Mai 29, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 3 Minuten

Zugegeben, ich habe schon ausgiebig zu Adamczak gearbeitet. Und teile ihre Positionen zu Zero-Covid und die ganze dahinterstehende pseudo-avantgardistische Symbolpolitik durchaus nicht. Oder nicht mehr? Aber im Lesekreis wollten sie es. Herausgekommen ist noch eine Besprechung, die sich vor allem auf die Abschnitte bezieht, welche wir uns angeschaut haben.

Adamczaks Buch ist in aller Munde und so ĂŒberrascht es nicht, dass die Wahl im Lese- und Diskussionskreis darauf fiel. Wie zuvor lesen wir aber nicht das ganze Buch, sondern in zwei oder drei Treffen AuszĂŒge daraus.

Die queer-kommunistische Denkerin versucht darin die Russische Revolution 1917 gegen die globalen UmbrĂŒche um 1968 quer zu lesen, um die Frage aufzuwerfen, wie der Revolutionsbegriff aktualisiert und zeitgemĂ€ĂŸ bestimmt werden kann. WĂ€re es 1917 weitestgehend um die „Gleichheit“ gegangen, so hĂ€tte 1968 die „Freiheit“ im Vordergrund gestanden. Dementsprechend gĂ€lte es heute die „SolidaritĂ€t“ ins Zentrum des Revolutionsbegriffs zu stellen; SolidaritĂ€t nicht als etwas, was einfach vorausgesetzt oder spontan in revolutionĂ€ren Auseinandersetzungen gefunden werden könne, sondern als ethischer Wert, der sich in konkreten Beziehungsweisen manifestiere. Statt der gesellschaftlichen TotalitĂ€r der „Produktionsweise“ und der subjektivistischen IndividualitĂ€t der „Existenzweisen“, stellten „Beziehungsweisen“ wiederum einen Zwischenraum dar, welcher Makro- und Mikroebene verbinde und mit dem danach gesucht werden könne, Gesellschaft nicht besser zu erklĂ€ren, sondern sie direkter zu verĂ€ndern.

Wertvoll an Adamczaks Buch ist zweifellos ihre informierte und dennoch vermittelnde Herangehensweise, mit welcher sie verschiedene emanzipatorische Strömungen ins GesprĂ€ch zu bringen versucht. So bedient sie sich bei der marxistischen, poststrukturalistischen, queerfeministischen und Kritischen Theorie, versucht RĂ€tekommunismus, sozialdemokratische Parteien, kommunistischer Avantgarde-Gruppierungen und Anarchist*innen anzusprechen. Es geht dabei um’s Gemeinsame und Ganze, was die Auseinandersetzung miteinander und die gemeinsame Diskussion um geteilte Ziele und gewĂ€hlte Mittel verlangt.

Dass Adamczak sich dabei selbst als avantgardistische Intellektuelle in „nicht-revolutionĂ€ren Zeiten“ versteht und inszeniert, welche die „Idee der Revolution“ aufhebt, ist dabei ihr großes Manko. Demnach ĂŒberrascht es auch nicht, dass das sie das Wasser, welches sie aus verschiedenen FlĂŒssen schöpft, auf die MĂŒhle des hippen, IdentitĂ€ts-bezogenen und symbol-politischen Reformkommunismus gießt. So scheut sie sich auch nicht, die anarchistische Strategie zum Aufbau parallel vorhandener „ProduktionsverhĂ€ltnisse und Verkehrsformen“ fĂ€lschlicherweise als einzig sinnige „marxistische“ Herangehensweise auszugeben. Noch davor, die Weigerung an autoritĂ€rer leninistischer Politik zu partizipieren, implizit als auf „MissverstĂ€ndnissen“ beruhend auszugeben.

Gleichwohl formuliert Adamczak sehr treffend eine vorhandene Paradoxie zwischen einem „revolutionĂ€rem Begehren“ und einem „Begehren nach Revolution“. Letzteres sei als die Fetischisierung des ersteren zu verstehen, gerade wenn bestimmte Anliegen realisiert werden konnten und sich demnach die Handlungsbedingungen verĂ€ndern, wie etwa in der Russischen Revolution. Daraus leitet die Autorin ein plausibles prozesshaftes und graduelles VerstĂ€ndnis von Revolution ab, welches mit den nach wie vor vorhandenen Rudimenten apokalyptischer und auf vermeintliche TotalitĂ€ten zielender Heilserwartungen bricht. Das heißt, Gleiches gilt fĂŒr die Utopie, wenn sie fetischisiert wird. Wenn die Revolution vorangeschritten ist, zeigt sich dabei allerdings, wie Adamczak darstellt, dass die utopischen SehnsĂŒchte von Sozial-RevolutionĂ€rerinnen und einfachen BĂ€uerinnen tatsĂ€chlich weit auseinander liegen. Umso mehr gilt es, sie als „synaptische Konstruktion“ zu begreifen und mit ihnen zu arbeiten.

Damit widmen wir uns in der LektĂŒre dem Ende des Buches und betrachten den Begriff der „Beziehungsweise“ nĂ€her. Plausibel ist dabei, dass befriedigende, solidarische Beziehungsweisen selbst als erstrebenswertes Ziel und Ergebnis des sozial-revolutionĂ€ren Kampfes dargestellt werden. DarĂŒber hinaus bilden sie zugleich aber auch dessen Ausgangspunkt, zumindest fĂŒr politische Bestrebungen, die emanzipatorische Anliegen verfolgen.

GrundsĂ€tzlich ist Adamczaks Herangehensweise, die ZwischenrĂ€ume aufzusuchen und von dem, was dazwischen ist, auszugehen, wie erwĂ€hnt als Ă€ußerst sympathisch anzusehen. Ein Miteinander zu suchen, eine gemeinsame Meta-ErzĂ€hlung zu spinnen, ist durchaus ein entscheidende Aufgabe der Zeit fĂŒr eine sogenannte „radikale Linke“. DarĂŒber hinaus beinhaltet „Beziehungsweise Revolution“ noch viele weitere DenkanstĂ¶ĂŸe, auch hinsichtlich des zweiten Hauptteils dem „Geschlecht der Revolution“. Doch dazu an anderer Stelle mehr.




Quelle: Paradox-a.de