeutet nicht, dass die reichen und industrialisierten LÀnder ausgeblutet werden oder dass die armen LÀnder von den privilegierten Zonen abhÀngig bleiben.

Jede Region wird aufgrund ihrer Probleme und ihrer Rohstoffe und der Bedeutung ihres Proletariats besondere Organisations- und Entwicklungsformen finden mĂŒssen. Soweit möglich sollte man mit lokalen Rohstoffen zurechtkommen.

Es wird jedoch besonders zu Beginn notwendig sein, Transfers von Material und Technikern zu organisieren, um den benachteiligsten Regionen zu helfen, so schnell wie möglich einem infamen Elend zu entkommen. Es wird eventuell nötig sein, den Konsum von Lebensmitteln in gewissen Regionen zu reduzieren oder zu transformieren, um andere zu unterstĂŒtzen. Die Kommunisten werden immer die Avantgarde im Kampf gegen lokale Egoismen sein.

Es wird möglich sein, die unterentwickelten LĂ€nder trotz der SchwĂ€che ihrer Entwicklung zu kommunisieren. Die Möglichkeit des Kommunismus wird auf globaler Ebene errichtet. Die quantitative Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte ist weniger bedeutend als ihre qualitative Entwicklung. Ein gewisses technisches und wissenschaftliches Niveau wird kurzfristig einen quantitativen Überfluss zur Folge haben. Die gegenwĂ€rtige Vorherrschaft der industrialisierten LĂ€nder wird zu Beginn des Kommunismus durch die UnterstĂŒtzung der lokalen proletarischen KrĂ€fte ĂŒberall zur Liquidierung des Kapitals beitragen.

Wie können kommunistische Transformationen in LĂ€ndern befördert werden, wo Agrarbevölkerungen vorherrschen? Es wird keine Wiederholung der ursprĂŒnglichen Akkumulation geben. Der Kommunismus wird sich nicht wie der Kapitalismus durch den Umsturz der traditionellen gesellschaftlichen Strukturen einrichten. Er wird sich hingegen auf diese Strukturen stĂŒtzen können, indem er sie ihrer negativsten Aspekte entledigt und unter dem Parasitismus und dem Feudalismus die ursprĂŒnglichen bĂ€uerlichen Gemeinschaften wiederfindet.

Das wird der gleichzeitigen Entwicklung moderner TĂ€tigkeiten nicht im Wege stehen. Innerhalb dieser Gemeinschaften wird die Technik eingefĂŒhrt werden können: leichtes landwirtschaftliches Material, Sensoren zur Energiemessung, VerhĂŒtungsmethoden, medizinische Versorgung
 Es existiert keine absolute InkompatibilitĂ€t zwischen einem traditionellen gemeinschaftlichen Gleichgewicht und dem Einsatz einfach zu gebrauchender Techniken. Schon heute gibt es FĂ€lle primitiver Bevölkerungen, die den Gebrauch moderner Techniken beherrschen. Die wahrhafte Behinderung ist eher der Zerfall dieser Gemeinschaften aufgrund der Aktion des Kapitals.

Es ist ziemlich gewiss, dass die betroffenen Bevölkerungen und gesellschaftlichen Strukturen sich entwickeln werden. Doch diese Entwicklung wird nicht durch eine Zerstörung der Menschen und eine Verleugnung der gemeinschaftlichen Werte beginnen.

Kann man fĂŒr die Herstellung einer weltweiten SolidaritĂ€t auf die Arbeiterklasse zĂ€hlen, sind die Arbeiter nicht hĂ€ufig rassistisch?

Die Arbeiter zeigen sich hĂ€ufig rassistisch. Rassistisch gegenĂŒber den AuslĂ€ndern und allen voran gegenĂŒber den eingewanderten Arbeitern oder den ethnischen Minderheiten. Man sah „Arbeiterregierungen“, die sich rassistischer zeigten, besonders hinsichtlich der Einwanderung, als bĂŒrgerliche Regierungen. Es sind hĂ€ufig die GeschĂ€ftsmĂ€nner, die fĂŒr die Einwanderung und die Abschaffung der diskriminierenden Gesetze sind.

Der Rassismus der Arbeiter entspricht allen voran einer Haltung eines UnterdrĂŒckten, der, da er in seiner Bedingung gefangen ist, ĂŒberaus glĂŒcklich ist, dass er sich gegenĂŒber seinem Hund, einem Bullen oder einem Einwanderer ĂŒberlegen fĂŒhlen kann. Er ist der Ausdruck eines wirklichen Klasseninteresses, der Arbeiterklasse als Ware. Der Intellektuelle kann ĂŒber die menschliche BrĂŒderlichkeit schwatzen. Der Arbeiter, besonders der nicht qualifizierte Arbeiter, weiss sehr wohl, dass der AuslĂ€nder allen voran der Konkurrent auf dem Arbeitsmarkt ist. Der offene oder latente Rassismus entsteht aus der UnfĂ€higkeit, zu erkennen, dass es schlichtweg das Kapital ist, das die Lohnangestellten einander entgegensetzt. Dieses UnverstĂ€ndnis ist nicht der einfache Ausdruck einer intellektuellen SchwĂ€che. Es entspricht einer Ohnmacht. Das VerstĂ€ndnis und die FĂ€higkeit, die Wirklichkeit zu transformieren, gehen Hand in Hand. Wenn das Proletariat sich erhebt und vereint, bricht der Rassismus zusammen. Es ist nicht nötig, auf den Tag der Revolution zu warten. In TeilkĂ€mpfen verwerfen die Arbeiter verschiedener Herkunft die Vorurteile und das Misstrauen.

VIII. Proletariat und Kommunismus

Der Kommunismus ist die Negation der proletarischen Bedingung durch die Proletarier selbst. Proletariat und Kommunismus sind eng und widersprĂŒchlich miteinander verbundene Wirklichkeiten. Wenn man sie voneinander trennt, kann man weder die Bewegung der kommunistischen Revolution, noch das, was das Proletariat selbst ist, verstehen.

Lenin

Lenin sagte nach Kautsky, dass die Proletarier durch ihre eigene Kraft nur fÀhig seien, ein tradeunionistisches Bewusstsein zu erreichen. Sie können nur davon trÀumen, sich teurer zu verkaufen, nicht von einer Revolution der Gesellschaft. Lenin lag falsch. Die Proletarier sind unfÀhig, zu einem klaren Bewusstsein ihrer wirtschaftlichen Interessen zu gelangen. Die Proletarier sind Waren, doch sie sind armselige HÀndler. Im Kampf und der Verhandlung zeigen die Proletarier immer wieder, dass sie nicht wissen, was sie wollen, und dass sie verwirrt sind und wirtschaftliche und menschliche Wirklichkeiten miteinander verwechseln.

Das ist eine Unterlegenheit betreffend der Verteidigung ihrer wirtschaftlichen Interessen, das Proletariat ist viel weniger effizient als die Bourgeoisie. Doch man kann das Proletariat nicht aufgrund eines bĂŒrgerlichen Standards beurteilen.

Lenin unterstreicht zurecht die DiskontinuitĂ€t zwischen einem tradeunionistischen und einem revolutionĂ€ren Bewusstsein. Letzteres ist nicht die Akzentuierung des ersteren. Sie sind RĂŒcken an RĂŒcken. Aber das revolutionĂ€re Bewusstsein, das kommunistische Bewusstsein fĂŒr uns, muss nicht von aussen importiert werden, es ist nicht das Produkt der Intellektuellen als gesellschaftliche Schicht. Der Standpunkt von Lenin ist nicht dumm, wie es einige Verteidiger des Volkes glauben, doch er zeigt nur eine scheinbare Bewegung auf. Eine Bewegung, der unmittelbar eine Periode der Revolution entgegensteht.

Das Proletariat zeigt tĂ€glich, dass es schon jenseits der Wirtschaft ist. Seine Ineffizienz und naiven Illusionen sind die negative und vorĂŒbergehende Kehrseite seiner Menschlichkeit. Im Kampf und unabhĂ€ngig vom notwendigerweise engstirnigen Charakter seiner Forderungen zeigt es auf etliche Arten und durch seine diversen Entgleisungen seine Menschlichkeit und sein Streben nach Kommunismus.

Es ist nicht bedeutend, wie das Proletariat ist oder erscheint, wenn es arbeitet, wenn es am 1. Mai marschiert, wenn es bei Meinungsumfragen mitmacht. Seine grundlegende Situation wird es dazu zwingen und zwingt es jetzt schon, kommunistisch zu handeln.

In einer normalen Zeit muss der Proletarier zum Überleben durch die etlichen ihm angebotenen Mittel versuchen, diese Entbehrung zu kompensieren. Er findet im Spektakel Interessen, VaterlĂ€nder, Drogen. Er versucht, durch die Macht seines Unternehmens oder seiner Gewerkschaft wieder aufzuleben. Das Kapital kann die verallgemeinerte Prostitution nicht abschaffen, doch es kann jene unterhalten, welche sich prostituieren. Es verstreicht Heilsalben, indem es erlaubt, „sich zu verwirklichen“ und sich in Waren und Bildern festzufahren.

Das Proletariat ist nicht die positive Verkörperung des Kommunismus innerhalb des Kapitalismus. Es ist auch nicht permanent und fĂŒr alle Ewigkeit in jenes System integriert, das ihm seinen Schweiss und sein Leben aussaugt. Seine Wirklichkeit ist grundlegend widersprĂŒchlich. Es scheint integriert, obwohl es den Kommunismus stammelt. Plötzlich öffnet sich ein Riss. Es drĂ€ngt sich hinein und vergrössert ihn. Die Folgen seiner Handlungen drĂ€ngt es nach vorne. Es entdeckt seine Macht und tut, was es nie gewagt hĂ€tte, zu trĂ€umen.

Bourgeois und Proletarier

Was ist das Proletariat? Wo fÀngt es an und wo hört es auf? Was ist seine zahlenmÀssige Bedeutung?

Über die zahlenmĂ€ssige Bedeutung der Arbeiterklasse im strengen Sinne sind auf offiziellen Statistiken basierende Erhebungen erstellt worden. Sie reprĂ€sentiert einen geringen Teil der Weltbevölkerung, ihre Grösse liegt zwischen 200 und 250 Millionen Individuen. NatĂŒrlich ist diese Zahl nicht gleichbedeutend mit der Gesamtheit der Proletarier insofern, als dass sie die Familien dieser Arbeiter nicht einbezieht und ein grosser Teil der proletarisierten Lohnarbeiter, sogar in der Industrie, nicht mitgezĂ€hlt worden sind. Die zahlenmĂ€ssige Bedeutung der Arbeiterklasse, die an sich schon enorm ist, wenn man sie mit jener der Bourgeoisie vergleicht, reicht nicht, um ĂŒber ihre wirkliche Bedeutung Rechenschaft abzulegen.

FĂŒgen wir an, dass diese Bedeutung, im Gegensatz zu den Behauptungen der Soziologen der Avantgarde, steigend ist.

Doch genauso wenig wie die Bourgeoisie ist das Proletariat eine Sache, die man berĂŒhren, begrenzen und prĂ€zise beziffern könnte. Das tut seiner Wirklichkeit keinen Abbruch, auch wenn die Soziologen es nicht schaffen, es in ihrem universitĂ€ren Netz zu erfassen.

Man kann das Proletariat nicht auf irgendein standardisiertes Bild reduzieren: die Elenden in Lumpen, den Arbeiter im blauen Overall, den TrÀger der roten Fahne. Nur in prÀzisen Situationen erscheinen seine Grenzen klar.

Genau wie man die Bourgeoisie durch ihre Privilegien und Macken, durch die Schwierigkeit, Zugang zu ihr zu haben, als Kaste definiert, statt sie durch ihre Funktion in den ProduktionsverhÀltnissen als Klasse zu definieren, reduziert man das Proletariat auf eine sozioprofessionelle Kategorie oder eine Addition von sozioprofessionellen Kategorien.

Davon ausgehend ist es einfach, zu zeigen, dass es schwierig wenn nicht unmöglich ist, zu erfassen, was das Proletariat ist. Existiert es wirklich? Haben die Fortschritte der Technik und der sozialen Sicherheit es nicht zum Verschwinden gebracht? Der Klassenkampf, insofern man sich darauf einigt, ihm eine gewisse Bedeutung zu geben, wird auf einen Konflikt unter anderen reduziert. Die Frauen und die MÀnner, die Jungen und die Alten, die Stadt- und Landbewohner streiten sich manchmal. Wieso sollte es zwischen Arbeitern und Chefs nicht gleich sein?

Unsere Soziologen werfen Marx, dem Erfinder des Klassenkampfes, vor, nicht zu wissen, was eine gesellschaftliche Klasse sei. Er widerspricht sich, spricht manchmal von der Bauernschaft als einer Klasse und unterteilt sie manchmal in entgegengesetzte Klassen.

Dass die Bauern manchmal als einheitliche Klasse betrachtet werden können, weil sie gemeinsame Interessen und Illusionen haben, weil ihre Handlungen in die gleiche Richtung gehen, dass dann diese gleichen Bauern in Arme und Reiche, in Landwirte und LandeigentĂŒmer unterteilt werden können, das ĂŒbersteigt das VerstĂ€ndnis eines Soziologen. Er kann nicht wissen, dass eine Klasse sich, von einem intellektuellen wie von einem praktischen Standpunkt aus, nicht unabhĂ€ngig von der TĂ€tigkeit definiert, aufgrund welcher sie sich als Klasse konstituiert. Es gibt keine Klassen, die unabhĂ€ngig vom Klassenkampf sind.

Die Reduzierung einer Klasse auf eine sozioprofessionelle Kategorie bedeutet, sich der Illusion der Wissenschaft und der PrĂ€zision hinzugeben. In Wirklichkeit hĂ€ngt alles von den mehr oder weniger willkĂŒrlichen Kriterien ab, die man wĂ€hlt, um die Gesellschaft aufzuteilen. Es ist allen voran eine Verdinglichung der Wirklichkeit.

Alles wird auf die Stellung reduziert, welche das Kapital den Menschen zuweist. Man erstellt ein Standbild einer gewissen Unterteilung: die Intellektuellen, die Arbeiter, die Bewohner der Slums, die Mindestlohnverdiener. Man sieht weder, wodurch die Situationen ausgelöst werden, noch die Möglichkeit ihrer Überwindung.

Im besten Fall, wenn die „Klassen“ die Klassen bleiben, stellt man sich vor, dass eine gegen die andere gewinnt. So herrscht im Westen die Bourgeoisie, wĂ€hrend in den LĂ€ndern des Ostens das Proletariat seine Diktatur errichtet hat.

