Oktober 26, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Das Erleiden jahrelanger Erniedrigungen und körperlicher Gewalt lĂ€sst manchen Frauen nur einen Ausweg, um dieser Situation zu entkommen: Den Mord aus Notwehr. WĂ€hrend Frauen in Mordstatistiken einerseits hĂ€ufiger Opfer von verharmlosend als „Beziehungstaten“ oder „Familiendramen“ bezeichneten Taten sind, morden sie selbst ĂŒberproportional oft, um ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder zu retten. Über diese FĂ€lle schreibt fĂŒr die Graswurzelrevolution Tinet Elmgren. (GWR-Red.)

Im Sommer 2021 machte der Fall ValĂ©rie Bacot Schlagzeilen. Die 40-JĂ€hrige hatte ihren 25 Jahre Ă€lteren Stiefvater und Ehemann Daniel Polette erschossen, der sie 25 Jahre lang sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt und unter Morddrohung zur Prostitution gezwungen hatte. Er begann sie zu vergewaltigen, als sie 12 Jahre alt war. Als Teenagerin zeigte sie ihn an, und Polette wurde tatsĂ€chlich zu einer kurzen GefĂ€ngnisstrafe verurteilt, aber kehrte danach zurĂŒck zu Bacots Familie, als ob nichts gewesen wĂ€re. Mit 17 wurde sie erstmals schwanger – heute hat sie von Polette vier Kinder, denn er kontrollierte jeden ihrer Schritte, und sie konnte sich keine VerhĂŒtungsmittel besorgen und die Schwangerschaften nicht abbrechen. Polette hatte Bacot seit ihrer Kindheit psychisch zermĂŒrbt, und vor ihm hatten bereits ihre Mutter und ihr Ă€lterer Bruder sie misshandelt und sexuell missbraucht. „Ich habe immer getan, was er mir gesagt hat“, erklĂ€rte Bacot vor Gericht. Als ihr jedoch klar wurde, dass Polette vorhatte, ihre 14-jĂ€hrige Tochter ebenfalls zur Prostitution zu zwingen, nahm sie am 13. MĂ€rz 2016 Polettes Pistole, mit der er sie oft bedroht hatte, und tötete ihn mit einem Schuss in den Nacken.
In ihrer Kleinstadt sollen alle von den ZustÀnden gewusst haben. Die zwei Àltesten Söhne waren vor Polettes Tod mehrmals zur Polizei gegangen, um ihn anzuzeigen, aber die Beamten hatten sie nicht ernstgenommen und weggeschickt.
FĂŒr ValĂ©rie Bacot stand zunĂ€chst eine lebenslĂ€ngliche GefĂ€ngnisstrafe in Aussicht. Der Fall erregte Aufsehen in der Öffentlichkeit, und eine Kampagne forderte ihre Freiheit – unter anderem unterschrieben ĂŒber 700.000 Personen eine Online-Petition fĂŒr ihre Freisprechung. Am Ende wurde sie zu fĂŒnf Jahren GefĂ€ngnis verurteilt, von denen vier Jahre auf BewĂ€hrung ausgesetzt wurden. Ein Jahr war sie bereits in Untersuchungshaft gewesen. Nach dem Urteil war sie also frei und konnte zu ihren Kindern zurĂŒckkehren.

