November 25, 2020
Von Anarchistische Bibliothek
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Komisch. Da fĂ€llt mir mal wieder eine alte anarchistische Zeitschrift in die HĂ€nde, welche ich vor einiger Zeit mal in einem Archiv kopiert habe. Sie ist vom 30. September 1932. Klandestin in Deutschland herausgegeben, trĂ€gt sie den vielversprechenden Titel Die Bombe. Und der erste Artikel der Nummer 1 beschĂ€ftigt sich dann auch mit dem kĂŒrzlich verhĂ€ngten Ausnahmezustand der prĂ€-hitler’schen (ob sie noch prĂ€-faschistisch genannt werden kann, ist eher fragwĂŒrdig) Papen-Regierung. Und beim Lesen der Zeitung, die ganz humorvoll geschrieben ist, wĂ€hrend die DruckqualitĂ€t eher schlecht ist – erzwang die Zensur durch den neuverhĂ€ngten Ausnahmezustand doch, dass die Zeitung nur in Schreibmaschinenschrift auf pappigem Papier gedruckt werden konnte
 nun, beim Lesen dieser anonymen Anarchistischen Propagandaschrift von 1932 fĂŒhle ich mich, zwischen belustigt und schockiert, ziemlich stark an den heutigen Ausnahmezustand erinnert.

Der erste Artikel etwa, mit dem Titel „Ich verbiete

.!“, beginnt folgendermassen:

„“Mit dem Belagerungszustand kann jeder Esel regieren.“ Wenn dieses Bismarcksche Wort wahr sein sollte, dann regieren z. Zt. in Deutschland lauter Esel.“

Jaja. Der Artikel behandelt dann eben die Situation der prĂ€-Hitler-Ära, die ja bald enden, bzw. allzu geschmeidig in den Nationalsozialismus ĂŒbergehen sollte.. Auf der zweiten Seite dann ist das wunderschön-ironische Volkslied Die liebe Polizei, welches in den besseren Arbeiter-Turnvereinen spĂ€testens ab den Sozialistengesetzen immer gern gesungen wurde, abgedruckt. Auch dieses wirkt heute sehr befremdlich aktuell. Und zutreffender als es sich der anonyme Dichter wohl jemals ausgemalt hĂ€tte. Es geht wie folgt:

1.) Wo zweie stehn und flĂŒstern

Da sieht die Polizei

Den Himmel sich umdĂŒstern

Und riecht Rebellerei

FĂ€ngt an zu arretieren,

DennÂŽs könnt zu Aufruhr fĂŒhren

Und darauf hat sie ja zu sehn:

Die Welt soll sich auch morgen drehn:

Es lebe hoch die Polizei:

Die liebe Polizei.

2.) FĂ€ngt einer an zu niesen,

Spitzt sie die Ohren schnell

Und wittert hinter diesem

Den schÀndlichsten Rebell;

Niest er zum zweiten Male,

So sind es Kampfsignale; –

Die Polizei packt ihren Mann,

Bevor er weiter niesen kann.

Es lebe hoch die Polizei:

Die liebe Polizei.

3.) Vor jeder roten Nase

Da bleibt sie sinnend stehn,

Es könnte in der Strasse

Ein Attentat geschehn;

Und weiter dient dergleichen

Oft als Erkennunsgzeichen; –

Drum mit der Nase in Arrest,

Dann stehâ€șn des Staates Pfeiler fest.

Es lebe hoch die Polizei:

Die liebe Polizei.

4. Drum lasst, ihr guten Christen

Euch nie von dem Geschrei

Der WĂŒhler ĂŒberlisten,

Und ehrt die Polizei;

Und tritt sie euch von hinten,

So lasst gefasst euch finden

Und denkt: „Ei nun, auch das ist gut

ÂŽs ist doch ein schönes Institut!“

Es lebe hoch die Polizei:

Die liebe Polizei.

So das schöne, leider allzu unbekannte Lied, welches heute – wortwörtlich – aktueller denn je ist, wenn man etwa die Sache mit dem Niesen beachtet. Es wurde traditionellerweise ĂŒbrigens, als eine Art Parodie, zur Melodie des vaterlĂ€ndischen Liedes «Ich kenn einen hellen Edelstein» gesungen. Aber auch andere Vertonungen lassen sich finden.

Auch der nĂ€chste Text hat leider wieder einiges an AktualitĂ€t gewonnen. Dabei geht es um das liebe Denunzieren, welches das deutsche Volk ja nach 1932 bis zum geht nicht mehr betrieben hat, auch wenn diese Neigung ja schon vorher enorm ausgeprĂ€gt war – man denke z.B. an die sogenannte Hexenverfolgung.