FĂŒr uns kann das Proletariat nicht unabhĂ€ngig von seinem Kampf gegen das Kapital, d.h. nicht unabhĂ€ngig vom Kommunismus definiert werden.

Das bedeutet nicht, dass eine Klasse die Gesamtheit der Leute ist, welche fĂŒr eine gleiche Sache kĂ€mpfen. In diesem Fall wĂŒrde sich der Bourgeois, der mit der Revolution sympathisiert, in einen Proletarier verwandeln und der reaktionĂ€re Strassenreiniger wĂŒrde zu einem Bankier. Der Antikapitalismus, d.h. der Kommunismus, kann fĂŒr einige eine Sache werden, doch aufgrund seines Wesens ist er es nicht. Er ist eine mit einer besonderen gesellschaftlichen Situation verbundene TĂ€tigkeit.

Das Proletariat ist dieser Teil der Bevölkerung, der das Kapital produziert und gleichzeitig von seinem Besitz und seiner Verwaltung getrennt ist. Der Albtraum der Selbstverwaltung bedeutet, die Proletarier die Funktion des Bourgeois ausfĂŒhren lassen zu wollen. Sogar wenn dieses Hirngespinst Wirklichkeit wĂŒrde, wĂ€ren die Klassen deswegen nicht abgeschafft. Die Bourgeoisie und das Proletariat wĂŒrden auf widersprĂŒchliche Art und Weise in einem einheitlichen Ganzen fortbestehen. Ein und derselbe an der Maschine wĂ€re der Feind seiner selbst im Verwaltungsrat.

Es kommt von Zeit zu Zeit vor, dass Kinder von Bourgeois sich ihre Gesundheit in der Fabrik ruinieren und dass Arbeiter ihr Vermögen auf dem RĂŒcken einiger UnglĂŒcklicher Zinsen abwerfen lassen. Nichts davon ist gleichbedeutend mit einer Abschaffung der Klassen.

Die Trennlinie zwischen Verwaltern und Sklaven des Kapitals ist strikt. Es kommt einfach vor, dass einige einen Fuss auf der einen Seite der Grenze und einen auf der anderen haben. Sie werden sehr wohl auf die eine oder die andere Seite kippen mĂŒssen.

Muss die Trennlinie konkretisiert werden? Man kann sie anhand der Haltung gegenĂŒber Geld erfassen. NatĂŒrlich unterscheiden sich Bourgeois und Proletarier durch die Menge des Geldes, die durch ihre Finger geht. Doch das reicht nicht. Grundlegender betrachtet der Proletarier Geld als Geld. FĂŒr ihn reprĂ€sentiert es eine gewisse Menge an GĂŒtern. FĂŒr den Bourgeois ist Geld Geldkapital. Das Geld dient dazu, mehr Geld zu machen. Man investiert und, welch Wunder, es bekommt Junge. Das ist es, was ĂŒber die Epochen hinweg den mittelalterlichen Bourgeois mit dem modernen Manager verbindet. Heutzutage kommt noch die Heuchelei hinzu.

Um die bĂŒrgerliche Klasse zu umgrenzen, muss man die familiĂ€ren Verbindungen und die soziologische SchwerfĂ€lligkeit hinzufĂŒgen, sie machen aus den Kindern oder den Frauen der Bourgeois Mitglieder der Bourgeoisie.

Im wirtschaftlichen Leben und in den Unternehmen verlÀuft die Grenze zwischen jenen, welche Zugang zu den finanziellen Kenntnissen und Entscheidungen haben, nicht notwendigerweise die Techniker und die Angestellten des Finanzwesens, und den anderen. Es gibt jene, welche wissen, dass ein Unternehmen gleichbedeutend ist mit momentan immobilisiertem Geld, das dazu dient, Geld zu machen. Es gibt jene, die grosse Masse, welche darin allen voran eine Fabrik und einen Handel mit Gebrauchswerten sehen.

Ein Individuum in Zusammenhang mit einer gegebenen Klasse zu bringen, ist manchmal schwierig. Irgendein höherer Kader, Ingenieur oder, weshalb nicht, Arbeiter kann durch eine familiÀre Herkunft, Aufstiegsmöglichkeiten, Freundschaften, Befehlsfunktionen, Besitz oder Eigentum von der herrschenden Klasse angezapft werden. Kleine Spekulanten hÀngen hingegen durch tausend Verbindungen mit der beherrschten Klasse zusammen.

Vom Standpunkt der Revolution aus ist es wichtig, Luxusproletarier nicht von Anfang an ins Lager der Bourgeoisie zu verstossen. Der der Bourgeoisie angegliederte Ingenieur und noch eher seine Kollegen, die nicht seinen Lohn, seine FĂŒhrungsrolle oder seine Beziehungen haben, können den Widerspruch zwischen ihren beruflichen und menschlichen Interessen und den durch die Finanz auferlegten Grenzen spĂŒren. Das kann sie in den Kommunismus abgleiten lassen, in eine Welt, wo die technischen Projekte nicht mehr der Diktatur des Tauschwerts untergeordnet sind.

Ihr Wissen und ihre Kompetenzen sind notwendig. Es muss hingegen Acht gegeben werden auf jene, welche begehrliche Blicke auf die Revolution werfen, weil sie einer Proletarisierung ihrer Bedingung ausgesetzt sind und naiv darauf hoffen, eine neue AutoritÀt zu erlangen.

In einer normalen Periode und besonders ausserhalb der Produktionsbedingungen kann die Situation unklar erscheinen. Die Gesellschaft scheint aus individuellen Teilchen zu bestehen, die in die eine oder die andere Richtung irren. Der Arbeiter und der Bourgeois scheinen zu verschwinden, sie sind nur noch gleichberechtigte WĂ€hler oder mehr oder weniger reiche Konsumenten. Sobald ein Konflikt ausbricht und die Revolution erscheint, versammeln sich die Teilchen rund um antagonistische Pole.

Das Proletariat ist nicht eine undifferenzierte Masse. Gewisse gesellschaftliche Schichten und gewisse Individuen spielen anhand ihrer Stellung in der Produktion und ihrer besonderen FĂ€higkeiten eine fĂŒhrende Rolle. Sie helfen der Klasse mehr oder weniger, sich als Klasse zu konstituieren.

Einige gesellschaftliche Schichten sind unruhiger als andere oder Ă€ussern ihre Unzufriedenheit lauter. Man sollte dem Anschein misstrauen. Eine Gruppe, die turbulenter ist als andere, kann sich als nicht sehr revolutionĂ€r erweisen. Sie bewegt sich aus persönlichen GrĂŒnden. Sie wird rebellisch, weil ihr Status sich verschlechtert. Doch sie schafft es nicht, auf die Grundlagen der Gesellschaft zu zielen. Vielleicht wird sie sich nicht minder vor der Revolution fĂŒrchten als vor dem Kapital.

Jene, welche am meisten integriert und am ruhigsten scheinen, weil sie vom System verwöhnt werden, können zur Sache kommen, wenn sie aufwachen. Die Macht und die durch ihre Situation verliehene Gewissheit können ihnen erlauben, das Kapital ohne Konzessionen anzugreifen.

Man kann die Entwicklung der Individuen und der gesellschaftlichen Schichten nicht unabhĂ€ngig von der Tiefe des Konflikts und der Gesamtsituation betrachten. Gewisse gesellschaftliche Schichten wie die Studenten, die Intellektuellen und die Kader können durch sich selbst nur ein korporatistisches oder, noch schlimmer, pseudorevolutionĂ€res Bewusstsein erreichen. Sobald der Kommunismus sich entwickelt, werden sich diese Schichten anhand des sie charakterisierenden Mangels an Autonomie radikalisieren. Da sie keine wirkliche Macht und keine wirklichen Interessen zu verteidigen haben, werden sie diese nur finden können, indem sie sich den Arbeitern anschliessen und sie unterstĂŒtzen.

Kann sich die enorme Masse der Bauern der Dritten Welt an der kommunistischen Revolution beteiligen? Sind sie Teil des Proletariats? Ja, aber nicht anhand ihres Niveaus an Elend. Sie sind umso mehr Teil des Proletariats, als dass der Einfluss des Kapitals auf ihre Existenz direkter ist.

Sogar wenn sie nicht lohnabhÀngig sind, tendieren sie dazu, sich der Klasse der LohnabhÀngigen aufgrund des wachsenden Einflusses der Handelswirtschaft auf die Gesamtheit der Menschen und der Rohstoffe anzuschliessen. Die Offensive der lohnabhÀngigen Proletarier wird ihnen dabei helfen, den Feind und die Lösungen zu finden.

Die Lohnarbeit ist gewissermassen die ideale Ausbeutungssituation des Kapitals. Man kann jedoch Proletarier und LohnabhĂ€ngige nicht gleichsetzen. Wir haben schon gezeigt, dass die VerhĂ€ltnisse der Sklaverei sich in das kapitalistische Universum integrierten und somit ihren Inhalt Ă€nderten. Etliche kleine EigentĂŒmer sind der kapitalistischen Ausbeutung direkt ausgesetzt und hĂ€ufig mehr unterdrĂŒckt als die LohnabhĂ€ngigen. Die Manager der grossen Firmen erhalten Löhne. Alles macht aus ihnen allerdings Bourgeois. Sie legen ihren Lohn selbst fest und dieser Lohn ist nur ein Teil ihres Realeinkommens.

Einige Berufe entwickeln eher revolutionÀre Haltungen als andere. Die Frage hÀngt besonders vom Identifikationsgrad zwischen dem Arbeiter und seiner Funktion ab.

Einige spielen mit. Sie können keinen Abstand vom von ihnen ausgeĂŒbten Beruf nehmen. Entweder macht diese Arbeit, wie fĂŒr die Ausbilder, aus ihnen selbst ihr eigenes Werkzeug. Die Infragestellung ihrer beruflichen Rolle ist gleichbedeutend mit einer Infragestellung ihrer selbst. Oder das Produkt aus ihrer Arbeit ist kein Produkt und trĂ€gt nicht direkt zum Funktionieren ihres Unternehmens bei.

In beiden FĂ€llen besteht die Gefahr, dass sich eine Ideologie entwickelt, die ihre berufliche Funktion und ihre WidersprĂŒche rechtfertigt. Die Entfremdesten werden letztendlich glauben, dass sie die Gesellschaft aufgrund ihrer eigenen Eigenschaften oder der NĂŒtzlichkeit ihrer Arbeit revolutionieren.

Die scharfsinnigsten Arbeiter sind hĂ€ufig jene, welche sich nicht mit dem Unternehmen oder der von ihnen ausgefĂŒhrten Aufgabe verbunden fĂŒhlen. Das gilt fĂŒr die Mehrheit der Arbeiter.

Durch ihre Stellung in der Produktion, der durch sie ausgelösten SolidaritĂ€t und ihren menschlichen Eigenschaften werden die Arbeiter im Zentrum der kommunistischen Revolution stehen. Der amerikanische oder sowjetische Arbeiter ist, obwohl er einfacher ĂŒberlebt als der indische Bettler und korrupter ist, in einer besseren Lage, um das Wesen der ihm auferlegten UnterdrĂŒckung zu erkennen und sie zu beenden.

Es gehört zur Tradition, der Arbeiterklasse ihre zentrale Rolle in der Revolution abzusprechen.

Man stellt ihre Abwesenheit in den nationalen BefreiungskÀmpfen ins Zentrum und unterstreicht, dass aus ihnen trotzdem marxistische Staaten entstanden sind.

Man beharrt auf dem mangelnden revolutionÀren Bewusstsein der grossen Masse der Arbeiter der reichen LÀnder und die Vorteile, die ihnen das System gibt.

Man hat jene Rolle, welche die Arbeiter unfÀhig scheinen, zu spielen, anderen gesellschaftlichen Kategorien anvertraut. Die Revolutionen des 19. Jahrhunderts seien das Werk der Handwerker gewesen. Im 20. Jahrhundert seien sie von leninistischen Intellektuellen abgelöst worden. In den LÀndern der Dritten Welt seien es Bauern.

Wenn man die Dinge ernsthaft betrachtet, erkennt man, dass die Arbeiter regelmĂ€ssig im Zentrum der Versuche zur radikalen VerĂ€nderung der Wirklichkeit waren. Man wirft ihnen vor, in Revolutionen nicht interveniert zu haben, die in Wirklichkeit bĂŒrgerlich waren. Wenn sie intervenierten, drĂ€ngt man ihre Handlung in den Hintergrund, um jene der gesellschaftlichen Gruppen in den Vordergrund zu stellen, welche sich am Anfang oder am Ende wenig kommunistisch zeigten. Man hebt diese oder jene Eigenschaft der revoltierenden Proletarier hervor und ĂŒbertreibt sie, um zu zeigen, dass sie zweifelhafte oder marginale Arbeiter, Bauern, KleinbĂŒrgerliche, Soldaten oder als Arbeiter verkleidete Gauner waren.

Modernisten ersetzen ein verbĂŒrgerlichtes Proletariat durch neue Kategorien. Die Revolution werde das Werk der Jungen sein, weil sie noch nicht domestiziert seien, der Frauen, weil sie nĂ€her am Leben seien, der Hippies und anderer RandstĂ€ndiger, weil sie ausserhalb des Systems seien, der Schwarzen, weil sie die Musik lieben und den Rhythmus im Blut haben
 Andere erachten es nicht mehr als notwendig, eine besondere Kategorie zu privilegieren. Das Kapital ist eine unmenschliche Kraft, dessen Opfer alle sind, es ist also die Menschheit als Spezies, die sich erheben muss. Es gibt keine Bourgeoisie und kein Proletariat mehr, zumindest kaum.

Wenn man irgendeine gesellschaftliche Gruppe, Alters- oder Geschlechtskategorie in den Vordergrund stellt, tut man das anhand der Werte, deren TrÀgerinnen diese Gruppen sein sollen. Es ist nicht so sehr eine VerÀnderung in der Wahl des revolutionÀren Subjekts, eher eine implizite Anerkennung der Wirklichkeit, so wie sie ist. Die Jungen sind als Junge revolutionÀr, die Frauen als Frauen, wÀhrend das Proletariat, das Junge und Frauen einschliesst, insofern revolutionÀr ist, als dass es nicht mehr das Proletariat sein kann. Das Proletariat ist nicht eine gesellschaftliche Gruppe. Es ist eine Bewegung. Es ist das, was es wird. Es existiert anhand seiner Möglichkeiten zur Selbstzerstörung.

