Februar 13, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Vorwort der Übersetzer*innen

Rund einhundert Jahre sind vergangen, seit Emma Goldman ihre EindrĂŒcke der damaligen Situation in Russland niedergeschrieben hat. Einhundert Jahre, das ist eine lange Zeit. Vieles hat sich seitdem verĂ€ndert, aber vieles ist zumindest im Kern gleich geblieben. Bis heute gibt es Verfechter*innen eines Kommunismus, der sich hier und da positiv auf die russische Diktatur ab Oktober 1918 bezieht. Manch eine*r wĂŒnscht sich gar ein solches Regime im Ganzen zurĂŒck. Letzteres ist zwar eine bedeutungslose Minderheit, zumindest im deutschsprachigen Raum, dennoch arbeiten viele radikale Akteur*innen auch mit Menschen, die solche Ansichten vertreten, zusammen. Andere, nur punktuell positive Bezugnahmen auf das bolschewistische Regime sind dagegen hĂ€ufiger zu vernehmen und die marxistische Vorstellung einer »Diktatur des Proletariats« ist weitlĂ€ufig akzeptiert unter Kommunist*innen. Das Paradoxe daran: Zahlreiche Anarchist*innen, deren erklĂ€rtes Ziel die Beseitigung jeder Staatlichkeit ist, sehen keinen Widerspruch darin, mit kommunistischen Organisationen zusammenzuarbeiten, sich mit ihnen zu verbĂŒnden und gemeinsame Propaganda zu betreiben.

Ähnlich wie vor rund hundert Jahren (und darĂŒber hinaus) scheint es eine vermeintlich Ă€hnliche Analyse zu sein, die Anarchist*innen und Kommunist*innen verbindet: Der kapitalistische Staat muss beseitigt werden, damit anarchistische und kommunistische Konzepte von Freiheit verwirklicht werden können. In dem einen Fall jedoch soll dieser Staat zerstört werden, im anderen Fall geht es zunĂ€chst um eine Verschiebung der politischen MachtverhĂ€ltnisse in der – aus unserer Sicht unbegrĂŒndeten – Hoffnung, dass sich dieser neue, kommunistische Staat irgendwann von selbst abschaffen wird. Diese beiden Prinzipien lassen sich unmöglich vereinen: Die Aneignung, Errichtung oder Aufrechterhaltung eines Staates auf der einen Seite kann unmöglich mit der Zerschlagung des Staates auf der anderen Seite in Einklang gebracht werden.

Freilich ist nicht jede*r, die*der sich Kommunist*in nennt, auch Bolschewist*in, befĂŒrwortet und verherrlicht (historische) Regime wie das in Russland oder spricht sich fĂŒr eine »Diktatur des Proletariats« aus. Dennoch: Wer sich heute Kommunist*in nennt, tut das vor dem Hintergrund eines Diskurses, in dem zumindest das autoritĂ€re Prinzip des kommunistischen Staates fest mit diesem Begriff verbunden zu sein scheint. Und es ist eben jenes Prinzip, das unseren anarchistischen Ideen so diametral entgegensteht. Deshalb kommen wir letztlich zu dem Schluss, dass kommunistische Vorstellungen gleich welcher AusprĂ€gung mit unseren anarchistischen Ideen unvereinbar sind.

Indem wir Emma Goldmans Erfahrungsbericht ins Deutsche ĂŒbersetzen, wollen wir zu einer Debatte darum beitragen. Wir wollen uns klar von jeder Form autoritĂ€rer Überzeugungen abgrenzen und das bedeutet fĂŒr uns auch eine Abgrenzung von allen AusprĂ€gungen kommunistischer Ideen, wie wir sie geschildert haben.

Die Revolution in Russland 1917/1918 verleitete schon damals viele Anarchist*innen dazu, falsche und auch verhĂ€ngnisvolle BĂŒndnisse mit den kommunistischen Akteur*innen in Russland einzugehen. Statt gemĂ€ĂŸ ihrer jahrelang vertretenen Positionen jede Form der Regierung, jede Form eines Staates abzulehnen und zu beseitigen, unterstĂŒtzten viele Anarchist*innen die Bolschewiki bei der Errichtung ihres Staates – was nicht heißt, dass nicht auch viele andere Anarchist*innen weltweit von Beginn an erbittert gegen dieselben gekĂ€mpft haben. Auch Emma Goldman gehörte zu den Anarchist*innen, die mit den Bolschewiki paktierten. Noch in Amerika veranstaltete Emma Goldman eine Werbetour fĂŒr sie und nachdem sie in Russland eingetroffen war, bedurfte es unzĂ€hliger Beispiele fĂŒr die grausame Herrschaft der Bolschewiki, bevor Emma Goldman ihr Vertrauen in die Bolschewiki als »HĂŒter*innen der Revolution« verlor. GefĂ€ngnisse, Erschießungen, Inhaftierungen von Anarchist*innen, Prunk und dekadenter Wohlstand einiger weniger, wĂ€hrend die Mehrheit an Hunger leidet und nichts zum Leben besitzt, all das sah Emma Goldman und fragte sich dennoch immer wieder: »Waren die Bolschewiki nicht dazu gezwungen, diese ZustĂ€nde zu schaffen?« Bei der Niederschrift dieser Erlebnisse rechtfertigt Emma Goldman ihre ZurĂŒckhaltung damit, dass sie quasi als neutrale Beobachterin sich ein Gesamtbild verschaffen wollte, bevor sie ein Urteil fĂ€llte. Eine Rechtfertigung, die zwar fĂŒr Goldman zu genĂŒgen scheint, die wir so jedoch nur schwer akzeptieren können. Als Anarchist*innen können wir keinen neutralen Standpunkt gegenĂŒber Herrschaft, die sich in Russland ĂŒberdeutlich Ă€ußerte, einnehmen. Uns erscheint es unvorstellbar, die zahlreichen Erlebnisse, die Emma Goldman in ihrer ErzĂ€hlung beschreibt, von einem neutralen Standpunkt aus zu bewerten und die BeweggrĂŒnde der UnterdrĂŒcker*innen den Interessen der UnterdrĂŒckten gegenĂŒberzustellen. FĂŒr uns ist es die Existenz von Herrschaft selbst, deren Anwendung durch die Machthaber*innen und jede Bestrebung Herrschaft aufrechtzuerhalten oder zu errichten, die unsere Feindschaft erweckt.

Warum haben wir also Emma Goldmans ErzĂ€hlung ĂŒbersetzt? Uns geht es nicht um eine Bewertung von Emma Goldmans Handeln. Wir mĂŒssen nicht einverstanden mit all ihren Handlungen und Ansichten sein. Gerade die anfĂ€ngliche ZurĂŒckhaltung Emma Goldmans eröffnet ihr Zugang zu vielen wichtigen kommunistischen Persönlichkeiten, deren Ansichten und BeweggrĂŒnde in Emma Goldmans ErzĂ€hlung anschaulich dargestellt werden. Ebenso wie der Widerstand gegen die bolschewistische Diktatur, der in anderen anarchistischen ErzĂ€hlungen veranschaulicht wird, erscheint uns auch diese Perspektive aufschlussreich und mit Sicherheit angenehmer zu lesen als durch die LektĂŒre kommunistischer und bolschewistischer Propagandaschriften aus dieser Zeit, die zudem kaum die inneren WidersprĂŒche, in denen sich auch einige der Kommunist*innen befinden, widerspiegeln. Was Emma Goldmans ErzĂ€hlung unserer Ansicht nach leistet und fĂŒr uns spannend macht, ist eine Betrachtung der inneren Funktionsweise der kommunistischen Diktatur in Russland. Eine Betrachtung, die die persönlichen Motivationen der Herrscher*innen einschließt, die uns die Herrscher*innen nicht bloß als skrupellose politische Machthaber*innen prĂ€sentiert, sondern als – zum Teil – freundliche und liebenswĂŒrdige Menschen, die auch einmal mit sich, ihrer Macht und ihren Entscheidungen hardern und diese dennoch treffen. Wir glauben, dass der Wert von Emma Goldmans Betrachtung genau darin liegt. Sie zeigt, wie Herrschaft an sich korrumpiert, wie selbst die Personen mit den »besten Absichten« – was uns freilich durchaus suspekt ist – durch die Zusammenarbeit mit der Herrschaft ihre Ideen verraten statt sie zu verwirklichen, und sie verdeutlicht uns, dass es keine kommunistischen Kompromisse in unserer Ablehnung von Herrschaft geben darf.

Auch wenn wir Emma Goldmans Schilderung ihrer Erlebnisse in Russland insgesamt spannend und aufschlussreich hinsichtlich einer Debatte um die Vereinbarkeit anarchistischer Positionen mit kommunistischen Vorstellungen finden, ist Emma Goldmans Perspektive in diesem Werk vielfach nicht die unsere. Das zeigt sich bereits daran, mit wem Emma Goldman in Russland ihrer Schilderung nach verkehrte. Neben zahlreichen Kommunist*innen der herrschenden Regierung und ihren Sympathisant*innen gehören nur verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenige Anarchist*innen zu Emma Goldmans Bezugspersonen in Russland. Und der Großteil derjenigen Anarchist*innen, die Emma Goldman trifft, wird von ihr in syndikalistischen Organisationen verortet und/oder arbeitet mit der bolschewistischen Regierung zusammen. Es ist möglich, dass Emma Goldman in ihrer Schilderung viele Treffen bewusst ausspart, um Menschen vor Repression zu schĂŒtzen, fĂŒr die in ihrer ErzĂ€hlung vermittelte Perspektive ist das jedoch einerlei.

Besonders hinsichtlich der Schlussfolgerungen, die Emma Goldman aus ihren Erfahrungen zieht, ergibt sich stellenweise eine tiefe Kluft zwischen unseren Ideen und den Positionen Emma Goldmans. Es ist nicht so, dass wir allen Schlussfolgerungen Goldmans widersprechen wĂŒrden, insgeheim haben wir uns zeitweise jedoch ĂŒberlegt, ob wir das letzte Kapitel, Emma Goldmans Nachwort, das vor allem ihre Schlussfolgerungen darlegt, nicht lieber unterschlagen sollten. Das haben wir natĂŒrlich nicht gemacht, wir wollen es jedoch auch nicht einfach unkommentiert stehen lassen, weshalb wir im Folgenden zu zwei Aspekten daraus unsere Sichtweise schildern wollen:

I

In ihrem Nachwort gelangt Emma Goldman zu dem Schluss, dass der Anarchosyndikalismus aus ihrer Sicht erfolgsversprechende Lösungen zur Organisierung einer postrevolutionĂ€ren Wirtschaft – und damit auch einer postrevolutionĂ€ren Gesellschaft bereithalte. Auch wenn Emma Goldman betont, dass aus ihrer Sicht eine Neuorganisierung der Wirtschaft alleine keinesfalls ausreichend sein kann und zum Scheitern verurteilt ist, wenn nicht zugleich libertĂ€re Ideen Verbreitung unter den Menschen fĂ€nden, können wir nicht nachvollziehen, wie Emma Goldman zu diesem Schluss kommen kann: Zwar stellt der Anarchosyndikalismus die EigentumsverhĂ€ltnisse einer Gesellschaft in Frage und will die Wirtschaft auf Basis von Selbstorganisation (durch gewerkschaftliche Organisationen) fortfĂŒhren, jedoch mangelt es anarchosyndikalistischen Theorien unserer Ansicht nach an der Einsicht, dass die wirtschaftlichen Strukturen, die Produktionsmethoden und die Zentralisierung einer kapitalistischen Gesellschaft an sich in einem Maße herrschaftsvoll sind, sodass sie sich nicht einfach enthierarchisieren lassen. Zu glauben, dass es im Kern nur einer Abschaffung der Chef*innen, bzw. vielmehr ihres Austauschs durch gewĂ€hlte ReprĂ€sentant*innen der Belegschaft bedarf, um eine selbstorganisierte Wirtschaftsweise ohne Hierarchien zu schaffen, ist fĂŒr uns bestenfalls naiv und zeugt im schlimmsten Fall von den autoritĂ€ren SehnsĂŒchten der Verfechter*innen dieser Idee, die sich auffallend oft selbst in der Position derjenigen sehen, die dann die Geschicke des wirtschaftlichen Lebens lenken.

WĂ€hrend Emma Goldman in einer anarchosyndikalistischen Organisation der Wirtschaft ein Bindeglied zwischen Stadt und Land sieht, fragen wir uns, ob die damals und in ihrem Wesen bis heute gĂ€ngige Stadt-Land-Infrastruktur nicht eine herrschaftsvolle Art und Weise des Zusammenlebens ist, ebenso wie Fabriken, die auf Rohstoffe aus völlig anderen Regionen angewiesen sind und die nur in der Zusammenarbeit vieler Fabriken in der Lage sind, ihre (End-)Produkte herzustellen, fĂŒr uns die Frage danach aufwerfen, inwiefern sich eine solche Wirtschaft ĂŒberhaupt antiautoritĂ€r »organisieren« lĂ€sst. Wir haben keine konkreten Vorstellungen davon, wie ein wirtschaftliches Leben in einer postrevolutionĂ€ren Gesellschaft aussehen könnte, wir wissen nicht einmal ob es unseren Vorstellungen gemĂ€ĂŸ ĂŒberhaupt eine postrevolutionĂ€re Gesellschaft – die ja dann irgendwo das Ende der Geschichte, ein unverĂ€nderliches Ideal darstellen wĂŒrde – geschweige denn ein wirtschaftliches Leben darin gibt. Wir sind jedoch ĂŒberzeugt davon, dass eine mehr oder weniger zentralistische Organisation der Gesellschaft – und im Falle des Anarchosyndikalismus wĂ€ren das gewerkschaftliche Strukturen zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft, ebenso wie die Fabriken selbst – keine antiautoritĂ€re Form des Zusammenlebens sein kann. Jede solche Organisation wird unseren Vorstellungen zufolge frĂŒher oder spĂ€ter autoritĂ€re Strukturen etablieren, jede solche Organisation lĂ€sst sich zur Durchsetzung individueller Interessen gegen die Interessen anderer instrumentalisieren. Nach dem, was Emma Goldman ĂŒber die Wirtschaft unter dem bolschewistischen Regime berichtet hat, sehen wir unsere Ansichten nur bestĂ€rkt: Statt dass die Menschen die Belange, die ihr Leben betreffen (und dazu gehört auch die Produktion von GĂŒtern), selbst organisieren, setzte das bolschewistische Regime auf eine autoritĂ€re Wirtschaft, in der Entscheidungen zentral und von oben nach unten getroffen wurden. Der Anarchosyndikalismus stellt zwar das »von oben nach unten« in Frage und strebt nach einer RĂ€testruktur, die die AnfĂŒhrer*innen wĂ€hlbar macht und die die Basis grundsĂ€tzlich mitbestimmen lĂ€sst, er stellt jedoch nicht die ZentralitĂ€t der Wirtschaft in Frage oder zumindest nicht ĂŒber ein gewisses Maß hinaus. Dadurch wird unserer Ansicht nach auch im Anarchosyndikalismus faktisch verhindert, dass die Menschen sich gemĂ€ĂŸ ihrer eigenen Interessen und BedĂŒrfnisse selbst organisieren: Sie mĂŒssen ihre BedĂŒrfnisse in einem langwierigen und vor allem politischen Prozess der ReprĂ€sentation mit anderen jenseits ihres direkten Umfelds abstimmen, die in den meisten FĂ€llen von ihren Entscheidungen gar nicht betroffen wĂ€ren. Der Sinn einer solchen Herangehensweise erschließt sich uns nicht, daher können wir nur zu dem Schluss kommen, dass den Ideen des Anarchosyndikalismus etwas Herrschaftsvolles anhaftet. Aber wir wollen uns hier eigentlich nicht an einer Kritik des Anarchosyndikalismus abarbeiten, das wurde bereits an vielen anderen Stellen getan. Uns geht es lediglich darum, Emma Goldmans abschließende Perspektive ihres Erlebnisberichts, die fĂŒr uns keine ist, nicht unkommentiert stehen zu lassen. Daher belassen wir es hier bei dem Hinweis, dass anarchosyndikalistische Organisationen und Publikationen, von denen einige ja auch in Emma Goldmans Bericht erwĂ€hnt werden, nicht zufĂ€llig lĂ€nger als irgendeine andere anarchistische Organisation oder Person mit den Bolschewiki kooperierten und entsprechend von den Bolschewiki auch geduldet wurden. Nicht die Terrorherrschaft der Bolschewiki, sondern vor allem ein Konflikt ĂŒber das ökonomische Programm der Regierung setzt dieser Zusammenarbeit schließlich ein Ende. Dabei sei nicht gesagt, dass nicht auch Anarchosyndikalist*innen den Methoden der Bolschewiki ablehnend oder zumindest kritisch gegenĂŒbergestanden hĂ€tten, es ist vielmehr die PrioritĂ€tensetzung einiger einflussreicher anarchosyndikalistischer Organisationen, die uns beunruhigt, die, solange sie darin eine Perspektive sehen, ihre Vorstellungen einer Organisierung des ökonomischen Lebens Russlands zu verwirklichen, lieber mit einem Staat, der seine Bevölkerung brutal unterdrĂŒckt, zusammenarbeiten, statt diesen selbst und jede Bestrebung ihn am Leben zu erhalten von Anfang an zu sabotieren.

II

Im letzten Teil ihres Nachwortes widmet sich Emma Goldman der Frage, inwiefern mit einer VerĂ€nderung der sozialen VerhĂ€ltnisse im Zuge einer Revolution auch eine VerĂ€nderung der Werte einhergehen muss. Ihre Überlegungen sind geprĂ€gt davon, dass sie das bolschewistische Motto »Der Zweck heiligt jedes Mittel« ablehnt, das sie zu Recht als problematische Einstellung, die durch die Bolschewiki ja auch zur Rechtfertigung autoritĂ€rer Handlungen gebraucht wurde, identifiziert. Dieser Meinung können wir uns anschließen. Der weiteren Schlussfolgerung Emma Goldmans, dass es Aufgabe der Revolution sei, eine neue Ethik zu schaffen, der sich jede Handlung unterzuordnen habe, dagegen keineswegs! Die herrschenden ethischen Prinzipien einer Gesellschaft dienen dazu, die Handlungen der Menschen unter eine bestimmte Norm zu unterwerfen, bestimmten GefĂŒhlen, Empfindungen und HandlungswĂŒnschen der Menschen, insbesondere subversiven, keinen Raum zu geben. So wird beispielsweise gĂ€ngigen ethischen Vorstellungen zufolge Gewalt fĂŒr unvereinbar mit ethischem Handeln erklĂ€rt. Dabei wird jedoch (bewusst) ausgeklammert, dass bestimmte gewaltvolle ZustĂ€nde, die die Menschen an den ihnen vorgesehenen Platz der Gesellschaft verweisen, sich einer bestimmten Gewalt bedienen und ohne den Einsatz von Gewalt nicht ĂŒberwunden werden können. Das ist nur ein Beispiel dafĂŒr, inwiefern eine feste Moralvorstellung, eine statische Ethik dazu beitrĂ€gt, Menschen im Sinne eines Ideals zu unterdrĂŒcken.

Wenn eine Revolution die alte(n) Ethik(en) durch eine neue Ethik, wie Emma Goldman schreibt, ersetzen soll, stellt sich uns die Frage, wozu dann diese Ethik dienen soll? Unter welches Ideal soll diese Ethik die Menschen unterwerfen? Und ist die Unterwerfung unter ein solches »revolutionĂ€res« Ideal in irgendeiner Weise besser, als die unter das gĂ€ngige Ideal einer friedlichen, demokratischen Gesellschaft? Zu glauben, dass sich die unterschiedlichen Empfindungen, GefĂŒhle, Wahrnehmungen, BeweggrĂŒnde, Absichten, Ziele der Menschen und alles andere, was ĂŒblicherweise in eine Ethik hineinspielt, verallgemeinern und als eine »ethische« Norm festhalten ließe, folgt unserer Auffassung nach einer Vorstellung, die nicht umhin kann, das soziale Zusammenleben der Menschen zu verallgemeinern und so unter Kontrolle zu bringen. Das mag ein unbewusster Drang sein, der aufgrund dessen, wie die Welt um uns herum funktioniert, auch nicht sonderlich ĂŒberraschend ist, allerdings ist es ein Drang, den wir bekĂ€mpfen mĂŒssen, wenn wir autoritĂ€re Prinzipien verneinen wollen.

Wir sind der Auffassung, dass nur eine Zerstörung der alten ethischen Werte ohne die Schaffung neuer Werte, die sie ersetzen, die Grundlage fĂŒr ein Leben in Freiheit sein kann.

Vorwort zum ersten Teil der amerikanischen Ausgabe

Meine Entscheidung, meine Erfahrungen, Beobachtungen und Reaktionen wÀhrend meines Aufenthalts in Russland festzuhalten, traf ich lange bevor ich daran dachte, dieses Land zu verlassen. TatsÀchlich war das mein Hauptbeweggrund, Abschied von diesem tragisch heroischen Land zu nehmen.

Selbst den StĂ€rksten von uns fĂ€llt es schwer, einen lange gehegten Traum aufzugeben. Ich kam nach Russland in der Hoffnung, dass ich ein neugeborenes Land vorfinden wĂŒrde, in dem die Menschen sich ganz der großartigen, wenngleich Ă€ußerst schwierigen Aufgabe des revolutionĂ€ren Wiederaufbaus verschrieben hĂ€tten. Und ich habe instĂ€ndig gehofft, dass ich bei dieser inspirierenden TĂ€tigkeit eine aktive Rolle spielen wĂŒrde.

Die RealitĂ€t, die ich in Russland vorfand, war grotesk, völlig entgegen dem großen Ideal, das mich auf den Gipfel der Hoffnung im gelobten Land getragen hatte. Ich brauchte fĂŒnfzehn lange Monate, um mich zurechtzufinden. Jeder Tag, jede Woche, jeder Monat fĂŒgte neue Glieder zu der verhĂ€ngnisvollen Kette hinzu, die mein hoffnungsvolles GedankengebĂ€ude zum Einsturz brachte. Ich kĂ€mpfte verzweifelt gegen diese Desillusionierung an. Lange Zeit versuchte ich die leise Stimme in mir zu ignorieren, die mich zwang, die ĂŒberwĂ€ltigenden Tatsachen zu sehen. Ich wollte und konnte nicht aufgeben.

Dann kam Kronstadt. Das war der Wendepunkt. Es vervollstÀndigte die furchtbare Erkenntnis, dass die Russische Revolution vorbei war.

Ich sah den bolschewistischen Staat vor mir. Furchterregend, jede konstruktive revolutionĂ€re Errungenschaft vernichtend, unterdrĂŒckend, erniedrigend und alles zersetzend. UnfĂ€hig und unwillens ein Zahnrad in diesem unheilvollen Getriebe zu werden und mir der Tatsache bewusst, dass ich Russland und seinen Menschen nicht von praktischem Nutzen sein könnte, entschied ich das Land zu verlassen. Sobald ich draußen war, wĂŒrde ich so ehrlich, offen und objektiv wie mir nur menschenmöglich die Geschichte meines zweijĂ€hrigen Aufenthalts in Russland erzĂ€hlen.

Ich verließ das Land im Dezember 1921. Ich hĂ€tte damals schreiben können, unter dem frischen Eindruck dieses entsetzlichen Erlebnisses. Aber ich wartete vier Monate, bevor ich mich zwingen konnte, eine Reihe von Artikeln zu schreiben. Ich zögerte weitere vier Monate, bevor ich dieses Buch begann.

Ich möchte nicht so tun, als wĂŒrde ich Geschichte schreiben. Mit einem Abstand von fĂŒnfzig oder hundert Jahren von den Ereignissen, die sie beschreiben, mögen Historiker*innen objektiv erscheinen. Aber die wirkliche Geschichte ist nicht eine Aneinanderreihung von Daten. Sie sind wertlos ohne die menschlichen Elemente, die die Historiker*innen notwendigerweise von den Schriften der Zeitgenoss*innen des fraglichen Ereignisses bekommen. Es sind die persönlichen Reaktionen der Teilnehmer*innen und Beobachter*innen, die aller Geschichte Lebendigkeit verleihen und sie anschaulich und lebendig machen. Entsprechend wurden viele Geschichten der Französischen Revolution geschrieben; nur sehr wenige von ihnen stechen als wahr und ĂŒberzeugend heraus. Sie sind aufklĂ€rend in dem Maße, in dem der*die Historiker*in sein*ihr Subjekt durch das Medium der Dokumente von zeitgenössischen Menschen gefĂŒhlt hat.

Ich selbst – und ich glaube die meisten Student*innen der Geschichte – habe die Große Französische Revolution sehr viel lebhafter durch die Briefe und TagebĂŒcher von Zeitgenoss*innen wie Madame Roland, Mirabeau und anderen Augenzeug*innen, nachempfinden und mir ein Bild von machen können, als durch die sogenannten objektiven Schilderungen von Historiker*innen. Durch einen seltsamen Zufall fiel mir gerade wĂ€hrend der kritischsten Periode meiner russischen Erlebnisse eine Sammlung von Briefen in die HĂ€nde, die wĂ€hrend der französischen Revolution verfasst worden waren und von dem fĂ€higen deutschen anarchistischen Publizisten Gustav Landauer zusammengestellt worden waren. Ich las diese Briefe just in dem Moment, als ich hörte, wie die bolschewistische Artillerie das Bombardement der Rebell*innen von Kronstadt begann. Diese Briefe verschafften mir einen Ă€ußerst lebhaften Einblick in die Ereignisse der Französischen Revolution. Wie niemals zuvor brachten sie mir die Erkenntnis, dass das bolschewistische Regime in Russland im Großen und Ganzen eine detailgetreue Replik dessen war, was vor mehr als einem Jahrhundert in Frankreich passiert war.

Große Interpret*innen der Französischen Revolution, wie Thomas Carlyle und Peter Kropotkin, zogen ihr VerstĂ€ndnis und ihre Inspiration aus den Aufzeichnungen von Menschen aus dieser Periode. Ähnlich werden auch zukĂŒnftige Historiker*innen der Großen Russischen Revolution – wenn sie denn echte Geschichte schreiben und nicht nur eine Zusammenstellung von Fakten – aus den Impressionen und Reaktionen derer zehren, die wĂ€hrend der Russischen Revolution gelebt haben, die das Leid und die MĂŒhsal der Menschen geteilt haben und die tatsĂ€chlich an dem tragischen Panorama in seiner tĂ€glichen Entfaltung teilgenommen haben oder es bezeugen können.

WĂ€hrend ich mich in Russland befand, war mir nicht klar, wie viel bereits zur Russischen Revolution geschrieben worden war. Aber die wenigen BĂŒcher, die mich erreichten, haben sich mir als völlig unzureichend eingeprĂ€gt. Sie waren von Personen geschrieben worden, die die Situation nicht aus erster Hand beurteilen konnten und sie waren leider völlig oberflĂ€chlich. Einige der Autor*innen hatten zwischen zwei Wochen und zwei Monaten in Russland verbracht, verstanden die Sprache des Landes nicht und waren in den meisten FĂ€llen von offiziellen ReisefĂŒhrer*innen und Dolmetscher*innen begleitet worden. Ich beziehe mich hier nicht auf die Autor*innen innerhalb und außerhalb von Russland, die die Rolle bolschewistischer Propaganda-FunktionĂ€r*innen einnehmen. Sie sind eine Klasse fĂŒr sich. Mit ihnen beschĂ€ftige ich mich im Kapitel ĂŒber die »Handlungsreisenden der Revolution«. Hier meine ich die aufrichtigen Freund*innen der Russischen Revolution. Die Arbeit der meisten von ihnen resultierte in einem unermesslichen Durcheinander und Unfug. Sie halfen dabei, den Mythos, dass Bolschewiki und die Revolution Synonyme seien, aufrechtzuerhalten. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt.

Die eigentliche Russische Revolution fand in den Sommermonaten des Jahres 1917 statt. In dieser Zeit eigneten sich die BĂ€uer*innen das Land an und die Arbeiter*innen die Fabriken. Damit demonstrierten sie, dass sie sehr wohl die Bedeutung von sozialer Revolution kannten. Die Machtergreifung im Oktober war der letzte Schliff der sechs Monate zuvor begonnenen Arbeit. WĂ€hrend des großen Aufstands erschlichen sich die Bolschewiki die Stimme der Menschen. Sie schmĂŒckten sich mit den landwirtschaftlichen Programmen der SozialrevolutionĂ€r*innen und der Strategien des Arbeitskampfs der Anarchist*innen. Aber nachdem die große Welle an revolutionĂ€rem Enthusiasmus ihnen Macht verliehen hatte, legten die Bolschewiki ihren Schafspelz ab. Das war der Moment, in dem die geistige Trennung zwischen Bolschewiki und der Russischen Revolution einsetzte. Mit jedem Tag wurde der Abstand grĂ¶ĂŸer, ihre Interessen traten zunehmend in Konflikt zueinander. Heute ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass die Bolschewiki die Erzfeinde der Russischen Revolution sind.

Aberglaube ist schwer zu beseitigen. Im Falle dieses modernen Aberglaubens ist der Prozess doppelt schwierig, weil er durch verschiedene Faktoren gemeinsam kĂŒnstlich am Leben gehalten wird. Internationale Intervention, die Blockade und die sehr effiziente, weltweite Propaganda der kommunistischen Partei haben den bolschewistischen Mythos am Leben erhalten. Sogar die schreckliche Hungersnot wird zu diesem Zweck instrumentalisiert.

Wie machtvoll sich dieser Aberglaube am Leben erhĂ€lt, erfuhr ich durch meine eigene Erfahrung. Ich wusste immer, dass die Bolschewiki Marxisten sind. Dreißig Jahre lang kĂ€mpfte ich gegen die marxistische Theorie, die in meinen Augen eine kalte, mechanische, versklavende Formel ist. In Pamphleten, VortrĂ€gen und Debatten argumentierte ich gegen sie. Ich hĂ€tte demnach wissen mĂŒssen, was von den Bolschewiki zu erwarten war. Aber die vereinten Angriffe gegen sie machten sie zum Symbol der Russischen Revolution und brachten mich dazu, sie zu verteidigen.

Von November 1917 bis Februar 1918, als ich gegen Kaution frei war – wegen meiner Haltung gegen den Krieg – tourte ich durch Amerika, um die Bolschewiki zu verteidigen. Ich veröffentlichte ein Pamphlet zur AufklĂ€rung ĂŒber die Russische Revolution und zur Rechtfertigung der Bolschewiki. Ich verteidigte sie damit, dass sie den Geist der Rovolution in der Praxis verkörperten, ungeachtet ihres theoretischen Marxismus. Meine Einstellung ihnen gegenĂŒber zu dieser Zeit wird im folgenden Absatz meines Pamphlets »Die Wahrheit ĂŒber die Bolschewiki« deutlich:

Die Russische Revolution ist ein Wunder in mehr als einer Hinsicht. Neben anderen, außergewöhnlichen Paradoxien prĂ€sentiert sie das PhĂ€nomen der marxistischen Sozialdemokraten Lenin und Trotzki, die revolutionĂ€re anarchistische Taktiken ĂŒbernehmen, wĂ€hrend die Anarchist*innen Kropotkin, Tscherkessow und Tschaikowski diese Taktiken ablehnen und in marxistische Denkweisen verfallen, die sie ihr Leben lang als »Deutsche Metaphysik« bezeichnet haben.

Obwohl sie RevolutionĂ€r*innen waren, hielten die Bolschewiki 1903 an der marxschen Doktrin, betreffend der Industrialisierung Russlands und der historischen Mission der Bourgeoisie als notwendigem evolutionĂ€ren Prozess, bevor die russischen Massen zu ihrem Recht kommen könnten, fest. 1917 glaubten die Bolschewiki nicht lĂ€nger an die wegbereitende Funktion der Bourgeoisie. Sie wurden vorangetragen auf der Welle Bakunins, nĂ€mlich, dass in dem Moment, in dem sich die Massen ihrer ökonomischen Macht bewusst werden, sie ihre eigene Geschichte schreiben und sich nicht an Traditionen und Prozesse einer toten Vergangenheit gebunden fĂŒhlen, die wie geheime StaatsvertrĂ€ge an einem runden Tisch gemacht werden und nicht vom Leben selbst diktiert werden.

Im Jahr 1918 besuchte Madame Breschko-Breschkowskaja die Vereinigten Staaten und startete ihre Kampagne gegen die Bolschewiki. Ich befand mich damals in der Strafanstalt von Missouri. BekĂŒmmert und geschockt von der Arbeit der »Kleinen Großmutter der Russischen Revolution« schrieb ich ihr und flehte sie an, sich zu besinnen und nicht die Sache, der sie ihr Leben gewidmet hatte, zu verraten. Bei dieser Gelegenheit betonte ich die Tatsache, dass wĂ€hrend keine*r von uns die Theorie der Bolschewiki teile, wir jetzt dennoch eins mit ihnen sein sollten, um die Russische Revolution zu verteidigen.

Als die Gerichte des Staates New York die betrĂŒgerischen Methoden bestĂ€tigten, mit denen ich entrechtet und mir meine zweiunddreißigjĂ€hrige amerikanische StaatsbĂŒrger*innenschaft aberkannt worden war, verzichtete ich auf mein Recht auf Berufung, um nach Russland zurĂŒckzukehren und bei der BewĂ€ltigung der großen Aufgabe zu helfen. Ich glaubte leidenschaftlich daran, dass die Bolschewiki die Revolution fördern und sich zugunsten der Menschen einsetzen wĂŒrden. Ich klammerte mich noch fĂŒr mehr als ein Jahr, nachdem ich nach Russland gekommen war, an mein Vertrauen und meinen Glauben.

Beobachtungen und Studien, ausgedehnte Reisen durch verschiedene Teile des Landes, Treffen mit Angehörigen aller Schattierungen politischer Ansichten und jeder Form von Freund*in und Feind*in der Bolschewiki – All das ĂŒberzeugte mich von der entsetzlichen Illusion, die auf der ganzen Welt verbreitet worden war.

Ich beziehe mich auf diese UmstĂ€nde, um zu zeigen, dass mein Umdenken im Kopf und Herzen ein schmerzlicher und schwieriger Prozess war und dass meine Entscheidung das auszusprechen einzig aus dem Grund zustande kam, dass die Menschen ĂŒberall lernen mögen, zwischen den Bolschewiki und der Russischen Revolution zu unterscheiden.

Die gĂ€ngige Konzeption von Dankbarkeit ist, dass eine*r diejenigen, die einer*m geholfen haben, nicht kritisieren darf. Dank dieser Vorstellung versklaven Eltern ihre Kinder noch effizienter als durch körperliche ZĂŒchtigung; und auch Freund*innen herrschen dank dieses Konzepts ĂŒbereinander. TatsĂ€chlich sind heute alle menschlichen Beziehungen von dieser schĂ€dlichen Idee geprĂ€gt.

Einige Menschen haben mich fĂŒr meine kritische Einstellung gegenĂŒber den Bolschewiki beschimpft. »Wie undankbar die kommunistische Regierung zu attackieren, nachdem sie eine solche Gastfreundschaft und Freundlichkeit in Russland erfahren hat!« rufen sie empört aus. Ich will nicht leugnen, dass ich in Russland wĂ€hrend meines Aufenthalts Privilegien genossen habe. Ich hĂ€tte noch eine Menge mehr Privilegien bekommen können, wenn ich bereit gewesen wĂ€re, der Macht zu dienen. Es ist dieser Umstand, der es mir so bitterlich schwer gemacht hat, mich gegen die Übel auszusprechen, die ich Tag fĂŒr Tag gesehen habe. Aber schließlich habe ich verstanden, dass Schweigen in der Tat ein Zeichen fĂŒr Zustimmung ist. Nicht gegen den Verrat an der Russischen Revolution anzuschreiben wĂŒrde mich zu einem Teil dieses Verrats machen. Die Revolution und der Wohlstand der Massen innerhalb und außerhalb von Russland sind viel zu wichtig fĂŒr mich, um mir eine persönliche RĂŒcksichtnahme gegenĂŒber den Kommunist*innen, die ich kennen und respektieren gelernt habe, zugunsten einer UnterdrĂŒckung meines Gerechtigkeitssinnes zu erlauben und der Welt meine zwei Jahre Erfahrungen in Russland vorzuenthalten.

Zweifelsfrei werden EinwĂ€nde gegen meine Schilderungen erhoben werden, weil ich die Namen der Personen, die ich zitiere, nicht nenne. Einige werden das sogar ausnutzen, um meine GlaubwĂŒrdigkeit zu diskreditieren. Aber das ist mir lieber, als diese Personen der liebevollen Gnade der Tscheka auszuliefern, was zwangslĂ€ufig passieren wĂŒrde, wĂŒrde ich die Namen der Kommunist*innen oder Nicht-Kommunist*innen ausplaudern, die es wagten, mit mir zu sprechen. Diejenigen, die mit der tatsĂ€chlichen Situation in Russland vertraut sind und nicht unter dem hypnotischen Einfluss des bolschewistischen Aberglaubens stehen oder sich in Anstellung durch die Kommunist*innen befinden, werden bestĂ€tigen, dass ich eine glaubwĂŒrdige Darstellung vorlege. Der Rest der Welt wird es ĂŒber die Zeit selbst lernen.

Freund*innen, deren Meinung ich schĂ€tze, waren sich nicht zu schade zu unterstellen, dass mein ZerwĂŒrfnis mit den Bolschewiki mehr aus meiner Gesellschaftsphilosophie denn aus dem Scheitern des bolschewistischen Regimes rĂŒhrt. Als Anarchistin, behaupten sie, wĂŒrde ich selbstverstĂ€ndlich an der Wichtigkeit des Individuums und der persönlichen Freiheit festhalten, aber in der Periode der Revolution mĂŒsste beides dem Gemeinwohl untergeordnet werden. Andere Freund*innen argumentieren, dass Zerstörung, Gewalt und Terror unvermeidbare Faktoren einer Revolution sind. Als RevolutionĂ€rin könne ich nicht permanent die Gewalt, die von den Bolschewiki ausgeĂŒbt wird, angreifen, sagen sie.

Beide Kritikpunkte wĂ€ren gerechtfertigt, wenn ich in der Annahme nach Russland gekommen wĂ€re, dort den verwirklichten Anarchismus vorzufinden, oder wenn ich behaupten wĂŒrde, dass Revolutionen friedlich vonstatten gehen könnten. Anarchismus war fĂŒr mich niemals eine mechanistische Ordnung sozialer Beziehungen, die von den Menschen durch politische UmwĂ€lzungen oder eine Umverteilung der Macht von einer sozialen Klasse auf eine andere erreicht werden könnte. Anarchismus war und ist fĂŒr mich nicht Kind der Destruktion, sondern der Konstruktion – das Resultat des Wachstums und der Entwicklung der bewussten, kreativen sozialen BemĂŒhungen einer regenerierten Gesellschaft. Deshalb erwarte ich nicht, dass auf Jahrzehnte des Despotismus und der Unterwerfung in direkten Schritten Anarchismus folgt. Und ganz bestimmt erwartete ich nicht, dass Anarchismus durch die marxistische Theorie eingefĂŒhrt werden wĂŒrde.

Allerdings hoffte ich in Russland zumindest den Beginn sozialer VerĂ€nderungen zu finden, fĂŒr die die Revolution gekĂ€mpft hatte. Als RevolutionĂ€rin galt meine hauptsĂ€chliche Sorge nicht dem Schicksal des Individuums. Ich wĂ€re zufrieden gewesen, wenn die russischen Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen im Ganzen maßgebliche soziale Verbesserungen durch das bolschewistische Regime erfahren hĂ€tten.

Zwei Jahre intensiver Studien, Recherchen und Forschungen ĂŒberzeugten mich davon, dass die großen Errungenschaften, die die Bolschewiki den Menschen in Russland gebracht hatten, nur auf dem Papier existierten: in strahlenden Lettern von der bolschewistischen Propaganda an die Massen in Europa und Amerika gerichtet. Als Werbe-Zauberer ĂŒbertreffen die Bolschewiki alles zuvor Dagewesene. Aber in der RealitĂ€t haben die Menschen in Russland durch das bolschewistische Experiment nichts gewonnen. SelbstverstĂ€ndlich besitzen die BĂ€uer*innen das Land; aber nicht durch die Gnade der Bolschewiki, sondern durch ihre eigenen BemĂŒhungen, die lange vor dem Umsturz im Oktober in Gang kamen. Dass die BĂ€uer*innen in der Lage dazu waren ihr Land zu behalten, liegt vor allem an der slawischen ZĂ€higkeit; geschuldet der Tatsache, dass sie bei weitem den grĂ¶ĂŸten Teil der Bevölkerung ausmachen und fest mit dem Erdboden verwachsen sind, sodass sie nicht so leicht davon losgerissen werden konnten wie die Arbeiter*innen von den Produktionsmitteln.

Wie die BĂ€uer*innen nutzten auch die russischen Arbeiter*innen direkte Aktionen. Sie eigneten sich die Fabriken an, organisierten sich in BetriebsrĂ€ten und hatten praktisch die Kontrolle ĂŒber das ökonomische Leben in Russland. Aber schon bald wurden sie entmachtet und unter das industrielle Joch des bolschewistischen Staates gestellt. Die Mehrheit des russischen Proletariats wurde zu Leibeigenen. Sie wurden im Namen von etwas, das ihnen spĂ€ter Komfort, Licht und WĂ€rme bringen sollte, ausgebeutet und unterdrĂŒckt. So sehr ich es auch versuche, ich kann nirgends irgendeinen Beweis fĂŒr Vorteile finden, die die Arbeiter*innen oder die BĂ€uer*innen durch das bolschewistische Regime erlangt hĂ€tten.

Auf der anderen Seite fand ich den revolutionĂ€ren Glauben der Menschen gebrochen, den Geist der SolidaritĂ€t zerschlagen, die Bedeutung von Genossenschaft und gegenseitiger Hilfsbereitschaft entstellt. Mensch muss in Russland gelebt haben, nah dran am Alltag der Menschen; mensch muss die totale Desillusionierung und Verzweiflung der Menschen gesehen und gefĂŒhlt haben, um die volle Bedeutung des zersetzenden Charakters der bolschewistischen Prinzipien und Methoden zu erkennen – die Zersetzung all dessen, was einst der Stolz und Ruhm des revolutionĂ€ren Russlands gewesen war.

Das Argument, dass Zerstörung und Terror Teil der Revolution sind, weise ich nicht zurĂŒck. Ich weiß, dass in der Vergangenheit jede große politische und soziale VerĂ€nderung nur gewaltsam möglich war. Amerika befĂ€nde sich noch immer unter dem britischen Joch, wenn nicht einige heroische Kolonialist*innen es gewagt hĂ€tten, die britische Tyrannei durch Waffengewalt zu beseitigen. Die Versklavung Schwarzer wĂ€rein den Vereinigten Staaten ohne den militanten Geist der AnhĂ€nger*innen von John Brown immer noch legal. Ich habe nie geleugnet, dass Gewalt unvermeidbar ist, und auch jetzt streite ich das nicht ab. Aber es ist eine Sache, Gewalt in einem Kampf als Mittel der Verteidigung anzuwenden, aber eine ganz andere Sache, Terrorismus zu einer Strategie zu machen, ihn zu institutionalisieren und ihm den wichtigsten Platz im sozialen Kampf einzurĂ€umen. Ein solcher Terrorismus erzeugt eine Konterrevolution und ist dadurch im Umkehrschluss selbst konterrevolutionĂ€r.

Nur selten wurde eine Revolution mit so wenig Gewalt erkĂ€mpft wie die Russische Revolution. Auch der Rote Terror wĂ€re nicht auf sie gefolgt, hĂ€tten die Menschen und die kulturellen KrĂ€fte die Kontrolle ĂŒber die Revolution behalten. Das hat sich durch den Geist der Gemeinschaft und SolidaritĂ€t gezeigt, der in ganz Russland wĂ€hrend der ersten Monate der Oktoberrevolution herrschte. Aber eine unbedeutende Minderheit, die darauf aus ist, einen absolutistischen Staat zu grĂŒnden, wird notwendigerweise UnterdrĂŒckung und Terror bringen.

Es gibt einen anderen Einwand auf meine Kritik von Seiten der Kommunist*innen. Russland befindet sich im Streik, sagen sie, und es gebĂŒhre sich nicht fĂŒr eine RevolutionĂ€rin, sich gegen die Arbeiter*innen zu stellen, wenn diese gegen ihre Herr*innen streiken. Das ist reine Demagogie der Bolschewiki, um jede Kritik zu unterdrĂŒcken.

Es ist nicht wahr, dass sich die Menschen in Russland im Streik befinden. Das Gegenteil ist der Fall: Die Menschen in Russland wurden ausgesperrt und der bolschewistische Staat – so wie zuvor die bourgeoisen Herr*innen – nutzt Schwerter und Schusswaffen, um die Menschen draußen zu halten. Die Bolschewiki bezeichnen diese Tyrannei euphemistisch mit einem weltbewegenden Slogan. Dadurch ist es ihnen gelungen die Massen zu blenden. Gerade weil ich eine RevolutionĂ€rin bin, weigere ich mich Partei fĂŒr die Klasse der Herrschenden zu ergreifen und das ist in Russland die Kommunistische Partei.

Ich werde bis zum Ende meiner Tage an der Seite der Entrechteten und UnterdrĂŒckten stehen. Dabei spielt es fĂŒr mich keine Rolle, ob die Tyrannei im Kreml residiert oder auf irgendeinem anderen Thron sitzt. Als ich in Russland war, konnte ich nichts fĂŒr dieses leidende Land tun. Vielleicht kann ich jetzt etwas tun, indem ich die Lektionen meiner russischen Erfahrung niederschreibe. Ich schreibe diese Texte nicht nur wegen meiner Sorge um die Menschen in Russland, sondern auch wegen meines Interesses fĂŒr die Belange der Massen ĂŒberall.

Emma Goldman
Berlin, Juli 1922.

Vorwort zum zweiten Teil der amerikanischen Ausgabe

Die Annalen der Literatur erzĂ€hlen von zensierten BĂŒchern, von ganzen Kapiteln, die entfernt oder unkenntlich gemacht wurden. Aber ich glaube es ist nur selten passiert, dass ein Werk publiziert wurde, in dem mehr als ein Drittel fehlt, ohne dass das den Rezensent*innen aufgefallen ist. Diese zweifelhafte Ehre wurde meinem Werk zu Russland zuteil.

Die Geschichte dieser schmerzhaften Erfahrung könnte ein neues Kapitel fĂŒllen, aber fĂŒr den Moment soll es genĂŒgen die reinen Fakten dieses Falls zu schildern.

Mein Manuskript wurde dem ursprĂŒnglichen Abnehmer in zwei Teilen zu unterschiedlichen Zeitpunkten gesendet. Anschließend kaufte das Verlagshaus Doubleday, Page Co. die Rechte an meinem Werk. Aber als mich die ersten gedruckten Ausgaben erreichten, bemerkte ich zu meinem Entsetzen, dass nicht nur mein ursprĂŒnglicher Titel »Meine zwei Jahre in Russland« zu »Meine Desillusionierung in Russland« geĂ€ndert worden war, sondern dass auch die letzten zwölf Kapitel inklusive meines Nachwortes, aus meiner Sicht der entscheidendste Teil des Buches, vollstĂ€ndig fehlten.

Es folgte ein Austausch von Telegrammen und Briefen, der allmĂ€hlich enthĂŒllte, dass Doubleday, Page Co. sich mein Manuskript von einer Literaturagentur gesichert hatte, im Vertrauen darauf, dass es vollstĂ€ndig sei. Durch eine Verkettung unglĂŒcklicher UmstĂ€nde erreichte der zweite Teil meines Werkes entweder nie den ursprĂŒnglichen KĂ€ufer oder er ging in seinem BĂŒro verloren. Jedenfalls wurde das Buch veröffentlicht, ohne dass irgendwem der Verdacht kam, es könnte unvollstĂ€ndig sein.

Der vorliegende Teil enthĂ€lt die in der amerikanischen Ausgabe fehlenden Kapitel und ich bin meinen Freund*innen, die durch ihre Hingabe ein Erscheinen dieses zusĂ€tzlichen Teils in Amerika und dieser vollstĂ€ndigen Ausgabe in England – zu meinem GlĂŒck und dem meiner Leser*innen –möglich gemacht haben, zutiefst dankbar dafĂŒr.

Die Abenteuer meines Manuskriptes haben auch ihre humoristische Seite, die ein befremdliches Licht auf die Kritiker*innen wirft. Von beinahe hundert amerikanischen Rezensent*innen meines Werkes vermuteten nur zwei seine UnvollstÀndigkeit. Und nebenbei bemerkt ist eine*r von ihnen kein*e »typische*r« Kritiker*in, sondern ein*e Bibliothekar*in. Eher eine Spiegelung professioneller Scharfsichtigkeit und Sorgfalt.

Es wÀre verschwendete Zeit gewesen, die »Kritiken« all derjenigen zur Kenntnis zu nehmen, die entweder mein Buch nicht gelesen hatten, oder denen es an nötigem Scharfsinn fehlte, um zu bemerken, dass es unvollstÀndig war. Von all den angeblichen »Rezensionen« verdienen nur zwei Beachtung als von aufrichtigen und fÀhigen Personen geschrieben.

Einer von ihnen war der Meinung, dass der Titel, unter dem mein Werk veröffentlicht wurde, besser zu seinem Inhalt passt als der Titel, den ich gewĂ€hlt hatte. Meine Desillusionierung, schlussfolgerte er, beziehe sich nicht nur auf die Bolschewiki, sondern auch auf die Revolution selbst. Um dieses Argument zu stĂŒtzen, zitierte er Bucharins Aussage dahingehend, dass »eine Revolution genausowenig ohne Terror, Desorganisation und sogar mutwilliger Zerstörung bewerkstelligt werden kann, wie kein Omelett zubereitet werden kann, ohne zuvor die Schale der Eier zu zerbrechen«. Dabei scheint meinem Kritiker nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass auch wenn das Zerbrechen der Eier notwendig ist, um ein Omelett zuzubereiten, doch kein Omelett zubereitet werden kann, wenn mensch den Eidotter wegwirft. Und das ist genau das, was die Kommunistische Partei mit der Russischen Revolution gemacht hat. Den Eidotter ersetzten sie durch Bolschewismus, oder spezifischer Leninismus, mit dem in meinem Buch beschriebenen Ergebnis – ein Ergebnis, das allmĂ€hlich auf der ganzen Welt als vollstĂ€ndiges Versagen begriffen wird.

Der Rezensent, von dem die Rede ist, glaubt außerdem, dass es eine »dĂŒstere Erforderlichkeit, eine dringende Notwendigkeit gewesen sei, nicht die Revolution, sondern die Überreste der Zivilisation zu bewahren, die die Bolschewiki zwang, jede verfĂŒgbare Waffe zu nutzen, den Terror, die Tscheka, die UnterdrĂŒckung der Rede- und Pressefreiheit, Zensur, Wehrpflicht, Arbeitspflicht, die Beschlagnahmung der Ernte der BĂ€uer*innen, sogar Bestechung und Korruption.« Er stimmt mir nachweislich zu, dass die Kommunist*innen von all diesen Methoden Gebrauch machten und dass, wie er selbst sagt, »die â€șMittelâ€č weitgehend den â€șZweckâ€č bestimmen« – eine Schlussfolgerung, deren Beweis und Veranschaulichung in meinem Buch enthalten sind. Der einzige Fehler in dieser Betrachtungsweise, wenngleich ein Ă€ußerst bedeutender, ist die Annahme, dass die Bolschewiki gezwungen gewesen wĂ€ren die beschriebenen Methoden zu nutzen, um »die Überreste der Zivilisation zu bewahren«. Eine solche Sichtweise basiert auf einem fundamentalen MissverstĂ€ndnis der Philosophie und Praxis des Bolschewismus. Nichts lĂ€ge den WĂŒnschen und den BeweggrĂŒnden des Leninismus ferner als die »Bewahrung der Überreste der Zivilisation«. HĂ€tte mein Kritiker stattdessen von der »Bewahrung der kommunistischen Diktatur, des politischen Absolutismus der Partei« gesprochen, wĂ€re er der Wahrheit nĂ€her gekommen und wir brĂ€uchten ĂŒber die Sache nicht zu streiten. Wir dĂŒrfen nicht unsere Augen davor verschließen, dass die Bolschewiki weiterhin exakt die gleichen Methoden nutzen, die sie auch in den »Momenten der dĂŒsteren Notwendigkeit, 1919, 1920 und 1921«, wie der Rezensent sagt, nutzten.

Wir befinden uns im Jahre 1925. Die militĂ€rischen Fronten wurden lĂ€ngst aufgelöst, die interne Konterrevolution wurde unterdrĂŒckt, die alte Bourgeoisie wurde eliminiert, die »Momente der dĂŒsteren Notwendigkeit« sind Vergangenheit. TatsĂ€chlich wird Russland von zahlreichen Regierungen in Europa und Asien politisch anerkannt und die Bolschewiki laden das internationale Kapital ein, wegen der natĂŒrlichen Rohstoffe in ihr Land zu kommen, die, wie Tschitscherin den weltweiten Kapitalist*innen versichert, »darauf warten, ausgebeutet zu werden«. Die »Momente dĂŒsterer Notwendigkeit« sind vorbei, aber der Terror, die Tscheka, die UnterdrĂŒckung der Rede- und Pressefreiheit und all die anderen kommunistischen Methoden vergangener Jahre sind geblieben. TatsĂ€chlich werden sie seit Lenins Tod sogar noch brutaler und barbarischer angewandt. Passiert das, um die Â»Ăœberreste der Zivilisation zu bewahren« oder um die schwĂ€chelnde Partei-Diktatur zu stĂ€rken?

Mein Kritiker klagt mich außerdem an, zu glauben, dass wenn »die Russen die Revolution Ă  la Bakunin, statt Ă  la Marx serviert« hĂ€tten, das Resultat anders und mehr zufriedenstellend gewesen wĂ€re. Ich plĂ€diere auf schuldig im Sinne der Anklage. In Wahrheit glaube ich das nicht nur, ich bin mir dessen sicher. Die Russische Revolution – prĂ€ziser, die bolschewistischen Methoden – haben eindeutig bewiesen, wie mensch eine Revolution nicht macht. Das russische Experiment beweist die FatalitĂ€t einer politischen Partei, die die Funktionen der revolutionĂ€ren Menschen an sich reißt, eines omnipotenten Staates, der versucht seinen Willen dem Land aufzuzwingen, einer Diktatur, die versucht, das neue Leben zu »organisieren«. Aber ich muss hier nicht die Überlegungen, die in meinem abschließenden Kapitel zusammengefasst sind, wiederholen.

Ein zweiter Kritiker ist der Meinung, ich sei eine »voreingenommene Zeugin«, weil ich – eine Anarchistin – Regierungen, egal welcher Form, ablehne. Der gesamte erste Teil meines Buches widerlegt die Annahme meiner Voreingenommenheit. Ich verteidigte die Bolschewiki, als ich noch in Amerika war und auch viele Monate in Russland suchte ich nach jeder Gelegenheit, um mit ihnen zu kooperieren und bei der großen Aufgabe des revolutionĂ€ren Aufbaus zu helfen. Obwohl ich Anarchistin bin und gegen Regierungen, kam ich nicht in der Erwartung nach Russland, meine Ideale verwirklicht zu sehen. Ich sah in den Bolschewiki das Symbol der Revolution und ich war bereit trotz unserer Differenzen mit ihnen zu arbeiten. Wie auch immer, wenn eine mangelnde Reserviertheit gegenĂŒber den RealitĂ€ten des Lebens bedeutet, dass mensch die Dinge nicht objektiv beurteilen kann, dann hat mein Kritiker recht. Ich hĂ€tte unmöglich zwei Jahre im kommunistischen Terror, in einem Regime, das die Versklavung aller Menschen mit sich bringt, der Vernichtung beinahe aller fundamentalen Werte, egal ob humanistisch oder revolutionĂ€r, der Korruption und Misswirtschaft leben können und dabei zurĂŒckhaltend oder »unparteiisch« im Sinne des Kritikers bleiben können. Ich zweifle, dass letzterer, auch wenn er kein Anarchist ist, das gekonnt hĂ€tte. Und könnte er es, wĂ€re das menschlich?

Die jetzige Publikation der fehlenden Kapitel in der ersten Ausgabe findet zu einer sehr bedeutenden Periode des Lebens in Russland statt. Als die »NEP«, Lenins Neue Ökonomische Politik eingefĂŒhrt wurde, erwuchs die Hoffnung auf Besserung, die Hoffnung auf schrittweise Abschaffung der Politik des Terrors und der Verfolgung. Die kommunistische Diktatur schien geneigt, den WĂŒrgegriff um die Gedanken und Leben der Menschen zu lockern. Aber die Hoffnung wĂ€hrte nicht lange. Seit Lenins Tod kehrten die Bolschewiki zum Terror der schlimmsten Tage ihrer Herrschaft zurĂŒck. Der Despotismus, der um seine Macht fĂŒrchtet, sucht Sicherheit im Blutvergießen. Mein Buch ist deshalb so aktuell wie 1922.

Als meine ersten Artikel zu Russland 1922 erschienen, und spĂ€ter, als mein Buch in Amerika publiziert wurde, wurde ich von amerikanischen Radikalen beinahe jeden Lagers heftig attackiert und denunziert. Aber ich war mir sicher, dass die Zeit kommen wĂŒrde, in der die Maske vom falschen Gesicht des Bolschewismus gerissen wĂŒrde und die große TĂ€uschung enthĂŒlt werden wĂŒrde. Das trat sogar schneller ein, als ich erwartet hatte. In den meisten zivilisierten LĂ€ndern – in Frankreich, England, Deutschland, in skandinavischen und romanischen LĂ€ndern, sogar in Amerika lichtet sich der Nebel des blinden Vertrauens schrittweise. Der reaktionĂ€re Charakter des bolschewistischen Regimes wird von den Massen erkannt, sein Terrorismus und seine Verfolgung von Nicht-Kommunist*innen verurteilt. Die Folter der politischen Opfer der Diktatur in den GefĂ€ngnissen, den Konzentrationslagern im hohen Norden und im sibirischen Exil weckt das Bewusstsein der progressiveren Teile der Welt. In fast jedem Land bilden sich Gesellschaften zur UnterstĂŒtzung und Verteidigung der politisch Verfolgten in Russland, mit dem Ziel ihre Befreiung zu erwirken und die Meinungs- und Redefreiheit in Russland zu etablieren.

Wenn meine Arbeit in diesen BemĂŒhungen helfen kann, Licht auf die tatsĂ€chliche Situation in Russland zu werfen und die Welt auf den wahren Charakter des Bolschewismus und die FatalitĂ€t von Diktatur – egal ob faschistisch oder kommunistisch – aufmerksam zu machen, dann kann ich das MissverstĂ€ndnis und die Missinterpretation von Freund*in und Feind*in gelassen tragen. Und ich werde die MĂŒhen und Geistesanstrengungen, die nötig waren, um dieses Werk zu produzieren, das jetzt, nach vielen Irrwegen endlich vollstĂ€ndig ist, nicht bereuen.

Emma Goldman
August 1925

Kapitel 1. Abschiebung nach Russland

In der Nacht des 21. Dezembers 1919 wurde ich zusammen mit zweihundertachtundvierzig anderen politischen Gefangenen aus Amerika abgeschoben. Auch wenn generell bekannt war, dass unseresgleichen abgeschoben wurden, hatten nur wenige geglaubt, dass die Vereinigten Staaten so vollstĂ€ndig ihre Vergangenheit als Asyl fĂŒr politische FlĂŒchtlinge verleugnen wĂŒrden. Manche hatten mehr als dreißig Jahre lang in Amerika gelebt und gearbeitet.

In meinem Fall wurde die Entscheidung mich loszuwerden das erste Mal 1909 bekannt, als die Bundesbehörden sich anschickten, dem Mann, dessen Name mir meine Staatsangehörigkeit verlieh, das Wahlrecht zu entziehen. Dass Washington bis 1917 wartete, lag an der Tatsache, dass das psychologische Moment zur Vollendung fehlte. Möglicherweise hĂ€tte ich meinen Fall damals anfechten sollen. Bei der damals vorherrschenden öffentlichen Meinung hĂ€tten die Gerichte den betrĂŒgerischen VorgĂ€ngen, die mich meiner Staatsangehörigkeit beraubten, vermutlich nicht stattgegeben. Aber damals schien es unglaubwĂŒrdig, dass Amerika sich zu dieser zaristischen Methode der Abschiebung herablassen wĂŒrde.

Unsere Anti-Kriegs-Kampagne befeuerte die Kriegshysterie von 1917 und das gab den Bundesbehörden die ersehnte Gelegenheit die 1909 in Rochester, N.Y. begonnene Verschwörung gegen mich zu vollenden.

Am 5. Dezember 1919, als ich einen Vortrag in Chicago hielt, wurde ich telegraphisch darĂŒber benachrichtigt, dass der Beschluss zu meiner Abschiebung nun endgĂŒltig war. Die Frage meiner StaatsbĂŒrger*innenschaft wurde daraufhin vor Gericht gebracht, aber natĂŒrlich wurde zu meinem Nachteil entschieden. Ich wollte den Fall zunĂ€chst in die nĂ€chste Instanz bringen, aber schließlich entschied ich die Sache auf sich beruhen zu lassen: Sowjetrussland lockte mich.

Geradezu lĂ€cherlich geheimnisvoll waren die Behörden hinsichtlich unserer Abschiebung. Bis zum letzten Augenblick wurden wir ĂŒber den genauen Termin im Unklaren gelassen. Dann, unerwartet in den frĂŒhen Morgenstunden des 21. Dezembers, wurden wir weggebracht. Die Kulisse, die fĂŒr dieses Spektakel errichtet worden war, war ĂŒberaus erregend. Es war Sonntag, sechs Uhr morgens, am 21. Dezember 1919, als wir begleitet von einem schweren MilitĂ€rkonvoi an Bord der Buford traten.

Achtundzwanzig Tage lang waren wir Gefangene. Wachen vor den TĂŒren unserer Kabinen Tag und Nacht, Wachen an Deck wĂ€hrend der Stunde, die es uns tĂ€glich erlaubt war, frische Luft zu atmen. Unsere mĂ€nnlichen Genossen wurden in dunklen, feuchten UnterkĂŒnften eingepfercht, nur klĂ€glich ernĂ€hrt ließ mensch uns vollkommen im Unklaren darĂŒber, wohin wir gebracht wurden. Im Geiste dachten wir erwartungsvoll an Russland, das freie, neue Russland lag vor uns.

Mein ganzes Leben lang war Russlands heroischer Kampf um Freiheit ein Leuchtfeuer fĂŒr mich gewesen. Die revolutionĂ€re Leidenschaft seiner gepeinigten MĂ€nner und Frauen, die weder Festungshaft noch katorga unterdrĂŒcken konnten, waren meine Inspiration in den dunkelsten Stunden. Als die Meldungen ĂŒber die Februarrevolution durch die Welt gingen, sehnte ich mich danach in das Land zu eilen, das dieses Wunder vollbracht und seine Menschen vom Jahrhunderte wĂ€hrenden Joch des Zarismus befreit hatte. Aber Amerika hielt mich zurĂŒck. Der Gedanke an den dreißig Jahre wĂ€hrenden Kampf fĂŒr meine Ideale, an meine Freund*innen und Mitstreiter*innen, machte es mir unmöglich, mich loszureißen. Ich wĂŒrde spĂ€ter nach Russland gehen, dachte ich mir.

Dann trat Amerika in den Krieg ein und ich musste treu zu den Menschen in Amerika stehen, die gegen ihren Willen in den Hurricane gezogen worden waren. Nach allem schuldete ich Amerika eine Menge, ich verdankte meine Entwicklung und meinen Werdegang dem Feinsten und Besten in Amerika, seinen KĂ€mpfer*innen fĂŒr die Freiheit, den Söhnen und Töchtern der kommenden Revolution. Ich wĂŒrde zu ihnen stehen. Aber die wahnsinnigen Militarist*innen beendeten meine Arbeit schon bald.

Schlussendlich war ich auf dem Weg nach Russland und alles andere war fast wie weggewischt. Ich wollte mit meinen eigenen Augen Matushka Rossiya erblicken, das Land, das von seinen politischen und ökonomischen Herscher*innen befreit worden war, den russischen Dubinushka, wie die*der BÀuer*in genannt wurde, auferstanden aus dem Staub, den russischen Arbeiter, den modernen Samson, der mit einem Streich seines mÀchtigen Armes die Grundfesten der verfaulenden Gesellschaft eingerissen hatte. Die achtundzwanzig Tage in unserem schwimmenden GefÀngnis vergingen wie in Trance. Ich war mir meiner Umgebung kaum bewusst.

Schließlich erreichten wir Finnland; wir wurden gezwungen, es in verschlossenen Waggons zu durchqueren. An der russischen Grenze wurden wir von einem Komitee der russischen Regierung empfangen, das von Zorin angefĂŒhrt wurde. Sie kamen, um die ersten politischen FlĂŒchtlinge, die wegen ihrer Meinung aus Amerika vertrieben worden waren, zu begrĂŒĂŸen.

Es war ein kalter Tag, die Erde wurde von einer Schneeschicht bedeckt, aber in unseren Herzen hatte der FrĂŒhling begonnen. Bald wĂŒrden wir das revolutionĂ€re Russland sehen. Ich wollte lieber alleine sein, wenn ich den heiligen Boden berĂŒhrte: Meine Begeisterung war zu groß und ich fĂŒrchtete, ich wĂŒrde nicht in der Lage sein, meine Emotionen zu kontrollieren. Als ich Beloostrow erreichte, war der enthusiastische Empfang, der den FlĂŒchtlingen geboten worden war, vorĂŒber, aber der Ort war immer noch ĂŒberlastet von der IntensitĂ€t der GefĂŒhle. Ich konnte die Ehrfurcht und Demut unserer Gruppe spĂŒren. In den Vereinigten Staaten waren wir wie Schwerverbrecher*innen behandelt worden, hier hingegen behandelte mensch uns wie Geschwister und Genoss*innen und wir wurden von den Roten Soldat*innen, den Befreier*innen Russlands, willkommen geheißen.

Von Beloostrow wurden wir zu einem Dorf gefahren, wo ein weiterer Empfang vorbereitet worden war: Eine dunkle Halle, erstickend voll, die BĂŒhne erhellt von Talgkerzen, eine große rote Flagge, auf der BĂŒhne eine Gruppe von Frauen in schwarzer Nonnenbekleidung. Ich stand da, wie in einem Traum inmitten der atemlosen Stille. Plötzlich ertönte eine Stimme. Sie pochte wie Metall in meinen Ohren und wirkte schwunglos, aber sie sprach vom großen Leid der russischen Bevölkerung und von den Feind*innen der Revolution. Andere richteten sich an das Publikum, aber ich war gefesselt von den Frauen in Schwarz, ihren schauderhaften Gesichtern im gelben Kerzenlicht. Waren das echte Nonnen? Hatte die Revolution selbst die Mauern des Aberglaubens eingerissen? War die Rote DĂ€mmerung selbst in die engstirnigen Ansichten dieser Asketinnen eingebrochen? Das alles wirkte sonderbar, faszinierend.

Plötzlich stand ich auf der BĂŒhne. Ich konnte nur ausstoßen, dass ich wie meine Genoss*innen nicht nach Russland gekommen war, um zu lehren: Ich war gekommen, um zu lernen, um Nahrung und Hoffnung von ihr zu ziehen, um mein Leben auf dem Altar der Revolution niederzulegen.

Im Anschluss an die Versammlung wurden wir zum wartenden Zug nach Petrograd gebracht, die Frauen unter den schwarzen Kapuzen stimmten die Internationale an und das ganze Publikum stimmte ein. Ich war in einem Waggon mit unserem Gastgeber Zorin, der in Amerika gelebt hatte und fließend Englisch sprach. Er sprach mit großem Enthusiasmus ĂŒber die sowjetische Regierung und ihre großartigen Errungenschaften. Seine Plauderei war erhellend, aber eine Aussage klang fĂŒr mich unstimmig. Als er von der politischen Organisation seiner Partei sprach, bemerkte er: »Tammany Hall ist nichts im Vergleich zu uns und auch Boss Murphy könnten wir noch ein oder zwei Dinge beibringen.« Ich dachte der Mann wĂŒrde scherzen. Welche Verbindung hĂ€tte es zwischen Tammany Hall, Boss Murphy und der sowjetischen Regierung geben sollen?

Ich fragte nach unseren Genoss*innen, die bei den ersten Meldungen ĂŒber die Revolution aus Amerika herbeigeeilt waren. Viele von ihnen seien an der Front gestorben, informierte mich Zorin, andere arbeiteten mit der sowjetischen Regierung zusammen. Und Schatoff? William Schatoff, ein brillianter Redner und Ă€ußerst fĂ€higer Organisator, war eine bekannte Persönlichkeit in Amerika und hatte schon oft mit uns zusammengearbeitet. Wir hatten ihm ein Telegramm aus Finnland gesendet und waren sehr ĂŒberrascht, dass er uns nicht geantwortet hatte. Warum war Schatoff nicht gekommen, um uns zu treffen? »Schatoff musste nach Sibirien reisen, um den Posten des Ministers fĂŒr Schienenverkehr zu ĂŒbernehmen«, sagte Zorin.

In Petrograd erhielt unsere Gruppe erneut eine Ovation. Dann wurden die Abgeschobenen zum berĂŒhmten Taurischen Palais gebracht, wo sie verpflegt und fĂŒr die Nacht einquartiert werden sollten. Zorin fragte Alexander Berkman und mich, ob wir seine GĂ€ste sein wollten. Wir stiegen in das wartende Automobil. Die Stadt war dunkel und verlassen, nicht eine Menschenseele war zu sehen. Wir waren nicht sehr weit gekommen, als das Auto abrupt anhielt und uns ein elektrisches Licht in die Augen gehalten wurde. Es war die Miliz; sie fragte nach der Losung. Petrograd hatte erst kĂŒrzlich den Judenitsch-Angriff zurĂŒckgeschlagen und befand sich immer noch im Ausnahmezustand. Dieser Prozess wiederholte sich entlang unserer Route noch hĂ€ufiger. Kurz bevor wir unser Ziel erreichten, passierten wir ein gut beleuchtetes GebĂ€ude. »Das ist unsere Polizeiwache«, erklĂ€rte Zorin, »aber wir haben dort nur noch wenige Gefangene. Die Todesstrafe ist abgeschafft und wir haben kĂŒrzlich eine allgemeine politische Amnestie ausgerufen.«

In diesem Moment kam das Auto zum Stehen. »Das erste Haus der Sowjets«, sagte Zorin, »Hier leben die meisten aktiven Mitglieder unserer Partei.« Zorin und seine Frau belegten zwei RĂ€ume, einfach, aber gemĂŒtlich eingerichtet. Tee und Erfrischungen wurden serviert und unser Gastgeber unterhielt uns mit der fesselnden Geschichte der fabelhaften Verteidigung Petrograds durch die Arbeiter*innen gegen die Truppen von Judenitsch. Wie heldenhaft waren MĂ€nner, Frauen, ja sogar Kinder zur Verteidigung der Roten Stadt herbeigeeilt! Welch wundervolle Selbstdisziplin und Zusammenarbeit hatte das Proletariat bewiesen. Der Abend verging schnell mit diesen Erinnerungen und ich war gerade dabei, mich in den fĂŒr mich vorbereiteten Raum zurĂŒckzuziehen, als eine junge Frau vorbei kam, die sich selbst als SchwĂ€gerin von »Bill« Schatoff vorstellte. Sie begrĂŒĂŸte uns herzlich und fragte uns, ob wir mit ihr nach oben kommen wollten, um ihre Schwester, die ein Stockwerk ĂŒber uns wohnte, zu treffen. Als wir ihr Appartement erreichten, wurde ich vom großen, fröhlichen Bill persönlich umarmt. Wie sonderbar von Zorin, mir zu erzĂ€hlen, dass Schatoff nach Sibirien gereist war! Was sollte das bedeuten? Schatoff erklĂ€rte, dass er Anweisung bekommen hatte, uns nicht an der Grenze zu treffen, um zu vermeiden, dass er uns unsere ersten Impressionen von Sowjetrussland vermittelt. Er war in Ungnade bei der Regierung gefallen und wĂŒrde nach Sibirien ins faktische Exil geschickt werden. Aber seine Reise war verschoben worden und deshalb konnten wir ihn trotzdem treffen.

Wir verbrachten sehr viel Zeit mit Schatoff, bevor er Petrograd verließ. Ganze Tage lauschte ich seiner ErzĂ€hlung der Revolution mit ihren Licht- und Schattenseiten und mit der sich entwickelnden Tendenz der Bolschewiki nach rechts. Schatoff jedenfalls hielt daran fest, dass es notwendig fĂŒr alle revolutionĂ€ren KrĂ€fte war, mit der bolschewistischen Regierung zusammenzuarbeiten. NatĂŒrlich hĂ€tten die Kommunist*innen viele Fehler gemacht, aber was sie taten, sei ihnen durch die vereinten Interventionen und die Blockade aufgezwungen worden.

Einige Tage nach unserer Ankunft fragte Zorin Alexander Berkman und mich, ob wir ihn zum Smolny begleiten wollen. Smolny, das ehemalige Internat fĂŒr die Töchter der Aristokratie, war zum Zentrum revolutionĂ€rer Ereignisse geworden. Beinahe jeder Stein hatte seine Rolle gespielt. Jetzt war es der Sitz der Petrograder Regierung. Der Ort war schwer bewacht und erweckte den Eindruck eines Bienenstocks von FunktionĂ€r*innen und Regierungsangestellten. Die Abteilung der Dritten Internationale war besonders interessant. Sie war im ZustĂ€ndigkeitsbereich von Sinowjew. Ich war schwer beeindruckt von den Ausmaßen des Ganzen.

Nachdem uns Zorin herumgefĂŒhrt hatte, lud er uns in den Speisesaal vom Smolny ein. Das Essen bestand aus einer guten Suppe, Fleisch und Kartoffeln, Brot und Tee. Eigentlich eine reichhaltige Mahlzeit im verhungernden Russland, dachte ich mir.

Unsere Gruppe Abgeschobener war im Smolny einquartiert worden. Ich war besorgt um meine ReisegefĂ€hrt*innen, die beiden MĂ€dchen, mit denen ich meine Kabine auf der Buford geteilt hatte. Am liebsten hĂ€tte ich sie mit mir zurĂŒck ins Erste Haus der Sowjets genommen. Zorin schickte nach ihnen. Sie kamen Ă€ußerst aufgeregt an und erzĂ€hlten uns, dass die ganze Gruppe der Abgeschobenen vom MilitĂ€r bewacht werde. Diese Neuigkeit war alarmierend. Die Menschen, die aus Amerika wegen ihrer politischen Einstellung abgeschoben worden waren, waren nun hier im revolutionĂ€ren Russland erneut Gefangene – und das drei Tage nach ihrer Ankunft. Was war passiert?

Wir wandten uns an Zorin. Er schien verlegen. »Ein MissverstĂ€ndnis«, sagte er und begann sofort Nachforschungen anzustellen. Es stellte sich heraus, dass vier gewöhnliche Kriminelle unter den politischen Abgeschobenen der Regierung der Vereinigten Staaten gefunden worden waren und deshalb eine Wache fĂŒr die ganze Gruppe abgestellt worden war. Dieses Vorgehen erschien mir ungerecht und unangebracht. Es war meine erste Lektion in Sachen bolschewistische Methoden.

Kapitel 2. Petrograd

Meine Eltern zogen nach St. Petersburg, als ich dreizehn war. Unter dem Einfluss der Disziplin einer deutschen Schule in Königsberg und der preußischen Haltung gegenĂŒber allem Russischen, wuchs ich in einer AtmosphĂ€re der Abscheu gegenĂŒber diesem Land auf. Ich fĂŒrchtete besonders die schrecklichen Nihilist*innen, die Zar Alexander II getötet hatten, der, wie ich gelernt hatte, so gut und nett gewesen sei. St. Petersburg war fĂŒr mich etwas von Grund auf Schlechtes. Aber die Fröhlichkeit der Stadt, ihre Lebhaftigkeit und ihr Glanz vertrieben schon bald meine kindischen Fantasien und ließen die Stadt wie einen Feentraum auf mich wirken. Dann wurde meine Neugier durch die revolutionĂ€re RĂ€tselhaftigkeit geweckt, die jeder*jedem anzuhaften schien, und ĂŒber die keine*r zu sprechen wagte. Als ich vier Jahre spĂ€ter mit meiner Schwester nach Amerika ging, war ich lĂ€ngst nicht mehr das deutsche Gretchen, fĂŒr das Russland das Böse bedeutete. Meine ganze Seele hatte sich gewandelt und der Samen fĂŒr das, was mein Lebenswerk werden wĂŒrde, war gesĂ€t. Von St. Petersburg hat sich meiner Erinnerung ein besonders lebhaftes Bild voller Leben und Geheimnisse eingeprĂ€gt.

Als ich 1920 nach Petrograd kam, fand ich einen völlig verĂ€nderten Ort vor. Der Ort lag beinahe in Ruinen, als wĂ€re ein Hurricane ĂŒber ihn hinweggefegt. Die HĂ€user sahen wie verfallene alte GrĂ€ber auf verwahrlosten und vergessenen Friedhöfen aus. Die Straßen waren schmutzig und verlassen; alles Leben war aus ihnen verschwunden. Vor dem Krieg lebten beinahe zwei Millionen Menschen in Petrograd, 1920 war die Bevölkerung auf fĂŒnfhunderttausend Einwohner*innen geschrumpft. Die Menschen liefen herum wie lebende Leichen; der Mangel an Nahrungsmitteln und Brennstoff laugte die Stadt langsam aus; der unerbittliche Tod griff nach ihrem Herzen. Abgemagerte und vom Frost gezeichnete MĂ€nner, Frauen und Kinder, wurden wie von Peitschen auf die Suche nach einem StĂŒck Brot oder etwas Holz getrieben. Es war ein herzzerreißender Anblick bei Tag und eine bedrĂŒckende Gewissheit bei Nacht. Besonders die NĂ€chte des ersten Monats in Petrograd waren grĂ€sslich. Die absolute Stille in dieser großen Stadt war lĂ€hmend. Das nahm mich ziemlich mit, diese schreckliche, bedrĂŒckende Stille, die nur durch gelegentliche SchĂŒsse durchbrochen wurde. Ich lag wach und versuchte, dieses RĂ€tsel zu durchdringen. Hatte Zorin nicht gesagt, die Todesstrafe sei abgeschafft? Warum diese SchĂŒsse? Zweifel ĂŒberkamen meine Gedanken, aber ich versuchte sie zur Seite zu schieben. Ich war gekommen, um zu lernen.

Viele meiner ersten EindrĂŒcke und Erkenntnisse ĂŒber die Oktoberrevolution und die darauf folgenden Ereignisse gewann ich durch die Zorins. Wie bereits erwĂ€hnt, hatten beide in Amerika gelebt, sprachen Englisch und waren begierig darauf, mich ĂŒber die Geschichte der Revolution aufzuklĂ€ren. Sie gaben sich der Sache völlig hin und arbeiteten sehr hart; er ganz besonders. Er war SekretĂ€r des Petrograder Komitees seiner Partei, daneben gab er tĂ€glich das Krasnaya Gazetta heraus und nahm an anderen AktivitĂ€ten teil.

Von Zorin hörte ich das erste Mal vom legendĂ€ren Machno. Machno war ein Anarchist, erzĂ€hlte man mir, der unter dem Zaren zur Katorga verurteilt worden war. Im Zuge der Februarrevolution befreit wurde Machno zum AnfĂŒhrer einer Armee von BĂ€uer*innen in der Ukraine, bewies dabei großes Geschick und großen Wagemut und leistete großartige Arbeit zur Verteidigung der Revolution. Einige Zeit arbeitete Machno mit den Bolschewiki zusammen und kĂ€mpfte gegen konterrevolutionĂ€re KrĂ€fte. Dann wurde er feindlich und nun bekĂ€mpft seine Armee, rekrutiert aus Bandit*innen, die Bolschewiki. Zorin berichtete, dass er Teil eines Komitees war, das zu Machno gesandt worden war, um eine VerstĂ€ndigung zu erwirken. Aber Machno wollte nicht vernĂŒnftig sein. Er setzte seinen Krieg gegen die Sowjets fort und galt als gefĂ€hrlicher KonterrevolutionĂ€r.

Ich hatte keinerlei Möglichkeiten diese Geschichte zu ĂŒberprĂŒfen, und ich hatte keinen Anlass den Zorins nicht zu glauben. Beide erschienen mir sehr gewissenhaft und hingebungsvoll in Bezug auf ihre Arbeit, ein bisschen wie religiöse Eiferer, bereit die UnglĂ€ubigen zu verbrennen, aber ebenso bereit ihre eigenen Leben fĂŒr ihre Sache zu opfern. Ich war Ă€ußerst beeindruckt von der Einfachheit ihres Lebens. Zorin bekleidete eine verantwortungsvolle Position und hĂ€tte Extrarationen bekommen können, aber sie lebten dennoch sehr bescheiden, oft bestand ihr Abendessen nur aus Hering, Schwarzbrot und Tee. Besonders beeindruckend fand ich das, weil Lisa Zorin zu dieser Zeit schwanger war.

Zwei Wochen nach meiner Ankunft in Russland wurde ich zur Alexander-Herzen-Gedenkveranstaltung im Winterpalast eingeladen. Die Marmorhalle, in der die Versammlung stattfand, schien die bittere KĂ€lte noch zu verstĂ€rken, aber die anwesenden Personen schienen die durchdringende KĂ€lte gar nicht wahrzunehmen. Die Veranstaltung war schon wegen der eigentĂŒmlichen Situation besinnlich: Alexander Herzen, einer der meistgehassten RevolutionĂ€r*innen seiner Zeit, wurde im Winterpalast geehrt! Schon frĂŒher hatte der Geist von Herzen des Öfteren im Haus der Romanows gespukt. Als die »Kolokol« im Ausland veröffentlicht wurde, sprudelnd vor der GenialitĂ€t Herzens und Turgenows, tauchte sie auf mysteriöse Art und Weise auch auf dem Tisch des Zaren auf. Nun, da die Zaren abgedankt hatten, war der Geist Herzens wiedererwacht und konnte die Verwirklichung des Traumes eines von Russlands großen MĂ€nnern bezeugen.

Eines Abends wurde ich darĂŒber informiert, dass Sinowjew aus Moskau zurĂŒckgekommen sei und mich sprechen wolle. Er kam gegen Mitternacht. Er sah sehr mĂŒde aus und wurde stĂ€ndig von dringenden Nachrichten unterbrochen. Unsere Unterredung war von eher allgemeiner Natur. Wir sprachen ĂŒber die ernste Lage in Russland, die Nahrungsmittel- und Brennstoffknappheit, dann plötzlich recht abrupt ĂŒber die Arbeitssituation in Amerika. Er war gespannt darauf, »wie bald die Revolution in den Vereinigten Staaten erwartet werden« konnte. Er hinterließ bei mir keinen bestimmten Eindruck, aber ich hatte das GefĂŒhl, dass etwas an ihm fehlte, auch wenn ich damals nicht bestimmen konnte, was es war.