Im Artikel handelt es sich vor allem um die Denunziation von illegalen Druckschriften. Auch wenn heute auch die Pressezensur ein Wiederaufleben erlebt, und bestimmt die im Internet (man denke daran, was Google, Facebook und Co. gerade abziehen, im Kampf gegen angebliche und reale Verschwörungstheorien). Aber eine akutere Gefahr wird der Denunziant gerade mehr durch das Verpfeifen von so kriminellen Dingen wie sich zuhause mit Freunden zu treffen, draussen im Kreis zu sitzen, rumzugammeln, verweilen und BĂŒcher lesen etc. Auch hier ein paar LesefrĂŒchte:

« besonders jene edle Institution, die unter dem Namen Polizei unrĂŒhmlich bekannt ist, kam ohne Denunzianten und Spitzel niemals aus. Das hatte seinen triftigen Grund; denn die Polizei bestand fast durchweg aus Elementen, die geistig auf sehr niedriger Stufe standen; auch brachte es der Beruf mit sich, dass nicht gerade die moralisch wertvollsten Individuen ihn ergriffen. Geistiger Tiefstand und moralische Minderwertigkeit also waren der NĂ€hrboden fĂŒr das schmutzige DenunziantengeschĂ€ft.»

Auch wird behauptet, dass niemand ohne Belohnung Denunziant werden wollen wĂŒrde. «Dieser Anreiz ist notwendig, denn ohne ihn wĂŒrden sich keine Denunzianten melden und ohne diese wĂŒrde die Polizei nie ihren Zweck erreichen.» Von 500 Mark ist die Rede. Leider hat sich das in der Geschichte und auch heute wieder als allzu optimistisch herausgestellt. Vielmehr fĂŒhrte und fĂŒhrt das Ressentiment, alle gleich unterdrĂŒckt sehen zu wollen wie man selbst es ist, dazu, aus purer Lust zu denunzieren
 ist es nicht so?

Trotzdem ist es so und bleibt es immer so, vielleicht noch vielmehr wenn das ganze unentgeltlich geschieht:

«Der grösste Lump im ganzen Land,

Das ist und bleibt der Denunziant.»

Wie auch Die Bombe bekrĂ€ftigt. Weiters schreibt die Bombe ĂŒber das Leben unter der Papenregierung, welche etliche faschistische, wenn auch noch demokratische, Massnahmen durchsetzte. So wurden Bettler verhaftet, alle Subversiven eingesperrt und Nazis freigesprochen. Auch die wirtschaftliche Krise wird behandelt, die Armut, Hunger, etc. Dabei könnte wohl bald solches auf uns zukommen. Und es muss angemerkt werden: die Rezession, welche fĂŒr 2020 von den Ökonomen prophezeit wurde, sie kommt jetzt. Und: sie kommt nicht «wegen corona». Vielmehr kommt sie ohnehin, und wenn in Zukunft das GeschwĂ€tz der Politik so gehen wird, als wĂŒrden wir jetzt «alle den GĂŒrtel enger schnallen mĂŒssen» und «wir sitzen alle im selben Boot», weil die Krise ja eine Art Naturereignis war, «wegen corona» eben, so ist das Quatsch. Es kommt ihnen aber gelegen. Auch, dass sie jetzt die Wirtschaft mit Geld vollpumpen können, ohne dass irgendwer das hinterfragt.

Aber zurĂŒck ins Jahr 1932. NatĂŒrlich ist 2020 nicht 1932. Aber auch heute stehen wir vor einem Abgrund. Einer Herrschaft durch den Ausnahmezustand, wie sie sich seit 2001 schon aufbaut, jetzt aber langsam endgĂŒltig normalisiert wird. Die Frage ist, ob wir im Pessimismus versinken sollen, angesichts der Tatsachen
? Und da muss man sagen, ob 2020 nicht 1932 ist, also die Einleitung zu Weltfaschismus und Weltkrieg, das liegt auch an uns allen
 Das liegt daran, ob wir das mit uns machen lassen. Ob wir, die Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen und Rebellen schon so am Ende sind, dass man alles mit uns machen kann.

Wir wissen es nicht.