Wir sagen nicht, dass die Jungen, die Frauen, die Kriegsversehrten keine spezifischen Interessen haben und die Wirklichkeit nicht transformieren können. Sie können schlichtweg, ausser sie handeln als Proletarier, nur ihre Interessen als Junge, als Frauen, als Kriegsversehrte innerhalb einer gegebenen Wirklichkeit verteidigen. Die proletarische Revolution gibt ihnen die Mittel, ĂŒber ihre kategoriellen Forderungen hinauszugehen, sie zu ĂŒberwinden, ohne sich zu verleugnen. Es sind Junge, Frauen, Versehrte, die handeln, aber sie tun es nicht fĂŒr die Jugend, die Weiblichkeit oder ihr Gegenteil, staatliche ZuschĂŒsse und die Achtung der BĂŒrger.

Und die Intellektuellen?

Gewissermassen erfordert die Revolution, dass die Proletarier zu Intellektuellen werden. Sie mĂŒssen fĂ€hig sein, ĂŒber ihre unmittelbare Situation hinauszugehen. Es ist bekannt, dass wĂ€hrend AufstĂ€nden Fragen auf der Strasse diskutiert werden, die zuvor das Privileg der Philosophen waren.

Die Revolution ist auch gleichbedeutend mit dem Ende der Intellektuellen als getrennte gesellschaftliche Kategorie. Wenn sich die Intellektuellen an der Revolution beteiligen, können sie das nur, indem sie ihre Bedingung negieren. Indem sie anerkennen, dass sie beschĂ€digt sind. Vielleicht werden Massnahmen ergriffen werden mĂŒssen, um zu verhindern, dass man weiterhin ein Intellektueller und nichts anderes sein kann.

Man weist hĂ€ufig den Intellektuellen eine privilegierte Rolle als TrĂ€ger des Bewusstseins zu. Durch sich selbst ist das Bewusstsein nichts und kann nichts tun. Unsere Intellektuellen, die hĂ€ufig glaubten, sie hĂ€tten Zugang zum allgemeinen und objektiven VerstĂ€ndnis der Dinge, waren in Wirklichkeit regelmĂ€ssig die AnhĂ€ngsel der herrschenden Macht. Sie gaben sich den schlimmsten Illusionen hin und unterstĂŒtzten, natĂŒrlich mit einem kritischen Geist, die schlimmsten Schweinereien. Sie sind bereit, alles im Namen der Vernunft, der Geschichte und des Fortschritts zu entschuldigen.

Die Forderungen der Intellektuellen sind besser geeignet, um die Herzen der Bourgeois zu berĂŒhren als jene der Arbeiter. Es ist schliesslich viel nobler, die Redefreiheit zu verlangen als Brot. Der Intellektuelle scheint der Verteidiger des Allgemeininteresses zu sein. Der Arbeiter scheint egoistisch und bodenstĂ€ndig.

Die proletarischen Forderungen sind jedoch tiefer als jene der Intellektuellen. Letztere sind spezialisiert darin, leere Formen zu fordern. Wenn die Arbeiter die Redefreiheit fordern oder eher durchsetzen, dann, weil sie etwas zu sagen haben. In anderen FĂ€llen interessiert es sie kaum. Ihre FĂ€higkeit, die Form und den Inhalt nicht zu trennen, nicht fĂŒr Schall und Rauch zu kĂ€mpfen, ist ein Zeichen des Kommunismus. Das Problem der Intellektuellen besteht darin, dass Schall und Rauch oft die Quelle ihres Einkommens ist.

Die Jungen sind in den Revolutionen hĂ€ufig am aktivsten. Es mag dafĂŒr biologische GrĂŒnde geben, aber ihre gesellschaftliche Situation reicht als ErklĂ€rung. Sogar jene, welche privilegierten Schichten entstammen, sind weniger mit bestehenden Interessen verbunden. Man muss auf das Erbe warten! Die kapitalistische Gesellschaft fetischisiert die Jugend und die Erneuerung, doch hĂ€lt die Jungen von Verantwortungspositionen und dem Eigentum fern. Sie sind eher verfĂŒgbar.

Neben den Jungen hebt man manchmal die RandstĂ€ndigen hervor. Sie leben nicht wie alle anderen, vielleicht sind sie die Zukunft? Auch hier findet man die UnfĂ€higkeit, zu verstehen, dass die Revolution innerhalb des Systems entstehen kann und muss. Es gibt eine UnfĂ€higkeit, dialektisch zu verstehen, was das Proletariat ist. Es gibt eine Illusion ĂŒber den Grad der UnabhĂ€ngigkeit der RandstĂ€ndigen gegenĂŒber dem System.

Ist das Kapital vielleicht sogar der Revolution zuvorgekommen und hat die gesellschaftlichen Klassen selbst abgeschafft? Seit langem behauptet man, die bĂŒrgerliche Revolution hĂ€tte endlich allen Menschen erlaubt, gleich zu sein.

Der Unterteilung der Gesellschaft in Klassen geht es gut. Sie war vielleicht nie so stark, obwohl nie solche Mittel mobilisiert wurden, um sie zu kaschieren.

Gewiss, das Kapital ist eine unpersönliche Kraft. Gewiss, alle erdulden mehr oder weniger seine Wirkungen. Diese armen Bourgeois, die sich bei der Arbeit erschöpfen, sich mit ihren Kindern streiten und ungesunde Luft atmen!

BezĂŒglich der Wirkungen des Kapitals haben einige mehr Möglichkeiten, ihnen zu begegnen, als andere. Der Unterschied der Lebensbedingungen ist heutzutage ziemlich entwickelt. Die Möglichkeiten zur Diversifizierung der Produkte und die Entwicklung des Handels haben dazu gefĂŒhrt, dass einige Schichten der Bevölkerung einen Standard und eine LebensqualitĂ€t haben, die sehr unterschiedlich und höher sind, als jene ihrer Zeitgenossen. Womöglich sind die Bourgeois nicht gar so glĂŒcklich. Sie können zumindest aufhören, Bourgeois zu sein. Das ist im umgekehrten Sinn unmöglich fĂŒr die Strassenarbeiter. Wenn sogar die Bourgeois nicht glĂŒcklich sind mit ihrer Lebensweise, ist das ein Grund mehr, diese Klasse und ihre Gesellschaft abzuschaffen.

Die Bourgeoisie protzt nicht. Sie ĂŒberlĂ€sst das einigen ParvenĂŒs. Es ist nicht in ihrem Interesse, ihre Lebensweise im Schutz ihrer WochenendhĂ€user und privaten StrĂ€nden allzu stark zur Schau zu stellen. Die Proletarier ĂŒberschĂ€tzen gewöhnlich die Einkommen der ihr nahestehenden gesellschaftlichen Schichten und unterschĂ€tzen jene der wirklichen Bourgeois.

Auch wenn die Bourgeois eine entsagende und einfache Lebensweise hĂ€tten, wĂŒrden sie deshalb nicht als Klasse verschwinden. Was zĂ€hlt, ist allen voran ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Funktion. Ihr Einkommen ist natĂŒrlich direkt damit verbunden. Ein Teil ihres Konsums, auch in den westlichen LĂ€ndern, sind GeschĂ€ftsausgaben. Man reist, man isst zu Abend und man fickt fĂŒr sein Unternehmen und auf seine Kosten.

Das Kapital tendiert heutzutage mehr denn je dazu, die IdentitÀt der gesellschaftlichen Gruppen anzufressen. Das betrifft sowohl die Bourgeoisie als auch die Arbeiterklasse. Der WÀhler und der Konsument stehen ausserhalb der Klassen. Der aus einem Kauf entstandene Genuss ist nicht mehr mit einem Status verbunden, sondern mit unpersönlichem Geld. Diese kapitalistische Negation der Klassen bereitet die klassenlose Gesellschaft vor. Doch sie wird ihrerseits wieder negiert durch die wirtschaftliche Notwendigkeit, die dazu tendiert, die Einkommen zu hierarchisieren und die Funktionen voneinander zu trennen.

Der Kampf fĂŒr den Kommunismus ist nicht der Kampf fĂŒr eine bestimmte Klasse, sondern ein Kampf fĂŒr die Menschheit. Aber dieser Kampf ist mit jenen verbunden, welchen man jegliche Menschlichkeit abspricht. Die Revolution wird nicht allgemeine Zustimmung finden und es ist gefĂ€hrlich, es glauben machen zu wollen. Vielleicht werden sich einige Bourgeois der Bewegung anschliessen, das wird nichts an der Tatsache Ă€ndern, dass die Interessen der Bourgeoisie und der Kommunismus einander widersprechen. Der Proletarier wird aus der Revolution unmittelbar Profit schlagen, wĂ€hrend der Bourgeois davon enteignet wird. Der Kommunismus betrifft die menschliche Spezies, doch es gibt Menschen, die ihre unmittelbares Interessen in einer Periode des Bruches mit jenen der Spezies identifizieren können, andere nicht.

Warten auf Godot

Was schlagen die RevolutionÀre vor, wÀhrend wir auf die Revolution warten?

Wir haben keinen Königsweg, um die Zeit totzuschlagen, oder ein ideales Verhalten, das wir verteidigen wĂŒrden. Die Kommunisten sitzen wie die anderen in der kapitalistischen Tinte und können keine reine und universelle Strategie umsetzen, die von den besonderen Interessen, FĂ€higkeiten und Bedingungen abstrahieren wĂŒrde. So oder so schlagen wir nichts fĂŒr die „Massen“ vor, dem wir uns selbst verweigern wĂŒrden, und umgekehrt. Wir können einzig Verhaltensunterschiede feststellen.

Wir sind keine Puristen und akzeptieren auch beschrÀnkte Verbesserungen, wenn sie reell sind. Das ist schon Unerbittlichkeit in einer Zeit, wo man von einem grossen Sieg spricht, wenn man Schall und Rauch erntet.

Wir sind keine Puristen und akzeptieren Basisaktionen mit Leuten, die unsere Meinungen nicht teilen, aber nur wenn die Aktionsperspektiven klar sind.

Es ist angemessen, auf praktischer Ebene flexibel zu sein, um von sich Àndernden und unvorhergesehenen Situationen zu profitieren. Man sollte fÀhig sein, Kompromisse einzugehen und allen voran die eingegangenen Kompromisse zu erkennen. Wir können keine Rezepte liefern und haben Mitleid mit jenen, die welche brauchen. Es gibt keine Fernsteuerung.

Jene, welche mit der Obsession der Vereinnahmung agieren, werden von Anfang an und radikal vereinnahmt. Der Sektarismus ist allen voran eine Art und Weise, sich vor seinen eigenen Unsicherheiten zu beschĂŒtzen. Im Gegenteil, wenn man tiefe Gewissheiten hat, die nicht ideologisch sind, kann man erneuern, improvisieren, sich einer Lage anpassen, ohne sich in seiner Reinheit bedroht zu fĂŒhlen. Der Fehler? Die Wahrheit schĂŒtzt man nicht, indem man sie ganz fest gegen sich drĂŒckt.

Diese pragmatische FlexibilitĂ€t muss von einer grossen Strenge und, wir können sogar sagen, um den „freien Geistern“ Angst zu machen, von einem doktrinĂ€ren Dogmatismus begleitet sein. Theoretische KlĂ€rung und Gewissheit sind wesentlich. Man muss wissen, wohin man geht, und es die anderen wissen lassen.

Wir leben in einer Epoche der rigiden Verhaltensweisen und des schwammigen Denkens. Es geht darum, damit zu brechen. Ideen sind nur von Interesse, wenn sie genĂŒgend sichere Bezugspunkte liefern.

Klassische Frage: Soll man sich an Gewerkschaften beteiligen? Alles hĂ€ngt von den UmstĂ€nden und den betroffenen Leuten ab. Aber die Gewerkschaften sind integriert!? Das kann ein Grund sein, sich daran zu beteiligen. Entweder benutzt man die dadurch fĂŒr die Gewerkschaftsorganisationen entstandenen Vorteile. Oder man zeigt die Grenzen davon auf. Vielleicht wird man ausgeschlossen und der Widerspruch zwischen dem revolutionĂ€ren Inhalt und der Gewerkschaftsform zeigt sich klar.

WÀhrend die Beteiligung an Gewerkschaften akzeptabel ist, gilt es, die Beteiligung an Apparaten zu ihrer revolutionÀren Ausrichtung abzulehnen.

Sobald im Kampf Möglichkeiten erscheinen, um sich auf breitere und weniger spezialisierte Art und Weise zu organisieren, mĂŒssen die Gewerkschaften zurĂŒckgewiesen werden. Die Gewerkschaftsform kann in einer Situation des RĂŒckzugs benutzt werden, doch sie sollte die Entwicklung und die Vertiefung des Kampfes nicht behindern. Die Handlung durch und fĂŒr eine Organisation der Spezialisten der Forderung und der Verhandlung darf sich der Handlung durch und fĂŒr die Klasse nicht in den Weg stellen. Es ist sowieso sicher, dass, solange die Arbeiter Waren bleiben werden, ĂŒber deren Preis verhandelt werden muss, die Gewerkschaftsapparate weiterhin eine Daseinsberechtigung haben werden.

Indem man von begrenzten KĂ€mpfen absieht, bereitet man sich nicht auf den Endkampf vor. Indem man Lohnfragen verachtet, beschleunigt man nicht die Abschaffung der Lohnarbeit. Die wirtschaftliche Unbeugsamkeit zeigt die FĂ€higkeit zum Widerstand und kann fĂŒr das im Kern bedrohte System gefĂ€hrlich werden, dieser Kern ist die Kasse. Wehe jenen, welche die Proletarier mit ideologischem Schall und Rauch von diesen Fragen ablenken wollen. Von einem Kampf abzusehen, weil „er es nicht wert ist“, ist hĂ€ufig nur der Ausdruck einer allgemeineren PassivitĂ€t.

Fallen wir in die Falle der Effizienz fĂŒr die Effizienz, gleiten wir in den Ökonomismus ab? Nein, aber wir glauben, dass tendenziell aus der Klassenhandlung ihr eigener Inhalt entspringt. Genau deshalb versuchen MĂ€chte aller Arten, sie zu knebeln.

Als AnhĂ€nger des unmittelbarsten Drucks und der unmittelbarsten Reaktion der Klasse, so unterschiedlich wie möglich, misstrauen wir den Zielen der Forderungen zutiefst, wenn sie die Möglichkeiten von den unmittelbaren KrĂ€fteverhĂ€ltnissen trennen. Sogar und allen voran, wenn es sich um ein trotzkistisches Übergangsprogramm handelt. Diese Darstellungen, deren Ziel es wĂ€re, das Proletariat zu vereinigen und aufzuklĂ€ren, vernebeln ihm bloss die Sicht.

