Februar 26, 2022
Von Anarchistische Bibliothek
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W├Ąhrend ein Teil der Erde von Br├Ąnden heimgesucht wird und der andere Teil mit ├ťberschwemmungen zu k├Ąmpfen hat, bedroht uns ein weiterer Aspekt: Covid-19. Doch die immer noch gegenw├Ąrtige Corona-Pandemie ist dabei nur der Anfang einer neuen ├ära von Pandemien.

W├Ąhrend der Klimawandel und Forderungen nach Umweltschutz immer weiter zum “Mainstream” werden, nimmt die Dringlichkeit von Pandemien zu. Die aktuelle Situation hat den Menschen eine deutliche Lektion erteilt: T├Âdliche Krankheitserreger stellen eine ebenso gro├če und globale Bedrohung f├╝r Menschen und andere Lebewesen dar.

Schon vor etwas mehr als 15 Jahren hat der Soziologe Mike Davis vorhergesagt, dass wir aufgrund der Massentierhaltung ein globales Zeitalter der Pandemien beschreiten und es uns in die Katastrophe f├╝hren wird. Die industrielle Viehzucht fungiert wie eine Art Teilchenbeschleuniger. Mehr K├Ârper auf weniger Raum bedeuten mehr Chancen f├╝r die Entstehung von Mutationen oder Hybridviren und f├╝r ihre Verbreitung, egal bei welchem Virus. Die globalen Versorgungsketten riesiger transnationaler Unternehmen mit Niederlassungen in einem halben Dutzend L├Ąndern und M├Ąrkten in tausend St├Ądten sowie die Urbanisierung tun ihr ├ťbriges. Am Bedrohlichsten sind dabei die Vogelgrippeviren und wir wissen heute, dass wir wohl nur eine einzige Mutation davon entfernt sind, dass einer der t├Âdlichsten St├Ąmme der Vogelgrippe pandemisch wird. Diese Seuchen, die von der Agrarindustrie geschaffen und verbreitet werden, legen sich anschlie├čend mit besonderer Verheerung ├╝ber die Orte, die durch Kolonialismus und Kapitalismus in Armut versinken. Die Kombination aus mangelnder Gesundheitsversorgung und starker Urbanisierung f├╝hrt schlie├člich zu einer ernsten Notlage, in der Seuchen die volle H├Ąrte der Verw├╝stung anrichten.

Apropos Verw├╝stung: Die Auswirkungen des Klimawandels sind ebenfalls mit voller H├Ąrte ├╝berall um uns herum zu sp├╝ren. Die Liste der Verw├╝stung ist endlos. W├Ąlder werden abgeholzt, wobei h├Ąufigere und intensivere Hitzewellenzu einer Zunahme von Waldbr├Ąnden, D├╝rreperioden und W├╝stenbildung f├╝hren. B├Âden werden erodiert und Ackerland in W├╝sten verwandelt. D├╝ngemittel, Herbizide, Fungizide und Pestizide verunreinigen die Lebensmittelversorgung. M├╝lldeponien quellen ├╝ber mit synthetischen Abf├Ąllen. Kernkraftwerke f├╝llen Luft, Land und Meer mit krebserregenden Partikeln. Ein chemischer Smog f├╝llt die Stra├čen der St├Ądte und vergiftet Menschen und andere Lebewesen auf Schritt und Tritt. Plastikm├╝ll zerf├Ąllt in Billionen von mikroskopisch kleinen Teilchen, die jeden lebenden Organismus infizieren. Chemikalien werden in Meere, Seen und Fl├╝sse gekippt. Giftstoffe sickern ins Grundwasser. Der Anstieg und die Erw├Ąrmung der Meere f├╝hren zu st├Ąrkeren Regenf├Ąllen, schwereren ├ťberschwemmungen, h├Ąufigeren Megast├╝rmen und der ├ťberflutung von K├╝stengebieten.