Ein anderer Kommunist, den ich in den ersten Wochen hĂ€ufig sah, war John Reed. Ich kannte ihn noch aus Amerika. Er wohnte im Astoria, arbeitete hart und bereitete sich auf seine RĂŒckkehr in die Vereinigten Staaten vor. Er wĂŒrde durch Lettland reisen und war selbst besorgt, was dabei herauskommen wĂŒrde. Er war seit den Oktobertagen in Russland und momentan zum zweiten Mal hier. Wie Schatoff war er der Ansicht, dass die dunklen Seiten des bolschewistischen Regimes unvermeidbar seien. Er glaubte leidenschaftlich, dass die sowjetische Regierung schon bald von ihrer engstirnigen Parteilinie ablassen und das kommunistische Gemeinwesen etablieren wĂŒrde. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und sprachen ĂŒber die unterschiedlichen Phasen der Situation.

Bisher hatte ich keine*n der Anarchist*innen getroffen und es ĂŒberraschte mich, dass sie sich nicht meldeten. Eines Tages kam ein*e Freund*in, die*den ich aus den Staaten kannte, um mich zu fragen, ob ich einige Mitglieder einer anarchistischen Organisation treffen wolle. Bereitwillig stimmte ich zu. Von da an lernte ich eine Sichtweise auf die Russische Revolution und das bolschewistische Regime kennen, die vollkommen anders war als alles, was ich zuvor gehört hatte. Sie war so erschreckend, so furchtbar, dass ich sie nicht glauben konnte. Sie luden mich ein an einer kleinen Versammlung teilzunehmen, die sie einberufen hatten, um mir ihre Sicht zu schildern.

Am darauffolgenden Sonntag ging ich zu ihrer Konferenz. Als ich den Newski-Prospekt in der NĂ€he der Liteiny-Straße ĂŒberquerte, sah ich eine Gruppe Frauen, die sich aneinanderdrĂ€ngten, um sich vor der KĂ€lte zu schĂŒtzen. Sie waren umgeben von Soldaten, die auf sie einredeten und gestikulierten. SpĂ€ter erfuhr ich, dass diese Frauen Prostituierte waren, die sich selbst fĂŒr ein Pfund Brot, ein StĂŒck Seife oder Schokolade verkauften. Die Soldaten waren wegen ihrer Sonderrationen die einzigen, die es sich leisten konnten ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Prostitution im revolutionĂ€ren Russland? Ich war verwundert. Was tut die kommunistische Regierung gegen dieses UnglĂŒck? Was tun die Arbeiter*innen- und BĂ€uer*innen-RĂ€te? Mein*e Begleiter*in lĂ€chelte traurig. Die sowjetische Regierung hĂ€tte die Bordelle geschlossen und versuchte nun die Frauen von den Straßen zu bekommen, aber Hunger und KĂ€lte trieben sie wieder dorthin zurĂŒck; abgesehen davon mĂŒssten die Soldaten unterhalten werden. Es war zu entsetzlich, zu unglaubwĂŒrdig, um wahr zu sein, da standen diese schaudernden Kreaturen zum Verkauf und ihre KĂ€ufer waren die roten Verteidiger der Revolution. »Die verfluchten Interventionist*innen, die Blockade – sie sind verantwortlich«, sagte mein*e Begleiter*in. Ja, die KonterrevolutionĂ€re und die Blockade sind verantwortlich, versicherte ich mir selbst. Ich versuchte den Gedanken an diese zusammengedrĂ€ngte Gruppe zu verdrĂ€ngen, aber er blieb mir im GedĂ€chtnis. Ich spĂŒrte, wie etwas in mir zerbrach.

Schließlich erreichten wir den Versammlungsort der Anarchist*innen, in einem baufĂ€lligen Haus in einem schmutzigen Hinterhof. Ich wurde in einen kleinen Raum voller MĂ€nner und Frauen gefĂŒhrt. Der Anblick rief mir Bilder von vor dreißig Jahren in Erinnerung, als die Anarchist*innen in Amerika, verfolgt und von einem Ort zum nĂ€chsten gejagt, gezwungen waren, sich in einem schĂ€bigen Saal in der Orchard Street, New York zu treffen oder in einem dunklen Hinterraum eines Salons. Das war im kapitalistischen Amerika. Aber hier waren wir im revolutionĂ€ren Russland, das die Anarchist*innen mit befreit hatten. Warum sollten sie sich heimlich und an so einem Ort treffen?

An diesem Abend und am folgenden Tag lauschte ich einem Vortrag ĂŒber den Verrat der Bolschewiki an der Revolution. Arbeiter*innen aus den baltischen Fabriken sprachen ĂŒber ihre Versklavung, Matros*innen aus Kronstadt sprachen ihre Verbitterung und Empörung ĂŒber die Menschen aus, denen sie zur Macht verholfen hatten, und die nun ihre Herr*innen geworden waren. Einer der Redner war fĂŒr seine anarchistischen Ansichten von den Bolschewiki zum Tode verurteilt worden, war aber entkommen und lebte nun im Untergrund. Er erzĂ€hlte, wie den RĂ€ten der Matros*innen ihre Freiheiten geraubt wurden, wie jeder Atemzug zensiert wurde. Andere sprachen vom Roten Terror und der Repression in Moskau, die dazu fĂŒhrte, dass im September 1919 eine Bombe in eine Versammlung des Moskauer Kommitees der Kommunistischen Partei geworfen wurde. Sie erzĂ€hlten mir von den ĂŒberfĂŒllten GefĂ€ngnissen, der Gewalt, die den Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen angetan wurde. Ich lauschte mit goßer Ungeduld, weil alles in mir gegen diese Anklage aufschrie. Es klang unmöglich; das konnte einfach nicht wahr sein. Irgendeine*r war sicherlich im Unrecht, aber vermutlich waren das sie, meine Genoss*innen, dachte ich. Sie waren unvernĂŒnftig, ungeduldig nach sofortigen Ergebnissen. War nicht Gewalt unvermeidbarer Teil einer Revolution, und wurde das alles den Bolschewiki nicht von den Interventionist*innen aufgezwungen? Meine Genoss*innen waren empört! »Verkleide dich, damit die Bolschewiki dich nicht erkennen und verteile ein Pamphlet von Kropotkin bei einem sowjetischen Treffen. Dann wirst du schnell sehen, ob wir die Wahrheit gesagt haben. Aber vor allem: Zieh aus dem Ersten Haus der Sowjets aus. Lebe unter den Menschen und du wirst alle Beweise finden, die du brauchst.«

Wie kindisch und ĂŒbertrieben war das alles angesichts der Weltgeschichte, die hier in Russland stattfand! Nein, ich konnte ihren Geschichten keinen Glauben schenken. Ich wĂŒrde abwarten und die Gegebenheiten untersuchen. Aber meine Gedanken waren in Aufruhr und die NĂ€chte wurden bedrĂŒckender als jemals zuvor.

Der Tag kam, an dem ich einem Treffen der Petrograd-Sowjets beiwohnen durfte. Es gab gleich doppelten Anlass zum Feiern: Die RĂŒckkehr von Karl Radek nach Russland und Joffes Bericht ĂŒber den Friedensvertrag mit Estland. Wie ĂŒblich war ich mit den Zorins da. Die Versammlung fand im Taurischen Palais statt, dem ehemaligen Tagungsort der russischen Duma. Alle EingĂ€nge zum Saal wurden von Soldat*innen bewacht, das Podium war ebenfalls von Soldat*innen umringt, die ihr Gewehr im Anschlag hielten. Der Saal war bis zu den TĂŒren ĂŒberfĂŒllt. Ich stand auf dem Podium und blickte von oben in das Meer der Gesichter. Sie sahen ausgehungert und erbĂ€rmlich aus, die Söhne und Töchter des Volkes, die Held*innen vom Roten Petrograd. Was hatten sie fĂŒr die Revolution erduldet und erlitten! Ich fĂŒhlte mich ihnen gegenĂŒber so gering.

Sinowjew hatte den Vorsitz. Nachdem das Publikum die »Internationale« stehend gesungen hatte, eröffnete er die Versammlung. Er sprach sehr ausfĂŒhrlich. Seine Stimme ist sehr hoch, ohne Tiefen. In dem Moment, in dem ich ihn hörte, realisierte ich, was mir bei unserem ersten Treffen an ihm gefehlt hatte – Tiefe, CharakterstĂ€rke. Als nĂ€chstes kam Radek. Er war klug, geistreich, sarkastisch und er richtete seine Aufmerksamkeit auf die KonterrevolutionĂ€r*innen und die Weißen Garden. Insgesamt ein interessanter Mann und eine interessante Ansprache.

Joffe mimte den Diplomaten. WohlgenĂ€hrt und gepflegt wirkte er bei dieser Versammlung, als hĂ€tte er sich an den falschen Ort verirrt. Er sprach von den Friedensbedingungen mit Estland, die mit großem Enthusiasmus vom Publikum aufgenommen wurden. NatĂŒrlich wollten diese Menschen Frieden. WĂŒrde er in Russland jemals eintreten?

Zuletzt sprach Zorin, mit Abstand der fĂ€higste und ĂŒberzeugendste an diesem Abend. Dann wurde die Versammlung fĂŒr die Diskussion geöffnet. Ein Menschewik bat um das Wort. Sofort brach ein Tumult los. Rufe wie »VerrĂ€ter!«, »Koltschak!« und »KonterrevolutionĂ€r!« kamen aus allen Ecken des Publikums und sogar vom Podium. FĂŒr mich sah das nach einem fĂŒr eine revolutionĂ€re Versammlung unwĂŒrdigen Vorgehen aus.

Auf dem Heimweg sprach ich Zorin darauf an. Der lachte. »Redefreiheit ist ein bourgeoiser Aberglaube«, sagte er, »wĂ€hrend einer revolutionĂ€ren Periode kann es keine Redefreiheit geben«. Ich fand diese radikale Position eher fragwĂŒrdig, hatte aber den Eindruck, dass ich kein Recht hatte darĂŒber zu urteilen. Ich war Neuankömmling, wĂ€hrend die Menschen im Taurischen Palais so viel fĂŒr die Revolution erlitten und geopfert hatten. Ich hatte kein Recht ĂŒber sie zu urteilen.

Kapitel 3. Beunruhigende Gedanken

Das Leben ging weiter. Jeder Tag brachte neue zwiespĂ€ltige Gedanken und Emotionen. Was mich am meisten beschĂ€ftigte, war die Ungleichheit, die ich in meiner direkten Umgebung beobachtete. Ich bemerkte, dass die Rationen, die den Bewohner*innen des Ersten Hauses der Sowjets (Astoria) zugeteilt wurden, viel grĂ¶ĂŸer waren, als die, die die Arbeiter*innen in den Fabriken bekamen. Um ehrlich zu sein, sie waren nicht groß genug, um davon zu leben – aber keine*r im Astoria lebte ausschließlich von diesen Rationen. Die Mitglieder der Kommunistischen Partei, die im Astoria einquartiert waren, arbeiteten im Smolny und die Rationen dort waren die grĂ¶ĂŸten in ganz Petrograd. Außerdem war Handel zu dieser Zeit nicht vollkommen unterdrĂŒckt. Die MĂ€rkte waren ein lukrativer Nebenerwerb, auch wenn mir keine*r erklĂ€ren konnte oder wollte, woher die Kaufkraft kam. Die Arbeiter*innen konnten es sich nicht leisten, Butter fĂŒr 2.000 Rubel das Pfund, Zucker fĂŒr 3.000 oder Fleisch fĂŒr 1.000 zu kaufen. Die Ungleichheit war am deutlichsten in der KĂŒche des Astoria zu sehen. Ich ging dort oft hin, auch wenn es eine Zumutung war dort zu kochen: Das wilde Gerangel um ein Zoll Platz auf dem Herd, die gierigen Blicke der Frauen, dass keine*r etwas ZusĂ€tzliches im Kochtopf hatte, das Geschrei und die Streitereien, wenn eine*r ein StĂŒck Fleisch aus dem Topf seines*ihres Nachbar*in fischte! Aber es gab einen Lichtblick in dem Bild – Es war die Feindseligkeit der Diener*innenschaft, die im Astoria arbeitete. Sie waren Diener*innen, obwohl mensch sie Genoss*innen nannte, und sie spĂŒrten die Ungleichheit besonders stark: FĂŒr sie war die Revolution keine bloße Theorie, die in einigen Jahren umgesetzt werden sollte. Es war eine lebendige Sache. Eines Tages wurde ich darauf aufmerksam gemacht.

Die Rationen wurden vom Generalkommissariat verteilt, aber mensch musste sie selbst abholen. Eines Tages, als ich in einer langen Schlange darauf wartete, dass ich dran war, kam ein BĂ€uerinnenmĂ€dchen herein und fragte nach Essig. »Essig! Wer fragt nach einem solchen Luxusgut?«, riefen mehrere Frauen. Es stellte sich heraus, dass das MĂ€dchen Sinowjews Dienerin war. Sie sprach von ihm als ihrem Herrn, der sehr hart arbeite und sich sicherlich etwas dazuverdient habe. Plötzlich brach ein Sturm der EntrĂŒstung los. »Herr! Haben wir dafĂŒr Revolution gemacht, oder wollten wir nicht eigentlich alle Herrscher beseitigen? Sinowjew ist nicht wichtiger als wir alle und er hat nicht mehr verdient.«

Diese Arbeiter*innen waren vulgĂ€r, sogar brutal, aber ihr Sinn fĂŒr Gerechtigkeit war instinktiv. FĂŒr sie war die Revolution etwas Überlebenswichtiges. Sie sahen die Ungleichheit an jeder Ecke und nahmen sie bitter ĂŒbel. Ich war verstört. Ich wollte mich erneut davon ĂŒberzeugen, dass Sinowjew und die anderen AnfĂŒhrer*innen der Kommunist*innen ihre Macht nicht zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzten. Es war die Nahrungsmittelknappheit und das Fehlen einer effizienten Organisation, die es unmöglich machte, alle gleichermaßen zu verpflegen und natĂŒrlich war die Blockade und nicht die Bolschewiki daran schuld. Die verbĂŒndeten Intervenitonist*innen, die Russland an die Kehle wollten, waren der Grund dafĂŒr.

Jede*r Kommunist*in, die*den ich getroffen habe, wiederholte diesen Gedanken, sogar einige der Anarchist*innen hielten an ihm fest. Die kleine Gruppe, die der sowjetischen Regierung feindselig gegenĂŒber stand, war nicht ĂŒberzeugend. Aber wie ließ sich diese ErklĂ€rung mir gegenĂŒber in Einklang mit den Geschichten bringen, die ich jeden Tag erlebte – Geschichten des systematischen Terrors, unbarmherziger Verfolgung und der UnterdrĂŒckung anderer, revolutionĂ€rer KrĂ€fte?

Ein anderer Umstand, der mich ĂŒberraschte, war, dass sich jedes Mal, wenn die Rationen ausgegeben wurden, Fleisch, Fisch, Seife, Kartoffeln, ja sogar Schuhe auf den MĂ€rkten nur so stapelten. Wie kamen diese Dinge auf die MĂ€rkte? Jede*r sprach darĂŒber, aber keine*r schien es zu wissen. Eines Tages war ich in einem Uhrmacher*innengeschĂ€ft, als ein Soldat hereinkam. Er sprach mit dem Inhaber auf Jiddisch und erzĂ€hlte ihm, dass er gerade mit einer Ladung Tee aus Sibirien zurĂŒckgekommen sei. Ob der Uhrmacher fĂŒnfzig Pfund nehmen wĂŒrde? Tee wurde zu dieser Zeit zu Höchstpreisen verkauft – keine*r außer den wenigen Privilegierten konnte sich so einen Luxus leisten. NatĂŒrlich nahm der Uhrmacher den Tee. Als der Soldat den Laden verlassen hatte, fragte ich den Inhaber, ob er es nicht ziemlich gefĂ€hrlich finden wĂŒrde, ein so illegales GeschĂ€ft so offen abzuschließen. ZufĂ€llig verstehe ich Jiddisch, erzĂ€hlte ich ihm. FĂŒrchtete er nicht, ich könnte ihn verraten? »Ach, das macht nichts«, antwortete der Mann unbekĂŒmmert, »die Tscheka weiß bereits davon – sie nimmt sich Anteile von dem Soldaten und mir«.

Ich fing an zu ahnen, dass der Grund fĂŒr viele der Übel nicht nur außerhalb Russlands lag, sondern auch in Russland selbst. Aber dann bereichern sich Polizist*innen und Kriminalbeamt*innen ĂŒberall, argumentierte ich. Das ist das ĂŒbliche Problem der Vetternwirtschaft. In Russland, wo die Knappheit von Nahrungsmitteln und drei Jahre Hungersnot die meisten Menschen notwendigerweise zu Gaunern gemacht haben, ist Diebstahl unvermeidlich. Die Bolschewiki versuchen das mit eiserner Faust zu unterdrĂŒcken. Wie könnte mensch sie verantwortlich machen? Aber so sehr ich es auch versuchte, ich konnte meine Zweifel nicht unterdrĂŒcken. Ich tastete nach moralischer UnterstĂŒtzung, nach etwas Zuspruch, nach einer*m, die*der Licht auf die verwirrenden Fragen werfen könnte.

Also schrieb ich Maxim Gorki. Er könnte vielleicht helfen. Ich lenkte seine Aufmerksamkeit auf seine eigene Betroffenheit und EnttĂ€uschung, als er Amerika besuchte. Er hatte an dessen Demokratie und dessen Liberalismus geglaubt und stattdessen Engstirnigkeit und fehlende Gastfreundschaft vorgefunden. Ich war mir sicher, Gorki wĂŒrde das Ringen in mir verstehen, auch wenn die Ursache nicht die gleiche war. WĂŒrde er sich mit mir treffen? Zwei Tage spĂ€ter bekam ich eine kurze Nachricht, in der er mich bat, ihn zu besuchen.

Ich habe Gorki seit vielen Jahren bewundert. Er war der lebende Beweis fĂŒr meinen Glauben daran, dass ein*e kreative*r KĂŒnstler*in nicht zum Schweigen gebracht werden konnte. Gorki, das Kind des Volkes, der Verstoßene, war durch sein Genie zu einem der GrĂ¶ĂŸten weltweit geworden, einem, der mit seinem Stift und seinem tiefen menschlichen Wohlwollen die sozial Verstoßenen zu unseren Verwandten machte. Jahrelang reiste ich durch Amerika und stellte den Amerikaner*innen Gorkis Genie vor, ich erlĂ€uterte die GrĂ¶ĂŸe, Schönheit und Menschlichkeit dieses Mannes und seiner Werke. Nun wĂŒrde ich ihn treffen und durch ihn einen flĂŒchtigen Blick in die komplexe Seele Russlands werfen.

Der Haupteingang zu seinem Haus war vernagelt, als ich ankam, und es schien keinen Weg hinein zu geben. Ich wollte schon verzweifelt aufgeben, als eine Frau auf eine schmuddelige Treppe deutete. Ich stieg die Treppe hinauf und klopfte an die erste TĂŒr, die ich sah. Sie wurde aufgerissen und ich wurde fĂŒr einen Moment vom Licht und Dampf einer ĂŒberhitzten KĂŒche geblendet. Dann wurde ich in ein großes Esszimmer gefĂŒhrt. Es war nur spĂ€rlich beleuchtet, kĂŒhl und dĂŒster mit Ausnahme eines Feuers und einer großen Sammlung niederlĂ€ndischen Porzellans an den WĂ€nden. Eine der drei Frauen, die ich in der KĂŒche bemerkt hatte, setzte sich mit mir an den Tisch und tat so, als wĂŒrde sie ein Buch lesen, aber beobachtete mich die ganze Zeit aus den Augenwinkeln. Es war eine unbehagliche halbe Stunde des Wartens.

Schließlich kam Gorki herein. Groß, hager und hustend, er sah krank und erschöpft aus. Er nahm mich mit in sein Arbeitszimmer, halbdunkel und deprimierend. Wir hatten uns gerade gesetzt, als die TĂŒr aufflog und ihm eine andere junge Frau, die ich zuvor nicht gesehen hatte, augenscheinlich ein Glas dunkler, flĂŒssiger Medizin brachte. Dann begann das Telefon zu klingeln und wenige Minuten spĂ€ter wurde Gorki aus dem Raum gerufen. Ich bemerkte, dass es mir nicht möglich sein wĂŒrde, mit ihm zu sprechen. Als er zurĂŒckkam, musste er meine EnttĂ€uschung bemerkt haben. Wir einigten uns darauf, unser GesprĂ€ch zu verschieben, bis sich eine weniger hektische Gelegenheit ergab. Er brachte mich zur TĂŒr und bemerkte, »Du solltest die Baltische Flotte besuchen. Die Matros*innen von Kronstadt sind fast alle instinktive Anarchist*innen. Dort könntest du fĂŒndig werden.« Ich lĂ€chelte. »Instinktive Anarchist*innen?«, fragte ich, »bedeutet das, sie sind unverdorben von Vorurteilen, schlicht und aufgeschlossen?«

»Genau das meine ich«, antwortete er.

Das GesprĂ€ch mit Gorki hatte mich deprimiert. Auch mein zweites Treffen mit ihm, anlĂ€sslich meiner ersten Reise nach Moskau, war kaum zufriedenstellender. Im selben Zug reisten Radek, Demjan Bedny, der berĂŒhmte bolschewistische Versschmied, und Sipperowitsch, der damalige PrĂ€sident der Petrograder Gewerkschaften. Wir alle waren im selben Waggon, dem, der fĂŒr bolschewistische AmtstrĂ€ger*innen und staatliche WĂŒrdentrĂ€ger*innen reserviert war. GemĂŒtlich und gerĂ€umig. Auf der anderen Seite musste der »einfache« Mann, der*die Nicht-Kommunist*in ohne Einfluss sich den Zugang zu den immer ĂŒberfĂŒllten Waggons regelrecht erkĂ€mpfen, vorausgesetzt er hatte einen propusk fĂŒr die Reise – eine Ă€ußerst schwierig zu beschaffende Sache.

Ich verbrachte die Zeit wĂ€hrend der Reise damit, ĂŒber die russischen ZustĂ€nde zu diskutieren, mit Sipperowitsch, einem freundlichen Mann mit tiefen Überzeugungen, und Demjan Bedny, einem großen, grobschlĂ€chtig aussehenden Mann. Radek schwang eine lange Rede ĂŒber seine Erfahrungen in Deutschland und in deutschen GefĂ€ngnissen.

Als ich erfuhr, dass Gorki sich im Zug befand, freute ich mich auf eine neue Gelegenheit einer Unterhaltung mit ihm. Er bat mich zu sich. Die Sache, die mich in diesem Moment am meisten beschĂ€ftigte, war ein Artikel, der einige Tage vor meiner Abreise in der Petrograder Prawda erschienen war. Er beschĂ€ftigte sich mit moralisch verkommenen Kindern und der*die Verfasser*in empfahl, diese ins GefĂ€ngnis zu stecken. Nichts, was ich wĂ€hrend meiner sechs Wochen in Russland bisher gehört oder gesehen hatte, hatte mich so wĂŒtend gemacht wie diese brutale und antiquierte Einstellung gegenĂŒber Kindern. Ich wollte wissen, was Gorki ĂŒber diese Sache dachte. NatĂŒrlich war er gegen GefĂ€ngnisstrafen fĂŒr moralisch Verkommene, er argumentierte stattdessen fĂŒr Besserungsanstalten. »Was meinst du mit moralisch verkommen?«, fragte ich ihn. »Unsere Kinder sind das Ergebnis von Alkoholmissbrauch wĂ€hrend des Russisch-Japanischen Krieges und der Syphilis. Was außer moralischer Verkommenheit hĂ€tte aus einem solchen Erbe hervorgehen sollen?«, antwortete er. Ich argumentierte, dass Moralvorstellungen sich mit den UmstĂ€nden und dem Klima einer Gesellschaft Ă€ndern, und dass, vorausgesetzt mensch glaubt an die Theorie des freien Willens, mensch Moral nicht als eine gegebene Sache betrachten kann. Bei Kindern sei der Verantwortungssinn noch nicht besonders ausgeprĂ€gt und ihnen fehle der Geist der sozialen Zugehörigkeit. Aber Gorki hielt daran fest, dass es eine beĂ€ngstigende Verbreitung moralischer Verkommenheit unter Kindern gĂ€be und dass diese FĂ€lle abgesondert werden mĂŒssten.

Dann schnitt ich das Thema an, das mich am meisten beschĂ€ftigte. Was ist mit Verfolgung und Terrror – waren all diese Schrecken unvermeidbar oder lag ein Teil der Schuld dafĂŒr im Bolschewismus selbst? Die Bolschewiki haben Fehler gemacht, aber sie haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, sagte Gorki trocken. Nichts anderes hĂ€tte mensch seiner Meinung nach erwarten können.

Ich erinnerte mich an einen bestimmten Artikel von Gorki, den er in seiner Zeitschrift New Life veröffentlicht hatte. Ich hatte diese in der Strafanstalt von Missouri gelesen. Es war eine vernichtende Anklage gegen die Bolschewiki gewesen. Es muss gewichtige GrĂŒnde gegeben haben, die Gorkis Ansichten so fundamental verĂ€ndert hatten. Vielleicht hat er recht. Ich muss warten. Ich muss die Situation analysieren, ich muss all die Fakten kennen. Aber vor allem muss ich den Bolschewismus selbst bei der Arbeit beobachten.

Wir sprachen ĂŒber das Schauspiel. Bei meinem ersten Besuch, als ich mich vorgestellt hatte, hatte ich Gorki einen Werbeflyer fĂŒr den Schauspiel-Kurs gezeigt, den ich in Amerika gegeben hatte. John Galsworthy war unter den BĂŒhnenautor*innen, die ich darin diskutiert hatte. Gorki hatte sich ĂŒberrascht darĂŒber gezeigt, dass ich Galsworthy als KĂŒnstler betrachtete. Seiner Ansicht nach konnte Galsworthy nicht mit Bernard Shaw verglichen werden. Ich musste widersprechen. Ich verkannte Shaw nicht, aber hielt Galsworthy fĂŒr den grĂ¶ĂŸeren KĂŒnstler. Ich bemerkte, dass Gorki irritiert war. Sein trockener Husten hielt an. Ich brach die Diskussion ab. Bald verließ er mich. Das GesprĂ€ch hatte mich geknickt. Es hatte mir nichts gegeben.

Als wir in Moskau in den Bahnhof einliefen, war mein Begleiter, Demjan Bedny, verschwunden und ich stand mit all meinem GepĂ€ck auf dem Bahnsteig. Radek kam zu meiner Rettung. Er rief einen GepĂ€cktrĂ€ger, nahm mich und mein GepĂ€ck mit zu seinem bereitstehenden Automobil und bestand darauf, dass ich mit in sein Appartement im Kreml kommen sollte. Dort wurde ich liebenswĂŒrdig von seiner Frau begrĂŒĂŸt und zum Essen eingeladen, das von ihrem DienstmĂ€dchen serviert wurde. Anschließend nahm sich Radek der schwierigen Aufgabe an, mich im Hotel National, auch bekannt als das Erste Haus der Moskauer Sowjets, unterzubringen. Trotz all seines Einflusses dauerte es Stunden, bis er ein Zimmer fĂŒr mich ergattert hatte.

Radeks luxoriöses Appartement, das DienstmĂ€dchen und das prĂ€chtige Abendessen wirkten sonderbar in Russland. Aber die kameradschaftliche FĂŒrsorge Radeks und die Gastfreundschaft seiner Frau waren wohltuend fĂŒr mich. Außer bei den Zorins und den Schatoffs war ich mit so etwas nicht in BerĂŒhrung gekommen. Ich spĂŒrte, dass Freundlichkeit, MitgefĂŒhl und SolidaritĂ€t in Russland immer noch vorhanden waren.

Kapitel 4. Moskau: Erste EindrĂŒcke

Von Petrograd nach Moskau zu kommen fĂŒhlt sich an, wie in kĂŒrzester Zeit aus einer WĂŒste ins aktive Leben zu kommen, so groß ist der Unterschied. Als ich den großen, offenen Platz vor dem Moskauer Hauptbahnhof betrat, war ich beeindruckt vom Anblick beschĂ€ftigter Menschengruppen, Taxifahrer*innen und TrĂ€ger*innen. Das gleiche Bild offenbarte sich auf dem ganzen Weg vom Hauptbahnhof bis zum Kreml. Die Straßen waren voll von MĂ€nnern, Frauen und Kindern. Beinahe jede*r trug ein BĂŒndel oder zog einen beladenen Schlitten. Hier war Leben und Bewegung, völlig anders als die bedrĂŒckende Stille in Petrograd.

Ich bemerkte eine betrĂ€chtliche Sichtbarkeit des MilitĂ€rs in der Stadt und eine Menge MĂ€nner in Lederbekleidung mit Pistolen im GĂŒrtel. »Tscheka – unsere Sonderkommission«, erklĂ€rte Radek. Ich hatte schon frĂŒher von der Tscheka gehört: Petrograd sprach von ihr mit Furcht und Hass. Weder Soldat*innen noch Tschekist*innen waren in der Stadt an der Newa besonders sichtbar. Hier in Moskau schienen sie ĂŒberall zu sein. Ihre Anwesenheit erinnerte mich an eine Bemerkung, die Jack Reed gemacht hatte: »Moskau ist ein militĂ€risches Lager«, hatte er gesagt, »Spione ĂŒberall, die BĂŒrokratie Ă€ußerst autokratisch. Ich fĂŒhle mich immer erleichtert, wenn ich Moskau verlasse. Aber Petrograd ist halt auch eine proletarische Stadt und sie ist durchdrungen vom Geist der Revolution.« Moskau war schon immer voller Hierarchien. Trotzdem war das Leben intensiv, vielseitig und interessant. Was mich am brutalsten traf, neben der Sichtbarkeit des Militarismus, war die Selbstbezogenheit der Menschen. Sie schienen keinerlei Interesse aneinander zu haben. Jede*r eilte vorĂŒber, wie eine gesonderte Einheit, die nur mit sich selbst beschĂ€ftigt ist. Dabei drĂ€ngten und stießen sie gegen alle anderen. Wiederholt sah ich Frauen oder Kinder vor Erschöpfung zusammenbrechen, aber keine*r hielt an und leistete Hilfe. Die Menschen starrten mich an, wenn ich mich ĂŒber den Haufen auf dem glitschigen BĂŒrgersteig beugte oder die BĂŒndel aufsammelte, die auf die Straße gefallen waren. Ich sprach mit Freund*innen ĂŒber das, was auf mich wie fehlendes MitgefĂŒhl wirkte. Die erklĂ€rten es zum einen Teil als Ergebnis des allgemeinen Misstrauens und Argwohns, die von der Tscheka verbreitet wurden, und zum anderen Teil mit der zeitraubenden Aufgabe die tĂ€gliche Verpflegung zu besorgen. Mensch hatte weder Kraft noch GefĂŒhle ĂŒbrig, um an andere zu denken. Trotzdem schien hier keine so große Knappheit an Lebensmitteln wie in Petrograd zu herrschen und die Menschen waren wĂ€rmer und besser angezogen.

Ich verbrachte sehr viel Zeit auf den Straßen und den MarktplĂ€tzen. Die meisten davon, darunter auch der berĂŒhmte Sukhareva-Markt, waren in vollem Betrieb. Gelegentlich fĂŒhrten Soldat*innen dort Razzien durch, aber normalerweise wurden sie einfach ertragen, um dann einfach weiterzumachen. Die MĂ€rkte waren der lebendigste und interessanteste Teil des Lebens in der Stadt. Hier trafen Proletarier*innen und Aristokrat*innen, Kommunist*innen und Bourgeoisie, BĂ€uer*innen und Intellektuelle aufeinander. Hier verband sie der allgemeine Wunsch danach zu kaufen und zu verkaufen, zu handeln und zu feilschen. Hier konnte mensch sowohl einen zum Verkauf stehenden, rostigen Metalltopf finden als auch exquisite Ikonografien, ein altes Paar Schuhe und aufwendig verarbeitete Spitze, einige Meter billigen Baumwollstoff und wunderschönes, altes persisches Tuch. Die Reichen der vergangenen Zeit, hungrig und abgemargert, trennten sich von ihren letzten BesitztĂŒmern, die Reichen der neuen Zeit kauften sie. Das war in der Tat ein erstaunlicher Anblick im revolutionĂ€ren Russland.

Wer kaufte die Pracht der Vergangenheit und woher kam die Kaufkraft dafĂŒr? Es gab zahlreiche KĂ€ufer*innen. In Moskau war mensch nicht so zurĂŒckhaltend mit AuskĂŒnften wie in Petrograd, mensch konnte diese AuskĂŒnfte auf der Straße bekommen.

Die Menschen in Russland waren selbst nach vier Jahren des Krieges und drei Jahren der Revolution unkompliziert. ZunĂ€chst waren sie Fremden gegenĂŒber argwöhnisch und wortkarg, aber wenn sie hörten, dass eine*r aus Amerika kam und nicht zu der regierenden politischen Partei gehörte, verloren sie ihre ZurĂŒckhaltung langsam. Ich habe viele AuskĂŒnfte von ihnen bekommen und einige ErklĂ€rungen fĂŒr Dinge, die mich seit meiner Ankunft verwirrten. Ich sprach hĂ€ufig mit den Arbeiter*innen, BĂ€uer*innen und Frauen auf den MĂ€rkten.

Die KrĂ€fte, die die Russische Revolution in Gang gebracht hatten, waren fĂŒr diese einfachen Menschen ein RĂ€tsel geblieben, aber die Revolution selbst war tief in ihre Seelen eingedrungen. Sie verstanden nichts von Theorien, aber sie hatten geglaubt, dass die verhassten Barin (Herr*innen) endlich verschwunden sein wĂŒrden, aber nun herrschten die Barin ĂŒber sie wie zuvor. »Die Barin haben alles«, sagten sie, »Weißbrot, Kleidung, sogar Schokolade, wĂ€hrend wir gar nichts haben.« »Kommunismus, Gleichheit, Freiheit«, spotteten sie, »alles LĂŒgen und BetrĂŒgereien«.

Ich kehrte zum National zurĂŒck, lĂ€diert und niedergeschlagen, meine Visionen allmĂ€hlich zerrĂŒttet, meine Grundfesten der Überzeugung bröckelnd. Aber ich wĂŒrde daran festhalten. Im Grunde, dachte ich, konnten die einfachen Leute die gigantischen Schwierigkeiten, mit denen die sowjetische Regierung konfrontiert war, doch nicht verstehen: Die imperialistischen KrĂ€fte, die Russland angriffen, die zahlreichen Angriffe, die sie ihrer MĂ€nner beraubten, die sonst in der Produktion eingesetzt wĂ€ren, die Blockade, die erbarmungslos die JĂŒngsten und SchwĂ€chsten Russlands tötete. NatĂŒrlich konnten die Menschen diese Dinge nicht verstehen, aber ich durfte mich nicht von ihrer Bitterkeit, die aus ihrem Leiden resultierte, blenden lassen. Ich musste geduldig sein. Ich musste die Quelle der Übel, die mich plagten, finden.

Das National war wie das Astoria in Petrograd ein ehemaliges Hotel, aber nicht annÀhernd in so gutem Zustand. Dort wurden keine Rationen ausgegeben, mit Ausnahme von einem Dreiviertelpfund Brot alle zwei Tage. Stattdessen gab es dort einen gewöhnlichen Speisesaal, in dem das Abendessen und andere Mahlzeiten serviert wurden. Die Mahlzeiten bestanden aus Suppe und ein wenig Fleisch, manchmal Fisch oder Pfannkuchen und Tee. Abends gab es meistens Kasha und Tee. Das Essen war nicht besonders reichhaltig, aber mensch hÀtte davon leben können, wÀre es nicht so abscheulich zubereitet worden.

Ich konnte keinen Grund dafĂŒr erkennen, die Lebensmittel so zu ruinieren. Als ich die KĂŒche besuchte, entdeckte ich eine Reihe von Diener*innen, die von einigen Beamt*innen, Kommandant*innen und Inspektor*innen beaufsichtigt wurden. Das KĂŒchenpersonal wurde schlecht bezahlt, zusĂ€tzlich bekamen sie nicht die gleiche Verpflegung wie wir. Sie nahmen diese Diskriminierung ĂŒbel und hatten kein Interesse an ihrer Arbeit. Das resultierte in Gaunerei und Verschwendung, einem Verbrechen angesichts der allgemeinen Nahrungsmittelknappheit. Ich fand heraus, dass nur wenige Bewohner*innen des National ihre Speisen im Speisesaal einnahmen. Sie bereiteten ihre Speisen in einer zu diesem Zweck reservierten KĂŒche selbst zu oder ließen sie dort zubereiten. Dort fand ich, wie bereits im Astoria, das gleiche Geschubse um einen Platz auf dem Herd vor, das gleich GezĂ€nk und Gestreite, dieselben gierigen Blicke, mit denen mensch sich argwöhnisch beĂ€ugte. War das Kommunismus in Aktion, fragte ich mich. Ich bekam die ĂŒblichen ErklĂ€rungen zu hören: Judenitsch, Denikin, Koltschak, die Blockade – aber diese formelhaften Phrasen stellten mich nicht lĂ€nger zufrieden.

Bevor ich Petrograd verließ, riet mir Jack Reed: »Wenn du nach Moskau kommst, melde dich bei Angelica Balabanowa. Sie wird dich bereitwillig empfangen und dich aufnehmen, wenn es dir nicht gelingt, ein Zimmer zu finden.« Ich hatte von Balabanowa bereits gehört, kannte ihre Arbeit und war neugierig, sie zu treffen.

Einige Tage nachdem ich in Moskau angekommen war, meldete ich mich bei ihr. WĂŒrde sie mich empfangen? Ja, sofort, auch wenn sie sich nicht gut fĂŒhlte. Ich fand Balabanowa in einem kleinen, schmucklosen Raum zusammengekrĂŒmmt auf dem Sofa liegen. Sie war keine anziehende Person, bis auf ihre Augen. Sie waren groß und leuchtend und strahlten Sympathie und Freundlichkeit aus. Sie empfing mich Ă€ußerst liebenswĂŒrdig, als wĂ€ren wir alte Freund*innen und bestellte sofort den unabdingbaren Samowar. Über unserem Tee sprachen wir von Amerika, der Arbeiter*innenbewegung dort, meine Abschiebung und schließlich ĂŒber Russland. Ich stellte ihr die Fragen, die ich bereits vielen Kommunist*innen gestellt hatte, betreffend der Unterschiede und Diskrepanzen, die mich bei jedem meiner Schritte begleiteten. Sie ĂŒberrraschte mich dadurch, dass sie nicht die ĂŒblichen Entschuldigungen vorbrachte. Sie war die erste, die nicht in den alten Kanon einstimmte. Sie machte grĂ¶ĂŸtenteils den Mangel an Nahrungsmitteln, Brennstoffen und Kleidung fĂŒr die Bestechung und Korruption verantwortlich, aber im Ganzen war sie der Meinung, dass das Leben an sich niedertrĂ€chtig und beschrĂ€nkt sei. »Ein Felsen, an dem die grĂ¶ĂŸten Hoffnungen zerbersten. Das Leben vereitelt die besten Absichten und bricht selbst die edelsten GemĂŒter«, sagte sie. Eine eher unĂŒbliche Meinung fĂŒr eine Marxistin, eine Kommunistin und eine mitten im SchlachtgetĂŒmmel. Ich wusste, dass sie damals SekretĂ€rin der Dritten Internationale war. Hier hatte ich es mit einer Persönlichkeit zu tun, einer, die nicht nur ein Echo von sich gab, eine, die ein tiefes VerstĂ€ndnis fĂŒr die KomplexitĂ€t der russischen Situation mitbrachte. Ich verließ sie zutiefst beeindruckt und von ihren traurigen, leuchtenden Augen angezogen.

Ich entdeckte schon bald, dass Balabanowa – oder Balabanoff, wie sie es vorzog genannt zu werden – jeder*jedem zur VerfĂŒgung stand. Obwohl sie in schlechter gesundheitlicher Verfassung war und viele Ämter bekleidete, fand sie immer Zeit, sich um die BedĂŒrfnisse ihrer zahlreichen Bittsteller*innen zu kĂŒmmern. Oft gab sie ihre Rationen an andere weiter und besaß dann selbst nicht einmal mehr die notwendigsten GĂŒter. Sie war stĂ€ndig damit beschĂ€ftigt, Medizin und kleine Köstlichkeiten fĂŒr die Kranken und Leidenden aufzutreiben. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt den gestrandeten Italiener*innen, von denen es eine ganze Menge in Moskau und Petrograd gab. Balabanowa hatte viele Jahre in Italien gelebt und gearbeitet und war beinahe selbst italienische StaatsbĂŒrgerin geworden. Sie fĂŒhlte sich mit ihnen verbunden, die ebensoweit von ihrer Heimat entfernt waren wie von den Ereignissen in Russland. Sie war ihre Freundin, ihre Ratgeberin, ihre grĂ¶ĂŸte UnterstĂŒtzerin in einer Welt des Ringens und KĂ€mpfens. Aber nicht nur um die Italiener*innen, sondern um beinahe jede*n sorgte sich diese bemerkenswerte kleine Frau: Keine*r benötigte einen kommunistischen Mitgliedsausweis, um Einlass in Angelicas Herze gewĂ€hrt zu bekommen. Kein Wunder, dass einige ihrer Genoss*innen sie als »Sentimentale, die ihre wertvolle Zeit fĂŒr NĂ€chstenliebe opferte«, betrachteten. Ich hatte viele heftige Auseinandersetzungen darĂŒber mit der Art von Kommunist*innen, die kaltherzig und hart geworden waren, die insgesamt die QualitĂ€ten verloren hatten, die die russischen Idealist*innen der Vergangenheit ausgezeichnet hatten.

Eine ganz Ă€hnliche Kritik wie die an Balabanowa hatte ich auch ĂŒber einen anderen fĂŒhrenden Kommunisten, Lunatscharski, gehört. Bereits in Petrograd erzĂ€hlte mensch mir spöttisch, Lunatscharski sei »ein Wirrkopf, der Millionen an alberne Projekte verschwendet.« Aber ich war gespannt, den Mann, der Kommissar eines der wichtigsten Bereiche in Russland war, nĂ€mlich der Bildung, kennenzulernen. Bald ergab sich eine Gelegenheit dazu.

Der Kreml, die ehemalige Zitadelle des Zarismus, wurde schwer bewacht und war fĂŒr die »einfachen« Leute unzugĂ€nglich. Aber ich hatte eine Verabredung und kam in Begleitung eines Mannes, der einen Berechtigungsschein hatte, also kam ich ohne Probleme an den Wachen vorbei. Bald erreichten wir die RĂ€ume von Lunatscharski. Sie befanden sich innerhalb der Mauern in einem alten, idyllischen GebĂ€ude. Obwohl der Empfangsraum voll mit Leuten war, die darauf warteten, empfangen zu werden, rief mich Lunatscharski gleich, nachdem ich angekĂŒndigt worden war, zu sich.

Er begrĂŒĂŸte mich Ă€ußerst herzlich. Eine seiner ersten Fragen war, ob ich beabsichtige, »ein freier Vogel zu bleiben«, oder ob ich Lust hĂ€tte, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich war ĂŒberrascht. Warum sollte mensch seine Freiheit aufgeben, besonders in der Bildungsarbeit? Waren da nicht Eigeninitiative und Freiheit unerlĂ€sslich? Jedenfalls war ich gekommen, um von Lunatscharski mehr ĂŒber das revolutionĂ€re Bildungssystem in Russland zu erfahren, von dem wir in Amerika so viel gehört hatten. Besonders interessiert war ich an den Zuwendungen, die die Kinder bekamen. Die Moskauer Prawda, ebenso wie die Zeitungen in Petrograd hatten mich durch eine Kontroverse ĂŒber die Behandlung der moralisch Verkommenen beunruhigt. Ich zeigte mich ĂŒberrascht ĂŒber eine solche Haltung in Sowjetrussland. »NatĂŒrlich, das ist alles barbarisch und antiquiert«, sagte Lunatscharski, »und ich kĂ€mpfe dagegen mit allen Mitteln. Die UnterstĂŒtzer*innen von GefĂ€ngnissen fĂŒr Kinder sind alte Strafrechtsjurist*innen, die noch immer an zaristische Methoden glauben. Ich habe eine Kommission aus Ärzt*innen, PĂ€dagog*innen und Psycholog*innen damit beauftragt, sich dieser Sache anzunehmen. NatĂŒrlich dĂŒrfen diese Kinder nicht bestraft werden.« Ich fĂŒhlte mich enorm erleichtert. Vor mir war endlich ein Mann, der von den grausamen veralteten Methoden der Bestrafung Abstand nahm. Ich erzĂ€hlte ihm von der großartigen Arbeit, die im kapitalistischen Amerika von Judge Lindsay und einigen experimentellen Schulen fĂŒr zurĂŒckgebliebene Kinder geleistet wurde. Lunatscharski war sehr interessiert. »Ja, das ist genau das was wir hier wollen, das amerikanische Bildungssystem«, rief er aus. »Sicherlich meinst du nicht das öffentliche Schulsystem Amerikas?«, fragte ich. »Kennst du die rebellische Bewegung in Amerika gegen die Bildungsmethoden an den öffentlichen Schulen? Die Arbeit von Professor Dewey und anderen?« Lunatscharski hatte kaum etwas davon mitbekommen. Russland war so lange von der westlichen Welt abgeschnitten, dass es einen großen Mangel an BĂŒchern ĂŒber moderne Bildung gab. Er war neugierig, von den neuen Ideen und Methoden zu hören. Ich spĂŒrte, dass Lunatscharski eine Person voller Vertrauen und Hingabe an die Revolution war, einer, der die große Aufgabe der Bildung auch unter physisch und geistig schwierigen Bedingungen fortfĂŒhren wollte.

Er schlug vor, eine Lehrer*innenkonferenz einzuberufen, wenn ich Interesse daran hĂ€tte, mit ihnen ĂŒber die neuen Tendenzen in der Bildung in Amerika zu sprechen. Ich war sofort einverstanden. SpĂ€ter sollte ich auch Schulen und andere Institutionen in seinem Einflussbereich besuchen. Als ich Lunatscharski verließ, war ich voll neuer Hoffnung. Ich wĂŒrde mit ihm zusammenarbeiten, dachte ich. Welchen grĂ¶ĂŸeren Dienst könnte ich den Menschen in Russland erweisen?

WĂ€hrend meines Aufenthalts in Russland sah ich Lunatscharski mehrmals. Er war immer der gleiche freundliche, liebenswĂŒrdige Mann, aber ich begann schon bald zu bemerken, dass er in seiner Arbeit durch KrĂ€fte innerhalb seiner eigenen Partei behindert wurde: die meisten seiner guten Absichten und Entscheidungen wurden niemals verwirklicht. Offenbar war Lunatscharski in der gleichen Maschine gefangen, die augenscheinlich alles in ihrer eisernen Faust hielt. Was war das fĂŒr eine Maschine? Wer kontrollierte ihre Bewegungen?

Obwohl Besucher*innen des National sehr stark kontrolliert wurden und keine*r in der Lage dazu war ein- oder auszugehen ohne eine spezielle propusk (Erlaubnis), gelang es Frauen und MĂ€nnern unterschiedlicher politischer Lager, mich zu erreichen: Anarchist*innen, Linke SozialrevolutionĂ€r*innen, Mitarbeiter*innen und Menschen, die ich aus Amerika kannte und die nach Russland gekommen waren, um ihre Rolle in der Revolution zu spielen. Sie alle waren in tiefem Vertrauen und mit großen Hoffungen gekommen, aber beinahe alle waren entmutigt, einige sogar verbittert. Auch wenn ihre politischen Ansichten völlig unterschiedlich waren, erzĂ€hlten mir beinahe alle meine Besucher*innen die gleiche Geschichte, die Geschichte der Flut der Revolution, des wundervollen Geistes, der die Menschen voranbrachte, der Möglichkeiten der Massen, der Rolle der Bolschewiki als Vertreter*innen der radikalsten revolutionĂ€ren Slogans und ihrem Verrat an der Revolution, nachdem sie sich die Macht gesichert hatten. Alle sprachen vom Friedensvertrag von Brest-Litowsk als Beginn des Niedergangs. Die Linken SozialrevolutionĂ€r*innen, ernsthafte und kultivierte Menschen, die unter den Zaren sehr gelitten hatten und nun ihre Hoffnungen und Erwartungen durchkreuzt sahen, waren besonders emotional in ihrem Urteil. Sie begrĂŒndeten ihre Aussagen durch den Nachweis des Chaoses, das durch die Methoden der gewaltsamen Beschlagnahme und der Strafexpeditionen zu den Dörfern angerichtet wurde, sowie mit dem Abgrund zwischen Stadt und Land, dem Hass, der zwischen BĂ€uer*innen und Arbeiter*innen geschĂŒrt wird. Sie erzĂ€hlten von der Verfolgung ihrer Genoss*innen, von Erschießungen unschuldiger MĂ€nner und Frauen und von frevelhafter Ineffizienz, Verschwendung und Zerstörung.

Wie gelang es den Bolschewiki an der Macht zu bleiben? Schließlich waren sie nur eine kleine Minderheit, hatten ĂŒbertriebenen SchĂ€tzungen zufolge gerade einmal fĂŒnfhunderttausend Mitglieder. Die russischen Massen waren erschöpft vom Hunger und eingeschĂŒchtert durch den Terrorismus, wurde mir erzĂ€hlt. Schlimmer noch, sie hatten das Vertrauen in alle Parteien und alle Ideale verloren. Nichtsdestotrotz gab es hĂ€ufig BĂ€uer*innenaufstĂ€nde in verschiedenen Teilen Russlands, aber diese wurden skrupellos niedergeschlagen. Außerdem gab es andauernd Streiks in Moskau, Petrograd und anderen Industriezentren, aber die Zensur war so grĂŒndlich, dass kaum eine Nachricht darĂŒber jemals die Massen erreichte.

Ich fragte meine Besucher*innen nach Interventionen. »Wir wollen keine Einmischung von außen«, war ihre gleichlautende Ansicht. Sie waren der Ansicht, dass das vor allem den Bolschewiki nutzen wĂŒrde. Sie hatten das GefĂŒhl, dass sie, solange Russland attackiert wurde, nicht einmal in der Lage dazu waren, die Bolschewiki öffentlich zu kritisieren, geschweige denn das Regime anzugreifen. »Wurden den Bolschewiki ihre Taktiken und Methoden nicht durch die Interventionen und die Blockade aufgezwungen?«, fragte ich. »Nur teilweise«, war die Antwort. »Die meisten ihrer Methoden entspringen ihrem UnverstĂ€ndnis ĂŒber die BedĂŒrfnisse und Eigenarten der Menschen in Russland und ihrer irren Besessenheit von der Diktatur, die nicht einmal eine Diktatur des Proletariats ist, sondern eine Diktatur einer kleinen Gruppe ĂŒber das Proletariat.«

Als ich das Thema auf die VolksrĂ€te und die Wahlen brachte, lĂ€chelten meine Besucher*innen: »Wahlen! Es gibt nichts derartiges in Russland, außer du nennst Drohungen und Terror Wahlen. Es geht einzig und allein darum, dass die Bolschewiki ihre Mehrheit behalten. Ein paar Menschewiki, SozialrevolutionĂ€r*innen und Anarchist*innen dĂŒrfen sich unter die Sowjets mischen, aber sie haben nicht einmal den Hauch einer Chance sich Gehör zu verschaffen.«

Das gezeichnete Bild war dunkel und trĂŒb. Aber ich hielt weiter an meinem Glauben fest.

Kapitel 5. Ich treffe mich mit Leuten

Bei einer Konferenz der Moskauer Anarchist*innen im MĂ€rz hörte ich das erste Mal von der Rolle, die einige Anarchist*innen in der Russischen Revolution gespielt hatten. WĂ€hrend des Aufstands im Juli 1917 wurden die KronstĂ€dter Matros*innen vom Anarchisten Jartschuck angefĂŒhrt; die Russische konstituierende Versammlung wurde von Schelesnjakow zerstreut; die Anarchist*innen hatten an allen Fronten gekĂ€mpft und dabei geholfen, die Angriffe der Aliierten zurĂŒckzuschlagen. Es herrschte Einigkeit darĂŒber, dass die Anarchist*innen stets unter den Ersten waren, die sich dem Feuer entgegenstellten wurden und zugleich auch die Aktivsten im Hinblick auf die Wiederaufbauarbeit waren. Eine der grĂ¶ĂŸten Fabriken in der NĂ€he von Moskau, die wĂ€hrend der gesamten Periode der Revolution nicht aufgehört hatte zu arbeiten, wurde von einem*einer Anarchist*in verwaltet. Anarchist*innen leisteten wichtige Arbeit im AuslandsbĂŒro und in allen anderen Ressorts. Ich erfuhr, dass die Anarchist*innen den Bolschewiki buchstĂ€blich zur Macht verholfen hatten. FĂŒnf Monate danach, im April 1918 wurde der Club der Anarchist*innen in Moskau mit dem Einsatz von Maschinengewehren zerschlagen und ihre Presse unterdrĂŒckt. Das war [unmittelbar] bevor Mirbach in Moskau eintraf. Die Gegend musste von »störenden Elementen gesĂ€ubert« werden, und die Anarchist*innen waren die ersten Opfer. Seither hat die Verfolgung von Anarchist*innen nicht mehr aufgehört.

Die Moskauer Konferenz der Anarchist*innen war nicht nur kritisch gegenĂŒber dem herrschenden Regime, sondern auch gegenĂŒber den eigenen Genoss*innen. Mensch sprach unumwunden ĂŒber die negativen Seiten der Bewegung und das Fehlen von Einheit und Kooperation wĂ€hrend der revolutionĂ€ren Periode. SpĂ€ter wĂŒrde ich mehr ĂŒber die interne Zwietracht in der anarchistischen Bewegung erfahren. Vor ihrem Abschluss entschied die Konferenz, das sowjetische Regime zur Freilassung der inhaftierten Anarchist*innen aufzufordern und anarchistische Bildungsarbeit zu legalisieren. Die Konferenz bat Alexander Berkman und mich, die entsprechende Resolution zu unterzeichnen. FĂŒr mich war es schockierend, dass Anarchist*innen irgendeine Regierung bitten wollten, ihre Bestrebungen zu legalisieren, aber ich glaubte noch immer daran, dass die sowjetische Regierung wenigstens bis zu einem gewissen Grad die Revolution verkörperte. Ich unterzeichnete die Resolution und weil ich mich in wenigen Tagen mit Lenin treffen wĂŒrde, versprach ich, mit ihm ĂŒber diese Angelegenheit zu sprechen.

Das Treffen mit Lenin wurde von Balabanowa arrangiert. »Du musst Iljitsch treffen; sprich mit ihm ĂŒber die Dinge, die dich verunsichern und die Arbeit, die du gerne tun wĂŒrdest«, hatte sie gesagt. Aber es verging eine gewisse Zeit, bis sich die Gelegenheit ergab. Schließlich rief mich Balabanowa eines Tages an und fragte mich, ob ich sofort gehen könne. Lenin hatte ein Auto geschickt und wir wurden zĂŒgig hinĂŒber zum Kreml gefahren, passierten die Wachen ohne angehalten zu werden und wurden schließlich in den Arbeitsraum des allmĂ€chtigen PrĂ€sidenten der Volkskommissare gefĂŒhrt.

Als wir den Raum betraten, hielt Lenin eine Kopie der BroschĂŒre »Trial and Speeches« in seinen HĂ€nden. Ich hatte meine einzige Kopie an Balabanowa gegeben, die das Booklet offensichtlich uns voraus an Lenin geschickt hatte. Eine von Lenins ersten Fragen war: »Wann können wir die soziale Revolution in Amerika erwarten?« Ich hatte diese Frage schon wiederholt zu hören bekommen, aber ich war verblĂŒfft, sie von Lenin gestellt zu bekommen. Es schien mir unvorstellbar, dass ein Mann mit seinen Informationsmöglichkeiten so wenig ĂŒber die Bedingungen in Amerika wusste.

Mein Russisch war damals holprig, aber Lenin erklĂ€rte, dass, obwohl er viele Jahre in Europa gelebt hatte, er keine Fremdsprachen gelernt hĂ€tte: Die Unterhaltung musste deshalb auf russisch fortgesetzt werden. Plötzlich verfiel er in Lobreden ĂŒber unsere Reden vor Gericht. »Was fĂŒr eine grandiose Gelegenheit fĂŒr Propaganda«, sagte er, »das ist es wert, dafĂŒr ins GefĂ€ngnis zu gehen, wenn die Gerichte so erfolgreich als Forum genutzt werden können«. Ich fĂŒhlte förmlich, wie er mich mit einem kalten Blick anstarrte, wie er in mein gesamtes Wesen eindrang, als wĂŒrde er abwĂ€gen, welchen Nutzen ich ihm bringen könnte. Augenblicklich fragte er mich, was ich zu tun gedenke. Ich erzĂ€hlte ihm, dass ich Amerika zurĂŒckgeben wollte, was es damals fĂŒr Russland getan hatte. Ich sprach von der Gesellschaft der Freunde der russischen Freiheit, die vor dreißig Jahren von George Kennan ins Leben gerufen und spĂ€ter von Alice Stone Blackwell und anderen liberalen Amerikaner*innen neu gegrĂŒndet worden war. Ich skizzierte kurz die großartige Arbeit, die diese Organisation geleistet hatte, um Aufmerksamkeit fĂŒr den Kampf um Freiheit in Russland zu generieren und die große moralische und finanzielle UnterstĂŒtzung, die diese Gesellschaft ĂŒber all die Jahre geleistet hatte. Mein Plan war es, eine solche Gesellschaft in Russland fĂŒr die Freiheit in Amerika zu organisieren. Lenin schien enthusiastisch. »Das ist eine großartige Idee und du sollst jede Hilfe haben, die du brauchst. Aber natĂŒrlich wird das unter der Schirmherrschaft der Dritten Internationale stehen. Schreib deine PlĂ€ne nieder und schicke sie mir.«

Ich schnitt das Thema der Anarchist*innen in Russland an. Ich zeigte ihm einen Brief, den ich von Martens, dem Sowjetischen ReprĂ€sentanten in Amerika, kurz vor meiner Deportation erhalten hatte. Martens bestĂ€tigte darin, dass die Anarchist*innen in Russland vollstĂ€ndige Rede- und Pressefreiheiten genießen wĂŒrden. Seit meiner Ankunft habe ich zahlreiche Anarchist*innen in GefĂ€ngnissen und ihre Presse unterdrĂŒckt vorgefunden. Ich erklĂ€rte, dass ich nicht daran denken könne, mit der sowjetischen Regierung zusammenzuarbeiten, solange meine Genoss*innen ihrer Ansichten wegen in GefĂ€ngnissen sĂ€ĂŸen. Außerdem erzĂ€hlte ich ihm von der Resolution der Moskauer Konferenz der Anarchist*innen. Er hörte geduldig zu und versprach, dieser Angelegenheit in seiner Partei zur Aufmerksamkeit zu verhelfen. »Aber was Redefreiheit angeht«, bemerkte er, »handelt es sich dabei natĂŒrlich um eine bourgeoise Ansicht. In einer revolutionĂ€ren Periode kann es keine Redefreiheit geben. Die BĂ€uer*innen sind gegen uns, weil wir ihnen nichts im Tausch fĂŒr ihr Brot geben können. Wir werden sie auf unserer Seite haben, wenn wir ihnen im Gegenzug etwas anbieten können. Dann kannst du so viel Redefreiheit haben, wie du willst, aber nicht jetzt. KĂŒrzlich brauchten wir die BĂ€uer*innen, um etwas Holz in die Stadt zu karren. Sie forderten Salz. Wir dachten, wir hĂ€tten kein Salz, aber dann entdeckten wir siebzig Pfund in Moskau in einem unserer Warenlager. Plötzlich waren die BĂ€uer*innen willens, das Holz zu transportieren. Deine Genoss*innen mĂŒssen warten, bis wir die BedĂŒrfnisse der BĂ€uer*innen befriedigen können. Bis dahin sollten sie mit uns zusammenarbeiten. Schau dir zum Beispiel William Schatoff an, der uns half, Petrograd von Judenitsch zu befreien. Er arbeitet mit uns zusammen und wir schĂ€tzen seine Dienste. Schatoff war unter den ersten, die den Rotbannerorden verliehen bekamen.«

Freie Rede, freie Presse, die geistigen Errungenschaften von Jahrhunderten, was waren sie fĂŒr diesen Mann? Als Puritaner war er ĂŒberzeugt davon, dass nur seine PlĂ€ne Russland erretten könnten. Die, die seine PlĂ€ne unterstĂŒtzten, waren die Richtigen, die anderen konnten nicht toleriert werden.

Ein durchtriebener Asiate, dieser Lenin. Er wusste, wie mensch die SchwĂ€chen der Menschen durch Schmeicheleien, Belohnungen und Auszeichnungen ausnutzte. Als ich ging, war ich ĂŒberzeugt davon, dass seine Sicht auf die Menschen ausschließlich utilitaristischer Natur war, er sah in ihnen nur den Nutzen, den sie ihm zur Erreichung seiner Ziele bringen könnten. Aber was waren seine Ziele – die Revolution?

Ich erarbeitete den Plan fĂŒr die Gesellschaft der russischen Freund*innen der amerikanischen Freiheit und feilte die Feinheiten der Arbeit aus, die ich im Sinn hatte, aber ich weigerte mich, mich unter den schĂŒtzenden FlĂŒgel der Dritten Internationale zu begeben. Ich erklĂ€rte Lenin, dass die Menschen in Amerika nur geringes Vertrauen in Politik setzten und es sicherlich als Zumutung empfinden wĂŒrden, von einer politischen Maschinerie aus Moskau gelenkt und gefĂŒhrt zu werden. Ich selbst war auch nicht durchgĂ€ngig einverstanden mit der Dritten Internationale.

Einige Zeit spĂ€ter traf ich Tschitscherin. Ich glaube, es war vier Uhr Nachmittags, als unsere Unterredung stattfand. Auch er fragte mich nach den Aussichten einer Revolution in Amerika und schien meine EinschĂ€tzung anzuzweifeln, als ich ihm erklĂ€rte, dass es dafĂŒr in naher Zukunft keine Hoffnung gĂ€be. Wir sprachen ĂŒber die I.W.W., von der er offenbar ein falsches Bild hatte. Ich versicherte Tschitscherin, dass ich, obwohl ich der I.W.W. nicht angehörte, zugeben mĂŒsse, dass sie die einzige bewusste und effektive revolutionĂ€re, proletarische Organisation in den Vereinigten Staaten war und in Zukunft noch eine wichtige Rolle in der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung des Landes spielen wĂŒrde.

Neben Balabanowa beeindruckte mich Tschitscherin als der Einfachste und Bescheidenste der fĂŒhrenden Kommunist*innen in Moskau. Aber alle waren sie gleich naiv in ihrer EinschĂ€tzung der Welt außerhalb von Russland. War ihr Urteil so fehlerhaft, weil sie so lange von Europa und Amerika abgeschnitten gewesen waren? Oder lag es an dem dringenden Bedarf an Hilfe aus Europa, dass sie diesen Wunsch verspĂŒrten? Jedenfalls klammerten sie sich alle an die Hoffnung auf herannahende Revolutionen in westlichen LĂ€ndern und vergaßen dabei, dass Revolutionen nicht auf Bestellung stattfanden, und waren offensichtlich ohne Bewusstsein dafĂŒr, dass ihre eigene Revolution aus dem Ruder gelaufen war und schrittweise getötet wurde.

Der Herausgeber des Londoner Daily Herald, war bereits vor mir zusammen mit einem seiner Reporter nach Moskau gegangen. Sie wollten Kropotkin besuchen und hatten dafĂŒr ein besonderes Fahrzeug bekommen. Zusammen mit Alexander Berkman und A. Schapiro durfte ich Mr. Lansbury begleiten.

Kropotkins Haus stand etwas zurĂŒckversetzt im Garten, abseits der Straße. Nur ein schwacher Strahl einer Petroleumlampe erhellte den Pfad zum Haus. Kropotkin empfing uns mit seiner typischen LiebenswĂŒrdigkeit, offensichtlich erfreut ĂŒber unseren Besuch. Aber ich erschrak ĂŒber seine verĂ€nderte Erscheinung. Das letzte Mal, dass ich ihn gesehen hatte, war im Jahr 1907 in Paris gewesen, wo ich nach einem anarchistischen Kongress in Amsterdam gewesen war. Kropotkin war fĂŒr viele Jahre aus Frankreich verbannt gewesen und hatte gerade erst die Erlaubnis bekommen zurĂŒckzukehren. Er war damals fĂŒnfundsechzig Jahre alt gewesen, aber immer noch so voller Leben und Energie, dass er viel jĂŒnger gewirkt hatte. Nun wirkte er alt und erschöpft. Ich war gespannt darauf, von Kropotkin ErklĂ€rungen fĂŒr die Probleme, die mich beschĂ€ftigten, zu bekommen, besonders zum VerhĂ€ltnis der Bolschewiki zur Revolution. Was war seine Meinung? Warum war er so lange stumm geblieben?

Ich habe mir damals nichts aufgeschrieben, deshalb kann ich nur die Essenz dessen wiedergeben, was Kropotkin sagte. Er erzĂ€hlte, dass die Revolution die Menschen zu großen geistigen Leistungen befĂ€higt habe und damit den Weg fĂŒr tiefgreifende soziale UmwĂ€lzungen geebnet habe. Wenn es den Menschen erlaubt gewesen wĂ€re, ihre freigesetzte Energie einzusetzen, wĂ€re Russland nicht in der derzeitigen, ruinösen Verfassung. Die Bolschewiki, die von der revolutionĂ€ren Welle an die Spitze gebracht worden waren, hatten die Aufmerksamkeit der Menschen das erste Mal durch radikale revolutionĂ€re Slogans auf sich gelenkt und so das Vertrauen der Massen und die UnterstĂŒtzung militanter RevolutionĂ€re gewonnen.

Er fuhr fort zu erzĂ€hlen, dass die Bolschewiki schon frĂŒh wĂ€hrend der Oktoberrevolution damit begannen, die Interessen der Revolution der Errichtung ihrer Diktatur unterzuordnen, die jede soziale AktivitĂ€t lĂ€hmte und unterdrĂŒckte. Er behauptete, dass die Genossenschaften das wichtigste Medium gewesen seien, um die Interessen der BĂ€uer*innen und Arbeiter*innen zusammenzubringen. Die Genossenschaften gehörten zu den ersten Dingen, die zerschlagen wurden. Er sprach mit großer Anteilnahme ĂŒber diese UnterdrĂŒckung, diese Verfolgung, diese Hetzjagd auf jeden Hauch einer Meinung und nannte zahlreiche Beispiele fĂŒr die Not und das Elend der Menschen. Er betonte, dass die Bolschewiki Sozialismus und Kommunismus in den Augen der Menschen in Russland verraten hatten.

»Warum hast du nicht deine Stimme gegen dieses Übel erhoben, gegen diese Maschine, die der Revolution das Leben aussaugte?«, fragte ich. Er nannte zwei GrĂŒnde. So lange Russland von den vereinten Imperialist*innen attackiert wurde und Frauen und Kinder in Russland in Folge der Blockade starben, konnte er nicht in das schrille Geschrei der Ex-RevolutionĂ€r*innen in ihrem Verlangen nach »Vergeltung« einstimmen. Er bevorzugte es zu schweigen. Zweitens gab es in Russland kein Medium, in dem er Gehör hĂ€tte finden können. Sich bei der Regierung zu beschweren war sinnlos. Ihr Anliegen war es, sich selbst an der Macht zu halten. Sie konnte keine RĂŒcksicht auf solche »Kleinigkeiten« wie Menschenrechte oder menschliche Leben nehmen. Dann ergĂ€nzte er: »Wir haben immer die Gefahren des Marxismus kritisiert. Warum sollten wir nun ĂŒberrascht sein?«

Ich fragte Kropotkin, ob er seine EindrĂŒcke und Beobachtungen aufschreiben wĂŒrde. Schließlich mĂŒsse er doch den wichtigen Nutzen eines solchen Zeugnisses fĂŒr seine Genoss*innen und die Arbeiter*innen – ja, eigentlich fĂŒr die ganze Welt – sehen. »Nein«, sagte er, »es ist unmöglich zu schreiben, wenn mensch sich inmitten des großen menschlichen Leidens befindet, wenn sich jede Stunde neue Tragödien ereignen. Außerdem könnte es jeden Moment eine Hausdurchsuchung geben. Die Tscheka stellt alles auf den Kopf und nimmt jedes StĂŒck Papier mit. Unter einer solchen, dauerhaften Bedrohung ist es unmöglich, irgendetwas Geschriebenes aufzubewahren. Aber neben diesen Überlegungen ist da mein Buch ĂŒber Ethik. Ich kann nur wenige Stunden am Tag arbeiten und ich muss mich zum Nachteil alles anderen darauf konzentrieren.«

Nach einer zĂ€rtlichen Umarmung, die Peter denen, die er liebte, immer gab, kehrten wir zu unserem Wagen zurĂŒck. Das Herz war mir schwer, mein Verstand war verwirrt und verstört, von dem was ich gehört hatte. Außerdem war ich vom schlechten gesundheitlichen Zustand unseres Genossen bekĂŒmmert: Ich hatte Angst er wĂŒrde den nĂ€chsten FrĂŒhling nicht erleben. Der Gedanke, dass Peter Kropotkin zu Grabe getragen werden wĂŒrde, ohne dass die Welt je erfahren wĂŒrde, was er von der Russischen Revolution gehalten hatte, war fĂŒrchterlich.

Kapitel 6: Vorbereitungen fĂŒr Abgeschobene aus Amerika

In Moskau fanden in kurzer Zeit zahlreiche Ereignisse von Bedeutung statt. Ich wollte in dieser lebendigen Stadt bleiben, aber da ich all meine Habe in Petrograd gelassen hatte, entschied ich dorthin zurĂŒckzukehren und dann wieder zurĂŒck nach Moskau zu kommen, um Lunatscharski bei seiner Arbeit zu helfen. Wenige Tage vor meiner Abreise besuchte mich eine junge Frau, eine Anarchistin. Sie kam vom Petrograder Museum der Revolution und sie fragte mich, ob ich die Verantwortung fĂŒr eine Zweigstelle des Museums in Moskau ĂŒbernehmen wolle. Sie erklĂ€rte, dass die ursprĂŒngliche Idee des Museums von der berĂŒhmten alten RevolutionĂ€rin Wera Nikolajewna Figner stamme, und dass es kĂŒrzlich von unvoreingenommenen Personen realisiert worden sei. Die Mehrheit der MĂ€nner und Frauen, die in dem Museum arbeiteten, seien keine Kommunist*innen, sagte sie; aber sie seien von der Revolution besessen und begierig darauf, etwas zu erschaffen, das in Zukunft fĂŒr aufrichtige Student*innen der großen Russischen Revolution als Quelle der Information und Inspiration dienen wĂŒrde. Als meine Besucherin erfuhr, dass ich in KĂŒrze nach Petrograd zurĂŒckkehren wĂŒrde, lud sie mich ein, das Museum zu besuchen und mich mit seiner Arbeit vertraut zu machen.

Bei meiner Ankunft in Petrograd wartete unvorhergesehene Arbeit auf mich. Zorin informierte mich darĂŒber, dass er von Tschitscherin davon in Kenntnis gesetzt worden war, dass rund Tausend Russ*innen aus Amerika abgeschoben worden seien und sich auf dem Weg nach Russland befĂ€nden. Sie mussten an der Grenze abgeholt werden und in Petrograd mussten sofort UnterkĂŒnfte fĂŒr sie organisiert werden. Zorin fragte mich, ob ich der Kommision, die zu diesem Zweck gegrĂŒndet werden wĂŒrde, angehören wolle.

Den Plan einer solchen Kommission fĂŒr Abgeschobene aus Amerika hatten wir kurz nach unserer Ankunft in Russland Zorin gegenĂŒber angeschnitten. Damals hatte uns Zorin an Tschitscherin verwiesen, um mit ihm daĂŒber zu sprechen, was wir getan hatten. Aber es vergingen drei Monate, ohne dass irgendetwas diesbezĂŒglich getan wurde. Unterdessen pilgerten unsere Genoss*innen von der Buford von Einrichtung zu Einrichtung, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie etwas Gutes tun könnten. Sie waren ein armseliges HĂ€ufchen, diese MĂ€nner, die mit so großen Hoffnungen nach Russland gekommen waren, bereit dem revolutionĂ€ren Volk ihre Dienste zu erbringen. Die meisten von Ihnen waren begabte Arbeiter*innen, Mechaniker*innen – MĂ€nner, die Russland dringend brauchte; Aber die schwerfĂ€llige bolschewistische Maschine und die generelle Ineffizienz machten es zu einer schwierigen Angelegenheit, ihnen Arbeit zu beschaffen. Einige hatten selbst versucht, Arbeit zu bekommen, aber sie hatten nur wenig erreicht. Schlimmer noch, die, die eine Anstellung gefunden hatten, gewannen sehr schnell den Eindruck, dass die russischen Arbeiter*innen ihren BrĂŒdern aus Amerika deren Eifer und StĂ€rke ĂŒbelnahmen. »Warte nur ab, bis du so ausgehungert bist wie wir«, sagten sie, »warte, bis du die Segen der Kommission zu schmecken bekommen hast und wir werden sehen, ob du immer noch so eifrig bist.« Die Abgeschobenen wurden in jeder Hinsicht entmutigt und ihr Enthusiasmus gedĂ€mpft.

Um diese unnötige Verschwendung von Energie und dieses unnötige Leid zu vermeiden, wurde schließlich die Kommission in Petrograd ins Leben gerufen. Sie bestand aus Rawitsch, der damaligen Innenministerin des nördlichen Distrikts, ihrem SekretĂ€r Kaplun, zwei Mitgliedern des BĂŒros der Kriegsgefangenen, Alexander Berkman und mir. Die neuen Abgeschobenen wurden in zwei Wochen erwartet und es gab eine Menge zu erledigen, um ihre Ankunft vorzubereiten. UnglĂŒcklicherweise konnten wir keine aktive Beteiligung von Rawitsch erwarten, weil sie zu beschĂ€ftigt war. Neben dem Posten der Innenministerin war sie Oberhaupt der Petrograder BĂŒrgerwehr und vertrat außerdem das Moskauer AuswĂ€rtige Amt in Petrograd. Sie arbeitete gewöhnlich von acht Uhr morgens bis zwei Uhr nachts. Kaplun, ein sehr fĂ€higer Verwalter, war verantwortlich fĂŒr die gesamte interne Arbeit der Abteilung und konnte deswegen nur sehr wenig seiner Zeit entbehren. Es blieben also nur vier Personen, um in kurzer Zeit die gigantische Aufgabe zu bewĂ€ltigen, UnterkĂŒnfte fĂŒr tausend Abgeschobene im hungerleidenden und ruinösen Russland zu organisieren. Zudem musste Alexander Berkman, der das Empfangskomitee anfĂŒhrte, zur lettischen Grenze reisen, um die Verbannten zu empfangen.

Es war eine schier unbewĂ€ltigbare Aufgabe fĂŒr eine einzige Person, aber ich war entschlossen, der zweiten Gruppe Abgeschobener die bitteren Erfahrungen und die EnttĂ€uschungen meiner GefĂ€hrt*innen von der Buford zu ersparen. Ich konnte diese Aufgabe nur unter der Bedingung ĂŒbernehmen, dass mir das Recht zugesprochen wurde, die verschiedenen Ressorts der Regierung zu betreten, denn ich hatte bereits erlebt, wie lĂ€hmend der bĂŒrokratische Papierkram sein konnte, der so oft die innigsten und tatkrĂ€ftigsten Bestrebungen durchkreuzte. Kaplun willigte ein. »Wende dich jederzeit und fĂŒr alles, was du brauchst, an mich«, sagte er, »ich werde veranlassen, dass du ĂŒberall empfangen wirst und mit allem, was du brauchst, unterstĂŒtzt wirst. Wenn das nicht helfen sollte, ersuche die Tscheka um Hilfe«, fĂŒgte er hinzu. Ich habe noch nie zuvor die Polizei zu Hilfe gerufen, sagte ich zu ihm, warum sollte ich das im revolutionĂ€ren Russland tun? »In bourgeouisen LĂ€ndern ist das eine andere Sache«, erklĂ€rte Kaplun, »bei uns verteidigt die Tscheka die Revolution und bekĂ€mpft Sabotage.« Ich begann meine Arbeit, entschlossen ohne die Tscheka auszukommen. Es muss doch sicher andere Methoden geben, dachte ich.

Dann begann ein Wettlauf durch Petrograd. Materialien waren sehr rar und es war dank der unfassbar zentralisierten bolschewistischen Methoden Ă€ußerst schwierig, diese zu beschaffen. Um ein Pfund NĂ€gel zu bekommen, musste mensch folglich AntrĂ€ge in ungefĂ€hr zehn bis fĂŒnfzehn Ämtern einreichen; um ein paar LeintĂŒcher zu ergattern oder einfaches Geschirr, vergeudete mensch Tage. Überall in den Ämtern standen Massen von Regierungsangestellten herum, rauchten Zigaretten und warteten auf die Stunde, in der ihre mĂŒhselige Tagesaufgabe erfĂŒllt war. Meine Kolleg*innen vom BĂŒro fĂŒr Kriegsgefangene schĂ€umten vor Wut ĂŒber die Ă€rgerlichen und unnötigen Verzögerungen, aber vergeblich. Sie drohten mit der Tscheka, mit Konzentrationslagern, ja sogar mit raztrel (Erschießung). Letzteres war die beliebteste Drohung. Immmer wenn es Schwierigkeiten gab, hörte mensch sofort raztreliat – erschossen werden. Aber der Ausdruck, so schrecklich auch seine Bedeutung war, verlor allmĂ€hlich seine Wirkung bei den Menschen: Der Mensch gewöhnt sich an alles.

Ich beschloss andere Methoden auszuprobieren. Ich erzĂ€hlte den Angestellten in den Ämtern von der lebhaften Teilhabe der selbstbewussten amerikanischen Arbeiter*innen an der großen Russischen Revolution und von ihrem Vertrauen und ihrer Hoffnung in das russische Proletariat. Die Menschen waren sofort interessiert, aber die Fragen, die sie stellten, waren ebenso seltsam wie bemitleidenswert: »Haben die Menschen in Amerika genug zu essen? Wann wird die Revolution dort stattfinden? Warum bist du ins verhungernde Russland gekommen?« Sie waren begierig nach Informationen und Nachrichten, diese mental und physisch verhungernden Menschen, abgeschnitten von jedem Kontakt mit der westlichen Welt durch die barbarische Blockade. Dinge aus Amerika waren etwas Wundervolles fĂŒr sie. Ein StĂŒck Schokolade oder ein Cracker waren ungekannte Leckereien fĂŒr sie, sie erwiesen sich als SchlĂŒssel zu allen Herzen.

Innerhalb von zwei Wochen schaffte ich es erfolgreich, die meisten Dinge fĂŒr die erwarteten Abgeschobenen zu beschaffen, darunter Möbel, Leinen und Geschirr. Ein Wunder, wie alle sagten.

Allerdings gestaltete sich die Renovierung der HĂ€user, die als UnterkĂŒnfte dienen sollten, als schwierige Aufgabe. Ich inspizierte das, was, wie mir gesagt wurde, einst Erste-Klasse-Hotels gewesen waren. Ich fand sie im ehemaligen Rotlichtviertel gelegen vor; billige Absteigen waren das gewesen, bis die Bolschewiki alle Bordells schlossen. Sie waren voll von Krankheitserregern, ĂŒbelriechend und schmutzig. Es war keine kleine Aufgabe, diese dunklen Löcher innerhalb von zwei Wochen in geeignete Behausungen zu verwandeln. Ein neuer Farbanstrich war ein Luxusgut, an das nicht zu denken war. Wir konnten nichts tun als die Möbel und VorhĂ€nge aus den RĂ€umen zu bringen und sie grĂŒndlich zu reinigen und zu desinfizieren.

Eines Morgens wurde eine Gruppe verloren aussehender Kreaturen von zwei MilizionĂ€ren in mein provisorisches BĂŒro begleitet. Sie seien gekommen, um zu arbeiten, informierte mensch mich. Die Gruppe bestand aus einem einarmigen, alten Mann, einer schwindsĂŒchtigen Frau und acht Jungen und MĂ€dchen, noch Kinder, blass, ausgehungert und in Lumpen gekleidet. »Woher kommen die UnglĂŒcklichen?« »Das sind Spekulant*innen«, antwortete einer der MilizionĂ€re, »wir haben sie auf dem Markt gefasst.« Die Gefangenen begannen zu weinen. Sie seien keine Spekulant*innen, protestierten sie, sie seien hungrig, weil sie zwei Tage lang kein Brot bekommen hĂ€tten. Sie seien gezwungen gewesen zum Markt zu gehen und ZĂŒndhölzer und Bindfaden zu verkaufen, um ein kleines bisschen Brot zu bekommen. Mitten in dieser Szene wurde der alte Mann ohnmĂ€chtig vor Erschöpfung und bewies damit besser als es Worte je gekommt hĂ€tten, das er nur aus Hunger spekuliert hatte. Ich hatte solche »Spekulant*innen« bereits zuvor gesehen, sie wurden von Konvois mit geladenen Waffen, die auf die RĂŒcken der Gefangenen gerichtet waren, durch die Straßen von Moskau und Petrograd getrieben.

Ich konnte mir nicht vorstellen, die Arbeit von diesen ausgehungerten Kreaturen verrichten zu lassen. Aber die MilizionĂ€re insistierten, dass sie sie nicht gehen lassen wĂŒrden; Sie hatten Befehl, sie zur Arbeit zu zwingen. Ich rief Kaplun an und informierte ihn, dass ich auf gar keinen Fall die Quartiere fĂŒr die Abgeschobenen aus Amerika von russischen Gefangenen herrichten lassen wĂŒrde, deren einziges Verbrechen Hunger war. Daraufhin befahl Kaplun die Gruppe freizulassen und willigte ein, dass ich ihnen vom Brot gab, das als Rationen fĂŒr die Arbeiter*innen gedacht war. Aber ein wertvoller Tag war verloren.