Obwohl es richtig ist, zu kĂ€mpfen, um die Arbeitszeit zu reduzieren, und es in Formen zu tun, die so verallgemeinerbar wie möglich sind, ist es eine schlechte Idee, Ziele ĂŒber die Wochenarbeitszeit oder das Rentenalter festzulegen. Man ĂŒbernimmt bloss die kapitalistischen Begrenzungen und Trennungen und verinnerlicht sie. Man muss zwischen Arbeitszeit und freier Zeit, zwischen Gefangenschaft und Betreuung fĂŒr die Alten entscheiden. Man kanalisiert den Kampf. Der latente Kommunismus wird sterilisiert.

Die einzige Perspektive, die es sich lohnt, zu verteidigen, ist der Kommunismus. Er ist nicht eine ferne Abstraktion, sondern die menschliche Lösung fĂŒr alle Probleme. Es geht darum, die Richtung der proletarischen Bewegung offensichtlich werden zu lassen, die ihr zur VerfĂŒgung stehende Macht zu zeigen.

HĂ€ufig sind KĂ€mpfe ohne ErklĂ€rung, ArbeitsversĂ€umnis, Verlangsamung des Arbeitstakts, Sabotage, Arbeit fĂŒr sich und Diebstahl, am effizientesten. Wir fetischisieren sie nicht. Das Kapital kann sie tolerieren und aus ihnen ein Sicherheitsventil machen. Sie können einen allgemeineren Kampf nicht ersetzen. Doch sie unterhalten eine kĂ€mpferische Moral, entwickeln die Initiative und erlauben gesunde und unmittelbare Befriedigungen.

Es geht darum, Handlungsmittel populĂ€r zu machen, die, wĂ€hrend sie unmittelbar die Ausbeuter unter Druck setzen, die kommunistische Welt ankĂŒndigen. HĂ€ufig ist es sowohl heimlich, als auch massiv und auf offene Art und Weise möglich, Produkte gratis zu verteilen und dafĂŒr zu sorgen, dass Dienstleistungen funktionieren. Die Arbeiter der Post könnten die Briefe ohne Briefmarken verteilen, jene der Eisenbahnen die Billette nicht mehr kontrollieren. Wenn die engagiertesten Arbeiter entlassen werden, gibt es Möglichkeiten der Sabotage, um sie wieder zu integrieren.

Unsere Strategie könnte folgendermassen zusammengefasst werden: Weniger GeschwĂ€tz, weniger Spektakel, stattdessen eine Arbeiterklasse, welche die zahlreichen ihr zur VerfĂŒgung stehenden Mittel nĂŒtzt, um sich Respekt zu sichern und die Zukunft vorzubereiten. Ein bisschen weniger ernsthaftes Fordern und mehr schelmische und befriedigte LĂ€cheln.

Auf historischer Ebene ist die kommunistische Revolution bevorstehend. Wir schreiben nicht fĂŒr die kĂŒnftigen Generationen.

Wenn wir das behaupten, wissen wir sehr wohl, dass etliche RevolutionÀre es schon proklamiert und sich getÀuscht haben. RegelmÀssig wurden die Anpassungsmöglichkeiten des Systems unterschÀtzt. Es scheint uns, dass man als Reaktion darauf heutzutage das Gegenteil tut. Ist es nicht der letzte Trumpf des Kapitals, das Bild seiner Macht und seiner Unsterblichkeit in allen Köpfen verankert zu haben?

Nachdem es den Maschinenbetrieb entwickelt hat, an der Schwelle der Automatisierung steht und den Planeten vereinigt hat, ist es auf dem Gipfel seiner Macht, aber hat auch seine historischen Grenzen erreicht. Es hat keine Antwort mehr auf die Zerstörung des sozialen Netzes und die von ihm ausgelöste Verschlechterung der Umwelt. Es kann sein Übergewicht nicht mehr eliminieren. Es ist seine eigene Macht, seine Konzentration, die sich in seine SchwĂ€che verwandeln.

Die Krise der wirtschaftlichen Gesellschaft prÀzisierte sich allmÀhlich als Wirtschaftskrise. Das geschieht ihr Recht! Doch die aktuelle Phase kann nicht auf einen Moment wirtschaftlicher Schwierigkeiten reduziert werden.

Um die Krise zu ĂŒberwinden, muss die Mehrwertrate erhöht und die mangelnde RentabilitĂ€t des Kapitals verbessert werden. Es gibt sehr wohl technische, ökologische und menschliche Hindernisse. Es geht nicht ohne Raufereien und enorme UmbrĂŒche. Das Proletariat zeigt schon auf tausend verschiedene Arten, dass es nicht einfach alles mit sich machen lĂ€sst. Es zeigt auch, dass es nicht bereit ist, einer reformistischen Lösung zuzustimmen. Eine Lösung, die nur darin bestehen könnte, seine KomplizitĂ€t zu erlangen, um es auf noch schlimmere Weise zu besiegen und zu beerdigen als durch den Stalinismus und den Faschismus.

IX. Die Menschwerdung

Der Kommunismus ist kein Gefangener der Zukunft. Er bricht aus dem Kapitalismus selbst hervor. Die von den Proletariern an den Tag gelegte TĂ€tigkeit, wenn sie spontan und meistens unbewusst ihre Bedingung negieren, ist kommunistisch.

Der Kommunismus zeigt sich allen voran sowohl in der Theorie als auch in der Praxis als eine Antizipation. Seit seinem Ursprung prĂ€sentiert er sich als eine mehr oder weniger realisierbare aber unmittelbare Lösung fĂŒr die Makel der alten Welt. Die Utopie ist nicht ein zu eliminierendes Überbleibsel. Sie ist im Gegenteil das charakteristische Zeichen des Kommunismus. Die Wissenschaft der Zukunft beruhigt uns mehr als jene der Gegenwart. Doch die Zukunft nagt an der Gegenwart.

Der Kommunismus ist natĂŒrlich eine Etappe der menschlichen Geschichte, eine neue Welt. Doch er ist vor allem nicht eine gegebene gesellschaftliche Form, sondern eine besonders gĂŒnstige Bewegung der Vermenschlichung der Spezies.

Geschichte

Auf theoretischer Ebene erscheint der Kommunismus mit der Erneuerung der Ideen wĂ€hrend der Renaissance. Der EnglĂ€nder Thomas Morus veröffentlicht 1516 in Löwen Utopia. Der Dominikaner Campanella schreibt 1602 Der Sonnenstaat. Er ist damals im GefĂ€ngnis aufgrund einer gegen die Spanier gerichteten Verschwörung in Kalabrien. Es geht darum, eine Welt zu beschreiben, wo das Geld, das Eigentum und die Trennung in Klassen verschwunden sind und sie als Alternative zur gegenwĂ€rtigen Welt zu setzen. Morus, Campanella und andere, die zum Kommunismus tendieren, sind keine Proletarier, noch nicht einmal AufrĂŒhrer. Sie sind eher brillante Geister der Avantgarde, die mit den herrschenden MĂ€chten flirten oder aufgrund ihrer UnabhĂ€ngigkeit oder ihrer Unangepasstheit verfolgt werden.

Die Materialisierung des Kommunismus beginnt jedoch wĂ€hrend der gleichen Epoche mit dem Bauernkrieg und Thomas MĂŒntzer. Er beunruhigt die FĂŒrsten, die Bourgeois und die religiösen Reformer wie Luther, der ausruft: „UnglĂŒckliche SchwĂ€rmer, die ihr seid! Die Stimme des Fleisches und des Blutes hat sich eurer Ohren bemĂ€chtigt.“

„Sie verwechselten den Glauben mit der Hoffnung: Ist es nicht natĂŒrlich, dass man glaubt, wenn man nichts besitzt? Was daran aber schlimm war, war die Tatsache, dass sie die sie antreibende heilige Hoffnung nicht in einer anderen Welt, nach dem Tod verwirklichen wollten, sondern hier auf Erden und so schnell wie möglich.“ [11]

„Doch den TĂ€ufern dieser Zeit ging es nicht nur um Religion. Ihre Doktrin untergrub die Grundlagen jeglicher gesellschaftlicher Ordnung, des Eigentums, der Gesetze, der Richterschaft [
]

Betreffend der privaten HÀuser hielt es jeder, wie er wollte. Irgendeiner, der zuvor unter einem Strohdach wohnte, quartierte sich in einem Hotel ein. Die Bediensteten der Adligen und der Geistlichkeit eigneten sich skrupellos an, was zuvor ihren Meistern gehört hatte.

Man plĂŒnderte den Bischofspalast, die Archive, die Titel, die Privilegien, alle Papiere. Von welchem Nutzen könnten solche Bagatellen im neuen Zion sein, dessen Grundlagen die evangelische Freiheit und die brĂŒderliche Gleichheit waren?“ [12]

„Zu viele Leute wissen nicht, dass der Kommunismus schon als praktische Tatsache in den Bereich der Geschichte eingetreten ist, dass er sich bewĂ€hrte, wĂ€hrend einigen Jahren triumphierte und sich mit Gewalt in einigen Provinzen vor weniger als dreihundert Jahren durchsetzte.

Es waren die gleichen VorwĂ€nde wie heute, mehr oder weniger die gleichen Tendenzen, die Umsetzung der gleichen Handlungsweisen, doch mit einem mĂ€chtigen Hilfsmittel, einem enorm mĂ€chtigen Hebel, die religiöse und mystische Form, in welche sich die mĂ€chtigen RevolutionĂ€re von damals hĂŒllten.“ [13]

Man findet Spuren der Tendenz hin zum Kommunismus sogar zuvor, vor der Entwicklung des Kapitalismus. Es ist das alte Streben zur Wiederfindung des Überflusses und der verlorenen Gemeinschaft.

Die ersten praktischen Versuche des modernen Kommunismus stĂŒtzen sich ebenfalls auf die Überbleibsel des ursprĂŒnglichen Kommunismus, sie haben die Entwicklung der Klassengesellschaften ĂŒberlebt.

Der moderne Kommunismus ist von den antiken AnhĂ€ngern der GĂŒtergemeinschaft inspiriert: Platon, der sie auf aristokratische Weise fĂŒr die Mitglieder der oberen Klasse bewarb; die ersten Christen, die ihre GĂŒter gemĂ€ss dem Geist des Evangeliums zusammenlegten.

Doch, obwohl er sich von der Vergangenheit inspiriert und damit verbunden ist, fĂŒhrt der moderne Kommunismus Neuerungen ein.

Der Kommunismus setzt sich als Gegner der bestehenden Gesellschaft und will sie ersetzen. Thomas Morus widmet den ersten Teil seines Werks der Verurteilung des aktuellen UnglĂŒcks und der Entdeckung seiner Ursachen. Er stellt die durch die Entwicklung des Kapitals verursachten Verheerungen fest.

Der Kommunismus, indem er die Ressourcen zusammenlegt, ist kein geistiger Zustand oder eine Lebensweise mehr. Er ist eine globale und gesellschaftliche Lösung, eine Organisationsweise der Produktion.

Thomas Morus inszeniert einen Seefahrer, Hythlodeus, der die imaginÀren Inseln Utopias besucht hat. HythlodÀus setzt sich mit unserer Gesellschaft auseinander:

„Ueberhaupt, mein lieber Morus“, sagt er, „um dir ganz unumwunden meine wahre Gesinnung zu enthĂŒllen – dĂŒnkt mich, daß, wo aller Besitz Privatbesitz ist, wo Alles am Maßstabe des Geldes gemessen wird, da kann es wohl kaum je geschehen, daß der Staat gerecht und gedeihlich verwaltet wird [
] Denn das hatte die hohe Weisheit dieses Mannes [Platon] leicht vorausgesehen, daß nur dieser eine und einzigste Weg zum Heile des Gemeinwesens fĂŒhre, wenn Gleichheit des Besitzes herrsche; diese kann aber dort nicht bestehen, wo die einzelnen Dinge im Privatbesitz sind. [
] So habe ich die sichere Ueberzeugung gewonnen, daß die Habe der Menschen einigermaßen nach Gleichheit und Billigkeit nicht vertheilt, noch die irdischen Angelegenheiten glĂŒcklich gestaltet werden können, wenn nicht alsbald das Privateigenthum aufgehoben wird.“

Morus verurteilt die durch die Bauern verjagende und sie mit Schafen ersetzende Entwicklung des Grundeigentums und des Bodenkapitalismus verursachten SchĂ€den: „Eure Schafe die so sanft zu sein und so wenig zu fressen pflegten, haben angefangen so gefrĂ€ĂŸig und zĂŒgellos zu werden, daß sie die Menschen selbst auffressen […]“ Er verurteilt die Ohnmacht der Politik und die Distanz, die zwingend die guten Prinzipien von ihrer praktischen Anwendung trennt.

In Utopia sind die Dinge anders. „Von dort holt jeder Familienvater, was er und die Seinen nöthig haben, und nimmt es ohne Geld und ohne irgendwelche Gegenleistung an sich. Denn warum sollte ihm etwas verweigert werden? Da ja alle Dinge in Ueberfluß vorhanden sind und der BefĂŒrchtung nicht Raum gegeben wird, daß Jemand mehr als er bedarf, verlangen werde. Denn warum sollte man annehmen, daß Jemand UeberflĂŒssiges fordern werde, wenn er sicher ist, daß er in keinem Augenblicke irgend einer Sache ermangeln werde? Habgierig und raubsĂŒchtig macht alle Lebewesen die Furcht vor kĂŒnftiger Entbehrung [
]“

„Denn irgendwo anders“, schreibt er, „ist, wĂ€hrend sie Alle vom Allgemeinen Wohl sprechen, doch Jeder nur auf seinen eigenen Nutzen bedacht. Aber da, wo es kein Privateigenthum gibt, wird das öffentliche Interesse ernstlich wahrgenommen, und zwar auf beiden Seiten mit vollem Rechte. [
]

In Utopien [
], wo Alles Allen gehört, zweifelt Niemand daran (wenn nur dafĂŒr gesorgt ist, daß die öffentlichen Speicher gefĂŒllt sind) daß ihm je etwas fĂŒr seine PrivatbedĂŒrfnisse fehlen werde. Denn dort gibt es keine knickerig-hĂ€mische Vertheilung der GĂŒter, keine Armen und keine Bettler, und obwohl Keiner etwas besitzt, sind doch Alle reich. [
]

Ist das nicht ein ungerechter und undankbarer Staat, der den Adeligen, wie sie heißen, und den Goldschmieden, und den ĂŒbrigen Leuten Ă€hnlichen Schlages, oder MĂŒĂŸiggĂ€ngern oder bloßen schmarotzenden FuchsschwĂ€nzern, oder denen, die nur fĂŒr Herstellung nichtiger VergnĂŒgungen thĂ€tig sind, das beste Wohlleben verschafft, den Bauern, Köhlern, Tagelöhnern, Fuhrleuten und Schmieden dagegen, ohne welche ein Staat ĂŒberhaupt nicht existiren konnte, gar nichts Gutes zu Theil wird? Aber nachdem ein solcher Staat die ArbeitskrĂ€fte im blĂŒhendsten Lebensalter mißbraucht hat, belohnt er die von der Last der Jahre und Krankheit Gebeugten, von allen Hilfsmitteln EntblĂ¶ĂŸten, so vieler durchwachter NĂ€chte, so vieler und so großer Dienste uneingedenk in schnödester Undankbarkeit mit einem jammervollen Tode, dem man die Leute ĂŒberlĂ€ĂŸt.“

Morus schliesst sein Buch folgendermassen ab: „[E]s [gibt] im utopischen Staatswesen eine Menge Dinge [
], die ich in anderen Staaten verwirklicht zu sehen wĂŒnsche. Freilich wĂŒnsche ich das mehr, als ich es hoffe.“ Und das Wort Utopie beschreibt im gĂ€ngigen Sprachgebrauch einen unerfĂŒllbaren Traum. Und doch


Und doch spielte sich ein Jahrhundert spÀter ein Experiment ab, das sich dem Traum von Morus bemerkenswert annÀhert. Es ist sehr selten, dass ein gesellschaftliches Projekt so getreu verwirklicht wird.