Zus├Ątzlich zur Erw├Ąrmung erleben die Ozeane eine Versauerung und einen Sauerstoffverlust. Ein t├Âdliches Trio, welches dazu f├╝hrt, dass wir auf ein sechstes Massenaussterben des Lebens auf unserem Planeten zusteuern, bei dem das Artensterben 1000-mal so schnell voranschreitet wie normal. Wie die Ozeanografin Sylvia Earle festh├Ąlt: “Unser Leben h├Ąngt vom lebendigen Ozean ab. Nicht nur von den Felsen und dem Wasser, sondern von stabilen, widerstandsf├Ąhigen, vielf├Ąltigen lebenden Systemen, die die Welt auf einem f├╝r die Menschheit g├╝nstigen, stetigen Kurs halten.” Der Ozean bedeckt etwa 70% der Erde und ist zentral f├╝r die Erm├Âglichung von Leben. Meerespflanzen erzeugen die H├Ąlfte des atembaren Sauerstoffs der Welt. Wenn der Ozean stirbt, sterben auch wir.

Die Agrarindustrie zerst├Ârt nicht nur Gemeinschaften, sondern breitet sich auch

in die Wildnis aus, zerst├Ârt die Vielfalt und das Gleichgewicht der nat├╝rlichen ├ľkologie und ersetzt sie durch riesige Monokulturen. Die H├Ąlfte der bewohnbaren Fl├Ąche der Erde wird heute landwirtschaftlich genutzt, und jedes Jahr kommen Millionen von Hektar hinzu. Ein Gro├čteil dieser Anbaufl├Ąchen dient der Futtermittelproduktion f├╝r Hunderte von Millionen Schweinen, Rindern, Schafen und Gefl├╝gel, die f├╝r die globalen Versorgungsketten gem├Ąstet werden, die die Welt umspannen.

Zus├Ątzlich dazu kommen noch weitere soziale, ├Âkonomische und politische Versch├Ąrfungen, wie etwa Hungersn├Âte und Wasserknappheit, Krankheiten und Tod durch Hitze, Seuchen und Zerst├Ârung wichtiger Lebensr├Ąume und Kriege um schwindende Ressourcen und nutzbare Territorien. Der Klimawandel zerst├Ârt Lebensgrundlagen, verst├Ąrkt Krankheiten und vertreibt Menschen. Zusammen mit der ├ära der Pandemien ergibt sich eine globale Kaskade des Leids.

Wo immer wir ├Âkologische Zerst├Ârung finden, finden wir die Industrie. Die Industrie ist nicht neutral und es k├Ânnte keine angemessene L├Âsung f├╝r die Umweltzerst├Ârung geben, solange die Industrie weiter existiert. Um das Leid zu beenden, bedarf es einen vollst├Ąndigen Untergang der Industrie. Oder wie es in Revolte, einer anarchistische Zeitung aus Wien, 2019 in Ausgabe 43 treffend ausgedr├╝ckt wurde:

Nachhaltige, gr├╝ne Industrie?!

W├Ąhrend die Zerst├Ârung der Lebensr├Ąume immer weiter voranschreitet, will uns die Industrie, welche f├╝r all das Leid verantwortlich ist, die L├Âsung verkaufen: Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien.

An diesem Punkt ├Âkologischer, sozialer und k├Ârperlicher Katastrophen m├╝ssen wir gr├╝ne L├Âsungen wie die f├Ąlschlicherweise so genannte Revolution der Erneuerbaren Energien kritisch hinterfragen und als das identifizieren, was es tats├Ąchlich ist: eine Aufrechterhaltung des Status Quo. Die angeblich gr├╝nen Energien halten die ├Âkologische Verw├╝stung und die globalen Wohlstandsgef├Ąlle weiter aufrecht.

Die Zerst├Ârung von Lebensr├Ąumen von Menschen und Nicht-Menschen ist in den Massenproduktionsinfrastrukturen “erneuerbarer Energien” impliziert, egal ob Solar, Wind, Biokraftstoffe, Wasserstoff, Atomkraft und andere angebliche erneuerbare Energien. Eine zerst├Ârerische Norm wird dabei durch eine andere ersetzt. Diese Energien haben, wie die fossilen Brennstoffe, ihre Wurzeln in der kolonialistischen Rohstoffindustrie. Wieder einmal ist die “L├Âsung” genau das Problem.