Am nĂ€chsten Morgen kam eine Gruppe von Jungen und MĂ€dchen den Newski-Prospekt herunter. Sie waren kursanti (Kadetten) vom Taurischen Palais, die zu meinem BĂŒro entsandt worden waren, um zu arbeiten. Bei meinem ersten Besuch im Palais hatte mensch mir die Quartiere der kursanti gezeigt, der Student*innen der Akademie der Bolschewiki. Es waren hauptsĂ€chlich Jungen und MĂ€dchen aus Dörfern, die von der Regierung untergebracht, mit Nahrungsmitteln versorgt, eingekleidet und gebildet wurden, um spĂ€ter verantwortungsvolle Positionen im sowjetischen Regime zu ĂŒbernehmen. Damals war ich von der Institution beeindruckt gewesen, aber im April hatte ich bereits einen kleinen Blick hinter die Kulissen geworfen. Ich erinnerte mich daran, was eine junge Frau, eine Kommunistin, in Moskau ĂŒber diese Student*innen zu mir gesagt hatte. »Sie sind eine besondere Kaste, die gerade in Russland erzogen wird«, hatte sie gesagt, »wie die Kirche ihre religiöse Priesterschaft unterhĂ€lt und bildet, trainiert unsere Regierung eine militĂ€rische und zivile Priesterschaft. Sie sind besonders bevorzugt.« Ich hatte mehr als eine Gelegenheit, mich selbst von der Wahrheit dieser Behauptung zu ĂŒberzeugen. Den kursanti wurde jeder Vorzug und viele Sonderprivilegien gewĂ€hrt. Sie wussten um ihre Wichtigkeit und verhielten sich entsprechend.

Ihre erste Forderung, die sie stellten, als sie zu mir kamen, war, die nach der extra Ration Brot, die ihnen versprochen worden war. Nachdem diese Forderung erfĂŒllt worden war, standen sie herum und schienen keinerlei Vorstellung von Arbeit zu haben. Es war offensichtlich, dass, was auch immer den kursanti gelehrt wurde, das Arbeiten nicht teil davon war. Aber eigentlich wissen nur wenige Menschen in Russland, wie mensch arbeitet. Die Situation schien hoffnungslos. Es verblieben nur noch zehn Tage bis zur Ankunft der Abgeschobenen, und die »Hotels«, die ihnen zugewiesen worden waren, waren immer noch in so unbewohnbarem Zustand wie zuvor. Es hatte keinen Sinn, mit der Tscheka zu drohen, wie es meine Kolleg*innen taten. Ich appellierte an die Jungen und MĂ€dchen im Namen der amerikanischen Abgeschobenen, die voller Enthusiasmus fĂŒr die Revolution in Russland ankommen wĂŒrden und begierig waren, die gigantische Aufgabe des Wideraufbaus in Angriff zu nehmen. Die kursanti waren die verhĂ€tschelten Zöglinge der Regierung, aber sie waren vor nicht zu langer Zeit aus den Dörfern gekommen und hatten keine Zeit gehabt korrupt zu werden. Mein Appell hatte Erfolg. Sie nahmen die Arbeit mit Feuereifer auf und am Ende der zehn Tage waren die drei berĂŒhmten Hotels so fertig, wie sie Arbeitsbereitschaft und heißes Wasser ohne Seife eben machen konnten. Wir waren alle sehr stolz auf unsere Leistung und warteten gespannt auf die Ankunft der Abgeschobenen.

Schließlich kamen sie an, aber zu unserer großen Überraschung stellte sich heraus, dass sie gar keine Abgeschobenen waren. Es handelte sich um russische Kriegsgefangene aus Deutschland. Das MissverstĂ€ndnis war durch einen Patzer einiger Angestellter in Tschitscherins BĂŒro zustandegekommen, die die Funkinformation ĂŒber die zu erwartende Gruppe an der Grenze falsch interpretiert hatten. Die vorbereiteten Hotels wurden verschlossen und versiegelt; Sie wĂŒrden nicht fĂŒr die zurĂŒckgekehrten Kriegsgefangenen genutzt werden, weil »sie fĂŒr Abgeschobene aus Amerika vorbereitet worden waren, die immer noch kommen könnten«. All die Anstrengungen und all die Arbeit waren vergebens gewesen.

Kapitel 7: ErholungshĂ€user fĂŒr Arbeiter*innen

Seit meiner RĂŒckkehr aus Moskau bemerkte ich eine VerĂ€nderung in Zorins Verhalten: Er war reserviert, distanziert und nicht so freundlich wie bei unserem ersten Treffen. Ich schrieb es der Tatsache zu, dass er ĂŒberarbeitet und ĂŒbermĂŒdet war und seine wertvolle Zeit nicht verschwenden wollte. Ich besuchte die Zorins nicht mehr so hĂ€ufig wie zuvor. Eines Tages allerdings rief er an, um zu fragen, ob Alexander Berkman und ich ihm bei einer Arbeit, die er plane, behilflich sein könnten und die in amerikanischer Eile, wie er es nannte, erledigt werden mĂŒsse. Als wir bei ihm eintrafen, fanden wir ihn in heller Aufregung vor, eine eher ungewöhnliche Sache fĂŒr Zorin, der sonst eher still und reserviert war. Er war voll von einem neuen Plan eingenommen, »ErholungshĂ€user« fĂŒr Arbeiter*innen zu errichten. Er erklĂ€rte, dass sich auf Kamenny Ostrow die prachtvollen Villen der Stolypins, der Polowtsows und anderer Angehöriger der Aristokratie und Bourgeoisie befĂ€nden und dass er plane, diese in Erholungszentren fĂŒr Arbeiter*innen zu verwandeln. Ob wir Lust hĂ€tten, ihm dabei zu helfen? NatĂŒrlich willigten wir eifrig ein und am nĂ€chsten Morgen fuhren wir hinĂŒber, um die Insel zu inspizieren. Es war tatsĂ€chlich ein idealer Ort, gesprenkelt mit prachtvollen Villen, einige von ihnen regelrechte Museen, in denen sich seltene GemĂ€lde, Wandteppiche und Möbel befanden. Der fĂŒr die GebĂ€ude verantwortliche Mann lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die KunstschĂ€tze und protestierte, dass diese beschĂ€digt oder ganz zerstört werden könnten, wenn die GebĂ€ude wie geplant genutzt werden wĂŒrden. Aber Zorin hielt an seinen PlĂ€nen fest: »ErholungshĂ€user fĂŒr Arbeiter*innen sind wichtiger als Kunst«, sagte er.

Wir kehrten in das Astoria zurĂŒck, mit dem Ziel uns an die Arbeit zu machen und zwar mit großem Eifer, denn die HĂ€user sollten zum Ersten Mai fertig sein. Wir bereiteten detaillierte PlĂ€ne fĂŒr SpeisesĂ€le, SchlafsĂ€le, LeserĂ€ume, Theater- und VorlesungssĂ€le und Erholungsorte fĂŒr die Arbeiter*innen vor. Als ersten und wichtigsten Schritt schlugen wir vor, einen Speisesaal zu organisieren, um die Arbeiter*innen zu bewirten, die angestellt werden wĂŒrden, um den Ort fĂŒr ihre Genoss*innen herzurichten. Ich hatte von meinen vorherigen Erfahrungen gelernt, dass viel wertvolle Zeit verloren ging, weil es nicht gelang, diejenigen zu versorgen, die mit solcher Arbeit beauftragt wurden. Zorin willigte ein und versprach, dass wir in wenigen Tagen anfangen wĂŒrden. Aber eine Woche verging und wir hörten nichts weiter von dem, was ein Eilauftrag sein sollte. Einige Zeit spĂ€ter fragte uns Zorin, ob wir ihn zu der Insel begleiten wĂŒrden. Bei unserer Ankunft fanden wir ein halbes Dutzend federfĂŒhrende Kommissare vor, mit Scharen von nichtstuenden Menschen. Zorin beruhigte uns, dass die Dinge ihren Lauf nehmen wĂŒrden und dass wir Gelegenheit haben wĂŒrden, die Arbeit wie geplant zu organisieren. Trotzdem stellten wir bald fest, dass das frischgebackene Beamt*innentum ebenso schwer zu hĂ€ndeln war wie die alte BĂŒrokratie.

Jeder Kommissar hatte seine Favoriten, die er als fĂŒr einen Job angestellt auflistete, um sie zu Brotrationen und einer Mahlzeit zu berechtigen. Dementsprechend waren, bereits bevor irgendwelche echten Arbeiter*innen auf den Plan traten, achtzig angebliche »Techniker*innen« im Besitz von Mahlzeit-Berechtigungsmarken und Brotmarken. Die MĂ€nner, die tatsĂ€chlich fĂŒr die Arbeit mobilisiert wurden, bekamen fast nichts. Das Ergebnis war allgemeine Sabotage. Die meisten der MĂ€nner, die geschickt worden waren, um die ErholungshĂ€user fĂŒr die Arbeiter*innen vorzubereiten, kamen aus Konzentrationslagern: Sie waren Verurteilte und Deserteure. Ich habe ihnen oft bei der Arbeit zugesehen und um ihnen gerecht zu werden, muss ich sagen, dass sie sich nicht ĂŒberanstrengt haben. »Warum sollten wir?«, sagten sie. »Wir werden mit sowjetischer Suppe ernĂ€hrt; das ist nichts weiter als dreckiges SpĂŒlwasser und wir bekommen ausschließlich das, was von den Faulenzern, die uns herumkommandieren, ĂŒbrig gelassen wird. Und wer wird sich in diesen HĂ€usern erholen? Nicht wir oder unsere BrĂŒder in den Fabriken. Nur diejenigen, die zur Partei gehören oder die Einfluss haben, werden diesen Ort genießen. Außerdem fĂ€ngt der FrĂŒhling an, wir werden zuhause auf der Farm gebraucht. Warum sind wir hier?« Sie strengten sich wahrlich nicht selbst an, diese unerschĂŒtterlichen Söhne des russischen Bodens. Sie hatten keinen Anreiz dazu: Sie hatten keinerlei Verbindung zum Leben um sie herum und es gab niemanden, der ihnen die Bedeutung von Arbeit im revolutionĂ€ren Russland erklĂ€ren konnte. Sie waren benommen von Krieg, Revolution und Hunger – nichts konnte sie aus ihrer BetĂ€ubung erwecken.

Viele der GebĂ€ude auf Kamenny Ostrow waren fĂŒr Internate und Behausungen fĂŒr Menschen mit Be_hinderungen genutzt worden, einige waren von Professor*innen, Lehrer*innen und anderen Intellektuellen bewohnt. Seit der Revolution lebten diese Menschen dort ungestört, doch nun kam die Anweisung, die GebĂ€ude zu rĂ€umen, um Platz fĂŒr die ErholungshĂ€user zu machen. Da praktisch keinerlei Vorkehrungen getroffen worden waren, um die Vertriebenen anderswo unterzubringen, setzte mensch sie quasi auf die Straße. Diejenigen, die mit Sinowjew, Gorki oder anderen einflussreichen Kommunist*innen befreundet waren, wandten sich an diese, aber diejenigen Personen, denen der »Einfluss« fehlte, erhielten keinerlei EntschĂ€digung. Das Elend, das ich tĂ€glich erlebte, zehrte meine ganze Energie auf. Es waren unnötige Grausamkeiten, ohne jede Bedeutung fĂŒr die Revolution. Dazu kam das herrschende Chaos und das Durcheinander. Die BĂŒrokrat*innen schienen gewissermaßen Gefallen daran zu finden, gegenseitig ihre Anweisungen zu widerrufen. HĂ€user, in denen bereits renoviert wurde und die viel Arbeit und Materialien benötigt hatten, wurden plötzlich unfertig stehen gelassen und mensch begann irgendeine andere Arbeit. Villen, die mit KunstschĂ€tzen gefĂŒllt waren, wurden in NachtunterkĂŒnfte verwandelt und schmutzige Eisenpritschen wurden inmitten antiker Möbel und ÖlgemĂ€lde aufgestellt – eine unpassende, dumme Verschwendung von Zeit und Energie. Zorin hielt hĂ€ufig stĂŒndliche Besprechungen mit der Belegschaft der KĂŒnstler*innen und Ingenieur*innen ab, um PlĂ€ne fĂŒr Theater, VorlesungssĂ€le und VergnĂŒgungsorte zu entwickeln, wĂ€hrend die Kommissare die Arbeit sabotierten. Ich ertrug diese schmerzhafte und alberne Situation zwei Wochen lang, dann gab ich verzweifelt auf.

Anfang Mai wurden die ErholungshĂ€user fĂŒr Arbeiter*innen auf Kammeny Ostrow mit viel Prunk, Musik und Reden eröffnet. GlĂŒhende BeitrĂ€ge ĂŒber die fabelhaften Dinge, die mensch fĂŒr die Arbeiter*innen in Russland tĂ€te, wurden im Rundfunk gesendet. TatsĂ€chlich handelte es sich um eine Art Coney Island, an die Gegebenheiten in Petrograd angepasst, einem kitschigen Schauplatz fĂŒr leichtglĂ€ubige Besucher*innen. Von dieser Zeit an verĂ€nderte sich Zorins Verhalten mir gegenĂŒber. Er wurde kalt, ja sogar feindselig. Ohne Frage bemerkte er den Kampf in mir und den Bruch, der sich ankĂŒndigte. Ich hatte dennoch viel mit Lisa Zorin zu tun, die gerade Mutter geworden war. Ich pflegte sie und ihr Baby, glĂŒcklich ĂŒber die Gelegenheit auf diese Weise meine Dankbarkeit fĂŒr die warmherzige Freundschaft der Zorins in meinen ersten Monaten in Russland auszudrĂŒcken. Ich schĂ€tzte ihre große Offenheit und Hingabe. Beide waren politisch so gĂŒnstig gestellt, dass sie alles bekommen hĂ€tten, was sie haben wollten, dennoch fehlten Lisa Zorin sogar die einfachsten KleidungsstĂŒcke fĂŒr ihr Baby. »Tausende russische Arbeiter*innen haben auch nicht mehr, warum sollte ich mehr haben?«, sagte Lisa. Als sie so schwach war, dass sie sich nicht um ihr Baby kĂŒmmern konnte, konnte Zorin nicht dazu bewogen werden, nach Sonderrationen zu fragen. Ich musste hinter ihrem RĂŒcken heimlich Eier und Butter auf dem Markt kaufen, um das Leben der Mutter und des Kindes zu retten. Aber ihr selbstloser Charakter machte mir meinen inneren Konflikt nur umso schwerer. Mein Verstand zwang mich, den sozialen VerhĂ€ltnissen ins Gesicht zu sehen. Meine persönliche Bindung zu den Kommunist*innen, die ich kennen und schĂ€tzen gelernt hatte, weigerte sich, diese Tatsachen zu akzeptieren. Beachte nicht das Unheil – redete ich mir selbst ein –, solange es Menschen wie die Zorins oder Balabanowa gibt, muss es etwas Lebendiges in den Ideen geben, die sie vertreten. HartnĂ€ckig klammerte ich mich an das Phantom, das ich selbst erschaffen hatte.

Kapitel 8: Der Erste Mai in Petrograd

1890 wurde der Erste Mai in Amerika das erste Mal als Internationaler Tag der Arbeit als Feiertag begangen. Der Erste Mai wurde fĂŒr mich ein wichtiger, inspirierender Tag. Die Feierlichkeiten des Ersten Mais in einem freien Land – das war fĂŒr mich immer eine Art Traum gewesen, etwas, nach dem ich mich sehnte, etwas, das aber vielleicht niemals in ErfĂŒllung gehen wĂŒrde. Und jetzt, 1920, sollte dieser Traum so vieler Jahre im revolutionĂ€ren Russland erfĂŒllt werden. Ich konnte den Morgen des Ersten Mais kaum erwarten. Es war ein herrlicher Tag, die warme Sonne schmolz das letzte Eis des harten Winters weg. FrĂŒh am Morgen wurde ich von den KlĂ€ngen von Musik geweckt: Gruppen aus Arbeiter*innen und Soldat*innen marschierten durch die Straßen und sangen revolutionĂ€re Lieder. Die Stadt war fröhlich geschmĂŒckt: Der Uritski-Platz vor dem Winterpalast war voller Rot, die umliegenden Straßen waren eine veritable Farbexplosion. Eine große Masse an Menschen war auf den Beinen, alle auf dem Weg zum Marsfeld, wo die Held*innen der Revolution begraben lagen.

Obwohl ich eine Eintrittskarte zu den Zuschauer*innenrĂ€ngen hatte, bevorzugte ich es, unter den Menschen zu bleiben, um mich als Teil der Heerscharen zu fĂŒhlen, die dieses Weltereignis ausgelöst hatten. Das war ihr Tag – der Tag ihrer Verdienste. Allerdings waren sie merkwĂŒrdig leise, geradezu bedrĂŒckend still. Sie sangen ohne Freude, lachten ohne Heiterkeit. Mechanisch marschierten sie, beantworteten die Klatscher von der Zuschauer*innentribĂŒne wie automatisch mit »Hurra«-Rufen, als sie die SĂ€ulen passierten.

Am Abend sollte ein Festzug stattfinden. Lange vor dem geplanten Beginn der Veranstaltung war der Uritski-Platz bis zum Palais und zu den Ufern des Newa gefĂŒllt mit Menschen, die sich versammelt hatten, um der Open-Air-Veranstaltung beizuwohnen, die den Triumph der Menschen symbolisieren sollte. Das StĂŒck bestand aus drei Akten: Der erste portraitierte die Bedingungen, die zum Krieg fĂŒhrten und die Rolle der deutschen Sozialist*innen dabei, der zweite stellte die Februarrevolution dar, mit Kerenski an der Macht, und der letzte die Oktoberrevolution. Es war ein StĂŒck mit wunderschönem Szenenaufbau und einer kraftvollen schauspielerischen Darbietung, ein lebendiges, realistisches und faszinierendes StĂŒck. Es wurde auf den Stufen der ehemaligen Börse aufgefĂŒhrt, gegenĂŒber vom Platz. Auf der höchstgelegenen Stufe saßen Könige und Königinnen mit ihren Hofleuten, begleitet von Soldat*innen in schmucken Uniformen. Die Szene stellt einen Galaempfang dar: Es wird verkĂŒndet, dass ein Denkmal zu Ehren des weltweiten Kapitalismus errichtet werden wird. Großer Jubel bricht aus und es folgt eine wilde Orgie aus Musik und Tanz. Dann erscheinen aus den Tiefen die versklavten und schuftenden Massen, ihre Ketten rasseln traurig zur Musik ĂŒber ihnen. Sie befolgen die Anweisung, ein Denkmal fĂŒr ihre Herr*innen zu bauen: Einige tragen HĂ€mmer und Ambosse, ander taumeln unter dem Gewicht riesiger Steinblöcke und Tonnen von Ziegeln. Die Arbeiter*innen schuften in ihrer Welt des Elends und der Dunkelheit, werden von den Peitschen der Sklaventreiber*innen zu grĂ¶ĂŸeren Leistungen getrieben, wĂ€hrend ĂŒber ihnen Licht und Freude herrscht und ihre Herr*innen feiern. Die Vollendung des Denkmals wird symbolisiert durch große gelbe Scheiben, die unter Jubel der oberen Welt in deren Mitte hochgezogen werden.

In diesem Moment sieht mensch eine kleine rote Flagge, die unten geschwenkt wird, und eine kleine Figur hĂ€lt eine Rede an die Menschen. WĂŒtende FĂ€uste werden erhoben, dann verschwindet die Figur zusammen mit der Flagge, nur um in verschiedenen Teilen der Unterwelt wieder aufzutauchen. Wieder weht die rote Flagge, mal hier, mal dort. Die Menschen schöpfen langsam Selbstbewusstsein und werden schließlich bedrohlich. Empörung und Wut wachsen, die Könige und Königinnen sind beunruhigt. Sie fliehen in die Sicherheit der Zitadellen und die Armee bereitet sich darauf vor, die Festung des Kapitalismus zu verteidigen.

Es ist August 1914. Die Herrscher*innen feiern erneut und die Arbeiter*innen schuften. Die Mitglieder der zweiten Internationale nehmen an der Sitzung der MĂ€chtigen teil. Sie bleiben taub gegenĂŒber dem Flehen der Arbeiter*innen, sie vor den Schrecken des Krieges zu bewahren. Dann verkĂŒndet die Melodie von »God save the Queen« die Ankunft der britischen Armee. Es folgen russische Soldat*innen mit Maschinengewehren und Artillerie und eine Prozession von Krankenschwestern und KrĂŒppeln, den Tributen an den Moloch des Krieges.

Der nĂ€chste Akt stellt die Februarrevolution dar. Rote Flaggen tauchen ĂŒberall auf, bewaffnete Fahrzeuge flitzen vorĂŒber. Die Menschen stĂŒrmen den Winterpalast und holen die Fahne des Zaren ein. Die Kerenski-Regierung ĂŒbernimmt die Kontrolle und die Menschen werden zurĂŒck in den Krieg geschickt. Dann folgt die wunderbare Szene der Oktoberrevolution. Soldat*innen und Matros*innen galoppieren auf den freien Platz vor dem weißen MarmorgebĂ€ude. Sie stĂŒrmen die Stufen hinauf zum Palast, es gibt einen kurzen Kampf und die Sieger*innen werden von den Massen in wildem Jubel als Held*innen gefeiert. Die »Internationale« erklingt in den LĂŒften, sie wird lauter und lauter, steigert sich zu einem gigantischen Dröhnen der Freude. Russland ist frei – die Arbeiter*innen, Matros*innen und Soldat*innen fĂŒhren in eine neue Ära ein, dem Beginn der Weltkommune!

Das Bild war ungeheuer ergreifend. Aber die große Mehrheit blieb stumm. Nur schwacher Applaus erklang aus der Menschenmenge. Ich war sprachlos. Wie ließ sich dieses erstaunliche Fehlen von Reaktionen erklĂ€ren? Als ich mit Lisa Zorin darĂŒber sprach, meinte sie, dass die Menschen die Oktoberrevolution selbst erlebt hĂ€tten und dass jede Darbietung notwendigerweise gegen die RealitĂ€t von 1917 verlieren mĂŒsse. Aber meine kleine kommunistische Nachbarin hatte eine andere ErklĂ€rung. »Die Menschen haben seit Oktober 1917 so viele EnttĂ€uschungen erlebt«, sagte sie, »dass die Revolution fĂŒr sie jede Bedeutung verloren hat. Die Darbietung hat ihre EnttĂ€uschung nur umso schmerzlicher gemacht.«

Kapitel 9: Industrielle Militarisierung

Der Neunte Kongress der Allrussischen Kommunistischen Partei im MĂ€rz 1920 wurde von einer Reihe von Maßnahmen bestimmt, die eine vollstĂ€ndige Wende nach Rechts bedeuteten. Eine der herausragendsten unter ihnen war die Militarisierung der Arbeit und die Etablierung eines Ein-Mann-Managements der Industrie im Gegensatz zum kollegialen GeschĂ€ftssystem. Zwangsarbeit war schon lange ein Gesetz in den Statuten der Sozialistischen Republik gewesen, aber es wurde, wie Trotzki sagte, »nur im kleinen Stil« durchgesetzt. Nun wurde das Gesetz ernsthaft umgesetzt. Russland sollte eine militarisierte industrielle Armee bekommen, die ökonomische Desorganisation bekĂ€mpfen sollte, ebenso wie die Rote Armee an den verschiedenen Fronten gesiegt hatte. Es wurde behauptet, dass so eine Armee nur durch rigide Disziplin auf die Beine gestellt werden könne. Das kollegiale System der Fabriken musste einem militĂ€rischen industriellen Management weichen.

Diese Maßnahme wurde auf dem Kongress von der kommunistischen Minderheit verbittert bekĂ€mpft, aber die Parteidisziplin obsiegte. Trotzdem klang die Aufregung nicht ab: Diskussionen zu diesem Thema hielten, selbst nachdem der Kongress vertagt worden war, noch lange an. Viele der jĂŒngeren Kommunist*innen gaben zu, dass die Maßnahme einen Schritt nach Rechts bedeutete, aber sie verteidigten die Entscheidung ihrer Partei. »Das kollegiale System ist gescheitert«, sagten sie. »Die Arbeiter*innen werden nicht freiwillig arbeiten und unsere Industrie muss wiederbelebt werden, wenn wir ein weiteres Jahr ĂŒberleben wollen.«

Auch Jack Reed vertrat diese Meinung. Er war gerade nach einem gescheiterten Versuch, Amerika ĂŒber Lettland zu erreichen, zurĂŒckgekehrt und wir diskutierten seit Tagen ĂŒber die neue Strategie. Jack insistierte, dass diese unvermeidbar sei, so lange Russland angegriffen und blockiert werde. »Wir waren genötigt, eine Armee zu mobilisieren, um unsere Ă€ußeren Feind*innen zu bekĂ€mpfen, warum sollten wir unseren schlimmsten inneren Feind, den Hunger, nicht auch mit einer Armee bekĂ€mpfen? Das können wir nur schaffen, wenn wir unserer Industrie wieder auf die Beine helfen.« Ich betonte die Gefahr der militĂ€rischen Methode und stellte die Frage, ob mensch erwarten könne, dass die Arbeiter*innen unter Zwang effizienter werden oder intensiver arbeiten wĂŒrden. Trotzdem hielt Jack die Mobilmachung der Arbeiter*innenschaft fĂŒr unvermeidlich. »Wir mĂŒssen es auf jeden Fall versuchen«, sagte er.

In Petrograd gingen zu dieser Zeit GerĂŒchte von Streiks um. Es ging die Geschichte herum, dass Sinowjew und seine Leute, wĂ€hrend sie die Fabriken besuchten, um die neue Strategie zu erlĂ€utern, von den Arbeiter*innen von den GrundstĂŒcken gejagt worden waren. Um mir von der Situation selbst ein Bild zu machen, entschied ich, die Fabriken zu besuchen. Schon wĂ€hrend meiner ersten Monate in Russland hatte ich Zorin um Erlaubnis gebeten, diese sehen zu dĂŒrfen. Lisa Zorin hatte mich gefragt, ob ich auf einigen Treffen der Arbeiter*innenschaft sprechen wolle, aber ich hatte abgelehnt, weil ich das GefĂŒhl hatte, es wĂ€re anmaßend von mir, zuzusagen, diejenigen zu unterrichten, die die Revolution gemacht hatten. Ferner war ich damals nicht so sicher in der russischen Sprache. Aber als ich Zorin nun bat, mich einige Fabriken besuchen zu lassen, war er ausweichend. Nachdem ich mit Rawitsch bekannt war, sprach ich sie auf das Thema an und sie willigte bereitwillig ein.

Die ersten Werke, die ich besuchen wollte, waren die von Putilow, dem grĂ¶ĂŸten und wichtigsten Motoren- und Autohersteller. Vierzigtausend Arbeiter*innen waren dort vor dem Krieg beschĂ€ftigt gewesen. Nun seien nur 7.000 bei der Arbeit, sagte mensch mir. Ich hatte viel von den Putilowtsi gehört: Sie hatten eine heldenhafte Rolle in den revolutionĂ€ren Tagen und bei der Verteidigung Petrograds gegen Judenitsch gespielt. Im BĂŒro von Putilow wurden wir herzlich empfangen, bekamen die verschiedenen Abteilungen gezeigt und wurden dann an einen FĂŒhrer ĂŒbergeben. Unsere Gruppe war zu viert, nur zwei von uns konnten Russisch. Ich fiel zurĂŒck, um mich mit einer Gruppe zu unterhalten, die an einer Werkbank arbeitete. ZunĂ€chst wurde mir mit dem ĂŒblichen Misstrauen begegnet, das ich damit ĂŒberwand, dass ich den MĂ€nnern erzĂ€hlte, dass ich ihnen die GrĂŒĂŸe ihrer BrĂŒder in Amerika brĂ€chte. »Und wie lĂ€uft es dort mit der Revolution?«, wurde ich sofort gefragt. Es schien eine nationale Obsession geworden zu sein, diese Idee einer nahenden Revolution in Europa und Amerika. Jede*r in Russland klammerte sich an diese Hoffnung. Es war hart, diesen falsch informierten Menschen ihren naiven Glauben zu rauben. »Die Amerikanische Revolution hat noch nicht stattgefunden«, sagte ich zu ihnen, »aber die Russische Revolution hat bei dem Proletariat in Amerika Anklang gefunden.« Ich fragte sie nach ihrer Arbeit, ihren Leben und ihrer Meinung zu den jĂŒngsten Dekreten. »Als ob wir bisher nicht genug getrieben worden wĂ€ren«, beschwerte sich einer der MĂ€nner, »jetzt sollen wir unter der militĂ€rischen nagaika [Peitsche] arbeiten. Das bedeutet natĂŒrlich, dass wir in den Fabriken sein mĂŒssen, sonst bestrafen sie uns wie industrielle Deserteure. Aber wie wollen sie mehr Arbeit aus uns herausquetschen? Wir leiden unter Hunger und KĂ€lte. Wir haben keine Kraft mehr, die wir geben könnten.« Ich deutete an, dass die Regierung möglicherweise gezwungen sei, solche Methoden einzufĂŒhren und dass, falls Russlands Industrie nicht wiederbelebt werden wĂŒrde, die Bedingungen der Arbeiter*innen sich sogar noch verschlechtern könnten. Ferner wĂŒrden die MĂ€nner von Putilow den gewĂŒnschten Lohn bekommen. »Wir verstehen das große UnglĂŒck, das ĂŒber Russland hereingebrochen ist«, antwortete einer der Arbeiter, »aber wir können nicht mehr aus uns herausquetschen. Selbst die zwei Pfund Brot, die wir bekommen, sind nicht genug. Sieh dir das Brot an«, sagte er und hielt eine schwarze Kruste hoch, »können wir davon leben? Und unsere Kinder? Ohne die Menschen auf dem Land oder etwas Handel auf dem Markt werden wir alle gemeinsam sterben. Jetzt kommt die neue Maßnahme, die uns von unseren Leuten wegreißt, uns an das andere Ende von Russland schickt, wĂ€hrend unsere BrĂŒder von dort hierher verschleppt werden, weg von ihrer Erde. Es ist eine verrĂŒckte Maßnahme und sie wird nicht funktionieren.«

»Aber was kann die Regierung angesichts der Nahrungsmittelknappheit tun?«, fragte ich. »Nahrungsmittelknappheit!«, rief der Mann aus, »Sieh dir die MĂ€rkte an. Siehst du dort irgendeine Knappheit von Nahrungsmitteln? Spekulationen und die neue Bourgeoisie, das sind die Probleme. Das Ein-Mann-Management ist unser neuer Sklaventreiber. Zuerst hat uns die Bourgeoisie sabotiert und nun sind sie erneut an der Macht. Aber sie sollen es nur versuchen, ĂŒber uns zu herrschen! Sie werden schon sehen! Sollen sie es nur versuchen!«

Die MĂ€nner waren verbittert und nachtragend. In dem Moment kam der FĂŒhrer zurĂŒck, um zu sehen, was aus mir geworden war. Er unternahm große Anstrengungen, um zu erklĂ€ren, dass sich die industriellen Bedingungen in der Fabrik erheblich verbessert hĂ€tten, seit die Militarisierung der Arbeit in Kraft getreten ist. Die MĂ€nner seien zufriedener und es seien viel mehr Autos instandgesetzt und Motoren repariert worden als wĂ€hrend eines gleichen Zeitraums unter dem vorherigen Management. Es seien 7.000 Mitarbeiter in den Werken angestellt, versicherte er mir. Ich brachte in Erfahrung, dass die tatsĂ€chliche Zahl unter 5.000 lag und dass von diesen nur rund 2.000 tatsĂ€chlich Arbeiter*innen waren. Die anderen waren Regierungsangestellte und BĂŒroangestellte.

Nach den Putilow-Werken besuchten wir Treugolnik, die große Gummifabrik Russlands. Dort war es sauber und die Maschinen waren in gutem Zustand – eine gut ausgestattete, moderne Fabrik. Als wir den Hauptarbeitsraum erreichten, wurden wir vom Oberaufseher begrĂŒĂŸt, der seit fĂŒnfundzwanzig Jahren verantwortlich war. Er wĂŒrde uns selbst herumfĂŒhren, sagte er. Er schien sehr stolz auf die Fabrik zu sein, als ob es seine eigene wĂ€re. Es ĂŒberraschte mich, dass sie in der Lage gewesen waren, alles so gut in Form zu halten. Der FĂŒhrer erklĂ€rte, dass das daran lag, dass beinahe das gesamte alte Personal weiterhin angestellt sei. Sie hatten das GefĂŒhl, dass sie, was auch passieren mochte, die Fabrik nicht verkommen lassen dĂŒrften. Das war sicherlich sehr vorbildlich, dachte ich, aber schon bald hatte ich Anlass dazu, meine Meinung zu Ă€ndern. An einem der Tische stand ein alter Arbeiter mit freundlichen Augen in einem traurigen, versunkenen Gesicht und schnitt Gummi. Er erinnerte mich an den Pilger Luca in Gorkis »Nachtasyl«. Unser FĂŒhrer war sehr wachsam, aber es gelang mir, mich wegzuschleichen, als der Oberaufseher den anderen Mitgliedern unserer Gruppe irgendeine Maschine zeigte.

»Nun, batyushka, wie geht es dir?«, grĂŒĂŸte ich den alten Arbeiter. »Schlecht, matushka«, antwortete er, »die Zeiten sind sehr hart fĂŒr uns alte Menschen.« Ich erzĂ€hlte ihm, wie beeindruckt ich war, alles in so gutem Zustand in der Fabrik vorzufinden. »Das stimmt«, erklĂ€rte der alte Arbeiter, »aber das liegt daran, dass der Oberinspektor und sein Personal von Tag zu Tag hoffen, dass es einen erneuten Umsturz gibt und dass die Treugolnik wieder an ihre alten EigentĂŒmer*innen geht. Ich kenne sie. Ich habe hier schon lange, bevor der deutsche Besitzer der Fabrik die neuen Maschinen eingebaut hat, gearbeitet.«

Als ich durch die verschiedenen RĂ€ume der Fabrik ging, sah ich die Frauen und MĂ€dchen in offensichtlicher Furcht aufblicken. Das schien mir seltsam zu sein fĂŒr ein Land, in dem die Proletarier*innen an der Macht waren. Offensichtlich waren die Maschinen nicht die einzigen, ĂŒber die mit Sorgfalt gewacht worden war – auch die alte Disziplin war bewahrt worden: Die Angestellten hielten uns fĂŒr bolschewistische Inspektor*innen.

Die große GetreidemĂŒhle von Petrograd, die wir als nĂ€chstes besuchten, wirkte, als sei sie belagert. Überall waren bewaffnete Soldat*innen, sogar in den ArbeitsrĂ€umen. Die ErklĂ€rung, die uns dafĂŒr gegeben wurde, war, dass große Mengen des kostbaren Mehls verschwunden seien. Die Soldat*innen beaufsichtigten die MĂŒhlenarbeiter*innen, als ob sie Galeerensklaven wĂ€ren und die Arbeiter*innen nahmen eine solch demĂŒtigende Behandlung natĂŒrlich ĂŒbel. Sie trauten sich kaum zu sprechen. Ein junger Kerl, ein gutaussehender Genosse, beschwerte sich bei mir ĂŒber die Bedingungen. »Wir sind hier quasi Gefangene«, sagte er, »wir können keinen Schritt tun ohne Genehmigung. Wir mĂŒssen acht Stunden am Tag arbeiten, mit nur zehn Minuten Pause fĂŒr unser kipyatok [heißes Wasser] und wir werden beim Verlassen der MĂŒhle durchsucht.« »Ist nicht der Diebstahl des Mehls der Grund fĂŒr die strikte Überwachung?«, fragte ich. »Nicht wirklich«, antwortete der Junge, »die Kommissare der MĂŒhle und die Soldat*innen wissen sehr wohl, wohin das Mehl verschwindet.« Ich schlug vor, dass die Arbeiter*innen gegen einen solchen Missstand protestieren könnten. »Bei wem sollen wir protestieren?«, rief der Junge aus, »wir wĂŒrden Spekulant*innen und KonterrevolutionĂ€r*innen genannt werden und mensch wĂŒrde uns verhaften.« »Hat die Revolution euch nichts gegeben?«, fragte ich. »Ah, die Revolution! Aber das ist vorbei. Beendet«, sagte er verbittert.

Am folgenden Morgen besuchten wir die Laferm Tabakfabrik. An dem Ort herrschte voller Betrieb. Wir wurden durch die Fabrik gefĂŒhrt und bekamen den gesamten Prozess erklĂ€rt, beginnend mit der Sortierung des Rohmaterials und endend mit den fertigen Zigaretten, gepackt fĂŒr den Verkauf oder den Versand. Die Luft in den ArbeitsrĂ€umen war dick und ekelerregend. »Die Frauen sind an diese AtmosphĂ€re gewöhnt«, sagte der FĂŒhrer, »sie stört das nicht.« Es gab einige schwangere Frauen und MĂ€dchen, kaum Ă€lter als vierzehn. Sie sahen abgezehrt aus, ihre BrĂŒste eingefallen und mit schwarzen Ringen unter ihren Augen. Einige von ihnen husteten und die hektische Röte von Schwindsucht zeigte sich auf ihren Gesichtern. »Gibt es einen Erholungsraum, einen Ort, wo sie essen können oder ihren Tee trinken und ein bisschen frische Luft schnappen können?« Einen solchen Ort gĂ€be es nicht, informierte mensch mich. Die Frauen blieben acht Stunden am StĂŒck an ihrem Arbeitsplatz. Sie nahmen ihren Tee und ihr Schwarzbrot an ihren WerkbĂ€nken zu sich. Das System war das der Akkordarbeit. Die Angestellten bekamen fĂŒnfundzwanzig Zigaretten pro Tag zusĂ€tzlich zu ihrem Lohn mit der Erlaubnis sie zu tauschen oder zu verkaufen.

Ich sprach mit einigen der Frauen. Sie beschwerten sich ĂŒber nichts, außer, dass sie gezwungen waren, weit weg von der Fabrik zu wohnen. In den meisten FĂ€llen dauerte es mehr als zwei Stunden, um zur Arbeit und nach Hause zu kommen. Sie hatten darum gebeten, in der NĂ€he der Laferm einquartiert zu werden und ein Versprechen diesbezĂŒglich bekommen, aber seither hatten sie nichts mehr davon gehört.

Das Leben spielt einem sicherlich merkwĂŒrdige Streiche. In Amerika hatte ich die Idee von sozialer FĂŒrsorgearbeit verachtet: Ich hatte sie als ein billiges Mittel der Befriedung betrachtet. Aber im sozialen Russland verstörte mich der Anblick schwangerer Frauen, die in erstickender Tabakluft arbeiteten und sich und ihre Ungeborenen mit dem Gift sĂ€ttigten, als fundamentales Übel. Ich sprach mit Lisa Zorin, um zu ĂŒberlegen, ob nicht etwas getan werden konnte, um dieses Übel zu verbessern. Lisa behauptete, dass Akkordarbeit der einzige Weg sei, um die MĂ€dchen zum Arbeiten zu bewegen. Und bezĂŒglich der ErholungsrĂ€ume hĂ€tten die Frauen bereits selbst dafĂŒr gekĂ€mpft, aber es wĂ€re einfach nicht möglich, weil in der Fabrik kein Platz dafĂŒr erĂŒbrigt werden konnte. »Aber wenn die Revolution nicht einmal solch kleine Verbesserungen gebracht hat«, argumentierte ich, »welchen Zweck hat sie dann erfĂŒllt?« »Die Arbeiter*innen haben die Macht ĂŒbernommen«, antwortete Lisa, »sie haben nun die Macht und sie haben wichtigere Dinge zu erreichen als ErholungsrĂ€ume – sie mĂŒssen die Revolution verteidigen.« Lisa Zorin war in allem die Proletarierin geblieben, aber sie argumentierte wie eine Nonne, die ihrer Kirche zu FĂŒĂŸen lag.

Ich hatte den Eindruck, dass das, was sie die »Verteidigung der Revolution« nannte, in Wirklichkeit nichts anderes war als die Verteidigung ihrer Partei an der Macht. Jedenfalls hatte ich mit meinem Versuch soziale FĂŒrsorgearbeit zu leisten keinen Erfolg.

Kapitel 10: Die britische Arbeiter*innen-Delegation

Ich war froh zu erfahren, dass Angelica Balabanowa in Petrograd eingetroffen war, um Quartiere fĂŒr die Delegierten der britischen Arbeiter*innen vorzubereiten. WĂ€hrend meines Aufenthalts in Moskau hatte ich Angelicas liebenswĂŒrdige Art kennen und schĂ€tzen gelernt. Sie war mir gegenĂŒber sehr aufopferungsvoll gewesen und als ich krank wurde, widmete sie sich mit viel Zeit meiner Pflege, beschaffte Medikamente, die mensch nur in der Apotheke des Kremls bekommen konnte und organisierte Krankheits-Sonderrationen fĂŒr mich. Ihre Freundschaft war freimĂŒtig und bewegend und sie schmeichelte mir sehr.

Der Narischkin-Palast sollte fĂŒr die Delegation vorbereitet werden und Angelica lud mich ein, sie dorthin zu begleiten. Ich bemerkte, dass sie ausgezehrter und bekĂŒmmerter aussah, als zu der Zeit, zu der ich sie in Moskau getroffen hatte. Unsere Unterhaltung machte mir klar, dass sie sehr stark unter der RealitĂ€t litt, die ihrem Ideal so fern war. Aber sie hielt daran fest, dass das, was fĂŒr mich ein Zeichen des Scheiterns war, den UmstĂ€nden des Lebens selbst zu verdanken war, ja das Leben selbst die grĂ¶ĂŸte Pleite war.

Der Narischkin-Palast ist am sĂŒdlichen Ufer des Newa gelegen, fast gegenĂŒber der Peter-und-Paul-Festung. Dieser Ort war fĂŒr die erwarteten GĂ€ste vorbereitet worden und eine Reihe von Diener*innen und Köch*innen waren angestellt worden, um sich um ihre BedĂŒrfnisse zu kĂŒmmern. Schon bald kam die Delegation an – die meisten von ihnen typische ArbeiterrĂ€te – und mit ihnen eine Gruppe von Journalist*innen und Mrs. Snowden. Die herausragendste Persönlichkeit unter ihnen war Bertrand Russell, der schnell seine UnabhĂ€ngigkeit und seine Entschlossenheit, frei und aus erster Hand zu recherchieren, bewies.

Zu Ehren der Delegation hatten die Bolschewiki eine große Demonstration auf dem Uritski-Platz organisiert. Tausende von Menschen, unter ihnen Frauen und Kinder, waren gekommen, um den Gesandten der englischen Arbeiter*innen ihre Dankbarkeit dafĂŒr zu zeigen, dass sie sich in das revolutionĂ€re Russland gewagt hatten. Die Zeremonie bestand aus dem Singen der »Internationale«, gefolgt von Musik und Reden, die von Balabanowa mit großer Meisterschaft ĂŒbersetzt wurden. Dann folgte eine MilitĂ€rparade. Ich hörte, wie Mrs. Snowden missbiligend sagte: »Was fĂŒr eine Zurschaustellung des MilitĂ€rs!« Ich konnte dem Drang nicht widerstehen zu bemerken: »Madame, beachten Sie bitte, dass die große russische Armee vor allem das Erzeugnis Ihres Landes ist. HĂ€tte England nicht dabei geholfen, die Invasionen in Russland zu finanzieren, könnte Russland seine Soldat*innen mit nĂŒtzlicher Arbeit beschĂ€ftigen.«

Die britischen Delegierten wurden königlich unterhalten mit TheaterstĂŒcken, Opern, Ballett und Exkursionen. Sie wurden mit Luxus ĂŒberschĂŒttet, wĂ€hrend die Menschen schufteten und hungerten. Die sowjetische Regierung ließ nichts unversucht, um einen guten Eindruck zu hinterlassen und alles, was dieses Spektakel stören könnte, wurde von den Besucher*innen ferngehalten. Angelica hasste dieses Schauspiel und den Schein und litt sichtlich unter der strengen Aufsicht, unter die jede Bewegung der Delegation gestellt wurde. »Warum sollten sie nicht den wahren Zustand Russlands sehen? Warum sollten sie nicht sehen, wie die Menschen in Russland leben?«, lamentierte sie. »Aber ich denke nicht praktisch genug«, korrigierte sie sich selbst, »vielleicht ist das alles notwendig.« Am Ende der zwei Wochen wurde ein Abschiedsbankett zu Ehren der Besucher*innen gegeben. Angelica bestand darauf, dass ich teilnĂ€hme. Wieder gab es Reden und Toasts, wie es zu solchen AnlĂ€ssen ĂŒblich ist. Die Reden, die am aufrichtigsten klangen, waren die von Balabanowa und Madame Rawitsch. Letztere bat mich darum, ihre Ansprache zu ĂŒbersetzen, was ich tat. Sie sprach im Namen der weiblichen russischen Proletarierinnen und lobte deren Tapferkeit und Hingabe gegenĂŒber der Revolution. »Mögen die englischen Proletarier*innen die Eigenschaften ihrer heroischen russischen Schwestern erlangen«, schloss Madame Rawitsch. Mrs. Snowden, die ehemalige Sufragette, hatte dazu nichts zu sagen. Sie bewahrte sich eine »wĂŒrdevolle« Distanz. Dennoch erwachte die Dame zum Leben, als die Reden vorbei waren und sie geschĂ€ftig Autogramme sammelte.

Kapitel 11: Ein Besuch aus der Ukraine

Anfang Mai kamen zwei junge MĂ€nner aus der Ukraine in Petrograd an. Beide hatten einige Jahre in den USA gelebt und waren dort in der jiddischen Arbeiter*innenbewegung und der anarchistischen Bewegung aktiv gewesen. Einer von ihnen war außerdem Herausgeber einer englischen anarchistischen Wochenzeitung namens Alarm aus Chicago. 1917, als die Revolution ausbrach, reisten sie gemeinsam mit anderen Emmigrant*innen nach Russland. In ihrem Herkunftsland angekommen, nahmen sie an den anarchistischen AktivitĂ€ten teil, die der Revolution einen gigantischen Schwung verliehen hatten. Ihr vorrangiges TĂ€tigkeitsgebiet war die Ukraine. 1918 brachten sie die anarchistische Förderation Nabat [Alarm] auf den Weg und begannen eine Zeitung mit diesem Namen herauszugeben. Theoretisch waren sie in Konflikt mit den Bolschewiki, praktisch jedoch arbeitete die anarchistische Förderation, ebenso wie die Anarchist*innen in ganz Russland, mit den Bolschewiki zusammen und kĂ€mpfte ebenfalls an allen Fronten gegen die konterrevolutionĂ€ren KrĂ€fte.

Als die zwei Genossen aus der Ukraine von unserer Ankunft in Russland erfuhren, versuchten sie wiederholt, uns zu erreichen, aber den politischen ZustĂ€nden geschuldet und der praktischen Unmöglichkeit zu reisen, gelang es ihnen nicht, in den Norden zu kommen. In der Folge wurden sie von den Bolschewiki verhaftet und eingesperrt. Sofort nach ihrer Freilassung machten sie sich illegal auf den Weg nach Petrograd. Sie kannten die Risiken, die sie eingingen – Haft und möglicherweise Erschießung fĂŒr den Besitz und die Verwendung falscher Papiere –, aber sie waren bereit alles zu riskieren, weil sie der Meinung waren, dass wir von der povstantsi [revolutionĂ€re BĂ€uer*innen] Bewegung erfahren sollten, die von dieser außerordentlichen Figur namens Nestor Machno angefĂŒhrt wurde. Sie wollten uns mit der Geschichte anarchistischer AktivitĂ€ten in Russland vertraut machen und uns berichten, wie die eiserne Hand der Bolschewiki diese zerschlagen hatte.

Im Zeitraum von zwei Wochen, in der Totenstille der Petrograder NÀchte, entrollten die beiden ukrainischen Anarchisten vor uns das Panorama der KÀmpfe in der Ukraine. Leidenschaftslos, ruhig und mit einer fast unheimlichen Distanziertheit erzÀhlten die beiden jungen MÀnner ihre Geschichte.

Dreizehn verschiedene Regierungen hatten in der Ukraine »geherrscht«. Jede von ihnen hatte den BĂ€uer*innenstand beraubt und ermordet, entsetzliche Pogrome verĂŒbt und auf ihrem Siegeszug Tod und VerwĂŒstung hinterlassen. Die ukrainischen BĂ€uer*innen, ein unabhĂ€ngigeres und temperamentvolleres Völkchen als ihre nördlichen BrĂŒder, hatten jede Regierung und jede Maßnahme, die ihr Land und ihre Freiheit bedrohte, hassen gelernt. Sie verbĂŒndeten sich und kĂ€mpften all die langen Jahre der revolutionĂ€ren Periode gegen ihre UnterdrĂŒcker*innen. Die BĂ€uer*innen hatten keine Theorien, sie konnten keiner politischen Partei zugerechnet werden. Sie hassten die Tyrannei lediglich instinktiv und so wurde die ganze Ukraine praktisch zu einem Rebell*innenlager. In diesen brodelnden Kessel kam 1917 Nestor Machno.

Machno war gebĂŒrtiger Ukrainer. Als natĂŒrlicher Rebell interessierte er sich schon in frĂŒhem Alter fĂŒr Anarchismus. Mit siebzehn töte er einen Spion des Zaren und wurde zum Tode verurteilt, aber wegen seines geringen Alters wurde die Strafe zu lebenslanger katorga [Sicherheitshaft, ein Drittel der Zeit in Ketten] herabgesetzt. Die Februarrevolution befreite alle politischen Gefangenen, darunter auch Machno. Er hatte bis dahin zehn Jahre im Butyrka-GefĂ€ngnis in Moskau verbracht. Als er verhaftet wurde, hatte er nur eine geringe Bildung genossen, aber im GefĂ€ngnis hatte er seine Freizeit gut genutzt. Bis zu seiner Entlassung hatte er ein beachtliches Wissen in Geschichte, politischer Ökonomie und Literatur angehĂ€uft. Kurz nach seiner Befreiung kehrte Machno in das Dorf, aus dem er stammte, nach Gulyai-Poleh, zurĂŒck und organisierte dort eine Gewerkschaft und einen lokalen Rat [Sowjet]. Dann stĂŒrzte er sich in die revolutionĂ€re Bewegung und war wĂ€hred des ganzen Jahres 1917 der geistige Lehrer und AnfĂŒhrer der rebellischen BĂ€uer*innen, die sich gegen die grundbesitzenden EigentĂŒmer*innen auflehnten.

1918, als der Frieden von Brest die Besetzung der Ukraine durch Deutschland und Österreich ermöglichte, organisierte Machno die Banden rebellischer BĂ€uer*innen zur Verteidigung gegen die auslĂ€ndischen Armeen. Er kĂ€mpfte gegen Skoropadskyj, den ukrainischen Hetman, der von deutschen Bajonetten unterstĂŒtzt wurde. Er fĂŒhrte erfolgreiche GuerillakĂ€mpfe gegen Petljura, Kaledin, Grigorjew und Denikin. Als ĂŒberzeugter Anarchist bemĂŒhte er sich darum, der instinktiven Rebellion der BĂ€uer*innenschaft klare Ziele und Absichten zu vermitteln. Es war die Idee Machnos, dass die soziale Revolution gegen alle Feind*innen, gegen jeden konterrevolutionĂ€ren oder reaktionĂ€ren Angriff von rechts oder links verteidigt werden mĂŒsse. Zeitgleich wurde Bildungs- und kulturelle Arbeit fĂŒr die BĂ€uer*innen betrieben, um diese gemĂ€ĂŸ einer anarchistisch-kommunistischen Linie zu formen, mit dem Ziel freie BĂ€uer*innen-Kommunen zu bilden.

Im Februar 1919 schloss Machno einen Pakt mit der Roten Armee. Er wĂŒrde die sĂŒdliche Front gegen Denikin weiterhin halten und dafĂŒr von den Bolschewiki die notwendigen Waffen und Munition bekommen. Machno wĂŒrde im Dienste der povstantsi bleiben, die inzwischen zu einer Armee angewachsen waren und die povstantsi wĂŒrden in ihren lokalen Organisationen Autonomie bewahren und die revolutionĂ€ren Sowjets des Distrikts stellen, der sich ĂŒber mehrere Provinzen erstreckte. Es wurde vereinbart, dass die povstantsi das Recht hĂ€tten sich zu versammeln, und dass sie ihre Angelegenheiten frei diskutieren und selbst lösen dĂŒrften. Drei solcher Treffen wurden im Februar, MĂ€rz und April abgehalten. Aber die Bolschewiki hielten ihren Teil der Vereinbarung nicht. Die UnterstĂŒtzung, die sie Machno zugesichert hatten und die er dringend brauchte, traf nur mit großen VerspĂ€tungen oder gar nicht ein. Mensch sagte, dass das auf Anweisung von Trotzki so war, der die unabhĂ€ngige Armee nicht gerade wohlwollend betrachtete. Warum auch immer, jedenfalls wurde Machno bei jedem Schritt behindert, wĂ€hrend Denikin bestĂ€ndig an Boden gewann. Bald begannen die Bolschewiki Einspruch gegen die freien BĂ€uer*innen-Sowjets zu erheben und im Mai 1919 traf der Oberbefehlshaber der sĂŒdlichen Truppen, Kamenew, in Begleitung von Mitgliedern der Charkiw-Regierung in Machnos Hauptquartier ein, um die umstrittenen Angelegenheiten zu klĂ€ren. Am Ende forderten die bolschewistischen MilitĂ€rreprĂ€sentant*innen, dass sich die povstantsi auflösen. Diese weigerten sich und warfen den Bolschewiki den Bruch ihrer revolutionĂ€ren Vereinbarung vor.

Unterdessen wurde der Vorstoß Denikins zu einer immer grĂ¶ĂŸeren Bedrohung und Machno bekam immer noch keine UnterstĂŒtzung von den Bolschewiki. Die Arbeiter*innearmee entschied sich dazu, eine Sondersitzung der Sowjets fĂŒr den 15. Juni einzuberufen. Es sollte ĂŒber konkrete PlĂ€ne und Methoden entschieden werden, um die drohende Gefahr von Denikin aufzuhalten. Aber am 4. Juni erteilte Trotzki den Befehl, die Sitzung zu verbieten und erklĂ€rte Machno zu einem Gesetzlosen. In einer öffentlichen Sitzung in Charkiw erklĂ€rte Trotzki, dass es besser sei, den Weißen zu erlauben, die Ukraine besetzt zu halten, als Machno zu dulden. Die Anwesenheit der Weißen, sagte er, wĂŒrde die ukrainische BĂ€uer*innenschaft im Sinne der sowjetischen Regierung beeinflussen, wohingegen Machno und seine povstantsi niemals Frieden mit den Bolschewiki schließen wĂŒrden; Sie wĂŒrden versuchen, selbst ein Gebiet in Besitz zu nehmen und ihre Ideen zu praktizieren, was eine konstante Gefahr fĂŒr die kommunistische Regierung wĂ€re. Es war praktisch eine KriegserklĂ€rung an Machno und seine Armee. Bald wurde Machno von zwei Seiten angegriffen – von den Bolschewiki und von Denikin. Die povstantsi waren schlecht ausgestattet und ihnen fehlten dringend nötige NachschĂŒbe zur KriegsfĂŒhrung, trotzdem hatte die BĂ€uer*innenarmee wegen des militĂ€rischen Genies ihres AnfĂŒhrers und dem unbekĂŒmmerten Mut ihrer aufopfernden Rebell*innen eine beachtliche Zeit erfolgreich standgehalten.

Zeitgleich starteten die Bolschewiki eine Denunzinationskampagne gegen Machno und seine povstantsi. Die kommunistische Presse beschuldigte ihn, heimtĂŒckisch die sĂŒdliche Front fĂŒr Denikin geöffnet zu haben und brandmarkte Machnos Armee als eine Bande von Verbrecher*innen und ihren AnfĂŒhrer als KonterrevolutionĂ€r, der um jeden Preis vernichtet werden mĂŒsse. Aber dieser »Konter-RevolutionĂ€r« hatte die Bedrohung Denikins fĂŒr die Revolution begriffen. Er sammelte neue Truppen und UnterstĂŒtzung bei den BĂ€uer*innen und im September und Oktober 1919 versetzte seine Kampagne gegen Denikin diesem den Todesstoß in der Ukraine. Machno eroberte Denikins ArtilleriestĂŒtzpunkt in Mariupol, vernichtete die Nachhut der feindlichen Armee und siegte, indem er die Hauptarmee vom Nachschubstrom abschnitt. Dieses brillante Manöver von Machno und den heroischen KĂ€mpfer*innen der Rebell*innenarmee fĂŒhrten erneut zu freundschaftlichen Beziehungen mit den Bolschewiki. Das Verbot der povstantsi wurde aufgehoben und die kommunistische Presse pries Machno als großes militĂ€risches Genie und mutigen Verteidiger der Revolution in der Ukraine. Aber die Differenzen zwischen Machno und den Bolschewiki saßen tief: Er strebte nach der Errichtung freier BĂ€uer*innenkommunen in der Ukraine, wĂ€hrend die Kommunist*innen die Herrschaft Moskaus durchsetzen wollten. Schlussendlich war ein Zusammenstoß unvermeidbar. Anfang Januar 1920 war es soweit.

Zu dieser Zeit bedrohte ein neuer Feind die Revolution. Grigorjew, ehemals Teil der Armee des Zaren, spĂ€ter Freund der Bolschewiki, wandte sich nun gegen sie. Nachdem Grigorjew wegen seiner Slogans der Freiheit und der freien Sowjets beachtliche UnterstĂŒtzung im SĂŒden erlangt hatte, schlug er Machno vor, dass sie sich gegen das kommunistische Regime verbĂŒnden. Machno berief ein Treffen der beiden Armeen ein und beschuldigte Grigorjew dort öffentlich der Konterrevolution und legte Beweise fĂŒr zahlreiche Pogrome vor, die er gegen JĂŒd*innen organisiert hatte. Machno und seine AnhĂ€nger*innen erklĂ€rten Grigorjew zum Feind der Menschen und der Revolution, verurteilten ihn und seine nĂ€chsten AnhĂ€nger*innen zum Tode und vollstreckten das Urteil an Ort und Stelle. Ein Teil von Grigorjews Armee schloss sich Machno an.

Unterdessen bedrĂ€ngte Denikin Machno weiter und zwang ihn schließlich, sich zurĂŒckzuziehen. NatĂŒrlich nicht ohne erbitterte KĂ€mpfe auf einer Strecke von 900 Werst (etwa 962 km., Anm. d. Übers.), die vier Monate andauerten und wĂ€hrend derer Machno Richtung Galizien marschierte. Denikin rĂŒckte nach Charkiw vor, dann weiter nach Norden und eroberte Orjol und Kursk und erreichte schließlich die Tore von Tula in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Moskau.

Die Rote Armee schien machtlos zu sein, den Vorstoß Denikins aufzuhalten, aber Machno hatte unterdessen neue KrĂ€fte gesammelt und griff Denikin von hinten an. Dieses unerwartete Manöver und die außerordentlichen militĂ€rischen Held*innentaten von Machnos MĂ€nnern wĂ€hrend dieses Angriffs brachten Denikins PlĂ€ne durcheinander, demoralisierten seine Truppen und verschafften der Roten Armee die Möglichkeit, den konterrevolutionĂ€ren Feind im Umland von Tula anzugreifen.

Als die Rote Armee, nachdem die Truppen von Denikin endgĂŒltig geschlagen worden waren, Alexandrowsk erreicht hatte, forderte Trotzki erneut von Machno, dass seine MĂ€nner die Waffen niederlegen und sich der Disziplin der Roten Armee unterwerfen sollen. Die povstantsi weigerten sich, woraufhin eine organisierte militĂ€rische Kampagne gegen die Rebell*innen ins Leben gerufen wurde, im Zuge derer die Bolschewiki viele Gefangene nahmen und zahlreiche andere töteten. Machno, dem es gelang, dem Netz der Bolschewiki zu entkommen, wurde erneut zum Verbrecher und fĂŒr vogelfrei erklĂ€rt. Seither fĂŒhrte Machno ununterbrochen einen Guerillakrieg gegen das bolschewistische Regime.

Die Geschichte der ukrainischen Freunde, die ich hier in sehr kondensierter Form wiedergegeben habe, klang so romantisch wie die Heldentaten von Stenka Rasin, dem berĂŒhmten kosakischen Rebellen, wie er von Gogol verewigt wurde. Romantisch und anschaulich, aber welche Bedeutung hatten die AktivitĂ€ten von Machno und seinen MĂ€nnern fĂŒr den Anarchismus, fragte ich die beiden Genossen. Machno, erklĂ€rten meine Informanten, war selbst ein Anarchist, der darum rang, die Ukraine von jeglicher UnterdrĂŒckung zu befreien und danach strebte, die latenten anarchistischen Tendenzen der BĂ€uer*innen zu entwickeln und zu organisieren. DiesbezĂŒglich hatte Machno wiederholt an die Anarchist*innen der Ukraine und Russlands appelliert, ihm zu helfen. Er bot ihnen die grĂ¶ĂŸte Möglichkeit fĂŒr propagandistische und Bildungsarbeit, versorgte sie mit Druckausstattungen und Versammlungsorten und gab ihnen vollste Handlungsfreiheit. Immer wenn Machno eine Stadt eroberte, etablierte er Rede- und Pressefreiheit fĂŒr Anarchist*innen und Linke SozialrevolutionĂ€r*innen. Machno hatte oft gesagt: »Ich bin ein Mann des MilitĂ€rs und ich habe keine Zeit fĂŒr Bildungsarbeit. Aber ihr, die ihr Autor*innen und Redner*innen seid, könnt diese Arbeit leisten. Arbeitet mit mir zusammen und gemeinsam werden wir in der Lage sein, das Feld fĂŒr ein wahrhaftes Experiment des Anarchismus zu bestellen.« Aber der hauptsĂ€chliche Wert der Machno-Bewegung lĂ€ge bei den BĂ€uer*innen selbst, meinten meine Genossen. Es war eine spontane, natĂŒrliche Bewegung und die Feindschaft der BĂ€uer*innen gegenĂŒber allen Regierungen war nicht das Resultat von Theorien, sondern bitterer Erfahrungen und instinktiver Liebe zur Freiheit. Sie war ein fruchtbarer Boden fĂŒr anarchistische Ideen. Aus diesem Grund arbeiteten zahlreiche Anarchist*innen mit Machno zusammen. Sie kĂ€mpften mit ihm bei den meisten seiner MilitĂ€rkampagnen und betrieben wĂ€hrenddessen tatkrĂ€ftig anarchistische Propaganda.

Von Zorin und anderen Kommunist*innen war mir gesagt worden, dass Machno ein JĂŒd*innenhasser sei und dass seine povstantsi fĂŒr zahlreiche brutale Pogrome verantwortlich seien. Meine Besucher verneinten diese VorwĂŒrfe entschieden. Machno hĂ€tte erbittert gegen Pogrome gekĂ€mpft, behaupteten sie, er hatte oft Bekanntmachungen gegen solche Gewalttaten veröffentlicht und er hĂ€tte sogar mit eigener Hand einige derer bestraft, die des Angriffs auf JĂŒd*innen schuldig waren. Hass auf JĂŒd*innen sei in der Ukraine natĂŒrlich gĂ€ngig, er sei nicht einmal unter den Roten Soldat*innen eliminiert worden. Auch sie hĂ€tten JĂŒd*innen angegriffen, beraubt und an ihnen Gewalttaten verĂŒbt, trotzdem mache keine*r die Bolschewiki fĂŒr diese EinzelfĂ€lle verantwortlich. Die Ukraine werde viel von bewaffneten Banden heimgesucht, die oft fĂ€lschlicherweise fĂŒr Machnowtschist*innen gehalten werden und die Pogrome verĂŒbt hĂ€tten. Die Bolschewiki, denen dieser Umstand bekannt sei, hĂ€tten die Verwechslung genutzt, um Machno und seine AnhĂ€nger*innen zu diskreditieren. Dennoch wĂŒrden die Anarchist*innen der Ukraine die Machno-Bewegung nicht idealisieren, informierte mensch mich. Sie wussten, dass die povstantsi sich nicht als Anarchist*innen verstanden. Ihre Publikation Nabat hatte wiederholt auf diese Tatsache hingewiesen. Andererseits konnten die Anarchist*innen die Bedeutung dieser populĂ€ren Bewegung nicht ignorieren, die instinktiv rebellisch, anarchistisch geneigt und erfolgreich darin war, die Feind*innen der Revolution zu schlagen, die die besser organisierte und ausgestattete bolschewistische Armee nicht besiegen konnte. Aus diesem Grund hielten es viele Anarchist*innen fĂŒr ihre Pflicht mit Machno zusammenzuarbeiten. Aber ein Großteil hielt sich von Machno fern; sie hatten wichtigere kulturelle, bildende und organisatorische Arbeit zu tun.

Die eindringenden konterrevolutionĂ€ren KrĂ€fte, auch wenn sie sich in ihrem Charakter und ihren BeweggrĂŒnden unterschieden, waren sich alle einig, wenn es um die unbarmherzige Verfolgung von Anarchist*innen ging. Letztere waren dazu bestimmt zu leiden, egal, welches das neue Regime sein wĂŒrde. Die Bolschewiki waren in dieser Hinsicht nicht besser als Denikin oder jede andere Weiße Kraft. Die bolschewistischen GefĂ€ngnisse waren mit Anarchist*innen gefĂŒllt, viele waren erschossen worden und alle ĂŒblichen anarchistischen AktivitĂ€ten wurden unterdrĂŒckt. Besonders die Tscheka leistete grausame Arbeit; sie hatte die alten zaristischen Methoden wiedereingefĂŒhrt, darunter sogar Folter.

Meine jungen Besucher sprachen aus Erfahrung: Sie waren wiederholt selbst in bolschewistischen GefÀngnissen gewesen.

Kapitel 12: Unter der OberflÀche

Die furchtbare Geschichte, die ich mir zwei Wochen lang angehört hatte, brach wie ein Sturm ĂŒber mich herein. War das die Revolution, an die ich mein Leben lang geglaubt hatte, nach der ich mich gesehnt hatte und fĂŒr die ich andere begeistern wollte, oder war sie nur eine Karrikatur – ein schreckliches Monster, das gekommen war, um mich zu verhöhnen und zu verspotten? Waren Menschen wie die Kommunist*innen, die ich wĂ€hrend der letzten sechs Monate tĂ€glich getroffen hatte – aufopferungsvolle, hart arbeitende MĂ€nner und Frauen erfĂŒllt von einem großen Ideal –, zu solchen GrĂ€ueltaten, wie sie ihnen vorgeworfen wurden, zu solch einem Verrat fĂ€hig? Sinowjew, Radek, Zorin, Rawitsch und viele andere, die ich kennen gelernt hatte – waren sie fĂ€hig im Namen eines Ideals zu lĂŒgen, zu diffamieren, zu foltern, zu töten? Andererseits – hatte nicht Zorin zu mir gesagt, dass die Todesstrafe in Russland abgeschafft worden sei? Trotzdem hatte ich kurz nach meiner Ankunft erfahren, dass hunderte Menschen am Abend des Tages, an dem dieses neue Gesetz in Kraft getreten war, erschossen worden waren und dass in Wirklichkeit die Erschießungen durch die Tscheka bis heute nicht geendet haben.

Dass meine Freunde nicht ĂŒbertrieben, als sie von der Folter durch die Tscheka sprachen, hatte ich bereits aus anderen Quellen erfahren. Beschwerden ĂŒber die beĂ€ngstigenden ZustĂ€nde in den Petrograder GefĂ€ngnissen waren so zahlreich geworden, dass mensch in Moskau auf die Situation aufmerksam geworden war. Ein Kommissar der Tscheka war gekommen, um zu ermitteln. Den Gefangenen, die zu viel Angst davor hatten auszusagen, wurde ImmunitĂ€t versprochen. Aber kaum hatte der Kommissar das GefĂ€ngnis verlassen, wurde ein Insasse, ein Junge, der sehr unverblĂŒmt ĂŒber die von der Tscheka verĂŒbten BrutalitĂ€ten gesprochen hatte, aus seiner Zelle geschleift und grausam zusammengeschlagen.

Warum flĂŒchtete sich Zorin in LĂŒgen? Sicher musste er geahnt haben, dass ich nicht sehr lange im Dunkeln bleiben wĂŒrde. Und war Lenin nicht der gleichen Methoden schuldig? »Anarchist*innen im Geiste [ideyni] findest du nicht in unseren GefĂ€ngnissen«, hatte er mir versichert. Dennoch hatten zu genau diesem Zeitpunkt zahlreiche Anarchist*innen die GefĂ€ngnisse von Moskau, Petrograd und vielen anderen StĂ€dten Russlands gefĂŒllt. Im Mai 1920 waren zahlreiche Anarchist*innen in Petrograd verhaftet worden, unter ihnen zwei MĂ€dchen im Alter von siebzehn und neunzehn Jahren. Keine*r der Gefangenen wurde wegen konterrevolutionĂ€rer AktivitĂ€ten angeklagt: Sie waren »Anarchist*innen im Geiste«, um Lenins Ausdruck zu gebrauchen. Mehrere von ihnen hatten ein Manifest anlĂ€sslich des Ersten Mais verfasst, in dem sie auf die haarstrĂ€ubenden ZustĂ€nde in den Fabriken der Sozialistischen Republik aufmerksam gemacht hatten. Die beiden jungen MĂ€dchen, die ein Flugblatt gegen das »Arbeitsbuch« verbreitet hatten, das damals gerade in Kraft getreten war, waren ebenfalls verhaftet worden.

Das Arbeitsbuch wurde von den Bolschewiki als eine der großen kommunistischen Errungenschaften gepriesen. Es wurde behauptet, es wĂŒrde Gleichheit schaffen und das Schmarotzertum abschaffen. TatsĂ€chlich hatte das Arbeitsbuch eher den Charakter der gelben Ausweise, die unter dem Regime des Zaren an die Prostituierten ausgegeben worden waren. Es diente der Dokumentation jedes einzelnen Schrittes, den mensch tat und ohne es konnte mensch keinen Schritt tun. Es fesselte seine EigentĂŒmer*innen an ihren Job, an die Stadt, in der er*sie lebte und an die Kammer, in der er*sie wohnte. Es dokumentierte die politische Ausrichtung seiner*seines Besitzer*in, seine*ihre Parteitreue und die Anzahl der Male, die mensch verhaftet worden war. Kurz gesagt, ein gelber Ausweis. Sogar einige Kommunist*innen waren gegen diese erniedrigende Neuerung. Die Anarchist*innen, die dagegen protestierten, wurden von der Tscheka verhaftet. Als bestimmte fĂŒhrende Kommunist*innen zu der Sache befragt wurden, wiederholten sie, was Lenin gesagt hatte: »Anarchist*innen im Geiste sind nicht in unseren GefĂ€ngnissen.«

Der Heiligenschein der Kommunist*innen fiel. Alle von ihnen schienen zu glauben, dass der Zweck die Mittel rechtfertige. Ich erinnerte mich an die Aussagen von Radek anlĂ€sslich des ersten JubilĂ€ums der Dritten Internationale, als er seinem Publikum von der »beeindruckenden Verbreitung des Kommunismus« in Amerika berichtete. »FĂŒnfzigtausend Kommunist*innen sind in amerikanischen GefĂ€ngnissen«, hatte er ausgerufen. »Molly Stimer, ein achtzehnjĂ€hriges MĂ€dchen, und ihre mĂ€nnlichen Begleiter, alles Kommunisten, wurden wegen ihrer kommunistischen AktivitĂ€ten aus Amerika deportiert.« Ich dachte zu dieser Zeit, dass Radek falsch informiert gewesen war. Dennoch erschien es mir seltsam, dass er sich nicht der Fakten vergewisserte, bevor er solche Annahmen traf. Sie waren verlogen und eine Beleidigung fĂŒr Molly Stimer und ihre anarchistischen Genossen, zusĂ€tzlich zu der Ungerechtigkeit, die sie von der amerikanischen Plutokratie erfahren hatte.

WĂ€hrend der letzten paar Monate hatte ich genug gesehen und gehört, um mit der kommunistischen Psychologie, ebenso wie mit den Theorien und Methoden der Bolschewiki gewissermaßen vertraut zu werden. Ich war nicht lĂ€nger ĂŒberrascht von der Geschichte ihres doppelten Spiels mit Machno, den von der Tscheka verĂŒbten BrutalitĂ€ten, den LĂŒgen Zorins. Ich hatte begriffen, dass die Kommunist*innen vorbehaltlos an den jesuitischen Leitspruch glaubten, dass der Zweck alle Mittel rechtfertige. TatsĂ€chlich kosteten sie dieses Schema voll aus. Jede Vorstellung vom Wert eines menschlichen Lebens, von CharakterstĂ€rke, von der Wichtigkeit revolutionĂ€rer IntegritĂ€t als Basis einer neuen sozialen Ordnung wurde als »bourgeoise SentimentalitĂ€t« verunglimpft, fĂŒr die kein Platz im revolutionĂ€ren Vorhaben war. FĂŒr die Bolschewiki war der zu erreichende Zweck der kommunistische Staat oder die sogenannte Diktatur des Proletariats. Alles, was diesen Zweck voranbrachte, war gerechtfertigt und revolutionĂ€r. Die Lenins, Radeks und Zorins waren sich darin einig. Besessen von der Unfehlbarkeit ihres Glaubens gaben sie sich diesem vollstĂ€ndig hin und konnten so zugleich heroisch und verachtenswert sein. Sie konnten zwanzig Stunden am Tag arbeiten, von Hering und Tee leben und die Abschlachtung unschuldiger MĂ€nner und Frauen befehlen. Gelegentlich versuchten sie ihre Morde zu verschleiern, indem sie ein »MissverstĂ€ndnis« vortĂ€uschten, denn rechtfertigt der Zweck nicht alle Mittel? Sie konnten sich der Folter bedienen und die Verfolgung leugnen, sie konnten lĂŒgen und verleumden und sich selbst Idealist*innen nennen. Kurz gesagt, sie konnten sich selbst und anderen einreden, dass aus Sicht der Revolution alles legitim und richtig sei; jede andere Politik wĂ€re schwach, sentimental oder ein Verrat an der Revolution.

Bei einem bestimmten Anlass, als ich Kritik an der brutalen Art und Weise Ă€ußerte, wie zierliche Frauen auf die Straße getrieben wurden, um Schnee zu schaufeln, und darauf bestand, dass auch wenn sie zur Bourgeoisie gehört hatten, sie dennoch Menschen wĂ€ren und ihre körperliche Fitness berĂŒcksichtigt werden sollte, hatte ein*e Kommunist*in zu mir gesagt: »Du solltest dich deiner selbst schĂ€men; du, eine alte RevolutionĂ€rin und trotzdem so sentimental.« Es war die gleiche Einstellung, die einige Kommunist*innen gegenĂŒber Angelica Balabanowa zeigten, weil sie immer beflissen und eifrig versuchte zu helfen, wo sie nur konnte. Kurz: Ich hatte begriffen, dass die Bolschewiki soziale Puritaner*innen waren, die ernsthaft glaubten, dass sie alleine dazu bestimmt seien, die Menschheit zu retten. Meine Beziehung zu den Bolschewiki wurde angespannter, meine Einstellung zur Revolution, wie ich sie vorgefunden hatte, wurde kritischer.

Eine Sache wurde mir immer klarer: Ich konnte mich nicht mit der sowjetischen Regierung zusammenschließen; Ich konnte keine Arbeit ausĂŒben, die mich unter die Kontrolle der kommunistischen Maschine stellen wĂŒrde. Das Ministerium fĂŒr Bildung war so voll und ganz von dieser Maschine dominiert, dass es hoffnungslos war, irgendetwas außer Routinearbeit zu erwarten. TatsĂ€chlich konnte mensch fast nichts erreichen, außer mensch war Kommunist*in. Ich war begierig darauf gewesen, mit Lunatscharski zusammenzuarbeiten, den ich fĂŒr einen der kultiviertesten und am wenigsten dogmatischen Kommunist*innen in hoher Position gehalten hatte. Aber mittlerweile war ich ĂŒberzeugt, dass Lunatscharski selbst ein hilfloses RĂ€dchen im Getriebe der Maschine war, die seine grĂ¶ĂŸten Anstrengungen bestĂ€ndig schmĂ€lerte und kontrollierte. Ich hatte ebenfalls erfahren, dass in der Verwaltung der Schulen und bei der Behandlung von Kindern Bevorzugung und Bestechung eine große Rolle spielten. Einige Schulen waren in hervorragendem Zustand, die Kinder waren gut ernĂ€hrt und gut gekleidet, genossen Konzerte, TheaterauffĂŒhrungen, TĂ€nze und andere Unterhaltungen. Aber die Mehrzahl der UnterkĂŒnfte fĂŒr Kinder an den Schulen waren verkommen, schmutzig und verwahrlost. Diejenigen, die fĂŒr die bevorzugten Schulen verantwortlich waren, hatten kaum Schwierigkeiten, Dinge, die sie fĂŒr VerĂ€nderungen brauchten, zu besorgen, oft hatten sie sogar eine Überversorgung. Aber die Verantwortlichen an den gewöhnlichen Schulen mussten wöchentlich ihre Zeit und Energie damit verschwenden, von einem Amt zum nĂ€chsten zu laufen, matt und entmutigt, mit endlosen Wartezeiten, bevor sie auch nur die kleinsten Notwendigkeiten bekamen.

Anfangs schrieb ich diesen Zustand der Knappheit von Nahrungsmitteln und anderen Materialien zu. Ich hatte oft genug gehört, dass die Blockade und die Interventionen verantwortlich waren. GrĂ¶ĂŸtenteils war das wahr. WĂŒrde Russland nicht verhungern, hĂ€tten falsches Management und Bestechung keine so fatalen Auswirkungen. Aber zu der herrschenden Knappheit an Dingen kam die vorherrschende Vorstellung der kommunistischen Propaganda. Sogar die Kinder mussten diesem Zweck dienen. Die gut gepflegten Schulen waren Schau, fĂŒr die Auslandsmission und fĂŒr Delegierte, die Russland besuchten. An diesen Schauschulen wurde auf Kosten der anderen alles verschwendet.

Ich erinnerte mich, wie in Petrograd alle ĂŒberrascht waren, als ein Artikel in der Petrograder Prawda im Mai entsetzliche ZustĂ€nde an den Schulen enthĂŒllte. Ein Komitee der kommunistischen Jugendorganisationen untersuchte einige der Institutionen. Sie fanden die Kinder schmutzig und voller Ungeziefer vor, die Matratzen, auf denen sie schliefen, waren schmutzig, sie wurden mit armseligem Essen ernĂ€hrt, mit Einschluss in dunklen RĂ€umen ĂŒber Nacht bestraft, gezwungen ohne Abendessen ins Bett zu gehen und sogar geschlagen. Die Zahl der Angestellten und Bediensteten in den Schulen war nicht weniger als kriminell. In einer Schule zum Beispiel waren es 138, die fĂŒr 125 Kinder zustĂ€ndig waren. In einer anderen 40 fĂŒr 25 Kinder. All diese Parasiten stahlen den unglĂŒcklichen Kindern das Brot aus den MĂŒndern.

Die Zorins hatten mir wiederholt von Lillina erzĂ€hlt, der Frau, die fĂŒr das Amt fĂŒr Bildung in Petrograd zustĂ€ndig war. Sie sei eine wundervolle Arbeiterin, sagten sie, hingebungsvoll und fĂ€hig. Ich hatte sie bei verschiedenen Gelegenheiten sprechen gehört, war aber nicht beeindruckt: Sie sah prĂŒde und selbstzufrieden aus, eine typische, puritanische Dorfschullehrerin. Aber ich wollte mir keine Meinung bilden, bevor ich nicht mit ihr gesprochen hatte. Nach der Veröffentlichung der EnthĂŒllungen ĂŒber die Schulen beschloss ich, Lillina zu treffen. Wir unterhielten uns ĂŒber eine Stunde ĂŒber die Schulen in ihrem ZustĂ€ndigkeitsbereich, ĂŒber Bildung im Allgemeinen, die Herausforderungen im Umgang mit Kindern mit geistiger Behinderung und ihre Behandlung. Sie machte sich ĂŒber die Misshandlungen an ihren Schulen lustig und behauptete, dass »die jungen Genoss*innen bei den MĂ€ngeln ĂŒbertrieben hĂ€tten.« Jedenfalls, fĂŒgte sie hinzu, seien die Verantwortlichen bereits von den Schulen geworfen worden.

Ähnlich wie viele andere verantwortliche Kommunist*innen widmete sich Lillina voll und ganz ihrer Arbeit und steckte all ihre Zeit und Energie in sie. NatĂŒrlicherweise konnte sie persönlich nicht alles ĂŒberblicken; Ihrer EinschĂ€tzung nach waren die Schauschulen die wichtigsten, diesen widmete sie ihre meiste Zeit. Die anderen Schulen blieben der Verantwortung ihrer zahlreichen Assistent*innen ĂŒberlassen, deren Eignung fĂŒr diese Arbeit grĂ¶ĂŸtenteils nach ihrer politischen NĂŒtzlichkeit beurteilt wurde. Unsere Unterhaltung bestĂ€tigte meine Überzeugung, dass ich nicht Teil des bolschewistischen Bildungssystems sein könne.

Das Gesundheitssystem bot ebensowenig Möglichkeiten fĂŒr echten Einsatz – Einsatz, der nicht zugunsten von SchaukrankenhĂ€usern oder der politischen Ansichten der Patient*innen andere diskriminierte. Wie alle kommunistischen Institutionen wurde das Gesundheitsministerium von einem politischen Kommissar, Doktor Perwuchin, gefĂŒhrt. Er bemĂŒhte sich darum, mich zur UnterstĂŒtzung zu gewinnen, indem er vorschlug, mich verantwortlich fĂŒr die Krankenpflege in den Fabriken, die Medikamentenausgabe oder die Bezirkskrankenpflege zu machen – ein sehr schmeichelhaftes und verlockendes Angebot und eines, das großen Reiz auf mich ausĂŒbte. Ich hatte mehrere Besprechungen mit Doktor Perwuchin, aber sie fĂŒhrten zu keinem praktischen Ergebnis.

Immer wenn ich sein Amt besuchte, sah ich Gruppen von MĂ€nnern und Frauen warten, endlos warten. Es waren Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen, Angehörige der Intelligenzija – keine*r von ihnen Kommunist*in –, die in den verschiedenen medizinischen Branchen beschĂ€ftigt waren, aber deren Zeit und Energie in den WarterĂ€umen von Doktor Perwuchin, dem politischen Kommissar verschwendet wurde. Sie waren ein armseliges HĂ€ufchen, entmutigt und niedergeschlagen, diese MĂ€nner und Frauen, die einst die BlĂŒte Russlands waren. Sollte ich mich diesem tragischen Trauerspiel anschließen, zu diesem politischen Joch beitragen? Nicht bevor ich nicht ĂŒberzeugt wĂ€re, dass das Joch unvermeidbar fĂŒr den revolutionĂ€ren Prozess sei und ich einverstanden mit ihm wĂ€re. Ich spĂŒrte, dass ich zunĂ€chst Arbeit von nicht-parteiischem Charakter annehmen mĂŒsse, Arbeit, die es mir ermöglichen wĂŒrde, die Bedingungen in Russland zu studieren und in direkten Kontakt mit den Menschen zu kommen, den Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen. Nur so wĂ€re ich in der Lage, meinen eigenen Weg aus dem Chaos der Zweifel und gedanklichen Qualen zu finden, denen ich zum Opfer gefallen war.