Der Kommunismus der GuaranĂ­

Im Jahr der Veröffentlichung von Utopia beginnen die Spanier, in Paraguay einzufallen und das Land zu erobern: das Land der Guaraní-Indianer. Der Name Paraguay beschreibt im 16. Jahrhundert ein grösseres Territorium als jenes des aktuellen Paraguay und die Heimat der Guaraní, sowie das Experiment, wovon wir sprechen werden, befand sich ausserhalb der Grenzen des modernen Paraguay.

Unter der Schirmherrschaft der Jesuiten lebten Hunderttausende Indianer, bebauten das Land, förderten und schmiedeten Metalle, bauten Schiffswerften, gaben sich den KĂŒnsten hin, ohne dass das Geld, die Lohnarbeit und das Privateigentum sich entwickelten. Die Republik der GuaranĂ­ dauerte ungefĂ€hr eineinhalb Jahrhunderte, dann erlebte sie ihren Niedergang mit der Verbannung der Jesuiten und den Angriffen der Spanier und der Portugiesen. Dieses Gebiet formte zu seiner Zeit das industriell fortgeschrittenste Land Lateinamerikas. Die Zeitgenossen debattierten und stritten ĂŒber die Frage und das Ausmass des Experiments inspirierte den europĂ€ischen Sozialismus. Einige sehen darin einen avantgardistischen Versuch, andere spielen ihn herunter und reduzieren ihn auf ein fragwĂŒrdiges Unternehmen der Jesuiten. Mit der Zeit wurde diese Sache als zu jesuitisch oder zu kommunistisch betrachtet, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Die vom AnhĂ€nger des Papstes und Stalins Clovis Lugon zitierten Dokumente erlauben es, sich eine genauere Meinung zu bilden [14].

„Nichts schien mir schöner als die Ordnung und die Art und Weise, wie man die Versorgung fĂŒr alle Bewohner des Volksstammes organisiert. Jene, welche ernten, sind verpflichtet, alles Getreide in die öffentlichen LĂ€den zu transportieren; es gibt Leute, die verantwortlich sind fĂŒr die Betreuung dieser LĂ€den, sie fĂŒhren Buch ĂŒber alles, was sie erhalten. Am Anfang jeden Monats liefern die Offiziere, die das Getreide verwalten, den Chefs der Quartiere die notwendige Menge fĂŒr alle Familien ihres Distrikts und diese verteilen es dann an die Familien, sie geben mehr oder weniger, je nachdem wie zahlreich sie sind.“ [15]

Die meisten Arbeiten wurden gemeinsam erledigt und die Indianer schienen vom Privateigentum nicht in Versuchung gebracht zu sein. Sie hielten nur HĂŒhner oder Pferde eigenhĂ€ndig. Um sie in Richtung Privateigentum zu drĂ€ngen, wurden private Anteile verteilt, aber als die Indianer sich um diese Parzellen kĂŒmmern mussten, blieben sie „den ganzen Tag in ihrer HĂ€ngematte liegen [
]“ [16].

„Der Priester Cardiel, der sich, wie es gesagt worden ist, ĂŒber den Fortbestand des kommunistischen Systems beklagt, tut seinerseits alles in seiner Macht stehende, um die GuaranĂ­ in Richtung Privateigentum zu drĂ€ngen, allen voran im Sinne des individuellen Interesses und des Profits, indem er sie dazu ermutigt, auf dem Landanteil wertvolle Produkte anzubauen, um sie zu verkaufen und einen Gewinn zu erzielen. Er gibt ehrlich sein Scheitern zu und erklĂ€rt, dass er alles in allem nur drei Beispiele gesehen hat, wo Private auf ihrem Landanteil ein bisschen Zucker oder Getreide zum Verkauf anbauten. Zudem war einer dieser drei Privaten ein bekehrter Mulatte.“ [17] Und der Priester Cardiel fĂŒgt hinzu: „WĂ€hrend 18 Jahren bei ihnen als Pfarrer oder GefĂ€hrte ist mir unter Tausenden Indianern kein anderes solches Beispiel begegnet.“

Alle Indianer waren verpflichtet, sich an den handwerklichen Aufgaben zu beteiligen, und sie verbrachten nur eine begrenzte Zeit damit: einen Drittel oder die HĂ€lfte des Tages.

„Es gibt ĂŒberall WerkstĂ€tten von Vergoldern, Malern, Bildhauern, Goldschmieden, Uhrmachern, Schlossern, ZimmermĂ€nnern, Schreinern, Webern, Giessern, in einem Wort, alle Handwerke und Berufe, die ihnen von Nutzen sein können.“ [18] „Nur in einer grossen europĂ€ischen Stadt wĂŒrde man so viele meisterhafte Handwerker und KĂŒnstler finden.“ [19] „Sie stellen Uhren her, sie wissen sich zu helfen, sie erstellen geographische Karten.“ [20] GemĂ€ss Charlevoix sind die GuaranĂ­ „wie durch Instinkt in allen KĂŒnsten erfolgreich, die sie anwenden [
] Man hat beobachtet, wie sie höchst komplexe Orgeln herstellen, nachdem sie sie einmal gesehen hatten, genau wie ArmillarsphĂ€ren, Teppiche nach der tĂŒrkischen Art und alles, was handwerklich am schwierigsten ist.“ Und „sobald die Kinder im arbeitsfĂ€higen Alter sind, bringt man sie in die WerkstĂ€tten und weist sie jenen zu, zu welchen sie am ehesten neigen, da man ĂŒberzeugt ist, dass die Kunst von der Natur gelenkt sein muss“.

Die Indianer stellten auch Glocken, ihre Waffen, Kanonen und Munition her. Druckereien erlaubten es, BĂŒcher in mehreren Sprachen zu veröffentlichen, besonders GuaranĂ­. Die Indianer waren militĂ€risch organisiert. „Wir könnten unmittelbar mehr als 30‘000 Indianer mobilisieren, alle beritten“, und fĂ€hig, „sowohl eine Muskete zu halten, als auch einen SĂ€bel [
], offensiv wie auch defensiv zu kĂ€mpfen, wie irgendwelche EuropĂ€er.“ [21] Der Priester Aguilar, der allgemeine Vorsteher der Republik, schrieb: „Was könnte man 20‘000 Indianern entgegensetzen, die mit den besten spanischen oder portugiesischen Truppen konfrontiert waren, vor welchen sich die tapfersten Krieger nicht mehr zeigen wollen, welche die Portugiesen zweimal aus der Kolonie Saint-Sacrement verjagten und seit so vielen Jahren alle umliegenden unglĂ€ubigen Nationen in Schach halten.“ [22]

GemĂ€ss Charlevoix gab es „weder Gold, noch Silber, nur um die AltĂ€re zu dekorieren“. „Die Bevölkerung beschaffte sich die Nahrungsmittel ohne Geld oder irgendwelche MĂŒnzen. Diese Götzenbilder der Habsucht, sagt Muratori, sind ihnen absolut unbekannt [
] Der Wert der Waren wurde in ‚Pesos‘ oder ‚Real‘ ausgedrĂŒckt, auf rein fiktive Weise. Es diente zur Festlegung des relativen Werts gĂ€ngiger Waren [
] Abgesehen vom Tausch und der fiktiven WĂ€hrung des ‚Pesos‘ existierte eine ‚wirkliche‘ WĂ€hrung, konstituiert aus gewissen allgemein genutzten Waren, die von jedem als Bezahlung akzeptiert wurden, sogar ohne dass man sie unmittelbar brauchte oder nutzen konnte (Tee, Tabak, Honig, Mais) [
]

Der Preis entsprach normalerweise dem wirklichen Wert der GĂŒter, d.h. der fĂŒr ihre Produktion notwendigen Arbeit, ohne Zuschlag fĂŒr nicht existierende ZwischenhĂ€ndler. Der relative Preis einer Ware war selbstverstĂ€ndlich von ihrer Seltenheit oder ihrem Überfluss beeinflusst.“ [23]

Die Transaktionen von „Reduktion“ zu „Reduktion“ waren abhĂ€ngig von den Gemeinschaften. „Die Statistiken zeichneten regelmĂ€ssig die Menge der Reserve und BedĂŒrfnisse fĂŒr alle Reduktionen auf, es war einfach, den Handel zu planen. Der Pfarrer hielt Rat mit dem corregidor und dem Majordomus, um die Art und die Menge der zu importierenden oder zu exportierenden Waren zu bestimmen.“ [24]

War es authentischer Kommunismus?

Der Kommunismus der Guaraní war kein reiner Kommunismus. Er hatte den klerikalen Geist der Jesuiten, der spanischen Krone wurde ein Tribut gezahlt und die militÀrischen KrÀfte der Guaraní waren in ihrem Dienst, der Tausch existierte weiter usw. Doch wir sind nicht auf der Suche nach Reinheit.

Es waren nicht die Jesuiten, die den GuaranĂ­ den Kommunismus brachten. Sie fanden ihn dort und mussten sich damit abfinden. Einige freuten sich darĂŒber, fanden, dass er dem Geist des Evangeliums entsprach, andere, aufgrund ihrer Neigung oder Ă€usserem Druck, versuchten, ihn zu beschrĂ€nken. Die Jesuiten erlaubten die Übernahme westlicher Techniken und westlichen Wissens durch einen unausrottbaren ursprĂŒnglichen Kommunismus. Sie erlaubten den Gruppen der GuaranĂ­ eine Vereinigung in ein konsequentes Ganzes.

Dieser Kommunismus war kommunistisch genug, um Misstrauen auszulösen und angegriffen zu werden. Die Jesuiten spielten, da sie einer ausserhalb der Gemeinschaften der GuaranĂ­ stehenden AutoritĂ€t unterworfen waren, eine eher verhĂ€ngnisvolle Rolle, indem sie Verwirrung und Zwietracht unter den Indianern stifteten, als die Spanier und die Portugiesen die östlichen „Reduktionen“ 1754-1756 angriffen. „Die VĂ€ter der Reduktionen hatten vom General der Gesellschaft, Ignazio Visconti, ‚den strengen Befehl erhalten, sich der unvermeidbaren Situation zu unterwerfen und unter den Indianern den Gehorsam durchzusetzen‘.“ [25] Die direkt bedrohten Indianer kĂ€mpften, aber sie wurden letztendlich niedergeschlagen. Die Jesuiten wurden 1768 vertrieben. Die Interventionen gegen die GuaranĂ­ verlĂ€ngerten sich und ruinierten das Experiment. Die SchwĂ€che des Kommunismus der GuaranĂ­ bestand darin, dass er von Anfang an kein revolutionĂ€rer Kommunismus war und sich nicht in der Konfrontation konstituiert hatte.

Martin de Moussy schrieb 1852: „Dieses merkwĂŒrdige Regime, vielleicht mit einem Anschein von Vernunft, dieser so sehr kritisierte Kommunismus, dessen bester Beweis dafĂŒr, dass er den Indianern zusagte, die Tatsache ist, dass sich die Jesuiten gezwungen sahen, ihn fast bis zur heutigen Zeit weiterzufĂŒhren, und seine Zerstörung ohne intelligente und vĂ€terliche Massnahmen zur Folge hatte, die Indianer ins Elend zu stĂŒrzen [
] Heutzutage bereuen ihre letzten Erben dieses Regime bitter, es war freilich nicht perfekt, aber es entsprach ihren Instinkten und GebrĂ€uchen.“

Lugon, der aus den Jesuiten unbedingt die Importeure des Kommunismus machen will, schreibt weiter: „Nach der Zerstörung von Entre RĂ­os organisierten sich die Überlebenden unter der FĂŒhrung von drei AnfĂŒhrern unterstĂŒtzt durch einen Rat neu, vollstĂ€ndig gemĂ€ss den von den Jesuiten ĂŒberlieferten Traditionen. Die Bevölkerung dieser Kolonie wurde zwischen 1820 und 1827 auf 10‘000 Personen geschĂ€tzt. Die GĂŒtergemeinschaft wurde vollstĂ€ndig wieder eingefĂŒhrt.

In den zerfallenen Reduktionen des modernen Paraguay wurde das kommunistische Regime offiziell 1848 vom Diktator LĂłpez abgeschafft. Die GuaranĂ­, welche weiter in dieser Region lebten, wurden zu diesem Zeitpunkt auf legale Art und Weise ihrer GebĂ€ude und ihrer GĂŒter entledigt. Man liess sie in etablierten Reserven ein Schattendasein fristen wie in Nordamerika.“

Die Republik der GuaranĂ­ ist nicht das einzige Beispiel des Zusammentreffens zwischen indianischem Kommunismus und dem Westen. Es gab andere, die weniger bedeutend waren: die Chiquita-Republik im SĂŒdosten Boliviens, die Moxes-Republik im Norden Boliviens, die Gruppe der Pampas


Die Kommunisten MĂŒntzers oder in Paraguay sind weitergegangen, indem sie intermediĂ€re gesellschaftliche Formen zwischen dem ursprĂŒnglichen Kommunismus und dem weitergehenden Kommunismus der Kommunarden und anderer Proletarier der modernen Zeiten kreierten. Gab es mit der Zeit RĂŒckschritte? Es war die Macht des Kapitals und der dadurch ausgelöste Verfall des gesellschaftlichen Sinnes, die sich dem Kommunismus entgegenstellten. Es gibt keinen RĂŒckschritt, sondern einen Zyklus, der sich vollendet und dieses Mal den Kommunismus ins Zentrum der kapitalistischen Welt bringen wird.