F├╝r Batterie-Technologien k├Ânnen wir nach Bolivien (Lithium) und Kongo (Kobalt) schauen. Bei beiden Rohstoffen sind die ├Âkologischen und humanit├Ąren Kosten unverzeihlich: die Zerst├Ârung von Lebensr├Ąumen, Kindersklaverei und Todesf├Ąlle durch eine gef├Ąhrliche Arbeit. Nat├╝rlich wird der Elektroschrott hinterher ├╝berall in S├╝damerika, Afrika und Asien verstreut. Lithium wird heute als “wei├čes Gold” bezeichnet und die Gewinnung verbraucht riesige Mengen an Wasser, was die Verf├╝gbarkeit f├╝r Indigene Gemeinschaften und Wildtiere drastisch einschr├Ąnkt. Zus├Ątzlich dazu werden giftige Abf├Ąlle produziert und chemische Lecks haben immer wieder Fl├╝sse und damit Menschen und Nicht-Menschen vergiftet.

Gro├čstaud├Ąmme f├╝r Wasserkraft-Technologien haben in der Vergangenheit ebenfalls katastrophale Auswirkungen auf Indigene V├Âlker und ihr Land gehabt.

Industrielle Windparks, deren Blender am Himmel Zugv├Âgel zerhacken, verbrauchen kolossale Ressourcen f├╝r die Produktion und Umsetzung (sowohl die Windturbinen als auch die Infrastruktur) und zerst├Âren wandernde Wildtiere, wie Flederm├Ąuse und V├Âgel, die f├╝r gesunde ├ľkosysteme wichtig sind und von denen einige zu den gef├Ąhrdeten Arten geh├Âren.

F├╝r Solarenergie werden riesige Solarindustriekomplexe errichtet, die das Land kahl schlagen und menschliche Populationen und Migrationsrouten von Tieren und Menschen f├╝r die riesigen Solarfelder, Umspannwerke und Zufahrtsstra├čen verdr├Ąngen, die alle unglaublich kohlenstoffintensiven Beton ben├Âtigen. F├╝r Wind- und Solarenergie sowie f├╝r die Produktion von Biokraftstoffen wird 100-1000 Mal mehr Landfl├Ąche ben├Âtigt als f├╝r die Produktion fossiler Brennstoffe.

Schei├č auch auf die chinesischen Versorgungsb├Ąuer*innen, die jeden Tag krebserregenden Industriem├╝ll aus den Solarpanel-Fabriken auf ihr Land gekippt bekommen. Die denken offensichtlich nicht ├Âkologisch genug. Und vergiss die Ghanaer*innen, die sich dar├╝ber beschweren, dass sich in ihren Hinterh├Âfen Berge von abgenutzten Solarmodulen zusammen mit dem Rest der veralteten Technik des Westens auft├╝rmen. Sie behindern doch nur den ├Âkologischen Fortschritt.

Ob ├ľlbohrungen, Kohlekraftwerke oder megalithische “gr├╝ne” Projekte ÔÇö sie alle wurzeln in einer beispiellosen Zerst├Ârung von Lebensr├Ąumen f├╝r Menschen und andere Lebewesen. Es kann daher nicht das Ziel sein, eine zerst├Ârerische Technologie durch eine andere zu ersetzen. Das Ziel sollte eine massive und radikale Reduzierung des Energieverbrauchs sein.

Anarchist*innen, die nur daf├╝r k├Ąmpfen die Industrie vom Kapitalismus zu befreien, m├╝ssen sich endlich der brutalen Realit├Ąt stellen. Nieder mit der Industrie, nieder mit der Arbeit. Um es mit den Worten des Indigenen Anarchisten ziq zu sagen: Beschlagnahmt die Mittel der Zerst├Ârung! Und brennt sie verdammt noch mal nieder…

Was als n├Ąchstes passiert, h├Ąngt davon ab, was wir tun. Die Notwendigkeit, aktiv zu werden, war noch nie so dringlich wie heute.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org