Kapitel 13: Ich trete dem Museum der Revolution bei

Das Museum der Revolution befindet sich im Winterpalast, in dem Bereich, der einst zur Pflege der Kinder des Zaren genutzt worden war. Der Eingang zu diesem Teil des Palastes ist bekannt als detsky podyezed. Von den Fenstern des Palastes aus muss der Zar hĂ€ufig ĂŒber den Newa auf die Peter-and-Paul-Festung, die lebendige GrabstĂ€tte seiner politischen Feind*innen, geblickt haben. Wie verĂ€ndert die Dinge doch nun waren! Der Gedanke daran entzĂŒndete meine Fantasie. Ich schwelgte in Staunen und der Magie des großen Umsturzes, als ich das Museum das erste Mal besuchte.

Ich sah Gruppen von MĂ€nnern und Frauen bei der Arbeit in den verschiedenen RĂ€umen; Sie kauerten sich unter ihren UmhĂ€ngen zusammen und zitterte vor KĂ€lte. Ihre Gesichter waren aufgedunsen und blau angelaufen, ihre HĂ€nde vom Frost geschĂ€digt, ihre gesamte Erscheinung schattenhaft. Wie groß war die Hingabe dieser Menschen, dachte ich, wenn sie selbst unter solchen UmstĂ€nden weiterarbeiten. Der SekretĂ€r des Museums, M. B. Kaplan, begrĂŒĂŸte mich sehr freundschaftlich und drĂŒckte seine »Hoffnung aus, ich wĂŒrde mich der Arbeit im Museum anschließen.« Er und ein anderes Personalmitglied verbrachten zu mehreren Gelegenheiten viel Zeit mit mir, wĂ€hrend derer sie mir die PlĂ€ne und den Zweck des Museums erklĂ€rten. Sie baten mich darum mich der Expedition anzuschließen, die das Museum damals organisierte und welche nach SĂŒden in die Ukraine und den Kaukasus fĂŒhren sollte. Sie wollten dort wertvolles Material aus der revolutionĂ€ren Periode sammeln, erklĂ€rten sie. Die Idee gefiel mir. Neben meinem allgemeinen Interesse fĂŒr das Museum und seine BemĂŒhungen bedeutete es nicht parteiische Arbeit, frei von Kommissar*innen, und eine seltene Gelegenheit Russland zu besichtigen und zu studieren.

Im Laufe unserer Bekanntschaft erfuhr ich, dass weder Mr. Kaplan noch sein Freund Kommunisten waren. WĂ€hrend allerdings Mr. Kaplan stark pro bolschewistisch eingestellt war und alles zu verteidigen und wegzuerklĂ€ren versuchte, war der andere Mann kritisch, wenn auch ĂŒberhaupt nicht feindlich eingestellt. WĂ€hrend meines Aufenthalts in Petrograd sah ich beide MĂ€nner hĂ€ufig und ich lernte viel von ihnen ĂŒber die Revolution und die Methoden der Bolschewiki. Kaplans Freund, dessen Namen ich aus offensichtlichen GrĂŒnden nicht nennen kann, sprach oft von der völligen Unmöglichkeit, innerhalb der kommunistischen Maschine kreativ tĂ€tig zu werden. »Die Bolschewiki«, sagte er, »beschweren sich immerzu ĂŒber das Fehlen kompetenter Hilfe, trotzdem bekommt keine*r je eine Gelegenheit dazu, wenn sie*er nicht Kommunist*in ist.« Das Museum war unter den Institutionen, in die am wenigsten eingegriffen wurde und die Arbeit dort hatte große Fortschritte gemacht. Dann war eine Gruppe aus zwanzig Jugendlichen dorthin geschickt worden, junge und unerfahrene Knaben, die mit der Arbeit nicht vertraut waren. Als Kommunisten wurden sie in fĂŒhrenden Positionen platziert und dadurch kam es zu Spannungen und Durcheinander. Jede*r fĂŒhlte sich beobachtet und ausspioniert. »Den Kommunist*innen geht es nicht um Verdienste«, sagte er, »ihr Hauptanliegen ist eine Mitgliedskarte.« Er hatte keine großen Hoffnungen, was die Zukunft des Museums anging, aber er glaubte dennoch, dass die Zusammenarbeit mit den »Amerikaner*innen« zu einer positiven Entwicklung beitragen wĂŒrde.

Schließlich entschied ich mich fĂŒr das Museum, weil es die passendste Arbeit fĂŒr mich zu sein schien, vor allem weil die Institution nicht parteiisch war. Ich hatte auf eine lebhaftere Teilhabe am Leben in Russland gehofft als die Sammlung von historischem Material, trotzdem hielt ich die Arbeit fĂŒr notwendig und wertvoll. Als ich endgĂŒltig zugestimmte hatte, Mitglied der Expedition zu werden, besuchte ich das Museum tĂ€glich, um bei den Vorbereitungen fĂŒr die lange Reise zu helfen. Es gab eine Menge Arbeit. Es war keine einfache Angelegenheit einen Waggon zu bekommen und ihn fĂŒr die beschwerliche Reise auszurĂŒsten, sowie die Dokumente zu beschaffen, die uns Zugang zu den Materialien geben wĂŒrden, zu deren Beschaffung wir ausziehen wĂŒrden.

WĂ€hrend ich mit diesen Vorbereitungen beschĂ€ftigt war, kam Angelica Balabanowa in Petrograd an, um die italienische Gesandtschaft zu empfangen. Sie wirkte verĂ€ndert. Sie hatte sich nach ihren italienischen Genoss*innen gesehnt: Sie wĂŒrden ihr ein StĂŒck ihres geliebten Italiens, ihres frĂŒheren Lebens und ihrer Arbeit dort geben. Obwohl sie in Russland geboren war, ihre Ausbildung dort absolviert hatte und durch die revolutionĂ€re Tradition Russlands geprĂ€gt war, war Angelica mit dem Boden Italiens verwachsen. Nun, ich verstand sie und ihr GefĂŒhl der Fremdheit im Land, des harten Bodens, aus dem es galt neues und strahlendes Leben zu gebĂ€ren. Angelica wĂŒrde niemals zugeben, nicht einmal vor sich selbst, dass das so sehr erhoffte Leben eine Totgeburt war. Aber so gut wie ich sie kannte, war es fĂŒr mich nicht schwer nachzuvollziehen, wie bitter ihre Trauer ĂŒber das glĂŒcklose und formlose Ding war, zu dem sich Russland entwickelte. Aber nun kamen ihre geliebten Italiener*innen! Sie wĂŒrden die WĂ€rme und Farben Italiens mit sich bringen.

Die Italiener*innen trafen ein und mit ihnen kamen neue Festlichkeiten, Demonstrationen, Versammlungen und Reden. Wie anders das alles bei meinen denkwĂŒrdigen ersten Tagen in Beloostrow auf mich gewirkt hatte. Keine Frage, die Italiener*innen waren jetzt ebenso beeindruckt wie ich damals, ebenso inspiriert durch das scheinbare Wunder von Russland. Sechs Monate und die unmittelbare NĂ€he zur RealitĂ€t der Dinge haben das Bild fĂŒr mich völlig verĂ€ndert. Die SpontaneitĂ€t, der Enthusiasmus, die VitalitĂ€t waren verschwunden. Nur ein blasser Schatten war geblieben, ein grinsendes Phantom, das nach meinem Herzen griff.

Auf dem Uritski-Platz wurden die Massen des langen Wartens ĂŒberdrĂŒssig. Sie warteten dort bereits seit Stunden, als die italienische Delegation das Taurische Palais verließ und endlich eintraf. Die Zeremonie hatte gerade erst begonnen, als eine bleiche und blasse Frau, die sich gegen die BĂŒhne lehnte, zu weinen begann. Ich stand in der NĂ€he. »FĂŒr sie ist es einfach zu reden«, stöhnte sie, »aber wir hatten den ganzen Tag nichts zu essen. Wir bekamen die Anweisung, direkt von der Arbeit hierher zu marschieren, unter Androhung, dass wir sonst unsere Brotrationen verlieren wĂŒrden. Seit fĂŒnf Uhr heute morgen bin ich auf den Beinen. Uns ist es nicht erlaubt, nach der Arbeit nach Hause zu gehen, zu unserem bisschen Abendessen. Wir mussten hierher kommen. Siebzehn Stunden nur ein StĂŒck Brot und etwas kipyatok [heißes Wasser]. Wissen die Besucher*innen denn ĂŒberhaupt etwas ĂŒber uns?« Die Reden gingen weiter, die »Internationale« wurde zum zehnten Mal wiederholt, die Matros*innen fĂŒhrten ihre raffinierte Parade auf und die Claqueure auf der Zuschauer*innentribĂŒne riefen Hurra. Ich floh von diesem Ort. Auch ich weinte, auch wenn meine Augen trocken blieben.

Die italienische Delegation war wie auch die britische im Narischkin-Palast untergebracht. Eines Tages, als ich Angelica dort besuchte, fand ich sie in aufgeregtem GemĂŒtszustand vor. Durch eine*n der Diener*innen hatte sie erfahren, dass die ehemalige Prinzessin Narischkin, die ehemalige Besitzerin des Palastes, gekommen war, um um die silberne Ikone zu bitten, die seit Generationen im Familienbesitz gewesen war. »Nur diese Ikone«, hatte sie gefleht. Aber die Ikone war nun Staatsbesitz und Balabanowa hatte nichts fĂŒr sie tun können. »Stell dir vor«, sagte Angelica, »Narischkin steht nun alt und verwahrlost an der Straßenecke und bettelt und ich lebe in diesem Palast. Wie grĂ€sslich das Leben ist! Ich bin dafĂŒr nicht gemacht, ich muss dem entfliehen.«

Aber Angelica war an die Parteidisziplin gebunden, sie blieb im Palast, bis sie nach Moskau zurĂŒckkehrte. Ich wusste, dass sie sich kaum glĂŒcklicher fĂŒhlte als die zerlumpte und hungernde ehemalige Prinzessin, die an der Straßenecke bettelte.

Balabanowa, darum besorgt, dass ich eine passende Arbeit fĂ€nde, informierte mich eines Tages darĂŒber, dass der in Amerika als Doktor Goldfarb bekannte Petrowski in Petrograd eingetroffen war. Er war Leiter der Zentralen MilitĂ€rischen Bildungseinrichtung, die auch Schulungen zur*zum Krankenpfleger*in anbot. Ich hatte den Mann in den Staaten nie getroffen, aber ich hatte von ihm als Arbeiter*innen-Herausgeber des New Yorker Forward, dem jĂŒdischen sozialistischen Tagesblatt, gehört. Er bot mir die Position der leitenden Unterrichtenden an der militĂ€rischen Krankenpfleger*innenschule an, in der Absicht, amerikanische Methoden der Krankenpflege einzufĂŒhren oder mich mit einem Medizinzug an die polnische Front zu schicken. Ich hatte meine Dienste bei den ersten Nachrichten ĂŒber die polnische Attacke auf Russland angeboten: Ich sah die Revolution bedroht und ich eilte zu Zorin, um ihn darum zu bitten, als Krankenpflegerin zugeteilt zu werden. Er versprach sich in dieser Angelegenheit an die zustĂ€ndigen Behörden zu wenden, aber ich hatte seither nichts mehr davon gehört. Deshalb war ich von dem Angebot Petrowskis etwas ĂŒberrascht. Auf jeden Fall kam es zu spĂ€t. Was ich seither ĂŒber die Situation in der Ukraine, die bolschewistischen Methoden gegenĂŒber Machno und der povstantsi-Bewegung, der Verfolgung von Anarchist*innen und die AktivitĂ€ten der Tscheka gehört hatte, hatte mein Vertrauen in die Bolschewiki als RevolutionĂ€r*innen zutiefst erschĂŒttert. Das Angebot kam zu spĂ€t. Aber Moskau sah es vielleicht als unklug an, mich hinter die Kulissen an der Front blicken zu lassen; Petrowski hatte mich nicht ĂŒber die Entscheidung aus Moskau informiert. Ich fĂŒhlte mich erleichtert.

Schließlich erhielten wir die gute Nachricht, dass die grĂ¶ĂŸten Schwierigkeiten ĂŒberwunden waren: Ein Waggon fĂŒr die Museumsexpedition war organisiert worden. Er bestand aus sechs Abteilen und war frisch gestrichen und gereinigt. Nun begann die Arbeit, ihn auszurĂŒsten. Normalerweise hĂ€tte es weitere zwei Monate gedauert, aber wir bekamen UnterstĂŒtzung von dem Mann an der Spitze des Museums, dem Vorsitzenden Yatmanow, ein Kommunist. Er war auch verantwortlich fĂŒr das gesamte Eigentum des Winterpalastes, wo das Museum untergebracht war. Der grĂ¶ĂŸte Teil der Laken, des Silbers und der GlĂ€ser aus den LagerrĂ€umen des Zaren war entfernt worden, aber es war immer noch eine Menge ĂŒbrig. Mit einer Anordnung des Vorsitzenden versehen wurde mir gezeigt, was einst als als heiliger Bezirk von den Lakaien Romanows bewacht worden war. Ich bekam RĂ€ume zu sehen, die bis zur Decke mit seltenem und wunderschönem Porzellan gefĂŒllt waren und Kammern voll mit feinster WĂ€sche. Der Keller, der sich ĂŒber die volle LĂ€nge des Winterpalastes erstreckte, war mit KĂŒchenutensilien jeder erdenklichen Art und GrĂ¶ĂŸe gefĂŒllt. Blecherne Teller und Töpfe wĂ€ren fĂŒr die Expedition geeigneter gewesen, aber der Regel geschuldet, dass keine Institution von einer anderen etwas beziehen dĂŒrfe, das sich in ihrem eigenen Besitz befindet, konnten wir nichts tun, als von den im Winterpalast vorhandenen Tellern und Töpfen die einfachsten auszusuchen. Ich ging nach Hause und dachte ĂŒber die Befremdlichkeiten des Lebens nach: RevolutionĂ€r*innen, die aus dem Ziertafelgeschirr der Romanows aßen. Aber ich verspĂŒrte darĂŒber keine Freude.

Kapitel 14: Petropawlowsk und SchlĂŒsselburg

Weil es noch eine Weile dauern wĂŒrde, bis wir abreisen konnten, nutzte ich die sich bietende Gelgenheit, die historischen GefĂ€ngnisse, die Peter-und-Paul-Festung und SchlĂŒsselburg, zu besichtigen. Ich erinnerte mich an die Furcht und den Schrecken, die die Nennung der Namen dieser Orte in mir ausgelöst hatte, als ich als dreizehnjĂ€hriges Kind das erste Mal nach Petrograd kam. TatsĂ€chlich war meine Furcht vor der Petropawlowsk-Festung noch viel Ă€lter. Ich muss etwa sechs Jahre alt gewesen sein, als unsere Familie einen großen Schock erlitt: Wir erfuhren, dass Yegor, der Ă€lteste Bruder meiner Mutter, der Student an der UniversitĂ€t von Petersburg war, verhaftet worden war und in der Festung gefangen gehalten wurde. Meine Mutter reiste sofort in die Hauptstadt. Wir Kinder blieben in Angst zu Hause zurĂŒck, mit dem beklemmenden GefĂŒhl, dass Mutter unseren Onkel nicht unter den Lebenden finden wĂŒrde. Wir verbrachten Wochen und Monate in Sorge, bis Mutter endlich zurĂŒckkehrte. Wir freuten uns sehr darĂŒber, dass sie ihren Bruder von den lebendigen Toten gerettet hatte. Aber die Erinnerung an den Schock blieb mir noch lange Zeit.

Sieben Jahre spĂ€ter, damals lebte meine Familie in Petersburg, wurde ich auf einen Botengang geschickt, der mich an der Peter-und-Paul-Festung vorbeifĂŒhrte. Der Schock, den ich viele Jahre zuvor erlebt hatte, kehrte mit lĂ€hmender Macht zurĂŒck. Da stand die gewaltige Masse aus Stein, dĂŒster und unheimlich. Ich war entsetzt. Das große GefĂ€ngnis war fĂŒr mich immer noch ein Gespensterhaus, das mein Herz vor Angst pochen ließ, immer wenn ich daran vorbei ging. Jahre spĂ€ter, als ich begonnen hatte, das Leben und die Held*innentaten der großen russischen RevolutionĂ€r*innen aufzusaugen, wurde mir die Peter-und-Paul-Festung nur noch verhasster. Und nun wĂŒrde ich ihre geheimnisvollen Mauern betreten und mit meinen eigenen Augen den Ort erblicken, der fĂŒr so viele der besten Söhne und Töchter Russlands zum lebendigen Grab geworden war.

Der FĂŒhrer, der uns zugeteilt worden war, um uns durch die verschiedenen Wallschilde zu fĂŒhren, war zehn Jahre in diesem GefĂ€ngnis gesessen. Er kannte jeden Stein an diesem Ort. Aber die Stille war vielsagender als all die Informationen, die uns der FĂŒhrer erzĂ€hlte. Die MĂ€rtyrer*innen, die mit ihren FlĂŒgeln gegen den kalten Stein geschlagen hatten, in dem BemĂŒhen nach oben zu gelangen, dem Licht und der Luft entgegen, wurden fĂŒr mich lebendig. Die Dekabrist*innen, Tschernyschewski, Dostojewski, Bakunin, Kropotkin und unzĂ€hlige andere sprachen in einem tausendstimmigen Chor von ihrem sozialen Idealismus und ihrem persönlichem Leiden – von ihren großen Hoffnungen und leidenschaftlichem Glauben an die endgĂŒltige Befreiung Russlands. Nun konnten die flackernden Geister der heldenhaften Toten in Frieden ruhen: Ihr Traum war in ErfĂŒllung gegangen. Aber was bedeutete dieser seltsame Schriftzug an der Wand? »Heute Nacht werde ich erschossen werden, weil ich einst eine Bildung genossen habe.« Beinahe hatte ich das Bewusstsein fĂŒr die RealitĂ€t verloren. Die Inschrift riss mich in sie zurĂŒck. »Was ist das?«, fragte ich unseren FĂŒhrer. »Das sind die letzten Worte eines Intelligenten«, antwortete er. »Nach der Oktoberrevolution war dieses GefĂ€ngnis mit der Intelligenzija gefĂŒllt. Von hier wurden sie nach draußen gefĂŒhrt und hingerichtet oder auf LastzĂŒge geladen, um verschleppt zu werden. Das waren entsetzliche Tage und noch entsetzlichere NĂ€chte.« Also waren die TrĂ€ume derer, die ihr Leben fĂŒr die Befreiung Russlands gegeben hatten, am Ende doch nicht in ErfĂŒllung gegangen. Gibt es auf der Welt jemals einen Fortschritt? Oder ist alles nur eine ewige Wiederholung von Unmenschlichkeiten der Menschen gegenĂŒber anderen Menschen?

Wir erreichten den eingezĂ€unten Streifen, in dem den Gefangenen gewöhnlicherweise eine halbe Stunde Erholung gewĂ€hrt wurde. Eine*r nach dem*der Anderen mussten sie in Totenstille die enge Gasse auf und ablaufen, wĂ€hrend die Wachen an der Wand beim kleinsten Verstoß gegen die Regeln bereit waren zu schießen. Und wĂ€hrend die Eingesperrten und Angeketteten den Baumlosen Weg entlangtrotteten, sahen die allmĂ€chtigen Romanows aus dem Winterpalast auf die goldene Kuppel auf der Turmspitze der Festung, um sich zu vergewissern, dass ihre verhassten Feind*innen niemals wieder ihre Sicherheit gefĂ€hrden wĂŒrden. Aber nicht einmal die Petropawlowsk konnte die Zaren vor der tötenden Hand der Zeit und Revolution bewahren. TatsĂ€chlich gibt es eine VerĂ€nderung; langsam und schmerzhaft, aber sie findet statt.

In der UmzÀunung trafen wir auf Angelica Balabanowa und die Italiener*innen. Wir spazierten durch das riesige GefÀngnis, jede*r in seine*ihre eigenen Gedanken versunken, ausgelöst durch das, was wir sahen. Hatte Angelica die Inschrift auf der Wand bemerkt, fragte ich mich. »Heute Nacht werde ich erschossen werden, weil ich einst eine Bildung genossen habe.«

Einige Zeit spĂ€ter machten einige aus unserer Gruppe einen Ausflug nach SchlĂŒsselburg, das noch schrecklichere Grabmal der politischen Feind*innen des Zarismus. Es war eine mehrstĂŒndige Reise mit dem Boot, flussaufwĂ€rts auf dem wunderschönenen Fluss Newa. Der Tag war kĂŒhl und grau, wie unsere Laune, gerade die richtige Stimmung, um SchlĂŒsselburg zu besuchen. Die Festung war streng bewacht, aber unsere Zulassungsbescheinigung als Museum gewĂ€hrte uns unverzĂŒglich Einlass. SchlĂŒsselburg ist eine kompakte Steinmasse, auf einem großen Felsen auf offener See gelegen. Viele Jahrzehnte lang waren hier nur die Opfer von Hofintrigen und königlicher Missgunst in den undurchdringlichen Mauern eingeschlossen worden, aber spĂ€ter wurde das GefĂ€ngnis zum Golgota der politischen Feind*innen des Zarenregimes.

Das erste Mal hatte ich von SchlĂŒsselburg gehört, als meine Eltern nach St. Petersburg zogen, aber anders als bei meinen GefĂŒhlen gegenĂŒber der Peter-und-Paul-Festung hatte ich keine emotionale Bindung zu diesem Ort. Es war die revolutionĂ€re Literatur aus Russland, die mich die Bedeutung von SchlĂŒsselburg gelehrt hatte. Besonders die Geschichte von Volkenstein, eine der beiden Frauen, die viele Jahre an diesem entsetzlichen Ort verbracht hatte, hatte einen unauslöschlichen Eindruck bei mir hinterlassen. Trotzdem hatte nichts, was ich gelesen hatte, diesen Ort so real und furchterregend beschrieben, wie ich ihn empfand, als ich die steinernen Stufen emporstieg und schließlich vor den bedrohlichen Toren stand. Was den Ă€ußeren Zustand der Peter-und-Paul-Festung anging war es, als hĂ€tte die Revolution nie stattgefunden. Das GefĂ€ngnis war intakt geblieben, jederzeit bereit, um vom neuen Regime genutzt zu werden. Bei SchlĂŒsselburg war das anders. Der Zorn des Proletariats riss dieses Haus der Toten fast bis auf die Grundmauern nieder.

Wie grausam und pervers musste der Geist der Menschen sein, die ein SchlĂŒsselburg geschaffen hatten! Wahrlich kein Barbar wĂ€re zu einem solch teuflischen Geist fĂ€hig gewesen, der dieses entsetzliche Grab konzipiert hatte. Die Zellen waren wie eine Tasche gebaut, ohne TĂŒren und Fenster, sondern nur mit einer kleinen Öffnung, durch die die Opfer lebendig in ihr Grab hinabgelassen wurden. Andere Zellen waren KĂ€fige aus Stein, deren Zweck es war, den UnglĂŒcklichen den Verstand zu rauben und ihr Herz zu zerreißen. Dennoch haben MĂ€nner und Frauen diesen schrecklichen Ort zwanzig Jahre lang ertragen. Welche Tapferkeit, welches enorme Durchhaltevermögen, welchen außerordentlichen Glauben musste eine*r gehabt haben, um das auszuhalten und zu ĂŒberleben! Hier hatten Netschajew, Lopatin, Morosow, Volkenstein, Figner und andere der großartigen Schar ihr Leben in Folter verbracht. Hier ist das Massengrab von Uljanow, Mischkin, Kaljajew, Balmaschew und vielen anderen. Die schwarze Gedenktafel, auf der ihre Namen eingelassen sind, sagt mehr als ihre fĂŒr immer zum Schweigen gebrachten Stimmen. Nicht einmal die tosenden Wellen, die gegen den Felsen von SchlĂŒsselburg schlagen, können diese anklagende Stimme zum Schweigen bringen.

Petropawlowsk und SchlĂŒsselburg sind der lebendige Beweis dafĂŒr, wie vergeblich die Hoffung der MĂ€chtigen ist, den Frankensteins zu entfliehen, die sie selbst geschaffen haben.

Kapitel 15: Die Gewerkschaften

Es war Juni und der Tag unserer Abreise rĂŒckte nĂ€her. Petrograd erschien schöner als jemals zuvor; die weißen NĂ€chte waren gekommen – fast helles Tageslicht, jedoch ohne zu blenden, die mysteriösen, beruhigenden, weißen NĂ€chte von Petrograd. Es gab GerĂŒchte ĂŒber eine konterrevolutionĂ€re Bedrohung und so wurde die Stadt bewacht, um sie vor Angriffen zu schĂŒtzen. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen, es war verboten nach 1 Uhr nachts auf den Straßen zu sein, auch wenn es noch beinahe taghell war. Gelegentlich erhielten wir von Freund*innen Sondergenehmigungen und dann liefen wir durch die leeren Straßen oder entlang des Ufers des dunklen Newa und diskutierten flĂŒsternd ĂŒber die verwirrende Situation. Ich suchte nach dem herausragenden Merkmal in dem unscharfen Bild – die Russische Revolution, eine riesige Flamme, die ĂŒber der Welt in die Höhe schießt und den schwarzen Horizont der Enterbten und UnterdrĂŒckten erhellt – die Revolution, die neue Hoffnung, die große geistige Erweckung. Und hier war ich inmitten davon, trotzdem konnte ich nirgendwo die ErfĂŒllung der Versprechen dieses großen Ereignisses sehen. Hatte ich die Bedeutung und die Natur der Revolution falsch verstanden? Vielleicht waren das Unrecht und die Übel, die ich wĂ€hrend meiner fĂŒnf Monate hier gesehen hatte, untrennbar mit der Revolution verbunden. Oder war es die politische Maschine, die die Bolschewiki geschaffen hatten – war das die Macht, die die Revolution erdrosselte? HĂ€tte ich die Geburt der Revolution erlebt, könnte ich das jetzt besser beurteilen. Aber offensichtlich war ich am Ende gekommen – dem qualvollen Ende eines Volkes. Es war alles so komplex, so undurchdringlich, ein tupik, eine Sackgasse, wie die Russ*innen sagten. Nur die Zeit und ernsthafte Studien, gestĂŒtzt von teilnahmsvollem VerstĂ€ndnis, wĂŒrden mir den Weg offenbaren. Unterdessen musste ich mir meinen Mut bewahren und weg von Petrograd, hinaus unter die Menschen.

Schließlich kam der lang erwartete Zeitpunkt. Am 30. Juni 1920 wurde unser Waggon an einen langsamen Zug namens »Maxim Gorki« angekoppelt und wir wurden aus dem Nikolajewski Bahnhof gefahren, in Richtung Moskau.

In Moskau hatten wir zahlreiche FormalitĂ€ten zu erledigen. Wir dachten, ein paar Tage wĂŒrden reichen, aber wir brauchten zwei Wochen. Trotzdem war unser Aufenthalt interessant. Die Stadt war voller Delegierter des Zweiten Kongresses der Dritten Internationale; Aus allen Teilen der Erde hatten die Arbeiter*innen ihre Genoss*innen in das gelobte Land, das revolutionĂ€re Russland, die erste Republik der Arbeiter*innen gesandt. Unter den Delegierten waren auch Anarchist*innen und Syndikalist*innen, die so fest, wie ich es sechs Monate zuvor getan hatte, daran glaubten, dass die Bolschewiki das Symbol der Revolution seien. Sie waren dem Ruf Moskaus mit Enthusiasmus gefolgt. Einige von ihnen hatte ich in Petrograd getroffen und nun waren sie gespannt darauf, von meinen Erfahrungen zu hören und meine EinschĂ€tzungen zu erfahren. Aber was wĂŒrde ich ihnen erzĂ€hlen, und wĂŒrden sie mir glauben, wenn ich es tĂ€te? HĂ€tte ich einer negativen Kritik Glauben geschenkt, bevor ich nach Russland gekommen war? Überdies hatte ich das GefĂŒhl, dass meine Ansichten ĂŒber die Bolschewiki noch zu unausgegoren, zu vage waren, eine Ansammlung bloßer EindrĂŒcke. Meine alten Werte waren erschĂŒttert worden und bisher war es mir nicht gelungen, sie zu ersetzen. Ich konnte daher nichts zu den grundlegenden Fragen sagen, aber ich erzĂ€hlte meinen Freund*innen, dass die GefĂ€ngnisse in Moskau und Petrograd mit Anarchist*innen und anderen RevolutionĂ€r*innen gefĂŒllt waren, und ich riet ihnen, sich nicht mit den offiziellen ErklĂ€rungen zufrieden zu geben, sondern sich ein eigenes Bild zu machen. Ich warnte sie davor, dass sie von FĂŒhrer*innen und Dolmetscher*innen umgeben sein wĂŒrden, die meisten MĂ€nner der Tscheka, und dass sie nichts ĂŒber die tatsĂ€chlichen VerhĂ€ltnisse erfahren wĂŒrden, wenn sie keine entschlossenen und unabhĂ€ngigen Erkundungen machen wĂŒrden.

Zu dieser Zeit herrschte in Moskau eine beachtliche Aufregung. Die Drucker*innengewerkschaft war zerschlagen und ihr gesamter Vorstand ins GefĂ€ngnis gesteckt worden. Die Gewerkschaft hatte ein öffentliches Treffen einberufen, zu dem die Mitglieder der britischen Arbeiter*innendelegation eingeladen waren. Dort war unangekĂŒndigt der SozialrevolutionĂ€r Tschernow aufgetreten. Er kritisierte das bolschewistische Regime hart, erntete Applaus vom großen Publikum der Arbeiter*innen und verschwand auf dieselbe mysteriöse Art und Weise, auf die er gekommen war. Der Menschewik Dan war weniger erfolgreich. Auch er sprach zum Publikum, aber ihm gelang es nicht zu entkommen, er wurde von der Tscheka verhaftet. Am nĂ€chsten Morgen denunzierten die Moskauer Prawda und die Iswestija die Aktion der Drucker*innengewerkschaft als konterrevolutionĂ€r und tobten, weil mensch Tschernow erlaubt hatte zu sprechen. Die Zeitungen riefen dazu auf, an den Drucker*innen ein Exempel zu statuieren, weil sie es gewagt hatten, der sowjetischen Regierung zu trotzen.

Auch die BĂ€cker*innengewerkschaft, eine Ă€ußerst militante Organisation, war zerschlagen und ihr Vorstand durch Kommunist*innen ersetzt worden. Einige Monate zuvor, im MĂ€rz, hatte ich an einer Versammlung der BĂ€cker*innen teilgenommen. Die Delegierten beeindruckten mich als eine mutige Gruppe, die sich nicht davor fĂŒrchteten, die Bolschewiki zu kritisieren und die Forderungen der Arbeiter*innen zu vertreten. Ich hatte mich gewundert, dass mensch ihnen erlaubte, die Versammlung fortzusetzen, angesichts dessen, dass sie sich offen gegen die Kommunist*innen positionierten. »Die BĂ€cker*innen sind â€șSchkurnikiâ€č [Abdecker]«, sagte mensch mir, »sie zetteln immer wieder Streiks an und nur KonterrevolutionĂ€r*innen können Streiks in einer Arbeiter*innenrepublik wollen.« Aber ich hatte den Eindruck, dass die Arbeiter*innen dieser Argumentation nicht zustimmten. Sie streikten. Sie begingen sogar ein noch ruchloseres Verbrechen: Sie weigerten sich, fĂŒr den kommunistischen Kandidaten zu stimmen und wĂ€hlten stattdessen einen Mann ihrer Wahl. Dieser Aktion der BĂ€cker*innen folgte die Festnahme einiger ihrer aktiveren Mitglieder. SelbstverstĂ€ndlich verĂŒbelten die Arbeiter*innen der Regierung diese willkĂŒrlichen Methoden.

SpĂ€ter traf ich einige der BĂ€cker*innen und fand sie Ă€ußerst erbittert gegenĂŒber der Kommunistischen Partei und der Regierung vor. Ich fragte sie nach dem Zustand ihrer Gewerkschaft, erzĂ€hlte ihnen, dass mir gesagt worden war, dass die russischen Gewerkschaften sehr mĂ€chtig seien und faktisch die Kontrolle ĂŒber das industrielle Leben des Landes hĂ€tten. Die BĂ€cker*innen lachten. »Die Gewerkschaften sind die Lakaien der Regierung«, sagten sie, »sie haben keine unabhĂ€ngige Funktion und die Arbeiter*innen haben in ihnen kein Mitspracherecht. Die Gewerkschaften erfĂŒllen fĂŒr die Regierung bloß eine ĂŒberwachende Funktion.« Das klang ganz anders als die ErzĂ€hlung von Melnitschanski, dem Vorsitzenden des Moskauer Gewerkschaftsrates, den ich bei meinem ersten Besuch in Moskau getroffen hatte.

Bei dieser Gelegenheit hatte er mir das Hauptquartier der Gewerkschaften, bekannt als der Dom Sojusow, gezeigt und mir erklĂ€rt, wie die Organisation funktionierte. Sieben Millionen Arbeiter*innen seien in den Gewerkschaften, hatte er gesagt, alle Branchen und Berufe seien vertreten. Die Arbeiter*innen wĂŒrden die Industrien selbst besitzen und verwalten. »Das GebĂ€ude, in dem du dich gerade befindest, gehört ebenfalls den Gewerkschaften«, bemerkte er mit Stolz, »frĂŒher war es das Haus der Aristokratie.« Der Raum, in dem wir gewesen waren, war fĂŒr Festveranstaltungen genutzt worden und die höchsten Adligen hatten in verzierten Sesseln um den Tisch in der Mitte herum gesessen. Melnitschanski zeigte mir den geheimen Tunnel, der durch eine kleine Drehscheibe verdeckt wurde, durch den die Adligen im Falle einer Gefahr entkommen konnten. Sie hĂ€tten sich niemals vorstellen können, dass die Arbeiter*innen sich eines Tages um den gleichen Tisch versammeln und in der wunderschönen, von MarmorsĂ€ulen getragenen Halle sitzen wĂŒrden. Die von den Gewerkschaften geleistete Kultur- und Bildungsarbeit, erklĂ€rte der Vorsitzende weiter, sei eines der wichtigsten BetĂ€tigungsfelder. »Unsere Arbeiter*innenschulen und andere kulturelle Institutionen bieten Kurse und Vorlesungen zu verschiedenen Themen an. Sie werden alle von Arbeiter*innen gegeben. Die Gewerkschaften besitzen ihre eigenen Mittel fĂŒr Erholung und wir haben Zugang zu allen Theatern.« Seine AusfĂŒhrungen erweckten den Anschein, dass die Gewerkschaften Russlands viel weiter seien als alle Arbeiter*innenorganisationen in Europa und Amerika.

Einen Ă€hnlichen Bericht hatte ich von Sipperowitsch, dem Vorsitzenden der Petrograder Gewerkschaften erhalten, mit dem ich meine erste Reise nach Moskau gemacht hatte. Auch er hatte mich durch den Petrograder Arbeiter*innentempel gefĂŒhrt, ein wunderschönes und großzĂŒgiges GebĂ€ude, in dem die Gewerkschaften Petrograds ihre BĂŒros hatten. Auch sein Vortrag betonte, dass die Arbeiter*innen Russlands endlich zu ihrem Recht gekommen seien.

Aber allmĂ€hlich begann ich die andere Seite der Medaille kennen zu lernen. Ich erkannte, dass das Bild der Gewerkschaften, wie die meisten Dinge in Russland, zwei Gesichter hatte: Das, das den fremden Besucher*innen und »Nachforschenden« prĂ€sentiert wurde und das, das den Massen bekannt war. Den BĂ€cker*innen und Drucker*innen war kĂŒrzlich das andere Gesicht gezeigt worden. Es war eine Lektion in Sachen VorzĂŒgen gewesen, die mensch den Gewerkschaften in der Sozialistischen Republik zukommen ließ.

Im MĂ€rz hatte ich an einer Wahlversammlung der Arbeiter*innen einer der großen Moskauer Fabriken teilgenommen. Es war die aufregendste Versammlung, die ich in Russland erlebt habe – Der schwach beleuchtete Saal in den BĂŒrorĂ€umen der Fabrik, die von Leid und Entbehrungen gezeichneten Gesichter der MĂ€nner und Frauen, die heftige Betroffenheit ĂŒber das Übel, das mensch ihnen angetan hatte, all das beeindruckte mich sehr. Ihrem gewĂ€hlten Abgeordneten, einem Anarchisten, hatten die sowjetischen Herrscher*innen sein Mandat verweigert. Es war das dritte Mal, dass die Arbeiter*innen zusammenkamen, um ihren Delegierten fĂŒr den Moskauer Rat wiederzuwĂ€hlen und jedes Mal wĂ€hlten sie die gleiche Person. Sein kommunistischer Gegenkandidat war Semaschko, der Minister des Gesundheitsministeriums. Ich hatte einen gebildeten und kultivierten Mann erwartet. Aber das Benehmen und die Sprache des Ministers bei dieser Wahlversammlung hĂ€tte selbst eine*n Maurer*innengehilfe*in in Verlegenheit gebracht. Er tobte darĂŒber, dass die Arbeiter*innen eine*n Nicht-Kommunist*in gewĂ€hlt hatten, verfluchte sie dafĂŒr und drohte ihnen mit der Tscheka und der KĂŒrzung ihrer Rationen. Aber sein Verhalten hatte keine Auswirkungen auf das Publikum, außer dass die Feindseligkeit ihm und der Partei gegenĂŒber, die er reprĂ€sentierte, noch wuchs. Trotzdem gewann Semaschko am Ende. Die Wahl der Arbeiter*innen wurde von den Herrschenden abgelehnt und spĂ€ter sogar verhaftet und eingesperrt. Das war im MĂ€rz gewesen. Im Mai, wĂ€hrend des Besuchs der britischen Arbeiter*innendelegation, trat der Kandidat der Fabrik zusammen mit anderen politischen Gefangenen in einen Hungerstreik, der zu ihrer Freilassung fĂŒhrte.

Die Geschichte ihrer Wahlerlebnisse, die mir von den BĂ€cker*innen erzĂ€hlt worden war, erinnerte an unsere eigenen Wildwesterfahrungen in der Pionierzeit. Tschekist*innen mit geladenen Waffen nahmen gewöhnlich an den Versammlungen der Gewerkschaften teil und machten damit klar, was passieren wĂŒrde, wenn die Arbeiter*innen eine*n andere*n Kandidat*in als eine*n Kommunist*in wĂ€hlen wĂŒrden. Aber die BĂ€cker*innen, eine starke und militante Organisation, ließen sich nicht einschĂŒchtern. Sie verkĂŒndeten, dass in Moskau kein Brot gebacken werden wĂŒrde, wenn mensch ihnen nicht erlaube, ihre*n eigene*n Kandidat*in zu wĂ€hlen. Das hatte den gewĂŒnschten Effekt. Nach der Versammlung versuchten die Tschekist*innen den gewĂ€hlten Kandidaten zu verhaften, aber die BĂ€cker*innen umringten ihn und geleiteten ihn sicher nach Hause. Am nĂ€chsten Tag setzten sie den Herrschenden eine Frist und forderten die Anerkennung ihrer Wahl und drohten im Falle einer Ablehnung damit zu streiken. Auf diesem Weg triumphierten die BĂ€cker*innen und es gelang ihnen, anders als ihren weniger mutigen BrĂŒdern in den anderen Gewerkschaften von geringerer Relevanz, ihren Willen durchzusetzen. Im hungernden Russland war die Arbeit der BĂ€cker*innen ebenso bedeutend wie das Leben selbst.

Kapitel 16: Maria Spiridonowa

Zum Amt fĂŒr Bildung gehörte auch die Abteilung fĂŒr Museen. Das Petrograder Museum der Revolution hatte zwei Vorsitzende; Lunatscharski war einer von ihnen, es war notwendig, auch seine Unterschrift fĂŒr unsere Berechtigungsnachweise zu bekommen, die bereits von Sinowjew, dem zweiten Vorsitzenden unterzeichnet worden waren. Ich wurde beauftragt, zu Lunatscharski zu gehen.

Ich fĂŒhlte mich ihm gegenĂŒber etwas schuldig. Ich hatte Moskau im MĂ€rz verlassen und versprochen, binnen einer Woche zurĂŒckzukehren und ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Jetzt, vier Monate spĂ€ter, kam ich, um ihn um UnterstĂŒtzung in einer gĂ€nzlich anderen Angelegenheit zu bitten. Ich begab mich auf den Weg zum Kreml, fest entschlossen, Lunatscharski zu sagen, wie ich die Situation in Russland empfand. Aber die Anwesenheit einer ganzen Reihe von Menschen in seinem BĂŒro entband mich von dieser Notwendigkeit, es gab einfach keine Zeit, um darĂŒber zu sprechen. Ich konnte Lunatscharski lediglich ĂŒber die Ziele der Expedition informieren und ihn in dieser Angelegenheit um Hilfe bitten. Ich stieß auf seine Zustimmung. Er unterzeichnete unsere Berechtigungsnachweise und stattete mich außerdem mit Empfehlungsschreiben aus, um uns unsere BemĂŒhungen bezĂŒglich des Museums zu erleichtern.

WĂ€hrend unsere Gruppe die notwendigen Vorbereitungen fĂŒr unsere Reise in die Ukraine traf, fand ich Zeit, verschiedene Institutionen in Moskau zu besuchen und einige interessante Menschen zu treffen. Unter ihnen waren bestimmte, wohlbekannte Linke SozialrevolutionĂ€r*innen, die ich bereits bei meinem ersten Besuch getroffen hatte. Ich hatte ihnen gesagt, dass ich begierig darauf wĂ€re, Maria Spiridonowa zu treffen, ĂŒber deren Zustand ich viele sich widersprechende ErzĂ€hlungen gehört hatte. Aber damals war es nicht gelungen, ein Treffen zu arrangieren: Es hĂ€tte Spiridonowa in Gefahr bringen können, weil sie illegal als BĂ€uerin lebte. Die Geschichte wiederholt sich in der Tat. Unter dem Zaren verkleidete sich Spiridonowa ebenfalls als LandmĂ€dchen und beschattete Luschenowksi, den Gouverneur von Tambow, der unter den BĂ€uer*innen als Auspeitscher bekannt war. Nachdem sie ihn erschossen hatte, wurde sie verhaftet, gefoltert und spĂ€ter zum Tode verurteilt. Die westliche Welt wurde auf den Fall aufmerksam und aufgrund des dortigen Protests wurde die Todesstrafe fĂŒr Spiridonowa in lebenslanges Exil in Sibirien umgewandelt. Sie verbrachte dort elf Jahre, bis ihr die Februarrevolution die Freiheit brachte und sie nach Russland zurĂŒckkehrte. Sofort stĂŒrzte sich Maria Spiridonowa in revolutionĂ€re AktivitĂ€ten. Nun, in der Sozialisitischen Republik, lebte Maria wieder versteckt, nachdem sie aus dem GefĂ€ngnis des Kremls ausgebrochen war.

Schließlich wurden Vereinbarungen getroffen, die es mir erlaubten, Spiridonowa zu besuchen und mir wurde eingeblĂ€ut, darauf zu achten, dass ich nicht von Mitgliedern der Tscheka verfolgt wĂŒrde. Wir einigten uns mit Marias Freund*innen auf einen Treffpunkt, von dem wir im Zickzack zahlreiche Straßen durchliefen, bis wir schließlich das oberste Stockwerk eines Hauses in einem Hinterhof erreichten. Ich wurde in einen kleinen Raum gefĂŒhrt, in dem ein Bett, ein kleiner Schreibtisch, ein BĂŒcherregal und verschiedene StĂŒhle standen. Vor dem mit Stapeln aus Briefen und Papieren bedeckten Schreibtisch saß eine gebrechliche kleine Frau, Maria Spiridonowa. Sie war eine von Russlands großen MĂ€rtyrer*innen, diese Frau, die so entschlossen die Folter, die ihr von den Schergen des Zaren zugefĂŒgt wurde, ertragen hatte. Zorin und Jack Reed hatten mir erzĂ€hlt, dass Spiridonowa einen Zusammenbruch erlitten habe und sich in einem Sanatorium befĂ€nde. Ihre Krankheit sei eine akute NervenschwĂ€che und Hysterie, hatten sie gesagt. Als ich Maria von Angesicht zu Angesicht gegenĂŒberstand, war mir sofort klar, dass mich beide MĂ€nner belogen hatten. Bei Zorin ĂŒberraschte mich das lĂ€ngst nicht mehr: Vieles von dem, was er mir erzĂ€hlt hatte, stellte sich mir allmĂ€hlich als vollkommen falsch heraus. Und Reed, unvertraut mit der Sprache und vollstĂ€ndig unter der Herrschaft des neuen Glaubens, nahm zu viel fĂŒr bare MĂŒnze. Zum Beispiel war er nach seiner RĂŒckkehr aus Moskau zu mir gekommen, um mir zu erzĂ€hlen, dass die Geschichte der Massenerschießungen von Gefangenen am Abend der Abschaffung der Todesstrafe tatsĂ€chlich wahr sei, aber das sei alles die Schuld eines bestimmten FunktionĂ€rs der Tscheka gewesen, der bereits mit seinem Leben dafĂŒr bezahlt hĂ€tte, versicherte er mir. Ich hatte die Gelegenheit, die Sache zu untersuchen. Jack war erneut in die Irre gefĂŒhrt worden. Es war kein einzelner Mann fĂŒr diesen Massenmord verantwortlich. Die Ursache fĂŒr diesen Akt lag in dem gesamten System und dem Charakter der Tscheka.

Ich verbrachte zwei Tage mit Maria Spirindonowa und lauschte ihrer ErzĂ€hlung von den Ereignissen seit Oktober 1917. Sie sprach ausfĂŒhrlich ĂŒber den Enthusiasmus und den Eifer der Massen und die Hoffnungen, die sie in die Bolschewiki gesetzt hatten; von deren Weg an die Macht und ihrem allmĂ€lichen Rechtsruck. Sie sprach ĂŒber den Frieden von Brest-Litowsk, den sie als erstes Glied einer Kette sah, die die Revolution seither fesselte. Sie verweilte bei dem Razviorstka, dem System gewaltsamer Beschlagnahme, das Russland verwĂŒstete und all das verriet, fĂŒr das die Revolution stand, sie sprach ĂŒber den Terror, den die Bolschewiki gegenĂŒber jeder revolutionĂ€ren Kritik ausĂŒbten, ĂŒber die neue kommunistische BĂŒrokratie und Ineffizienz und die Hoffnungslosigkeit der gesamten Situtation. Es war eine vernichtende Anklage gegen die Bolschewiki, ihre Theorien und Methoden.

Wenn Spiridonowa wirklich einen Zusammenbruch gehabt haben sollte, wie mensch mir versichert hatte, und hysterisch und mental unausgeglichen war, musste sie eine außergewöhnliche Kontrolle ĂŒber sich haben. Sie war ruhig, eigenstĂ€ndig und in jeder Hinsicht klar. Sie hatte vollsten Überblick ĂŒber ihr Material und ihre Informationen. Bei mehreren Gelegenheiten wĂ€hrend ihrer ErzĂ€hlung, als sie den Zweifel in meinem Gesicht sah, bemerkte sie: »Ich fĂŒrchte du glaubst mir nicht so ganz. Nun, schau, was einige der BĂ€uer*innen mir schreiben«, und sie griff nach einem Stapel Briefe auf ihrem Schreibtisch und las mir herzzerreißende Passagen voll von Kummer und Bitterkeit ĂŒber die Bolschewiki vor. In gestelzter Handschrift, manchmal fast unlesbar schrieben die BĂ€uer*innen der Ukraine und Sibiriens ĂŒber die Schrecken der Razviorstka und was diese mit ihnen und ihrem Land gemacht hatten. »Sie haben uns alles weggenommen, sogar die letzten Samen fĂŒr die kommende Aussaat.« »Die Kommissare haben uns alles geraubt.« So lasen sich die Briefe. Oft wollten die BĂ€uer*innen wissen, ob Spiridonowa zu den Bolschewiki ĂŒbergelaufen sei. »Wenn auch du uns im Stich lĂ€sst, matushka, haben wir keine*n mehr, an die*den wir uns wenden können«, schrieb ein*e BĂ€uer*in.

Die Ungeheuerlichkeiten ihrer VorwĂŒrfe rĂŒttelten an ihrer GlaubwĂŒrdigkeit. Immerhin waren die Bolschewiki doch RevolutionĂ€r*innen. Wie konnten sie fĂŒr diese schrecklichen Dinge, die ihnen vorgeworfen wurden, verantwortlich sein? Vielleicht waren sie nicht fĂŒr die Situation, wie sie sich entwickelt hatte, verantwortlich, immerhin war die ganze Welt gegen sie. Zum Beispiel der Frieden von Brest. Als die ersten Nachrichten darĂŒber Amerika erreichten, war ich gerade im GefĂ€ngnis. Ich dachte lange und grĂŒndlich darĂŒber nach, ob Sowjetrussland mit dem deutschen Imperialismus verhandeln dĂŒrfe. Aber ich konnte keinen Ausweg aus der Situation finden. Ich befĂŒrwortete den Frieden von Brest. Seit ich nach Russland gekommen war, hatte ich sich widersprechende Versionen der Geschichte gehört. Fast jede*r, außer den Kommunist*innen, empfand den Frieden von Brest ebenso als Verrat an der Revolution, wie mensch die Rolle der deutschen Sozialist*innen im Krieg als Verrat am Geist des Internationalismus empfand. Die Kommunist*innen dagegen waren sich darin einig, den Frieden zu verteidigen und jede*n als KonterrevolutionĂ€r*in zu denunzieren, die*der die Weisheit und die revolutionĂ€re LegitimitĂ€t dieser Vereinbarung in Frage stellte. »Wir konnten nichts anderes tun«, argumentierten die Kommunist*innen. »Deutschland hatte eine mĂ€chtige Armee, wir hatten keine. HĂ€tten wir uns geweigert, das Abkommen von Brest zu unterzeichnen, hĂ€tten wir das Schicksal der Revolution besiegelt. Wir wussten, dass Brest ein Kompromiss war, aber wir wussten auch, dass die Arbeiter*innen Russlands und der ĂŒbrigen Welt verstehen wĂŒrden, dass wir dazu gezwungen worden waren. Unser Kompromiss war Ă€hnlich dem der Arbeiter*innen, wenn sie gezwungen werden, die Bedingungen ihrer Herr*innen nach einem erfolglosen Streik zu akzeptieren.«

Aber Spiridonowa war nicht ĂŒberzeugt. »In dem von den Bolschewiki vorgebrachten Argument steckt nicht ein wahres Wort«, sagte sie. Es ist wahr, dass Russland keine disziplinierte Armee hatte, um den deutschen Vorstoß zu stoppen, aber es hatte etwas unendlich Effektiveres: Es hatte ein selbstbewusstes, revolutionĂ€res Volk, die sich gegen die Eindringlinge bis zum letzten Tropfen Blut verteidigt hĂ€tte. TatsĂ€chlich waren es diese Menschen, die all die konterrevolutionĂ€ren militĂ€rischen VorstĂ¶ĂŸe gegen Russland gestoppt hatten. Wer, wenn nicht die Menschen, die BĂ€uer*innen und die Arbeiter*innen, hatten es fĂŒr die deutschen und österreichischen Truppen unmöglich gemacht, in der Ukraine zu bleiben? Wer besiegte Denikin und die anderen konterrevolutionĂ€ren GenerĂ€le? Wer triumphierte ĂŒber Koltschak und Judenitsch? Lenin und Trotzki behaupten, das sei die Rote Armee gewesen, aber die historische Wahrheit ist, dass die freiwilligen MilitĂ€reinheiten der Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen, die povstantsi, sowohl in Sibirien, als auch im SĂŒden Russlands die Hauptlast der KĂ€mpfe an allen Fronten getragen haben, wĂ€hrend die Rote Armee fĂŒr gewöhnlich nur die Siege letzterer vollendete. Heute sagt Trotzki, dass die Vereinbarung von Brest geschlossen werden musste, aber damals hatte er sich selbst geweigert, das Abkommen zu unterzeichnen, und Radek, Joffe und andere fĂŒhrende Kommunist*innen waren ebenso dagegen gewesen. Nun wird behauptet, dass sie den beschĂ€menden Bedingungen zugestimmt haben, weil sie erkannt hĂ€tten, dass es hoffnungslos sei, dass die deutschen Arbeiter*innen die Junker daran hindern wĂŒrden, gegen das revolutionĂ€re Russland in den Krieg zu ziehen. Aber das war nicht der wahre Grund. Es war die Geißel der Parteidisziplin, die Trotzki und andere zum Gehorsam zwangen.

»Das Problem mit den Bolschewiki ist«, fuhr Spiridonowa fort, »dass sie kein Vertrauen in die Massen haben. Sie nennen sich selbst eine proletarische Partei, aber sie weigern sich den Arbeiter*innen zu vertrauen.« Dieses fehlende Vertrauen brachte die Kommunist*innen dazu, sich dem deutschen Imperialismus zu beugen, betonte Maria. Und was die Revolution selbst betrifft, war es eben genau der Frieden von Brest, der ihr einen heftigen RĂŒckschlag verpasste. Neben dem Verrat an Finnland, Weißrussland, Lettland und der Ukraine, die durch den Frieden von Brest der Gnade der deutschen Junker ausgeliefert wurden, sahen die BĂ€uer*innen, wie tausende ihrer BrĂŒder erschlagen wurden und Raub und PlĂŒnderungen ĂŒber sich ergehen lassen mussten. Der einfache Verstand der BĂ€uer*innen konnte diese vollstĂ€ndige Umkehr des ehemaligen bolschewistischen Slogans »keine EntschĂ€digungen und keine Annektierungen« nicht verstehen. Aber selbst die einfachsten BĂ€uer*innen konnten verstehen, dass sie mit ihrem Boden und ihrem Blut fĂŒr die EntschĂ€digungen, die Russland durch den Frieden von Brest auferlegt wurden, bezahlen mĂŒssten. Die BĂ€uer*innen verbitterten und wurden zu Gegner*innen des sowjetischen Regimes. Entmutigt und niedergeschlagen wandten sie sich von der Revolution ab. Und welchen Effekt hatte der Frieden von Brest auf die deutschen Arbeiter*innen? Wie konnten diese weiter an die russische Revolution glauben, angesichts der Tatsache, dass die Bolschewiki ĂŒber die Köpfe des deutschen Proletariats hinweg mit ihren Herrscher*innen ĂŒber die Bedingungen des Friedens verhandelt und sich einig geworden waren? Es bleibt eine historische Tatsache, dass der Frieden von Brest den Anfang vom Ende der Russischen Revolution markierte. Zweifellos haben andere Faktoren das ihre zu dem Debakel beigetragen, aber Brest ist der grĂ¶ĂŸte Faktor von allen.

Spiridonowa versicherte, dass die Linken SozialrevolutionĂ€r*innen die Bolschewiki vor diesem Frieden gewarnt und leidenschaftlich dagegen gekĂ€mpft hatten. Sie weigerten sich, ihn anzuerkennen, nachdem er unterzeichnet worden war. Die Anwesenheit von Mirbach im revolutionĂ€ren Russland empfanden sie als Frevel gegenĂŒber der Revolution, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenĂŒber dem heroischen russischen Volk, das fĂŒr seinen Kampf gegen Imperialismus und Kapitalismus so viel geopfert und so sehr gelitten hatte. Spiridonowas Partei entschied, dass Mirbach in Russland nicht toleriert werden könne: Mirbach musste sterben. Der Ermordung Mirbachs folgten massenhafte Verhaftungen und Verfolgung; Die Bolschewiki leisteten dem deutschen Kaiser treue Dienste. Sie fĂŒllten die GefĂ€ngnisse mit russischen RevolutionĂ€r*innen.

Im Verlauf unseres GesprĂ€ches deutete ich an, dass die Methode der Razviorstka den Bolschewiki möglicherweise durch die Weigerung der BĂ€uer*innen, die StĂ€dte zu ernĂ€hren, aufgezwungen worden sei. Zu Beginn der revolutionĂ€ren Periode, erklĂ€rte Spiridonowa, solange die BĂ€uer*innenrĂ€te existierten, gaben die BĂ€uer*innen bereitwillig und großzĂŒgig. Aber als die Bolschewiki begannen, diese RĂ€te aufzulösen und 500 Delegierte der BĂ€uer*innen verhafteten, wurde die BĂ€uer*innenschaft feindselig. Zudem erlebten sie tĂ€glich die Ineffizienz des kommunistischen Regimes: Sie sahen ihre Produkte neben Bahnhöfen liegen und verrotten oder im Besitz von Spekulant*innen auf den MĂ€rkten. NatĂŒrlich waren sie unter solchen UmstĂ€nden nicht lĂ€nger bereit zu geben. Die Tatsache, dass die BĂ€uer*innen sich niemals geweigert hatten, die Rote Armee mit Nachschub zu versorgen, beweist, dass andere Methoden als die der Bolschewiki möglich gewesen wĂ€ren. Die Razviorstka fĂŒhrte nur zu einer Ausweitung der Kluft zwischen den Dörfern und den StĂ€dten. Die Bolschewiki griffen zu Strafexpeditionen, die zum Terror des Landes wurden. Sie hinterließen Tod und VerwĂŒstung, wohin sie kamen. Zur Verzweiflung getrieben, begannen die BĂ€uer*innen schließlich gegen die kommunistische Diktatur zu rebellieren. In verschiedenen Teilen Russlands, im SĂŒden, im Ural und in Sibirien fanden BĂ€uer*innenaufstĂ€nde statt und ĂŒberall wurden sie mit eiserner Hand und Waffengewalt niedergeschlagen.

Spiridonowa sprach nicht ĂŒber ihr eigenes Leid, seit sich ihr Weg von dem der Bolschewiki getrennt hatte. Aber ich erfuhr von anderen, dass sie zweimal verhaftet und fĂŒr eine beachtliche Zeit eingesperrt worden war. Selbst als sie frei war, wurde sie ĂŒberwacht, wie sie zuvor unter dem Zaren ĂŒberwacht worden war. Mehrmals war sie gefoltert worden, indem sie nachts aus dem Bett gezerrt worden war und mensch ihr sagte, dass sie erschossen werden wĂŒrde; eine der Lieblingsfoltermethoden der Tscheka. Ich sprach Spiridonowa darauf an. Sie leugnete das nicht, aber sie hatte keine Lust ĂŒber sich selbst zu sprechen. Sie war vollstĂ€ndig in das Schicksal der Revolution und ihrer geliebten BĂ€uer*innenschaft versunken. Sie verschwendete keinen Gedanken an sich selbst, aber sie war begierig darauf, die Welt und das internationale Proletariat ĂŒber die wahren VerhĂ€ltnisse im bolschewistischen Russland aufzuklĂ€ren.

Von allen Feind*innen der Bolschewiki, die ich getroffen habe, beeindruckte mich Maria Spiridonowa als eine der aufrichtigsten, selbstsichersten und ĂŒberzeugendsten. Ihre heroische Vergangenheit und ihre Verweigerung, ihre revolutionĂ€ren Ideen unter dem Zarismus ebenso wie unter dem Bolschewismus kompromittieren zu lassen, waren eine hinreichende Garantie ihrer revolutionĂ€ren IntegritĂ€t.

Kapitel 17: Ein weiterer Besuch bei Peter Kropotkin

Wenige Tage bevor unsere Expedition in Richtung Ukraine aufbrach, ergab sich die Gelegenheit, Peter Kropotkin einen weiteren Besuch abzustatten. Ich war erfreut ĂŒber die Gelegenheit, den liebenswĂŒrdigen alten Mann unter gĂŒnstigeren Bedingungen zu treffen als im MĂ€rz. Zumindest wĂŒrden wir nicht wie beim letzten Mal durch die Anwesenheit von Zeitungsreporter*innen eingeschrĂ€nkt sein.

Bei meinem ersten Besuch im verschneiten MĂ€rz war ich am spĂ€ten Abend bei Kropotkins HĂ€uschen angekommen. Der Ort hatte verlassen und trostlos gewirkt. Aber jetzt war Sommer. Das Land war frisch und wohlriechend, der in grĂŒn gekleidete Garten hinter dem Haus lĂ€chelte eine*n freundlich an, die goldenen Strahlen der Sonne verbreiteten WĂ€rme und Licht. Peter, der seinen Nachmittagsschlaf hielt, war nicht zu sehen, aber seine Frau Sofia Grigoriewna war da, um uns in Empfang zu nehmen. Wir hatten einige Lebensmittel mitgebracht, die Sascha Kropotkin fĂŒr ihren Vater gegeben worden waren und mehrere Körbe mit Dingen, die von einer anarchistischen Gruppe geschickt worden waren. WĂ€hrend wir diese SchĂ€tze auspackten, ĂŒberraschte uns Peter Alexejewitsch. Er schien ein anderer Mensch zu sein: Der Sommer hatte Wunder an ihm gewirkt. Er wirkte gesĂŒnder, stĂ€rker und lebendiger als das letzte Mal. Er fĂŒhrte uns gleich in den GemĂŒsegarten, der fast ausschließlich Sofias eigene Arbeit war und als Hauptverpflegung der Familie diente. Peter war sehr stolz darauf. »Was sagt ihr dazu!«, rief er aus, »alles Sofias Arbeit. Und schaut euch diese neue Sorte Salat an«, und er deutete auf einen großen Salatkopf. Er sah jung aus, war fast fröhlich, die Unterhaltung sprudelte nur so aus ihm heraus. Seine Beobachtungsgabe, sein ausgeprĂ€gter Sinn fĂŒr Humor und seine freimĂŒtige Menschlichkeit waren so erfrischend, dass mensch die Misere Russlands, seine eigenen Probleme und Zweifel und die grausame RealitĂ€t des Lebens fĂŒr einen kurzen Augenblick vergaß.

Nach dem Abendessen versammelten wir uns in Peters Studierzimmer, einem kleinen Raum, in dem ein gewöhnlicher Tisch als Schreibtisch stand, eine enge Pritsche, ein Waschbecken und Regale voller BĂŒcher. Ich konnte nicht verhindern, im Geiste den Vergleich zwischen diesem einfachen, beengten Arbeitszimmer Kropotkins und den wunderschönen Quartieren Radeks und Sinowjews zu ziehen. Peter war interessiert daran, meine EindrĂŒcke seit meinem letzten Besuch zu erfahren. Ich erzĂ€hlte ihm wie verwirrt und beunruhigt ich war, wie alles unter meinen FĂŒĂŸen einzubrechen drohte. Ich erzĂ€hlte ihm, dass mich Zweifel bezĂŒglich fast allem, sogar bezĂŒglich der Revolution selbst, befielen. Ich könne die schreckliche RealitĂ€t nicht in Einklang mit dem bringen, was die Revolution fĂŒr mich bedeutete, als ich nach Russland kam. Waren die ZustĂ€nde, die ich vorfand, unvermeidlich, die kaltherzige Indifferenz gegenĂŒber dem menschlichen Leben, der Terror, der Verlust und die Qualen in jeder Hinsicht? NatĂŒrlich wusste ich, dass Revolutionen nicht mit Samthandschuhen gemacht wurden. Gewalt und Zerstörung sind eine innere Notwendigkeit, ein schwieriger und furchbarer Prozess. Aber was ich in Russland vorgefunden hatte, war so gĂ€nzlich anders als revolutionĂ€re Bedingungen, so fundamental anders als sei es eine Karikatur.

Peter hörte aufmerksam zu, dann sagte er: »Es gibt trotz allem keinen Grund den Glauben zu verlieren. FĂŒr mich ist die Russische Revolution sogar grĂ¶ĂŸer als die Französische Revolution, weil sie sich tiefer in die Seele Russlands, in die Herzen und den Verstand der Menschen in Russland gebohrt hat. Nur die Zeit kann uns den vollen Umfang und die Tiefe zeigen. Was du heute siehst, ist nur die OberflĂ€che, die von einer herrschenden Klasse kĂŒnstlich geschaffenen ZustĂ€nde. Du siehst eine kleine politische Partei, die mit ihren falschen Theorien, ihrem Pfusch und ihrer Ineffizienz gezeigt hat, wie mensch Revolutionen nicht macht.« Es sei unglĂŒcklich, fuhr Kropotkin fort, dass so viele Anarchist*innen in Russland und die Massen außerhalb Russlands von den ultra-revolutionĂ€ren VortĂ€uschungen der Bolschewiki mitgerissen worden seien. WĂ€hrend des großen Umbruchs habe mensch vergessen, dass die Kommunist*innen eine politische Partei sind, die fest mit der Idee eines zentralisierten Staates verhaftet ist und die als solche dazu vorherbestimmt war, die Revolution in eine falsche Richtung zu lenken. Die Bolschewiki seien die Jesuiten der sozialistischen Kirche: Sie glauben an das jesuitische Motto, dass der Zweck die Mittel heilige. Weil ihr Zweck politische Macht ist, schrecken sie vor nichts zurĂŒck. Jedenfalls hĂ€tten die Mittel die Energie der Massen gelĂ€hmt und die Menschen terrorisiert. Dennoch könne ohne die Menschen, ohne die direkte Beteiligung der Massen beim Wiederaufbau des Landes nichts Wesentliches erreicht werden. Die Bolschewiki seien durch die Welle der Revolution an die Spitze gespĂŒlt worden. Einmal an der Macht hĂ€tten sie damit begonnen, die Flut einzudĂ€mmen. Sie hĂ€tten versucht, die kulturellen KrĂ€fte des Landes zu eliminieren und zu unterdrĂŒcken, die nicht vollstĂ€ndig in Einklang mit ihren Ideen und Methoden waren. Sie zerstörten die Genossenschaften, die von grĂ¶ĂŸter Bedeutung fĂŒr das Leben Russlands gewesen seien, die wichtige Verbindung zwischen Land und StĂ€dten. Sie hĂ€tten eine BĂŒrokratie und einen Beamtenadel geschaffen, der sogar den des alten Regimes ĂŒbertrĂ€fe. In dem Dorf, in dem er lebe, im kleinen Dmitrow gĂ€be es mehr bolschewistische AmtstrĂ€ger*innen als jemals wĂ€hrend des Regimes der Romanows existiert hĂ€tten. All diese Menschen lebten zulasten der Massen. Sie seien Parasiten im sozialen Körper und Dmitrow sei nur ein kleines Beispiel dessen, was in ganz Russland vor sich gehe. Es sei nicht die Schuld einzelner Individuen, vielmehr sei es der Staat, den sie geschaffen haben, der jedes revolutionĂ€re Ideal verleugne, jede Initiative ersticke und neue MaßstĂ€be hinsichtlich Inkompetenz und Verschwendung setze. Es sollte auch nicht vergessen werden, betonte Kropotkin, dass die Blockade und die anhaltenden Angriffe auf die Revolution durch die Interventionist*innen dabei geholfen hĂ€tten, die Macht des kommunistischen Regimes zu stĂ€rken. Inverventionen und Blockade wĂŒrden Russland zu Tode bluten lassen und die Menschen daran hindern, die wahre Natur des bolschewistischen Regimes zu verstehen.

Über die AktivitĂ€ten und die Rolle der Anarchist*innen in der Revolution bemerkte Kropotkin: »Wir Anarchist*innen haben viel von Revolutionen geredet, aber nur wenige von uns waren darauf vorbereitet, die Arbeit zu leisten, die wĂ€hrend dieses Prozesses erledigt werden muss. Ich habe in dieser Hinsicht einige Andeutungen in meiner â€șEroberung des Brotesâ€č gemacht. Auch Pouget und Pataud haben in ihrer Arbeit â€șWie wir die soziale Revolution erreichenâ€č einen Handlungsweg skizziert.« Kropotkin war der Meinung, dass die Anarchist*innen den grundlegenden Elementen sozialer Revolution nicht genĂŒgend Aufmerksamkeit gewidmet hĂ€tten. Was im revolutionĂ€ren Prozess wirklich zĂ€hle, sei nicht so sehr der tatsĂ€chliche Kampf, der bloß die destruktive Phase sei, die notwendig sei, um konstruktive BemĂŒhungen auf den Weg zu bringen. Der wichtigste Faktor in einer Revolution sei die Organisation des ökonomischen Lebens des Landes. Die Russische Revolution habe endgĂŒltig bewiesen, dass wir uns grĂŒndlich darauf vorbereiten mĂŒssen. Alles andere sei nebensĂ€chlich. Er war zu der Auffassung gelangt, dass Syndikalismus das leisten könne, was Russland am meisten fehle: der Kanal, durch den der industrielle und ökonomische Wiederaufbau des Landes fließen könnte. Er verwies auf Anarcho-Syndikalismus. Dieser und die Genossenschaften wĂŒrden anderen LĂ€ndern einige der Pfuschereien und das Leid ersparen, das Russland erfahren hatte.

Ich verließ Dmitrow getröstet von der WĂ€rme und dem Licht, die die wundervolle Persönlichkeit von Peter Kropotkin ausgestrahlt hatte; und ich war sehr ermutigt von dem, was ich von ihm gehört hatte. Ich kehrte nach Moskau zurĂŒck, um beim Abschluss der Vorbereitungen fĂŒr unsere Reise behilflich zu sein. Schließlich, am 15. Juli 1920, wurde unser Waggon an einen Zug angehĂ€ngt, der unterwegs in die Ukraine war.

Kapitel 18: Unterwegs

Unser Zug war gerade dabei, Moskau zu verlassen, als wir von einem interessanten Besucher ĂŒberrascht wurden. Es war Krasnoschtschokow, der PrĂ€sident der Fernöstlichen Republik. Er war kĂŒrzlich aus Sibirien in der Hauptstadt eingetroffen. Er hatte von unserer Anwesenheit in der Stadt gehört, aber war nicht in der Lage gewesen uns zu finden. Schließlich hatte er Alexander Berkman getroffen, der ihn zum Museumswaggon eingeladen hatte.

Das Erscheinungsbild Krasnoschtschokows hatte sich gewaltig verĂ€ndert seit seiner Zeit in Chicago, wĂ€hrend der er als Tobinson bekannt und Vorsteher der lokalen Arbeiter*inneneinrichtung der Stadt gewesen war. Damals war er einer der vielen russischen Immigrant*innen des Westens gewesen, die als Organisator*innen und Redner*innen in der sozialistischen Bewegung aktiv waren. Nun war er ein anderer Mensch; Mit seiner strengen Redensart, geprĂ€gt von seiner AutoritĂ€t, wirkte es sogar, als sei er noch gewachsen. Aber im Herzen war er der alte geblieben, einfach und freundlich, der Tobinson, den wir in Chicago kennen gelernt hatten. Wir hatten nur noch wenige Stunden bis zu unserer Abfahrt und unser Besucher nutzte diese, um uns einen Einblick in die Situation im fernen Osten und die lokale Regierungsform zu geben. Sie bestand aus ReprĂ€sentant*innen verschiedener politischer Lager und »sogar Anarchist*innen sind unter uns«, sagte Krasnoschtschokow, »dadurch ist beispielsweise Schatoff Minister des Eisenbahnwesens. Wir sind im Osten unabhĂ€ngig und es gibt Redefreiheit. Kommt vorbei und ĂŒberzeugt euch selbst, ihr werdet einen Bereich fĂŒr eure Arbeit finden.« Er lud Alexander Berkman und mich ein, ihn in Chita zu besuchen und wir versicherten ihm, dass wir dieser Einladung nach Möglichkeit in Zukunft folgen wĂŒrden. Es schien, dass sein Besuch die Stimmung verĂ€ndert hatte.

Auf dem Weg von Petrograd nach Moskau war die Expedition damit beschĂ€ftigt gewesen, den Waggon in Ordnung zu bringen. Wie bereits erwĂ€hnt bestand der Waggon aus sechs Abteilen, von denen zwei in eine KĂŒche und ein Esszimmer umgebaut worden waren. Sie waren winzig, aber es gelang uns, einen ansehnlichen Speisesaal aus dem einen zu machen, und um unsere KĂŒche hĂ€tte uns manch ein*e HaushĂ€lter*in beneidet. Es gab einen großen russischen Samowar und alle nötigen Kupfer- und Zinktöpfe und Kessel, insgesamt sehr beeindruckend. Besonders stolz waren wir auf die dekorativen VorhĂ€nge vor den Fenstern unseres Waggons. Die anderen Abteile wurden als BĂŒros und Schlafquartiere genutzt. Ich teilte meines mit unserer SekretĂ€rin Miss A. T. Schakol.

Neben Alexander Berkman, der vom Museum als Vorsitzender und GeschĂ€ftsfĂŒhrer eingesetzt worden war, Schakol als SekretĂ€rin und mir als Schatzmeisterin und HaushĂ€lterin bestand die Expedition aus drei anderen Mitgliedern, einschließlich eines jungen Kommunisten, einem Studenten der Petrograder UniversitĂ€t. Unterwegs entwarfen wir unseren Arbeitsplan, der jeder*jedem von uns einen eigenen Bereich zuteilte. Ich sollte Unterlagen im Ministerium fĂŒr Bildung und Gesundheit, dem Sozialamt und dem Amt fĂŒr Arbeitsverteilung, sowie bei der Organisation namens »Kontrollbehörde der Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen« sammeln. Nach der Tagesarbeit wĂŒrden sich alle Mitglieder im Waggon treffen, um das gesammelte Material zu bewerten und zu klassifizieren.

Unser erster Halt war Kursk. Dort konnten wir nichts Bedeutendes auftreiben, außer eines Paars kandai [eiserne Handschellen], die von einem RevolutionĂ€r in SchlĂŒsselburg getragen worden waren. Es wurde uns von einem zufĂ€llig VorĂŒbergehenden gespendet, der durch die Inschrift unseres Waggons »Außerordentliche Kommission des Museums der Revolution« neugierig geworden war und uns einen Besuch abstattete. Es stellte sich heraus, dass er ein Intellektueller war, ein Tolstoianer, der Leiter einer Kindersiedlung. Er war in der Lage letztere zu fĂŒhren, indem er der sowjetischen Regierung die Dienste leistete, die sie von ihm verlangte: Drei Tage der Woche unterrichtete er in den sowjetischen Schulen von Kursk. Den Rest seiner Zeit widmete er seiner kleinen Siedlung oder der »Kinderkommune«, wie er sie liebevoll nannte. Mit Hilfe der Kinder und einiger Erwachsener bauten sie das GemĂŒse an, das zur Verpflegung der Siedlung benötigt wurde und hielten den Ort durch Reparaturen in Stand. Er erzĂ€hlte, dass die Regierung sich nicht direkt einmischen wĂŒrde, aber dass seine Arbeit durch die Diskriminierung ihm gegenĂŒber, weil er Pazifist und Tolstoianer war, erheblich eingeschrĂ€nkt werde. Er fĂŒrchtete deshalb darum, dass seine Siedlung nicht mehr lange bestehen könnte. Zu dieser Zeit gab es keinerlei Handel irgendeiner Art in Kursk und mensch musste sich fĂŒr die Versorgung auf die lokalen Behörden verlassen. Aber Diskriminierungen und Feindseligkeiten verhinderten unabhĂ€ngige Initiativen und BemĂŒhungen. Der Tolstoianer jedenfalls musste, metaphorisch gesprochen, um das Überleben seiner Siedlung kĂ€mpfen. Er plante, in die Hauptstadt, nach Moskau, zu reisen, und hoffte dort UnterstĂŒtzung fĂŒr seine Kommune zu bekommen.

Die Persönlichkeit des Mannes, sein Feuereifer, sich nĂŒtzlich zu machen, widersprach dem, was ich von den Kommunist*innen ĂŒber die Intelligenzija gehört hatte, dass sie desinteressiert und unwillens wĂ€ren, dem revolutionĂ€ren Russland zu helfen. Ich sprach unseren Besucher darauf an. Er konnte nur ĂŒber die gebildeten MĂ€nner und Frauen von Kursk, seiner Heimatstadt, sprechen, aber er versicherte uns, dass die meisten von ihnen – ganz besonders die Lehrer*innen – bereit wĂ€ren zu kooperieren und sogar sehr selbstaufopferungsvoll seien. Aber sie seien die am meisten vernachlĂ€ssigte Klasse und wĂŒrden stĂ€ndig in Hungesnot leben. Wie er selbst seien sie einer generellen Feindschaft ausgesetzt, sogar von den Kindern, deren Verstand durch die Agitation gegen die Intelligenzija vergiftet worden sei.

Kursk ist eine große industrielle Metropole und ich interessierte mich fĂŒr das Schicksal der Arbeiter*innen dort. Von unserem Besucher erfuhren wir, dass es wiederholt Gefechte zwischen den Arbeiter*innen und den sowjetischen AutoritĂ€ten gegeben hatte. Kurze Zeit vor unserer Ankunft war ein Streik ausgebrochen und Soldat*innen waren geschickt worden, um ihn niederzuschlagen. Die ĂŒblichen Verhaftungen folgten und viele Arbeiter*innen wurden immer noch von der Tscheka gefangen gehalten. So weit war es nach Ansicht des Tolstoianers durch die generelle Inkompetenz der Kommunist*innen gekommen, nicht durch irgendeinen anderen Grund. Menschen wurden in verantwortungsvollen Positionen nicht wegen ihrer Kompetenz platziert, sondern wegen ihrer Parteimitgliedschaft. Der politische Nutzen war das oberste Gebot und das resultierte natĂŒrlicherweise in einem generellen Missbrauch von Macht und Chaos. Das kommunistische Dogma, dass der Zweck alle Mittel rechtfertige, verursachte ebenfalls großen Schaden. Es hatte TĂŒr und Tor fĂŒr die schlimmsten menschlichen GrĂ€ueltaten geöffnet und die Ideale der Revolution verraten. Der Tolstoianer sprach voll Trauer, wie eine*r spricht, dessen*deren Hoffnungen, fĂŒr die er*sie gebrannt hatte, zerstört wurden.

Am nĂ€chsten Morgen spendete unser Besucher die kandali fĂŒr unsere Sammlung, die er viele Jahre im GefĂ€ngnis getragen hatte. Er hoffte, dass wir auf dem RĂŒckweg noch einmal nach Kursk kommen wĂŒrden, so dass wir einige tolstoianische Kommunen im Umkreis der Stadt besuchen könnten. Nicht weit von Jasnaja Poljana lebte ein alter bĂ€uerlicher Freund von Tolstoi, erzĂ€hlte er uns. Er hĂ€tte viel wertvolles Material, das er dem Museum geben könnte. Unser Besucher blieb bis zu unserer Abfahrt, er war begierig nach intellektueller Gesellschaft und er ließ uns nur ungern gehen.

Kapitel 19: In Charkiw

Als wir in Charkiw ankamen, besuchte ich gleich den anarchistischen Buchladen, dessen Adresse ich mir bereits in Moskau beschafft hatte. Dort traf ich viele Freund*innen, die ich noch aus Amerika kannte. Unter ihnen waren Joseph und Leah Goodman, die aus Detroit kamen, Fanny Baron aus Chicago und Sam Fleshin, der 1917 im BĂŒro von Mother Earth in New York gearbeitet hatte, bevor er nach Russland gegangen war. Mit tausenden anderen Exilant*innen waren sie alle nach Russland geeilt, als sie die ersten Nachrichten von der Revolution vernommen hatten und seither waren sie mittendrin dabei. Ich nahm an, dass sie mir viel zu erzĂ€hlen hĂ€tten, vielleicht könnten sie mir helfen, einige der Fragen, die mich verwirrten, zu beantworten.

Charkiw lag einige Meilen von der Eisenbahnhaltestelle entfernt, weshalb es unpraktisch war, wĂ€hrend unseres Aufenthalts in der Stadt weiterhin in unserem Waggon zu leben. Die Erlaubnisscheine des Museums hĂ€tten uns UnterkĂŒnfte verschaffen können, aber einige Teilnehmer*innen der Exkursion bevorzugten es, bei ihren amerikanischen Freund*innen unterzukommen. Ich bekam ein Zimmer durch die Hilfe eines*einer unserer Genoss*innen, die*der einen Wohnblock leitete.

In Moskau war es relativ warm gewesen, aber in Charkiw herrschte eine glĂŒhende Hitze, die mich an New York im Juli erinnerte. SanitĂ€re Einrichtungen und Rohrleitungen waren nicht gewartet oder zerstört worden und Wasser musste von einem mehrere Blocks entfernten Ort drei Stockwerke hoch getragen werden. Trotzdem war es Luxus, ein eigenes Zimmer zu haben.

Die Stadt war belebt. Die Straßen waren voller Menschen und sie sahen besser ernĂ€hrt und gekleidet aus als die Menschen in Petrograd und Moskau. Die Frauen waren ansehnlicher als im Norden von Russland, die MĂ€nner von feinerem Typ. Es war geradezu seltsam, tagsĂŒber wunderschöne Frauen in Abendkleidern zu sehen, die barfuß oder in hölzernen Sandalen ohne AbsĂ€tze herumliefen. Die farbigen HalstĂŒcher, die die meisten von ihnen trugen, verliehen den Straßen Farben und Leben und verhalfen ihnen zu einer fröhlichen Erscheinung, eine willkommene Abwechslung zu den Grautönen von Petrograd.

Meinen ersten offiziellen Besuch stattete ich dem Bildungsministerium ab. Ich fand eine lange Schlange von Menschen vor, die auf Einlass warteten, aber die Berechtigungsscheine des Museums öffneten mir alle TĂŒren und der Vorsitzende empfing mich herzlichst. Er lauschte meinen ErklĂ€rungen zum Grund fĂŒr die Expedition aufmerksam und versprach mir, mir die Gelegenheit zu verschaffen, alle verfĂŒgbaren Materialien in seiner Abteilung zu sammeln, inklusive der kĂŒrzlich erstellten Zahlen von ihrer Arbeit. Auf dem Schreibtisch des Vorsitzenden bemerkte ich eine Kopie dieser Diagramme, die wie ein futuristisches GemĂ€lde aussahen, voller Linien und Punkte in rot, blau und violett. Als er meine VerblĂŒffung bemerkte, erklĂ€rte der Vorsitzende, dass Rot die verschiedenen Phasen des Bildungssystem markiere und die anderen Farben Literatur, Theater, Musik und die bildenden KĂŒnste darstellen. Jede Abteilung war unterteilt in BĂŒros, die jeden Bereich der Bildungs- und kulturellen Arbeit der Sozialistischen Republik umfassten.