Das mag womöglich unverstĂ€ndlich sein fĂŒr jene, welche die Geschichte als linearen und kontinuierlichen Prozess betrachten. Es gibt keinen RĂŒckschritt und keine Vorwegnahme, sondern einen ewigen Fortschritt vom Niederen zum Höheren. Doch weshalb hat sich denn die moderne Industrie ausgehend von der feudalen RĂŒckstĂ€ndigkeit Europas und nicht von den grossen Webereimanufakturen der Inkas oder dem Handwerk und den Techniken der Chinesen entwickelt? Weshalb konnte diese Industrie erst nach einer Periode des Niedergangs eingefĂŒhrt werden?

Neben und nach dem Kommunismus religiöser PrĂ€gung, der zwar bilderstĂŒrmerisch im Falle der deutschen AufstĂ€ndischen oder Campanellas ist, der das Ende der Familie will, wird sich ein naturalistischer und antireligiöser Kommunismus im Fahrwasser der bĂŒrgerlichen Revolutionen entwickeln.

Levellers

In England entwickelt sich nach der Revolution von 1648 eine Strömung fĂŒr den Kommunismus innerhalb der Partei der „Levellers“. Mehrere kommunistische Werke erscheinen zu dieser Zeit. Darin werden die Arbeitspflicht fĂŒr alle und die unentgeltliche Verteilung der GĂŒter verteidigt.

Die Kontakte mit nicht-westlichen Gesellschaften nĂ€hren philosophische Überlegungen. Gueudeville veröffentlicht 1704 die Dialogues ou entretiens entre un sauvage et le baron de La Houtan. Der Indianer sei dem EuropĂ€er ĂŒberlegen, weil er die Unterscheidung zwischen Mein und Dein nicht kennt.

Morelly veröffentlicht 1755 seinen Code de la Nature. Er bekrĂ€ftigt darin, dass der Mensch weder lasterhaft noch böse sei. Mit der „Habgier“ und dem Eigentum muss gebrochen werden: „Entfernt das Eigentum, das sie begleitende blinde und erbarmungslose Interesse, lĂ€sst alle Vorurteile fallen, die sie stĂŒtzenden IrrtĂŒmer, dann gibt es keinen offensiven oder defensiven Widerstand mehr bei den Menschen, keine wĂŒtenden Leidenschaften, keine wilden Handlungen, keine Begriffe oder Ideen des moralischen Bösen.“

Trotz seinem Vertrauen in die menschliche Natur definiert er schliesslich und paradoxerweise Gesetze, die das Leben der Leute bis in die geringsten Details bestimmen. Die Kleidung, die Ehe, die Scheidung, die Erziehung der Kinder, das Denken und die TrÀumerei sind auf strikte Art und Weise reglementiert.

Der Kommunismus Morellys beeinflusst den RevolutionÀr Gracchus Babeuf, der 1797 nach dem Scheitern der Verschwörung der Gleichen hingerichtet wird.

Es war grundsĂ€tzlich richtig, davon auszugehen, dass der Kommunismus der menschlichen Natur entspricht; dass er der natĂŒrliche Zustand der Spezies ist. Dies nicht, weil der Mensch spontan gut oder moralisch wĂ€re, nicht, weil die Gesellschaften aufeinanderfolgen, ohne eine unverĂ€nderliche menschliche Natur zu modifizieren. Schlicht und einfach, weil die Klassen, das Eigentum, der Handel, der Staat sich als gesellschaftliche Notwendigkeiten aufdrĂ€ngen, doch sie sind nur momentane Notwendigkeiten, die dem Übergang von einer gesellschaftlichen kommunistischen Form zu einer anderen entsprechen. Der Kommunismus drĂ€ngt sich nicht auf. Er taucht immer wieder auf, auch wenn er sich nur wĂ€hrend gewissen Zeitpunkten entwickeln kann. Wir haben gesehen, dass eine spontane und typische menschliche Manifestierung wie das Wort kommunistisch bleibt, zumindest auf der Ebene der Form. Betreffend des VerstĂ€ndnisses ist der Kommunismus weiterhin viel einfacher und transparenter als der Kapitalismus: die vorherrschende gesellschaftliche Form. Das, weil er sogar heutzutage eine unmittelbarere Wirklichkeit ist. Wenn wir den auf der Aneignung beruhenden und durch das Geld ausgedrĂŒckten bĂŒrgerlichen Reichtum verhöhnen und so tun, als ob wir naiv wĂ€ren, können wir uns nĂ€mlich unmittelbar auf eine kommunistische Konzeption des Reichtums stĂŒtzen, die in einem latenten Zustand existiert.

Man wird uns vorwerfen, einseitig oder naiv zu sein. Bis zu einem gewissen Punkt sind das Tugenden, die wir kultivieren. Die einfachen Geister mögen glĂŒcklich sein, denn das Himmelsreich gehört ihnen; und nicht nur dieses. Man wirft dem Kommunismus nicht vor, er sei unverstĂ€ndlich und unmöglich, sondern dass er naiv sei, dass er jene Wirklichkeit nicht berĂŒcksichtige, welche er zu stĂŒrzen behauptet. Man bekĂ€mpft den Kommunismus, weil man weiss, dass er nicht so naiv ist und dass seine Erfolgsmöglichkeiten durchaus existieren.

Die Theorie ist eine Notwendigkeit. Sie ist notwendig in einer Welt, wo sich die menschliche Wirklichkeit den Menschen entzieht. Aber wenn die Theorie nur dazu dient, die Dinge komplizierter zu machen als sie sind, die Schutzabdeckung zu verstÀrken, welche die Menschen von ihrer Menschlichkeit trennt, dann sieht man besser davon ab. Die revolutionÀre Theorie ist nicht wie die RelativitÀtstheorie. Sie spricht von einer Wirklichkeit, wovon wir Teil sind. Die KomplexitÀt und die Entfernung, die sie in einer Bewegung zu reduzieren versucht, die darum selbst kommunistisch ist, haben nicht physische Ursachen, sondern menschliche, die vom Menschen modifiziert werden können.

Man ist versucht, sich mit Theorie zu berauschen und sich somit dem Leben zu verweigern oder sich der Theorie zu verweigern und sich mit Erlebtem zu berauschen. Der Mangel an Leben, die Entfernung der Mechanismen, die das Leben der Menschen organisieren, fĂŒhren nicht zwingend zu einem aktiven Willen, zu verstehen, sondern zu einer zĂŒgellosen Suche nach Bildern und Identifikationsmöglichkeiten. Es ist nicht wichtig, zu verstehen und somit die Möglichkeit zu erlangen, die Wirklichkeit zu verĂ€ndern, sondern es geht darum, Verantwortliche, Schuldige, Kriegstreiber und Arbeitsdiebe zu finden. Nur aufgrund dieser Suche nach Konkretem und Bildern konnten das System und seine Verwalter den Hass des Volkes auf diese oder jene gesellschaftliche Gruppe konzentrieren. Diesem pervertiertem BedĂŒrfnis nach Erlebtem muss man ErklĂ€rungen, aber vor allem das Leben selbst entgegenstellen. Man heilt DrogensĂŒchtige nicht mit Worten.

Morelly stellt fest: „Es ist leider nur allzu wahr, dass es heutzutage unmöglich wĂ€re, eine solche Republik aufzubauen.“ Die Utopisten verstehen die Bewegung nicht, welche zum Kommunismus fĂŒhren kann. WĂ€hrend dieser Epoche erscheint das Proletariat noch sehr selten als autonome Kraft. Doch die utopischen Beschreibungen veranschaulichen schon den historischen Drang nach Kommunismus und machen daraus einen unmittelbaren Anspruch, entsprechend seinem tiefen Wesen.

Die Zukunft ist kein von der von uns erlebten Wirklichkeit Ă€usserer Punkt. Sie ist diese Wirklichkeit, sie ist diese Überwindung. Der Kommunismus ist hier und dort, heute und morgen, meine SubjektivitĂ€t und die objektive Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte. Ohne auf Abwege zu geraten, kann man den Kommunismus als Utopie nicht dem Kommunismus als historische Bewegung entgegensetzen. Einer der grössten Verdienste der Utopisten ist die Tatsache, dass sie sich betreffend der historischen Möglichkeit ihres Projekts keinen Illusionen hingaben.

Erst spĂ€ter tauchten kommunistische Reformer wie Cabet und Owen auf, die versuchten, ihre Ideen in die Wirklichkeit hineinzupressen, indem sie kleine Gemeinschaften oder „kommunistische“ oder den Kommunismus zum Ziel habende Institutionen grĂŒndeten.

Es ist die StÀrke des Utopisten, dass er keine Zeit damit verliert, eine ReprÀsentation der Entwicklung zu konstruieren, das, was kommen wird, von dem abzuleiten, was ist. Er antizipiert direkt. Er greift radikal, d.h. auf menschlicher Ebene, jene Probleme an, welche das Kapital aufwirft und ans Licht bringt. Probleme, zu deren Lösung die Menschheit eines Tages gezwungen sein wird.

Als Utopie bekrÀftigt sich der Kommunismus in seiner DiskontinuitÀt mit der Gegenwart. Er wird als neuer globaler Ausgleich konzipiert.

Man setzt dem einen schĂ€bigen Determinismus entgegen, der die Entwicklung auf eine kontinuierlichen Prozess reduziert, in welchem jede Phase die VerlĂ€ngerung oder die Hervorbringung durch die Umformung der vorhergehenden Phase darstellt. Der Utopist wird auf einen TrĂ€umer oder einen mystischen Rationalisten reduziert. Man erfasst seine Herangehensweise und seine ursprĂŒngliche Grundlage nicht als Teil der besagten Bewegung.

Der Kommunismus ist ein historisch zulĂ€ssiger und angeordneter Ausdruck der Entfaltung der FĂ€higkeiten der menschlichen Spezies. Er ist der natĂŒrliche Zustand der Spezies. Doch dieses Wesen wird historisch hervorgebracht. Die Geschichte selbst ordnet nur die gleichen Materialien und kommt davon nicht los, ohne jedoch voranzukommen oder einem geschlossenen Kreis zu entsprechen.

Die Zwischenphase der Klassengesellschaften, die dazu tendiert, den Menschen zu negieren, indem sie aus ihm ein Werkzeug macht, ist selbst nur möglich und notwendig geworden aufgrund der der Spezies eigenen Eigenschaften, die genetisch bedingt sind. Es ist die menschliche FÀhigkeit, sich anzupassen, aber auch zu erdulden, Werkzeuge zu gebrauchen, aber auch als Werkzeug gebraucht zu werden, die sich nun gegen die Menschheit wendet. Diese Phase hat, indem sie den Kapitalismus und den Maschinenbetrieb hervorgebracht hat, ihr eigenes Todesurteil unterschrieben.

Wissenschaftlicher Sozialismus

Im 19. Jahrhundert tritt der Antagonismus zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat in den Vordergrund. Der Kommunismus tendiert weniger dazu, sich auf die Vernunft oder allgemein auf die Philosophie zu berufen. Er will sich eingliedern und praktisch die Wirklichkeit verĂ€ndern. Die erste auftauchende Tendenz ist jene, welche damit beginnen will, kommunistische Inseln zu erschaffen, die sich, indem sie ein gutes Beispiel abgeben, ausbreiten, eventuell mit dem EinverstĂ€ndnis der MĂ€chtigen dieser Welt. Die zweite Tendenz ist jene des revolutionĂ€ren und aufstĂ€ndischen Kommunismus. In Frankreich wird sie besonders mit dem Namen Blanqui verknĂŒpft: „Der Kommunismus, welcher die Revolution selbst ist, muß sich vor den Spuren der Utopie hĂŒten, er darf sich nicht von der Politik ausschließen. Vor kurzem stand er noch außerhalb derselben, heute findet man ihn mit vollem Herzen bei derselben, und die Politik ist nur mehr seine Dienerin. [
] Der Tag, wo der Knebel aus dem Mund der Arbeit fallen wird, wird derjenige sein, wo er in den Mund des Kapitals gesteckt werden wird.“ [26]

Blanqui sieht den Kommunismus in der kapitalistischen Welt, obwohl, unserer Meinung nach, ein bisschen zu grosszĂŒgig, schon am Werk: „Die Steuer, die Regierung selbst ist Kommunismus, gewiß von schlimmerer Sorte und gleichwohl von absoluter Notwendigkeit. [
] Die Assoziation im Dienst des Kapitals wird eine solche Plage, daß sie nicht lange wird ertragen werden können. Das ist das herrliche Privilegium dieses Prinzips, daß es nur Gutes hervorbringen kann […]“ [27]

Indem der Kommunismus sich offen mit dem Kampf des Proletariats verbĂŒndet, macht er einen entscheidenden Schritt, doch er pervertiert sich auch. Er ist allmĂ€hlich kein unmittelbarer Anspruch mehr. Er wird zu einem Projekt, einer Mission, einem historischen Stadium, das von der Gegenwart getrennt ist. Von seinem Inhalt geleert fĂŒr die „Levellers“ und die „Partageux“, kann er im 20. Jahrhundert zu einem Kleid fĂŒr das Kapital werden.

Der „wissenschaftliche Sozialismus“ war eine Art, das historische Fernsein des Kommunismus zu rationalisieren. Im 19. Jahrhundert kann das Proletariat auf autonome Weise handeln, aber der Kommunismus ist nicht möglich. Indem sie politische Auswege und Übergangsphasen vorschlugen, machten Bray, Marx und Blanqui alle Vereinnahmungen möglich.

Das berĂŒhmte Kommunistische Manifest enthĂ€lt eben genau keinen Kommunismus. Man findet darin eine Lobrede auf die Bourgeoisie, eine Analyse des Klassenkampfes und Übergangsmassnahmen. Vom Kommunismus wird eher wenig und schlecht gesprochen.

Das Manifest wurde fĂŒr den Bund der Gerechten geschrieben, dieser ist zum Bund der Kommunisten geworden. Vor dem Eintreten von Marx und Engels war die Doktrin dieses deutschen Handwerker- und Arbeitervereins im Exil eher verworren. Weitling, sein GrĂŒnder und Theoretiker, gehörte zu den Mystikern. Marx und Engels sorgen zweifellos fĂŒr einen Fortschritt, doch sie lösen eine RĂŒckschritt betreffend einer naiven, aber positiveren und gerechteren BekrĂ€ftigung des Kommunismus aus.