Beziehungsgewalt

Unter den Opfern von Mörderinnen sind hĂ€ufig ihre eigenen Kinder oder andere pflegebedĂŒrftige Verwandte, oft in Zusammenhang mit einer Überforderungssituation. Es kommt auch vor, dass Frauen Raubmorde und Sexualmorde begehen – jedoch deutlich seltener als MĂ€nner. Die Kriminologinnen VĂ©ronique Jaquier und JoĂ«lle Vuille stellten in einer breiten Untersuchung von KriminaltĂ€terinnen fest, dass das Opfer in fast der HĂ€lfte aller von Frauen begangenen MordfĂ€lle der Partner oder Ex-Partner der TĂ€terin war – und fast immer hatte der Mann bereits Gewalt gegen die Frau angewandt. (1)
Das hĂ€ufigste Motiv der MĂ€nner, die ihre Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen töten, ist, die Frau daran zu hindern, ihn zu verlassen. Bei den meisten Frauen, die Beziehungsmorde begehen, ist das Motiv umgekehrt. Kriminalkommissar Stephan Harbort, Autor von Wenn Frauen morden (2008), beschreibt es folgendermaßen: „WĂ€hrend MĂ€nner grĂ¶ĂŸtenteils morden, um ihre Opfer zu beherrschen und zu vernichten, töten Frauen, um sich nicht weiter beherrschen zu lassen. MĂ€nner ĂŒben Dominanz aus, Frauen indes wollen sich oftmals aus mĂ€nnlicher Beherrschung befreien. Ihnen geht es vornehmlich um Selbstschutz, Selbstachtung und Selbsterhaltung. Insofern hat die weibliche TötungskriminalitĂ€t durchaus etwas Emanzipatorisches.“ (2)
ValĂ©rie Bacots AnwĂ€ltinnen Janine Bonaggiunta und Nathalie Tomasini verteidigten ebenfalls die 1947 geborene Jacqueline Sauvage, die ihren Mann erschossen hatte. Sie und die gemeinsamen Kinder hatten 47 Jahre lang Gewalt von ihm erlitten. Sauvage wurde 2016, nachdem sie zwei Jahre ihrer 10-jĂ€hrigen Haftstrafe abgesessen hatte, von PrĂ€sident François Hollande begnadigt, und der Fall regte eine breite Diskussion in der Öffentlichkeit ĂŒber GesetzesĂ€nderungen zum Schutz von Opfern von Beziehungsgewalt an.
Ein gemeinsamer Nenner in diesen FĂ€llen ist meist, dass die mordende Frau keine andere Möglichkeit mehr sieht, sich selbst oder ihre Kinder vor dem gewalttĂ€tigen Mann zu schĂŒtzen. Opfer von langjĂ€hriger hĂ€uslicher Gewalt werden in der Regel vom TĂ€ter bewusst isoliert und kontrolliert – ihr soziales Netzwerk, ihre Beziehungen zu Verwandten und Freund_innen werden untergraben und sabotiert; sie haben kein eigenes Geld, keinen Zugang zu Verkehrsmitteln, keinen eigenen Job unabhĂ€ngig vom TĂ€ter usw.