Das Bildungssystem betreffend erklĂ€rte der Vorsitzende, dass Kinder im Alter von drei bis acht Jahren den Kindergarten oder ein Kinderheim besuchen. Waisenkinder des Krieges aus dem SĂŒden, Kinder von Soldat*innen der Roten Armee und Kinder von Proletarier*innen im Allgemeinen erhielten den Vorzug. Wenn freie PlĂ€tze blieben, wurden auch Kinder der Bourgeoisie akzeptiert. Von acht bis dreizehn Jahren gingen die Kinder auf Mittelschulen, wo sie eine Grundbildung erhielten, die ihnen die grundlegende Idee der politischen und ökonomischen Struktur der R.S.F.S.R. eintrichterte. Moderne Lehrmethoden mittels technischer GerĂ€te, sofern diese erhĂ€ltlich waren, seien etabliert. Den Kindern wĂŒrden sowohl der Prozess der Produktion als auch Naturwissenschaften gelehrt. Im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren bekĂ€men sie eine berufliche Ausbildung. Es gebe auch höhere Bildungsinstitute fĂŒr junge Menschen, die besondere Begabungen und Neigungen zeigten. Außerdem seien Sommerschulen und Zeltlager gegrĂŒndet worden, in denen unter freiem Himmel gelehrt wĂŒrde. Alle Kinder der Sowjetischen Republik bekĂ€men Verpflegung, Kleidung und UnterkĂŒnfte auf Kosten der Regierung. Das Bildungsprogramm umfasse auch Arbeiter*innenkollegien und Abendschulen fĂŒr Erwachsene beider Geschlechter. Auch hier werde den SchĂŒler*innen alles kostenlos zur VerfĂŒgung gestellt, sogar Sonderrationen. FĂŒr weitere Einzelheiten verwies mich der Vorsitzende auf die Literatur seiner Abteilung und riet mir, den im Einsatz befindlichen Bildungsplan zu studieren. Die Bildungsarbeit wĂŒrde durch die Blockade und konterrevolutionĂ€re Bestrebungen sehr behindert werden, andernfalls wĂŒrde Russland der Welt beweisen, was die Sozialistische Republik hinsichtlich VolksaufklĂ€rung leisten könne. Es wĂŒrden selbst die einfachsten Notwendigkeiten fehlen, wie Papier, Bleistifte und BĂŒcher. Im Winter mĂŒssten die meisten Schulen wegen Mangels an Brennstoffen schließen. Die Grausamkeit und Schande der Blockade wĂ€re nirgendwo sichtbarer und himmelschreiender als in ihren Auswirkungen auf die Kranken und die Kinder. »Es ist das dunkelste Verbrechen des Jahrhunderts«, schloss der Vorsitzende. Wir vereinbarten, dass ich in einer Woche zurĂŒckkommen wĂŒrde, um das Material fĂŒr unsere Sammlung abzuholen. Auch im Sozialamt fand ich einen sehr kompetenten Mann an der Spitze. Er interessierte sich sehr fĂŒr die Arbeit der Expedition und versprach, das notwendige Material fĂŒr uns zu sammeln, obwohl er uns nicht viel bieten könne, da seine Behörde erst kĂŒrzlich gegrĂŒndet worden sei. Aufgabe des Ministeriums war es, sich um die erwerbsunfĂ€higen und kranken Proletarier*innen und diejenigen zu kĂŒmmern, die aufgrund ihres hohen Alters von der Arbeit befreit waren. Ihnen wurden gewisse Rationen an Lebensmitteln und Kleidung gewĂ€hrt; wenn sie angestellt waren, bekamen sie auch eine gewisse Menge an Geld, ungefĂ€hr die HĂ€lfte ihres Verdiensts. Außerdem unterstĂŒtzte das Sozialamt mit seinen Ausgaben Wohnquartiere und Kantinen.

Im Korridor, der zu den verschiedenen BĂŒros des Amtes fĂŒhrte, standen Schlangen von abgemagerten und verkrĂŒppelten Gestalten, MĂ€nner und Frauen, die darauf warteten, bis sie an der Reihe waren, um Hilfe zu bekommen. Sie sahen aus wie Kriegsveteranen, die auf ihre Almosen in Form von Rationen warteten; Sie erinnerten mich an die klapprigen Arbeitslosen, die vor den Quartieren der Heilsarmee in Amerika in Schlangen anstanden. Eine Frau zog meine Aufmerksamkeit besonders auf sich. Sie war wĂŒtend und aufgeregt und sie beschwerte sich lauthals. Ihr Ehemann war seit zwei Tagen tot und sie versuchte, einen Erlaubnisschein fĂŒr einen Sarg zu bekommen. Sie stand seit seinem Tod in der Schlange, doch sie hatte sich bislang kein Dokument beschaffen können. »Was soll ich tun?«, jammerte sie, »ich kann ihn nicht auf meinem eigenen RĂŒcken tragen oder ihn ohne Sarg beerdigen und ich kann ihn in dieser Hitze nicht lĂ€nger in meinem Zimmer lassen.« Das Wehklagen der Frau blieb unbeantwortet, da jede*r mit seinen*ihren eigenen Problemen beschĂ€ftigt war. Kranke und arbeitsunfĂ€hige Arbeiter*innen werden ĂŒberall auf den Schrotthaufen geworfen – hatte ich gedacht –, aber in Russland werden Anstrengungen unternommen, solche Grausamkeiten zu verhindern. Wenn ich das nach dem, was ich in Charkiw gesehen hatte, bewerte, habe ich das GefĂŒhl, dass nicht sehr viel erreicht wurde. Es war ein Ă€ußerst deprimierendes Bild, diese lange Warteschlange. Ich hatte das GefĂŒhl, dass das die Verletzten noch verspottete.

Ich besuchte ein Haus, in dem die sozial Verstoßenen lebten. Es war recht gut in Schuss, aber verbreitete den Geruch von kaltem Institutionalismus. NatĂŒrlich war es besser, als auf der Straße zu schlafen oder die ganze Nacht in den EingĂ€ngen zu liegen, wie es die Kranken und Armen in kapitalistischen LĂ€ndern oft zu tun gezwungen sind, zum Beispiel in Amerika. Trotzdem schien es nicht zu passen, dass im sowjetischen Russland nicht etwas Fröhlicheres und Einladenderes fĂŒr diejenigen gefunden werden konnte, die ihre Arbeit fĂŒr das Gemeinwohl gegeben und ihre Gesundheit dafĂŒr geopfert hatten. Aber offensichtlich war es das Beste, was das Sozialamt im derzeitigen Zustand Russlands tun konnte.

Am Abend besuchten uns unsere amerikanischen Freund*innen. Jede*r von ihnen hatte eine umfangreiche Erfahrung des KĂ€mpfens, des Leidens und der Verfolgung hinter sich und ich war ĂŒberrascht zu erfahren, dass die meisten von ihnen sogar von den Bolschewiki eingesperrt worden waren. Sie hatten wegen ihrer Ideen viel ertragen und waren von jeder Regierung der Ukraine – in den letzten zwei Jahren hatte es vierzehn politische Wechsel in einigen Regionen des SĂŒdens gegeben – gejagt worden. Die Kommunist*innen verhielten sich nicht anders: Auch sie verfolgten die Anarchist*innen ebenso wie andere RevolutionĂ€r*innen der Linken. Trotzdem setzten die Anarchist*innen ihre Arbeit fort. Ihr Vertrauen in die Revolution war wirklich außergewöhnlich in Anbetracht dessen, was sie erdulden mussten und sogar angesichts der schlimmsten Reaktion. Sie waren sich einig darin, dass die Möglichkeiten der Massen wĂ€hrend der ersten Monate nach der Oktoberrevolution sehr groß gewesen waren, aber sie waren auch der Meinung, dass die revolutionĂ€re Entwicklung gestoppt worden war und schrittweise vollstĂ€ndig gelĂ€hmt wurde, durch den tödlichen Effekt des kommunistischen Staates.

In der Ukraine, erklĂ€rten sie, unterscheide sich die Situation von der in Russland, da die BĂ€uer*innen in verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig besseren materiellen UmstĂ€nden lebten. Sie hĂ€tten sich außerdem eine grĂ¶ĂŸere UnabhĂ€ngigkeit bewahrt und einen rebellischeren Geist. Aus diesem Grund seien die Bolschewiki daran gescheitert, den SĂŒden zu bezwingen.

Unsere Besucher*innen sprachen von Machno als heroischer, populĂ€rer Figur und erzĂ€hlten von seinen wagemutigen Heldentaten und den Legenden, die die BĂ€uer*innen um seine Person gewoben hatten. Allerdings unterschieden sich die Meinungen unter den Anarchist*innen erheblich, die Bedeutung der Machno-Bewegung betreffend. Einige betrachteten diese als anarchistisch und waren der Meinung, dass die Anarchist*innen all ihre Energie in sie stecken sollten. Andere waren der Ansicht, dass die povstantsi den natĂŒrlichen rebellischen Geist der sĂŒdlichen BĂ€uer*innen verkörperten, aber ihre Bewegung nicht anarchistisch sei, auch wenn sie anarchistisch beeinflusst sei. Sie waren nicht bereit, sich auf diese Bewegung zu beschrĂ€nken; Sie waren der Meinung, dass ihre Arbeit einen umfassenderen und universelleren Charakter haben sollte. Einige unserer anarchistischen Freund*innen vertraten eine vollkommen andere Position. Sie waren der Ansicht, dass die Machno-Bewegung in keinerlei Hinsicht anarchistisch beeinflusst sei.

Am enthusiastischsten hinsichtlich Machno und dem anarchistischen Wert dieser Bewegung war Joseph, auch bekannt als der »Emigrant«, der Letzte, von dem mensch erwartet hĂ€tte, dass er sich fĂŒr eine militĂ€rische Organisation erwĂ€rmen könne. Joseph war sanft und zart wie ein MĂ€dchen. In Amerika war er auf eine stille und unaufdringliche Art und Weise in der anarchistischen Bewegung und der Arbeiter*innenbewegung engagiert gewesen und nur sehr wenige kannten den wahren Wert dieses Mannes. Seit seiner RĂŒckkehr nach Russland war er inmitten des Kampfes gewesen. Er hatte viel Zeit mit Machno verbracht und verehrte und liebte ihn fĂŒr seine revolutionĂ€re Hingabe und Courage. Joseph erzĂ€hlte von einem interessanten Erlebnis bei seinem ersten Besuch des BĂ€uer*innenanfĂŒhrers. Als er bei den povstantsi ankam, erweckte er aus irgendeinem Grund den Anschein, dass er gekommen sei, um ihrem AnfĂŒhrer zu Schaden zuzufĂŒgen. Einer von Machnos engsten Freunden behauptete, dass Joseph, weil er Jude war, auch ein Gesandter der Bolschewiki sein mĂŒsse, der geschickt worden sei, um Machno zu töten. Als er sah, wie zugetan Machno Joseph geworden war, hatte er beschlossen »den Juden« zu töten. GlĂŒcklicherweise warnte er seinen AnfĂŒhrer zuvor, woraufhin Machno seine MĂ€nner zusammenrief und ihnen irgendwas dieser Art mitteilte: »Joseph ist ein Jude und ein Idealist, er ist ein Anarchist. Ich betrachte ihn als meinen Genossen und Freund und ich mache jeden von euch fĂŒr seine Sicherheit verantwortlich.« Weil er von seiner Armee vergöttert wurde, genĂŒgte Machnos Wort: Joseph wurde vertrauter Freund der povstantsi. Sie vertrauten ihm, weil ihr batka [Vater] ihm vertraute und im Gegenzug war Joseph ihnen treu ergeben. Jetzt bestand er darauf, dass er in das Camp der Rebellen zurĂŒckkehren mĂŒsse: Sie seien heroische Menschen, einfach, mutig und der Sache der Freiheit treu ergeben. Er plante, erneut mit Machno zu arbeiten. Trotzdem wurde ich das GefĂŒhl nicht los, dass wenn Joseph zu Machno zurĂŒckkehren wĂŒrde, ich ihn nicht lebend wiedersehen wĂŒrde. Er wirkte auf mich wie einer dieser Charaktere in Zola‘s »Germinal«, der jedes Lebewesen liebte und doch zuliebe der streikenden Bergarbeiter*innen in der Lage dazu ist, zu Dynamit zu greifen.

Meinen Freund*innen gegenĂŒber Ă€ußerte ich die Meinung, dass, so bedeutend die Machno-Bewegung auch sein möge, sie doch nur militĂ€rischer Natur sei und deshalb nicht anarchistisch sein könne. Es tat mir weh, Joseph zurĂŒck zu Machnos Feldlager gehen zu sehen, da seine Arbeit fĂŒr die anarchistische Bewegung in Russland von viel grĂ¶ĂŸerem Wert sein könnte. Aber er war fest entschlossen und ich hatte das GefĂŒhl, dass es Josephs Verzweiflung ĂŒber die reaktionĂ€ren Tendenzen der Boschewiki war, die ihn, wie so viele andere seiner Genoss*innen, von den Kommunist*innen entfernte und weswegen er Zuflucht in den Reihen Machnos suchte.

WĂ€hrend unseres Aufenthalts in Charkiw besuchte ich auch das Amt fĂŒr die Verteilung von Arbeit, das im Zuge der Militarisierung der Arbeit ins Leben gerufen worden war. Nach Ansicht der Bolschewiki war es notwendig geworden, um die Arbeiter*innen aus den Dörfern zurĂŒckzuholen, in die sie aus den verhungernden StĂ€dten geströmt waren. Sie sollten registriert und nach Gewerbe klassifiziert und dann auf die Orte, an denen ihre Dienste am dringendsten benötigt wurden, verteilt werden. Die Umsetzung des Planes bestand darin, dass zahlreiche Menschen tĂ€glich auf den Straßen oder den MĂ€rkten festgenommen wurden. Zusammen mit der großen Zahl derer, die als Spekulant*innen oder wegen des Besitzes zaristischen Geldes verhaftet worden waren, wurden sie auf eine Liste des Amts fĂŒr die Verteilung von Arbeit gesetzt. Einige wurden in das Donezbecken geschickt, wĂ€hrend die SchwĂ€cheren in die Konzentrationslager gebracht wurden. Die Kommunist*innen rechtfertigten dieses System und diese Methoden als notwendig wĂ€hrend einer revolutionĂ€ren Periode, um die Industrie wiederaufzubauen. Jede*r in Russland muss arbeiten, sagten sie, oder eben zur Arbeit gezwungen werden. Sie behaupteten, dass der industrielle Output seit der EinfĂŒhrung des Zwangsarbeitsgesetzes gestiegen sei.

Ich hatte die Gelegenheit, diese Angelegenheit mit vielen Kommunist*innen zu diskutieren und ich bezweifle die Wirksamkeit des neuen Gesetzes.

Eines Abends stand eine Frau vor meinem Zimmer und stellte sich als die frĂŒhere Besitzerin des Appartements vor. Da alle HĂ€user verstaatlicht worden waren, hatte mensch ihr erlaubt, drei RĂ€ume zu behalten, der Rest der Wohnung wurde der Verantwortung des Wohnungsamts ĂŒbergeben. Ihre Familie hatte acht Mitglieder, inklusive ihrer Eltern und einer verheirateten Tochter mit ihrer Familie. Es war beinahe unmöglich, all in drei RĂ€ume zu zwĂ€ngen, besonders angesichts der schrecklichen Sommerhitze in Charkiw, dennoch war ihnen das irgendwie gelungen. Aber zwei Wochen vor unserer Ankunft in Charkiw hatte Sinowjew die Stadt besucht. Bei einer öffentlichen Versammlung hatte er erklĂ€rt, dass die Bourgeoisie der Stadt zu gut genĂ€hrt und gekleidet aussehe. »Das beweist«, hatte er gesagt, »dass die Genoss*innen und besonders die Tscheka ihre Pflichten vernachlĂ€ssigen.« Kaum war Sinowjew abgereist, begannen massive Wellen an Verhaftungen und nĂ€chtlichen Razzien. Konfiszierungen wurden zur Tagesordnung. Ihr Appartement, erzĂ€hlte die Frau, wurde ebenfalls besucht und das meiste ihrer beweglichen Habe sei ihr genommen worden. Aber das Schlimmste von allem sei, dass die Tscheka ihr befohlen hatte, einen der RĂ€ume zu verlassen und die Familie nun in zwei kleine RĂ€ume gezwĂ€ngt sei. Sie war sehr besorgt darĂŒber, dass der verlassene Raum einem Mitglied der Tscheka oder einem Angehörigen der Roten Armee zugewiesen werden könnte. »Wir waren sehr erleichtert«, sagte sie, »als wir informiert wurden, dass jemand aus Amerika den Raum belegen wĂŒrde. Wir wĂŒnschten, du wĂŒrdest hier fĂŒr lĂ€ngere Zeit bleiben.«

Bis dahin war ich nicht persönlich in Kontakt mit den Mitgliedern der enteigneten Bourgeoisie gekommen, die durch die Revolution tatsĂ€chlich leiden mussten. Die wenigen Mittelklassefamilien, die ich getroffen hatte, lebten recht gut, was mich ĂŒberrascht hatte. Ein bestimmter Chemiker aus Petrograd, den ich in Schatoffs Haus kennen gelernt hatte, lebte auf sehr kostspielige Art und Weise. Die sowjetischen AutoritĂ€ten hatten ihm erlaubt, seine Fabrik weiter zu betreiben und er versorgte die Regierung mit Chemikalien zu einem erheblich niedrigeren Preis als dem, zu dem sie die Regierung selbst herstellen könnte. Er bezahlte seinen Arbeiter*innen verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hohe Löhne und versorgte sie mit Rationen. Einmal war ich von der Familie des Chemikers zum Abendessen eingeladen worden. Sie lebten in einem luxuriösen Appartement, das viele wertvolle GegenstĂ€nde und KunstschĂ€tze enthielt. Meine Gastgeberin, die Frau des Chemikers, war teuer gekleidet und trug ein wertvolles Collier. Das Essen bestand aus mehreren GĂ€ngen und wurde auf eine extravagante Art und Weise serviert, mit exquisitem Damastleinen im Überfluss. Es musste mehrere hunderttausend Rubel gekostet haben, was 1920 in Russland ein kleines Vermögen war. Das Erstaunliche fĂŒr mich war gewesen, dass fast jede*r in Petrograd den Chemiker kannte und mit seinem Lebensstil vertraut war. Aber mir wurde gesagt, dass er von der sowjetischen Regierung gebraucht wurde und er deshalb leben dĂŒrfe, wie er es wĂŒnsche. Einmal drĂŒckte ich ihm gegenĂŒber mein Erstaunen darĂŒber aus, dass die Bolschewiki seinen Reichtum nicht konfisziert hatten. Er versicherte mir, dass er nicht der Einzige der Bourgeoisie war, der seine frĂŒhere Stellung bewahrt hatte. »Die Bourgeoisie ist keineswegs tot«, sagte er, »sie wurde nur fĂŒr eine Weile mit Chloroform betĂ€ubt, sozusagen fĂŒr die schmerzhafte Operation. Aber sie erhohlt sich bereits von den Auswirkungen der Narkose und bald wird sie sich vollstĂ€ndig erholt haben. Es braucht nur noch etwas Zeit.« Der Frau, die mich in meinem Zimmer in Charkiw besuchte, war das nicht so gut gelungen wie dem Petrograder Chemiker. Sie war Teil des TrĂŒmmerhaufens, der vom revolutionĂ€ren Sturm, der ĂŒber Russland hinweggefegt war, hinterlassen worden war.

WĂ€hrend meines Aufenthalts in der ukrainischen Hauptstadt traf ich einige interessante Menschen der gebildeten Klassen, unter ihnen ein Ingenieur, der gerade aus dem Donezbecken zurĂŒckgekehrt war und eine Frau, die in einem sowjetischen BĂŒro angestellt war. Beide waren kultivierte Personen und leidenschaftlich an Russlands Schicksal interessiert. Wir sprachen ĂŒber den Besuch von Sinowjew. Sie bestĂ€tigten die Geschichte, die ich zuvor gehört hatte. Sinowjew hatte seine Genoss*innen fĂŒr deren NachlĂ€ssigkeit gegenĂŒber der Bourgeoisie ermahnt und sie dafĂŒr kritisiert, dass sie den Handel nicht unterdrĂŒckten. Sofort nach Sinowjews Abreise fĂŒhrte die Tscheka willkĂŒrliche Razzien durch, die Mitglieder der Bourgeoisie verloren dabei beinahe die letzten Dinge, die sie besaßen. Der tragischste Teil des Ganzen war in den Augen des Ingenieurs, dass die Arbeiter*innen nicht von solchen Razzien profitierten. Keine*r wusste, was aus den konfiszierten GegenstĂ€nden geworden war, sie waren einfach verschwunden. Beide, der Ingenieur und die weibliche Angestellte der Sowjets sprachen mit großer Sorge ĂŒber den generellen Zerfall der Werte. Einst glaubten die Russ*innen, dass HĂŒtten und PalĂ€ste gleichermaßen falsch seien und beide abgeschafft werden mĂŒssten, sagte die Frau. Sie waren niemals der Ansicht, dass der Zweck einer Revolution hauptsĂ€chlich eine Verschiebung der BesitzverhĂ€ltnisse sei, um die Reichen in die HĂŒtten zu stecken und die Armen in die PalĂ€ste. Es stimme nicht, dass die Arbeiter*innen nun in den PalĂ€sten wohnen wĂŒrden. Mensch hat ihnen nur eingeredet, dass das die Funktion einer Revolution sei. TatsĂ€chlich seien die Massen dort geblieben, wo sie zuvor gewesen waren. Aber jetzt seien sie dort nicht mehr alleine, sie seien in Gesellschaft der Klassen, die sie hatten zerstören wollen.

Der zivile Ingenieur war von der sowjetischen Regierung in das Donezbecken geschickt worden, um dort HĂ€user fĂŒr die Arbeiter*innen zu errichten und ich war dankbar ĂŒber die Gelegenheit, von ihm etwas ĂŒber die Bedingungen dort zu erfahren. Die kommunistische Presse veröffentlichte begeisterte Artikel ĂŒber die intensive Kohleproduktion des Beckens und offizielle Berechnungen verkĂŒndeten, dass das Land mit genĂŒgend Kohle fĂŒr den bevorstehenden Winter versorgt wĂ€re. TatsĂ€chlich waren die Minen im Donezbecken in einem zutiefst beklagenswertem Zustand, erzĂ€hlte mir der Ingenieur. Die Bergarbeiter*innen wĂŒrden wie Vieh bewacht werden. Sie bekĂ€men hundsmiserable Rationen, wĂ€ren beinahe barfuß und wĂŒrden dazu gezwungen, in knöcheltiefem Wasser zu arbeiten. Infolge solcher Bedingungen werde nur sehr wenig Kohle produziert. »Ich war Teil eines Komitees, das damit beauftragt war, die Situation zu untersuchen und ĂŒber die Ergebnisse zu berichten«, sagte der Ingenieur. »Unser Bericht ist alles andere als erfreulich. Wir wissen, dass es gefĂ€hrlich ist, die Fakten so zu berichten, wie sie sind: Wir wĂŒrden von der Tscheka verhaftet. Aber wir haben entschieden, dass Moskau die Fakten wissen muss. Das System politischer Kommissar*innen, die generelle bolschewistische Ineffizienz und der lĂ€hmende Effekt der staatlichen Maschine haben unsere konstruktive Arbeit im Becken fast unmöglich gemacht. Wir sind jĂ€mmerlich gescheitert.«

Ich fragte mich: WĂ€re ein solcher Zustand in einer revolutionĂ€ren Periode und in einem Land, das industriell so wenig entwickelt ist wie Russland, vermeidbar gewesen? Die Revolution wurde von der Bourgeoisie innerlich und Ă€ußerlich angegriffen, es war dringend nötig sie zu verteidigen und so blieben keine KapazitĂ€ten fĂŒr konstruktive Arbeiten. Der Ingenieur hatte fĂŒr meine Sichtweise nichts ĂŒbrig. Die russische Bourgeoisie sei schwach und könne praktisch keinen Widerstand leisten, behauptete er. Sie sei zahlenmĂ€ĂŸig unbedeutend und sie leide unter einem schlechten Gewissen. Es gĂ€be weder eine Notwendigkeit noch eine Rechtfertigung fĂŒr den bolschewistischen Terror und dieser sei hauptsĂ€chlich fĂŒr die LĂ€hmung der konstruktiven BemĂŒhungen verantwortlich. Intellektuelle der Mittelklasse seien viele Jahre in den liberalen und revolutionĂ€ren Bewegungen Russlands aktiv gewesen und dadurch seien die Angehörigen der Bourgeoisie nĂ€her an die Massen herangerĂŒckt. Von den Ereignissen des großen Tages ĂŒberrascht, bevorzugte es die Bourgeoisie aufzugeben statt zu kĂ€mpfen. Sie sei von der Revolution mehr als irgendeine andere Klasse in Russland ĂŒberwĂ€ltigt worden. Sie war ziemlich unvorbereitet und habe sich bis zum heutigen Tag nicht wieder zurechtgefunden. Es sei nicht wahr, dass die russische Bourgeoisie eine aktive Bedrohung fĂŒr die Revolution sei, wie die Bolschewiki behaupteten.

Mir war geraten worden, die Leiterin des Aufsichtsamtes der Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen zu treffen, eine frĂŒhere Beamtin der Tscheka, die dafĂŒr bekannt war, sehr ernst, ja sogar grausam, aber effektiv zu sein. Sie könne mir wertvolle Materialien ĂŒberlassen, wurde mir gesagt, und mir Einlass in die GefĂ€ngnisse und Konzentrationslager verschaffen. Bei meinem Besuch im Aufsichtsamt der Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen war die verantwortliche Dame mir gegenĂŒber zunĂ€chst nicht wirklich freundlich. Sie ignorierte meine Erlaubnisschreiben, offensichtlich unbeeindruckt von Sinowjews Unterschrift. Kurz darauf trat ein Mann aus einem der HinterbĂŒros heraus. Er stellte sich als Dybenko heraus, ein hoher Offizier der Roten Armee und er erzĂ€hlte mir, dass er von seiner Frau Alexandra Kollontai von mir gehört hĂ€tte. Er versprach mir, dass ich alle verfĂŒgbaren Materialien bekommen sollte und bat mich, spĂ€ter an diesem Tag wiederzukommen. Als ich zurĂŒckkehrte, war die Dame viel entgegenkommender und bereitwilliger mir Informationen ĂŒber die TĂ€tigkeiten ihres Amtes zu liefern. Es war gegrĂŒndet worden, um zunehmende Sabotage und Bestechung zu bekĂ€mpfen. Das war Aufgabe der Tscheka, aber mensch hielt es fĂŒr notwendig, ein neues Amt dafĂŒr zu schaffen, das sich der Aufsicht und Beseitigung von VerstĂ¶ĂŸen widme. »Es ist das Tribunal, vor das die FĂ€lle gebracht werden sollen«, sagte die Frau. »Momentan untersuchen wir beispielsweise die Beschwerden von Gefangenen, die fĂ€lschlicherweise verurteilt wurden oder zu hohe Strafen bekommen haben.« Sie versprach, dass sie uns die Erlaubnis, die Strafanstalten zu besuchen, beschaffen wĂŒrde und schon einige Tage spĂ€ter hatten einige Mitglieder der Expedition die Gelegenheit dazu.

Zuerst besuchten wir das grĂ¶ĂŸte Konzentrationslager Charkiws. Im Hof arbeiteten einige Gefangene daran, einen neuen Abwasserkanal auszuheben. Der war sicherlich von Nöten, der ganze Ort war von einem ekelerregenden Geruch ĂŒberdeckt. Das GefĂ€ngnisgebĂ€ude war in mehrere RĂ€ume unterteilt, die alle ĂŒberfĂŒllt waren. Eine der Abteilungen wurde »Spekulant*innenappartement« genannt, obwohl beinahe alle Insass*innen dort dagegen protestierten, so genannt zu werden. Sie sahen arm und ausgehungert aus, jede*r von ihnen hatte Angst davor, uns seine*ihre Leidensgeschichte zu erzĂ€hlen; anscheinend hielten sie uns fĂŒr offizielle Ermittler*innen. In einem der Korridore trafen wir einige Kommunist*innen, denen Sabotage vorgeworfen wurde. Offensichtlich machte die sowjetische Regierung auch vor den eigenen Leuten nicht halt.

In dem Camp waren Soldat*innen der Weißen Armeen, die an der polnischen Front gefangen genommen worden waren und jede Menge BĂ€uer*innen, denen verschiedene Dinge vorgeworfen wurden. Sie sahen bemittleidenswert aus, wie sie da aus Mangel an Sitzgelegenheiten auf dem Boden saßen, ein armseliges HĂ€ufchen, fassungslos und außer Stande zu begreifen, wie es passieren konnte, dass sie hier gelandet waren.

Mehr als tausend arbeitsfÀhige MÀnner waren in diesem Konzentrationslager eingesperrt, die so nicht zum Wohle der Gemeinschaft arbeiten konnten und zu deren Bewachung es zahlreicher WÀrter*innen bedurfte. Dabei benötigte Russland doch so dringend ArbeitskrÀfte. Mir kam das alles wie eine unnötige Verschwendung vor.

SpĂ€ter besuchten wir das GefĂ€ngnis. Vor den Toren stand ein wĂŒtender Mob und gestikulierte und schrie. Mir wurde gesagt, dass an diesem Morgen die wöchentlichen Pakete, die von Angehörigen der Insass*innen gebracht wurden, von der GefĂ€ngnisleitung abgewiesen worden waren. Einige der Menschen waren meilenweit gereist und hatten ihren letzten Rubel fĂŒr etwas zu Essen fĂŒr ihre inhaftierten EhemĂ€nner und BrĂŒder ausgegeben. Sie waren außer sich. Unsere Begleitung, die Vorsitzende des Amtes, versprach uns, die Sache zu untersuchen. Wir wurden durch das große GefĂ€ngnis gefĂŒhrt, das einen deprimierenden Anblick menschlichen Elends und der Verzweiflung bot. Diejenigen, die zum Tode verurteilt worden waren, befanden sich in Einzelhaft. Tagelang verfolgte mich ihr Anblick – ihre Augen voller Angst aufgrund der quĂ€lenden Ungewissheit, jeden Moment damit rechnen zu mĂŒssen, zur Hinrichtung abgeholt zu werden. Unsere Freund*innen aus Charkiw hatten uns gebeten, eine bestimmte junge Frau im GefĂ€ngnis aufzusuchen. Ohne dabei Aufmerksamkeit zu erregen, versuchten wir sie in den verschiedenen Bereichen der Institution zu erspĂ€hen, bis wir eine erblickten, auf die die Beschreibung passte. Sie war eine Anarchistin und wurde als politische Gefangene gefĂŒhrt. Die ZustĂ€nde im GefĂ€ngnis seien schlecht, erzĂ€hlte sie uns. Ein langwieriger Hungerstreik sei nötig gewesen, um die AutoritĂ€ten zu zwingen, die politischen Gefangenen anstĂ€ndiger zu behandeln und die TĂŒren derer, die zu Tode verurteilt waren, wĂ€hrend des Tages offen zu lassen, sodass sie ein wenig Aufmunterung und Trost von den anderen Gefangenen bekommen könnten. Sie erzĂ€hlte von vielen unrechtmĂ€ĂŸig Verhafteten und wies besonders auf eine alte, dĂŒmmlich aussehende BĂ€uerin hin, die in Einzelhaft saß, weil mensch sie fĂŒr eine Spionin Machnos hielt, eine Anschuldigung, die ganz offensichtlich aus einem MissverstĂ€ndnis resultierte.

Das Regime der GefĂ€ngnisleitung war sehr streng. Neben anderen Dingen war es den Gefangenen verboten, zu den Fenstern emporzuklettern, um auf den Hof zu blicken. Mensch erzĂ€hlte uns die Geschichte eines Gefangenen, auf den geschossen worden war, weil er einmal gegen diese Regel verstoßen hatte. Er hatte GerĂ€usche von der Straße vernommen und war, neugierig darĂŒber, was dort unten vor sich ging, auf die Fensterbank seiner Zelle geklettert. Die Wache im Hof schoss ohne Warnung auf den Mann und verletzte ihn dadurch schwer. Von den Gefangenen hörten wir viele solcher Geschichten von Misshandlungen. Auf unserem Weg in die Stadt drĂŒckte ich meine Überraschung ĂŒber die ZustĂ€nde aus, die in den GefĂ€ngnissen herrschten. Ich wies unsere Begleiterin darauf hin, dass es einen schwerwiegenden Skandal in der westlichen Welt auslösen wĂŒrde, wenn mensch dort erfahren wĂŒrde, unter welchen UmstĂ€nden die Gefangenen im sozialistischen Russland leben wĂŒrden und wie mensch sie behandle. Nichts könne eine solche BrutalitĂ€t rechtfertigen, dachte ich. Aber die Vorsitzende des Aufsichtsamts der Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen blieb unbeeindruckt. »Wir leben in einer revolutionĂ€ren Periode«, antwortete sie, »auf diese Dinge kommt es da nicht an.« Aber sie versprach, einige FĂ€lle von außerordentlicher Ungerechtigkeit zu untersuchen , die wir ihr genannt hatten. Ich war nicht ĂŒberzeugt davon, dass die Revolution fĂŒr die existierenden Übel verantwortlich war. Wenn im Namen der Revolution wirklich so viel BrutalitĂ€t und Verbrechen notwendig waren, was blieb dann am Ende ĂŒbrig?

Gegen Ende unserer ersten Woche in Charkiw kehrte ich zum Amt fĂŒr Bildung zurĂŒck, wo mir Materialien versprochen worden waren. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass nichts vorbereitet worden war. Mir wurde gesagt, dass der Vorsitzende nicht da sei und mensch versicherte mir erneut, dass die versprochenen Dokumente noch vor unserer Abreise gesammelt werden wĂŒrden. Ich wurde dann an einen Mann verwiesen, der verantwortlich fĂŒr ein bestimmtes Modellschulprojekt war. Der Vorsitzende hatte mir erzĂ€hlt, dass dort einige interessante Bildungsmethoden entwickelt werden wĂŒrden, aber auf mich wirkte der Manager unintelligent und geistlos. Er konnte mir nichts von neuen Methoden erzĂ€hlen, aber er war bereit, nach einem der Unterrichtenden zu schicken, der mir die Dinge erklĂ€ren könne. Ein Bote wurde losgeschickt, aber er kehrte schon bald mit der Information zurĂŒck, dass der Lehrer zu beschĂ€ftigt damit sei, seine Klasse zu unterrichten und daher nicht kommen könne. Der Manager bekam einen Wutausbruch. »Er muss kommen«, schrie er, »die Bourgeoisie sabotiert genauso wie die ĂŒbrige verdammte Intelligenzija. Sie sollten alle erschossen werden. Wir kommen ohne sie besser zurecht.« Er war einer der engstirnigen, fanatischen und schikanierenden Kommunist*innen, die der Revolution mehr schadeten als jede*r KonterrevolutionĂ€r*in.

WĂ€hrend unseres Aufenthalts in Charkiw hatten wir ebenfalls Zeit, um einige Fabriken zu besuchen. In einer Pflugmanufaktur sahen wir einen großen Speicher voll fertiger Produkte. Ich war ĂŒberrascht darĂŒber, dass die PflĂŒge in der Fabrik blieben, anstatt auf den Farmen eingesetzt zu werden. »Wir warten noch auf Anweisungen aus Moskau«, erklĂ€rte der Manager, »das war ein Eilauftrag und uns wurde mit Verhaftung wegen Sabotage gedroht, wenn sie nicht binnen sechs Wochen fertig fĂŒr den Versand seien. Das war vor sechs Monaten und wie ihr seht, sind die PflĂŒge noch immer hier. Die BĂ€uer*innen brauchen diese dringend, und wir benötigen deren Brot. Aber wir können nicht tauschen. Wir mĂŒssen auf die Anweisungen aus Moskau warten.«

Ich erinnerte mich an eine Bemerkung Sinowjews bei unserem ersten Treffen. Er hatte bemerkt, dass in Petrograd Treibstoffmangel herrsche trotz der Tatsache, dass weniger als hundert Werst von der Stadt entfernt genug sei, um beinahe das halbe Land damit zu versorgen. Ich hatte damals vorgeschlagen, dass die Arbeiter*innen Petrograds dazu aufgerufen werden, den Treibstoff in die Stadt zu bringen. Sinowjew fand das naiv. »Wenn wir so etwas in Petrograd bewilligen«, sagte er, »wird die gleiche Forderung in anderen StĂ€dten gestellt werden. Es wĂŒrde einen kommunalen Wettkampf auslösen, was eine bourgeoise Sache ist. Es wĂŒrde unseren Plan von nationaler und zentralisierter Kontrolle zunichte machen.« Das war das vorherrschende Prinzip und infolgedessen mangelte es den Arbeiter*innen in Charkiw an Brot, bis Moskau den Befehl geben wĂŒrde, die PflĂŒge an die BĂ€uer*innen zu liefern. Die Vorherrschaft des Staates war einer der Eckpfeiler des Marxismus.

Einige Tage bevor wir Charkiw verließen, besuchte ich noch einmal das Amt fĂŒr Bildung und wieder gelang es mir nicht, den Vorsitzenden anzutreffen. Zu meiner BestĂŒrzung erfuhr ich, dass ich kein Material bekommen wĂŒrde, weil beschlossen worden sei, dass in der Ukraine ein eigenes Museum eingerichtet werden solle und der Vorsitzende nach Kiew gereist war, um es zu organisieren. Ich war empört ĂŒber den miserablen Schwindel, der mit uns von einem Mann in hoher kommunistischer Position getrieben worden war. NatĂŒrlich hatte die Ukraine das Recht, ein eigenes Museum zu haben, aber warum war dieser kleinkarierte Schwindel notwendig, der die Expedition so viel wertvolle Zeit kostete.

Der Zwischenfall fand einige Tage spĂ€ter seine Fortsetzung, als wir von der hastigen Ankunft unserer SekretĂ€rin ĂŒberrascht wurden, die uns mitteilte, dass wir Charkiw sofort und so heimlich wie möglich verlassen mĂŒssten, weil das lokale Exekutivkomitee der Partei beschlossen hĂ€tte, uns daran zu hindern, statistisches Material aus der Ukraine mitzunehmen. Dementsprechend beeilten wir uns zu verschwinden, um das zu retten, was wir bereits gesammelt hatten. Wir wussten, dass das Material verloren gehen wĂŒrde, wenn es in Charkiw bliebe und dass der Plan eines unabhĂ€ngigen ukrainischen Museums viele Jahre lang nur auf dem Papier existieren wĂŒrde.

Vor unserer Abfahrt verabredeten wir uns mit unseren Freund*innen vor Ort zu einem letzten Treffen. Wir hatten das GefĂŒhl, dass wir sie niemals wieder sehen wĂŒrden. Bei dieser Gelegenheit diskutierten wir ausgiebig ĂŒber die Arbeit der »Nabat«-Föderation. Diese anarchistische Dachorganisation des SĂŒdens war infolge der Erfahrung der russischen Anarchist*innen gegrĂŒndet worden, in der Überzeugung, dass eine einheitliche Organisation notwendig sei, um ihre Arbeit effektiver zu machen. Sie wollten nicht mehr nur fĂŒr die Revolution sterben, sondern auch fĂŒr sie leben. Es schien, dass die Anarchist*innen Russlands in zahlreiche Fraktionen geteilt waren, die meisten von ihnen klein und mit wenig Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Russland. Ihnen war es nicht gelungen, sich dauerhaft in den Reihen der Arbeiter*innen zu behaupten. Deshalb war beschlossen worden, alle anarchistischen Elemente der Ukraine in einer Föderation zu vereinen, um dadurch in der Lage zu sein, eine solide Front sowohl im Kampf gegen die Invasionen und die Konterrevolution, als auch gegen die Verfolgung durch die Kommunist*innen zu bilden.

Durch die gemeinsamen BemĂŒhungen war die »Nabat« in der Lage gewesen, den grĂ¶ĂŸten Teil des SĂŒdens abzudecken und in engen Kontakt mit dem Leben der Arbeiter*innen und der BĂ€uer*innenschaft zu kommen. Die hĂ€ufigen Regierungswechsel in der Ukraine zwangen die Anarchist*innen schließlich unterzutauchen, die ruhelose Verfolgung durch die Bolschewiki hatten ihre Reihen um die aktivsten Arbeiter*innen dezimiert. Trotzdem war die Föderation in der Bevölkerung verankert. Die kleine Gruppe befand sich in stĂ€ndiger Gefahr, aber sie setzte ihre Bildungs- und Propagandaarbeit mit viel Energie fort.

Die Anarchist*innen aus Charkiw hatten sich offenbar viel von unserer Anwesenheit in Russland versprochen. Sie hatten gehofft, dass Alexander Berkman und ich sie bei ihrer Arbeit unterstĂŒtzen wĂŒrden. Wir waren bereits sieben Monate in Russland, aber hatten uns bisher nicht direkt in der anarchistischen Bewegung engagiert. Ich konnte die EnttĂ€uschung und Ungeduld unserer Genoss*innen spĂŒren. Sie waren erpicht darauf, dass wir zumindest die europĂ€ischen und amerikanischen Anarchist*innen darĂŒber informieren sollten, was in Russland vor sich ging, besonders ĂŒber die anhaltende Verfolgung linker revolutionĂ€rer Elemente. Ich konnte die Haltung meiner ukrainischen Freund*innen sehr gut verstehen. Sie hatten in den letzten Jahren viel Leid erfahren: Sie hatten gesehen, wie die großen Hoffnungen der Revolution zerstört wurden und wie Russland unter dem Absatz des bolschewistischen Staates zusammenbrach. Dennoch konnte ich ihren WĂŒnschen nicht nachgeben. Ich hatte noch immer Vertrauen in die Bolschewiki, in ihre revolutionĂ€re Aufrichtigkeit und IntegritĂ€t. Außerdem hatte ich das GefĂŒhl, dass ich keine Kritik ĂŒben könne, solange Russland von außen attackiert werde. Ich wĂŒrde kein Öl in die Flammen der Konterrevolution gießen. Darum musste ich schweigen und an der Seite der Bolschewiki, den organisierten Verteidiger*innen der Revolution, stehen. Aber meine russischen Freund*innen hatten fĂŒr diese Ansicht nur Verachtung ĂŒbrig. Ich wĂŒrde die Kommunistische Partei mit der Revolution verwechseln, sagten sie, aber das sei nicht das Gleiche, im Gegenteil, es seien GegensĂ€tze, sogar Feind*innen. Der kommunistische Staat habe sich den »Nabat«-Anarchist*innen zufolge als tödlich fĂŒr die Revolution herausgestellt.

In den letzten Stunden vor unserer Abreise erhielten wir die vertrauliche Information, dass Machno Alexander Berkman und mich eingeladen hatte, ihn zu besuchen. Er wollte uns seine Situation darlegen und durch uns der weltweiten anarchistischen Bewegung. Er wollte, dass mensch ĂŒberall begreife, dass er nicht der Bandit, der JĂŒd*innenhasser und der KonterrevolutionĂ€r war, als den ihn die Bolschewiki hinstellten. Er war der Revolution hingegeben und er diente den Interessen der Bevölkerung, sowie er sie wahrnahm.

Es war eine große Versuchung, den modernen Stenka Rasin zu treffen, aber wir hatten dem Museum die Treue gelobt und konnten die anderen Mitglieder der Expedition nicht im Stich lassen.

Kapitel 20: Poltawa

Unter der generellen Entwurzelung des Lebens in Russland und dem Zusammenbruch ihrer ökonomischen Maschinerie hatte das Eisenbahnwesen am meisten gelitten. Das Thema wurde bei fast jedem Treffen diskutiert und die sowjetischen Zeitungen schrieben sehr oft darĂŒber. Zwischen Petrograd und Moskau war der tatsĂ€chliche Zustand nicht so bemerkbar, obwohl die Hauptbahnhöfe immer ĂŒberfĂŒllt waren und die Menschen tagelang warteten, bis sie einen Platz ergattern konnten. Trotzdem fuhren die ZĂŒge zwischen Petrograd und Moskau relativ hĂ€ufig. Wenn eine*r das GlĂŒck hatte, die notwendige Reiseerlaubnis und ein Ticket zu beschaffen, konnte eine*r die Reise ohne besondere Gefahr fĂŒr Leib und Leben hinter sich bringen. Aber je weiter mensch in den SĂŒden kam, desto offenkundiger wurde die Desorganisation. Kaputte Waggons sĂ€umten die Landschaft, zerstörte TriebwĂ€gen lagen entlang der Gleise und hĂ€ufig waren die Gleise zerrissen. Überall in der Ukraine waren die Bahnhöfe bis zum Ersticken gefĂŒllt, die Menschen veranstalteten ein wildes Gemenge, jedesmal wenn ein Zug gesichtet wurde. Die meisten von ihnen harrten wochenlang am Bahnhof aus, bevor es ihnen gelang in einen Zug zu kommen. Die Stufen und sogar die DĂ€cher der Waggons waren mit MĂ€nnern und Frauen ĂŒbersĂ€t und mit BĂŒndeln und Koffern beladen. An jedem Bahnhof gab es ein wildes GedrĂ€nge um ein wenig Platz. Soldat*innen trieben die Passagiere von den Stufen und DĂ€chern und hĂ€ufig mussten sie auf ihre Waffen zurĂŒckgreifen. Die Menschen waren so verzweifelt und so entschlossen, einen Platz zu bekommen, in der Hoffnung, etwas Essen zu ergattern, dass es sie nicht zu interessieren schien, ob sie verhaftet wĂŒrden oder dabei ihr Leben aufs Spiel setzten. Infolge dieser Situation kam es zu unzĂ€hligen UnfĂ€llen, zahlreiche Reisende wurden von niedrigen BrĂŒcken in den Tod gefegt. Dieser Anblick war so alltĂ€glich geworden, dass ihm praktisch keinerlei Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Auf unserer Reise in Richtung SĂŒden und auf dem RĂŒckweg wurden wir hĂ€ufig Zeug*innen solcher Szenen. BestĂ€ndig stĂŒrmten die meschotschniki [Menschen mit Koffern] die Waggons auf der Suche nach Essen oder kehrten beladen mit ihrer kostbaren Last aus Mehl und Kartoffeln zurĂŒck.

Tag und Nacht wiederholten sich die gleichen schrecklichen Szenen an jeder Haltestelle. Es wurde zur Folter, in unserem gut ausgestatteten Waggon zu reisen. In ihm reisten nur sechs Personen und es gab beachtlichen Platz fĂŒr mehr, allerdings war es uns verboten, den Platz mit anderen zu teilen. Nicht nur wegen der Ansteckungsgefahr und des Ungeziefers, sondern auch weil die VermögensgegenstĂ€nde des Museums und die gesammelten Materialien sicher verschwunden wĂ€ren, wenn wir Fremden erlaubt hĂ€tten, den Waggon zu betreten. Wir versuchten unsere Gewissen zu beruhigen, indem wir Frauen, Kindern und KrĂŒppeln erlaubten, auf der hinteren Plattform unseres Wagens zu reisen, obwohl auch das den Anweisungen widersprach.

Eine andere Sache, die uns viel Ärger einbrachte, war die Inschrift auf unserem Waggon, die lautete: Außerordentliche Kommission des Museums der Revolution. Unsere Freund*innen beim Museum hatten uns versichert, dass dieser »Titel« uns dabei helfen wĂŒrde, Aufmerksamkeit an den Haltestellen zu erregen und außerdem dafĂŒr sorgen wĂŒrde, dass unser Waggon an die ZĂŒge, die wir benötigten, angehĂ€ngt werden wĂŒrde. Aber schon die ersten Tage hatten gezeigt, dass die Inschrift die Menschen gegen uns aufbrachte. Der Titel »Außerordentliche Kommission« wurde von den Menschen mit der Tscheka in Verbindung gebracht. Von den ersten Worten in Aufregung versetzt, schenkten sie den folgenden keinerlei Beachtung mehr. Schon frĂŒh auf unserer Reise hatten wir die finsteren Blicke, mit denen uns die Menschen an den Haltestellen bedachten, und die Unwilligkeit der Menschen, eine freundliche Unterhaltung mit uns zu beginnen, bemerkt. Schon bald dĂ€mmerte uns, was das Problem war, aber es bedurfte einer beachtlichen Anstrengung, um das MissverstĂ€ndnis aufzuklĂ€ren. Sobald es uns gelungen war, sie*ihn zu beruhigen, öffnete uns der*die einfache Russ*in sein*ihr Herz. Ein freundliches Wort, eine bekĂŒmmerte Nachfrage, eine Zigarette verĂ€nderten seine*ihre Haltung. Besonders, wenn wir versicherten, dass wir keine Kommunist*innen seien und dass wir aus Amerika stammten, waren die Menschen entlang unserer Route besĂ€nftigt und wurden gesprĂ€chiger, ja manchmal sogar vertraulich. Sie waren unkompliziert und schlicht, oft sogar vulgĂ€r. Aber so ungebildet und unentwickelt sie auch waren, war das einfache Volk doch sehr deutlich hinsichtlich seiner BedĂŒrfnisse. Sie waren unverdorben und besessen von einem tiefen Vertrauen in allgemeine Gerechtigkeit und Gleichheit. Oft war ich von diesen bĂ€uerlichen russischen MĂ€nnern und Frauen zu TrĂ€nen gerĂŒhrt, die sich an die Stufen des fahrenden Zuges klammerten, dabei jeden Moment ihr Leben riskierten, und die trotz ihres miserablen Zustands unbeeindruckt und fröhlich blieben. Sie tauschten Geschichten aus ihrem Leben aus oder stimmten gelegentlich eines der melodischen, dĂŒsteren Lieder des SĂŒdens an. An den Haltestellen, wenn der Zug auf ein Triebfahrzeug wartete, versammelten sich die BĂ€uer*innen in Gruppen, bildeten einen großen Kreis; eine*r begann Akkordeon zu spielen und die Umstehenden begleiteten sie*ihn dabei mit ihrem Gesang. Es war seltsam fĂŒr mich, diese hungrigen und zerlumpten BĂ€uer*innen mit schwerem GepĂ€ck auf ihren RĂŒcken herumstehen zu sehen, als hĂ€tten sie ihre Umgebung vollstĂ€ndig vergessen, wenn sie ihre Herzen in Volksliedern ausschĂŒtteten. Ein eigentĂŒmliches Volk, diese Russ*innen, heilig und dĂ€monisch zugleich, die die höchsten und die brutalsten Antriebe zugleich offenbarten, in der Lage zu fast allem außer anhaltender Anstrengung. Ich habe mich oft gefragt, ob dieser Mangel nicht bis zu einem gewissen Grad die Desorganisation des Landes erklĂ€rte und den tragischen Zustand der Revolution.

Wir erreichten Poltawa an einem Morgen. Die Stadt sah im hellen Sonnenlicht munter aus, die Straßen waren von BĂ€umen gesĂ€umt, dazwischen lagen kleine Gartenbeete. Eine große Vielfalt an GemĂŒse wuchs auf diesen Beeten und es war wohltuend zu sehen, dass diese nicht umzĂ€unt waren und das GemĂŒse dennoch sicher war, was in Petrograd oder Moskau sicher nicht der Fall gewesen wĂ€re. Offensichtlich gab es in dieser Stadt nicht so viel Hunger wie im Norden.

Zusammen mit der SekretĂ€rin der Expedition besuchte ich den Hauptsitz der Regierung. Statt des ĂŒblichen Ispolkom [Exekutivkomitee der Sowjets] wurde Poltawa von einem revolutionĂ€ren Komitee namens Revkom regiert. Das war ein Zeichen dafĂŒr, dass die Bolschewiki bisher nicht die Zeit gehabt hatten, in der Stadt einen Rat zu grĂŒnden. Uns gelang es, den Vorsitzenden der Revkom fĂŒr den Grund unserer Reise zu interessieren und er versprach uns zu unterstĂŒtzen und einen Befehl an die verschiedenen Behörden zu erlassen, dass sie Material fĂŒr uns sammeln und vorbereiten sollen. Dass wir so freundlich empfangen wurden, versprach einen guten Ertrag.

Im Amt fĂŒr die FĂŒrsorge von MĂŒttern und Kindern traf ich zwei interessante Frauen – eine war die Tochter des großen russischen Schriftstellers Korolenko, die andere die ehemalige Vorsitzende der Save-the-Children-Gesellschaft. Als sie vom Grund meiner Anwesenheit in Poltawa erfuhren, boten mir die Frauen ihre Hilfe an und luden mich ein, ihre Schule und das nahegelegene Zuhause von Korolenko zu besuchen.

Die Schule befand sich in einem kleinen GebĂ€ude, das weit zurĂŒckversetzt in einem wunderschönen Garten lag und von der Straße kaum zu sehen war. Im Empfangszimmer befand sich eine große Sammlung an Puppen jeder Art. Es gab stattliche ukrainische MĂ€dels, die in farbenfrohen Kleidern und Kopfschmuck mit ihren wunderschönen Schwestern vom Kaukasus konkurrierten; Schneidige Kosaken aus dem Don sahen stolz auf ihre weniger anmutigen BrĂŒder von der Wolga herab. Es gab Puppen jeder Art, die die lokalen Trachten beinahe jedes Teils von Russland trugen. Die Sammlung enthielt auch verschiedene Spielzeuge, Handarbeiten aus den Dörfern und wunderschöne Modelle der kustarny-Manufaktur, die Gruppen von Kindern in russischer und sibirischer BĂ€uer*innentracht abbildeten.

Die Damen am Empfang erzĂ€hlten die Geschichte der Save-the-Children-Gesellschaft. Die seit einigen Jahren bestehende Organisation hatte bis zur Februarrevolution nur einen sehr beschrĂ€nkten TĂ€tigkeitsbereich. Dann traten der Gesellschaft neue Mitglieder, hauptsĂ€chlich RevolutionĂ€r*innen, bei. Sie strebten danach, die Arbeit der Gesellschaft zu erweitern und nicht nur fĂŒr das physische Wohlergehen der Kinder zu sorgen, sondern sie auch zu bilden, sie zu lehren, die Arbeit zu lieben und ihnen WertschĂ€tzung fĂŒr Schönheit zu vermitteln. Spielzeuge und Puppen, die vor allem aus MĂŒll gemacht waren, wurden ausgestellt und die Einnahmen fĂŒr die BedĂŒrfnisse der Kinder ausgegeben.

Nach der Oktoberrevolution, als die Bolschewiki Poltawa in Besitz genommen hatten, wurde die Gesellschaft wiederholt durchsucht und einige der Unterrichtenden wurden aufgrund des Verdachts verhaftet, dass die Institution ein Nest von KonterrevolutionĂ€r*innen sei. Die kleine Gruppe, die ĂŒbrig blieb, setzte ihr Engagement zum Wohl der Kinder, wenngleich auch nur mĂŒhsam, fort. Sie hatten erfolgreich eine Delegation zu Lunatscharski entsandt, die um Erlaubnis bat, ihre Arbeit fortsetzen zu dĂŒrfen. Lunatscharski war verstĂ€ndnisvoll, unterschrieb die erforderlichen Papiere und versah sie sogar mit einem Schreiben an die lokalen AutoritĂ€ten, das die Wichtigkeit ihrer Arbeit unterstrich.

Aber die Gesellschaft war weiterhin Schikanen und Diskriminierungen ausgesetzt. Um zu verhindern, dass ihnen Sabotage vorgeworfen wurde, entboten die Frauen ihre Dienste dem Amt fĂŒr Bildung in Poltawa. Dort arbeiteten sie von neun Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags und widmeten ihre Freizeit ihrer Schule. Aber die Feindschaft der kommunistischen AutoritĂ€ten wurde dadurch nicht beschwichtigt: Die Gesellschaft blieb in Ungnade.

Die Frauen betonten, dass die sowjetische Regierung vorgab fĂŒr Selbstbestimmung zu stehen, auf der anderen Seite jedoch jede unabhĂ€ngige BemĂŒhung diskreditierte und jede Initiative blockierte, wenn nicht sogar vollstĂ€ndig unterdrĂŒckte. Nicht einmal den ukrainischen Kommunist*innen wĂŒrde Selbstbestimmung zugestanden werden. Die Mehrheit der Amtsleiter*innen seien Beauftragte aus Moskau und die Ukraine sei praktisch der Möglichkeit fĂŒr unabhĂ€ngige Handlungen beraubt. Zwischen der Kommunistischen Partei der Ukraine und den zentralen AutoritĂ€ten in Moskau werde eine erbitterte Auseinandersetzung gefĂŒhrt. Die Politik letzterer sei es, alles zu kontrollieren.

Die Frauen hatten sich dem Anliegen der Kinder verschrieben und waren bereit, MissverstĂ€ndnisse und sogar Verfolgung fĂŒr ihr Interesse am Wohlergehen ihrer Zöglinge in Kauf zu nehmen. Beide hatten VerstĂ€ndnis und Sympathie fĂŒr die Revolution, auch wenn sie die terroristischen Methoden der Bolschewiki nicht gutheißen konnten. Sie waren intelligente und kultivierte Menschen und ich empfand ihr Heim als Oase in der WĂŒste des kommunistischen Denkens und Empfindens. Bevor ich die Damen verließ, ĂŒberreichten sie mir eine Sammlung an Werken der Kinder und einige exquisite GemĂ€lde von Miss Korolenko und baten mich, diese Dinge als Proben ihrer Arbeit nach Amerika zu senden. Sie wollten, dass die Menschen in Amerika von ihrer Gesellschaft und ihren BemĂŒhungen erfuhren.

Anschließend hatte ich die Gelegenheit, Korolenko zu treffen, der von einer kĂŒrzlichen Krankheit noch sehr geschwĂ€cht war. Er sah aus wie ein Patriarch, altehrwĂŒrdig und gĂŒtig, er erwĂ€rmte einer*einem das Herz mit seiner melodischen Stimme und seinen feinen GesichtszĂŒgen, die sich erhellten, wenn er von den Menschen sprach,. Er sprach liebevoll von Amerika und seinen Freund*innen dort. Aber wenn er von der großen Tragödie Russlands und den Leiden der Menschen sprach, erlosch das Licht in seinen Augen und seine Stimme bebte vor Kummer.

»Du willst meine Sicht auf die derzeitige Situation und meine Einstellung gegenĂŒber den Bolschewiki hören?«, fragte er. »Das wĂŒrde zu lange dauern, dir das darzulegen. Ich schreibe gerade Lunatscharski eine Reihe von Briefen, um die er mich gebeten hat und die er versprochen hat, zu veröffentlichen. Diese Briefe behandeln diese Fragen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass sie gedruckt werden, aber ich werde dir eine Kopie der Briefe fĂŒr das Museum schicken, sobald sie vollendet sind. Es werden sechs Briefe werden. Ich kann dir zwei bereits jetzt geben. In einer Passage in einem dieser Briefe ist meine Meinung kurz zusammengefasst. Dort schrieb ich, dass, wenn die Gendarmen des Zaren die Macht gehabt hĂ€tten, uns nicht nur zu verhaften, sondern auch zu erschießen, die damalige Situation wie die heutige gewesen wĂ€re. Das ist, was jeden Tag vor meinen Augen geschieht. Die Bolschewiki behaupten, dass diese Methoden untrennbar mit der Revolution verbunden sind. Aber ich kann darin nicht mit ihnen ĂŒbereinkommen, dass Verfolgung und permanente Erschießungen den Interessen des Volkes oder der Revolution dienen. Es war immer meine Vorstellung, dass die Revolution den höchsten Ausdruck von Menschlichkeit und Gerechtigkeit bedeutet. In Russland fehlt bis heute beides. Zu einer Zeit, in der die ganze AusdrucksfĂ€higkeit und Kooperation aller intellektuellen und geistigen KrĂ€fte notwendig gewesen wĂ€ren, um das Land wieder aufzubauen, ist das gesamte Volk mundtot gemacht worden. Sich zu erdreisten, die Weisheit und Effizienz der sogenannten Diktatur des Proletariats der kommunistischen ParteifĂŒhrer*innen in Frage zu stellen, wird als Verbrechen betrachtet. Uns fehlen die einfachsten Erfordernisse fĂŒr das wirkliche Wesen einer sozialen Revolution und dennoch tun wir so, als hĂ€tten wir uns selbst an die Spitze einer Weltrevolution gesetzt. Das arme Russland wird fĂŒr dieses Experiment teuer bezahlen mĂŒssen. Es wird möglicherweise sogar fundamentale VerĂ€nderungen in anderen LĂ€ndern verzögern. Die Bourgeoisie wird in der Lage sein, die eigenen reaktionĂ€ren Methoden zu verteidigen, indem sie auf das, was in Russland passiert ist, verweist.«

Mit schwerem Herzen verließ ich den berĂŒhmten Schriftsteller, einen der letzten großen Literaten, die das Bewusstsein und die geistige Stimme des intellektuellen Russlands gewesen waren. Auch er Ă€ußerte die Klage des Teils der russischen Intelligenzija, deren Sympathien vollstĂ€ndig bei den Menschen lagen und deren Leben und Arbeit nur von der Liebe zu ihrem Land und ihrem Interesse nach dessen Wohlergehen inspiriert waren.

Am Abend besuchte ich eine Verwandte von Korolenko, eine sehr sympathische alte Dame, die Vorsitzende des Poltawaer Politischen Roten Kreuzes war. Sie erzĂ€hlte mir viel ĂŒber die Dinge, die zu erwĂ€hnen Korolenko selbst zu bescheiden gewesen war. Obwohl er alt und schwach war, verbrachte er die meiste Zeit bei der Tscheka und versuchte, denen das Leben zu retten, die unschuldig zum Tode verurteilt worden waren. Er schrieb regelmĂ€ĂŸig Bittschreiben an Lenin, Gorki und Lunatscharski, in denen er sie darum bat zu intervenieren, um sinnlose Exekutionen zu verhindern. Der aktuelle Vorsitzende der Tscheka in Poltawa war ein unbarmherziger und grausamer Mann. Seine einzige Lösung fĂŒr komplizierte Probleme waren Erschießungen. Die Dame lĂ€chelte traurig, als ich ihr erzĂ€hlte, dass der Mann sehr freundlich zu den Mitgliedern unserer Expedition gewesen war. »Das war alles Show«, sagte sie, »wir kennen ihn besser. Wir haben tĂ€glich Gelegenheit dazu, seine LiebenswĂŒrdigkeit von diesem Balkon herab zu betrachten. Hier kommen die Opfer vorbei, die zur Schlachtbank gefĂŒhrt werden.«

Poltawa ist als Produktionszentrum fĂŒr bĂ€uerliche Kunsthandwerke bekannt. Wunderschöne Leinen, Stickereien, SchnĂŒrbĂ€nder und Flechtwerke gehörten zu den Produkten der Industrie der Provinz. Ich besuchte das Amt fĂŒr Sozialwirtschaft, das sovnarkhoz, wo mir gesagt wurde, dass diese Branchen praktisch ausgesetzt seien. Nur eine kleine Sammlung blieb in dem Amt ĂŒbrig. »Einst haben wir die ganze Welt, sogar Amerika, mit unserer kustarny Arbeit beliefert«, sagte die verantwortliche Frau, die frĂŒher Vorsitzende des Zemstvo gewesen war, das besonders stolz darauf gewesen war, diese bĂ€uerlichen BemĂŒhungen zu fördern. »Unsere NĂ€harbeiten waren ĂŒberall im Land bekannt, eine der feinsten Arten von Kunst, aber nun ist alles zerstört worden. Die BĂ€uer*innen haben ihren kĂŒnstlerischen Antrieb verloren, sie sind verroht und verdorben worden.« Sie beklagte den Verlust der bĂ€uerlichen Kunst wie eine Mutter den Verlust ihres Kindes.

WĂ€hrend unseres Aufenthalts in Poltawa kamen wir mit ReprĂ€sentant*innen anderer sozialer Elemente in Kontakt. Die Reaktion der Zionist*innen gegenĂŒber dem bolschewistischen Regime war besonders interessant. ZunĂ€chst weigerten sie sich mit uns zu sprechen, offensichtlich aufgrund vorheriger Erfahrungen vorsichtig geworden. Auch die Anwesenheit unserer SekretĂ€rin, eine Nicht-JĂŒdin, weckte ihr Misstrauen. Ich verabredete mich mit einigen der Zionist*innen alleine und allmĂ€hlich schöpften sie mehr Vertrauen. In Moskau hatte ich, im Zusammenhang mit der Verhaftung der Zionist*innen dort, erfahren, dass die Bolschewiki dazu neigten, sie als konterrevolutionĂ€r zu betrachten. Aber die Zionist*innen in Poltawa waren sehr einfache, orthodoxe JĂŒd*innen, von denen mit Sicherheit keine*r den Eindruck gewinnen könne, sie seien Konspirator*innen oder aktive Feind*innen. Sie waren passiv, obwohl sie vom bolschewistischen Regime verbittert waren. Es werde behauptet, dass die Bolschewiki keine Pogrome machen und JĂŒd*innen nicht verfolgen wĂŒrden, sagten sie, aber das sei nur in gewisser Hinsicht wahr. Es gĂ€be zwei Arten von Pogromen: Die lauten, gewalttĂ€tigen und die stillen. Von den beiden bevorzugten die Zionist*innen erstere. Das gewalttĂ€tige Pogrom konnte einen Tag oder eine Woche dauern, die JĂŒd*innen wĂŒrden angegriffen und ausgeraubt, manchmal sogar ermordet, und dann sei es vorbei. Aber die stillen Pogrome dauerten die ganze Zeit an. Sie bestanden aus stĂ€ndigen Diskriminierungen, Verfolgungen und Hetzjagden. Die Bolschewiki hatten die jĂŒdischen KrankenhĂ€user geschlossen und nun waren kranke JĂŒd*innen gezwungen treife in den nichtjĂŒdischen KrankenhĂ€usern zu essen. Das gleiche galt fĂŒr die jĂŒdischen Kinder in den bolschewistischen VerköstigungshĂ€usern. Wenn ein*e JĂŒd*in und ein*e NichtjĂŒd*in fĂŒr den gleichen Vorwurf verhaftet wurden, konnte mensch sicher sein, dass der*die NichtjĂŒd*in freigelassen wurde, wĂ€hrend der*die JĂŒd*in ins GefĂ€ngnis kam oder manchmal sogar erschossen wurde. Sie waren die ganze Zeit Beschimpfungen und DemĂŒtigungen ausgesetzt, ganz zu schweigen davon, dass sie zu einem langsamen Hungertod verdammt waren, da jeder Handel unterdrĂŒckt worden war. Die JĂŒd*innen in der Ukraine litten unter einem bestĂ€ndigen stillen Pogrom.

Ich hatte das GefĂŒhl, dass die Kritik der Zionist*innen am bolschewistischen Regime von einer engstirnigen, religiösen und nationalistischen Einstellung geprĂ€gt war. Sie waren orthodoxe JĂŒd*innen, vorrangig Handelsleute, die die Revolution ihres BetĂ€tigungsfeldes beraubt hatte. Nichtsdestotrotz war ihr Problem real – das Problem, dass die JĂŒd*innen in der AtmosphĂ€re des aktiven Antisemitismus erstickten. In Poltawa waren die fĂŒhrenden kommunistischen und bolschewistischen Beamt*innen NichtjĂŒd*innen. Ihre Missgunst gegenĂŒber den JĂŒd*innen Ă€ußerten sie freimĂŒtig und offen. Antisemitismus war ĂŒberall in der Ukraine heftiger als sogar in den prĂ€revolutionĂ€ren Tagen.

Nachdem wir Poltawa verlassen hatten, setzten wir unsere Reise in Richtung SĂŒden fort, aber aufgrund von fehlenden Zugfahrzeugen kamen wir nicht weiter als bis nach Fastiw. Diese einst wohlhabende Stadt war nun verarmt und auf weniger als ein Drittel ihrer frĂŒheren Bevölkerung geschrumpft. Beinahe alle AktivitĂ€ten waren zum Erliegen gekommen. Wir fanden den Marktplatz im Zentrum der Stadt als völlig unbedeutend vor; er bestand aus wenigen StĂ€nden, an denen es kleine Mengen an Weizenmehl, Zucker und Butter gab. Es waren mehr Frauen als MĂ€nner da und ich war besonders von dem seltsamen Ausdruck in ihren Augen betroffen. Sie sahen einer*einem nicht vollstĂ€ndig in die Augen, sie starrten durch eine*n hindurch, mit einem dĂŒmmlichen, gehetzten, animalischen Ausdruck. Wir erzĂ€hlten den Frauen, dass wir gehört hatten, dass viele schreckliche Pogrome in Fastiw stattgefunden hatten und dass wir nach Informationen dazu suchten, um sie nach Amerika zu senden und die Menschen dort ĂŒber den Zustand der JĂŒd*innen in der Ukraine aufzuklĂ€ren. Als sich die Nachricht unserer Anwesenheit verbreitete, umgaben uns viele Frauen und Kinder, alle Ă€ußerst aufgeregt und jede versuchte uns ihre Geschichte des Horrors von Fastiw zu erzĂ€hlen. Furchtbare Pogrome hĂ€tten in der Stadt stattgefunden, erzĂ€hlten sie uns, das schlimmste von allen war das von Denikin im September 1919. Es dauerte acht Tage lang, 4.000 Personen wurden getötet, mehrere tausend starben an ihren Wunden und an dem Schock. Siebentausend starben vor Hunger oder Anstrengung auf den Straßen nach Kiew, als sie versuchten, dem Toben Denikins zu entkommen. Der grĂ¶ĂŸte Teil der Stadt war zerstört oder niedergebrannt worden, viele der Ă€lteren JĂŒd*innen waren in die Synagoge eingeschlossen und dort ermordet worden, wĂ€hrend andere auf öffentliche PlĂ€tze getrieben und dort niedergemetzelt wurden. Es gab keine Frau, weder jung noch alt, die nicht geschĂ€ndet worden war, die meisten von ihnen vor den Augen ihrer VĂ€ter, EhemĂ€nner und BrĂŒder. Die jungen MĂ€dchen, einige von ihnen noch Kinder, mussten wiederholte Vergewaltigungen von den Soldaten Denikins ertragen. Ich verstand den grauenvollen Blick in den Augen der Frauen von Fastiw.

MĂ€nner und Frauen belagerten uns mit Bitten, ihre Angehörigen in Amerika ĂŒber ihre miserable Situation zu unterrichten. Beinahe jede*r schien Verwandschaft in diesem Land zu haben. Sie strömten abends in unseren Waggon und brachten Unmengen an Briefen, die in die Staaten weitergeleitet werden sollten. Einige der Briefe trugen keine Adressen, das einfache Volk dachte, der Name wĂ€re ausreichend. Andere hatten von ihren amerikanischen Verwandten wĂ€hrend der Kriegsjahre und der Revolution nichts gehört, aber hofften dennoch, dass sie irgendwo auf der anderen Seite des Ozeans gefunden werden wĂŒrden. Es war bewegend, das tiefe Vertrauen der Menschen zu sehen, dass ihre Angehörigen in Amerika sie retten wĂŒrden.

Jeden Abend fĂŒllte sich unser Waggon mit den UnglĂŒckseligen von Fastiw. Unter ihnen war ein besonders interessanter Besucher, ein ehemaliger Staatsanwalt, der wiederholt den Verursacher*innen der Pogrome getrotzt und vielen JĂŒd*innen das Leben gerettet hatte. Er hatte Tagebuch ĂŒber die Pogrome gefĂŒhrt und wir verbrachten einen ganzen Abend damit, seinem Manuskript zu lauschen. Es war ein einfacher Vortrag von Fakten und Daten, schrecklich durch seine ungeschmĂŒckte ObjektivitĂ€t. Es war der Schrei der Seele eines Volkes, das kontinuierlich geschĂ€ndet und gefoltert wurde und in tĂ€glicher Angst vor neuen DemĂŒtigungen und Gewalttaten lebte. Es gab nur einen Lichtblick in dem schrecklichen Bild: Unter den Bolschewiki hatten keine Pogrome stattgefunden. Die Dankbarkeit der Fastiwer JĂŒd*innen darĂŒber war mitleiderregend. Sie klammerten sich an die Kommunist*innen wie an einen rettenden Strohhalm. Es war aufmunternd daran zu denken, dass das bolschewistische Regime wenigstens frei vom schlimmsten aller russischen FlĂŒche war, von Pogromen gegen die JĂŒd*innen.

Kapitel 21: Kiew

Aufgrund zahlreicher Schwierigkeiten und VerspĂ€tungen dauerte die Reise von Fastiw nach Kiew sechs Tage und war ein anhaltender Albtraum. An jeder Haltestelle blockierten unzĂ€hlige GĂŒterwaggons die Gleise. Allerdings waren diese nicht mit Lebensmitteln beladen, um die verhungernden StĂ€dte zu ernĂ€hren, sondern sie waren vollgestopft mit menschlicher Fracht, von denen ein großer Teil Kranke waren. Entlang der ganzen Strecke waren die WartesĂ€le und Bahnsteige voller ungepflegter und schmutziger Menschenmassen. Noch entsetzlicher war der Anblick bei Nacht. Überall waren verzweifelte Menschen, die schrien und darum kĂ€mpften, einen Halt auf dem Zug zu finden. Sie erinnerten an die Verdammten aus Dantes Inferno, wie sie mit ihren aschgrauen Gesichtern im trĂŒben Licht standen und verzweifelt um einen Platz kĂ€mpften. Hin und wieder hörte mensch einen gequĂ€lten Schrei durch die Dunkelheit der Nacht hallen und der bereits fahrende Zug stoppte dann: Jemensch war unter den RĂ€dern des Zuges zu Tode gekommen.

Es war eine Erleichterung in Kiew anzukommen. Wir hatten erwartet, die Stadt in TrĂŒmmern vorzufinden, aber wir wurden angenehm ĂŒberrascht. Als wir Petrograd verließen, berichtete die sowjetische Presse in mehreren Artikeln ĂŒber Zerstörungen, die die Pol*innen begangen hĂ€tten, bevor sie Kiew rĂ€umten. Sie hĂ€tten beinahe die berĂŒhmte alte Kathedrale in der Stadt vernichtet, schrieben die Zeitungen, die Wasser- und ElektrizitĂ€tswerke zerstört und in verschiedenen Teilen der Stadt Feuer gelegt. Tschitscherin und Lunatscharski appellierten leidenschaftlich an die kultivierten Menschen der Welt, um gegen eine solche Barbarei zu protestieren. Das Verbrechen der Pol*innen gegen die Kunst verglichen sie mit dem der Deutschen in Reims, deren gefeierte Kathedrale von der preußischen Artillerie beschĂ€digt worden war. Wir waren daher sehr ĂŒberrascht darĂŒber, Kiew sogar in besserem Zustand als Petrograd vorzufinden. TatsĂ€chlich hatte die Stadt kaum gelitten, wenn mensch die zahlreichen Regierungswechsel und die sie begleitenden militĂ€rischen Auseinandersetzungen bedachte. In den Außenbezirken der Stadt waren ein paar BrĂŒcken und Gleise gesprengt worden, aber Kiew selbst war so gut wie unbeschĂ€digt. Die Menschen sahen uns verblĂŒfft an, als wir sie zum Zustand der Kathedrale befragten: Sie hatten die Berichterstattung aus Moskau nicht mitbekommen.

Anders als unser Empfang in Charkiw und Poltawa stellte sich Kiew als EnttĂ€uschung heraus. Der*die SekretĂ€r*in der Ispolkom war nicht sonderlich freundlich und schien von Sinowjews Unterschrift auf unseren Papieren recht unbeeindruckt. Unserer SekretĂ€rin gelang es, den Vorsitzenden des Exekutivkomitees anzutreffen, aber sie kehrte entmutigt zurĂŒck: Dieser hohe Beamte war zu ungeduldig gewesen, ihren AusfĂŒhrungen zuzuhören. Er sei beschĂ€ftigt und wolle nicht belĂ€stigt werden, hatte er gesagt. Wir beschlossen, dass ich als Amerikanerin mein GlĂŒck versuchen solle, mit dem Ergebnis, dass der Vorsitzende schließlich einwilligte, uns Zugang zu dem verfĂŒgbaren Material zu gewĂ€hren. Es war ein trauriges Beispiel fĂŒr die Ironie des Lebens. Amerika war mit dem weltweiten Imperialismus verbĂŒndet, der danach trachtete, Russland auszuhungern und zu zerstören. Dennoch war es ausreichend zu erwĂ€hnen, dass mensch aus Amerika komme, um Zugang zu allem in Russland zu erlangen. Es war erbĂ€rmlich und ziemlich geschmacklos, von diesem Instrument Gebrauch zu machen.

In Kiew war die Feinschaft gegenĂŒber dem Kommunismus groß, sogar die lokalen Bolschewist*innen waren gegenĂŒber Moskau verbittert. Es stand außer Frage mit irgendeiner*m, die*der aus »dem Zentrum« kam, zu kooperieren, außer sie*er war mit der Staatsmacht bewaffnet. Die Regierungsangestellten in sowjetischen Institutionen interessierten sich ausschließlich dafĂŒr, ihre Rationen zu sichern. Die GleichgĂŒltigkeit und Inkompetenz in der BĂŒrokratie der Ukraine war sogar noch schlimmer als in Moskau und sie wurde durch nationalistische Ressentiments gegen »die Russ*innen« noch vergrĂ¶ĂŸert. Das traf auch auf Charkiw und Poltawa zu, allerdings zu einem geringeren Grad. Hier war alleine schon die AtmosphĂ€re mit Misstrauen und Hass auf alles aus Moskau erfĂŒllt. Der Schwindel, den der Vorsitzende des Amts fĂŒr Bildung von Charkiw mit uns getrieben hatte, war beispielhaft fĂŒr die Ressentiments, die beinahe jede*r ukrainische*r Beamtin*er gegenĂŒber Moskau hegte. Der Vorsitzende war durch und durch Ukrainer, aber er konnte den von Sinowjew und Lunatscharski unterschriebenen Berechtigungsbrief nicht offen ignorieren. Er versprach also unsere BemĂŒhungen zu unterstĂŒtzen, aber ihm gefiel die Vorstellung nicht, dass Petrograd das historische Material der Ukraine »an sich riss«. In Kiew versuchte mensch nicht einmal, die Feindschaft gegenĂŒber Moskau zu verbergen. Mensch bekam sie ĂŒberall zu spĂŒren. Aber in dem Moment, in dem das magische Wort »Amerika« ausgesprochen wurde und die Menschen verstanden, dass eine*r kein*e Kommunist*in war, weckte das ihr Interesse und sie wurden höflich, ja sogar vertraulich. Auch die ukrainischen Kommunist*innen waren da keine Ausnahme.

Die Informationen und Dokumente, die wir in Kiew sammelten, waren von der gleichen Art wie die Daten, die wir in den vorherigen StĂ€dten gesammelt hatten. Das Bildungssystem, die FĂŒrsorge fĂŒr die Kranken, die Verteilung der Arbeit und so weiter waren Ă€hnlich dem generellen bolschewistischen System. »Wir halten uns an den Moskauer Plan«, sagte ein*e ukrainische*r Lehrer*in, »mit dem einzigen Unterschied, dass in unseren Schulen neben Russisch auch die ukrainische Sprache gelehrt wird.« Die Menschen und besonders die Kinder wirkten besser genĂ€hrt und gekleidet als die in Russland: Es gab vergleichsweise mehr zu Essen und es war billiger. Wie auch in Petrograd und Moskau gab es Schauschulen und offensichtlich bemerkte keine*r den zersetzenden Einfluss einer solchen Diskriminierung, weder bei den Lehrer*innen noch den SchĂŒler*innen. Letztere sahen mit Neid zu den SchĂŒler*innen der bevorzugten Schulen auf und waren der Meinung, dass diese nur fĂŒr die Kinder von Kommunist*innen seien, was tatsĂ€chlich nicht der Fall war. Die Lehrer*innen auf der anderen Seite wussten, wie wenig Aufmerksamkeit den gewöhnlichen Schulen geschenkt wurde und waren daher nachlĂ€ssig mit ihrem Unterricht. Alle bemĂŒhten sich darum, einen Platz an den Schauschulen zu bekommen, in denen es Sonderrationen und abwechslungsreicheres Essen gab.

Der Vorsitzende des Amtes fĂŒr Gesundheit war ein aufgeweckter und kompetenter Mann, einer der wenigen Beamt*innen in Kiew, der Interesse fĂŒr unsere Expedition und unsere Arbeit zeigte. Er verbrachte viel Zeit damit, uns die Arbeitsweise seiner Organisation zu erklĂ€ren und uns interessante Orte, die wir besuchen sollten, und Materialien, die wir sammeln könnten, zu empfehlen. Er lenkte unsere Aufmerksamkeit besonders auf die jĂŒdische Klinik fĂŒr verkrĂŒppelte Kinder.

ZustĂ€ndig fĂŒr letztere war ein kultivierter und charmanter Mann, Dr. N. Er leitete die Klinik seit zwanzig Jahren und fĂŒhrte uns gerne und mit Stolz herum und erzĂ€hlte uns die Geschichte des Instituts.

Die Klinik war frĂŒher eine der berĂŒhmtesten in ganz Russland gewesen, der Stolz der lokalen JĂŒd*innen, die sie aufgebaut und betrieben hatten. Aber wĂ€hrend der letzten Jahre war die Wirksamkeit der Klinik durch die hĂ€ufigen Regierungswechsel beschnitten worden. Sie fiel Verfolgungen und wiederholten Pogromen zum Opfer. Schwerkranke jĂŒdische Patient*innen wurden oft aus ihren Betten geworfen, um den Freund*innen dieses oder jenes Regimes Platz zu machen. Die Offiziere der Armee Denikins waren am brutalsten. Sie trieben die jĂŒdischen Patient*innen auf die Straße, erniedrigten und missbrauchten sie und hĂ€tten sie getötet, wenn das Klinikpersonal nicht dazwischengegangen wĂ€re, das die Kranken trotz der Gefahr fĂŒr ihre eigenen Leben beschĂŒtzte. Nur die Tatsache, dass die meisten Angestellten NichtjĂŒd*innen waren, rettete die Klinik und ihre Patient*innen. Aber der Schock fĂŒhrte bei vielen zum Tod und viele Patient*innen erlitten ein Trauma [shattered nerves].

