März 22, 2022
Von InfoRiot
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Elon Musk locker den Arm um die Schulter zu legen, davon träumen Fans des Tesla-Chefs weltweit. Martin Wrobel, Tesla-Fahrer seit acht Jahren, darf das. Allerdings ist der mannshohe Elon neben ihm aus Pappe. Wrobel hat die zweidimensionale Figur bei Ebay bestellt. 49,90 kostet das Idol zum Zusammenklappen. „Bravo“-Leser dürften sich an einen „Starschnitt“ aus den 1980er-Jahren erinnert fühlen. Idole in Lebensgröße.

Um die US-Firma und besonders um ihren Gründer Elon Musk hat sich ein Kult ganz besonderer Art entwickelt. Ob BASF oder Opel, man kann sich kaum vorstellen, dass in Schwarzheide oder Rüsselsheim Leute mit lebensgroßen Porträts der Vorstandsvorsitzenden auflaufen.

Musk-Fans: Klimaschutz steht nicht im Vordergrund

So sehr das Projekt Menschen begeistert, so sehr polarisiert es auch in die andere Richtung. Die Kritiker haben sich nicht von der Genehmigung für die Fabrik entmutigen lassen – sie nutzen den Moment, in dem die Bundesregierung Prominenz auffährt – Bundeskanzler und Vize sind anwesend. Am Zaun zur Gigafactory zeigt sich an diesem eigentlich historischen Dienstagvormittag: Zwischen Vergötterung und Verteuflung passen wenige Nuancen.

Am Vormittag beherrschen zunächst die Bewunderer die Szenerie. Thomas Wrobel, der Mann mit dem Papp-Musk, schwärmt von einem „ganz, ganz großen Tag für die E-Mobilität“ und preist Musks „Mut und seine Vision“. Wie so viele der meist männlichen Musk-Follower steht für den Hamburger, der schon seinen zweiten Tesla fährt, nicht der Klimaschutzaspekt des Elektroantriebs im Vordergrund. „Ich komme nicht aus der Verzichts-, sondern aus der Spaßfraktion“, so Wrobel. Mit einem Tesla könne man beim Kickstart an der Ampel Ferraris und Lamborghinis „versägen“. Bevor er zum Elektroauto konvertierte, fuhr Wrobel einen Audi mit zehn Zylindern und 580 PS.

. „Ich kenne Elon aus seinen Interviews, und er ist ein sehr interessanter Mensch“, sagt sie. „Sein Verstand ist so anders.“ Musk versuche „Orte zu erreichen, die Menschen normalerweise nicht erreichen.“ Grünheide meint sie damit wohl nicht. Vielmehr möchte sie den US-Unternehmer fragen, ob er eine Mission zum Neptun plant.

Umweltaktivisten kleben sich vor dem Werk fest

Während die Fans jede Fahrzeugkolonne, jeden Blaulichtkonvoi nach bekannten Gesichtern hinter abgedunkelten Scheiben scannen, blockiert plötzlich eine Gruppe von Umweltaktivisten das Südtor der Fabrik. Die meist jungen Leute in Fleecepullovern, Schals und bedruckten T-Shirts haben sich einfach auf dem Asphalt niedergelassen und entrollen Transparente. Einige von ihnen haben sich mit Sekundenkleber auf die Fahrbahn geheftet, eine junge Frau hat ein „Festgeklebt“ Schild um den Hals hängen. Seit Wochen provozieren Aktivisten in ganz Deutschland Staus vor Flughäfen, Häfen, im Berliner Berufsverkehr. Sie wollen damit auf Klima- und Umweltbelange hinweisen, bisweilen auch auf Essensverschwendung.

Ein Polizist läuft durch die Reihen der Demonstranten, sammelt eine Tube Sekundenkleber ein. Ob es einen Versammlungsleiter gebe, will der Beamte wissen. Niemand meldet sich, die Kundgebung ist unangemeldet. Eine Hängepartie beginnt. Soll die Zufahrt geräumt werden? Immerhin wartet auf einem nahen Parkplatz ein halbes Dutzend Lastwagen auf die ersten ausgelieferte Teslas aus Grünheide, Germany.

Am Tesla-Zaun prallen jetzt die Welten aufeinander. Die Demonstranten singen „Power to the People“, während ein älterer Mann mit sächsischem Akzent sich in Rage redet. Er hat ein Willkommensschild für Tesla unterm Arm. „Statt sich auf die Straße zu kleben, sollten sie sich auf die Schulbank setzen und etwas Vernünftiges lernen“, schimpft der Tesla-Fan.

Gigafactory eröffnet am Tag des Wassers

Wenn sich die Demonstranten so große Sorgen ums Wasser machten, sollten sie sich doch von Elon Musk einen Flug nach Äthiopien bezahlen lassen und dort Brunnen bohren, schlägt er vor. Die Stimmung ist gereizt, ein älterer Demo-Teilnehmer ruft: „Was erlauben Sie sich, über meinen Bildungsstand zu urteilen?!“ Viele der Protestierenden kämen aus Ingenieursberufen.