„Töten in Selbstverteidigung“

Der Dokumentarfilm One Minute to Nine schildert die letzten fĂŒnf Tage, bevor Wendy Maldonado und ihr 16-jĂ€hriger Sohn Randall in Oregon, USA, 2006 wegen des Mordes an ihrem Ehemann bzw. Vater Aaron Maldonado zu zehn bzw. sechs Jahren Haft verurteilt wurden, nachdem sie fast zwanzig Jahre seiner sadistischen Gewalt ausgeliefert gewesen waren. Die Familie lebte in einem abgelegenen Haus, das sie nicht ohne den Vater verlassen durften – die vier Söhne bekamen zu Hause Unterricht von der Mutter. Die Mutter und Kinder versuchten einander zu beschĂŒtzen, indem sie Aarons Gewalt auf sich selbst lenkten. Wendy war mehrmals dem Tod nahe, und Aaron schlug ihr 17 ZĂ€hne aus. Seine Gewalt und detaillierten Morddrohungen eskalierten immer mehr, und Wendy und Randall sahen keinen anderen Ausweg, als ihn zu töten. Als Aaron am frĂŒhen Morgen des 1. Mai 2005 schlief, schlugen sie ihn mit einem Hammer und einer Axt tot, riefen die Notrufzentrale und gestanden die Tat. In einem Interview mit People Magazine 2015 erklĂ€rte Wendy Maldonado, dass sie die Tat nicht bereut: „HĂ€tte ich das nicht gemacht – ich weiß, dass wir jetzt alle tot wĂ€ren.“ (3)
Rechtlich gesehen ist in den USA „das Töten in Selbstverteidigung“ eine Grauzone. Meist muss das Opfer selbst dabei gewesen sein, ein ernsthaftes Verbrechen zu begehen. In Wendy und Randall Maldonados Fall argumentierte das Gericht, dass Aaron zwar in der Vergangenheit gedroht hatte, seine Frau und Kinder zu töten, aber in dem Moment, als sie ihn umbrachten, war er keine aktive, unmittelbare Gefahr.
In Deutschland lĂ€sst das Kriterium der „HeimtĂŒcke“ den_die TĂ€ter_in schlechter dastehen. Das Wort ist allgemein negativ konnotiert und weckt Assoziationen mit Feigheit und HinterhĂ€ltigkeit. Wenn aber das Opfer dem_der Mörder_in körperlich deutlich ĂŒberlegen ist, wie bei der Mehrheit der erwachsenen MĂ€nner gegenĂŒber Frauen und Kindern, besteht bereits eine Unausgewogenheit. Die TĂ€terinnen, die gewalttĂ€tige Partner ermordeten, hĂ€tten in der Regel kaum eine Chance gehabt, das Opfer in einem „fairen Kampf“ zu töten, sondern mussten wegen ihrer körperlichen Unterlegenheit das Opfer ĂŒberraschen oder Momente ausnutzen, in denen es bereits außer Gefecht war. ValĂ©rie Bacot und Jacqueline Sauvage erschossen ihre MĂ€nner von hinten, Wendy Maldonado tötete ihren Mann im Schlaf – ebenso wie die 37-JĂ€hrige aus Hechingen, die 2001 ihren notorisch gewalttĂ€tigen Ehemann, „PrĂ€sident“ von mehreren Rockergruppen, im Schlaf erschoss, wie auch die 44-JĂ€hrige aus Kehl, die 2020 daran scheiterte, ihren schlafenden Mann, der sie jahrelang misshandelt hatte, mit einem Akkubohrer gegen die Stirn umzubringen.

„Haustyrannenmord“

In der deutschen Rechtsprechung gibt es sogar einen eigenen Begriff fĂŒr die Tötung eines misshandelnden Ehegatten: „Haustyrannenmord“. Im Gegensatz zum „Tyrannenmord“ (der Tötung eines als ungerecht empfundenen Herrschers, der die BĂŒrger_innen gewaltsam unterdrĂŒckt) wird der Haustyrannenmord nicht als politischer Mord eingestuft und auch nicht in mancher Hinsicht durch das Widerstandsrecht im Artikel 20 des Grundgesetzes Abs. 4 legitimiert. Aber in Anbetracht der oft jahrelang vorausgehenden Misshandlungen tendiert die Rechtsprechung dennoch dazu, Haustyrannenmorde milder zu strafen als andere Morde.
Beziehungsmord ist zwar unter den von Frauen begangenen MordfĂ€llen recht hĂ€ufig, aber selten unter allen Mord- und TotschlagsfĂ€llen insgesamt. In der Statistik des Bundeskriminalamts fĂŒr das Jahr 2020 liegt der Anteil der Frauen unter den TatverdĂ€chtigen bei den verschiedenen Tötungsdelikten stabil bei ca. 13 %, und die Anzahl aller Opfer von Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen bei ca. 2.000. (4) Eine gesonderte Statistik ĂŒber Beziehungsgewalt liegt aus dem Jahr 2019 vor. In 58 FĂ€llen wurden MĂ€nner ermordet und totgeschlagen, die in einer Beziehung zur tatverdĂ€chtigen Person waren. Die Zahl der Frauen als Opfer in entsprechenden FĂ€llen war 222. Offenbar wenden Frauen (bisher) nur höchst selten und in einer Ă€ußersten Notlage Mord zur Befreiung aus gewalttĂ€tigen Beziehungen an, denn die Zahl der Frauen als Opfer aller unter Partnerschaftsgewalt klassifizierten Delikte war fast 115.000 (die entsprechende Zahl der MĂ€nner ca. 27.000), und die Dunkelziffer ist in diesem Bereich sicherlich sehr hoch. (5)




Quelle: Graswurzel.net