Der Arzt erzĂ€hlte mir auch die Geschichte einiger Patient*innen, von denen die meisten Opfer der Pogrome in Fastiw waren. Unter ihnen waren Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren, die schwach und ausgehungert aussahen und in deren Gesichtern sich die Angst eingebrannt hatte. Sie hatten all ihre Verwandten verloren, in einigen FĂ€llen war ihre gesamte Familie vor ihren Augen getötet worden. Diese Kinder lĂ€gen nachts oft wach, sagte der Arzt, aus Angst vor ihren schrecklichen TrĂ€umen. Mensch hatte alles nur Erdenkliche versucht, aber bisher war es nicht gelungen, die unglĂŒcklichen Kinder von der Erinnerung an ihre furchtbaren Erlebnisse in Fastiw zu befreien. Der Arzt zeigte mir eine Gruppe junger MĂ€dchen im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren, die von Denikins Pogrom am schlimmsten getroffen worden waren. Alle von ihnen waren wiederholt vergewaltigt worden und waren in verstĂŒmmeltem Zustand, als sie in die Klinik kamen; es wĂŒrde Jahre dauern, ihre Gesundheit wiederherzustellen. Der Arzt betonte die Tatsache, dass es unter der Herrschaft der Bolschewiki keine Pogrome gegeben hatte. FĂŒr ihn und sein Personal war es eine große Erleichterung zu wissen, dass seine Patient*innen nicht lĂ€nger in solcher Gefahr waren. Aber die Klinik hatte andere Schwierigkeiten. Es gab stĂ€ndige Einmischung durch politische Kommissar*innen und den tĂ€glichen Kampf um Versorgung. »Ich verbringe meine meiste Zeit in verschiedenen Ämtern«, sagte er, »anstatt mich meinen Patient*innen zu widmen. Ignorante Beamt*innen haben die Macht ĂŒber den medizinischen Beruf und belĂ€stigen die Ärzt*innen bestĂ€ndig in ihrer Arbeit.« Der Arzt war selbst wiederholt wegen Sabotage verhaftet worden, weil er nicht in der Lage gewesen war, den zahlreichen Dekreten und Befehlen, die sich hĂ€ufig gegenseitig widersprachen, Folge zu leisten. Das war das Ergebnis eines Systems, in dem politischem Nutzen der Vorzug vor fachlicher Leistung gegeben wurde. Es kam hĂ€ufig vor, dass ein*e erstklassige*r Ärzt*in mit großer Reputation und langjĂ€hriger Erfahrung an einen weit entfernten Ort versetzt wurde, um seine*ihre Stelle fĂŒr eine*n kommunistische*n Ärzt*in freizumachen. Unter solchen Bedingungen wurden alle BemĂŒhungen erstickt. Außerdem hatten die generellen VerdĂ€chtigungen gegenĂŒber der Intelligenzija einen demoralisierenden Effekt. Es stimmte, dass viele dieser Klasse Sabotage geleistet hatten, aber es gab auch diejenigen, die heroische und selbstaufopfernde Arbeit geleistet hatten. Die Bolschewiki weckten mit ihrer undifferenzierten Feindschaft gegenĂŒber der Intelligenzija als Klasse Vorurteile und Zorn, die die treibenden KrĂ€fte des kulturellen Lebens des Landes vergiftete. Die russische Intelligenzija hatte mit ihrem eigenen Blut den Boden der Revolution gedĂŒngt, und nun war es ihr verwehrt, die FrĂŒchte ihres langen Kampfes zu ernten. »Ein tragisches Schicksal«. bemerkte der Arzt, »wenn es einer*einem nicht gelingt, das ĂŒber die eigene Arbeit zu vergessen, ist einer*einem das Dasein unertrĂ€glich.«

Die Institution fĂŒr verkrĂŒppelte Kinder stellte sich als eine sehr modellhafte und moderne Klinik heraus, die im Herzen eines großen Parks gelegen war. Sie war den beschĂ€digten Kreaturen mit verrenkten Gliedmaßen und defomierten Körpern gewidmet, den Opfern des Großen Krieges, von Krankheiten und Hunger. Die Kinder sahen gealtert und verwelkt aus, wie Father Time waren sie alt geboren worden. Sie lagen in Reihen in sauberen weißen Betten und wurden von der warmen Sonne des ukrainischen Sommers gebraten. Der leitende Arzt, der uns durch das Institut fĂŒhrte, schien von seinen Zöglingen heißgeliebt zu werden. Sie waren begierig und erfreut ihn zu sehen, wenn er sich jedem der hilflosen Kinder nĂ€herte und sich liebevoll ĂŒber sie beugte, um sich nach ihrer Gesundheit zu erkundigen. Die Klinik existierte bereits seit vielen Jahren und war die erste ihrer Art in Russland. Die Ausstattung fĂŒr die Behandlung geschĂ€digter und verkrĂŒppelter Kinder gehörte zu den modernsten. »Seit dem Krieg und der Revolution haben wir das GefĂŒhl, dass wir hinter die aktuellen Entwicklungen zurĂŒckfallen«, sagte der Arzt, »wir sind schon so viele Jahre von der zivilisierten Welt abgeschnitten. Aber trotz der verschiedenen Regierungswechsel haben wir danach gestrebt unsere hohen Standards beizubehalten und den unglĂŒcklichen Opfern von Konflikten und Krankheiten zu helfen.« Die Versorgung der Institution wurde durch die Regierung bewilligt und die KrankenhĂ€user unterlagen keiner Einmischung, obwohl, wie mir der Arzt andeutete, er von den Bolschewiki wegen seiner politischen NeutralitĂ€t als konterrevolutionĂ€r angesehen wurde.

In der Klinik war eine große Zahl an Kindern untergebracht; einige von ihnen, die laufen konnten, studierten Musik und Kunst, und wir hatten die Gelegenheit einem informellen Konzert beizuwohnen, das die Kinder und ihre Lehrer*innen zu unseren Ehren veranstalteten. Einige von ihnen spielten die balalaika auf kunstvollste Art und Weise und es war tröstend zu sehen, wie diese beschĂ€digten Kinder Zerstreuung in den Rhythmen der Volkslieder der Ukraine fanden.

Schon zu Beginn unseres Aufenthalts in Kiew stellten wir fest, dass die wertvollsten Materialien fĂŒr das Museum nicht in den sowjetischen Institutionen zu finden waren, sondern dass sie im Besitz anderer politischer Gruppen und Privatpersonen waren. Die besten statistischen Daten zu Pogromen beispielsweise besaß ein ehemaliger Minister des Rada-Regimes der Ukraine. Ich konnte den Mann aufspĂŒren und meine Überraschung war groß, als er mir, nachdem er erkannt hatte, mit wem er es zu tun hatte, zahlreiche Ausgaben des Mother Earth-Magazins zeigte, das ich in Amerika herausgegeben hatte. Der ehemalige Minister organisierte ein kleines Treffen, zu dem er einige Autor*innen und Dichter*innen und MĂ€nner, die in der jĂŒdischen Kulturliga aktiv waren, einlud, um sie mit einigen Mitgliedern unserer Expedition bekannt zu machen. Die Versammlung bestand aus den klĂŒgsten Köpfen der lokalen jĂŒdischen Intelligenzija. Wir diskutierten ĂŒber die Revolution, die Methoden der Bolschewiki und die Probleme der JĂŒd*innen. Die meisten Anwesenden waren der sowjetischen Regierung trotz ihrer Opposition zu den kommunistischen Theorien wohlgesonnen. Sie hatten das GefĂŒhl, dass die Bolschewiki trotz ihrer vielen Pfuschereien danach strebten, die Interessen Russlands und der Revolution weiter voranzubringen. Jedenfalls waren die JĂŒd*innen unter dem kommunistischen Regime keinen Pogromen ausgesetzt gewesen, wie unter allen frĂŒheren Regimen der Ukraine. Diese jĂŒdischen Intellektuellen argumentierten, dass die Bolschewiki den JĂŒd*innen immerhin erlauben wĂŒrden zu leben und sie deshalb jeder anderen Regierung vorzuziehen wĂ€ren und von den JĂŒd*innen unterstĂŒtzt werden sollten. Sie hatten Angst vor dem wachsenden Antisemitismus in Russland und waren von dem Gedanken an einen Sturz der Bolschewiki entsetzt. Ein umfassendes Massaker an den JĂŒd*innen wĂŒrde zweifelsfrei folgen, glaubten sie.

Einige der JĂŒngeren vertraten eine andere Meinung. Das bolschewistische Regime habe zu einem wachsenden Hass auf die JĂŒd*innen gefĂŒhrt, weil die Massen den Eindruck hĂ€tten, dass die meisten Kommunist*innen JĂŒd*innen seien, sagten sie. Kommunismus stĂŒnde fĂŒr die Zwangseintreibung von Steuern, Strafexpeditionen und die Tscheka. Die populĂ€re Feindschaft gegenĂŒber den Kommunist*innen drĂŒcke sich daher durch Hass auf alle JĂŒd*innen aus. Auf diese Art und Weise hĂ€tte die bolschewistische Tyrannei Öl ins Feuer des latenten Antisemitismus der Ukraine gegossen. Schlimmer noch: Um zu beweisen, dass sie die JĂŒd*innen nicht bevorzugen, hĂ€tten die Bolschewiki das andere Extrem gewĂ€hlt und wĂŒrden JĂŒd*innen hĂ€ufig fĂŒr Dinge verhaften und bestrafen, fĂŒr die NichtjĂŒd*innen straffrei davonkommen wĂŒrden. Die Bolschewiki hĂ€tten außerdem kulturelle Arbeit im SĂŒden zur Förderung der ukrainischen Sprache finanziert, wĂ€hrend sie solche Bestrebungen zur Förderung der jĂŒdischen Sprache zugleich zu verhindern suchten. Es stimme, dasss die Kulturliga weiterhin existieren dĂŒrfe, aber ihre Arbeit werde bei jeder Gelegenheit behindert. Kurz gesagt: Die Bolschewiki erlaubten den JĂŒd*innen zwar zu leben, aber nur in physischer Hinsicht. Kulturell seien sie zum Tode verdammt. Die Jewkom (JĂŒdische Kommunistische Abteilung) wĂŒrde natĂŒrlich jede BegĂŒnstigung und UnterstĂŒtzung von der Regierung erhalten, aber ihre Mission sei es, den JĂŒd*innen der Ukraine das Evangelium der Diktatur des Proletariats zu predigen. Es sei bemerkenswert, dass die Jewkom antisemitischer als die Ukrainer*innen selbst sei. Wenn sie die Macht hĂ€tten, wĂŒrden sie Pogrome gegenĂŒber jeder nichtkommunistischen jĂŒdischen Organisation lostreten und alle jĂŒdischen Bildungsbestrebungen zerstören. Diese jungen Teilnehmer*innen betonten, dass sie einen Sturz der bolschewistischen Regierung nicht begrĂŒĂŸen wĂŒrden, sie sie aber auch nicht unterstĂŒtzen könnten.

Ich hatte das GefĂŒhl, dass beide jĂŒdischen Fraktionen einen ausschließlich nationalistischen Blick auf die Situation in Russland hatten. Ich konnte ihre persönliche Einstellung gut verstehen, sie war das Ergebnis ihres eigenen Leidens und der Verfolgung der JĂŒd*innen. Dennoch war mein Hauptanliegen die Revolution und ihre Auswirkungen auf Russland als Ganzes. Ob die Bolschewiki unterstĂŒtzt werden sollten oder nicht, konnte nicht bloß von ihrer Einstellung gegenĂŒber den JĂŒd*innen und der JĂŒd*innenfrage abhĂ€ngen. Letzteres war sicher eine sehr entscheidende und dringliche Frage, besonders in der Ukraine, doch die grundsĂ€tzliche Frage war viel grĂ¶ĂŸer. Sie umfasste die vollstĂ€ndige ökonomische und soziale Emanzipation aller Menschen in Russland, die JĂŒd*innen eingeschlossen. Wenn die Methoden und Praktiken der Bolschewiki ihnen nicht durch die UmstĂ€nde aufgezwungen wurden, wenn sie von ihren eigenen Theorien und Prinzipien eingeschrĂ€nkt wurden und wenn ihr einziges Anliegen war, die eigene Macht zu sichern, konnte ich sie nicht unterstĂŒtzen. Sie mochten keine Pogrome speziell gegen JĂŒd*innen veranlasst haben, aber wenn sie Pogrome gegen die gesamte Bevölkerung Russlands verĂŒbten, waren sie in ihrem Anspruch, eine revolutionĂ€re Partei zu sein, gescheitert. Ich war noch nicht bereit zu sagen, dass ich eine klare Vorstellung von allen teilhabenden Probleme gewonnen hĂ€tte, aber meine bisherigen Erfahrungen veranlassten mich dazu, zu denken, dass es die generelle bolschewistische Konzeption von Revolution war, die falsch war und deren praktische Anwendung notwendigerweise zu der großen russischen Katastrophe fĂŒhren musste, in der die jĂŒdische Tragödie nur eine kleine Rolle spielte.

Mein Gastgeber und seine Freund*innen konnten meinen Ansichten nicht zustimmen: Wir vertraten verschiedene Lager. Aber das Treffen war dennoch Ă€ußerst interessant und wir vereinbarten, dass wir uns vor unserer Abreise aus der Stadt noch einmal treffen wĂŒrden.

Eines Tages sah ich eine Soldat*inneneinheit der Roten Armee am Bahnhof, als ich gerade zu unserem Waggon zurĂŒckging. Auf meine Nachfrage bekam ich die Antwort, dass auslĂ€ndische Gesandte aus Moskau erwartet werden wĂŒrden und dass die Soldat*innen herbestellt worden waren, um an einer Demonstration zu ihren Ehren teilzunehmen. Gruppen uniformierter MĂ€nner standen herum und sprachen ĂŒber die Ankunft der Gesandtschaft. Es gab viele Unmutsbekundungen, weil mensch die Soldat*innen so lange hatte warten lassen. »Diese Menschen kommen nach Russland, nur um uns zu mustern«, sagte einer der MĂ€nner der Roten Armee, »Wissen sie ĂŒberhaupt irgendetwas ĂŒber uns oder sind sie ĂŒberhaupt daran interessiert, wie wir leben? Die sicher nicht. FĂŒr die ist das ein Urlaub. Sie werden von der Regierung eingekleidet und ernĂ€hrt, aber sie sprechen niemals mit uns und alles, was sie zu sehen bekommen, ist, wie wir vorĂŒbermarschieren. Wir liegen hier seit Stunden in der brennend heißen Sonne, wĂ€hrend die Delegierten vermutlich an einem anderen Bahnhof gefeiert werden. Das ist Kameradschaft und Gleichberechtigung fĂŒr euch!«

Ich hatte solche Empfindungen schon frĂŒher vernommen, aber es war ĂŒberraschend, sie von Soldat*innen zu hören. Ich dachte an Angelica Balabanowa, die die italienischen Delegierten begleitete und ich fragte mich, was sie denken wĂŒrde, wenn sie wĂŒsste, wie die MĂ€nner sich fĂŒhlten. Vermutlich war ihr nie in den Sinn gekommen, dass diese »ignoranten russischen BĂ€uer*innen« in MilitĂ€runiformen den Schein offizieller Demonstrationen durchblickten.

Am folgenden Tag erhielten wir eine Einladung von Balabanowa an einem Bankett zu Ehren der italienischen Delegierten teilzunehmen. Neugierig darauf, die GĂ€ste aus dem Ausland zu treffen, folgten einige Mitglieder unserer Expedition der Einladung.

Die Veranstaltung fand im GebĂ€ude der ehemaligen Handelskammer statt, die zu diesem Anlass reichlich geschmĂŒckt worden war. Im Hauptbankettsaal standen lange Tische, die schwer beladen waren mit frisch geschnittenen Blumen, verschiedenen Arten sĂŒdlicher FrĂŒchte und Wein. Der Anblick erinnerte eine*n an die Gelage der alten Bourgeoisie und ich konnte sehen, dass sich Angelica sehr unwohl bei dieser ĂŒppigen Zurschaustellung von Tafelsilber und Reichtum fĂŒhlte. Das Bankett begann mit den ĂŒblichen Toasts, die GĂ€ste tranken auf Lenin, Trotzki, die Rote Armee und die Dritte Internationale, die gesamte Gesellschaft erhob sich immer nach jedem Toast, wenn die revolutionĂ€re Hymne gespielt wurde, wĂ€hrend die Soldat*innen und Offizier*innen nach guter alter MilitĂ€rtradition stramm standen.

Unter den Delegierten waren zwei junge Anarcho-Syndikalist*innen aus Frankreich. Sie hatten von unserer Anwesenheit in Kiew gehört und hatten den ganzen Tag erfolglos nach uns gesucht. Nach dem Bankett wĂŒrden sie direkt nach Petrograd abreisen, so dass wir nur wenig Zeit zur VerfĂŒgung hatten. Auf dem Weg zum Bahnhof erzĂ€hlten die Delegierten, dass sie eine Menge Material ĂŒber die Revolution gesammelt hĂ€tten, das sie in Frakreich publizieren wollten. Sie waren zu der Überzeugung gelangt, dass mit dem bolschewistischen Regime etwas nicht stimme: Sie hatten erkannt, dass die Diktatur des Proletariats alleine in den HĂ€nden der kommunistischen Partei liege, wĂ€hrend die einfachen Arbeiter*innen wie eh und je versklavt wurden. Ihre Intention war es, ihren Genoss*innen in der Heimat offen ĂŒber diese Angelegenheiten zu berichten und ihren Bericht durch das in ihrem Besitz befindliche Material zu untermauern, erzĂ€hlten sie. »Glaubt ihr, ihr schafft es, die Dokumente rauszuschmuggeln?«, fragte ich La Petit, einen der Delegierten. »Du glaubst doch nicht, dass sie mich daran hinden könnten, meine eigenen Notizen mitzunehmen«, antwortete er. »Die Bolschewiki wĂŒrden es nicht wagen, so weit zu gehen – jedenfalls nicht gegenĂŒber Delegierten aus dem Ausland.« Er schien so sicher zu sein, dass ich kein Interesse daran hatte, weiter nachzubohren. In dieser Nacht verließen die Delegierten Kiew und kurze Zeit darauf reisten sie aus Russland ab. Sie wurden niemals wieder gesehen. Ohne ihr Verschwinden bewerten zu wollen, möchte ich bloß erwĂ€hnen, dass, als ich mehrere Monate spĂ€ter nach Moskau zurĂŒckkehrte, mensch sich erzĂ€hlte, dass die beiden Anarcho-Syndikalist*innen mit mehreren anderen MĂ€nnern, die sie begleitet hĂ€tten, von einem Sturm in der NĂ€he der KĂŒste von Finnland ĂŒberrascht worden seien und alle ertrunken seien. Es gab GerĂŒchte ĂŒber ein Verbrechen, allerdings bin ich nicht geneigt, dieser Geschichte Glauben zu schenken, besonders angesichts der Tatsache, dass zusammen mit den Anarcho-Syndikalist*innen ein*e Kommunist*in von großem Ansehen in Moskau umgekommen ist. Aber ihr Verschwinden mit all den Dokumenten, die sie gesammelt hatten, wurde dennoch nie zufriedenstellend geklĂ€rt.

Die Zimmer, die den Mitgliedern unserer Expedition zugewiesen wurden, waren in einem Haus in einer Passage, die auf den Kreschatik, die Hauptstraße von Kiew, fĂŒhrte. FrĂŒher war das die Wohngegend der Wohlhabenden in der Stadt gewesen und die feinen HĂ€user, obwohl in letzter Zeit vernachlĂ€ssigt, sahen immer noch beeindruckend aus. In der Passage waren auch zahlreiche GeschĂ€fte, Ruinen einstmaliger Pracht, die die Nachbarschaft mit Wohlstand verpflegten. In diesen GeschĂ€ften waren immer noch große VorrĂ€te an GemĂŒse, FrĂŒchten, Milch und Butter. Sie waren vorrangig im Besitz alter JĂŒd*innen, deren KrĂ€fte nicht fĂŒr irgendetwas anderes NĂŒtzliches genutzt werden konnten – orthodoxe JĂŒd*innen, fĂŒr die die Revolution und die Bolschewiki ein Reizthema waren, weil sie »all ihre GeschĂ€fte ruiniert« hatten. Die kleinen GeschĂ€fte ermöglichten es ihren Besitzer*innen kaum zu ĂŒberleben, schlimmer noch, sie waren in stĂ€ndiger Gefahr vor Razzien der Tscheka, die sie bei dieser Gelegenheit ihrer VorrĂ€te enteignete. Das Erscheinungsbild dieser GeschĂ€fte gab keinerlei Aufschluss darĂŒber, warum die Regierung es lohnenswert fand, diese zu razzen. »Sollte die Tscheka es nicht vorziehen, die Waren der großen Delikatessen- und ObstgeschĂ€fte auf dem Kreschatik zu beschlagnahmen?«, fragte ich einen alten jĂŒdischen Ladeninhaber. »Nicht wirklich«, antwortete er. »Diese GeschĂ€fte sind immun, weil sie viele Steuern zahlen.«

Am Morgen nach dem Bankett ging ich hinunter zu dem kleinen LebensmittelgeschĂ€ft, in dem ich meine EinkĂ€ufe zu erledigen pflegte. Der Ort war geschlossen und ich war ĂŒberrascht, dass nicht eines der kleinen GeschĂ€fte in der NĂ€he geöffnet hatte. Zwei Tage spĂ€ter erfuhr ich, dass all die LĂ€den am Abend des Banketts gerazzt worden waren, um die auslĂ€ndischen Delegierten zu bewirten. Ich schwor mir, nie wieder an einem bolschewistischen Bankett teilzunehmen.

Unter den Mitgliedern der Kulturliga traf ich einen Mann, der in Amerika gelebt hatte, aber seit einigen Jahren bei seiner Familie in Kiew lebte. Sein Haus stellte sich als eines der gastfreundlichsten HĂ€user heraus, die ich wĂ€hrend meines Aufenthalts im SĂŒden besucht hatte, und da er viele Besucher*innen aus den unterschiedlichen sozialen Klassen hatte, war es mir möglich, viele Informationen ĂŒber die jĂŒngere Geschichte der Ukraine zu sammeln. Mein Gastgeber war kein Kommunist: Obwohl er das bolschewistische Regime kritisch sah, war er keineswegs feindselig. Er pflegte zu sagen, dass der grĂ¶ĂŸte Fehler der Bolschewiki ihr Mangel an psychologischem EinfĂŒhlungsvermögen war. Er versicherte, dass keine Regierung zuvor jemals einen so gĂŒnstigen Start in der Ukraine gehabt hĂ€tte wie die Kommunist*innen. Die Menschen hatten unter den verschiedenen Besetzungen so sehr gelittten und waren von jedem neuen Regime so sehr unterdrĂŒckt worden, dass sie frohlockten, als die Bolschewiki nach Kiew kamen. Alle hofften, dass diese Befreiung bringen wĂŒrden. Aber die Kommunist*innen zerstörten schon bald alle Illusionen. Innerhalb weniger Monate stellten sie sich als vollkommen unfĂ€hig heraus, die Geschicke der Stadt zu lenken, ihre Methoden weckten die Feindseligkeit der Menschen und der Terror der Tscheka verwandelte selbst die Freund*innen der Kommunist*innen in erbitterte Feind*innen. Keine*r hatte etwas gegen die Nationalisierung der Industrie einzuwenden und natĂŒrlich hatte mensch erwartet, dass die Bolschewiki Enteignungen durchfĂŒhren wĂŒrden. Aber als die Bourgeoisie ihres Besitzes erleichtert worden war, sah mensch, dass nur die RĂ€uber*innen profitiert hatten. Weder die Menschen insgesamt, noch wenigstens die Klasse der Proletarier gewann irgendetwas. Kostbarer Schmuck, Silberbesteck, Möbel, praktisch der gesamte Reichtum Kiews schien zu verschwinden und es wurde nie wieder etwas von ihm gehört. SpĂ€ter stolzierten Mitglieder der Tscheka mit ihren Frauen durch die Straßen, die mit den Kostbarkeiten der Bourgeoisie bekleidet waren. Wenn private GeschĂ€ftssitze geschlossen wurden, wurden die TĂŒren versperrt und versiegelt und Wachen aufgestellt. Aber innerhalb weniger Wochen waren die GeschĂ€fte leergerĂ€umt. Diese Art von »Verwaltung« und die zahlreichen erdrĂŒckenden Gesetze und Erlasse, die sich oft gegenseitig widersprachen, dienten der Tscheka als Vorwand, die Bevölkerung zu terrorisieren und zu erpressen und erweckten allgemeinen Hass auf die Bolschewiki. Die Menschen hatten sich gegen Petljura, Denikin und die Polen gewandt. Sie hatten die Bolschewiki mit offenen Armen willkommen geheißen. Aber letztere hatten sie ebenso wie erstere enttĂ€uscht.

»Mittlerweile haben wir uns an die Situation gewöhnt«, sagte mein Gastgeber, »wir lassen uns einfach treiben und versuchen das Beste daraus zu machen.« Aber er hielt es fĂŒr eine Schande, dass die Bolschewiki so eine Gelegenheit verspielt hatten. Sie waren unfĂ€hig, das Vertrauen der Menschen zu bewahren und dieses Vertrauen in die richtigen Bahnen zu lenken. Die Bolschewiki waren nicht nur daran gescheitert, die großen Fabriken zu betreiben, sie hatten auch die kleine kustarnaya Arbeit zerstört. Zum Beispiel habe es tausende von Kunsthandwerker*innen in der Provinz von Kiew gegeben, die meisten von ihnen hatten fĂŒr sich selbst gearbeitet, ohne irgendeine*n auszubeuten. Sie waren unabhĂ€ngige Produzent*innen, die ein bestimmtes BedĂŒrfnis der Gemeinschaft befriedigten. Die Bolschewiki haben in ihrem rĂŒcksichtslosen Plan der Nationalisierung diese BetĂ€tigungen ausgesetzt, ohne in der Lage dazu zu sein, diese durch etwas anderes zu ersetzen. Sie konnten weder den Arbeiter*innen noch den BĂ€uer*innen irgendetwas geben. Das Proletariat in der Stadt hatte die Wahl, in der Stadt zu verhungern oder aufs Land zurĂŒckzukehren. NatĂŒrlich bevorzugten sie letzteres. Diejenigen, die nicht aufs Land zurĂŒckkehren konnten, verdienten ihr Geld mit Handel, beispielsweise indem sie Schmuck kauften und verkauften. Jede*r in Russland war praktisch zu einer*einem HĂ€ndler*in geworden, sowohl die bolschewistische Regierung als auch private Spekulant*innen. »Du hast keine Vorstellung davon, welche illegalen GeschĂ€fte die Beamten in sowjetischen Insitutionen treiben«, sagte mein Gastgeber zu mir, »und das Gleiche gilt fĂŒr die Armee. Mein Neffe, ein Offizier der Roten Armee, ein Kommunist, ist gerade erst von der polnischen Front zurĂŒckgekehrt. Er kann dir von diesen GebrĂ€uchen in der Armee erzĂ€hlen.«

Ich war besonders begierig, mit dem jungen Offizier zu sprechen. Auf meinen Reisen hatte ich viele Soldat*innen getroffen und den Eindruck erlangt, dass die meisten von ihnen die alte Sklav*innenpsychologie bewahrt hatten und sich vollstĂ€ndig der MilitĂ€rdisziplin unterworfen hatten. Einige jedoch waren hellwach und konnten klar sehen, was um sie herum geschah. Ein kleiner Bestandteil der Roten Armee war durch die Revolution vollkommen verĂ€ndert worden. Sie waren der Beweis fĂŒr das Heranreifen neuen Lebens und neuer Formen des Lebens, die Russland trotz der Tyrannei und UnterdrĂŒckung der Bolschewiki vom Rest der Welt unterschieden. FĂŒr diesen Teil hatte die Revolution eine tiefe Bedeutung. Sie sahen in ihr etwas Lebendiges, das nicht einmal die tĂ€glichen Befehle in die engstirnige kommunistische Form pressen konnten. Es war ihre Überzeugung und ihr allgemeiner Eindruck, dass die Bolschewiki den Menschen nicht die Treue gehalten hatten. Sie sahen den kommunistischen Staat auf Kosten der Revolution erstarken und einige von ihnen gingen sogar soweit, die Meinung zu Ă€ußern, dass die Bolschewiki die Feind*innen der Revolution geworden waren. Aber sie alle fĂŒhlten, dass sie momentan nichts dagegen tun konnten. Sie waren entschlossen zuerst die Ă€ußeren Feind*innen loszuwerden. »Dann«, so sagten sie, »werden wir die inneren Feind*innen angreifen.«

Der Rote-Armee-Offizier stellte sich als gutaussehender, zutiefst aufrichtiger Kerl heraus. ZunĂ€chst war er abgeneigt zu reden, aber im Verlaufe des Abends wurde er weniger verlegen und drĂŒckte seine GefĂŒhle frei aus. Er habe an der Front viel Korruption erlebt, sagte er. Aber an der Nachschubbasis, an der er seine Pflicht einige Zeit geleistet habe, sei es noch schlimmer. Die MĂ€nner an der Front hĂ€tten praktisch keine Kleidung oder Schuhe. Die Nahrungsmittel seien nicht ausreichend und die Armee werde von Typhus und Cholera ĂŒbel zugerichtet. Dennoch sei der Geist der MĂ€nner wundervoll. Sie kĂ€mpften tapfer und bereitwillig, weil sie an ihr Ideal eines freien Russlands glaubten. Aber wĂ€hrend sie fĂŒr die große Sache kĂ€mpften und starben, sĂ€ĂŸen die höheren Offiziere, die sogenannten tovaristchi, in sicherer Entfernung und trĂ€nken und spielten dort und wĂŒrden reich durch Spekulationen. Die NachschĂŒbe, die so dringend an der Front gebraucht wĂŒrden, wĂŒrden zu fabelhaften Preisen an Spekulant*innen verkauft werden.

Der junge Offizier war von der Situation so entmutigt gewesen, dass er daran gedacht hatte, Selbstmord zu begehen. Aber nun war er entschlossen, an die Front zurĂŒckzukehren. »Ich sollte zurĂŒckgehen und meinen Kameraden erzĂ€hlen, was ich gesehen habe«, sagte er, »unsere eigentliche Arbeit wird beginnen, wenn wir die Invasion von außen zurĂŒckgeschlagen haben. Dann sollten wir diejenigen verfolgen, die die Revolution kaputthandeln.«

Ich hatte das GefĂŒhl, dass es keinen Anlass zur Verzweiflung gĂ€be, solange Russland solche Geister besaß.

Als ich auf mein Zimmer zurĂŒckkehrte, traf ich dort unsere SekretĂ€rin, die darauf wartete, von dem wertvollen Fund zu berichten, den sie gemacht hatte. Er bestand aus reichhaltigen Materialien zu Denikin, die in der Stadtbibliothek aufgestapelt waren und offensichtlich von allen vergessen worden waren. Die*der Bibliothekar*in, ein*e aufrichtige*r ukrainische*r Nationalist*in verweigerte dem »russischen« Museum die Erlaubnis, die Materialien mitzunehmen, obwohl sie fĂŒr Kiew von keinem Nutzen waren und buchstĂ€blich in einer finsteren Ecke beerdigt waren und dort drohten, beschĂ€digt oder vernichtet zu werden. Wir entschieden, beim Amt fĂŒr Bildung Beschwerde einzulegen und das »Amerikanische Amulett« einzusetzen. Es wurde zu einem Running Gag unter den Mitgliedern der Expedition in schwierigen Situation Zuflucht beim »Amulett« zu suchen. Solche Angelegenheiten wurden immer Alexander Berkman und mir als den »Amerikaner*innen« ĂŒbertragen.

Es bedurfte beachtlichen Zuredens, bis sich der Vorsitzende fĂŒr die Angelegenheit interessierte. Er lehnte ab, bis ich ihn schließlich fragte: »Willst du, dass in Amerika bekannt wird, dass ihr es vorzieht, wertvolles historisches Material in Kiew verrotten zu lassen, statt es dem Petrograder Museum zu ĂŒbergeben, das sicher ein weltweites Zentrum fĂŒr Studien ĂŒber die Russische Revolution, in der die Ukraine eine so wichtige Rolle spielt, werden wird?« Schließlich erließ der Vorsitzende den gewĂŒnschten Befehl und unsere Expedition nahm das Material in Besitz; zur großen Freude unserer SekretĂ€rin, fĂŒr die das Museum zur wichtigsten Sache in ihrem Leben geworden war.

Am Nachmittag des gleichen Tages wurde ich von einer Anarchistin in Begleitung eines jungen BĂ€uer*innenmĂ€dchens besucht, das mir im Vertrauen als Machnos Frau vorgestellt wurde. Mein Herz hörte fĂŒr einen Moment auf zu schlagen: Die Anwesenheit dieses MĂ€dchens in Kiew bedeutete den sicheren Tod fĂŒr diejenigen, bei denen sie von den Bolschewiki entdeckt werden wĂŒrde. Das betraf auch unseren Gastgeber und seine Familie, denn im kommunistischen Russland erlitten diejenigen, die ein Mitglied von Machnos povstantsi beherbergten – selbst wenn sie das unwissentlich taten –, meist schlimmste Konsequenzen. Ich zeigte mich ĂŒberrascht ĂŒber den Leichtsinn der jungen Frau, buchstĂ€blich ins Herz des Feindes zu kommen. Aber sie erklĂ€rte, dass Machno entschlossen sei, uns zu erreichen und er keiner*keinem anderen seine Nachricht anvertrauen wollte und sie sich deshalb bereit erklĂ€rt hatte, zu kommen. Es war offensichtlich, dass die Gefahr alles BeĂ€ngstigende fĂŒr sie verloren hatte. »Wir leben seit Jahren in stĂ€ndiger Gefahr«, bemerkte sie kurzangebunden.

Von ihrer Verkleidung entblĂ¶ĂŸt enthĂŒllte sie ihre große Schönheit. Sie war eine Frau im Alter von 25 mit einer FĂŒlle an samtschwarzem Haar von auffallendem Glanz. »Nestor hatte gehofft, dass du und Alexander Berkman es einrichten könnten zu kommen, aber er wartete vergebens«, begann sie. »Deshalb schickt er nun mich, um euch ĂŒber den Kampf zu erzĂ€hlen, den er fĂŒhrt, und er hofft, dass ihr seinen Fall in der Welt draußen bekannt macht.« Bis spĂ€t in die Nacht erzĂ€hlte sie uns die Geschichte von Machno, die in allen wesentlichen Aspekten mit der, die uns von den beiden ukrainischen Besuchern in Petrograd erzĂ€hlt worden war, ĂŒbereinstimmte. Sie verweilte bei den Methoden, die die Bolschewiki eingesetzt hatten, um Machno zu vernichten und den Vereinbarungen, die sie wiederholt mit ihm getroffen hatten und von denen die Kommunist*innen jede in dem Moment brachen, in dem die unmittelbare Gefahr, die von den Invasoren ausging, gebannt war. Sie sprach von der brutalen Verfolgung der Angehörigen von Machnos Armee und von den zahlreichen Versuchen der Bolschewiki, Nestor zu fangen und zu töten. Weil ihnen das nicht gelungen war, hatten die Bolschewiki seinen Bruder ermordet und ihre eigene Familie, einschließlich ihres Vaters und ihres Bruders, ausgelöscht. Sie lobte die revolutionĂ€re Hingabe, das Heldentum und das Durchhaltevermögen der povstantsi angesichts der grĂ¶ĂŸten Schwierigkeiten, und sie unterhielt uns mit den Legenden, die die BĂ€uer*innen um Machnos Person gewoben hatten. Zum Beispiel hatte sich unter der Landbevökerung der Glaube verbreitet, dass Machno unverwundbar sei, weil er in all den Jahren des Krieges niemals verwundet worden war, trotz der Tatsache, dass er seine Angriffe immer selbst anfĂŒhrte.

Sie war eine gute GesprĂ€chspartnerin und ihre tragische Geschichte wurde von humorvollen Passagen aufgelockert. Sie erzĂ€hlte viele Anekdoten ĂŒber die Heldentaten Machnos. Einmal hatte er eine Hochzeitsfeier in einem vom Feind besetzten Dorf arrangiert. Es war eine Feierlichkeit, an der alle teilnahmen. WĂ€hrend die Menschen auf dem Marktplatz fröhlich feierten und die Soldat*innen den Versuchungen des Alkohols erlagen, umstellten Machnos MĂ€nner das Dorf und besiegten die dort stationierten, ĂŒberlegenen KrĂ€fte mit Leichtigkeit. Nachdem er eine Stadt eingenommen hatte, zwang Machno stets die reichen BĂ€uer*innen, die kulaki, ihren ĂŒberschĂŒssigen Reichtum abzugeben, der dann unter den Armen aufgeteilt wurde, und von dem Machno einen Teil fĂŒr seine Armee einbehielt. Dann pflegte er ein Treffen der Dorfbewohner*innen einzuberufen, auf dem er ihnen die Ziele der povstantsi Bewegung erklĂ€rte und seine Literatur verteilte.

Bis spĂ€t in die Nacht erzĂ€hlte die junge Frau die Geschichte von Machno und der Machnowtschina. Ihre Stimme, die sie wegen der gefĂ€hrlichen Situation gesenkt hielt, klang erfĂŒllt und milde, ihre Augen funkelten vor intensiver Regung. »Nestor will, dass ihr den Genoss*innen aus Amerika und Europa erzĂ€hlt, dass er einer von ihnen ist, ein Anarchist, dessen Ziel es ist, die Revolution gegen alle Feind*innen zu verteidigen«, schloss sie. »Er versucht den angeborenen rebellischen Geist der ukrainischen BĂ€uer*innenschaft in organisierte anarchistische Bahnen zu lenken. Er hat den Eindruck, dass er das nicht alleine erreichen kann, nicht ohne die Hilfe der Anarchist*innen Russlands. Er selbst ist vollauf mit MilitĂ€rangelegenheiten beschĂ€ftigt, weshalb er seine Genoss*innen im ganzen Land eingeladen hat, Verantwortung fĂŒr die Bildungsarbeit zu ĂŒbernehmen. Sein ultimatives Ziel ist es, ein kleines Territorium in der Ukraine zu erobern und dort eine freie Kommune aufzubauen. Unterdessen ist er bestrebt, alle reaktionĂ€ren KrĂ€fte zu bekĂ€mpfen.«

Machno war sehr bestrebt, persönlich mit Alexander Berkman und mir zu reden und er schlug folgenden Plan vor. Er wĂŒrde es arrangieren eine beliebige kleine Stadt oder ein Dorf zwischen Kiew und Charkiw, in der unser Waggon sein wĂŒrde, einzunehmen. Da der Ort völlig ĂŒberraschend besetzt werden wĂŒrde, wĂŒrde das ohne jede Gewalt vonstatten gehen. Diese List wĂŒrde den Eindruck erwecken, dass wir gefangen genommen worden seien und den anderen Mitgliedern der Expedition wĂŒrde Schutz garantiert werden. Nach unserem Treffen wĂŒrden wir sicheres Geleit zu unserem Waggon bekommen. Zugleich wĂŒrde uns der Plan vor den Bolschewiki schĂŒtzen, da er im Stil einer MilitĂ€roperation stattfinden wĂŒrde, ganz Ă€hnlich eines gewöhnlichen Überfalls Machnos. Der Plan versprach ein aufregendes Abenteuer und wir waren selbst begierig darauf Machno persönlich zu treffen. Doch wir konnten die anderen Mitglieder der Expedition nicht dem Risiko eines solchen Unterfangens aussetzen. Wir entschieden uns dazu, das Angebot abzulehnen in der Hoffnung, dass sich uns eine andere Gelegenheit bieten wĂŒrde, den AnfĂŒhrer der povstantsi zu treffen.

Machnos Frau war eine Schullehrerin auf dem Land gewesen; Sie hatte ein beachtliches Wissen und war sehr an allen kulturellen Fragen interessiert. Sie löcherte mich mit Fragen ĂŒber die Frauen in Amerika, ob sie wirklich emanzipiert seien und ob sie gleiche Rechte genießen wĂŒrden. Die junge Frau war mit Machno und seiner Armee schon seit einigen Jahren zusammen, aber sie konnte sich nicht mit der primitiven Einstellung ihrer Leute gegenĂŒber Frauen anfreunden. Die ukrainischen Frauen, sagte sie, wĂŒrden ausschließlich als Sexobjekt und GebĂ€rmaschinen betrachtet werden. Nestor selbst war in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Sie wollte wissen, ob das in Amerika anders sei. Glaubten die Frauen in Amerika an freie Mutterschaft und waren sie vertraut mit dem Thema der Geburtenkontrolle?

Es war erstaunlich solche Fragen von einem BĂ€uer*innenmĂ€dchen zu hören. Am bemerkenswertesten fand ich es, dass eine Frau, die so weit entfernt vom Schauplatz des Kampfes der Frauen um Emanzipation geboren und aufgewachsen war, so vertraut mit diesen Problemen war. Ich erzĂ€hlte dem MĂ€dchen von den AktivitĂ€ten der modernen Frauen in Amerika, von ihren Erfolgen und von der Arbeit, die zur Emanzipation der Frau noch zu tun blieb. Ich erwĂ€hnte einige Literatur, die sich mit diesen Themen beschĂ€ftigte. Sie lauschte begierig. »Ich muss etwas in die Finger bekommen, um unseren BĂ€uer*innenfrauen zu helfen. Sie sind bloß Lasttiere«, sagte sie.

FrĂŒh am nĂ€chsten Morgen sahen wir, wie sie sicher aus dem Haus schlĂŒpfte. Am gleichen Tag, als ich den Anarchistischen Club besuchte, wurde ich Zeugin eines merkwĂŒrdigen Anblicks. Der Club war erst kĂŒrzlich wieder eröffnet worden, nachdem er von der Tscheka gerazzt worden war. Die lokalen Anarchist*innen fanden in diesem Club ArbeitsrĂ€ume und RĂ€ume fĂŒr VortrĂ€ge und auch anarchistische Literatur konnte mensch dort bekommen. Als ich mich mit einigen Freund*innen unterhielt, bemerkte ich eine Gruppe Gefangener, die auf der Straße darunter vorbeiging. Als sie sich dem anarchistischen Zentrum nĂ€herten, sahen einige von ihnen auf, offensichtlich hatten sie das große Schild ĂŒber den RĂ€umen des Clubs bemerkt. Plötzlich richteten sie sich auf, nahmen ihre MĂŒtzen ab, verbeugten sich und gingen dann weiter. Ich wandte mich zu meinen Freund*innen. »Diese BĂ€uer*innen sind vermutlich Machnostsi«, sagten sie, »die anarchistischen Zentren sind ihnen heilig.« Wie außergewöhnlich die russische Seele doch war, dachte ich und fragte mich, ob eine Gruppe amerikanischer Arbeiter*innen oder Farmer*innen so erfĂŒllt von einem Ideal sein könnte, dass sie das auf die gleiche einfache und aussagekrĂ€ftige Art und Weise ausdrĂŒcken wĂŒrde, wie es die Machnostsi getan hatten. Dem*der Russ*in ist sein*ihr Glaube fĂŒrwahr Inspiration.

Unser Aufenthalt in Kiew hatte uns vielerlei Erfahrungen und EindrĂŒcke beschert. Es war eine anstrengende Zeit, in der wir Menschen verschiedener sozialer Schichten getroffen und viele wertvolle Informationen und Materialien gesammelt haben. Wir beendeten unseren Besuch mit einem kurzen Ausflug auf dem Fluss Dnepr, um einige der alten Klöster und Kathedralen zu besichtigen, darunter die berĂŒhmte Sophienkathedrale und die Wladimirkathedrale. Beeindruckende Bauwerke, die wĂ€hrend all der revolutionĂ€ren VerĂ€nderungen intakt geblieben waren; ja sogar ihr Innenleben ging weiter wie zuvor. In einem der Klöster genossen wir die Gastfreundschaft der Schwestern, die uns echten russischen Tee, Schwarzbrot und Honig servierten. Sie lebten, als sei in Russland seit 1914 nichts passiert; es war, als ob sie die letzten Jahre nicht auf dieser Welt verbracht hĂ€tten. Die Mönche zeigten den Neugierigen noch immer die heiligen Gruften der Wladimirkathedrale und die Orte, an denen die Heiligen eingemauert worden waren, deren versteinerte Körper nun ausgestellt wurden. TĂ€glich wurden Besucher*innen durch die Gewölbe gefĂŒhrt und die begleitenden Priester zeigten ihnen die Zellen der gefeierten MĂ€rtyrer und erzĂ€hlen die Lebensgeschichten der wichtigsten Mitglieder der heiligen Familie. Einige der erzĂ€hlten Geschichten waren weit entfernt von jeder GlaubwĂŒrdigkeit und verbreiteten mit jeder Pore Aberglauben. Die Soldat*innen der Roten Armee in unserer Gruppe lauschten den fantastischen ErzĂ€hlungen der Priester eher zweifelnd. Offensichtlich hatte die Revolution ihren religiösen Geist beeinflusst und eine skeptische Einstellung gegenĂŒber WundertĂ€ter*innen entwickelt.

Kapitel 22: Odessa

An den zahlreichen Bahnhöfen zwischen Kiew und Odessa mussten wir hĂ€ufig tagelang warten, bevor es uns gelang, an einen Zug angekoppelt zu werden, der in Richtung SĂŒden fuhr. Wir verbrachten unsere Freizeit damit, die kleine StĂ€dte und Dörfer zu besuchen und schlossen viele Bekanntschaften. Besonders interessant fanden wir die MĂ€rkte.

In der Provinz von Kiew ist der bei weitem grĂ¶ĂŸte Teil der Bevölkerung jĂŒdisch. Sie hatten zahlreiche Pogrome erlitten und lebten nun in permanenter Angst vor einer Wiederholung. Aber der Drang zu leben ist unzerstörbar, besonders unter JĂŒd*innen; Andernfalls hĂ€tten Jahrzehnte der Verfolgung und des Massakers den Menschenschlag lĂ€ngst ausgelöscht. Ihr eigentĂŒmliches Durchhaltevermögen zeigte sich ĂŒberall: Die JĂŒd*innen fuhren mit ihrem Handel fort, als sei nichts gewesen. Die Nachricht davon, dass Amerikaner*innen in der Stadt waren, sprach sich schnell herum und um uns sammelten sich Massen von Menschen, neugierig darauf, etwas von der Neuen Welt zu hören. FĂŒr sie war Amerika noch immer eine »neue« Welt, von der sie noch genausowenig wussten wie schon vor fĂŒnfzig Jahren. Aber nicht nur Amerika, sogar Russland selbst war fĂŒr sie ein Buch mit sieben Siegeln. Sie wussten, dass es ein Land der Pogrome war, dass irgendeine unverstĂ€ndliche Sache namens Revolution stattgefunden hatte und dass die Bolschewiki sie keinen Handel treiben lassen wĂŒrden. Nicht einmal die jĂŒngeren Menschen in den entfernteren Dörfern waren besser informiert.

Der Unterschied zwischen einer ausgehungerten Bevölkerung und einer, die Zugang zu Nahrungsmitteln hatte, war deutlich zu sehen. Zwischen Kiew und Odessa waren die Produkte im Vergleich zu Nordrussland Ă€ußerst gĂŒnstig. Butter zum Beispiel kostete 250 Rubel das Pfund, verglichen mit 3.000 Rubel in Petrograd, Zucker kostete 350 Rubel, wĂ€hrend er in Moskau 5.000 Rubel kostete. Weizenmehl war in den Metropolen fast unmöglich zu kriegen, hier wurde es fĂŒr 80 Rubel das Pfund verkauft. Dennoch wurden wir auf unserer ganzen Reise an den Haltestellen von hungernden Menschen belagert, die um Nahrungsmittel bettelten. Das Land war im Besitz großer VorrĂ€te, aber offensichtlich hatte die*der DurchschnittsbĂŒrger*in nicht die Mittel sie zu erwerben. Besonders schlimm war der Anblick der abgemagerten und zerlumpten Kinder, die am Fenster unseres Waggons um ein StĂŒck Brot bettelten.

In der NĂ€he von Schmerynka erhielten wir die erschreckende Nachricht vom RĂŒckzug der Zwölften Armee und den schnell vorrĂŒckenden polnischen Truppen. Es war eine regelrechte Niederlage, in der die Bolschewiki große VorrĂ€te an Nahrungsmitteln und medizinischen VersorgungsgĂŒtern verloren, die Russland so dringend brauchte. Der Vormarsch der polnischen Truppen und die Angriffe Wrangels aus Richtung der Krim drohten, unserer Reise ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Unser ursprĂŒngliches Ziel war es gewesen den Kaukasus zu besuchen, aber die jĂŒngsten Entwicklungen machten eine Reise weiter als bis nach Odessa unmöglich. Dennoch hofften wir weiterhin, unsere Reise fortsetzen zu können, vorausgesetzt wir bekĂ€men eine VerlĂ€ngerung unseres Erlaubnisscheins fĂŒr den Waggon, der am 1. Oktober ablaufen wĂŒrde.

Wir erreichten Odessa, kurz nachdem ein Feuer die Haupt-Telegrafenstationen und Elektroleitungen zerstört hatte und die Stadt in völliger Dunkelheit zurĂŒckgelassen hatte. Da es eine beachtliche Zeit dauern wĂŒrde, das zu reparieren, stieg die NervositĂ€t in der Stadt, denn Dunkelheit begĂŒnstigte konterrevolutionĂ€re Handlungen. GerĂŒchte kursierten, dass Kiew von den Pol*innen eingenommen worden sei und sich Wrangel Odessa nĂ€hern wĂŒrde.

Es war zu unserem Brauch geworden, unseren ersten Besuch dem Ispolkom (Exekutivkomitee) abzustatten, um uns mit der Situation vor Ort und der generellen Funktionsweise der lokalen Institutionen vertraut zu machen. In Odessa gab es stattdessen ein Revkom, was bedeutete, dass die Angelegenheiten der Stadt bisher noch nicht hinreichend geregelt worden waren, um einen Sowjet und sein Exekutivkomitee zu grĂŒnden. Der Vorsitzende des Revkom war ein junger Mann, kaum Ă€lter als dreißig, mit einem strengen Gesicht. Nachdem er unsere Dokumente eingehend geprĂŒft und von den Zielen unserer Mission erfahren hatte, erklĂ€rte er, dass er uns keinerlei Hilfe bieten könne. Die Situation in Odessa sei prekĂ€r und er sei mit zahlreichen dringenden Angelegenheiten beschĂ€ftigt, daher mĂŒsse die Expedition selbst sehen, wie sie klar kĂ€me. Immerhin erteilte er uns die Erlaubnis, die sowjetischen Institutionen zu besuchen und dort das zu sammeln, was wir auftreiben könnten. Er hielt das Petrograder Museum und seine Arbeit nicht fĂŒr besonders wichtig. Er war ein einfacher Arbeiter, dem mensch eine hohe Regierungsposition anvertraut hatte, nicht besonders intelligent und offensichtlich feindselig gegenĂŒber allem »Intellektuellen«.

Die Aussichten waren nicht besonders vielversprechend, aber natĂŒrlich konnten wir Odessa nicht wieder verlassen, bevor wir nicht einige ernsthafte Anstrengungen unternommen hatten, das wertvolle und reichhaltige historische Material zu sammeln, von dem wir wussten, dass es sich in der Stadt befand. Als wir vom Revkom zurĂŒckkehrten, trafen wir eine Gruppe junge Leute, die uns erkannten, weil sie frĂŒher in Amerika gelebt hatten. Sie versicherten uns, dass wir keinerlei Hilfe von dem Vorsitzenden zu erwarten hatten, der als engstirniger Fanatiker und erbitterter Feind der Intelligenzija bekannt war. Einige der Gruppe boten uns an, uns anderen Beamt*innen vorzustellen, die in der Lage und willens sein wĂŒrden uns bei unseren BemĂŒhungen zu unterstĂŒtzen. Wir erfuhren, dass der*die Vorsitzende der Staatswirtschaft in Odessa ein*e Anarchist*in sei und der*die Vorsitzende der Metallarbeiter*innengewerkschaft ebenfalls. Diese Information weckte in uns die Hoffnung, dass wir in Odessa doch noch etwas erreichen könnten.

Wir verloren keine Zeit, die beiden MĂ€nner zu besuchen, aber das Ergebnis war nicht besonders ermutigend. Beide waren willens alles in ihrer Macht Stehende zu tun, aber sie warnten uns gleich davor, dass wir nichts erwarten sollten, da Odessa, wie sie es ausdrĂŒckten, die Stadt der Sabotage sei.

Ich muss unglĂŒcklicherweise zugeben, dass unsere Erfahrungen diese Charakterisierung bestĂ€tigten. Ich hatte in jeder Stadt, die ich besucht hatte, eine Menge Sabotage in verschiedenen sowjetischen Institutionen gesehen. Überall verschwendeten die zahlreichen Angestellten bewusst ihre Zeit, wĂ€hrend tausende Antragsteller*innen Tage und Wochen in den Korridoren und BĂŒros verbrachten, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erhalten. Der grĂ¶ĂŸte Teil Russlands tat nichts anderes, als in Schlangen zu stehen und darauf zu warten, dass die großen und kleinen BĂŒrokrat*innen ihnen Einlass zu den innersten SphĂ€ren gewĂ€hrten. Aber so schlecht die ZustĂ€nde auch in anderen StĂ€dten waren, so fand ich doch nirgendwo so systematische Sabotage vor wie in Odessa. Vom höchsten bis zum niedrigsten sowjetischen Angestellten war jede*r mit etwas anderem als mit der Arbeit, die ihr*ihm aufgetragen worden war, beschĂ€ftigt. Die Öffnungszeiten sollten um zehn Uhr beginnen, aber ĂŒblicherweise konnte vor Mittag kein*e Beamt*in in irgendeinem der Ämter angetroffen werden, oft sogar spĂ€ter nicht. Um drei Uhr nachmittags schlossen die Ämter, daher wurde nur sehr wenig Arbeit erledigt.

Wir blieben zwei Wochen lang in Odessa, aber sofern wir beim Sammeln von Materialien auf offizielle Stellen angewiesen waren, bekamen wir so gut wie nichts. Alles was wir erreichten, erreichten wir durch die Hilfe von Privatpersonen und Mitglieder von verbotenen politischen Parteien. Von ihnen erhielten wir wertvolle Materialien ĂŒber die Verfolgung der Menschewiki und der Arbeiter*innenorganisationen, in denen letztere den grĂ¶ĂŸten Einfluss hatten. Die Arbeit einiger Gewerkschaften war zu der Zeit, zu der wir in Odessa ankamen, vollstĂ€ndig pausiert und es hatte eine vollstĂ€ndige Reorganisation durch die Kommunist*innen begonnen, mit dem Ziel alle opponierenden Elemente zu eleminieren.

Unter den interessanten Menschen, die wir in Odessa trafen, waren die Zionist*innen, darunter einige berĂŒhmte Literaten und GeschĂ€ftsleute. Es war das Haus von Doktor N., in dem wir sie trafen. Der Doktor selbst war der Besitzer einer Nervenheilanstalt an einer wunderschönen Stelle mit Blick ĂŒber das schwarze Meer gewesen, die fĂŒr die Beste im SĂŒden gehalten wurde. Die Institution war von den Bolschewiki nationalisiert worden, aber Doktor N. blieb federfĂŒhrend und mensch erlaubte ihm sogar private Patient*innen zu behandeln. Im Gegenzug fĂŒr dieses Privileg musste er einwilligen, sowjetische Patient*innen fĂŒr ein Drittel des bestehenden Preises zu behandeln.

Bis spĂ€t in die Nacht diskutierten wir mit den GĂ€sten im Haus des Doktors ĂŒber die Situation in Russland. Die meisten von ihnen waren dem bolschewistischen Regime gegenĂŒber feindselig gestimmt. »Lenin hat die Parole â€șBeraubt die RĂ€uber*innenâ€č ausgegeben und hier in der Ukraine haben seine AnhĂ€nger*innen den Befehl wörtlich genommen«, sagte der Doktor. Es entsprach der allgemeinen Stimmung der Versammlung, dass die Verwirrung und der Ruin auf dieser Politik beruhten. Mensch hĂ€tte die alte Bourgeousie beraubt, aber die Arbeiter*innen hĂ€tten davon nicht profitiert. Der Doktor nannte seine Nervenheilanstalt als Beispiel. Als die Bolschewiki sie ĂŒbernahmen, erklĂ€rten sie, dass dieser Ort fortan dem Proletariat gehöre und diesem zugute kommen wĂŒrde, aber seither hatte er dennoch nicht einen einzige*n Arbeiter*in als Patient*in gehabt, nicht einmal eine*n proletarische*n Kommunist*in. Die Menschen, die die Sowjets in das Sanatorium schickten, waren Mitglieder der neuen BĂŒrokratie, ĂŒblicherweise die hohen Angestellten. Der Vorsitzende der Tscheka beispielsweise, der unter NervenzusammenbrĂŒchen litt, war schon mehrmals in der Institution gewesen. »Er arbeitet sechzehn Stunden tĂ€glich, um Menschen zu Tode zu bringen«, kommentierte der Doktor, »du kannst dir sicher vorstellen, wie es sich anfĂŒhlt, einen solchen Mann zu behandeln.«

Eine*r der anwesenden bundistischen Autor*innen war der Meinung, dass die Bolschewiki versuchten, die Französische Revolution nachzuahmen. Die Korruption sei zĂŒgellos, sie stelle die schlimmsten Verbrechen der Jakobiner*innen in den Schatten. Nicht ein Tag verging, an dem nicht irgendeine*r verhaftet wurde, weil sie*er mit zarischem Geld oder Geld von Kerenski handelte, zugleich war es kein Geheimnis, dass der Vorsitzende der Tscheka selbst mit WĂ€hrungen spekulierte. Die Verdorbenheit der Tscheka sei allgemein bekannt. WĂ€hrend diejenigen, die es sich leisten konnten Bestechungsgelder zu zahlen, frei kamen, selbst wenn sie zum Tode verurteilt worden waren, wurden andere Menschen fĂŒr die geringfĂŒgigsten VerstĂ¶ĂŸe erschossen. Es war wiederholt vorgekommen, dass die reichen Angehörigen eines verhafteten Mannes von der Tscheka ĂŒber seine Exekution benachrichtigt wurden. Einige Wochen spĂ€ter, wenn sie sich einigermaßen von dem Schock und der Trauer erholt hatten, wurden sie informiert, dass die Nachricht vom Tod des Mannes ein Irrtum gewesen sei, er am Leben wĂ€re und durch die Zahlung einer Geldbuße – ĂŒblicherweise einer sehr hohen – freigekauft werden könne. NatĂŒrlich unternahmen die Angehörigen jede Anstrengung, um das Geld aufzutreiben. Dann wĂŒrden sie plötzlich wegen versuchter Bestechung verhaftet, ihr Geld konfisziert und der Gefangene erschossen.

Einer der GĂ€ste des Doktors, der in der »Straße der Tscheka« wohnte, erzĂ€hlte von den Raffinessen des Terrors, der ausgeĂŒbt werde, um die Bevölkerung einzuschĂŒchtern. Beinahe tĂ€glich wĂŒrde er Zeuge des gleichen Anblicks: FrĂŒh am Morgen rasten bewaffnete Tschekist*innen vorbei und schossen in die Luft – eine Warnung, dass alle Fenster verschlossen werden mĂŒssten. Dann kĂ€men die LastwĂ€gen, beladen mit den Verdammten. Sie lĂ€gen in Reihen aufgereiht, das Gesicht nach unten, ihre HĂ€nde gefesselt, Soldat*innen mit Maschinengewehren stĂŒnden ĂŒber ihnen. Sie wurden aus der Stadt gefahren, um dort hingerichtet zu werden. Einige Stunden spĂ€ter kĂ€men die Lastwagen leer bis auf wenige Soldat*innen wieder zurĂŒck. Blut tropfe von den LadeflĂ€chen und hinterlasse eine blutrote Spur auf dem Gehsteig, die bis zum Hauptquartier der Tscheka fĂŒhre.

Es war kaum möglich, dass Moskau nichts von diesen Dingen wisse, beteuerten die Zionist*innen. Die Angst vor der zentralisierten Macht war zu groß, als dass sich die lokale Tscheka erlauben könnte irgendetwas zu tun, was nicht von Moskau genehmigt war. Aber es sei kein Wunder, dass sich die Bolschewiki solcher Methoden bedienen wĂŒrden. Eine kleine politische Partei, die versuche eine Bevölkerung von 150 Millionen Menschen zu kontrollieren, die die Kommunist*innen verbittert hassten, konnte nicht darauf zĂ€hlen, ohne eine Institution wie die der Tscheka ihre Macht zu behaupten. Charakteristisch fĂŒr die Tscheka seien die grundlegenden Prinzipien der bolschewistischen Vorstellungen: Das Land mĂŒsse dazu gezwungen werden, von der Kommunistischen Partei gerettet zu werden. Der Vorwand, dass die Bolschewiki die Revolution verteidigen wĂŒrden, sei nichts als eine Farce. TatsĂ€chlich hĂ€tten sie sie vollstĂ€ndig zerstört.

Es war so spĂ€t geworden, dass die Mitglieder unserer Expedition nicht zu unserem Waggon zurĂŒckkehren konnten, weil wir fĂŒrchteten, diesen in der Dunkelheit der Nacht nicht zu finden. Deshalb blieben wir im Haus unseres Gastgebers, um am nĂ€chsten Tag eine Gruppe MĂ€nner von nationalem Ansehen zu treffen, darunter Bialik, der grĂ¶ĂŸte lebende jĂŒdische Dichter, der unter JĂŒd*innen auf der ganzen Welt bekannt war. Außerdem war ein Literatur-Forscher anwesend, der eine Sonderstudie ĂŒber die Frage der Pogrome durchgefĂŒhrt hatte. Er hatte zweiundsiebzig StĂ€dte besucht und die umfangreichsten Materialien, die zu diesem Thema zu bekommen waren, gesammelt. Entgegen der allgemeinen Auffassung war seiner Meinung nach die Welle der Pogrome wĂ€hrend der Periode des BĂŒrger*innenkriegs zwischen 1918 und 1921 unter den verschiedenen ukrainischen Regierungen sogar noch schlimmer als die schlimmsten Massaker an den JĂŒd*innen unter den Zaren. Zwar hatten unter dem bolschewistischen Regime keinerlei Pogrome stattgefunden, aber er befĂŒrchtete, dass die von ihnen geschaffene AtmosphĂ€re den anti-jĂŒdischen Geist verstĂ€rke und dieser sich eines Tages in einem umfassenden Gemetzel gegenĂŒber den JĂŒd*innen entladen wĂŒrde. Er war nicht der Meinung, dass die Bolschewiki besonders daran interessiert waren, sein Volk [race] zu schĂŒtzen. In bestimmten Regionen im SĂŒden, in denen die JĂŒd*innen kontinuierlich ÜberfĂ€llen und PlĂŒnderungen durch RĂ€uber*innenbanden und gelegentlich auch durch einzelne Soldat*innen der Roten Armee ausgesetzt seien, hĂ€tten JĂŒd*innen die sowjetische Regierung um die Erlaubnis gebeten, sich zur Selbstverteidigung organisieren zu dĂŒrfen und gefordert, dass mensch ihnen Waffen gebe. Aber in allen dieser FĂ€lle hatte die Regierung abgelehnt.

Die Zionist*innen hatten allgemein das GefĂŒhl, dass das Fortbestehen der Bolschewiki an der Macht die Vernichtung der JĂŒd*innen bedeuten wĂŒrde. Die russischen JĂŒd*innen waren in der Regel keine Arbeiter*innen. Seit ewigen Zeiten waren sie im Handel beschĂ€ftigt, aber ihr Gewerbe war von den Kommunist*innen zerstört worden und bevor die JĂŒd*innen in Arbeiter*innen verwandelt werden könnten, wĂŒrden sie als Volk verkommen und aussterben. Spezifisch jĂŒdische Kultur, das höchste Gut der Zionist*innen, war bei den Bolschewiki verpönt. Dieser Aspekt schien sie sogar noch tiefer zu verletzen als Pogrome.

Diese intellektuellen JĂŒd*innen waren nicht Teil der proletarischen Klasse. Sie waren Bourgeoise ohne jeden revolutionĂ€ren Geist. Ihre Kritik an den Bolschewiki hinteließ bei mir keinen Eindruck, da es eine Kritik von Rechts war. Wenn ich noch immer an die Bolschewiki als die wahren Held*innen der Revolution gegelaubt hĂ€tte, hĂ€tte ich sie sicherlich gegen die Beschwerden der Zionist*innen verteidigt. Aber ich selbst hatte das Vertrauen in die revolutionĂ€re IntegritĂ€t der Bolschewiki verloren.

Kapitel 23: RĂŒckkehr nach Moskau

In einem Land, in dem die Rede- und Pressefreiheit so stark unterdrĂŒckt ist wie in Russland, ist es nicht ĂŒberraschend, dass sich der menschliche Verstand der Phantasie bedient und daraus die unglaubwĂŒrdigsten Geschichten spinnt. Bereits wĂ€hrend meiner ersten Monate in Petrograd war ich erstaunt ĂŒber die wilden GerĂŒchte, die in der Stadt herumgeisterten und denen sogar intelligente Menschen Glauben schenkten. Die sowjetische Presse war dem grĂ¶ĂŸten Teil der Bevölkerung unzugĂ€nglich und es gab keine andere Nachrichtenmedien. Jeden Morgen wurden die bolschewistischen Mitteilungen und Zeitungen an den Straßenecken angeschlagen, aber in der eisigen KĂ€lte blieben nur wenige Menschen stehen, um diese zu lesen. Daneben war das Vertrauen in die kommunistische Presse gering. Daher war Petrograd nicht nur vollstĂ€ndig von der westlichen Welt abgeschnitten, sondern auch vom Rest Russlands. Ein*e alte*r RevolutionĂ€r*in sagte einst zu mir: »Wir wissen nicht nur nicht, was auf der Welt oder in Moskau passiert, wir wissen nicht einmal, was in der nĂ€chsten Straße vor sich geht.« Dennoch lĂ€sst sich der menschliche Verstand nicht dauerhaft einsperren. Er braucht einen Ausweg und findet diesen gewöhnlich auch. Es kursierten GerĂŒchte ĂŒber versuchte AnstĂŒrme auf Petrograd und Geschichten darĂŒber, dass Sinowjew von einigen Fabrikarbeiter*innen in »sowjetische Suppe« getaucht worden und dass Moskau von den Weißen eingenommen worden sei.

Von Odessa erzĂ€hlte mensch sich, dass feindliche Schiffe vor der KĂŒste gesehen worden seien und es gab eine Menge Gerede von einem bevorstehenden Angriff. Als wir in Odessa eintrafen, war es in der Stadt ruhig und die Menschen fĂŒhrten ihr ĂŒbliches Leben. Mit Ausnahme der großen MĂ€rkte vermittelte mir Odessa das vollstĂ€ndige Bild von sowjetischer Kontrolle. Aber wir waren keine Tagesreise von der Stadt entfernt auf unserem RĂŒckweg nach Moskau, da bekamen wir schon wieder die gleichen GerĂŒchte zu hören. Der Sieg der polnischen Truppen und der voreilige RĂŒckzug der Roten Armee befeuerte die ĂŒberdrehte Vorstellungskraft der Menschen. Überall waren die Wege mit MilitĂ€rzĂŒgen blockiert und die Bahnhöfe voll mit Soldat*innen, die die Panik des RĂŒckzugs verbreiteten.

An einigen Orten bereiteten sich die sowjetischen AutoritĂ€ten darauf vor, diese bei den ersten Anzeichen von Gefahr verlassen zu können. Die Bevölkerung war dazu jedoch nicht in der Lage. An den Bahnhöfen entlang unserer Route standen Menschen in Gruppen herum und diskutierten ĂŒber den bevorstehenden Angriff. ErzĂ€hlungen von KĂ€mpfen in Rostow, anderen StĂ€dten, die bereits in der Hand Wrangels seien, Bandit*innen, die ZĂŒge anhalten und BrĂŒcken in die Luft sprengen wĂŒrden, sowie Ă€hnliche Geschichten versetzten alle in Panik. Es war natĂŒrlich unmöglich, den Wahrheitsgehalt der GerĂŒchte zu ĂŒberprĂŒfen. Aber wir wurden darĂŒber informiert, dass wir unmöglich nach Rostow am Don weiterreisen könnten, da diese Stadt bereits im militĂ€rischen Sperrgebiet lĂ€ge. Wir wurden angewiesen, in Richtung Kiew aufzubrechen und von dort nach Moskau zurĂŒckzukehren. Es war schwer fĂŒr uns, unseren Plan nach Baku zu reisen aufzugeben, aber wir hatten keine Wahl. Wir konnten kein zu großes Risiko eingehen, besonders nicht, da unser Erlaubnisschein fĂŒr den Waggon in kurzer Zeit ablaufen wĂŒrde. Wir entschieden uns ĂŒber Kiew nach Moskau zurĂŒckzukehren.

Als wir Petrograd verließen, hatten wir versprochen, aus dem SĂŒden etwas Zucker, Weizenmehl und Getreide fĂŒr unsere hungernden Freund*innen mitzubringen, denen diese Notwendigkeiten seit drei Jahren fehlten. Auf dem Weg von Kiew nach Odessa hatten wir die Lebensmittelpreise relativ gĂŒnstig vorgefunden, aber nun waren die Preise um mehrere hundert Prozent gestiegen. Ein*e Freund*in aus Odessa hatte uns von einem Ort 20 Werst [etwa 13 Meilen] von Rachno, einem kleinen Dorf bei Schmerynka, erzĂ€hlt, wo mensch Zucker, Honig und Apfelgelee zu gĂŒnstigen Preisen kaufen könne. Uns war es nicht erlaubt, Lebensmittel nach Petrograd zu transportieren, obwohl unser Waggon gegen die ĂŒblichen Durchsuchungen der Tscheka immun war. Aber wir hatten nicht die Absicht irgendetwas zu verkaufen, wir fanden es gerechtfertigt, einige Lebensmittel fĂŒr Menschen mitzubringen, die seit Jahren hungerten. Unser Waggon wurde in Schmerynka abgekoppelt und zwei MĂ€nner der Expedition und ich gingen nach Rachno.

Es war keine einfache Aufgabe die BĂ€uer*innen von Schmerynka dazu zu bringen uns in das nĂ€chste Dorf zu bringen. Ob wir ihnen Salz, NĂ€gel oder andere Waren geben könnten? Andernfalls wĂŒrden sie uns nicht befördern. Wir vergeudeten den Großteil des Tages mit einer vergeblichen Suche, aber schließlich fanden wir einen Mann, der einwilligte uns im Austausch fĂŒr Kerenski-Rubel zu dem Ort zu fahren. Die Fahrt erinnerte mich an den steinigen Weg der guten Absichten: Es ging auf und ab und wir wurden vor und zurĂŒck geworfen, wie so viele WĂŒrfel. Nach einer scheinbar endlosen Reise erreichten wir das Dorf mit Schmerzen in allen Gliedern. Es war Ă€rmlich und verkommen, JĂŒd*innen machten den Großteil der Bevölkerung aus. Die BĂ€uer*innen lebten entlang der Straße nach Rachno und besuchten den Ort nur an Markttagen. Die sowjetischen Beamt*innen waren NichtjĂŒd*innen.

Wir hatten ein Empfehlungsschreiben fĂŒr eine Ärztin, der Schwester unserer*unseres bundistischen Freund*in aus Odessa, mitgebracht. Sie sollte uns helfen, die Lebensmittel zu beschaffen. Als wir das Haus der Ärztin betraten, fanden wir sie in zwei kleinen RĂ€umen lebend vor, die schlecht gepflegt und unsauber waren, mit einem schmutzigen Baby, das umherkrabbelte. Die Frau war damit beschĂ€ftigt, Apfelgelee zu kochen. Sie war eine der desillusionierten Intellektuellen, die mensch in Russland nun so hĂ€ufig traf. Von ihr erfuhr ich, dass sie und ihr Mann, ebenfalls ein Arzt, an diesen trostlosen Ort versetzt worden seien. Sie waren vollstĂ€ndig isoliert von jedem intellektuellen Leben, hatten weder Papiere, BĂŒcher noch Gleichgesinnte. Ihr Ehemann wĂŒrde seine Runden frĂŒh am Morgen beginnen und spĂ€t in der Nacht zurĂŒckkehren, wĂ€hrend sie sich neben ihren eigenen Patient*innen um ihr Baby und den Haushalt kĂŒmmern mĂŒsse. Sie hatte sich erst kĂŒrzlich von Typhus erholt und es fiel ihr schwer Holz zu hacken, Wasser zu schleppen, zu waschen und zu kochen und nach ihren Kranken zu sehen. Aber was ihr Leben unertrĂ€glich mache, sei die allgemeine Feindschaft gegenĂŒber der Intelligenzija. Ihnen werde bestĂ€ndig vorgeworfen, dass sie bourgeois und konterrevolutionĂ€r seien und sie wĂŒrden der Sabotage beschuldigt werden. Nur wegen ihres Kindes wĂŒrde sie ihr schĂ€biges Leben fortsetzen, sagte die Frau, »andernfalls wĂ€re es besser tot zu sein.«

Eine junge Frau, Ă€rmlich gekleidet, aber sauber und gepflegt, betrat das Haus und wurde als Schullehrerin vorgestellt. Sie begann sofort, sich mit mir zu unterhalten. Sie sei eine Kommunistin, erklĂ€rte sie, die »selbst denke«. »Moskau mag autokratisch sein«, sagte sie, »aber die AutoritĂ€ten in den StĂ€dten und Dörfern hier ĂŒbertreffen Moskau. Sie tun, was sie wollen.« Die Beamt*innen der Provinz seien vom großen Sturm angespĂŒltes Treibgut. Sie hĂ€tten keine revolutionĂ€re Vergangenheit – sie hĂ€tten fĂŒr ihre Ideale nicht gelitten. Sie seien nur Sklav*innen in Machtpositionen. Wenn sie selbst keine Kommunistin gewesen wĂ€re, wĂ€re sie schon vor langer Zeit beseitigt worden, aber so sei sie dazu bestimmt, gegen die MissstĂ€nde in ihrem Bezirk zu kĂ€mpfen. Die Schulen tĂ€ten ihr Möglichstes unter den gegebenen UmstĂ€nden, aber das sei nicht besonders viel. Ihnen mangele es an allem. Im Sommer sei es nicht so schlimm, aber im Winter mĂŒssten die Kinder zu Hause bleiben, da die Klassenzimmer nicht beheizt seien. Ob es stimme, dass Moskau glĂŒhende Artikel ĂŒber den großen RĂŒckgang von Analphetismus veröffentliche? Nun, das sei mit Sicherheit ĂŒbertrieben. In ihrem Dorf sei der Fortschritt nur sehr langsam. Sie hatte sich oft gefragt, ob es wirklich so sehr auf sogenannte Bildung ankĂ€me. Angenommen die BĂ€uer*innen wĂŒrden lesen und schreiben lernen, wĂŒrde sie das zu besseren und lieberen Menschen machen? Wenn das so wĂ€re, warum gibt es dann so viel Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Konflikte in LĂ€ndern, in denen die Menschen keine Analphabet*innen sind? Die russischen BĂ€uer*innen könnten nicht lesen und schreiben, aber sie hĂ€tten einen angeborenen Sinn fĂŒr Gerechtigkeit und Schönheit. Sie könnten wundervolle Dinge mit ihren HĂ€nden vollbringen und sie seien nicht brutaler als der Rest der Welt.

Ich war begeistert, einen so ungewöhnlichen Standpunkt bei jemand so jungem und an einem so abgelegenen Ort zu finden. Die kleine Lehrerin konnte kaum Ă€lter als fĂŒnfundzwanzig Jahre alt sein. Ich ermutigte sie ihre Meinung zur allgemeinen Politik und den Methoden ihrer Partei zu erzĂ€hlen. BefĂŒrworte sie sie, hielt sie sie fĂŒr geboten durch den revolutionĂ€ren Prozess? Sie sei keine Politikerin, sagte sie, sie wĂŒrde sich da nicht auskennen. Sie könne nur die Ergebnisse bewerten und die seien alles andere als zufriedenstellend. Aber sie hĂ€tte Vertrauen in die Revolution. Sie hĂ€tte den Boden entwurzelt, sie hĂ€tte dem Leben eine neue Bedeutung gegeben. Sogar die BĂ€uer*innen seien nicht mehr dieselben – keine*r sei mehr wie vorher. Aus all dem Durcheinander mĂŒsse etwas Großes entstehen.

Die Ankunft des Arztes lenkte die Unterhaltung in andere Bahnen. Nachdem er ĂŒber unseren Auftrag informiert worden war, ging er, um einige HĂ€ndler*innen zu suchen, kehrte jedoch sogleich zurĂŒck, um uns zu sagen, dass er nichts tun könne: Es war der Abend von Jom Kippur und alle JĂŒd*innen seien in der Synagoge. UnglĂ€ubig wie ich bin, hatte ich nicht gewusst, dass ich am Abend dieses heiligsten Feiertags gekommen war. Da wir nicht noch einen Tag bleiben konnten, beschlossen wir unverrichteter Dinge wieder zurĂŒckzukehren.

Dabei ergab sich eine neue Schwierigkeit. Unser Fahrer wĂŒrde nicht losfahren, außer wir wĂŒrden von einer bewaffneten Wache begleitet werden. Er hatte Angst vor Bandit*innen: Zwei Tage zuvor, sagte er, hĂ€tten sie Reisende im Wald angegriffen. Es wurde notwendig, sich an den Vorsitzenden der BĂŒrgerwehr zu wenden. Der war bereit uns zu helfen, aber alle seine MĂ€nner waren in der Synagoge, um zu beten. Ob wir warten könnten, bis die Feierlichkeiten vorĂŒber seien?

Schließlich strömten die Menschen aus der Synagoge und uns wurden zwei bewaffnete MilizionĂ€re zugeteilt. Diese beiden jĂŒdischen Burschen traf es hart, denn es galt als SĂŒnde an Jom Kippur zu reiten. Aber nichts konnte den Bauern dazu veranlassen den Weg durch die WĂ€lder ohne militĂ€rische Begleitung zu wagen. Das Leben erzĂ€hlt in der Tat die verrĂŒcktesten Geschichten. Der Bauer, ein ĂŒberzeugter Ukrainer, hĂ€tte keinen Moment gezögert, JĂŒd*innen wĂ€hrend eines Pogroms zu schlagen und auszurauben, doch nun fĂŒhlte er sich unter dem Schutz von Juden sicher vor möglichen Angriffen seiner eigenen Glaubensgenoss*innen.

Wir ritten hinaus in die helle Herbstnacht; der Himmel war mit Sternen ĂŒbersĂ€t. Es herrschte eine beruhigende Stille, die ganze Natur war in einen Schlaf gefallen. Der Fahrer und unsere Wachen unterhielten sich ĂŒber die Bandit*innen und eiferten mit ihren haarstrĂ€ubenden Geschichten ĂŒber die von ihnen begangenen Gewalttaten um die Wette. Als wir den dunklen Wald erreichten, stellte ich die Überlegung an, dass ihre lauten Stimmen unsere Ankunft jeder*jedem StraßenrĂ€uber*in verkĂŒnden wĂŒrden, die*der sich auf die Lauer gelegt hĂ€tte. Die Soldaten richteten sich auf dem Wagen auf und hielten ihre Gewehre im Anschlag, der Bauer bekreuzigte sich und peitschte die Pferde zu einem wilden Galopp, den er beibehielt, bis wir zurĂŒck auf der offenen Straße waren. All das war ziemlich aufregend, aber wir begegneten keinen Bandit*innen. Sie mussten in dieser Nacht gestreikt haben.

Wir erreichten den Bahnhof zu spĂ€t, um Anschluss zu finden und mussten daher bis zum nĂ€chsten Morgen warten. Ich verbrachte die Nacht in Gesellschaft eines MĂ€dchens in Soldat*innenuniform, einer Kommunistin. Sie erzĂ€hlte, dass sie an jeder Front und auch gegen zahlreiche Bandit*innen gekĂ€mpft habe. Sie war eine Art Heldin [Playboy] der Östlichen Welt, die stĂŒndlich neue Geschichten erzĂ€hlte. Ihre Lieblingsgeschichten handelten von Erschießungen. »Einige KonterrevolutionĂ€r*innen, Soldat*innen der Weißen Armeen und Spekulant*innen«, sagte sie, »sollten alle erschossen werden.« Ich dachte an die kleine Schullehrerin, die entzĂŒckende Seele des Dorfes, die sich dem harten und schmerzhaften Dienst gegenĂŒber den Kindern widmete, gegenĂŒber der Schönheit im Leben, wĂ€hrend ihrer Genossin hier, ebenfalls eine junge Frau, jedoch abgebrĂŒht und grausam, jeder Sinn fĂŒr revolutionĂ€re Werte fehlte. Beide waren Kinder der gleichen Schule und doch waren sie so verschieden.

Am Morgen schlossen wir uns wieder der Expedition in Schmerynka an und setzten unsere Reise nach Kiew fort, wo wir Ende September ankamen und die Stadt völlig verĂ€ndert vorfanden. Die Panik vor der Zwölften Armee lag in der Luft; der Feind wurde lediglich 150 Werst [ungefĂ€hr 99 Meilen] entfernt vermutet und viele sowjetische Einrichtungen wurden evakuiert, was zur allgemeinen Besorgnis und Angst beitrug. Ich besuchte Wetoschkin, den Vorsitzenden des Revkoms und seinen SekretĂ€r. Letzterer fragte nach Odessa, begierig zu wissen, wie die Dinge dort standen, ob der Handel unterdrĂŒckt sei und wie die sowjetischen Einrichtungen arbeiteten. Ich erzĂ€hlte ihm von der allgemeinen Sabotage, der Spekulation und den Schrecken der Tscheka. Hinsichtlich des Handels seien alle GeschĂ€fte geschlossen und alle Hinweisschilder entfernt, aber auf den MĂ€rkten wĂŒrden große GeschĂ€fte gemacht werden. »TatsĂ€chlich? Nun, das musst du dem Genossen Wetoschkin erzĂ€hlen«, rief der SekretĂ€r vergnĂŒgt aus. »Wie du dir sicher denken kannst, war Rakowski hier und hat uns wahre Wundergeschichten ĂŒber die Errungenschaften in Odessa erzĂ€hlt. Er setzte uns unter Druck, weil wir nicht so viel erreicht hĂ€tten. Du musst Wetoschkin alles ĂŒber Odessa erzĂ€hlen, er wird diesen Witz ĂŒber Rakowski geniesen.«

Ich traf Wetoschkin auf der Treppe, als ich das BĂŒro verlassen wollte. Er sah dĂŒnner aus als das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte und sehr besorgt. Als ich ihn zur bevorstehenden Gefahr befragte, brachte er Licht in die Sache. »Wir werden nicht evakuieren«, sagte er, »wir werden hier bleiben. Es ist der einzige Weg, die Öffentlichkeit zu beruhigen.« Auch er fragte mich ĂŒber Odessa aus. Ich versprach, ihn spĂ€ter wieder zu besuchen, da ich gerade keine Zeit hatte, aber ich hatte keine Gelegenheit mehr, Wetoschkin wiederzusehen, um ihm den Witz ĂŒber Rakowski zu erzĂ€hlen. Wir verließen Kiew zwei Tage spĂ€ter.

In Brjansk, einem Industriezentrum nicht weit entfernt von Moskau, sahen wir große Plakate, die verkĂŒndeten, dass Machno wieder in der Gunst der Bolschewiki stand und dass er sich durch Heldentaten gegen Wrangel auszeichne. Das war angesichts der Tatsache, dass die sowjetischen Zeitungen Machno immer als Banditen, KonterrevolutionĂ€r und VerrĂ€ter dargestellt hatten, eine ĂŒberraschende Nachricht. Was war passiert, dass es zu diesem Wandel der Einstellung und des Tons gekommen war? Das aufregende Abenteuer, dass unser Waggon aufgehalten und wir als Gefangene von den Machnowtschist*innen entfĂŒhrt wĂŒrden, hatte nicht geklappt. Zu dem Zeitpunkt, zu dem wir den Bezirk erreichten, in dem Machno im September gewesen war, war er von uns abgeschnitten. Es wĂ€re sehr interessant gewesen, den AnfĂŒhrer der BĂ€uer*innen von Angesicht zu Angesicht zu treffen und von ihm aus erster Hand zu erfahren, wie er so drauf sei. Er war unzweifelhaft die pittoreskeste und lebendigste Figur, die durch die Revolution im SĂŒden hervorgebracht worden war – und nun war er wieder einmal mit den Bolschewiki verbĂŒndet. Was war passiert? Es gab keinen Weg das herauszufinden, bevor wir Moskau erreichen wĂŒrden.