Während in der Fabrikhalle Elon Musk Elektroautos als Teil einer emissionsfreien Mobilität preist, sind die Demonstrierenden anderer Meinung. „Natürlich ist ein E-Auto erstmal umweltfreundlicher als ein Verbrennermotor“, sagt Miriam aus Schleswig-Holstein. Die 29-Jährige hat sich auf die Straße geklebt. „Aber das ändert nichts daran, dass wir vom Individualverkehr wegmüssen.“ Man könne nicht einfach die existierenden Autos „durch noch größere E-Autos ersetzen.“

Eine Polizistin löst Miriams Hand, die sich mit Sekundenkleber vor das Teslawerk geklebt hat.
Quelle: Lena Köpsell

Ein zweiter Demonstrationszug erreicht den Parkplatz vor dem Tesla-Komplex. „Wir sind hier, wir sind laut, weil Tesla uns das Wasser klaut“, skandieren die Teilnehmer. Ausgerechnet am Tag des Wassers eröffnet Elon Musk seine Giga-Factory in Grünheide. Die Demonstrierenden haben nicht vergessen, mit welcher Geste Elon Musk beim Baustellenbesuch ihre Bedenken hinsichtlich des Wasserhaushalts in dem Gebiet abtat. Brandenburg sehe nicht aus wie die Wüste, scherzte der gebürtige Südafrikaner im August 2021. Immerhin weist jetzt ein amtliche Verkehrszeichen an der Firmenzufahrt auf das ganz besondere Tesla-Problem hin: das Schild „Wasserschutzgebiet“ mit dem stilisierten Tanklastwagen drauf.

Fernfahrer warten auf die neuen Teslas

Der Landesvorsitzender Ökologisch-demokratischen Partei (ÖDP), Thomas Löb, sieht trotz der Inbetriebnahme der Fabrik noch gute Chancen für den Protest. Ziel sei es unter anderem, die im Bau befindliche Batteriefabrik noch zu verhindern, sagt er. Jeder Privatmann, der einen Anbau plane, hätte bei Behörden schlechtere Karten als Elon Musk, der quasi eine Chemiefabrik ins Wasserschutzgebiet gesetzt habe.

Unterdessen haben sich andere Aktivisten an einer nahen Autobahnbrücke abgeseilt. Ein langer Stau bildet sich, er reicht bis zum Dreieck Spreeau. Vor der Fabrik beginnt die Polizei die Sitzblockade aufzulösen. Nach zwei Stunden werden die ersten Demonstrierenden weggetragen. Miriam wird von einer Polizistin durchsucht, eine andere bearbeitet mit Pinsel und Lösungsmittel ihre angeklebte Hand. Es dauert fast 15 Minuten, bis auch sie aus der Blockade weggetragen werden kann.

Die Demonstranten scheinen immerhin eins zu bewirken: Die rumänischen Fernfahrer, die am Nachmittag eigentlich fabrikneue Elektromodelle aufladen und an Kunden ausliefern sollten, müssen warten. Einer der Trucker sitzt vor seinem Autotransporter, hat sich eine Dose Bier aufgemacht. Er und seine Kollegen werden die Nacht in ihren Kojen in diesem zugigen Gewerbegebiet verbringen. Dass es sich um Batteriefahrzeuge handelt, so erzählt der Fahrer, bringe Beschränkungen mit sich: Weil das Tesla-Modell Y, das in Grünheide vom Band rollt, außerordentlich schwer ist und fast zwei Tonnen wiegt, dürften die Anhänger nicht vollgeladen werden.

Grünheides Bürgermeister ist noch nicht in Champuslaune

Immer mehr Fabrikarbeiter parken ihre Autos, ziehen sich Schutzkappenschuhe an. Es sind hauptsächlich Nummernschilder aus der Region, auch ein paar polnische sind darunter. Einen Tesla kann sich offenbar kaum einer der Arbeiter leisten. Einer, in ein Tesla-Shirt gekleidet, scherzt mit Kollegen, man hätte die Protestierenden mit einem Wasserwerfer von der Brücke holen sollen.

Dass es doch Grautöne in dieser Geschichte gibt, beweist der Bürgermeister von Grünheide, Arne Christiani (parteilos). Er kommt im offenen Hemd zur Party, stoppt kurz und sagt: Für ihn sei nicht dieser Tag entscheidend, sondern der Dezember 2026. Dann nämlich müssten Schulen, Kitas und Verkehrsanschlüsse mit der Aufgabe mitgewachsen sein. An diesem Dienstag, 22. März 2022, sei immerhin „ein großes Stück geschafft“.

Von Ulrich Wangemann und Lena Köpsell




Quelle: Inforiot.de