Im Juni 1847 definiert der Kongress des Bundes im Artikel 1 seine Absichten: „Der Bund bezweckt die Entsklavung der Menschen durch die Verbreitung der Theorie der GĂŒtergemeinschaft und die baldmöglichste praktische EinfĂŒhrung derselben.“

Im November 1846/Februar 1847 schreibt der Vorstand den Sektionen: „Ihr wißt, der Kommunismus ist ein System, nach welchem die Erde das Gemeingut aller Menschen sein, nach welchem jeder nach seinen FĂ€higkeiten arbeiten, ‚produzieren‘, und jeder nach seinen KrĂ€ften genießen, ‚konsumieren‘, soll [
]“

Der Artikel 1 der neuen, von Marx und Engels verfassten Statuten betont die Probleme der Macht und der Herrschaft und definiert den Kommunismus negativ: „Der Zweck des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten, auf KlassengegensĂ€tzen beruhenden bĂŒrgerlichen Gesellschaft und die GrĂŒndung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum.“

In Der HĂŒlferuf der deutschen Jugend (1841) definiert Weitling seinen christlichen Kommunismus folgendermassen: „Die Aufgabe, die er [Jesus] sich gestellt hatte, war ein Reich ĂŒber der ganzen Erde, Freiheit aller Nationen, Gemeinschaft der GĂŒter und der Arbeit aller Derer, die sich zum Reich Gottes bekennen. Und das ist es gerade, was die heutigen Kommunisten wieder aufgenommen haben [
]

Aber es giebt Kommunisten die es sind ohne es zu wissen: Der fleißige Landmann der sein StĂŒckchen schwarzes Brod mit dem Landmann theilt, der ist Kommunist. Der fleißige Handwerksmann der seine Arbeiter nicht schindet und ihnen von dem Ertrag der gemeinschaftlichen Arbeit verhĂ€ltnißmĂ€ĂŸig lohnt, der ist Kommunist. Der reiche Mann der seinen Überfluß zum Besten der nothleidenden Menschheit verwendet, der ist Kommunist.“

Kommunismus und Barmherzigkeit werden praktisch miteinander verwechselt. Marx reagiert zu Recht und entschieden gegen diesen Brei. Das Kommunistische Manifest definiert jedoch die Kommunisten nicht mehr durch ihren Kommunismus. Sie sind schlichtweg die entschiedensten unter den Proletariern und jene, welche den Vorteil einer klaren Auffassung des Gangs der proletarischen Bewegung auf ihrer Seite haben: die Besitzer der Theorie.

Am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich der Kommunismus, trotz der Wut von Marx gegen die Sozialdemokratie, besonders vor dem Gothaer Kongress 1875, seines Inhalts entleert. Er behĂ€lt nur fĂŒr eine Handvoll Anarchisten seine tiefe Bedeutung.

Paul Reclus liefert 1891 in La RĂ©volte zur Rechtfertigung der „individuellen Wiederaneignung“, d.h. des Diebstahls, diese kurze und gute Definition des Kommunismus: „Die TĂ€tigkeit des Lebens, wovon wir trĂ€umen, ist gleich weit von dem, was man heute Arbeit, und von dem, was man heute Diebstahl nennt, entfernt: Wir werden nehmen, ohne zu fragen, und es wird kein Diebstahl sein, wir werden unsere FĂ€higkeiten einsetzen und tĂ€tig sein und es wird keine Arbeit sein [
]“

Mit der revolutionĂ€ren Welle nach dem Ersten Weltkrieg und im Fahrwasser der Russischen Revolution erscheinen wieder marxistische und kommunistische Tendenzen. Es gibt kommunistische AnsĂ€tze bei den Bolschewisten. AnsĂ€tze, die schnell pervertiert und mit dem RĂŒckgang der Weltrevolution und der Verhaftung in den russischen Problemen verschwinden werden.

Zurecht wurde die sehr frĂŒhe konterrevolutionĂ€re Rolle der Bolschewisten verurteilt, zurecht wurde der bĂŒrgerliche Charakter des theoretischen und praktischen Werks Lenins aufgezeigt. Doch es ist idiotisch, die Bolschewisten fĂŒr das Scheitern der Arbeiterrevolution in Russland verantwortlich machen zu wollen. Die Bolschewisten sind eher eben genau ein Beispiel fĂŒr eine Handvoll Menschen, die es geschafft haben, dem Gang der Geschichte eine Richtung hin zum Extrem der revolutionĂ€ren Möglichkeiten zu geben. Ihre Gegenspieler, sogar links von ihnen, konnten ihnen in der Regel nur humanistische und demokratische Perspektiven entgegensetzen.

Der Kontrast zwischen dem Ausmass der revolutionÀren Welle und der SchwÀche der kommunistischen BekrÀftigung ist frappierend.

In Deutschland und Holland verurteilen besonders die „Linken“ das russische Regime als Staatskapitalismus. Dem setzen sie einen auf der Arbeiterverwaltung basierenden Kommunismus entgegen. Man muss ihnen dankbar sein, dass sie die autonome Handlung der Massen und die ArbeiterrĂ€te ins Zentrum stellten. Mit dem RĂŒckgang der Revolution zerfĂ€llt diese Strömung, ausgedrĂŒckt besonders durch die KAPD, in kleine Sekten, wĂ€hrend sie zuvor Hunderttausende Arbeiter um sich gruppiert hatte.

Diese Ideologie der Arbeiterverwaltung wird auch von den Anarchisten und den Anarchosyndikalisten benutzt. Der Kommunismus wird auf die Selbstorganisation der Produzenten reduziert.

Es ist in Italien, wo die Linke von Bordiga, die bei ihrer GrĂŒndung in der KPI vorherrschend ist, die kommunistische Doktrin am besten wieder herstellt. Sie lehnt sich gegen die Beteiligung an den Wahlen auf, verweigert die gemeinsamen Fronten mit der Sozialdemokratie und kritisiert die demokratische Illusion. Sie hebt die Abschaffung der Lohnarbeit und der Marktwirtschaft hervor. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt Bordiga seine Analyse der kapitalistischen Konterrevolution in Russland und seine Konzeption des Kommunismus. Man baut nicht den Kommunismus auf, man zerstört die Marktwirtschaft.

Trotz seiner Tiefe kann sich der Bordigismus seiner leninistischen Gangart nicht entziehen. Sein Radikalismus und sein Scharfsinn enden in den schlimmsten Sackgassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt es nur sehr langsam zu einer Wiedergeburt des theoretischen Kommunismus. Der Wohlstand und die gute Gesundheit des Kapitals sind dabei keine Hilfe. Nachdem er seine Vergangenheit mehr schlecht als recht durchgegangen ist, versucht er, sie zu ĂŒberwinden. Er entwickelt sich je mehr die soziale und danach die wirtschaftliche Krise des Kapitals erneut sichtbar wird.

Nachdem sie die Kritik der LĂ€nder des Ostens und der BĂŒrokratie ĂŒbernommen haben, arbeiten die Situationisten eine auf der Ware und dem „Spektakel“ basierende Theorie aus. Sie verurteilen das moderne Elend. Obwohl ihre Analyse hĂ€ufig zutreffend ist, bleibt sie oberflĂ€chlich. Sie ist in ihrem Stil und in ihrem Inhalt eine Gefangene der Wirkung des Spektakels, die sie denunziert und widerspiegelt.

Die Situationisten erstellen eine brillante und aggressive soziale Kritik, aber keine Theorie des Kapitals, der dem Spektakel zugrundeliegenden Maschinerie und der Revolution. Sie gehen nicht auf die Frage der Kommunisierung ein, ausser durch ihren Zuspruch fĂŒr die unmittelbare Negation der Ware, PlĂŒnderung oder Brandstiftung, oder indem sie sich im RĂ€tekommunismus verlieren: FĂŒr die absolute Macht der ArbeiterrĂ€te, von denen alles abhĂ€ngt. Als erbitterte Feinde des Bolschewismus machen sie wie er aus der Revolution eine Frage der Organisation.

Die kommunistische Doktrin muss auf die Beschreibung der Zukunft und allen voran des Prozesses der Kommunisierung fokussiert sein. DarĂŒber muss debattiert werden, deswegen sollte man sich vereinigen oder im Gegenteil spalten. Es geht nicht darum, der Gegenwart zu entfliehen, sondern sie zu leben und sie im Lichte der Zukunft zu beurteilen. Der Kommunismus ist gegenwĂ€rtig und man kann unmittelbar seine Perspektiven der kapitalistischen Klebefalle entgegensetzen.

Der Protest, wenn er nicht in positive Perspektiven mĂŒndet und somit seinen Mangel an Tiefe zeigt, wird zu einem Mittel, um sich im Elend zu suhlen, unter dem Vorwand, es zu verurteilen. Nach den Clowns und den Liedermachern schaffen es die Ideologen, sich vom Zerfall des Systems selbst zu nĂ€hren. Jenen, welche einem zum Lachen bringen, kann man alles verzeihen, aber ihnen nicht. Es ist die ultimative Art, die sich der Menschheit eröffnenden gigantischen und unerforschten Möglichkeiten zu kaschieren: Die ultimative Art, die Hoffnung in den Herzen der UnterdrĂŒckten zu vernichten!

Im Verlauf der Zeit tauchen die kommunistische Idee und der kommunistische Kampf immer wieder auf. Sie wandeln sich jedoch allmĂ€hlich, da der Kapitalismus sie durch ihre Vereinnahmung zur Überwindung zwingt. Heutzutage, wo der Kapitalismus das öffentliche Eigentum und die eingepferchte Arbeit verallgemeinert hat, ist der Kommunismus jenseits des Gegensatzes zwischen individueller und kollektiver Aneignung. Es beruht nicht mehr alles auf der Frage des Eigentums. Der Kommunismus muss nicht mehr zwischen einem asozialen Naturalismus und einem rasenden Moralismus oder Reglementarismus pendeln.

Die marxistische Etappe darf auch nicht verschont werden. Der Kommunismus wurde als eine Produktionsweise betrachtet, die auf den Kapitalismus folgt. Er ist zugleich mehr und etwas anderes als eine gesellschaftliche Form. Er ist die innerhalb des Kapitalismus gegenwĂ€rtige Bewegung, die ihn zurĂŒckdrĂ€ngt, durch welche die menschliche TĂ€tigkeit sich ihrer Fesseln entledigt und endlich aufblĂŒhen kann!

Die kommunistische TĂ€tigkeit

Der Kommunismus ist allen voran eine TĂ€tigkeit. ZunĂ€chst, weil er innerhalb des Kapitalismus auftaucht, bevor er ihn stĂŒrzen kann. ZunĂ€chst, weil die menschliche TĂ€tigkeit und die lebenswichtigen Funktionen in der kommunistischen Welt nicht mehr Gefangene der hervorgebrachten gesellschaftlichen Formen sind. Die Organisation der Aufgaben muss nicht mehr in Institutionen eingefroren werden.

Der Kommunismus entspringt positiv innerhalb des Kapitalismus. Doch er bekrÀftigt sich als Kehrseite der Negation. Der Kommunismus als TÀtigkeit ist gleichzeitig Negation und Antizipation. Es gibt nicht zwei aufeinanderfolgende Momente. Je mehr sich die TÀtigkeit gegen das Kapital richtet, umso mehr tendiert sie dazu, den Kommunismus zu skizzieren; und umgekehrt.

Es geht also ĂŒberhaupt nicht darum, Inseln des Kommunismus innerhalb des Kapitalismus aufzubauen. Wenn die TĂ€tigkeit zum Aufbau tendiert, zerstört sie sich vom kommunistischen Standpunkt aus.

Es gibt keine kommunistischen BedĂŒrfnisse, deren Befriedigung jenseits des Systems notwendig wĂ€re. Auch wenn sich hinter den BedĂŒrfnissen Kommunismus versteckt, können sie sich, wenn sie erscheinen, nicht von den Möglichkeiten ihrer Verwirklichung im System trennen, auch wenn diese imaginĂ€r sind. Die UnfĂ€higkeit des Kapitalismus, die WĂŒnsche zu erfĂŒllen, fĂŒhrt zu seiner Überwindung und zur Überwindung der durch ihn erlaubten WĂŒnsche.

Wir betrachten den Kommunismus auch nicht wie Weitling im moralischen Sinne oder wie Blanqui als den Aufstieg des glorreichen Prinzips der Assoziation. Wenn es Kommunismus ist, dann ist es negativer Kommunismus, nicht zu verwechseln mit schlechtem Kommunismus. Es ist der Aufstieg der Bewegung der kapitalistischen Enteignung.

Die Proletarier, enteignet von den Produktionswerkzeugen, entmachtet bei ihrer Arbeit, voneinander getrennt, aber miteinander konfrontiert und getrieben von einer enormen produktiven Macht, als grosse Masse versammelt, betrachten den Kommunismus negativ als Teil ihrer Lage. Auch wenn sie EigentĂŒmer ihres Werkzeugkastens sind, haben sie keine besonderen Interessen zu verteidigen. Ihre Mittellosigkeit steht der gesellschaftlichen Macht und dem gesellschaftlichen Reichtum entgegen, die von ihnen angetrieben werden. Das macht aus dem Proletariat die Klasse des Kommunismus. Die Proletarier können sich die Produktionsmittel nicht stĂŒckweise wieder aneignen. Sie mĂŒssen sie vergemeinschaftlichen.

Doch was grundlegend ist, ist nicht so sehr, obwohl die Dinge untrennbar miteinander verbunden sind, die Bewegung der Wiederaneignung und der Vergemeinschaftlichung der GĂŒter, eher die sich neu entwickelnde TĂ€tigkeit, die Wiederaneignung des Lebens, die Entstehung neuer VerhĂ€ltnisse, der Umsturz des HerrschaftsverhĂ€ltnisses zwischen den Menschen und den Dingen.

Gewiss, der Kommunismus, die menschliche Gemeinschaft ist ein historisches Entwicklungsstadium, eine gegebene Produktionsweise. Die die Gruppen oder menschlichen Interessen einander entgegensetzenden Interessen verschwinden.

Doch man kann den Kommunismus nicht verstehen, wenn man aus ihm eine zielgerichtete Bewegung macht, die von der ihn hervorbringenden TĂ€tigkeit getrennt ist. Indem man die TĂ€tigkeit dem Ziel, die Mittel dem Zweck unterordnet, tut man nichts anderes, als die Herrschaft des die menschliche TĂ€tigkeit in der Arbeitsform einsperrenden Warenkapitals auf sie zu projizieren. Das Ziel, das Resultat, die kommunistische gesellschaftliche Form mĂŒssen als Notwendigkeit der TĂ€tigkeit betrachtet werden, welche versucht, ihre Existenzbedingungen zu garantieren und zu reproduzieren.