Aus einer Ausgabe der Iswestija, die uns auf unserer Reise in die HĂ€nde gefallen war, erfuhren wir die traurige Nachricht von John Reeds Tod. FĂŒr diejenigen von uns, die Jack gekannt hatten, war das ein schwerer Schlag. Das letzte Mal, dass ich ihn gesehen hatte, war im GĂ€stehaus von Petrograd, dem Hotel International gewesen. Er war gerade nach seiner Verhaftung dort aus Finnland zurĂŒckgekehrt und lag krank im Bett. Mir war gesagt worden, dasss Jack alleine sei und sich keine*r richtig um ihn kĂŒmmere, also war ich gekommen, um ihn zu pflegen. Er war in schlechtem Zustand gewesen, ĂŒberall aufgeschwollen und mit einem hĂ€sslichen Ausschlag an seinen Armen, ein Ergebnis von UnterernĂ€hrung. In Finnland hatte mensch ihn fast ausschließlich mit getrocknetem Fisch ernĂ€hrt und ihn auch anderweitig elendig behandelt. Er war sehr krank, aber im Geiste war er der Alte geblieben. UnabhĂ€ngig davon, wie radikal sich die eigenen Ansichten von denen von Jack unterschieden, konnte eine*r nicht umhin, Jack fĂŒr seinen großen, edelmĂŒtigen Geist zu lieben. Und nun war er tot, hatte sein Leben im Dienste der Revolution geopfert, wie er glaubte.

Als ich in Moskau ankam, besuchte ich sofort das GĂ€stehaus, den Delowoj Dwor, wo Louise Bryant, Jacks Ehefrau, wohnte. Ich traf sie furchtbar aufgewĂŒhlt an und sie war froh darĂŒber, eine zu sehen, die Jack so gut gekannt hatte. Wir sprachen ĂŒber ihn, ĂŒber seine Krankheit, sein Leiden und schließlich seinen Tod. Sie war sehr verbittert darĂŒber, dass Jack, wie sie sagte, nach Baku bestellt worden sei, um dem Kongress der Völker des Ostens beizuwohnen, obwohl er damals bereits sehr krank gewesen sei. Er kehrte im Sterbenliegend zurĂŒck. Aber selbst damals hĂ€tte er noch gerettet werden können, wenn mensch ihm kompetente medizinische Aufmerksamkeit gewidmet hĂ€tte. Eine Woche lang hatte er in seinem Zimmer gelegen, ohne dass die Ärzt*innen sich dazu entscheiden konnten eine Diagnose ĂŒber die Ursache seiner Erkrankung zu stellen. Dann war es zu spĂ€t gewesen. Ich konnte Louises GefĂŒhle gut nachvollziehen, auch wenn ich davon ĂŒberzeugt war, dass mensch alles Menschenmögliche fĂŒr Reed getan hatte. Ich wusste, dass, was auch immer mensch den Bolschewiki vorwerfen konnte, die VernachlĂ€ssigung derer, die ihnen dienten, nicht dazu gehörte. Im Gegenteil: Sie waren großzĂŒgige Herrscher*innen. Aber Louise hatte das, was ihr am kostbarsten gewesen war, verloren.

WĂ€hrend unserer Unterhaltung fragte sie nach meinen Erfahrungen und ich erzĂ€hlte ihr von dem Konflikt in mir, von der verzweifelten Anstrengung, die ich unternommen hatte, um Ordnung in das Durcheinander zu bringen und dass ich nun, wo sich der Nebel lichtete, damit begann zwischen den Bolschewiki und der Revolution zu unterscheiden. Seit ich nach Russland gekommen war, hatte ich begonnen zu fĂŒhlen, dass etwas mit dem bolschewistischen Regime nicht stimmte und ich hatte mich wie in einer Falle gefangen gefĂŒhlt. »Wie unheimlich!« Louise packte mich plötzlich am Arm und sah mich mit großen Augen an. »â€șGefangen in einer Falleâ€č waren genau die Worte, die Jack in seinem Delirium wiederholte.« Ich begriff, dass der arme Jack ebenfalls begonnen hatte, hinter die Kulissen zu blicken. Sein freier, uneingeschrĂ€nkter Geist strebte nach den wahren Werten des Lebens. Er wĂŒrde sich aufreiben, wenn er von einem Dogma, das sich selbst als unverĂ€nderbar bezeichnete, eingeschrĂ€nkt wĂŒrde. WĂŒrde Jack noch leben, wĂŒrde er sich tapfer an das Ding klammern, das ihn in der Falle gefangen hielt. Aber im Angesicht des Todes hat der menschliche Verstand manchmal eine Erleuchtung: Er sieht plĂ€tzlich klar, was ihm unter normalen UmstĂ€nden schleierhaft und vor ihm verborgen ist. Besonders ĂŒberrascht war ich nicht, dass Jack genauso gefĂŒhlt hatte, wie ich es tat, immerhin muss jede*r, die*der kein*e Fanatiker*in ist, in Russland so fĂŒhlen – wie in einer Falle gefangen.

Kapitel 24: ZurĂŒck in Petrograd

Die Expedition sollte am nĂ€chsten Tag nach Petrograd weiterreisen, aber Louise bat mich, zur Beerdigung zu bleiben. Am Sonntag, den 23. Oktober, fuhren einige Freund*innen mit ihr zum Gewerkschaftshaus, wo Reeds Körper aufgebahrt war. Ich begleitete Louise, als die Prozession zum Roten Platz aufbrach. Dort gab es Reden – Ă€ußerst kalte und klischeehafte Deklamationen ĂŒber den Wert Jack Reeds fĂŒr die Revolution und die Kommunistische Partei. Sie alle klangen mechanisch, weit entfernt vom Geist des toten Mannes im frischen Grab. Nur eine Rednerin wurde dem echten Jack Reed gerecht – Alexandra Kollontai. Sie hatte die KĂŒnstlerseele des Verstorbenen verstanden, die so viel tiefgrĂŒndiger und schöner als irgendein Dogma gewesen war. Sie nutzte die Gelegenheit um ihre Genoss*innen zu ermahnen. »Wir nennen uns selbst Kommunist*innen«, sagte sie, »aber sind wir das wirklich? Ziehen wir nicht die Lebenskraft von denen, die zu uns kommen, und lassen sie fallen, wenn sie uns nicht weiter von Nutzen sind, vernachlĂ€ssigt und vergessen? Unser Kommunismus und unsere Kameradschaft sind tote Worte, wenn wir uns nicht denjenigen, die uns brauchen, widmen. Lasst uns uns vor einem solchen Kommunismus hĂŒten. Er tötet die besten unter uns. Jack Reed war einer der Besten.«

Die ernsten Worte von Kollontai missfielen den hohen Parteimitgliedern. Bucharin runzelte seine Stirn, Reinstein zappelte herum und andere grummelten. Aber ich war froh ĂŒber das, was Kollontai gesagt hatte. Nicht nur weil das, was sie gesagt hatte, Jack Reed besser charakterisierte als irgendetwas anderes, was an diesem Tag gesagt worden war, sondern auch, weil es sie mir nĂ€her brachte. In Amerika hatten wir wiederholt versucht uns zu treffen, aber es nie geschafft. Als ich im MĂ€rz 1920 nach Moskau kam, war Kollontai krank. Ich konnte sie nur kurz treffen, bevor ich nach Petrograd zurĂŒckkehrte. Wir sprachen ĂŒber die Dinge, die mich beschĂ€ftigten. WĂ€hrend unseres GesprĂ€chs hatte Kollontai bemerkt: »Ja, es gibt viele dĂŒsteren Seiten in Russland.« »DĂŒster«, fragte ich, »nichts weiter?« Ich war unangenehm betroffen von einer aus meiner Sicht ziemlich oberflĂ€chlichen Sichtweise. Aber ich versicherte mich, dass Kollontais unzureichendes Englisch dafĂŒr verantwortlich war, das, was fĂŒr mich ein totaler Zusammenbruch aller Ideale war, als »dĂŒster« zu bezeichnen.

Unter anderem hatte Kollontai damals gesagt, dass ich ein großartiges Arbeitsfeld unter den Frauen finden wĂŒrde, da bis zu dieser Zeit nur sehr wenig getan worden war, sie aufzuklĂ€ren und zu stĂ€rken. Wir schieden voneinander in Freundschaft, aber ich fĂŒhlte bei ihr nicht das gleiche GefĂŒhl von WĂ€rme und Verbundenheit, das ich gegenĂŒber Angelica Balabanowa empfand. Hier, am offenen Grab von Reed brachten ihre Worte sie mir nĂ€her. Auch sie war tief bewegt, dachte ich.

Louise Bryant war in eine tiefe Ohnmacht gefallen und lag mit dem Gesicht nach unten auf der feuchten Erde. Nur durch große Anstrengung konnten wir sie wieder auf die Beine bringen. Aufgelöst brachten wir sie im wartenden Wagen zu ihrem Hotel und legten sie ins Bett. Draußen war der Himmel grau verhangen und er weinte auf das frische Grab von Jack Reed. Und ganz Russland schien ein frisches Grab zu sein.

Bei unserem Aufenthalt in Moskau hatten wir die ErklĂ€rung fĂŒr den plötzlichen Sinneswandel der kommunistischen Presse gegenĂŒber Machno gefunden. Die Bolschewiki, von Wrangel ziemlich unter Druck gesetzt, suchten die Hilfe der ukrainischen Armee der povstantsi. Ein politisch-militĂ€risches Abkommen zwischen der sowjetischen Regierung und Nestor Machno stand kurz vor dem Abschluss. Letzterer sollte beim Feldzug gegen den konterrevolutionĂ€ren Feind vollstĂ€ndig mit der Roten Armee kooperieren. Auf der anderen Seite akzeptierten die Bolschewiki die folgenden Bedingungen Machnos:

1.


Die sofortige Freilassung und ein Ende der Verfolgung aller Machnowtschist*innen und Anarchist*innen außer in den FĂ€llen, in denen sie mit Waffengewalt gegen das sowjetische Regime rebelliert hatten.

1.


VollstĂ€ndige Rede- und Pressefreiheit fĂŒr Machnowtschist*innen und Anarchist*innen, jedoch ohne das Recht zu bewaffeneten AufstĂ€nden gegen die sowjetische Regierung aufzurufen und Unterwerfung unter die militĂ€rische Zensur.

1.

Freie Teilnahme an den Wahlen der Sowjets, das Recht der Machnowtschist*innen und Anarchist*innen zu kandidieren und den fĂŒnften Allukrainischen RĂ€tekongress auszurichten.

Die Vereinbarung beinhaltete auch das Recht der Anarchist*innen, einen Kongress in Charkiw einzuberufen und erste Vorbereitungen waren getroffen worden, um diesen im Oktober abzuhalten. Zahlreiche Anarchist*innen wollten daran teilnehmen und waren beschwingt von dieser Aussicht. Aber mein Vertrauen in die Bolschewiki hatte zu viele RĂŒckschlĂ€ge erlitten. Ich glaubte nicht nur nicht daran, dass der Kongress stattfinden wĂŒrde, sondern ich sah darin einen Komplott der Bolschewiki, alle Anarchist*innen an einem Ort zu versammeln, um sie zu vernichten. Fakt war jedoch, dass einige Anarchist*innen, unter ihnen der bekannte Autor und Redner Volin, bereits entlassen worden waren und sich nun auf freiem Fuß in Moskau befanden.

Wir brachen nach Petrograd auf, um dem Museum die Wagenladung wertvoller Materialien zu bringen, die wir im SĂŒden gesammelt hatten. Noch wertvoller waren die Erfahrungen der Mitglieder der Expedition, die durch den persönlichen Kontakt mit Menschen unterschiedlichster Ansichten oder ohne Ansichten und durch den Eindruck des sozialen Panoramas, wie es sich tĂ€glich vor einer*einem ausbreitete, bereichert worden waren. Das war ein Schatz von viel grĂ¶ĂŸerem Wert als alle Papierdokumente. Aber der bessere Einblick in die Situation hatte meine inneren Zweifel verstĂ€rkt. Ich hatte mich danach gesehnt meine Augen und Ohren zu schließen, um nicht die anschuldigende Hand zu sehen, die auf die blauĂ€ugigen Fehler und bewussten Verbrechen deutete, die die Revolution erdrĂŒckten. Ich hatte die unerbittliche Stimme der Tatsachen nicht hören wollen, die nun keinerlei persönliche Bindungen mehr zum Schweigen bringen konnten. Ich wusste, dass die Revolution und die Bolschewiki, von denen behauptet wurde, sie seien ein und dasselbe, GegensĂ€tze waren, widersprĂŒchlich in ihrem Sinn und Zweck. Die Revolution hatte ihre Wurzeln tief im Leben der Menschen. Der kommunistische Staat basierte auf einem Programm, das von einer politischen Partei mit Gewalt durchgesetzt wurde. Im Wettkampf war die Revolution erschlagen worden, aber die Mörderin rang ebenfalls nach Luft. In Amerika hatte ich geglaubt, dass die Interventionist*innen, die Blockade und die Verschwörung der Imperialist*innen die Revolution zerstörten. Aber was ich damals nicht gekannt hatte, war die Rolle der Bolschewiki in diesem Prozess. Nun begriff ich, dass sie die TotengrĂ€ber*innen waren.

Mir war erdrĂŒckend bewusst, was ich den Arbeiter*innen Europas und Amerikas schuldete: Ich musste ihnen die Wahrheit ĂŒber Russland erzĂ€hlen. Aber wie konnte ich das aussprechen, wo das Land doch noch immer an mehreren Fronten belagert wurde? Das wĂŒrde bedeuten, Polen und Wrangel in die HĂ€nde zu spielen. Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ich mich zurĂŒck, gewichtige soziale MissstĂ€nde zu enthĂŒllen. Ich fĂŒhlte mich, als wĂŒrde ich das Vertrauen der Massen missbrauchen, besonders das der amerikanischen Arbeiter*innen, deren Vertrauen ich besonders schĂ€tzte.

In Petrograd angekommen, lebte ich vorĂŒbergehend im Hotel International. Ich beabsichtigte, irgendwo anders ein Zimmer zu finden, entschlossen von der Regierung keine Privilegien mehr anzunehmen. Das International war voll mit Besucher*innen aus dem Ausland. Viele hatten keine Ahnung, warum oder wofĂŒr sie gekommen waren. Sie hatten sich einfach in dem Land, von dem sie dachten, dass es das Paradies der Arbeiter*innen sei, versammelt. Ich erinnere mich an meine Erlebnisse mit einem bestimmten I.W.W.-Kerl. Er hatte eine kleine Menge an VorrĂ€ten nach Russland gebracht: Nadeln, Faden und andere Ă€hnliche Notwendigkeiten. Er bestand darauf, dass er mit mir teilen dĂŒrfe. »Aber du wirst jedes bisschen davon selbst brauchen«, sagte ich ihm. NatĂŒrlich wusste er, dass es eine große Knappheit in Russland gab. Aber das Proletariat sei an der Macht und als Arbeiter könne er alles bekommen, was er brauche. Oder er wĂŒrde »ein StĂŒck Land bekommen und eine HeimstĂ€tte errichten.« Er sei fĂŒnfzehn Jahre in der Wobbly-Bewegung gewesen und er hĂ€tte »nichts dagegen, sesshaft zu werden.« Was hĂ€tte ich zu einem solch arglosen Menschen sagen sollen? Ich hatte nicht den Mut, ihn zu desillusionieren. Ich wusste, er wĂŒrde es bald genug selbst lernen. Dennoch war es herzergreifend, solche Menschen in das verhungernde Russland strömen zu sehen. Dennoch konnten sie Russland nicht den Schaden zufĂŒgen, den die andere Art anrichtete – Kreaturen aus allen Ecken der Welt, fĂŒr die die Revolution eine Goldmine darstellte. Von ihnen gab es viele im Hotel International. Sie alle erzĂ€hlten MĂ€rchen vom wundersamen Wachstum des Kommunismus in Amerika, Irland, China, PalĂ€stina. Solche Geschichten waren Balsam fĂŒr die hungrigen Seelen der MĂ€nner an der Macht. Sie hießen sie willkommen, wie eine alte Magd die Schmeicheleien ihres ersten Verehrers begrĂŒĂŸt. Sie schickten diese BetrĂŒger*innen finanziell gut ausgestattet zurĂŒck nach Hause, damit sie Lobeshymnen auf die Arbeiter*innen- und BĂ€uer*innenrepublik sĂ€ngen. Es war sowohl tragisch als auch komisch, die Brut dabei zu beobachten, wie sie sich alle mit »wichtigen GeheimauftrĂ€gen« aufplusterten.

Ich empfing viele Besucher*innen in meinem Zimmer, unter ihnen meine kleine Nachbarin vom Astoria mit ihren beiden Kindern, eine*n Kommunist*in der französischen Sektion und einige der AuslĂ€nder*innen. Meine Nachbarin sah krank und besorgt aus, seit ich sie zuletzt im Juni 1920 gesehen hatte. »Bist du krank?«, fragte ich sie bei einer Gelegenheit. »Nicht wirklich«, sagte sie, »ich bin die meiste Zeit hungrig und erschöpft. Der Sommer war hart: Als Inspekteur*in von KinderhĂ€usern muss ich viel laufen. Ich komme total erschöpft nach Hause zurĂŒck. Meine neunjĂ€hrige Tochter besucht eine Kindersiedlung, aber ich kann es nicht riskieren, meinen Baby-Sohn dort hinzuschicken, wegen seiner Erfahrungen im letzten Jahr, als er so vernachlĂ€ssigt wurde, dass er fast gestorben wĂ€re. Ich musste ihn den ganzen Sommer in der Stadt behalten, was es fĂŒr mich doppelt so anstrengend macht. Dennoch wĂ€re das alles nicht so schlimm, wenn es nicht die subotniki und voskresniki (freiwillige samstĂ€gliche und sonntĂ€gliche Arbeitstage der Kommunist*innen) gĂ€be. Die zehren meine Kraft vollstĂ€ndig auf. Du erinnerst dich daran, wie sie angefangen haben – wie ein Picknick mit Trompeten und Gesang, MĂ€rschen und Festlichkeiten. Wir fĂŒhlten uns inspiriert, besonders wenn wir unsere fĂŒhrenden Genoss*innen Spitzhacke und Schaufel aufnehmen und zulangen sahen. Aber das gehört alles der Vergangenheit an. Die subotniki sind grau und inspirationslos geworden, zu einer auferlegten Pflicht ohne RĂŒcksicht auf Lust, körperliche Fitness oder die ganze ĂŒbrige Arbeit, die eine*r zu erledigen hat. Nichts hat jemals Erfolg in unserem armen Russland. Wenn ich nur hier raus kĂ€me, nach Schweden, Deutschland, irgendwohin, weit weg von all dem.« Arme kleine Frau. Sie war nicht die einzige, die das Land aufgeben wollte. Es war ihre Liebe zu Russland und ihre bittere EnttĂ€uschung, die in den meisten Menschen das Verlangen weckte wegzulaufen.

Einige andere Kommunist*innen, die ich in Petrograd kannte, waren sogar noch verbitterter. Immer wenn sie mich besuchten, wiederholten sie ihre Entschlossenheit aus der Partei auszutreten. Sie sagten, sie wĂŒrden in der AtmosphĂ€re von Intrigen, blindem Hass und gefĂŒhlloser Verfolgung ersticken. Aber es erforderte eine beachtliche Willenskraft die Partei zu verlassen, die das Schicksal von mehr als einhundert Millionen Menschen absolut kontrollierte und meinen kommunistischen Besucher*innen fehlte die Kraft dazu. Aber das minderte nicht ihr Elend, das sogar ihren gesundheitlichen Zustand beeintrĂ€chtigte, obwohl sie die grĂ¶ĂŸten Rationen bekamen und ihre Mahlzeiten im exklusiven Speisesaal des Smolny einnahmen. Ich erinnere mich an meine Überraschung darĂŒber, dass es zwei getrennte Restaurants im Smolny gab, eines, in dem den bedeutenden Mitgliedern des Petrograder Sowjets und der Dritten Internationale gesunde und ausreichend Speisen serviert wurden, wĂ€hrend das andere fĂŒr die gewöhnlichen Angestellten der Partei war. Es hatte sogar einmal drei Restaurants gegeben. Irgendwie hatten die Matros*innen von Kronstadt davon erfahren. Sie kamen als Masse herunter und schlossen zwei der SpeisesĂ€le. »Wir haben die Revolution gemacht, damit alle gleich sind,« sagten sie. Eine zeitlang gab es nur ein Restaurant, aber spĂ€ter wurde das zweite eröffnet. Aber selbst in letzterem waren die Mahlzeiten denen in den sowjetischen SpeisesĂ€len fĂŒr die »einfachen Leute« weit ĂŒberlegen.

Einige der Kommunist*innen hatten diese Diskriminierung beanstandet. Sie sahen den Pfusch, die Intrigen, die Zerstörung des Lebens, die im Namen des Kommunismus betrieben wurden, aber sie hatten nicht die StĂ€rke und den Mut zu protestieren oder sich von der Partei, die fĂŒr diese Ungerechtigkeiten und BrutalitĂ€ten verantwortlich war, zu trennen. Oft schĂŒtteten sie mir ihr Herz ĂŒber die Angelegenheiten aus, ĂŒber die sie es nicht wagten, in ihren eigenen Kreisen zu sprechen. Dadurch erfuhr ich eine Menge ĂŒber die innere Funktionsweise der Partei und der Dritten Internationale, was vor der Außenwelt ĂŒblicherweise sorgfĂ€ltig verborgen wurde. Darunter war die Geschichte von der mutmaßlichen finnischen weißen Verschwörung, die in der Ermordung von sieben fĂŒhrenden finnischen Kommunist*innen in Petrograd resultierte. Ich hatte davon in den sowjetischen Zeitungen gelesen, als ich in der Ukraine gewesen war. Ich erinnere mich an das GefĂŒhl neuer Ungeduld gegenĂŒber mir selbst, dass ich dem bolschewistischen Regime zu einer Zeit kritisch gegenĂŒberstĂŒnde, zu der konterrevolutionĂ€re AktivitĂ€ten noch immer so aktiv seien. Aber von meinen kommunistischen Besucher*innen erfuhr ich, dass der veröffentlichte Bericht von vorne bis hinten erlogen war. Es sei keine weiße Verschwörung gewesen, sondern ein Konflikt zwischen zwei Gruppen der Bolschewiki: Den moderaten finnischen Kommunist*innen, die verantwortlich waren fĂŒr die Propaganda, die von Petrograd aus verbreitet wurde, und dem linken FlĂŒgel, der in Finnland arbeitete. Die Moderaten waren AnhĂ€nger*innen Sinowjews und waren durch ihn an ihre Position gekommen. Die Linken hatten sich in der Dritten Internationale wiederholt ĂŒber den Konservatismus und die Kompromisse ihrer Genoss*innen in Petrograd beschwert und den Schaden kritisiert, den diese in der Bewegung in Finnland anrichten wĂŒrden. Sie baten darum, dass die Verantwortlichen abgesetzt werden wĂŒrden. Mensch ignorierte sie. Am 31. August 1920 kamen die Linken nach Petrograd und gingen zum Hauptquartier der Moderaten. Bei einer Sitzung letzterer forderten sie, dass das Exekutivkomitee zurĂŒcktreten und ihnen alle BĂŒcher und Konten ĂŒbergeben solle. Weil ihre Forderungen abgelehnt wurden, eröffneten die jungen finnischen Kommunist*innen das Feuer und töten sieben ihrer Genoss*innen. Die AffĂ€re wurde der Welt als konterrevolutionĂ€re Verschwörung weißer Finn*innen verkĂŒndet.

Am 7. November (nach alter Zeitrechnung am 25. Oktober) wurde der dritte Jahrestag der Oktoberrevolution gefeiert. Ich hatte so viele offizielle Demonstrationen gesehen, dass ich das Interesse an ihnen verloren hatte. Dennoch ging ich zum Versammlungsort, weil ich hoffte, eine neue Variation zu sehen zu bekommen. Es stellte sich als Wiederaufguss der gleichen Sache heraus, die ich immer und immer wieder zu sehen bekommen hatte. Besonders der Festzug war eine Demonstration der kommunistischen Ideenarmut. Kerenski und sein Kabinett, Tschernow und die Konstituierende Versammlung und die ErstĂŒrmung des Winterpalasts dienten erneut als Marionetten, um die Rolle der Bolschewiki als »Retter*innen der Revolution« zu betonen. Das Ganze war schlecht gespielt und armselig inszeniert und kam nicht an. Mich erinnerten die Feierlichkeiten mehr an eine Beerdigung als an die Geburt der Revolution.

WĂ€hrend des ganzen Novembers herrschte eine große Aufregung in Petrograd. Es kursierten zahlreiche GerĂŒchte ĂŒber Streiks, Festnahmen und ZusammenstĂ¶ĂŸe zwischen Arbeiter*innen und Soldat*innen. Es war schwierig, die Fakten zu ĂŒberprĂŒfen. Aber die außerordentliche Kommissionssitzung, die von der Partei im Ersten Haus der Sowjets einberufen worden war, war ein Zeichen dafĂŒr, dass die Lage ernst war. Am frĂŒhen Nachmittag war der gesamte Platz vor dem Astoria mit Autos einflussreicher Kommunist*innen vollgestellt, die zur Teilnahme an der Sondersitzung herbestellt worden waren. Am nĂ€chsten Morgen erfuhren wir, dass die Petrograder Sitzung in Übereinstimmung mit dem Moskauer Dekret entschieden hatte, einige wichtige bolschewistische Arbeiter*innen in die Fabriken und LĂ€den zu mobilisieren. Dreihundert Mitglieder der Partei, einige von ihnen hohe Regierungsbeamt*innen und andere, die verantwortungsvolle Positionen im Petrograder Sowjet inne hatten, wurden auf der Stelle zum Arbeiten beordert, um dem Proletariat zu beweisen, dass Russland tatsĂ€chlich eine Arbeiter*innenregierung hĂ€tte. Auf diese Art und Weise wollte mensch die wachsende Unzufriedenheit unter den Proletarier*innen beruhigen und dem Einfluss anderer politischer Parteien unter ihnen entgegenwirken. Zorin war einer der dreihundert.

Dennoch ließen sich die Malochenden von diesem Schachzug nicht tĂ€uschen. Sie wussten, dass die meisten der mobilisierten MĂ€nner auch weiterhin im Astoria lebten und in ihren Autos zur Arbeit kamen. Sie sahen sie in warmer Kleidung und guten Schuhen, wĂ€hrend sie selbst beinahe nackt waren und in verwahrlosten Quartieren ohne Licht und WĂ€rme lebten. Die Arbeiter*innen nahmen diesen TĂ€uschungsversuch ĂŒbel. Die Angelegenheit wurde zum Diskussionsthema in den LĂ€den und viele unerfreuliche Szenen folgten. Eine Frau, eine prominente Kommunistin, wurde in der Fabrik so sehr gequĂ€lt, dass sie die Nerven verlor und abberufen wurde. Einige der mobilisierten Bolschewiki, unter ihnen Zorin und andere, meinten es zwar wirklich ernst, aber sie waren dem Dasein als Malochende entwachsen und konnten der MĂŒhsal in den Fabriken nicht standhalten. Nach einigen Wochen kollabierte Zorin und musste an einen Erholungsort gebracht werden. Auch wenn er allgemein beliebt gewesen war, wurde sein Zusammenbruch von den Arbeiter*innen als List interpretiert, um dem Elend der proletarischen Existenz zu entfliehen. Der Bruch zwischen den Massen und der neuen bolschewistischen BĂŒrokratie war zu tief. Er konnte nicht wieder gutgemacht werden.

Kapitel 25: Archangelsk und RĂŒckkehr

Am 28. November machte sich die Expedition erneut auf den Weg, dieses Mal mit nur drei Mitgliedern: Alexander Berkman, der SekretĂ€rin und mir selbst. Wir reisten ĂŒber Moskau nach Archangelsk mit Aufenthalten in Wologda und Jaroslawl. Wologda war der Sitz verschiedener auslĂ€ndischer Botschaften gewesen, die den Feind*innen der Revolution inoffiziell UnterstĂŒtzung leisteten. Wir hatten erwartet dort historisches Material zu finden, aber uns wurde gesagt, dass das meiste davon vernichtet worden sei oder anderweitig zerstört wurde. Die sowjetischen Institutionen waren uninteressant: Es war eine schwerfĂ€llige, verschlafene Stadt der Provinz. In Jaroslawl, wo die sogenannten Sawinkow-AufstĂ€nde zwei Jahre zuvor stattgefunden hatten, konnten wir keine Daten finden, die von Interesse waren.

Wir reisten weiter nach Archangelsk. Die Geschichten, die wir vom gefrorenen Norden gehört hatten, stimmten uns eher besorgt. Aber zu unserer großen Erleichterung war es in der Stadt nicht kĂ€lter als in Petrograd und viel trockener.

Der Vorsitzende des Ispolkom von Archangelsk war ein Kommunist von der angenehmen Sorte, nicht gerade ĂŒbereifrig oder ernst. Sobald wir den Zweck unserer Mission erklĂ€rt hatten, griff er zum Telefon. Jedes Mal, wenn er eine*n Beamt*in erreichte, grĂŒĂŸte er ihn als »lieber tovarishtch« und informierte sie*ihn, dass »liebe tovarishtchi aus dem Zentrum« in der Stadt seien und ihnen jede Hilfe gewĂ€hrt werden mĂŒsse. Er war der Überzeugung, dass unser Aufenthalt ergiebig sein wĂŒrde, da sehr viele wichtige Dokumente zurĂŒckgeblieben wĂ€ren, als die Alliierten sich zurĂŒckgezogen hatten. Es gĂ€be Archive alter Zeitungen, die von der Tschaikowski-Regierung herausgegeben und Fotografien der BrutalitĂ€ten, die von den Weißen an den Kommunist*innen verĂŒbt worden waren. Der Vorsitzende selbst hatte seine gesamte Familie inklusive seiner zwölfjĂ€hrigen Schwester verloren. Da er am nĂ€chsten Tag nach Moskau aufbrechen wĂŒrde, um dort an der Konferenz der Sowjets teilzunehmen, versprach er uns, zu veranlassen, dass mensch uns Zugang zu den Archiven gewĂ€hre.

Als wir das Ispolkom verließen, um unsere Runden zu machen, wurden wir von drei Schlitten ĂŒberrascht, die dank der Aufmerksamkeit des Vorsitzenden auf uns warteten. In Pelzdecken eingewickelt und mit klirrenden Glocken startete jedes Mitglied der Expedition in eine andere Richtung, um die ihr*ihm zugewiesenen Ämter abzuarbeiten. Die sowjetischen Beamt*innen in Archangelsk schienen großen Respekt vor dem »Zentrum« zu haben, das Wort wirkte wie magisch und öffnete jede TĂŒr.

Der Vorsitzende des Amtes fĂŒr Bildung war ein gastfreundlicher und gĂŒtiger Mann. Nachdem er mir die von seiner Institution geleisteten Arbeit im Detail erklĂ€rt hatte, rief er einige Angestellte in sein BĂŒro, informierte sie ĂŒber den Zweck der Expedition und bat sie, die Materialien vorzubereiten, die sie fĂŒr das Museum sammeln könnten. Unter diesen sowjetischen Arbeiter*innen war eine Nonne, eine junge Frau mit schönem Gesicht. Was fĂŒr eine seltsame Sache, eine Nonne in einem sowjetischen Amt zu finden, dachte ich. Der Vorsitzende bemerkte meine Überraschung. Er habe einige Nonnen in seinem Amt, sagte er. Als die Klöster nationalisiert worden waren, hĂ€tten die armen Frauen nicht gewusst, wohin sie gehen sollten. Er habe die Idee gehabt, ihnen die Gelegenheit zu bieten, nĂŒtzliche Arbeit in der neuen Welt zu verrichten. Er habe keine Veranlassung dazu, seine Handlung zu bereuen: Er habe die Nonnen nicht zum Kommunismus bekehren können, aber sie hĂ€tten großes Vertrauen geschöpft und seien fleißige Arbeiterinnen geworden und die jĂŒngeren von ihnen hĂ€tten ihren Geist sogar ein wenig erweitert. Er lud mich ein, das kleine Kunstatelier zu besuchen, in dem einige Nonnen beschĂ€ftigt seien.

Das Atelier war ein recht ungewöhnlicher Ort – weniger wegen seines kĂŒnstlerischen Wertes, sondern vielmehr wegen der Menschen, die dort arbeiteten: Zwei alte Nonnen, die vierzig bzw. fĂŒnfundzwanzig Jahre im Kloster gelebt hatten, einem jungen weißen Offizier und einem Ă€lteren Arbeiter. Letztere waren beide als KonterrevolutionĂ€re verhaftet und zum Tode verurteilt worden, aber der Vorsitzende hatte sie gerettet, um ihnen nĂŒtzliche Arbeit zu geben. Er wollte denen eine Chance geben, die durch Ignoranz oder Zufall Feind*innen der Revolution gewesen waren. Eine revolutionĂ€re Periode, bemerkte er, erfordere harte Maßnahmen, sogar Gewalt, aber mensch sollte zunĂ€chst andere Methoden versuchen. Er habe viele in seinem Amt, die als KonterrevolutionĂ€r*innen gegolten hĂ€tten, aber nun alle gute Arbeit leisten wĂŒrden. Das war das Außergewöhnlichste, was ich je von einer*einem Kommunist*in gehört hatte. »Wirst du nicht als sentimentaler Bourgeois betrachtet?«, fragte ich. »Ja, in der Tat«, antwortete er lĂ€chelnd, »aber das macht nichts. Die Hauptsache ist, dass es mir gelungen ist zu zeigen, dass meine SentimentalitĂ€t funktioniert, wie du selbst sehen kannst.«

Der Schreiner war der KĂŒnstler des Ateliers. Auch wenn ihm das Schnitzen nie gelehrt worden war, vollbrachte er wundervolle Schnitzereien und war ein Meister in jeder Art von Holzarbeit. Die Nonnen fertigten FarbgemĂ€lde von Blumen und GemĂŒse, die von Lehrenden in den Dörfern zur Veranschaulichung genutzt wurden. Sie malten auch Plakate, hauptsĂ€chlich fĂŒr die Kinder-Festivals.

Ich besuchte das Atelier mehrere Male alleine, um frei mit dem Schreiner und den Nonnen zu reden. Sie hatten wenig VerstĂ€ndnis fĂŒr die grundlegenden Tatsachen, die sie aus ihrer Verankerung gerissen hatten. Der Schreiner beklagte sich darĂŒber, dass die Zeiten hart gewesen seien, weil es ihm nicht erlaubt gewesen war, seine Handarbeiten zu verkaufen. »Ich hatte eine hĂŒbsche Summe an Geld verdient, aber nun bekomme ich kaum genug zu essen«, sagte er. Die Schwestern beklagten sich nicht. Sie akzeptierten ihr Schicksal als Wille Gottes. Dennoch gab es sogar in ihnen eine VerĂ€nderung. Statt in einem Kloster eingeschlossen zu sein, kamen sie nun in BerĂŒhrung mit dem echten Leben und sie waren menschlicher geworden. Ihr Ausdruck war weniger abweisend, ihre Arbeit offenbarte Zeichen der Verwandtschaft mit der Welt um sie herum. Ich konnte das besonders in ihren GemĂ€lden von Kindern und Kinderspielen feststellen. Darin lag eine ZĂ€rtlichkeit, die von dem lange unterdrĂŒckten Mutterinstinkt zeugte, der nach Ausdruck verlangte. Der ehemalige weiße Offizier war der intelligenteste der vier – er war durch die Feuerprobe des Lebens gegangen. Er habe den Unsinn und das Verbrechen des Interventionismus kennengelernt, sagte er, und er wĂŒrde dieser nicht noch einmal seine Hilfe entbieten. Was ihn ĂŒberzeugt habe? Die Interventionist*innen selbst. Sie waren in Archangelsk gewesen und hĂ€tten sich verhalten, als ob ihnen die Stadt gehöre. Die Alliierten hĂ€tten viel versprochen, aber sie hĂ€tten nichts getan, außer wenigen Personen zu Reichtum zu verhelfen, die mit den VorrĂ€ten spekulierten, die dazu gedacht waren die Bevölkerung zu versorgen. Jede*r habe sich zunehmend gegen die Interventionist*innen gewandt. Ich fragte mich, wie viele der zahllosen als KonterrevolutionĂ€r*innen Erschossenen fĂŒr das neue Regime gewonnen hĂ€tten werden können und nun nĂŒtzliche Arbeit leisten wĂŒrden, wenn jemand ihre Leben gerettet hĂ€tte.

Ich hatte so viele Schauschulen gesehen, dass ich entschieden hatte, nichts davon zu sagen, Bildungseinrichtungen besuchen zu wollen, bis ich sie in einem unerwarteten Moment ĂŒberrumpeln könnte. An unserem ersten Samstag in Archangelsk war eine SonderauffĂŒhrung von Leonid Andrejews TheaterstĂŒck »Savva« organisiert worden. FĂŒr ein provinzielles Theater war die AuffĂŒhrung ziemlich gut gelungen, wenn mensch zudem beachtete, dass kaum Zeit zur Vorbereitung gewesen war.

Nach der AuffĂŒhrung teilte ich dem Vorsitzenden des Amtes, X. mit, dass ich frĂŒh am nĂ€chsten Morgen seine Schulen besuchen wolle. Ohne zu zögern willigte er ein und schlug sogar vor, die anderen Mitglieder der Expedition mitzunehmen. Wir besuchten mehrere Schulen und was die Sauberkeit, den Komfort und die allgemeine Heiterkeit anging, waren diese eine Offenbarung. Es war ebenfalls schön, das zĂ€rtliche VerhĂ€ltnis zwischen den Kindern und X. zu beobachten. Ihre Freude war unwillkĂŒrlich und aufrichtig bei seinem Anblick. Wenn er auftauchte, stĂŒrzten sie sich auf ihn und schrien vor Begeisterung, sie kletterten auf ihn und hingen an seinem Nacken. Und er? Niemals zuvor hatte ich einen solchen Anblick in irgendeiner Schule in Petrograd oder Moskau gesehen. Er warf sich auf den Boden, die Kinder auf ihm und spielte und scherzte mit ihnen, als ob es seine eigenen Kinder wĂ€ren. Er war einer von ihnen, das wussten sie und sie fĂŒhlten sich mit ihm wohl.

Ähnlich schöne Beziehungen beobachtete ich in jeder Schule und jedem Kinderheim, das wir besuchten. Die Kinder strahlten, wenn X. auftauchte. Sie waren die ersten glĂŒcklichen Kinder, die ich in Russland sah. Es stĂ€rkte meine Überzeugung ĂŒber die Bedeutung von Persönlichkeit und die Wichtigkeit von gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Liebe zwischen Lehrer*in und SchĂŒler*in. Wir besuchten viele Schulen an diesem Tag. Nirgendwo konnte ich irgendeine Diskriminierung beobachten. Überall hatten die Kinder gerĂ€umige SchlafsĂ€le, makellos saubere RĂ€ume und Betten, gutes Essen und gute Kleidung. Die AtmosphĂ€re in den Schulen war warm und vertraut.

Wir fanden in Archangelsk viele historische Dokumente, einschließlich der Korrespondenz zwischen Tschaikowski, von der Übergangsregierung, und General Miller, dem Vertreter der Alliierten. Es war erbĂ€rmlich, die flehenden, beinahe unterwĂŒrfigen Worte des alten Pioniers der revolutionĂ€ren Bewegung in Russland zu lesen, dem GrĂŒnder der Tschaikowski-Zirkel, dem Mann den ich seit Jahren gekannt hatte, der mich inspiriert hatte. Die Briefe enthĂŒllten die SchwĂ€che des Tschaikowski-Regimes und die willkĂŒrliche Herrschaft der alliierten Truppen. Besonders bedeutend war der Abschiedsbrief eines Matrosen, kurz vor seiner Hinrichtung durch die Weißen. Er beschrieb seine Haft und das Kreuzverhör und das verfluchte Kreuzverhör durch einen englischen Soldaten unter Vorhaltung einer Pistole. Unter den von uns gesammelten Materialien waren auch Ausgaben verschiedener revolutionĂ€rer und anarchistischer Publikationen, die von sub rosa veröffentlicht worden waren. Vom Amt fĂŒr Bildung erhielten wir zahlreiche interessante Poster und GemĂ€lde, sowie Pamphlete und BĂŒcher und eine Sammlung von Proben der Arbeiten der Kinder. Unter ihnen war eine samtene Tischdecke, die von den Nonnen gemalt worden war und die die Kinder von Archangelsk in fröhlichen Farben zeigten, die uns als Gruß an die Kinder in Amerika prĂ€sentiert wurde.

Die Schulen und der großartige Mann an ihrer Spitze waren nicht die einzigen erwĂ€hnenswerten CharakterzĂŒge von Archangelsk. Die anderen sowjetischen Institutionen stellten sich ebenfalls als effizient heraus. Es gab keine Sabotage, die unerschiedlichen Ämter arbeiteten wohlgeordnet und der allgemeine Geist war ernsthaft und fortschrittlich.

Die Verteilung von Lebensmitteln war besonders gut organisiert. Anders als an den meisten anderen Orten musste mensch keine Zeit oder Energie verschwenden, um seine Rationen zu beschaffen. Und das obwohl Archangelsk nicht besonders gut mit VorrĂ€ten versorgt war. Mensch konnte es sich nicht verkneifen, den großen Unterschied diesbezĂŒglich zwischen dieser Stadt und Moskau festzustellen. Archangelsk hatte möglicherweise durch den Kontakt mit den Amerikaner*innen gelernt sich zu organisieren – was natĂŒrlich das letzte war, was die Alliierten gewollt hatten.

Der Besuch in Archangelsk war so interessant und ertragreich, dass die Expedition ihre Abfahrt hinauszögerte und wir viel lĂ€nger blieben als ursprĂŒnglich geplant. Bevor wir die Stadt verließen, besuchte ich X. Ich fragte ihn, was er am meisten begehre, wenn ihm irgendetwas aus »dem Zentrum« geschickt werden könnte. »Farben und LeinwĂ€nde fĂŒr unser kleines Atelier«, antwortete er. »Triff dich mit Lunatscharski und bewege ihn dazu, uns einige zu schicken.« Was fĂŒr eine großartige, liebenswĂŒrdige Persönlichkeit!

Wir verließen Archangelsk in Richtung Murmansk, aber wir waren nicht weit gekommen, als wir von einem schweren Schneesturm ĂŒberrascht wurden. Mensch teilte uns mit, dass wir Murmansk nicht vor zwei Wochen erreichen wĂŒrden, obwohl die Reise unter normalen UmstĂ€nden drei Tage dauerte. Außerdem gab es die Gefahr, dass wir nicht rechtzeitig nach Petrograd zurĂŒckkehren könnten, da der Schnee die Wege oft wochenlang blockierte. Daher entschieden wir, nach Petrograd zurĂŒckzukehren. Als wir ungefĂ€hr 75 Werst [ungefĂ€hr 50 Meilen] von der Stadt entfernt waren, gerieten wir in einen Blizzard. Es wĂŒrde Tage dauern, bis die Gleise so weit gerĂ€umt sein wĂŒrden, dass wir weiterreisen könnten. Keine guten Nachrichten, aber glĂŒcklicherweise hatten wir Brennstoff und genug VorrĂ€te fĂŒr einige Zeit.

Es war Ende Dezember und wir feierten Weihnachten in unserem Waggon. Die Nacht war klar und der Himmel wunderschön mit Sternen bedeckt, die Erde in weiß gekleidet. Eine kleine Kiefer, kustvoll von unserer SekretĂ€rin dekoriert und in unserem Wohnzimmer thronend, verlieh dem Anlass den nötigen Glanz. Der Schein der kleinen Wachskerzen verlieh der Szene einen Hauch Romantik. Geschenke fĂŒr unsere ReisegefĂ€hrt*innen kamen den ganzen Weg aus Amerika. Sie waren uns von Freund*innen im Dezember 1919 ĂŒberreicht worden, als wir auf Ellis Island unsere Abschiebung erwarteten. Seitdem war ein Jahr vergangen, ein fĂŒrchterliches Jahr.

Als wir in Petrograd ankamen, war die Stadt von der hitzigen Diskussion um die Rolle der Gewerkschaften aufgewĂŒhlt. Die ZustĂ€nde in letzteren hatten zu so großer Unzufriedenheit an der Basis gefĂŒhrt, dass die Kommunistische Partei schließlich gezwungen war, sich des Problems anzunehmen. Bereits im Oktober war die Frage der Gewerkschaften bei den Sitzungen der Kommunistischen Partei aufgebracht worden. Die Diskussionen hielten wĂ€hrend des Novembers und Dezembers an und erreichten ihren Höhepunkt auf dem Achten Allrussischen Kongress der Sowjets. Alle fĂŒhrenden Kommunist*innen nahmen an der großen Diskussion ĂŒber das Schicksal der Arbeiter*innenorganisationen teil. Es offenbarten sich vier unterschiedliche Standpunkte. Erstens, der der Lenin-Sinowjew-Fraktion, die die hauptsĂ€chliche »Funktion der Gewerkschaften unter der Diktatur des Proletariats« darin sahen, »als Schulen des Kommunismus zu dienen.« Zweitens die vom alten Kommunisten Rjasanow vertretene Gruppe, die darauf bestand, dass die Gewerkschaften als Forum der Arbeiter*innen und als ihr ökonomischer Schutzpatron fungieren mĂŒssten. Trotzki vertrat die dritte Fraktion. Er war der Ansicht, dass die Gewerkschaften im Laufe der Zeit die Verwalter*innen und Leiter*innen der Industrien werden wĂŒrden, aber sie gegenwĂ€rtig einer strikten militĂ€rischen Disziplin unterworfen werden und den BedĂŒrfnissen des Staats vollstĂ€ndig unterworfen sein mĂŒssten. Die vierte und wichtigste Strömung war die der Arbeiter*innenopposition, vertreten durch Madame Kollontai und Schljapnikow, die die Stimmung der Arbeiter*innen ausdrĂŒckten und ihre UnterstĂŒtzung genossen. Diese Opposition argumentierte, dass die Einstellung der Regierung gegenĂŒber den Gewerkschaften das Interesse der Malochenden am ökonomischen Wiederaufbau des Landes zerstört habe und ihre produktiven KapazitĂ€ten gelĂ€hmt habe. Sie betonten, dass in der Oktoberrevolution dafĂŒr gekĂ€mpft worden war, dass das Proletariat die Kontrolle ĂŒber das industrielle Leben des Landes erlange. Sie forderten die Befreiung der Massen vom Joch des bĂŒrokratischen Staates und seines korrupten Beamt*innentums und die Gelegenheit zur Entfaltung der kreativen Energien der Arbeiter*innen. Die Arbeiter*innenopposition brachte die Unzufriedenheit und die SehnsĂŒchte der Basis zum Ausdruck.

Es war eine heftige Auseinandersetzung, in der Trotzki und Sinowjew sich gegenseitig in verschiedenen SpezialzĂŒgen durch das Land jagten, um gegenseitig ihre Argumente zu widerlegen. In Petrograd zum Beispiel war Sinowjews Einfluss so gewaltig, dass es eines großen Kampfes bedurfte, bis Trotzki ĂŒberhaupt die Erlaubnis erhielt, zu den örtlichen Kommunist*innen ĂŒber seine Ansichten in der Kontroverse zu sprechen. Letztere riefen heftige GefĂŒhle hervor und drohten eine Zeit lang die Partei zu zerreißen.

Auf dem Kongress denunzierte Lenin die Arbeiter*innenopposition als »anarcho-syndikalistische Mittelklasseideologie« und befĂŒrwortete ihre vollstĂ€ndige Auslöschung. Schljapnikow, einer der einflussreichsten AnfĂŒhrer*innen der Opposition wurde von Lenin als »angefressener Kommissar« bezeichnet und wurde darauffolgend zum Schweigen gebracht, indem er zu einem Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei gemacht wurde. Madama Kollontai wurde ermahnt, ihre Zunge zu zĂŒgeln oder die Partei zu verlassen, ihr Pamphlet, das die Ansichten der Opposition darlegte, wurde verboten. Einige der kleineren Lichter der Arbeiter*innenopposition erhielten einen Urlaub bei der Tscheka und sogar Rjasanow, ein alter und verdienter Kommunist, wurde fĂŒr sechs Monate von allen GewerkschaftsaktivitĂ€ten ausgeschlossen.

Kurz nach unserer Ankunft in Petrograd wurden wir vom SekretĂ€r des Museums darĂŒber informiert, dass eine neue Institution, bekannt als das Ispart, in Moskau gegrĂŒndet worden sei, um Materialien ĂŒber die Geschichte der Kommunistischen Partei zu sammeln. Diese Organisation schlug außerdem vor, alle zukĂŒnftigen Expeditionen des Museums der Revolution zu beaufsichtigen und sie unter die FĂŒhrung einer*eines politischen Kommissar*in zu stellen. Es wurde notwendig nach Moskau zu gehen, um die Fakten diese Angelegenheit betreffend zu ermitteln. Wir hatten zu viele MissstĂ€nde gesehen, die durch die Diktatur einer*eines politischen Kommissar*in verursacht worden waren, die allgegenwĂ€rtige Spionage und BeeintrĂ€chtigung unabhĂ€ngiger BemĂŒhungen. Wir konnten uns mit der in Aussicht stehenden Änderung des Charakters unserer Expeditionen nicht einverstanden erklĂ€ren.

Kapitel 26: Tod und Beerdigung von Peter Kropotkin

Als ich Moskau im Januar 1921 erreichte, erfuhr ich, dass Peter Kropotkin sich eine LungenentzĂŒndung eingefangen hatte. Ich bot sofort an, ihn zu pflegen, aber da bereits ein*e Pfleger*in vor Ort war und das HĂ€uschen der Kropotkins zu klein war, um weitere Besucher*innen zu beherbergen, einigten wir uns darauf, dass Sascha Kropotkin, die zu diesem Zeitpunkt in Moskau war, nach Dmitrow gehen sollte, um herauszufinden, ob ich gebraucht wĂŒrde. Ich hatte mich zuvor darauf eingerichtet am nĂ€chsten Tag nach Petrograd zu fahren. Bis zum Augenblick der Abreise wartete ich auf einen Anruf aus dem Dorf, aber es kam keiner. Ich schloss daraus, dass es Kropotkin besser ging. Zwei Tage spĂ€ter, in Petrograd, wurde ich von Rawitsch darĂŒber informiert, dass es Kropotkin schlechter ging und dass mensch mich bitte, sofort nach Moskau zu kommen. Ich brach sofort auf, aber unglĂŒcklicherweise war mein Zug zehn Stunden zu spĂ€t, so dass ich zu spĂ€t in Moskau ankam, um noch nach Dmitrow weiterzureisen. Damals gab es morgens keine ZĂŒge in das Dorf und so gelang es mir nicht vor dem Abend des 7. Februar in einem Zug Platz zu finden, der dorthin fuhr. Dann ging der Treibstoff fĂŒr den Zug aus und er konnte bis 1 Uhr morgens des nĂ€chsten Tages nicht weiterfahren. Als ich schließlich am 8. Februar am HĂ€uschen der Kropotkins eintraf, erfuhr ich die schreckliche Nachricht, dass Peter rund eine Stunde zuvor verstorben sei. Er hatte wiederholt nach mir gefragt, aber ich war nicht da gewesen, um meinem geliebten Lehrer und Genossen, einem der weltweit grĂ¶ĂŸten und nobelsten Geister, die letzte Ehre zu erweisen. Es war mir nicht vergönnt gewesen, in seinen letzten Stunden bei ihm zu sein. Ich wĂŒrde zumindest bleiben, bis er zu seiner letzten RuhestĂ€tte gebracht wĂŒrde.

Zwei Dinge hatten mich bei meinen vorherigen Besuchen bei Kropotkin besonders beeindruckt: Das Fehlen von Bitterkeit gegenĂŒber den Bolschewiki und die Tatsache, dass er nicht einmal seine eigenen Strapazen und Entbehrungen erwĂ€hnt hatte. Erst jetzt, da seine Familie die Beerdigung vorbereitete, erfuhr ich einige Details ĂŒber sein Leben unter dem bolschewistischen Regime. FrĂŒh im Jahr 1918 hatte Kropotkin einige der fĂ€higsten Spezialist*innen zu politischer Ökonomie um sich versammelt. Er beabsichtigte, eine sorgfĂ€ltige Studie ĂŒber die Ressourcen Russlands anzustellen, diese in Einzelwerken zu sammeln und sie fĂŒr den industriellen Wiederaufbau des Landes in praktischen Nutzen zu verwandeln. Kropotkin war der Chefredakteur dieses Unterfangens gewesen. Ein Band wurde fertiggestellt, jedoch niemals veröffentlicht. Die Föderalistische Liga, wie diese wissenschaftliche Gruppe sich nannte, wurde von der Regierung aufgelöst und alle Materialien wurden beschlagnahmt.

Bei zwei Gelegenheiten wurden die Wohnungen der Kropotkins in Moskau beschlagnahmt, und die Familie war gezwungen gewesen eine neue Bleibe zu suchen. Aufgrund dieser Erfahrungen zogen die Kropotkins nach Dmitrow, wo der alte Peter unfreiwillig im Exil lebte. Kropotkin, in dessen Haus sich in der Vergangenheit diejenigen mit den besten Ideen und Gedanken aus der ganzen Welt versammelt hatten, war nun gezwungen gewesen, das Leben eines Einsiedlers zu fĂŒhren. Seine einzigen Besucher*innen waren BĂ€uer*innen und Arbeiter*innen aus dem Dorf und einige Mitglieder der Intelligenzija, deren Gepflogenheit es war, ihn mit ihren Problemen und ihrem UnglĂŒck aufzusuchen. Er war mit der Welt immer durch zahlreiche Publikationen in Kontakt geblieben, aber in Dmitrow hatte er keinen Zugang zu diesen Quellen. Seine einzigen InformationskanĂ€le waren nun die zwei Zeitungen der Regierung, die Prawda und die Iswestija. Er war außerdem in seiner Arbeit an seiner neuen »Ethik« stark eingeschrĂ€nkt, solange er in dem Dorf lebte. Er war mental ausgehungert, was fĂŒr ihn eine grĂ¶ĂŸere Folter war als körperliche MangelernĂ€hrung. Es stimmte, dass ihm eine bessere payock, als einer durchschnittlichen Person zuteil wurde, aber selbst das war unzureichend, um seine schwindende StĂ€rke zu bewahren. GlĂŒcklicherweise erhielt er gelegentlich aus verschiedenen Quellen UnterstĂŒtzung in Form von VorrĂ€ten. Seine Genoss*innen aus dem Ausland, sowie die Anarchist*innen aus der Ukraine sandten ihm oft Pakete mit Nahrungsmitteln. Einmal erhielt er einige Geschenke von Machno, als dieser gerade von den Bolschewiki als Terrrorist der Konterrevolution im SĂŒden Russlands dargestellt wurde. Besonders hart empfanden die Kropotkins das Fehlen von Licht. Als ich sie im Jahr 1920 besuchte, waren sie glĂŒcklich darĂŒber, in der Lage zu sein auch nur einen Raum zu erleuchten. Die meiste Zeit arbeitete Kropotkin beim Flackern einer kleinen Öllampe, was ihn beinahe erblinden ließ. WĂ€hrend der kurzen Stunden am Tag transkribierte er seine Notizen mithilfe einer Schreibmaschine, auf der er langsam und schmerzhaft jeden Buchstaben einhĂ€mmerte.

Dennoch waren es nicht seine eigenen Beschwerden, die seine KrĂ€fte auslaugten. Es waren der Gedanke an die Revolution, die gescheitert war, die Strapazen Russlands, die Verfolgungen, die endlosen raztrels, die die letzten zwei Jahre seines Lebens zu einer so großen Tragödie gemacht hatten. Bei zwei Gelegenheiten versuchte er die Herrscher*innen Russlands zur Vernunft zu bringen: Einmal im Protest gegen das Verbot aller nicht-kommunistischen Publikationen, das andere Mal gegen die barbarische Praxis der Sippenhaft. Seit die Tscheka ihre AktivitĂ€ten aufgenommen hatte, hatte die Regierung die Sippenhaft genehmigt. Alte und Junge, MĂŒtter, VĂ€ter, Schwestern, BrĂŒder, sogar Kinder wurden als Geiseln genommen fĂŒr eine angebliche Straftat einer*eines ihrer Verwandten, von der sie meistens nichts wussten. Kropotkin betrachtete solche Methoden als unentschuldbar in jeder Hinsicht.

Im Herbst 1920 gelang es Mitgliedern der SozialrevolutionĂ€ren Partei, dass aus dem Ausland mit Vergeltung gedroht wurde, wenn die kommunistische Verfolgung ihrer Genoss*innen weitergehe. Die bolschewistische Regierung verkĂŒndete daraufhin in ihrer offiziellen Presse, dass sie fĂŒr jedes kommunistische Opfer zehn SozialrevolutionĂ€r*innen hinrichten wĂŒrde. Damals protestierten die berĂŒhmte RevolutionĂ€rin Vera Figner und Peter Kropotkin bei den Machthaber*innen Russlands. Sie betonten, dass solche Praktiken die grĂ¶ĂŸte Schande fĂŒr die Russische Revolution wĂ€ren und ein Übel, das bereits furchtbare Ergebnisse gebracht habe: Die Geschichte wĂŒrde solche Methoden niemals vergeben.

Der andere Protest richtete sich gegen den Plan der Regierung, alle privaten Verlage, inklusive die der Genossenschaften, zu »liquidieren«. Der Protest war an das PrĂ€sidium des Allrussischen Kongresses der Sowjets gerichtet, der damals tagte. Es ist interessant zu bemerken, dass Gorki, ein Beamter des Kommissariats fĂŒr Bildung, eine Ă€hnliche Beschwerde gestellt hatte. In seinem Statement richtete Kropotkin die Aufmerksamkeit auf die Gefahren einer solchen Politik fĂŒr jeglichen Fortschritt, sogar jegliches Denken und betonte, dass ein solches staatliches Monopol jegliche kreative Arbeit gĂ€nzlich unmöglich machte. Aber sein Protest hatte keinen Erfolg. Daraufhin gewann Kropotkin den Eindruck, dass es sinnlos wĂ€re, an eine Regierung zu appellieren, die vor Macht verrĂŒckt geworden war.

WĂ€hrend der zwei Tage, die ich im Haushalt der Kropotkins verbrachte, lernte ich mehr ĂŒber sein persönliches Leben als wĂ€hrend all der Jahre, in denen ich ihn gekannt hatte. Sogar seine engsten Freund*innen hatten keine Ahnung, dass Peter Kropotkin ein talentierter KĂŒnstler und Musiker gewesen war. Unter seinen Habseligkeiten entdeckte ich eine Sammlung an GemĂ€lden, die von großer Handwerkskunst zeugten. Er hatte Musik leidenschaftlich geliebt und war selbst ein Musiker von ungewöhnlicher Begabung gewesen. Seine Freizeit verbrachte er oft am Klavier.

Und nun lag er auf seiner Couch inmitten des kleinen Arbeitszimmers, als wĂŒrde er friedlich schlafen, sein Gesicht im Angesicht des Todes so sanft, wie es im Leben gewesen war. Tausende Menschen pilgerten zum HĂ€uschen der Kropotkins, um diesem großen Sohns Russlands die Ehre zu erweisen. Als seine sterblichen Überreste zum Bahnhof gebracht wurden, um nach Moskau transportiert zu werden, nahm die gesamte Dorfbevölkerung an der beeindruckenden Beerdigungsprozession teil, um dem Mann, der unter ihnen als ihr Freund und Genosse gelebt hatte, einen letzten liebevollen Gruß zu entbieten.

Die Freund*innen und Genoss*innen Kropotkins entschieden, dass ausschließlich anarchistische Organisationen die Beisetzung organisieren sollten und es wurde eine BegrĂ€bniskommission fĂŒr Peter Kropotkin in Moskau gebildet, die aus ReprĂ€sentant*innen der verschiedenen anarchistischen Gruppen bestand. Das Komitee sandte Lenin ein Telegramm, um ihn darum zu bitten, alle in der Hauptstadt inhaftierten Anarchist*innen freizulassen, um ihnen die Gelegenheit zu bieten, an der Beisetzung teilzunehmen.

Wegen der Nationalisierung aller öffentlicher Bekanntmachungen, Verlage, usw. war die anarchistische BegrĂ€bniskommission gezwungen, den Moskauer Sowjet zu bitten, sie zu bevollmĂ€chtigen das Programm der Beerdigung erfolgreich zu verbreiten. Da die Anarchist*innen ihrer eigenen Presse beraubt worden waren, musste die Kommission sich zur Publikation der notwendigen Inhalte, die fĂŒr die Vorbereitungen der Beisetzung notwendig waren, auf die AutoritĂ€ten verlassen. Nach einer beachtlichen Diskussion wurde die Erlaubnis erteilt, zwei FlugblĂ€tter zu drucken und ein vierseitiges Mitteilungsblatt im Gedenken an Peter Kropotkin herauszugeben. Die Kommission bat darum, dass das Blatt ohne Zensur herausgegeben werden dĂŒrfe und versicherte, dass die LektĂŒre aus WĂŒrdigungen unseres verstorbenen Genossen bestehen wĂŒrde, ohne irgendwelche polemischen BeitrĂ€ge. Diese Bitte wurde kategorisch abgelehnt. Weil sie keine Wahl hatte, war die Kommission gezwungen einzuwilligen und die Manuskripte zur Zensur einzuschicken. Um zu verhindern, dass mensch wegen einer Verzögerungstaktik der Regierung am Ende ohne eine Gedenkschrift dastĂŒnde, entschied sich die BegrĂ€bniskommission dazu, in eigener Verantwortung eine bestimmte anarchistische Druckerei zu öffnen, die von der Regierung versiegelt worden war. Das Mitteilungsblatt und die beiden FlugblĂ€tter wurden dort gedruckt.

Als Antwort auf das Telegramm an Lenin beschloss das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee »der Allrussischen Außerordentlichen Kommission (Veh-Tscheka) vorzuschlagen, die inhaftierten Anarchist*innen nach ihrem Ermessen fĂŒr die Teilnahme an der Beerdigung Peter A. Kropotkins freizulassen.« Die Delegierten, die zu der Tscheka geschickt worden waren, wurden gefragt, ob die BegrĂ€bniskommission die RĂŒckkehr der Gefangenen garantieren wĂŒrde. Sie antworteten, dass ĂŒber diese Frage nicht diskutiert worden sei. Daraufhin weigerte sich die Tscheka, die Anarchist*innen freizulassen. Die BegrĂ€bniskommission garantierte, nachdem sie ĂŒber die neuesten Entwicklungen in dieser Angelegenheit informiert worden war, sofort, dass die Gefangenen nach der Beerdigung zurĂŒckkehren wĂŒrden. Daraufhin antwortete die Tscheka, dass »es keine Anarchist*innen im GefĂ€ngnis gĂ€be, die nach EinschĂ€tzung des Vorsitzenden der Außerordentlichen Kommission fĂŒr die Beerdigung freigelassen werden könnten.«

Die sterblichen Überreste des Verstorbenen lagen aufgebahrt in der SĂ€ulenhalle des Moskauer Tempels der Arbeit. Am Morgen der Beerdigung entschied die BegrĂ€bniskommission fĂŒr Kropotkin, die versammelten Menschen ĂŒber den Vertrauensbruch seitens der AutoritĂ€ten zu informieren und demonstrativ alle KrĂ€nze, die von offiziellen kommunistischen WĂŒrdentrĂ€ger*innen niedergelegt worden waren, zu entfernen. Aus Angst vor einer öffentlichen Bloßstellung versprachen die ReprĂ€sentant*innen des Moskauer Sowjets die sofortige Freilassung aller in Moskau inhaftierten Anarchist*innen zur Teilnahme an der Beerdigung. Aber auch dieses Versprechen wurde gebrochen: Nur sieben Anarchist*innen wurden aus dem »inneren GefĂ€ngnis« der Außerordentlichen Kommission entlassen, keine*r der in der Butyrka sitzenden Anarchist*innen nahm an der Beerdigung teil. Die offizielle ErklĂ€rung war, dass die zwanzig Anarchist*innen, die in diesem GefĂ€ngnis eigesperrt waren, das Angebot der AutoritĂ€ten abgelehnt hĂ€tten. SpĂ€ter besuchte ich die Gefangenen, um die Fakten in dieser Angelegenheit zu ĂŒberprĂŒfen. Sie erzĂ€hlten mir, dass ein Vertreter der Außerordentlichen Kommission auf individuelle Teilnahme beharrte, fĂŒr die er in einigen FĂ€llen Ausnahmen genehmigen wĂŒrde. Die Anarchist*innen, die wussten, dass das Versprechen der zeitweisen Entlassung kollektiv gewesen war, forderten, dass die Vereinbarungen eingehalten wĂŒrden. Der Vertreter der Tscheka sagte, er mĂŒsse mit seinen Vorgesetzten telefonieren. Er sei nicht zurĂŒckgekommen.

Die Beerdigung war ein Ă€ußerst beeindruckender Anblick. Es war eine einzigartige Demonstration, die nie zuvor in irgendeinem anderen Land gesehen worden war. Lange Reihen von Mitgliedern anarchistischer Organisationen, Gewerkschaften, wissenschaftlicher und literarischer Gesellschaften und Student*innen marschierten ĂŒber zwei Stunden vom Tempel der Arbeit zum Ort der Beisetzung sieben Werst [fast fĂŒnf Meilen] entfernt. Die Prozession wurde angefĂŒhrt von Student*innen und Kindern, die KrĂ€nze von verschiedenen Organisationen trugen. Anarchistische Banner in schwarz und scharlachrote sozialistische Embleme flatterten ĂŒber der Menschenmenge. Die meilenlange Prozession verzichtete vollstĂ€ndig auf die Dienste der offiziellen HĂŒter*innen des Friedens. Eine perfekte Ordnung wurde von der Menschenmenge selbst aufrechterhalten, die sich selbst spontan in mehreren Reihen formierte, wĂ€hrend Student*innen und Arbeiter*innen eine Menschenkette auf beiden Seiten der Marschierenden bildeten. Als der Trauerzug das Tolstoi-Museum passierte, hielt er an und die Banner wurden im Gedenken an einen anderen großen Sohn Russlands gesenkt. Eine Gruppe Tolstoianer*innen spielte auf den Stufen des Museums Chopins Trauermarsch als Ausdruck ihrer Liebe und ihres Respekts fĂŒr Kropotkin.

Die funkelnde Wintersonne versank am Horizont, wĂ€hrend die sterblichen Überreste Kropotkins in das Grab gesenkt wurden, nachdem Redner*innen vieler politischer Strömungen ihrem großen Lehrer und Genossen die letzte Ehre erwiesen hatten.

Kapitel 27: Kronstadt

Im Februar 1921 traten die Arbeiter*innen mehrerer Fabriken in Petrograd in den Streik. Der Winter war außergewöhnlich hart und die Menschen in der Stadt litten sehr unter der KĂ€lte, dem Hunger und der Erschöpfung. Sie baten um eine Erhöhung ihrer Nahrungsmittel-Rationen, etwas Brennstoff und Kleidung. Die von den AutoritĂ€ten ignorierten Beschwerden der Streikenden nahmen bald einen politischen Charakter an. Hier und da wurde auch die Forderung nach einer verfassungsgebenden Versammlung und freiem Handel laut. Der Versuch der Streikenden auf den Straßen zu demonstrieren wurde unterdrĂŒckt, die Regierung hatte die militĂ€rischen kursanti hinausbefohlen. Lisa Zorin, die von all den Kommunist*innen, die ich getroffen hatte, den Menschen am verbundensten geblieben war, war bei der Auflösung der Demonstration. Eine Frau wurde ĂŒber die BrutalitĂ€t des MilitĂ€rs so wĂŒtend, dass sie Lisa angriff. Letztere, getreu ihrer proletarischen Instinkte, rettete die Frau vor der Verhaftung und begleitete sie nach Hause. Dort fand sie die erschreckendsten ZustĂ€nde vor. In einem dunklen, feuchten Raum lebte eine Arbeiter*innenfamilie mit ihren sechs Kindern, halbnackt in der bitteren KĂ€lte. SpĂ€ter sagte Lisa zu mir: »Mir wurde ĂŒbel bei dem Gedanken, dass ich im Astoria lebte.« SpĂ€ter zog sie dort aus.

Als die KronstĂ€dter Matros*innen davon erfuhren, was in Petrograd gerade geschah, drĂŒckten sie ihre SolidaritĂ€t mit den ökonomischen und revolutionĂ€ren Forderungen der Streikenden aus, aber sie weigerten sich irgendeine Forderung nach einer verfassungsgebenden Versammlung zu unterstĂŒtzen. Am 1. MĂ€rz organisierten die Matros*innen eine Massenversammlung in Kronstadt, an der auch der Vorsitzende des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees, Kalinin (der vorsitzende PrĂ€sident der Russischen Republik), der Kommandant der KronstĂ€dter Festung, Kusmin, und der Vorsitzende des KronstĂ€dter Sowjets, Wassiljew, teilnahmen. Das im Wissen des Exekutivkomitees des KronstĂ€dter Sowjets abgehaltene Treffen erließ eine Resolution, die von den Matros*innen, der Garnison und der BĂŒrger*innenversammlung von 16.000 Menschen verabschiedet wurde. Kalinin, Kusmin und Wassiljew sprachen sich gegen die Resolution aus, die spĂ€ter die Grundlage fĂŒr den Konflikt zwischen Kronstadt und der Regierung werden wĂŒrde. Sie enthielt die gĂ€ngige Forderung nach Sowjets, die vom Volk frei gewĂ€hlt werden wĂŒrden. Es macht Sinn, das vollstĂ€ndige Dokument abzudrucken, so dass die*der Leser*in in der Lage dazu ist, den wahren Charakter der Forderungen von Kronstadt zu bewerten. Die Resolution lautete:

Nachdem der Bericht der von der Generalversammlung der Schiffsmannschaften zur Untersuchung der Situation in Petrograd dahin entsandten Vertreter*innen gehört wurde, wurde folgendes beschlossen:

1.

Angesichts der Tatsache, dass die derzeitigen Sowjets nicht den Willen der Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen vertreten, das Abhalten sofortiger Neuwahlen durch geheime Abstimmungen, deren Wahlkampagnen im Vorfeld vollstĂ€ndige Agitationsfreiheit bei den Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen genießen,

1.

Die Wiederherstellung der Rede- und Pressefreiheit fĂŒr Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen, fĂŒr Anarchist*innen und linke sozialistische Parteien,

1.

Die Sicherung der Versammlungsfreiheit fĂŒr Gewerkschaften und BĂ€uer*innenorganisationen,

1.

Die Einberufung einer nicht-parteiischen Konferenz der Arbeiter*innen, Rote-Armee-Soldat*innen und Matros*innen von Petrograd, Kronstadt und der Petrograder Provinz bis spÀtestens 10. MÀrz 1921,

1.

Die Freilassung aller politischen Gefangenen sozialistischer Parteien, sowie von Arbeiter*innen, BĂ€uer*innen, Soldat*innen und Matros*innen, die im Zusammenhang mit Arbeiter*innen- und BĂ€uer*innenbewegungen verhaftet wurden,

1.

Die Bildung einer Kommission, die die FĂ€lle derer ĂŒberprĂŒft, die in GefĂ€ngnissen und Konzentrationslagern gefangen gehalten werden,

1.

Die Abschaffung aller politodeli, da keiner Partei besondere Privilegien in der Verbreitung ihrer Ideen gewĂ€hrt werden sollte und keine Partei finanzielle UnterstĂŒtzung der Regierung fĂŒr diese Zwecke erhalten sollte. Stattdessen sollten Kommissionen fĂŒr Bildung und Kultur gebildet werden, die lokal gewĂ€hlt und von der Regierung finanziert werden,

1.

Die sofortige Abschaffung aller zagryaditeliye otryadi,

1.

Die Angleichung aller Rationen derer, die arbeiten sollen, mit Ausnahme derer, die in Branchen beschÀftigt sind, die gesundheitsschÀdliche Auswirkungen haben,

1.

Die Abschaffung der kommunistischen Kampfabteilungen in allen Teilen der Armee, sowie der kommunistischen WĂ€rter*innen, die ihren Dienst in Minen und Fabriken leisten. Sollten solche WĂ€rter*innen oder MilitĂ€rabteilungen fĂŒr notwendig erachtet werden, können sie in der Armee von der Basis und in den Fabriken gemĂ€ĂŸ der Beurteilung der Arbeiter*innen geschaffen werden,

1.

Volle Handlungsfreiheit hinsichtlich ihres Lands fĂŒr die BĂ€uer*innen sowie das Recht Vieh zu halten, unter der Bedingung, dass die BĂ€uer*innen mit ihren eigenen Mitteln auskommen, das bedeutet, ohne Arbeiter*innen anzustellen,

1.

Alle Abteilungen der Armee, sowie unsere Genoss*innen, die militÀrischen kursanti, dazu aufzurufen, unsere Resolution zu unterzeichnen,

1.

Wir fordern, dass die Presse unseren Resolutionen die grĂ¶ĂŸte Aufmerksamkeit verschafft.

1.

Die Bildung einer Kontrollkommission fĂŒr Reisende,

1.

Die Erlaubnis fĂŒr freie kustarnoye Produktion durch eigene BemĂŒhungen.

Am 4. MĂ€rz wĂŒrde sich der Petrograder Sowjet treffen und die allgemeine Wahrnehmung war, dass sich dabei das Schicksal Kronstadts entscheiden wĂŒrde. Trotzki wĂŒrde zu der Versammlung sprechen und ich hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, ihn in Russland zu hören. Ich war neugierig darauf, an der Versammlung teilzunehmen. Ich hatte mir noch keine feste Meinung zu Kronstadt gebildet. Ich konnte nicht glauben, dass die Bolschewiki die Geschichte ĂŒber General Koslowski als AnfĂŒhrer der Matros*innen bewusst erfunden haben sollten. Ich erwartete, dass das Treffen des Sowjets die Angelegenheit aufklĂ€ren wĂŒrde.

Das Taurische Palais war ĂŒberfĂŒllt und ein Spezialkommando von kursanti bewachte die BĂŒhne. Die Stimmung war ziemlich angespannt. Alle warteten auf Trotzki. Aber als er um 10 Uhr noch nicht erschienen war, eröffnete Sinowjew die Versammlung. Er hatte noch keine Viertelstunde gesprochen, da war ich ĂŒberzeugt, dass er die Geschichte von Koslowski selbst nicht glaubte. »NatĂŒrlich ist Koslowski alt und nicht in der Lage etwas zu tun«, sagte er, »aber die weißen Offizier*innen stehen hinter ihm und tĂ€uschen die Matros*innen.« Seit Tagen hatten die sowjetischen Zeitungen General Koslowski als die treibende Kraft des »Aufstands« dargestellt. Kalinin, dem die Matros*innen erlaubt hatten, Kronstadt unbehelligt zu verlassen, tobte wie ein FischverkĂ€ufer. Er denunzierte die Matros*innen als KonterrevolutionĂ€re und sprach sich fĂŒr ihre sofortige Unterwerfung aus. Mehrere andere Kommunist*innen folgten seinem Beispiel. Als die Versammlung zur Diskussion ĂŒberging, verlangte ein Arbeiter der Petrograder Waffenfabrik das Wort. Er sprach mit großen Emotionen und erklĂ€rte furchtlos, die stĂ€ndigen Unterbrechungen ignorierend, dass die Arbeiter*innen von der Indifferenz der Regierung gegenĂŒber ihren Beschwerden zum Streik gezwungen worden seien und die KronstĂ€dter Matros*innen, weit davon entfernt KonterrevolutionĂ€r*innen zu sein, der Revolution dienen wĂŒrden. Er erinnerte Sinowjew daran, dass sich die bolschewistischen AutoritĂ€ten gegenĂŒber den Arbeiter*innen und Matros*innen so verhielten, wie damals die Kerenski-Regierung gegenĂŒber den Bolschewiki. »Damals wurdet ihr als KonterrevolutionĂ€r*innen und deutsche Agent*innen denunziert«, sagte er. »Wir, die Arbeiter*innen und Matros*innen, hielten zu euch und verhalfen euch zur Macht. Nun denunziert ihr uns und seid bereit uns mit Waffen anzugreifen. Denkt daran, dass ihr mit dem Feuer spielt.«

Daraufhin sprach ein Matrose. Er bezog sich auf die glorreiche revolutionĂ€re Vergangenheit Kronstadts, appellierte an die Kommunist*innen, sich nicht an einem Geschwistermord zu beteiligen und verlas die Resolution von Kronstadt, um die friedfertige Einstellung der Matros*innen zu beweisen. Aber die Stimmen dieser Söhne des Volkes trafen auf taube Ohren. Der Petrograder Sowjet, dessen GemĂŒter von der bolschewistischen Demagogie erregt waren, verabschiedete die Resolution Sinowjews, die Kronstadt unter Androhung seiner Vernichtung befahl, sich zu ergeben.

Die KronstĂ€dter Matros*innen waren immer die Ersten gewesen, die der Revolution gedient hatten. Sie hatten eine wichtige Rolle bei der Revolution von 1905 gespielt, sie waren 1917 in den ersten Reihen. Unter Kerenskis Regime riefen sie die Kommune von Kronstadt aus und begaben sich in Feindschaft zur Konstituierenden Versammlung. Sie waren die Vorhut der Oktoberrevolution gewesen. Im großen Kampf gegen Judenitsch leisteten die Matros*innen die kampfesstĂ€rkste Verteidigung von Petrograd und Trotzki lobte sie als »Stolz und Ruhm der Revolution.« Doch nun hatten sie es gewagt, ihre Stimme gegen die neuen Herrscher*innen Russlands zu erheben. Das war aus Sicht der Bolschewiki Hochverrat. Die Matros*innen von Kronstadt waren verdammt.

Petrograd war aufgebracht ĂŒber die Entscheidung des Sowjets, sogar einige der Kommunist*innen, besonders die der französischen Sektion, empfanden Empörung. Aber keine*r von ihnen hatte den Mut gegen das geplante Massaker zu protestieren, nicht einmal in Parteikreisen. Sobald die Resolution des Petrograder Sowjets bekannt wurde, versammelte sich eine Gruppe bekannter Literat*innen aus Petrograd, um sich darĂŒber zu beraten, ob mensch denn nichts gegen das geplante Verbrechen unternehmen könne. Jemand schlug vor, dass mensch Gorki bitte, Kopf eines Komitees zu sein, dass gegen die sowjetischen AutoritĂ€ten protestieren solle. Mensch hoffte, dass er seinem glorreichen Landsmann Tolstoi nacheifern wĂŒrde, der in seinem berĂŒhmten Brief an den Zaren seine Stimme gegen das furchtbare Massaker an den Arbeiter*innen erhoben hatte. Auch nun wurde eine solche Stimme benötigt und mensch hielt Gorki fĂŒr den richtigen Mann, um zu den jetzigen Zaren zu sprechen, sich zu besinnen. Aber die meisten Anwesenden bei der Versammlung verschmĂ€hten diese Idee. Gorki sei einer der Bolschewiki sagten sie, er wĂŒrde nichts tun. Mensch hĂ€tte sich bereits frĂŒher mehrmals an ihn gewandt, aber er hĂ€tte es abgelehnt zu intervenieren. Die Konferenz brachte keine Ergebnisse. Dennoch gab es einige Menschen in Petrograd, die nicht schweigen wollten. Sie sandten dem Sowjet der Verteidigung folgenden Brief:

An den Petrograder Sowjet der Arbeit und Verteidigung, Vorsitzender Sinowjew:

Es ist unmöglich, ja sogar kriminell, jetzt zu schweigen. Die jĂŒngsten Ereignisse veranlassen uns Anarchist*innen dazu, zu sprechen und unsere Haltung gegenĂŒber der aktuellen Situation zu erklĂ€ren.

Der Geist der Unruhe und Unzufriedenheit, der sich unter den Arbeiter*innen und Matros*innen breit gemacht hat, ist das Ergebnis von Ursachen, die unserer vollsten Aufmerksamkeit bedĂŒrfen. KĂ€lte und Hunger haben Unzufriedenheit geschaffen und die Ermangelung jeder Möglichkeit der Diskussion und Kritik zwingt die Arbeiter*innen und Matros*innen dazu, ihrem Unmut offen Luft zu machen.

Gruppen weißer Gardist*innen wĂŒnschen und könnten versuchen, diese Unzufriedenheit fĂŒr die Interessen ihrer eigenen Klasse auszunutzen. Indem sie sich hinter den Arbeiter*innen und Matros*innen verstecken, verwenden sie Formeln der Konstituierenden Versammlung, die Forderung nach freiem Handel und Ähnliches. Wir Anarchist*innen haben seit jeher die LĂŒgen dieser Forderungen enttarnt und wir erklĂ€ren vor der ganzen Welt, dass wir mit Waffengewalt gegen jeden Versuch des konterrevolutionĂ€ren Umsturzes zusammen mit allen Freund*innen der sozialen Revolution und Hand in Hand mit den Bolschewiki kĂ€mpfen werden.

Was den Konflikt zwischen der sowjetischen Regierung und den Arbeiter*innen und Matros*innen betrifft, sind wir der Meinung, dass er nicht durch Waffengewalt geklĂ€rt werden darf, sondern durch Kameradschaft, eine geschwisterliche revolutionĂ€re Vereinbarung. Die Zuflucht zum Blutvergießen auf Seiten der sowjetischen Regierung wird – in der gegebenen Situation – die Arbeiter*innen weder einschĂŒchtern noch zum Schweigen bringen. Im Gegenteil, es wird ZustĂ€nde nur noch verschlimmern und die Bande zwischen Entente und der internen Konterrevolution stĂ€rken.

Schlimmer noch, der Einsatz von Gewalt gegen Arbeiter*innen und Matros*innen durch die Arbeiter*innen- und BĂ€uer*innen-Regierung wird einen rĂŒckschrittlichen Effekt auf die internationale revolutionĂ€re Bewegung haben und wird der Sozialen Revolution ĂŒberall unberechenbaren Schaden zufĂŒgen.

Genoss*innen Bolschewiki, besinnt euch, bevor es zu spĂ€t ist. Spielt nicht mit dem Feuer: Ihr seid dabei, einen Ă€ußerst schwerwiegenden und folgenreichen Schritt zu machen.