Wenn Die Bombe schrieb: «Ein Regierungsgewaltiger unterdrĂŒckt eine zeitlang und glaubt damit die Stimme der Kritik, der Empörung, die Stimme des freien Geistes vernichten zu können. Ein jĂ€mmerlicher, bemitleidenswerter Narr, der sich das einbildet. Die Stimme der Empörung ist nicht zu unterdrĂŒcken, und sie wird lauter und lauter erschallen, trotz Verbot und Gewalt, bis sie eines Tages der Orkan entfacht, der alle Verbote und UnterdrĂŒckungsmassregeln wie Spreu hinwegfegt und mit ihnen diejenigen, die sie erliessen. Der freie Geist lebt, und er spottet der ReaktionĂ€re von heute, wie er der ReaktionĂ€re aller Zeiten gespottet hat: «Ich war, ich bin, ich werde sein!»»

Nun, wenn Die Bombe so schrieb, und sich die darauf folgende Zeit anschaut, dann wird einem mulmig zumute. Der Vorschlag der Bombe, der in der zweiten Ausgabe formuliert wurde, wurde leider nicht allzu hĂ€ufig umgesetzt. Sie Bewirbt dort «Wanzol», ein «Vollkommen sicheres Mittel zur Vertilgung von Wanzen.» Dabei sind ganz besondere Wanzen gemeint. Jene, welche „wohlgenĂ€hrt und gut gekleidet“ sind, „und in Villen und PalĂ€sten [wohnen]. Es sind die Leute, die im Besitz des Grund und Bodens, der Fabriken und sonstigen ReichtĂŒmer sind, es sind diejenigen, die uns ausbeuten und beherrschen.“ Zur Vernichtung dieser «Blutsauger» und «Parasiten» empfahl Die Bombe «Wanzol». Es wurde dabei kaum verhĂŒllt, dass damit wohl eben das gemeint ist, was der Titel der Zeitung war. «Und wenn die Geplagten auch nicht an die Unfehlbarkeit des Mittels glauben – warum versuchen sie es nicht wenigstens? Versuch macht klug. Aber der Versuch muss gemacht werden. Und wenn Wanzol nicht helfen sollte, dann nehmt Feuer, das heilige Feuer, das Prometheus, wie die Sage berichtet, einst den Göttern raubte, um der leidenden und frierenden Menschheit die grösste Wohltat zu erweisen. Im Feuer stirbt jegliches Ungeziefer.»

Dabei empfiehlt Die Bombe vor allem, diese Kur beim damaligen Aussenminister Konstantin von Neurath anzuwenden. Aber eben: leider wurde «Wanzol» und auch das liebe Feuer viel zu wenig angewandt, und so konnte die Geschichte ihren Lauf nehmen. Und Neurath seine Rolle auch in der SS weiterfĂŒhren.

Nur ein Subversiver, der dazu Extra aus Holland einreiste, fand noch die Kraft, welche in Deutschland niemand fand, und zĂŒndete den Reichstag an. Marinus van der Lubbe. Aber: anstatt dass diese Kur noch weitere Verbreitung fand, wurde er verleumdnet und diffamiert, wĂ€hrend die Massen in den Nationalsozialismus marschierten, oder zumindest passiv und paralysiert dastanden.

Aber ja, diese kleine Geschichte, was hat sie mit 2020 zu tun?

Das mag jeder selber entscheiden.

Und jeder mag sich fragen, bei welcher Wanze heute wohl am ehesten eine Behandlung mit «Wanzol» nötig wÀre. Sind es vielleicht gewisse MinisterprÀsidenten und Àhnliches Gesindel? Oder was wÀre mit Herr Wieler, dem PrÀsidenten des RKI? Oder was mit Bill Gates, dem wichtigsten Privatfinancier hinter der WHO? Es gehen wohl so manchem noch viele Leute durch den Kopf.

Ich will hier bestimmt niemandem zu einem Verbrechen aufrufen, schliesslich handelt es sich hier ja nicht um eine klandestine Zeitung. Aber nachdenklich sollten diese Zeiten stimmen. Auch darĂŒber, welche Mittel denn angebracht sind. Die Ära, die sich jetzt eröffnet, wird sie jene des absoluten Gehorsams werden, oder lebt die Flamme noch, welche sie in eine der Revolten und AufstĂ€nde verwandeln könnte? The future is unwritten.

Jenseits von Hoffnung und ihrem KehrstĂŒck: Pessimismus; lohnt es sich zumindest, ĂŒber die Sache mit «Wanzol» mal nachdenken. «Und wenn dies nicht hilft: Feuer!», schlussfolgert auch Die Bombe


Eine wĂŒhlende Leseratte




Quelle: Anarchistischebibliothek.org