Die Gemeinschaft ist in der kommenden Gesellschaft, der Vereinigung des Planeten, dem Ende der Trennung der Wirtschaft in Unternehmen, in einer globalen und gesellschaftlichen Lösung. Aber all jene, welche sie in der spontanen Handlung, in der unmittelbaren und spezifischen Negation der Rassismen und der LĂŒgen nicht am Werk sehen, können nichts davon verstehen.

Die Beziehung zwischen unmittelbarer TÀtigkeit und der kommenden Welt ist zentral. Die UniversalitÀt des Kommunismus ist in der Besonderheit der Situationen enthalten.

Die UniversalitÀt kann aus dem Besonderen entspringen, weil dieses Besondere selbst das Produkt der universellen, vereinigenden und entziehenden Logik des Kapitals ist.

Jene, welche diese Verbindung nicht erfassen, mĂŒssen sich auf ein falsches Universales berufen: die Partei (proletarisch!), den Staat (proletarisch!) oder sogar das Proletariat, aber als Abstraktion oder ReprĂ€sentation. Dieses falsche Universale wird selbst als das betrachtet, was das aktive Prinzip in Anbetracht einer reglosen Gesellschaft kaschiert. Das Werkzeug und sein Objekt. Der Geist verĂ€ndert oder ĂŒberdeckt die Materie.

Das kommunistische Bewusstsein verallgemeinert sich nur, wenn die Gesellschaft in ihren Grundlagen erschĂŒttert wird. Aber im wieder auftauchenden Leben ist alles schon da, auch das Bewusstsein, das kein passiver Widerschein von ReprĂ€sentationen und erstarrten Situationen mehr ist. Das ideologische Bewusstsein verwandelt sich in ein praktisches. Damit ist es schon kommunistisch.

Je mehr der Kampf sich vertieft, desto mehr werden die Beteiligten von den ihnen innewohnenden Vorurteilen und Spiessigkeiten gereinigt. Ihr Bewusstsein entspannt sich und sie werfen einen neuen und erstaunten Blick auf die Wirklichkeit und ihr Dasein.

Diese Anwesenheit des Kommunismus ist nicht das Monopol des Kampfes im engen Sinne des Begriffs: ein klarer und verkĂŒndeter Zusammenstoss zwischen Arbeit und Kapital. Sie zeigt sich im gesamten gesellschaftlichen Leben und ist hĂ€ufig abwesend von diesen ritualisierten, erstarrten und langweiligen KĂ€mpfen, die diesen Namen nicht verdienen.

Die wahrhafte menschliche Gemeinschaft impliziert immer einen Widerspruch zum Kapital. Sie tendiert dazu, zu einem offenen Kampf zu werden, oder wird zerstört und vereinnahmt, um zu einem Bild zu werden, das man auf die Wirklichkeit kleben kann. Der zunehmende Einfluss des Kapitals auf das Leben verdrĂ€ngt immer mehr jegliche wahrhafte Menschlichkeit, Liebe, Kreation und Forschung und macht sie unmöglich. Die Menschen werden zu leeren HĂŒllen, die leblos im Rhythmus des Kapitals umhergeistern. Die Revolte, die Reaktion darauf muss also umso mehr einen menschlichen Charakter haben. Diese im Widerspruch zum Kapital stehende Menschheit, eine prĂ€zise Phase in der Entwicklung der Spezies, nennen wir kommunistisch. Diese Etikette bleibt notwendig, solange diese Menschwerdung nicht die Möglichkeit hat, alle menschlichen Manifestationen zu reprĂ€sentieren und anzunehmen, da sie weiterhin antagonistisch zum Kapital ist.

Der Kommunismus ist möglich, weil das Kapital die Menschen nicht in Roboter verwandeln kann. Auch wenn es ihre Existenzen vollstĂ€ndig automatisiert, kann es nicht ohne ihre Menschlichkeit auskommen. Auch die am meisten integrierte und servile TĂ€tigkeit nĂ€hrt sich von Beteiligung, Kreation, Kommunikation und Initiative, obwohl sie nicht aufblĂŒhen können. Die Notwendigkeit und die Erwartung des Lohnes reichen nicht, um den Arbeiter funktionieren zu lassen. Er braucht andere Motivationen, er muss seinen Teil dazu beitragen. Die Arbeitsform kann den generischen und menschlichen Charakter der TĂ€tigkeit des Arbeiters nicht zum Verschwinden bringen.

Wir haben gesehen [28], dass trotz den Trennungen das Leben weitergeht und seine Einheit fortbesteht: Es ist unmöglich, die Produktion, die Bildung und die Experimentierfreude komplett voneinander zu trennen. Die Produktion, die dĂŒmmste Arbeit verlangen eine gewisse Anpassung vom Arbeiter und die FĂ€higkeit, mit einer unvorhergesehenen Situation fertig zu werden. Genau wie sich auch die abstrakteste Bildung in gewissen „Produkten“ konkretisieren muss, sei es nur schon eine PrĂŒfungskopie. Die Notwendigkeiten der Ă€usseren Kontrolle fallen auf die Produktion zurĂŒck


Das Produktionssystem wĂŒrde zusammenfallen, wenn die Arbeiter nicht mehr experimentieren, sich gegenseitig helfen und beraten könnten. Die hierarchische Organisation der Arbeit kann nur ĂŒberleben, wenn diese Regeln permanent mit den FĂŒssen getreten werden. Sie setzt einen unĂŒberwindbaren Rahmen fĂŒr diese illegalen und spontanen TĂ€tigkeiten der Arbeiter durch, um sie daran zu hindern, sich zu entwickeln und wirklich gefĂ€hrlich und subversiv zu werden. Wenn sich ein Riss öffnet oder ein Konflikt ausbricht, versucht diese TĂ€tigkeit autonom zu werden und ihre eigene Logik zu entwickeln.

Indem er kĂ€mpft, negiert sich der Proletarier unmittelbar als Lohnarbeiter, als Sklave, als Roboter. Wie beschrĂ€nkt das Wiederauftauchen des Lebens und der Aktion auch sein mag, die kapitalistische UnterdrĂŒckung wird damit in ihren Grundlagen in Frage gestellt.

Der Proletarier, der nur noch ein RĂ€dchen war, fĂ€ngt wieder an, Entscheidungen zu treffen, sich zu engagieren und Risiken einzugehen. Er erlangt wieder die Kontrolle ĂŒber seine Handgriffe. Seine Augen öffnen sich, seine Intelligenz taut auf. Die unterdrĂŒckende Ernsthaftigkeit und die Eintönigkeit, welche die Menschen in die Strafkolonien der Lohnarbeit und in das Polizei- und Warenuniversum einschliesst, fallen zusammen. Alles wird wieder möglich.

Die Revolte als Streben nach VergnĂŒgen und Effizienz ist schon jenseits der Arbeit. Ihr direkter Lohn ist die durch sie ausgelöste Freude und die durch sie erbrachten Resultate.

Die wilde TĂ€tigkeit des Proletariats ist mit Repression konfrontiert, sobald sie eine gewisse Schwelle ĂŒberschreitet. Noch hĂ€ufiger wird sie vereinnahmt und als Totgeburt verdaut. So ist nicht nur der Kommunismus das Produkt des Kapitalismus, sondern der Kapitalismus ist auch das Produkt des Kommunismus. Wir bestehen nicht auf diesem latenten oder unsicheren Kommunismus, um ihn zu fetischisieren. Er kann nur sich selbst sein, indem er sich ĂŒberwindet und sich aus der kapitalistischen Umlaufbahn entreisst. Die Anerkennung seiner Bedeutung ist nicht gleichbedeutend mit der Verehrung einer SpontaneitĂ€t, die sich der Organisation, der Disziplin und der Offensive verweigert.

Das Kapital vereinnahmt gemĂ€ss seinem tiefen Wesen. Seinem Wesen nach ist es ein Vampir. Man sollte also nicht erstaunt sein ĂŒber diesen oder jenen spektakulĂ€ren Aspekt.

Die KĂ€mpfe der Arbeiter dienten dem System, trotz der durch sie ausgelösten Opposition, sich zu transformieren und seine VirtualitĂ€ten zu verwirklichen, wobei es immer sich selbst geblieben ist. Die LohnkĂ€mpfe und die politischen KĂ€mpfe, oder jene, welche darin mĂŒndeten, erschĂŒtterten das System und erlaubten ihm, sich zu modernisieren.

Der Kampf ist hĂ€ufig auf der Ebene der Basis schon sterilisiert. Der Streik, die Demonstration und die Fabrikbesetzung werden zu GeschwĂ€tz. Man versucht nicht mehr, dem Kapital zu schaden, sondern es auf ein Problem aufmerksam zu machen, eine Unzufriedenheit auszudrĂŒcken. Auf dem Gipfel der Entfremdung erscheint der Streik nicht einmal mehr als Druckmittel, sondern als Aufopferung fĂŒr jene, welche die Arbeit niederlegen. Man beweist durch die Wichtigkeit seiner Aufopferung den Ernst seines Protests. Der soziale Krieg wird durch die Zurschaustellung ersetzt.

TĂ€tigkeit und Programm

Der Standpunkt der TĂ€tigkeit ist jener des Kommunismus. Es geht nicht darum, die Notwendigkeit fĂŒr die TĂ€tigkeit zu negieren, sich zu verkörpern, zu vergegenstĂ€ndlichen und auf das zu stĂŒtzen, was sie auslöst und verĂ€ndert.

Das Kapital hingegen betrachtet die TÀtigkeit nur vom Standpunkt des produzierten Gegenstandes aus. Das ist der Grund, weshalb es entgegen allen Tatsachen die Arbeit und die spezifisch menschliche TÀtigkeit miteinander gleichsetzt. Die TÀtigkeit kann nur hinsichtlich ihres unmittelbaren und positiven Resultats ernstgenommen werden. Positiv gemÀss dem Kapital.

Dieser Wille, nur die unmittelbare Wirkung in Betracht zu ziehen, kaschiert den antizipierenden Charakter des Arbeiterkampfes: „Statt zu beobachten, was die Arbeiter tun, versuchen die bĂŒrgerlichen Ideologen, sich vorzustellen, was die Arbeiter erhalten möchten. Man sieht in der proletarischen TĂ€tigkeit im besten Falle einen Stör- oder Modernisierungsfaktor, nie die Skizze ihrer Überwindung.“

Diese TĂ€tigkeit wird nicht ernstgenommen, weil sie nicht produziert. Sie sei rein zerstörerisch und negativ. Wie kann man davon trĂ€umen, dass sie eine neue Welt antreiben könnte? In Wirklichkeit ist der negative Charakter der kommunistischen TĂ€tigkeit von den unmittelbaren Möglichkeiten und dem kapitalistischen Kontext determiniert. Sie ist nur vom Standpunkt des Kapitals aus negativ, nicht von jenem aus, welcher es erschĂŒttert.

„Man sollte sich keine Illusionen bezĂŒglich des zerstörerischen Charakters der aus den RĂ€ndern des Kapitalismus hervorgehenden kommunistischen TĂ€tigkeit machen. Sie produziert schon Gebrauchswert. Die Sabotage zerstört Handelswert, indem sie den Gebrauch einer Ware angreift, doch sie produziert einen Gebrauchswert fĂŒr den Arbeiter, denn sie erlaubt ihm, freie Zeit zu gewinnen, Druck auf den Chef auszuĂŒben.“ [29] Dieser zerstörerische Charakter verpufft sogar, wenn der Arbeiter auf dem RĂŒcken des Unternehmens fĂŒr eigene Zwecke produziert.

Indem wir aus der revolutionĂ€ren proletarischen TĂ€tigkeit den Angelpunkt unserer Doktrin machen, können wir die Gleichheit und die DiskontinuitĂ€t zwischen der Revolte gegen das Kapital und der kommenden Welt erfassen. Wir sehen die widersprĂŒchliche Einheit zwischen der Arbeit und der kommunistischen TĂ€tigkeit. Wir können bekrĂ€ftigen, dass der Kommunismus allen voran weniger eine Modifikation der gesellschaftlichen Formen als eine radikale Transformation der menschlichen TĂ€tigkeit ist. Das erlaubt es uns, die traditionellen Konzeptionen der KosteneinschĂ€tzung in der kommunistischen Welt zu revidieren.

In seinen Jugendschriften konzipiert Marx den Kommunismus nicht nur als Bewegung, sondern auch als TĂ€tigkeit. Je mehr er seine Konzeption der historischen Entwicklung ausarbeitet, wird dieser Standpunkt als einheitlicher Standpunkt leider ĂŒberdeckt. Marx wird zum kommunistischen Theoretiker des Kapitalismus. Im doppelten Sinne des Ausdrucks. Einerseits analysiert er den Kapitalismus vom Standpunkt seiner Negation aus. Andererseits ist er ein Gefangener des Kapitalismus.

NatĂŒrlich berĂŒcksichtigt Marx die menschliche TĂ€tigkeit als revolutionĂ€re und produktive TĂ€tigkeit; aber getrennt voneinander. BezĂŒglich der Revolution von 1848 zeigt er, dass sich die proletarische TĂ€tigkeit von der Situation der Klasse nĂ€hrt und eine eigene Logik entwickelt. In seinen ökonomischen Werken macht er aus der Arbeit die Grundlage und den Massstab des Werts. Doch da er die produktive TĂ€tigkeit vom Produkt ableitet, fĂ€llt er in die Gleichsetzung der produktiven menschlichen TĂ€tigkeit und der Arbeit zurĂŒck. Er sieht in der TĂ€tigkeit des revolutionĂ€ren Proletariats nicht etwas, das jenseits der Arbeit ist.

Wenn alles nur unmittelbare TĂ€tigkeit des Proletariats ist, weshalb sollte man sich dann noch mit Theorie und Organisation befassen? Weshalb sollte man dann versuchen, ein Programm neu zu formulieren?

Alles ist nicht in der unmittelbaren TĂ€tigkeit des Proletariats, obwohl alles damit in Verbindung gebracht, im VerhĂ€ltnis zu ihr und als ihr Nachhall gesehen werden sollte. Die unmittelbare TĂ€tigkeit ist nur in der FĂ€higkeit zu ihrer Überwindung kommunistisch.

Das kommunistische Programm ist eine Notwendigkeit, obwohl es im Moment von der Gesamtheit des Proletariats getrennt ist. Es steht nicht ausserhalb seiner Bewegung, es ist eine Antizipation, ein Leitfaden. Seine Wahrheit liegt in der FÀhigkeit zu seiner Auflösung, d.h. der Verwirklichung durch die Klasse. Es ist nur das Programm der proletarischen TÀtigkeit.

Les Amis de 4 Millions de Jeunes Travailleurs, 1975-1976

Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung.net

Quelle

English

Español

PortuguĂȘs






Quelle: Emrawi.org