Wir schlagen euch hiermit folgendes vor: Lasst eine Kommission aus fĂŒnf Personen, darunter zwei Anarchist*innen, bilden. Die Kommission soll nach Kronstadt gehen, um den Konflikt auf friedlichem Weg zu klĂ€ren. In der gegebenen Situation ist das die radikalste Methode. Sie wĂ€re von internationaler revolutionĂ€rer Bedeutung.

Petrograd,

den 5. MĂ€rz 1921.

Alexander Berkman.

Emma Goldman.

Perkus.

Petrowski.

Aber dieser Protest wurde ignoriert.

Am 7. MĂ€rz begann Trotzki mit dem Bombardement Kronstadts und am 17. wurde die Festung und die Stadt nach zahlreichen Angriffen, die ein schreckliches menschliches Opfer forderten, eingenommen. So war Kronstadt »liquidiert« und die »konterrevolutionĂ€re Verschwörung« in Blut ertrĂ€nkt worden. Die »Eroberung« der Stadt zeichnete sich durch rĂŒcksichtslose Grausamkeit aus, obwohl nicht einer der von den KronstĂ€dter Matros*innen verhafteten Kommunist*innen von ihnen verletzt oder getötet worden war. Vor der ErstĂŒrmung der Festung richteten die Bolschewiki sogar kurzerhand zahlreiche Soldat*innen der Roten Armee hin, deren revolutionĂ€rer Geist und SolidaritĂ€t sie dazu brachte, sich zu weigern an dem Blutbad teilzunehmen.

Einige Tage nach dem »glorreichen Sieg« ĂŒber Kronstadt sagte Lenin auf dem Zehnten Kongress der Kommunistischen Partei Russlands: »Die Matros*innen wollten die KonterrevolutionĂ€r*innen nicht, aber uns wollten sie auch nicht.« Und – Ironie des Bolschewismus! – auf demselben Kongress setzte sich Lenin fĂŒr den freien Handel ein – ein reaktionĂ€rerer Schritt als jeder, der den KronstĂ€dter Matros*innen vorgeworfen worden war.

Zwischen dem 1. und dem 17. MĂ€rz wurden mehrere Regimente der Petrograder Garnison und alle Matros*innen des Hafens entwaffnet und in die Ukraine und den Kaukasus befehligt. Die Bolschewiki trauten ihnen in der Situation um Kronstadt nicht: Beim ersten psychologischen Moment könnten sie sich mit Kronstadt verbĂŒnden. TatsĂ€chlich hatten auch viele Rote Soldat*innen der Krasnaja Gorka und der umliegenden Garnisonen Sympathien fĂŒr Kronstadt und wurden unter Vorhaltung von Waffen gezwungen, die Matros*innen anzugreifen.

Am 17. MĂ€rz verkĂŒndete die kommunistische Regierung ihren »Sieg« ĂŒber das KronstĂ€dter Proletariat und am 18. MĂ€rz gedachte sie den MĂ€rtyrer*innen der Pariser Kommune. Allen, die stumme Zeug*innen der von den Bolschewiki begangenen GrĂ€ueltaten geworden waren, war klar, dass das Verbrechen gegen Kronstadt viel schlimmer als das Massaker der Kommunard*innen 1871 gewesen war, da es im Namen der Sozialen Revolution, im Namen der Sozialistischen Republik verĂŒbt worden war. Die Geschichte kann nicht getĂ€uscht werden. In den Annalen der Russischen Revolution werden die Namen Trotzkis, Sinowjews und Dybenkos denen von Thiers und Gallifet hinzugefĂŒgt werden.

Siebzehn fĂŒrchterliche Tage, fĂŒrchterlicher als irgendetwas, das ich in Russland gesehen hatte. Qualvolle Tage, wegen meiner vollstĂ€ndigen Machtlosigkeit angesichts der furchtbaren Dinge, die sich vor meinen Augen abspielten. Es war just zu dieser Zeit, dass ich einen Freund besuchte, der monatelang Patient in einem Krankenhaus gewesen war. Er war Ă€ußerst verzweifelt. Viele derer, die beim Angriff auf Kronstadt verletzt worden waren, waren in dasselbe Krankenhaus eingeliefert worden, hauptsĂ€chlich kursanti. Ich hatte die Gelegenheit mit einem von ihnen zu sprechen. Sein physischer Zustand, sagte er, sei nichts im Vergleich zu seinen mentalen Höllenqualen. Er habe zu spĂ€t bemerkt, dass er von dem Geschrei von »Konterrevolution« ĂŒbertölpelt worden sei. Es habe keine zaristischen GenerĂ€le in Kronstadt gegeben, keine weißen Gardist*innen – er habe nur seine eigenen Kamerad*innen vorgefunden, Matros*innen und Soldat*innen, die heroisch fĂŒr die Revolution gekĂ€mpft hatten.

Die Rationen der gewöhnlichen Patient*innen in dem Krankenhaus waren alles andere als ausreichend, aber die verwundeten kursanti bekamen von allem das Beste und ein dafĂŒr gebildetes Komitee von Kommunist*innen war damit beauftragt worden, sich um ihr Wohlergehen zu kĂŒmmern. Einige der kursanti, darunter der Mann, mit dem ich gesprochen hatte, weigerten sich, die Privilegien anzunehmen. »Sie wollen uns fĂŒr Mord bezahlen«, sagten sie. Weil sie fĂŒrchteten, dass die gesamte Institution von diesen erwachten Opfern infiziert werden könnte, ordnete das Management an, sie in eine separate Station zu verlegen, die »Kommunistische Station«, wie die Patient*innen sie nannten.

Kronstadt sprengte die letzte Kette, die mich an die Bolschewiki gebunden hatte. Das schamlose Gemetzel, das sie angezettelt hatten, sprach deutlicher gegen sie als irgendetwas anderes. Was immer sie in der Vergangenheit vorgegeben hatten zu sein, stellten sich die Bolschewiki nun als die schÀdlichsten Feind*innen der Revolution heraus. Ich konnte nicht lÀnger irgendetwas mit ihnen zu tun haben.

Kapitel 28: Die Verfolgung der Anarchist*innen

In einem Land, das sich so umfassend in der Hand und unter Kontrolle des Staates befindet wie Russland, ist es beinahe unmöglich, ohne die »Gnade« der Regierung zu leben. Dennoch war ich entschlossen, den Versuch zu wagen. Ich wĂŒrde nichts von den mit dem Blut der tapferen KronstĂ€dter Matros*innen befleckten HĂ€nden annehmen, nicht einmal Brotrationen. GlĂŒcklicherweise hatte ich etwas Kleidung, die mir von einem Freund aus Amerika ĂŒberlassen worden war, die konnte ich gegen VorrĂ€te eintauschen. Ich hatte außerdem etwas Geld von meinen Leuten aus den Vereinigten Staaten erhalten. Das wĂŒrde mir eine Zeitlang erlauben zu leben.

In Moskau bezog ich ein kleines Zimmer, das einst von der Tochter Peter Kropotkins bewohnt worden war. Ab diesem Tag lebte ich wie tausende andere Russ*innen, schleppte Wasser, hackte Holz, wusch und kochte, und das alles in meinem kleinen Zimmer. Aber ich fĂŒhlte mich dadurch freier und besser.

Die Neue Ökonomische Politik verwandelte Moskau in einen gewaltigen Marktplatz. Handel wurde zur neuen Religion. LĂ€den und GeschĂ€fte tauchten ĂŒber Nacht auf und waren mysteriöserweise mit Köstlichkeiten gefĂŒllt, die mensch in Russland seit Jahren nicht gesehen hatte. Große Mengen an Butter, KĂ€se und Fleisch wurden zum Verkauf angeboten, mensch konnte GebĂ€ck, seltene FrĂŒchte und SĂŒĂŸigkeiten jeder Art kaufen. Im GebĂ€ude des Ersten Hauses der Sowjets hatte eines der grĂ¶ĂŸten GebĂ€ckgeschĂ€fte eröffnet. MĂ€nner, Frauen und Kinder standen mit verkniffenen Gesichtern und hungrigen Augen davor, starrten in die Schaufenster und sprachen ĂŒber das große Wunder: Was bis gestern noch als ein abscheuliches Verbrechen gegolten hatte, wurde nun vor ihren Aufen offen und legal zur Schau gestellt. ZufĂ€llig hörte ich, wie ein*e Rote*r Soldat*in sagte: »Und dafĂŒr haben wir die Revolution gemacht? DafĂŒr mussten unsere Genoss*innen sterben?« Die Parole »Beraubt die RĂ€uber*innen« hatte sich jetzt in »Respektiert die RĂ€uber*innen« verwandelt und wieder wurde die Heiligkeit des Privateigentums ausgerufen.

Russland kehrte dadurch schrittweise zu den sozialen ZustĂ€nden zurĂŒck, die die Revolution zerstört hatte. Aber die RĂŒckkehr zum Kapitalismus verĂ€nderte die Einstellung der Bolschewiki gegenĂŒber den linken Elementen keineswegs. Bourgeoise Ideen und Praktiken wurden gefördert, um das industrielle Leben Russlands zu entwickeln, aber revolutionĂ€re Tendenzen wurden unterdrĂŒckt wie zuvor.

In Verbindung mit Kronstadt kam es zu allgemeinen Razzien gegen Anarchist*innen in Petrograd und Moskau. Die GefĂ€ngnisse wurden mit diesen Opfern gefĂŒllt. Beinahe jede*r bekannte Anarchist*in war verhaftet worden und die anarchistischen BuchlĂ€den und Druckereien von »Golos Truda« wurden in beiden StĂ€dten von der Tscheka versiegelt. Die ukrainischen Anarchist*innen, die am Abend der Konferenz in Charkiw verhaftet worden waren (obwohl ihnen durch die Vereinbarung der Bolschewiki mit Machno ImmunitĂ€t zugesichert worden war), wurden nach Moskau gebracht und dort in die Butyrka verlegt, sodass dieses GefĂ€ngnis der Romanows wieder seinem alten Zweck diente – ja sogar einige der einst dort inhaftierten RevolutionĂ€r*innen saßen wieder darin. Bald wurde bekannt, dass die politischen Gefangenen in der Butyrka von der Tscheka brutal misshandelt und heimlich zu unbekannten Orten deportiert worden waren. Moskau war sehr aufgebracht ĂŒber dieses Wiederaufleben der schlimmsten GefĂ€ngnispraktiken des Zarismus. Der Moskauer Sowjet fĂŒhrte Befragungen zu diesem Thema durch und die Empörung der Abgeordneten war so groß, dass der*die Vertreter*in der Tscheka von der BĂŒhne geschrieen wurde. Einige anarchistische Gruppen aus Moskau sandten einen energischen Protestbrief an die AutoritĂ€ten, den ich hier in Teilen wiedergeben möchte:

Die unterzeichnenden anarcho-syndikalistischen Organisationen drĂŒcken hiermit nach einer sorgfĂ€ltigen Untersuchung der Situation, die jĂŒngst durch die Verfolgung von Anarchist*innen in Moskau, Petrograd, Charkiw und anderen StĂ€dten Russlands und der Ukraine entstanden ist, und die unter anderem in der gewaltsamen UnterdrĂŒckung anarchistischer Organisationen, Clubs, Publikationen, usw. besteht, ihren entschlossenen und energischen Protest ĂŒber diese despotische Vernichtung von nicht nur agitatorischen und propagandistischen AktivitĂ€ten, sondern sogar aller rein kulturellen Arbeit anarchistischer Organisationen aus.

Die systematische Menschenjagd auf Anarchist*innen im Allgemeinen und auf Anarcho-Syndikalist*innen im Besonderen, mit dem Resultat, dass jedes GefĂ€ngnis im sowjetischen Russland mit unseren Genoss*innen gefĂŒllt ist, deckt sich zeitlich und inhaltlich mit Lenins Rede auf dem Zehnten Kongress der russischen Kommunistischen Partei. Bei dieser Gelegenheit verkĂŒndete Lenin, dass denen, die er »kleinbĂŒrgerliche anarchistische Elemente« nannte und die sich ihm zufolge wegen der »anarcho-syndikalistischen Tendenzen der Arbeiter*innenopposition« selbst innerhalb der Kommunistischen Partei ausbreiten wĂŒrden, der gnadenloseste Krieg erklĂ€rt werden mĂŒsse. Am gleichen Tag, an dem Lenin die oben ausgefĂŒhrten Aussagen von sich gab, wurden im ganzen Land zahlreiche Anarchist*innen ohne jeden Grund oder ErklĂ€rung verhaftet. Gegen keine*n der eingesperrten Genoss*innen konnten irgendwelche VorwĂŒrfe erhoben werden, obwohl einige von ihnen bereits ohne Anhörung oder Prozess und in Abwesenheit zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind. Die Bedingungen ihrer Haft sind außergewöhnlich niedertrĂ€chtig und brutal. Einer der Eingesperrten, Genosse Maximoff, wurde dadurch, nach vielen vergeblichen Beschwerden gegen die unglaublichen unhygienischen ZustĂ€nde, in denen er gezwungen wurde zu leben, zum einzigen Mittel des Protests, das ihm noch blieb, getrieben – zu einem Hungerstreik. Ein anderer Genosse, Jartschuk, der nach sechs Tagen Haft entlassen worden war, wurde kurz darauf erneut verhaftet, ohne dass ihm irgendetwas vorgeworfen werden konnte.

Wir haben aus einer verlĂ€sslichen Quelle erfahren, dass einige der inhaftierten Anarchist*innen in das GefĂ€ngnis von Samara gebracht werden sollen, weit entfernt von zu Hause und von Freund*innen, und so auch noch der kleinen kamaradschaftlichen Hilfe, die sie nĂ€her an ihrer Heimat erhalten hĂ€tten können, beraubt werden. Eine große Zahl anderer Genoss*innen sah sich durch die furchtbaren Bedingungen ihrer Haft gezwungen in Hungerstreik zu treten. Eine*r von ihnen ist nach zwölf Tagen des Hungers gefĂ€hrlich erkrankt.

Sogar physische Gewalt wird unseren Genoss*innen im GefĂ€ngnis angetan. Die Stellungnahme der Anarchist*innen im Butyrka-GefĂ€ngnis, die von achtunddreißig Genoss*innen unterzeichnet wurde und am 16. MĂ€rz an das Exekutivkomitee der Allrussischen Außerordentlichen Komission gesandt wurde, enthĂ€lt neben anderen Dingen folgende Aussage: »Am 15. MĂ€rz wurde der Genosse T. Kashirin in Anwesenheit des GefĂ€ngnisdirektors Dukis im GefĂ€ngnis der Spezialabteilung der Außerordentlichen Kommission von Ihrem Agenten Mago und seinen Helfer*innen brutal angegriffen und zusammengeschlagen.«

Neben den umfassenden Verhaftungen unserer Genoss*innen und der physischen Gewalt ihnen gegenĂŒber fĂŒhrt die Regierung einen systematischen Krieg gegen unsere Bildungsarbeit. Sie hat zahlreiche unserer Clubs sowie das Moskauer BĂŒro des Verlags der anarcho-syndikalistischen Organisation Golos Truda geschlossen. Eine Ă€hnliche Menschenjagd fand am 15. MĂ€rz in Petrograd statt. Zahlreiche Anarchist*innen wurden ohne Grund verhaftet, die Druckerei von Golos Truda wurde geschlossen und ihre Arbeiter*innen eingesperrt. Gegen die verhafteten Genoss*innen wurden keine VorwĂŒrfe erhoben, dennoch befinden sich alle noch immer hinter Gittern.

Diese unertrĂ€glichen autokratischen Taktiken der Regierung gegenĂŒber den Anarchist*innen sind unbestreitbar das Ergebnis der allgemeinen Politik des ausschließlich unter der Kontrolle der Kommunistischen Partei befindlichen bolschewistischen Staates gegenĂŒber Anarchismus, Syndikalismus und ihren AnhĂ€nger*innen.

Dieser Zustand zwingt uns dazu, laut gegen die beunruhigende und brutale UnterdrĂŒckung der anarchistischen Bewegung durch die bolschewistische Regierung zu protestieren. Hier in Russland ist unsere Stimme nur schwach. Sie ist erstickt. Die Politik der herrschenden Kommunistischen Partei dient dazu, absolut jede Möglichkeit oder BemĂŒhung anarchistischer AktivitĂ€ten oder Propaganda zu zerstören. Die Anarchist*innen in Russland werden daher in den Zustand eines vollstĂ€ndigen moralischen Hungerstreiks gezwungen, da die Regierung uns selbst die Möglichkeit raubt, die PlĂ€ne und Projekte umzusetzen, die sie selbst erst kĂŒrzlich versprach zu unterstĂŒtzen.

Weil wir die Richtigkeit unseres anarchistischen Ideals und die dringende Notwendigkeit seiner Anwendung auf unser Leben klarer als jemals zuvor erkannt haben, sind wir davon ĂŒberzeugt, dass das revolutionĂ€re Proletariat der ganzen Welt auf unserer Seite steht.

Nach der Februarrevolution sind russische Anarchist*innen aus allen LĂ€ndern nach Russland zurĂŒckgekehrt, um sich revolutionĂ€ren AktivitĂ€ten zu widmen. Die Bolschewiki haben den anarchistischen Slogan »Die Fabriken fĂŒr die Arbeiter*innen, das Land fĂŒr die BĂ€uer*innen« ĂŒbernommen und damit die Sympathien der Anarchist*innen gewonnen. Sie sahen in den Bolschewiki Verfechter*innen der sozialen und ökonomischen Revolution und verbĂŒndeten sich mit ihnen.

WĂ€hrend der Oktoberperiode arbeiteten die Anarchist*innen Hand in Hand mit den Kommunist*innen zusammen und kĂ€mpften Seite an Seite mit ihnen, um die Revolution zu verteidigen. Dann kam der Vertrag von Brest-Litowsk, den viele Anarchist*innen als Verrat an der Revolution betrachteten. Es war fĂŒr sie das erste Warnsignal dafĂŒr, dass an den Bolschewiki irgendetwas faul war. Aber Russland war noch immer der Intervention aus dem Ausland ausgesetzt und die Anarchist*innen hatten das GefĂŒhl, dass sie weiterhin zusammen gegen den gemeinsamen Feind kĂ€mpfen mussten.

Im April 1918 folgte ein weiterer Schlag. Auf Befehl Trotzkis wurde das anarchistische Hauptquartier in Moskau mit Artillerie angegriffen, wobei zahlreiche Anarchist*innen verwundet wurden, eine große Anzahl verhaftet und alle anarchistischen AktivitĂ€ten »liquidiert.« Diese vollkommen unerwartete Gewalttat entfremdete die Anarchist*innen weiter von der herrschenden Partei. Dennoch stand die Mehrheit von ihnen weiterhin an der Seite der Bolschewiki: Sie hatten trotz der inneren Verfolgung das GefĂŒhl, dass sie den konterrevolutionĂ€ren KrĂ€ften in die HĂ€nde spielen wĂŒrden, wenn sie sich gegen die Bolschewiki wenden wĂŒrden. Die Anarchist*innen beteiligten sich an jeder sozialen, Bildungs- und ökonomischen Anstrengung, sie arbeiteten sogar in den militĂ€rischen Einheiten, um Russland zu helfen. In der Roten Garde, den Freiwilligenbataillonen und spĂ€ter in der Roten Armee, als Organisator*innen und Verwalter*innen von Fabriken und LĂ€den, als Leiter*innen der Brennstoff-BĂŒros, als Lehrer*innen – Überall ĂŒbernahmen die Anarchist*innen schwierige und verantwortungsvolle Ämter. Aus ihren Reihen kamen einige der fĂ€higsten MĂ€nner, die mit Tschitscherin und Kharakan im AuswĂ€rtigen Amt arbeiteten, in den verschiedenen PressebĂŒros, als bolschewistische Diplomat*innen in Turkestan, Buchara und der Fernöstlichen Republik. In ganz Russland arbeiteten Anarchist*innen im Glauben, dass sie dadurch der Revolution dienen wĂŒrden, mit und fĂŒr die Bolschewiki. Aber die Hingabe und der Eifer der Anarchist*innen hielt die Kommunist*innen nicht davon ab, die anarchistische Bewegung erbarmungslos zu verfolgen.

Die seltsame allgemeine Situation und die Begriffsverwirrung, die vom bolschewistischen Experiment in allen revolutionĂ€ren Kreisen geschaffen wurde, teilte die anarchistischen KrĂ€fte Russlands in mehrere Fraktionen und schwĂ€chte dadurch ihren Einfluss auf den Verlauf der Revolution. Es gab einige Gruppen, die alle getrennt und vergeblich gegen die furchtbare Maschine kĂ€mpften, die sie selbst geschaffen hatten. In dem dichten politischen Nebel verloren viele ihren Orientierungssinn: Sie konnten nicht zwischen Bolschewiki und Revolution unterscheiden. In ihrer Verzweiflung wurden einige Anarchist*innen in den Untergrund getrieben, so wie sie es wĂ€hrend des Zarenregimes gewesen waren. Aber solche AktivitĂ€ten waren unter den neuen Herrscher*innen schwieriger und gefĂ€hrlicher und sie öffneten auch den finsteren Machenschaften von Provokateur*innen die TĂŒr. Die grĂ¶ĂŸeren anarchistischen Organisationen wie die Nabat in der Ukraine, Golos Truda in Petrograd und Moskau und die Gruppe Wolny Trud – von denen letztere beiden der anarcho-syndikalistischen Stömung angehören – setzten ihre Arbeit so gut sie konnten offen fort.

UnglĂŒchlicherweise, ebenso wie unvermeidbar unter diesen UmstĂ€nden, fanden einige böse Geister Zugang zu den anarchistischen Reihen – Treibholz, das von der revolutionĂ€ren Flut angespĂŒlt worden war. Sie waren Typen, fĂŒr die die Revolution nur Zerstörung bedeutete, gelegentlich sogar zum eigenen Vorteil. Sie gingen zwielichtigen TĂ€tigkeiten nach und verwandelten sich oft in VerrĂ€ter*innen und schlossen sich der Tscheka an, wenn sie verhaftet und ihre Leben bedroht wurden. Besonders in Charkiw und Odessa gedieh diese giftige Saat. Die Gesamtheit der Anarchist*innen waren die Ersten, die sich gegen dieses PhĂ€nomen engagierten. Die Bolschewiki, die immer daran interessiert waren, sich die Dienste der anarchistischen Wracks zu sichern, verdrehten systematisch die Fakten. Sie verleumdeten, verfolgten und jagten die anarchistische Bewegung als Ganze. Es war dieser Verrat und Despotismus der Kommunist*innen, der dazu fĂŒhrte, dass eine Bombe in die Versammlung der Moskauer Sektion der Kommunistischen Partei im September 1919 geworfen wurde. Es war ein Akt des Protests, an dem sich Mitglieder der verschiedenen politischen Strömungen beteiligten. Die anarchistischen Organisationen Golos Truda und Wolny Trud aus Moskau verurteilten solche Methoden öffentlich, aber die Regierung antwortete mit Repressalien gegen alle Anarchist*innen. Dennoch, trotz ihrer bitteren Erfahrungen und dem Martyrium unter dem bolschewistischen Regime, klammerten sich die meisten Anarchist*innen beharrlich an die Hand, die sie erschlug. Es bedurfte der GrĂ€ueltaten gegenĂŒber Kronstadt, um sie von dem hypnotischen Bann des bolschewistischen Aberglaubens zu erwecken.

Macht korrumpiert und Anarchist*innen bilden da keine Ausnahme. Mensch muss zugeben, dass bestimmte anarchistische Elemente davon zersetzt wurden, die groĂŸĂ© Mehrheit jedoch bewahrte ihre IntegritĂ€t. Weder die Verfolgung durch die Bolschewiki noch die oft versuchte Bestechung mit guten Positionen und all ihren Sonderprivilegien hatten Erfolg darin, die große Masse der Anarchist*innen von ihren Idealen zu entfremden. Deshalb wurden sie kontinuierlich schikaniert und eingekerkert. Ihr Dasein in den GefĂ€ngnissen war eine ununterbrochene Qual: In den meisten herrschte noch immer das alte Regime und nur die kollektiven KĂ€mpfe der Gefangenen hatten gelegentlich Erfolg darin, Reformen und Verbesserungen zu erzwingen. Daher bedurfte es wiederholter »Hemmnisse« und Hungerstreiks in der Butyrka, bevor die AutoritĂ€ten zu ZugestĂ€ndnissen gezwungen werden konnten. Den politischen Gefangenen gelang es, eine Art UniversitĂ€t zu grĂŒnden, VortrĂ€ge zu organisieren und Besuche und Nahrungsmittelpakete zu empfangen. Aber die Tscheka missbilligte derartige »Freiheiten«. Plötzlich, ohne jede Vorwarnung, wurde der angemessenen Behandlung ein Ende gesetzt, die Butyrka wurde gerazzt und die mehr als 400 Gefangenen, die verschiedenen revolutionĂ€ren FlĂŒgeln angehörten, wurden gewaltsam aus ihren Zellen geholt und in andere Strafanstalten verlegt. Ein Brief aus dieser Zeit, datiert auf den 27. April, von einem der Opfer lautet:

Konzentrationslager von Rjasan.

In der Nacht des 25. April wurden wir von Roten Soldat*innen und bewaffneten Tschekist*innen angegriffen, uns wurde befohlen uns anzuziehen und uns darauf vorzubereiten, die Butyrka zu verlassen. Einige der politischen Gefangenen, die befĂŒrchteten, dass sie exekutiert werden wĂŒrden, weigerten sich zu gehen und wurden heftigst zusammengeschlagen. Besonders die Frauen wurden misshandelt, einige von ihnen wurden an ihren Haaren die Stufen hinuntergeschleift. Viele haben ernsthafte Verletzungen erlitten. Ich selbst wurde so heftig zusammengeschlagen, dass sich mein ganzer Körper wie eine einzige Wunde anfĂŒhlt. Wir wurden mit Gewalt in unseren SchlafanzĂŒgen hinausbefördert und in Waggons geworfen. Die Genoss*innen in unserer Gruppe wussten nichts ĂŒber den Aufenthaltsort der ĂŒbrigen politischen Gefangenen, darunter Menschewiki, SozialrevolutionĂ€r*innen, Anarchist*innen und Anarcho-Syndikalist*innen.

Zehn von uns, darunter Fanya Baron, wurden hierher gebracht. Die ZustĂ€nde in diesem GefĂ€ngnis sind unertrĂ€glich. Kein Freigang, keine frische Luft, das Essen ist knapp und verdreckt, ĂŒberall sind furchtbarer Dreck, Bettwanzen und LĂ€use. Wir beabsichtigen in einen Hungerstreik fĂŒr bessere Behandlung zu treten. Gerade wurde uns gesagt, dass wir unsere Sachen packen sollen. Sie werden uns wieder verlegen. Wohin wissen wir nicht.

[Unterzeichnet] T.

Als die UmstĂ€nde der Razzien in der Butyrka bekannt wurden, hielten die Student*innen der Moskauer UniversitĂ€t eine Protestversammlung ab und verabschiedeten Resolutionen, die die GrĂ€ueltaten verurteilten. Daraufhin wurden die AnfĂŒhrer*innen der Student*innen verhaftet und die UniversitĂ€t geschlossen. Den nicht aus Moskau stammenden Student*innen wurde unter dem Vorwand fehlender Nahrungsmittel befohlen, Moskau innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Die Student*innen erboten sich, auf ihr payok zu verzichten, aber die Regierung bestand darauf, dass sie die Hauptstadt verlassen mĂŒssten. SpĂ€ter, als die UniversitĂ€t wiedereröffnet wurde, ermahnte Preobraschenski, der Dekan, die Student*innen unter Androhung des Rauswurfs von der UniversitĂ€t, jede politische Äußerung zu unterlassen. Einige der verhafteten Student*innen wurden der UniversitĂ€t verwiesen, unter ihnen einige weibliche Studentinnen, deren einziges Verbrechen die Mitgliedschaft in einem Zirkel war, dessen Ziel es gewesen war, die Arbeiten Kropotkins und anderer anarchistischer Autor*innen zu studieren. Im bolschewistischen Russland wurden die Methoden des Zaren von seinen Thronfolger*innen wiederbelebt.

Nach dem Tod von Peter Kropotkin hatten seine Freund*innen und Genoss*innen entschieden, ein Kropotkin-Museum zu Ehren des großen anarchistischen Lehrers und zur Förderung seiner Ideen und Ideale zu grĂŒnden. Ich zog nach Moskau, um bei der Organisation der geplanten GedenkstĂ€tte mitzuwirken, aber das Museumskomitee hatte bereits seit langem beschlossen, dass das Projekt derzeit nicht realisiert werden konnte. Da alles dem Monopol des Staates unterlag, konnte nichts ohne die Genehmigung der AutoritĂ€ten gemacht werden. Die Hilfe der Regierung zu akzeptieren wĂ€re jedoch ein wissentlicher Verrat am Geiste Kropotkins gewesen, der sein Leben lang die Zusammenarbeit mit dem Staat verweigert hatte. Als Kropotkin einst krank und auf Hilfe angewiesen war, bot ihm die bolschewistische Regierung eine große Summe fĂŒr das Recht an, seine Werke zu veröffentlichen. Kropotkin lehnte ab. Er war durch seine Krankheit gezwungen, Rationen und medizinische UnterstĂŒtzung zu akzeptieren, aber er wĂŒrde weder einwilligen, dass seine Werke vom Staat publiziert wĂŒrden, noch irgendeine andere Hilfe von ihm annehmen. Das Komitee des Kropotkin-Museums vertrat die gleiche Auffassung. Es nahm vom Moskauer Sowjet das Haus an, in dem Kropotkin geboren worden war und das in ein Museum zu Ehren Kropotkins verwandelt werden sollte, aber es wĂŒrde die Regierung um nichts weiter bitten. Das Haus wurde zu dieser Zeit von einer MilitĂ€rorganisation genutzt, es hĂ€tte Wochen gedauert es zu rĂ€umen und dann hĂ€tten die Mittel gefehlt es zu renovieren. Einige der Mitglieder des Komitees waren der Meinung, dass ein Kropotkin-Museum im bolschewistischen Russland fehl am Platz sei, solange Dsepotismus um sich griff und die GefĂ€ngnisse mit politisch Andersdenkenden gefĂŒllt waren.

Als ich zu einem kurzen Besuch in Petrograd war, wurde das Moskauer Appartement, in dem mein Zimmer war, von der Tscheka durchsucht. Ich erfuhr, dass das ĂŒbliche Spiel gespielt worden war und alle, die den Ort wĂ€hrend der zassada aufgesucht hatten, verhaftet worden waren. Ich besuchte Rawitsch, um gegen ein solches Vorgehen zu protestieren und teilte ihr mit, dass wenn das Ziel gewesen sei, mich in Haft zu nehmen, ich dazu bereit sei. Rawitsch hatte nichts davon mitbekommen, aber versprach, sich mit Moskau in Verbindung zu setzen. Einige Tage spĂ€ter wurde ich darĂŒber informiert, dass sich die Tschekist*innen aus dem Appartement zurĂŒckgezogen hĂ€tten und die verhafteten Freund*innen freigelassen werden wĂŒrden. Als ich einige Zeit darauf in mein Zimmer zurĂŒckkehrte, waren die meisten von ihnen wieder frei. Zeitgleich waren zahlreiche Anarchist*innen in verschiedenen Teilen der Hauptstadt verhaftet worden und keine*r wusste etwas ĂŒber ihr Schicksal oder den Grund fĂŒr ihre Verhaftung. Einige Wochen spĂ€ter, am 30. August, veröffentlichte die Moskauer Iswestija den offiziellen Bericht der WeTscheKa ĂŒber »anarchistisches Bandit*innentum,« der mitteilte, dass zehn Anarchist*innen ohne Anhörung und Prozess als »Bandit*innen« erschossen worden waren.

Es war zur gÀngigen Praxis der bolschewistischen Regierung geworden, ihr barbarisches Vorgehen gegen Anarchist*innen mit dem allgemeinen Vorwurf des Bandit*innentums zu verschleiern. Diese Anschuldigung wurde gegen praktisch alle verhafteten Anarchist*innen und oft sogar gegen Sympathisant*innen der Bewegung erhoben. Eine besonders gÀngige Methode, eine unliebsame Person loszuwerden: So konnte jede*r heimlich hingerichtet und begraben werden.

Unter den zehn Opfern waren zwei der bekanntesten russischen Anarchist*innen, deren Idealismus und lebenslange Hingabe im Namen der Menschlichkeit die zaristischen Kerker und das Exil und Verfolgung und Leiden in anderen LĂ€ndern ĂŒberdauert hatten. Es waren Fanya Baron, die einige Monate zuvor aus dem GefĂ€ngnis von Rjasan ausgebrochen war und Lew Tschorny, der unter dem alten Regime viele Jahre seines Lebens in der Katorga und im Exil verbracht hatte. Die Bolschewiki hatten nicht den Mut zuzugeben, dass sie Lew Tschorny erschossen hatten; in der Liste der Hingerichteten tauchte er unter dem Namen »Turtschaninow« auf, unter dem er, obwohl das sein richtiger Name war, selbst einigen seiner engsten Freund*innen nicht bekannt gewesen war. Tschorny war in ganz Russland als begabter Dichter und Autor bekannt gewesen. 1907 hatte er ein Werk ĂŒber »Assoziierenden Anarchismus« verfasst und seit seiner RĂŒckkehr aus Sibirien im Jahre 1917 hatte er große Beliebtheit unter den Arbeiter*innen Moskaus als Redner und GrĂŒnder der »Föderation der geistigen Arbeiter*innen« genossen. Er war ein Ă€ußerst begabter Mann, liebevoll und sympathisch in jeder Hinsicht. Kein Mensch konnte weiter vom Bandit*innentum entfernt sein als er.

Die Mutter von Tschorny hatte sich wiederholt beim Ossoby Otdel (Spezialabteilung der Tscheka) nach dem Schicksal ihrers Sohnes erkundigt. Jedes Mal wurde ihr gesagt, sie solle am nĂ€chsten Tag wiederkommen, dann wĂŒrde mensch ihr erlauben ihn zu sehen. Wie sich spĂ€ter herausstellte, war Tschorny bereits erschossen worden, als diese Versprechungen gemacht wurden. Nach seinem Tod weigerten sich die AutoritĂ€ten seinen Leichnahm an seine Verwandten und Freund*innen zu ĂŒbergeben, damit sie ihn beerdigen könnten. Es gab anhaltende GerĂŒchte darĂŒber, dass die Tscheka Tschorny nicht töten wollte, sondern dass er durch Folter gestorben sei.

Fanya Baron war der Typ russische Frau, die sich vollkommen der Sache der Menschlichkeit verschrieben hatte. Als sie in Amerika gewesen war, investierte sie ihre gesamte Freizeit und einen guten Teil ihres mageren Einkommens in einer Fabrik, um anarchistische Propaganda weiter zu fördern. Jahre spĂ€ter, als ich sie in Charkiw traf, war ihr Eifer und ihre Hingabe durch die Verfolgung, die sie und ihre Genoss*innen seit ihrer RĂŒckkehr nach Russland erlitten hatten, nur noch gesteigert worden. Sie besaß grenzenlosen Mut und einen großmĂŒtigen Geist. Sie bewĂ€ltigte die schwierigsten Aufgaben und beraubte sich dabei des letzten StĂŒcks Brot mit GĂŒte und völliger Selbstlosigkeit. Unter furchtbaren Reisebedingungen reiste Fanya durch die ganze Ukraine, um die Nabat zu verbreiten, die Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen zu organisieren oder um fĂŒr ihre eingesperrten Genoss*innen Hilfe und UnterstĂŒtzung zu leisten. Sie war eines der Opfer der Razzien in der Butyrka gewesen, wo sie an den Haaren herumgeschleift und heftig zusammengeschlagen worden war. Nach ihrer Flucht aus dem GefĂ€ngnis von Rjasan marschierte sie zu Fuß nach Moskau, wo sie mittellos und in Lumpen ankam. Es war ihre verzweifelte Lage, die sie dazu brachte, beim Bruder ihres Mannes Schutz zu suchen, in dessen Haus sie dann von der Tscheka gefunden wurde. Diese großherzige Frau, die der sozialen Revolution ihr Leben gewidmet hatte, wurde von den Menschen ermordet, die vorgaben, die Vorhut der Revolution zu sein. Die sowjetische Regierung gab sich nicht mit dem Verbrechen, Fanya Baron zu ermorden, zufrieden, sie verpasste dem Andenken ihres toten Opfers auch noch das Stigma des Bandit*innentums.

Kapitel 29: Handelsreisende der Revolution

Mit großem Aufwand bereiteten die Kommunist*innen den Dritten Kongress der Dritten Internationale und den Ersten Kongress der Roten Gewerkschafts-Internationale vor. Ein Komitee zur Vorbereitung war bereits im Sommer 1920 gebildet worden, als Delegierte aus verschiedenen LĂ€ndern in Moskau waren. Wie sehr die Bolschewiki vom Ersten Kongress der Roten Gewerkschafts-Internationale abhingen, verdeutlicht eine Bemerkung eines alten Kommunisten: »Wir haben keine Arbeiter*innen in der Dritten Internationale«, hatte er gesagt, »wenn es uns nicht gelingt, das weltweite Proletariat in der Roten Gewerkschafts-Internationale zusammenzuschweißen, wird die Dritte Internationale nicht mehr lange existieren.«

Das im vorigen Jahr renovierte HĂŽtel de Luxe wurde zum GĂ€stehaus der auslĂ€ndischen Mitglieder der Dritten Internationale und wurde dafĂŒr festlich geschmĂŒckt. Nach und nach trafen die Delegierten in Moskau ein.

WĂ€hrend meines Aufenthalts in Russland konnte ich drei verschiedene Arten von Besucher*innen ausmachen, die kamen, um die »Revolution zu studieren«. Die erste Kategorie bestand aus aufrichtigen Idealist*innen, fĂŒr die die Bolschewiki zum Symbol der Revolution geworden waren. Unter ihnen waren viele Emigrant*innen aus Amerika, die alles, was sie besaßen, aufgegeben hatten, um in das gelobte Land zurĂŒckzukehren. Die meisten von ihnen wurden in den ersten paar Wochen bitter enttĂ€uscht und versuchten Russland zu verlassen. Andere, die nicht als Kommunist*innen gekommen waren, traten der Kommunistischen Partei aus selbstsĂŒchtigen GrĂŒnden bei und heulten mit den Wölfen. Es gab auch anarchistische Abgeschobene, die gegen ihren eigenen Willen kamen. Die meisten von ihnen unternahmen jede Anstrengung, um Russland zu verlassen, nachdem sie den gewaltigen Schwindel, der der Welt vorgespielt wurde, durchschaut hatten.

Zur zweiten Kategorie gehörten Journalist*innen, Zeitungsredakteur*innen und einige Abenteurer*innen. Sie verbrachten zwischen zwei Wochen und zwei Monate in Russland, ĂŒblicherweise in Petrograd oder Moskau als GĂ€ste der Regierung und in Obhut bolschewistischer ReisefĂŒhrer*innen. Kaum eine*r von ihnen konnte die Sprache und sie drangen nie bis unter die OberflĂ€che der Dinge vor. Dennoch wagten es viele von ihnen auf gebieterische Art und Weise ĂŒber die Situation in Russland zu schreiben und zu sprechen. Ich erinnere mich an mein Erstaunen, als ich in einer bestimmten Londoner Zeitung las, dass die Lehren Jesu »in Russland verwirklicht« worden seien. Eine groteske LĂŒge, die von keiner*keinem anderen als einem Scharlatan erdacht sein konnte. Andere Autor*innen waren der Wahrheit nicht viel nĂ€her. Wenn sie ĂŒberhaupt kritisch gegenĂŒber den Bolschewiki waren, dann auf Kosten der gesamten russischen Bevölkerung, denen sie vorwarfen, »vulgĂ€re, primitive Wilde« zu sein, »zu ungebildet, um die Bedeutung der Revolution zu begreifen.« Diesen Autor*innen zufolge war es die russische Bevölkerung, die den Bolschewiki deren grausamen und despotischen Methoden aufzwang. Es kam diesen sogenannten investigativen Reporter*innen nicht in den Sinn, dass die Revolution von diesen einfachen und ungebildeten Menschen gemacht worden war, und nicht von den derzeitigen Herrscher*innen im Kreml. Sicher mussten sie einige QualitĂ€ten besitzen, die es ihnen erlaubt hatten, den revolutionĂ€ren Sturm zu entfesseln – QualitĂ€ten, die, wenn sie richtig gelenkt worden wĂ€ren, den Ruin und die Zerstörung Russlands verhindert hĂ€tten. Aber diese QualitĂ€ten wurden von den Apologet*innen der Bolschewiki bestĂ€ndig ĂŒbersehen, die, in ihrer Entschlossenheit, mildernde UmstĂ€nde fĂŒr das von den Bolschewiki angerichtete Durcheinander zu finden, jede Wahrheit opfern. Nur wenige schrieben mit einem VerstĂ€ndnis fĂŒr die komplexen Probleme und mit Sympathie fĂŒr die Menschen in Russland. Aber ihre Stimmen waren in dem gĂ€ngigen Wahn, zu dem der Bolschewismus geworden war, wirkungslos.

Die dritte Kategorie – die Mehrheit der Besucher*innen, Delegierte und Mitglieder verschiedener Kommissionen – befielen Russland, um zu Agent*innen der herrschenden Partei zu werden. Diese Menschen hatten jede Gelegenheit dazu, die Dinge so zu sehen, wie sie waren, die Menschen in Russland zu treffen und von ihnen die ganze schreckliche Wahrheit zu erfahren. Aber sie bevorzugten es, die Seite der Regierung zu wĂ€hlen, ihren Interpretationen von den Ursachen und Wirkungen Glauben zu schenken. Dann zogen sie aus, um im Sinne der Bolschewiki die Situation absichtlich falsch darzustellen und zu lĂŒgen, so wie die Agent*innen der Entente ĂŒber die Russische Revolution gelogen und sie falsch dargestellt hatten.

Auch die aufrichtigen Kommunist*innen begriffen die Schande der Situation nicht – nicht einmal Angelica Balabanowa. Dennoch besaß sie eine gute Menschenkenntnis und wusste, wie die Menschen, die Russland besuchten, einzuschĂ€tzen waren. Ihre Erfahrungen mit Frau Clare Sheridan waren charakteristisch dafĂŒr. Die Dame hatte sich nach Russland eingeschmuggelt, bevor mensch in Moskau realisierte, dass sie die Cousine von Winston Churchill war. Sie war besessen von dem Verlangen, prominente Kommunist*innen »in Stein zu meißeln«. Sie hatte auch Angelica gebeten, fĂŒr sie Modell zu stehen. »Lenin, Trotzki und die anderen AnfĂŒhrer*innen werden es tun, warum nicht du?«, bat sie. Angelica, die Sensationsgier in jeder Hinsicht hasste, verĂŒbelte diesen oberflĂ€chlichen Besucher*innen ihre Anwesenheit in Russland. »Ich habe sie gefragt«, erzĂ€hlte sie spĂ€ter, »ob sie auf die Idee gekommen wĂ€re, Lenin drei Jahre zuvor â€șin Stein zu meißelnâ€č, als die englische Regierung ihn als deutschen Spion denunzierte. Lenin hat die Revolution nicht gemacht. Die Menschen in Russland haben sie gemacht. Ich habe Mrs. Sheridan gesagt, dass sie lieber russische Arbeiter und Frauen, die die wahren Held*innen der Revolution sind, â€șin Stein meißelnâ€č solle. Ich wusste, dass ihr das nicht gefiel, aber es war mir egal. Ich kann Menschen nicht ausstehen, fĂŒr die der Kampf in Russland nur eine Vorlage fĂŒr armselige Nachbildungen oder billige Schauspiele ist.«

Als die neuen Delegierten ankamen, wurden sie alle königlich willkommen geheißen und gefeiert. Mensch zeigte ihnen Schauschulen, Kinderheime, Siedlungen und Modellfabriken. Es waren die traditionellen potenkimschen Dörfer, die mensch den Besucher*innen zeigte. Sie wurden liebenswĂŒrdig aufgenommen und Lenin und Trotzki »unterhielten sich« mit ihnen, sie wurden zu TheaterauffĂŒhrungen, Konzerten, zum Ballett, AusflĂŒgen und MilitĂ€rparaden ausgefĂŒhrt. Kurz gesagt: Es wurde nichts unversucht gelassen, die Delegierten in einen GemĂŒtszustand zu versetzen, der sie fĂŒr den großen Plan gĂŒnstig stimmen sollte, der ihnen bei den Kongressen der Roten Gewerkschafts-Internationale und der Dritten Internationale vorgestellt werden wĂŒrde. Es gab auch kontinuierliche private Treffen, bei denen die Delegierten einem regelrechten Kreuzverhör durch Losowski – ein prominenter bolschewistischer Arbeiter*innenfĂŒhrer – und seinem Gefolge unterzogen wurden, um ihre Einstellung gegenĂŒber der Dritten Internationale, der Diktatur des Proletariats und anderen Themen zu ĂŒberprĂŒfen. Hier und da weigerte sich ein*e Delegierte*r die Anweisungen seiner Organisation auszuplaudern, weil sie*er gelobt hatte, diese nur auf dem Kongress zu Ă€ußern. Aber solche naiven Menschen hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sie waren schnell geĂ€chtet und auf dem Kongress wurde ihnen keine Gelegenheit gegeben, sich wirklich Gehör zu verschaffen.

Die Mehrheit der Delegierten war beugsamer. Sie lernten schnell, dass Versprechen und Verantwortung als bourgeoiser Aberglaube betrachtet wurden. Um ihre UltraradikalitĂ€t zu zeigen, entledigten sie sich ihrer schnell. Sie wurden zu den Echos von Sinowjew, Losowski und anderer AnfĂŒhrer*innen.

Die amerikanischen Delegierten der Roten Gewerkschafts-Internationale fielen besonders durch ihren fehlenden Charakter auf. Sie akzeptierten jeden Antrag und Vorschlag der Vorsitzenden ohne Nachfrage. Die offenkundigsten Intrigen und politischen Machenschaften und unverschĂ€mte UnterdrĂŒckung derer, die nicht in blinden Gehorsam geschmeichelt oder schikaniert worden waren, fanden bereitwillige UnterstĂŒtzung durch die Delegierten der amerikanischen Kommunist*innen und der Berater*innen, die sie mitgebracht hatten.

Die Bolschewiki wussten, wie sie sich in Szene setzen konnten. In der Inszenierung der zwei im Juli 1921 abgehaltenen Kongresse ĂŒbertrafen sie sich selbst. Die Kulisse des Kongresses der Dritten Internationale war der Kreml. In den königlichen Hallen, in denen einst die allmĂ€chtigen Romanows gesessen hatten, hingen die eingeschĂŒchterten Delegierten mit angehaltenem Atem an den Lippen ihres Papstes Lenin und der anderen Grandseigneurs der kommunistischen Kirche. Am Abend des Kongresses wurde ein großes Treffen im großen Theater abgehalten, an dem nur diejenigen teilnehmen durften, deren PĂ€sse von der Allrussischen Tscheka bewilligt worden waren. Die Straßen, die zum Theater fĂŒhrten, wurden in ein wahrhaftiges MilitĂ€rlager verwandelt.

Tschekist*innen und Soldat*innen zu Fuß und zu Pferd erzeugten die passende AtmosphĂ€re fĂŒr die kommunistische Konklave. Bei dem Treffen wurden Resolutionen verabschiedet, die um geschwisterliche GrĂŒĂŸe an »die RevolutionĂ€r*innen in kapitalistischen GefĂ€ngnissen« erweitert wurden. Zu diesem Zeitpunkt war jedes russische GefĂ€ngnis mit RevolutionĂ€r*innen gefĂŒllt, doch an sie wurden keine GrĂŒĂŸe geschickt. So durchdringend war die Hypnose Moskaus, dass sich nicht eine einzige Stimme erhob, um die Farce der bolschewistischen Sympathie fĂŒr politische Gefangene zu entlarven.

Der Kongress der Roten Gewerkschaften wurde in einem weniger prahlerischen Umfang im Gewerkschaftshaus abgehalten. Aber kein Detail war vergessen worden, um die gewĂŒnschten Ergebnisse zu erzielen. »Delegierte« aus PalĂ€stina und Korea – MĂ€nner, die Russland seit Jahren nicht mehr verlassen hatten –, Delegierte aus den großen Industriezentren von Buchara, Turkestan und Aserbaidschan blĂ€hten die kommunistische Stimme auf dem Kongress auf und halfen dabei, jeden kommunistischen Antrag anzunehmen. Sie waren da, um die Arbeiter*innen Europas und Amerikas zu lehren, ihre jeweiligen LĂ€nder umzugestalten und nach der Weltrevolution Kommunismus zu etablieren.

Der von Moskau wĂ€hrend des Jahres 1920/21 perfektionierte Plan, der eine vollstĂ€ndige Umkehrung kommunistischer Prinzipien und Taktiken darstellte, wurde sehr geschickt und subtil – in kleinen Schritten – vor den leichtglĂ€ubigen Delegierten entrollt. Die Rote Gewerkschafts-Internationale sollte alle revolutionĂ€ren und syndikalistischen Organisationen weltweit umfassen, mit Moskau als ihrem Mekka und der Dritten Internationale als ihrer Prophetin. Alle kleineren revolutionĂ€ren Arbeiter*innenorganisationen sollten aufgelöst, und in den erhaltenen Gewerkschaftskörperschaften stattdessen kommunistische Einheiten gebildet werden. Dieselben Personen, die ein Jahr zuvor das berĂŒhmte Einundzwanzig-Punkte-Programm verabschiedet hatten, die, die jede*n Ketzer*in exkommuniziert hatten, die*der nicht willens gewesen war, den Befehlen des Heiligen Stuhls – der Dritten Internationale – zu gehorchen, und die, die jede Arbeiter*innenorganisation in den 2. und 2 Âœ. Internationalen beschimpft hatten, gingen nun auf Kuschelkurs mit den reaktionĂ€rsten Arbeiter*innenorganisationen und »entschieden« gegen die grĂ¶ĂŸten BemĂŒhungen der revolutionĂ€ren Pionier*innen in den Gewerkschaftsbewegungen aller LĂ€nder.

Auch hier bewiesen die amerikanischen Delegierten, dass ihr Engagement jeden Penny wert gewesen war. Die meisten von ihnen waren durch die Industrial Workers of the World groß geworden, waren auf den Schultern dieser militanten amerikanischen Arbeiter*innenorganisation wahrhaft zu »Ruhm und Ehre« gelangt. Einige der Delegierten hatten sich heldenhaft in Sicherheit gebracht, indem sie uneigennĂŒtzig das HĂŽtel de Luxe dem BundesgefĂ€ngnis Leavenworth vorzogen und ihre Genoss*innen in den amerikanischen GefĂ€ngnissen zurĂŒckließen und ihren Freund*innen die RĂŒckerstattung der Schulden, die sie so heldenhaft aufgenommen hatten, hinterließen. WĂ€hrend Industrial Workers im kapitalistischen Amerika weiterhin unter Verfolgung litten, lebten die abtrĂŒnnigen I.W.W.s in Moskau bequem und sicher, verleumdeten und attackierten ihre ehemaligen Genoss*innen und planten ihre Organisation zu zerstören. Gemeinsam mit den Bolschewiki schickten sie sich an, die von den amerikanischen Vigilant*innen und dem Ku-Klux-Klan begonnene Aufgabe zu beenden, die I.W.W. zu vernichten. Les extrĂȘmes ce touchent.

WĂ€hrend die Kommunist*innen wortgewandte Resolutionen des Protests gegen die Inhaftierung von RevolutionĂ€r*innen in anderen LĂ€ndern verabschiedeten, wurden die Anarchist*innen in den bolschewistischen GefĂ€ngnissen von Russland durch ihre lange Inhaftierung ohne jede Gelegenheit einer Anhörung oder eines Prozesses zur Verzweiflung getrieben. Um die Regierung zum Handeln zu zwingen, entschieden die im Taganka (Moskau) inhaftierten Anarchist*innen in einen Hungerstreik bis zum Tode zu treten. Als die französischen, spanischen und itallienischen Anarcho-Syndikalist*innen davon erfuhren, versprachen sie, diese Angelegenheit gleich bei einer der ersten Sitzungen des Arbeiter*innenkongresses zur Sprache zu bringen. Einige jedoch schlugen vor, zunĂ€chst die Regierung auf diese Angelegenheit anzusprechen. Daraufhin wurde ein Delegiertenkomitee ausgewĂ€hlt, in dem auch der bekannte Arbeiter*innenanfĂŒhrer Tom Mann aus England war, um beim Kleinen Vater im Kreml vorzusprechen. Das Komitee besuchte Lenin. Letzterer weigerte sich, die Anarchist*innen zu entlassen, da sie »zu gefĂ€hrlich« seien, aber das endgĂŒltige Ergebnis des Treffens war ein Versprechen, dass mensch ihnen erlauben wĂŒrde, Russland zu verlassen; sollten sie jedoch ohne eine Erlaubnis zurĂŒckkehren, wĂŒrden sie hingerichtet werden. Am nĂ€chsten Tag wurde Lenins Versprechen durch einen Brief vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei, unterschrieben von Trotzki, untermauert, in dem wiederholt wurde, was Lenin gesagt hatte. NatĂŒrlich war die Drohung mit Erschießung in dem offiziellen Schreiben weggelassen worden.

Die Hungerstreikenden im Taganka akzeptierten die Bedingungen der Abschiebung. Sie hatten vier Jahre lang fĂŒr die Revolution gekĂ€mpft und geblutet und waren nun gezwungen, Ahasverusse in fremden Landen zu werden oder einen langsamen geistigen und physischen Tod in den bolschewistischen Kerkern zu erleiden. Die Moskauer anarchistischen Gruppen wĂ€hlten Alexander Berkman und A. Schapiro als ihre Vertreter*innen in das Delegiertenkomitee, um mit der Regierung die Bedingungen der Haftentlassung und Abschiebung der inhaftierten Anarchist*innen zu verhandeln.

Angesichts dieser Abmachung verwarfen die Delegierten ihre Absicht, beim Kongress öffentlich zu protestieren. Ihre VerblĂŒffung war groß, als Bucharin kurz vor Ende des Kongresses im Namen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei einen niedertrĂ€chtigen Angriff auf die Anarchist*innen startete.

Einige der Delegierten aus dem Ausland, die ĂŒber das unredliche Vorgehen erzĂŒrnt waren, verlangten eine Gelegenheit zu antworten. Dieser Forderung wurde schließlich einem*einer Vertreter*in der französischen Delegation stattgegeben, nachdem der Vorsitzende Losowski alle demagogischen Tricks ausprobiert hatte, in dem verzweifelten Versuch, die Abweichler*innen zum Schweigen zu bringen.

WĂ€hrend der langwierigen Verhandlungen im Namen der inhaftierten Anarchist*innen und der jĂŒngsten, unwĂŒrdigen Entwicklungen auf dem Kongress der Roten Gewerkschaften protestierten die amerikanischen kommunistischen Delegierten nicht ein einziges Mal. Laut hatten sie nach einer politischen Amnestie in Amerika geschrien, aber hinsichtlich der Befreiung politischer Gefangener in Russland hatten sie kein Wort verloren. Eine*r der Gruppe, der*dem mensch sich im Namen der Hungerstreikenden genĂ€hert hatte, rief aus: »Was sind einige Leben oder gar einige hundert Leben im Vergleich zur Revolution!« Solchen kommunistischen Köpfen gemĂ€ĂŸ hatte die Revolution keine Auswirkungen auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit.

Angesichts des bitteren Verlangens, angesichts der MĂ€nner, Frauen und Kinder, die mit hungrigen Augen beobachteten, wie in der an das Luxushotel angrenzenden BĂ€ckerei Weißbrot fĂŒr die Delegierten gebacken wurde, schrieb einer der amerikanischen brĂŒderlichen Abgesandten einer Publikation in seinem Heimatland, dass »die Arbeiter*innen in Russland die Fabriken kontrollieren und die Geschicke des Landes lenken; Sie bekommen alles umsonst und brauchen kein Geld.« Dieser noble Delegierte lebte im prunkvollen Anwesen des ehemaligen Zuckerkönigs Russlands und genoss auch die Gastfreundschaft des HĂŽtel de Luxe. Er brauchte in der Tat kein Geld. Aber er wusste, dass den Arbeiter*innen selbst die einfachsten Notwendigkeiten fehlten und dass sie ohne Geld in Russland ebenso hilflos wie in jedem anderen Land waren, da die wöchentliche payok kaum fĂŒr zwei Tage zum Leben reichte. Ein*e andere*r Delegierte*r veröffentlichte glĂŒhende Artikel, die von der Abwesenheit von Prostitution und Verbrechen in Moskau faselten. Zeitgleich richtete die Tscheka tĂ€glich RĂ€uber*innen hin und auf der Twerskaja und dem Puschkin- Boulevard, nahe des HĂŽtels de Luxe, bedrĂ€ngten Prostituierte die Delegierten mit ihren Angeboten. Ihre besten Kund*innen waren genau die Delegierten, die so enthusiastisch wurden, wenn sie ĂŒber die Wunder des bolschewistischen Regimes berichteten.

Die Bolschewiki erkannten den Wert solcher Verteidiger*innen und schĂ€tzten ihre Dienste. Sie sandten sie hinaus in die Welt, in jeder Hinsicht großzĂŒgig ausgestattet, um das monströse Trugbild aufrechtzuerhalten, dass die Bolschewiki und die Revolution identisch seien und dass die Arbeiter*innen »unter der Diktatur des Proletariats« zu ihrem Recht gekommen seien. Wehe denen, die es wagen, die Maske von dem lĂŒgenden Gesicht zu reißen. In Russland werden sie an die Wand gestellt, in Gebiete verbannt, in denen Hunger herrscht, um dort einen langsamen Tod zu finden, oder aus dem Land vertrieben. In Europa und Amerika werden solche Ketzer*innen durch den Dreck gezogen und moralisch gelyncht. Überall verbreiten die skrupellosen Methoden der großen SchaumschlĂ€gerin, der Dritten Internationale, Argwohn und Feindseligkeiten unter den Arbeiter*innen und Radikalen. FrĂŒher waren Ideale und IntegritĂ€t der Impuls fĂŒr revolutionĂ€re AktivitĂ€ten. Soziale Bewegungen bildeten sich gemĂ€ĂŸ der inneren BedĂŒrfnisse eines jeden Landes. Sie wurden aufrechterhalten und unterstĂŒtzt durch das Interesse und den Eifer der Arbeiter*innen selbst. Nun wird all das als wertlos verworfen. Stattdessen verlĂ€sst mensch sich auf den Goldregen aus Moskau, um eine reiche Ernte kommunistischer Organisationen und Publikationen zu gewinnen. Sogar AufstĂ€nde werden organisiert, um die Menschen hinsichtlich der QualitĂ€t und StĂ€rke der Kommunistischen Partei zu beschwindeln und irrezufĂŒhren. TatsĂ€chlich beruht alles auf einem Fundament, das in dem Moment einstĂŒrzen wird, in dem Moskau seine finanzielle UnterstĂŒtzung entzieht.

WÀhrend der beiden Kongresse im Juli 1921 brachten die Freund*innen und Genoss*innen von Maria Spiridinowa eine öffentliche ErklÀrung in Umlauf, die sie an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei und an die Hauptverantwortlichen der Regierung geschickt hatten, und in der sie auf den Zustand Spiridinowas aufmerksam machten und ihre Freilassung zugusten einer adÀquaten medizinischen Behandlung und Pflege forderten.

Mensch zog eine prominente weibliche Delegierte des Dritten Kongresses der Kommunistischen Internationale aus dem Ausland ins Vertrauen. Sie versprach Trotzki zu treffen und spĂ€ter berichtete sie, dass er gesagt habe, dass Spiridinowa »immer noch zu gefĂ€hrlich« sei, »um freigelassen zu werden«. Erst nachdem Berichte ĂŒber ihren Zustand in der europĂ€ischen sozialistischen Presse erschienen, wurde sie unter der Bedingung, dass sie nach ihrer Genesung in das GefĂ€ngnis zurĂŒckkehre, entlassen. Ihre Freund*innen, in deren Obhut sie sich derzeit befindet, haben nun die Wahl Spiridinowa sterben zu lassen oder sie der Tscheka zu ĂŒbergeben.

Kapitel 30: Bildung und Kultur

Der grĂ¶ĂŸte Stolz der Bolschewiki sind Bildung, Kunst und Kultur. Kommunistische Propagandaschriften und bolschewistische Agent*innen im In- und Ausland singen bestĂ€ndig Lobeshymnen auf diese großen Errungenschaften.

Auf den ersten Blick mag es tatsĂ€chlich so aussehen, als hĂ€tten die Bolschewiki Wunder auf diesem Gebiet bewirkt. Sie haben mehr Schulen organisiert, als unter dem Zar existiert hatten, und sie haben diese fĂŒr die Massen zugĂ€nglich gemacht. Das gilt fĂŒr grĂ¶ĂŸere StĂ€dte. Aber in den Provinzen erregten die existierenden Schulen die Feindschaft der lokalen Bolschewiki, die die meisten von ihnen unter dem vorgeschobenen Grund konterrevolutionĂ€rer AktivitĂ€ten oder wegen des Mangels an kommunistischen Lehrer*innen schlossen. WĂ€hrend der Anteil an Kindern, die Schulen besuchen, und die Zahl höherer Bildungsinstitute in den großen Zentren grĂ¶ĂŸer ist als in der Vergangenheit, gilt das nicht fĂŒr ganz Russland. Dennoch, wenn mensch die Zahlen berĂŒcksichtigt, verdienen die Bolschewiki Anerkennung fĂŒr ihre Bildungsarbeit und die allgemeine Verbreitung von Bildung.

Hinsichtlich der Theater waren keine EinschrĂ€nkungen vorgenommen worden. Allen war es erlaubt, ihre Darbietungen fortzusetzen, wĂ€hrend Fabriken wegen Mangels an Treibstoff heruntergefahren wurden. Oper, Ballett und Lunatscharskis StĂŒcke wurden kunstvoll aufgefĂŒhrt und der Proletkult – der organisiert worden war, um proletarische Kultur voranzubringen – wurde sogar, als die Hungersnot auf ihrem Höhepunkt war, großzĂŒgig subventioniert. Es stimmt auch, dass die Druckpressen der Regierung Tag und Nacht arbeiteten, um Propagandaliteratur und alte Klassiker zu produzieren. Zugleich versammelten sich die Imagist*innen und Futurist*innen unbehelligt im CafĂ© Domino und an anderen Orten. Die PalĂ€ste und Museen wurden vortrefflich in Schuss gehalten. In jedem anderen hungernden, blockierten und angegriffenen Land wĂ€re all das eine lobenswerte Leistung.

In Russland jedoch hatten zwei Revolutionen stattgefunden. Offen gesagt war die Februarrevolution nicht weitgehend genug. Dennoch brachte sie politische VerĂ€nderungen, ohne die es keinen Oktober gegeben hĂ€tte. Sie befreite auch große kulturelle KrĂ€fte aus den GefĂ€ngnissen und Sibirien, ohne die die Bildungsarbeit der Bolschewiki nicht hĂ€tte gelingen können.

Es war die Oktoberrevolution, die bis ins Innenleben Russlands vordrang. Sie entwurzelte die alten Werte und bereitete den Boden fĂŒr neue Konzeptionen und Lebensformen. Da die Bolschewiki zum einzigen Medium des Ausdrucks und der Interpretation des Versprechens der Revolution wurden, wird der*die gewissenhafte Student*in nicht ausschließlich mit der wachsenden Zahl an Schulen, der Fortsetzung von Ballett oder dem guten Zustand der Museen zufrieden sein. Er*sie wird wissen wollen, ob Bildung, Kultur und Kunst im bolschewistischen Russland den Geist der Revolution widerspiegeln, ob sie dazu dienen, die Fantasie anzuregen und den Horizont zu erweitern und vor allem, ob sie die latenten QualitĂ€ten der Massen entfesselten und dabei halfen, diese anzuwenden.

Kritische Nachfragen sind in Russland eine gefĂ€hrliche Angelegenheit. Kein Wunder, dass so viele Neuankömmlinge es vermieden, Blicke hinter die Fassade zu werfen. Ihnen genĂŒgte es, dass das Montessori-System, die Bildungsideen von Professor Dewey und Tanz nach der Methode von Dalcroze von Russland Â»ĂŒbernommen« worden waren. Ich möchte nicht gegen diese Innovationen argumentieren. Aber ich bestehe darauf, dass diese keinerlei Bedeutung fĂŒr die Revolution haben, sie beweisen nicht, dass das bolschewistische Bildungsexperiment Ă€hnlichen Bestrebungen in anden LĂ€ndern ĂŒberlegen sei, in denen diese ohne eine Revolution und den furchtbaren Preis, den diese kostet, erreicht worden sind.

Das staatliche Bildungsmonopol interpretiert Bildung ĂŒberall, um den eigenen Interessen zu dienen. Ähnlich nutzen auch die Bolschewiki, fĂŒr die der Staat am wichtigsten ist, Bildung zu ihren eigenen Zwecken. Aber wĂ€hrend es dem Bildungsmonopol in anderen LĂ€ndern nicht gelang, den Geist unabhĂ€ngigen Denkens und kritischer Analyse vollstĂ€ndig zu kontrollieren, hat die »Diktatur des Proletariats« jeden Versuch unabhĂ€ngiger Überlegungen vollstĂ€ndig gelĂ€hmt. Der kommunistische Maßstab ist dominant. Schon die geringste Abweichung vom offiziellen Dogma und der offiziellen Meinung seitens der Lehrer*innen, Ausbilder*innen oder SchĂŒler*innen stellt diese unter den Verdacht der Konterrevolution, was in Absonderung und Ausschluss resultiert, wenn nicht in noch Schlimmerem.

In einem vorangegangenen Kapitel habe ich den Fall der Student*innen der Moskauer UniversitĂ€t erwĂ€hnt, die der Uni verwiesen und verbannt wurden, weil sie gegen die Gewalt der Tscheka gegenĂŒber den politischen Gefangenen in der Butyrka protestiert hatten. Aber es waren nicht nur derartige »politische« VerstĂ¶ĂŸe, die bestraft wurden. VerstĂ¶ĂŸe rein akademischer Natur wurden auf die gleiche Weise bestraft. Daher wurden auch die EinwĂ€nde einiger Professor*innen gegen die kommunistische Einmischung in die Lehrmethoden streng unterdrĂŒckt. Lehrer*innen und Student*innen, die sich auf die Seite der Professor*innen stellten, wurden schwer bestraft. Ich kenne einen Professor der Soziologie und Literatur, ein brillanter Lehrer und RevolutionĂ€r, der von der Moskauer UniversitĂ€t verbannt worden war, weil er als Anarchist das kritische Denken seiner SchĂŒler*innen förderte. Er ist nur ein Beispiel der zahlreichen FĂ€lle nicht-kommunistischer Intellektueller, die unter verschiedenen VorwĂ€nden systematisch gejagt und schließlich aus bolschewistischen Institutionen beseitigt wurden. Die kommunistischen »Zellen«, die die Kontrolle ĂŒber jedes Klassenzimmer haben, haben eine AtmosphĂ€re des Misstrauens und der VerdĂ€chtigungen geschaffen, in denen echte Bildung nicht gedeihen kann.

Es stimmt, dass die Bolschewiki anstrebten, Bildung und Kultur in die Rote Armee und die Dörfer zu bringen. Aber auch hier herrschen die gleichen ZustĂ€nde. Kommunismus ist die Staatsreligion und wie alle andere Religionen verhindert sie kritische Einstellungen und missbilligt jede unabhĂ€ngige Untersuchung. Ohne die FĂ€higkeit zum Parallelismus und der Gelegenheit zur ÜberprĂŒfung ist Bildung wertlos.

Der Proletkult ist das Lieblingskind der Bolschewiki. Wie die meisten Eltern behaupten sie, ihr Nachwuchs habe besondere Begabungen. Sie halten ihn fĂŒr das große Genie, das dazu bestimmt ist, die Welt mit neuen Werten zu bereichern. Fortan sollen die Massen nicht lĂ€nger vom vergifteten Gut bourgeoiser Kultur trinken. Aus eigenem kreativen Impuls und durch eigene Anstrengungen soll das Proletariat große SchĂ€tze der Literatur, Kunst und Musik hervorbringen. Aber wie die meisten Wunderkinder konnte der Proletkult den frĂŒhen Versprechungen nicht gerecht werden. In kĂŒrzester Zeit stellte er sich als unterdurchschnittlich heraus, unfĂ€hig zur Innovation, ohne jede OriginalitĂ€t und ohne anhaltende Kraft. Bereits 1920 war mir von zweien der herausragendsten VĂ€ter des Proletkults, Gorki und Lunatscharski, gesagt worden, dass er gescheitert sei.

In Petrograd, Moskau und wĂ€hrend meiner Reisen hatte ich die Gelegenheit, die Errungenschaften des Proletkults zu studieren. Ob in gedruckter Form, auf der BĂŒhne, als Modell oder in Farbe, es fehlte ihnen an Ideen und Visionen und sie zeigten keine Spur des inneren Verlangens, der kreative KĂŒnste antreibt. Sie waren hoffnungslos banal. Ich bezweifle nicht, dass die Massen eines Tages eine neue Kultur schaffen werden, neue kĂŒnstlerische Werte und neue Formen der Schönheit. Aber diese werden durch das innere BedĂŒrfnis der Menschen zum Leben erweckt werden und nicht durch einen tyrannischen Willen, der ihnen auferlegt wird.

Der mechanistische Ansatz hinsichtlich Kunst und Kultur und die idĂ©e fixe, dass sich nichts außerhalb der KanĂ€le des Staates ausdrĂŒcken darf, haben den kulturellen und kĂŒnstlerischen Ausdruck der Menschen in Russland verkĂŒmmern lassen. In Dichtung und Literatur, im Drama, in der Malerei und der Musik wurde in fĂŒnf Jahren nicht ein Werk ĂŒber die Revolution erschaffen. Das ist umso bemerkenswerter, wenn mensch bedenkt, wie reich Russland an Werken der Kunst war und wie verbunden die Autor*innen und Dichter*innen der Seele der Menschen in Russland waren. Dennoch hatte es wĂ€hrend des grĂ¶ĂŸten Umbruchs in der Weltgeschichte keine*r gewagt, dem Wunder mit Stift, Pinsel oder Leier kĂŒnstlerischen Ausdruck zu verleihen oder den Sturm, der die Menschen Russlands hinwegfegte, musikalisch festzuhalten. Kunstwerke, gleich neugeborenen Menschen, entstehen durch Schmerz und Plackerei. Die fĂŒnf Jahre der Revolution hĂ€tten wahrhaftig einen spirituellen und kreativen Reichtum bringen mĂŒssen. Denn in diesen Jahren erlitt die Seele Russland tausend Kreuzigungen. Jedoch war Russland in dieser Hinsicht noch nie so arm und trostlos gewesen.

Die Bolschewiki behaupten, dass eine revolutionĂ€re Periode den kreativen KĂŒnsten nicht zutrĂ€glich sei. Diese Behauptung wird von der Französischen Revolution nicht gestĂŒtzt. Mensch erwĂ€hne nur die Marseillaise, die großartige Musik darĂŒber, was lebt und leben wird. Die Französische Revolution war reich an geistigen Errungenschaften, an Dichtung, Malerei, Wissenschaft und an ihrer großen Literatur und ihren Briefen. Andererseits war die Französische Revolution niemals so vollstĂ€ndig von einer dogmatischen Idee dominiert, wie das in Russland der Fall war. Die Jakobiner*innen strebten wahrlich sehr danach, den Geist der Französischen Revolution in Ketten zu legen und haben dafĂŒr teuer bezahlt. Die Bolschewiki haben die destruktiven Elemente der Französischen Revolution kopiert, aber sie haben nichts getan, das sich mit den konstruktiven Errungenschaften dieser Periode vergleichen lĂ€sst.

Ich habe gesagt, dass nichts Außergewöhnliches in Russland geschaffen worden sei. Um genau zu sein, muss ich das großartige revolutionĂ€re Gedicht »Zwölf« von Alexander Blok ausnehmen. Aber sogar dieses begabte Genie, zutief inspiriert von der Revolution und mit dem Feuer erfĂŒllt, das alles Leben gereinigt hatte, hörte bald auf, schöpferisch tĂ€tig zu sein. Seine Erlebnisse mit der Tscheka (er wurde 1919 verhaftet), der Terror um ihn herum, die sinnlose Verschwendung von Leben und Energie, das Leiden und die Hoffnungslosigkeit unterdrĂŒckten seinen Geist und machten ihn krank. Bald war Alexander Blok nicht mehr.

Sogar ein Blok konnte mit einem eisernen Band – das eiserne Band des bolschewistischen Misstrauens, der Verfolgung und der Zensur –, das sein Hirn einengte, nichts erschaffen. Wie weitreichend letzteres war, erfuhr ich aus einem Dokument, das die Museumsexpedition in Wologda entdeckt hatte. Es war ein »sehr vertraulicher, geheimer« Befehl, erlassen im Jahre 1920 und unterschrieben von Uljanowa, der Schwester Lenins und Vorsitzenden des zentralen Bildungsamtes. Er wies die Bibliotheken in ganz Russland an, alle »nicht-kommunistische Literatur« mit Ausnahme der Bibel, des Korans und der Klassiker, ja sogar kommunistische Schriften, die sich mit Problemen beschĂ€ftigten, die vom existierenden Regime »auf andere Weise gelöst« worden seien, zu vernichten. Die verdammte Literatur sollte »wegen der Papierknappheit« an die PapiermĂŒhlen geschickt werden.

Solche Erlasse und das staatliche Monopol an allen Materialien, Druckmaschinen und aller im Umlauf befindlichen Medien verhinderten jede Möglichkeit der Entstehung kreativer Arbeiten. Der Herausgeber einer kleinen kooperativen Zeitung veröffentlichte einmal ein anonymes, brillantes Gedicht. Es war der Schrei einer gequĂ€lten Dichter*innenseele aus Protest gegen den anhaltenden Terror. Der Herausgeber wurde sofort verhaftet und sein kleines BĂŒro geschlossen. Der*die Autor*in wĂ€re vermutlich erschossen worden, hĂ€tte mensch seinen*ihren Aufenthalt gekannt. Ohne Zweifel gibt es viele gequĂ€lte Schreie in Russland, aber es sind gedĂ€mpfte Schreie. Keine*r darf sie zu Ohren bekommen oder ihre Bedeutung interpretieren. Alleine die Zukunft besitzt den SchlĂŒssel zu den kĂŒnstlerischen und kulturellen SchĂ€tzen, die heute vor den Argusaugen des Amts fĂŒr Bildung und den zahlreichen anderen Zensurbehörden versteckt sind.

Russland ist heute MĂŒllhalde fĂŒr MittelmĂ€ĂŸigkeiten in Kunst und Kultur. Sie passen in die schmale Spur, sie scharwenzeln um die allmĂ€chtigen Politkommissar*innen herum. Sie leben im Kreml und sahnen das Beste des Lebens ab, wĂ€hrend die echten Poet*innen – wie Blok und andere – vor Kummer und Verzweiflung sterben.

Die Leere in Literatur, Dichtung und Kunst erlebt mensch am stĂ€rksten in den Theatern, besonders den staatlichen Theatern. Ich saß einmal in einer fĂŒnfstĂŒndigen AuffĂŒhrung von »Othello« mit Andrejewa, Gorkis Ehefrau, als Desdemona im Alexandrowski-Theater in Petrograd. Es ist schwer, sich eine scheußlichere Darbietung vorzustellen. Ich habe auch die meisten anderen StĂŒcke in den Staatstheatern gesehen und nicht eines von ihnen gab auch nur einen Hinweis auf das Erdbeben, das Russland erschĂŒttert hatte. Es gab keine neuen Akzente in der Interpretation, dem Szenenbild oder der Methode. Alles war gewöhnlich und unzulĂ€nglich, sogar bar der Fortschritte, die die dramaturgische Kunst in bourgeoisen LĂ€ndern gemacht hatte, unbeeinflusst und geradezu belanglos angesichts der Revolution.

Die einzige Ausnahme war das Moskauer Kunsttheater. Seine Inszenierung von Gorkis »Nachtasyl« war besonders beeindruckend. Echte Kunst wurde auch im Stanislawski-Studio dargeboten. Das waren die einzigen Oasen in der kĂŒnstlerischen WĂŒste Russlands. Aber selbst das Kunsttheater bezog sich nicht auf die großen revolutionĂ€ren Ereignisse, die Russland durchlebte. Das Repertoire, das das Kunsttheater vor einem Vierteljahrhundert berĂŒhmt gemacht hatte, wurde Nacht fĂŒr Nacht wiederholt. Es gab keine neuen Ibsens, Tolstois oder Tschechows, die mit ihrem Protest gegen die neuen MisstĂ€nde wetterten und selbst wenn es sie gegeben hĂ€tte, hĂ€tte sie kein Theater aufgefĂŒhrt. Es war sicherer, die Vergangenheit zu interpretieren, als die Stimme der Gegenwart sprechen zu lassen. Dennoch, obwohl das Kunsttheater sich strikt an die Vergangenheit hielt, hatte Stanislawski oft Schwierigkeiten mit den Behörden. Er hatte Verhaftungen erlitten und war einmal zwangsweise aus seinem Studio geworfen worden. Er war gerade an einen neuen Ort gezogen, als ich ihn gemeinsam mit Louise Bryant besuchte, die mich gebeten hatte, als ihre Dolmetscherin mitzukommen. Stanislawski sah zwischen seinen immer noch unausgepackten Kisten mit Theaterrequisiten verloren und entmutigt aus. Ich hatte ihn bereits bei mehreren anderen Gelegenheiten getroffen, bei denen er beinahe hoffnungslos bezĂŒglich der Zukunft des Theaters in Russland gewesen war. »Das Theater kann nur durch die Inspiration neuer Kunstwerke wachsen«, hatte er gesagt, »ohne die ist die*der interpretative KĂŒnstler*in zum Stillstand und das Theater zum Verfall verurteilt.« Aber Stanislawski war selbst zu sehr kreativer KĂŒnstler, um zu stagnieren. Er suchte nach anderen Formen der Interpretation. Sein jĂŒngstes Unterfangen war der Versuch, Gesang und dramatisches Schauspiel in Harmonie miteinander zu bringen. Ich besuchte eine KostĂŒmprobe einer solchen Inszenierung und fand sie sehr beeindruckend. Der Effekt der Stimme wurde durch die realistische Raffinesse, die Stanislawski in der dramaturgischen Kunst erzielte, großartig unterstĂŒtzt. Aber diese Errungenschaften waren ganz das Werk von ihm und seinem kleinen Kreis von Kunststudent*innen, sie hatten nichts mit den Bolschewiki des Proletkult zu tun.

Es gibt noch einige andere Innovationen, die lange vor dem Aufkommen der Bolschewiki begonnen hatten und deren Fortgang von ihnen erlaubt wurde, weil sie keinerlei Haltung zur russischen RealitĂ€t haben. Das Kammertheater drĂŒckt seinen Protest gegen das Aufzwingen von StĂŒcken durch die Darbietung aus, gegen die Begrenzung des Ausdrucks, die Teil der orthodoxen Interpretation dramatischer Kunst ist. Es erzielt bemerkenswerte Resultate durch die neue Methode des Schauspiels, die durch originelle Szenerie und Musik ergĂ€nzt wird, allerdings vor allem in StĂŒcken von leichterem Genre.

Ein anderer einzigartiger Versuch wird vom Semperante-Theater ausprobiert. Er basiert auf dem Gedanken, dass das geschriebene Drama das Wachstum und die Vielfalt des*der interpretierenden KĂŒnstlers*in einschrĂ€nkt. StĂŒcke sollten daher improvisiert werden und dadurch mehr Wert auf die SpontaneitĂ€t, Inspiration und die Laune der KĂŒnstler*innen legen. Es ist ein neues Experiment, aber da die improvisierten StĂŒcke ebenfalls innerhalb der Grenzen der staatlichen Zensur bleiben mĂŒssen, leidet die Arbeit der Semperantist*innen unter fehlenden Ideen.

Die interessanteste kulturelle Anstrengung, die ich in Kiew gesehen hatte, war die Arbeit der jĂŒdischen Kulturliga. Ihr Kern bildete sich 1918, um sich um die BedĂŒrfnisse der Opfer der Pogrome zu kĂŒmmern. FĂŒr sie musste gesorgt, sie mussten einquartiert, ernĂ€hrt und gekleidet werden. Junge jĂŒdische Literat*innen und ein fĂ€higer Organisator riefen die Kulturliga ins Leben. Sie beschrĂ€nkten sich nicht darauf, sich nur um die physischen BedĂŒrfnisse der UnglĂŒckseligen zu kĂŒmmern. Sie grĂŒndeten Kinderheime, öffentliche Schulen, Hochschulen, Abendkurse; spĂ€ter kamen ein Seminar und eine Kunstschule dazu. Als wir Kiew besuchten, besaß die Kulturliga eine Druckerei und ein Studio neben ihren anderen Bildungseinrichtungen und hatte erfolgreich 230 Zweigstellen in der Ukraine gegrĂŒndet. An einem Leseabend und bei einer SonderauffĂŒhrung, die zu Ehren der Expedition gegeben worden war, konnten wir uns von den außergewöhnlichen Errungenschaften der Kulturliga ĂŒberzeugen.

Bei dem Leseabend wurde Perezs Gedicht »Die vier Jahreszeiten« in Form von kollektivem Sprechgesang dargeboten. Es war beeindruckend. Die Natur des erwachenden FrĂŒhlings, Vögel singen ihre fröhlichen GesĂ€nge der Liebe, das Geheimnis und die Romantik der Paarung liegen in der Luft, die Extase der Erneuerung und des Werdens, das Grollen des herannahenden Sturms, der Zusammenbruch der mĂ€chtigen Giganten, wenn sie vom Blitz getroffen werden, der leise fallende Regen, die BlĂ€tter, die zur Erde flattern, die DĂŒsterkeit und das Pathos des Herbstes, der letzte verzweifelte Widerstand der Natur gegen den Tod, die weiß verschleierten BĂ€ume – das alles wurde durch die neue Form des kollektiven Sprechgesangs anschaulich zum Leben erweckt. Jede Nuance der Natur wurde von der Gruppe KĂŒnstler*innen auf der improvisierten kleinen BĂŒhne der Kulturliga herausgehoben.

Am nĂ€chsten Tag besuchten wir die Kunstschule. Am interessantesten war der Unterricht fĂŒr die Kinder. Es gab keine Disziplin, keine festen Regeln, keine mechanistische Kontrolle ihrer kĂŒsntlerischen Impulse. Die Kinder zeichneten, malten und modellierten – hauptsĂ€chlich jĂŒdische Motive: Eine Stadt nach einem Pogrom von einem vierzehnjĂ€hrigen Jungen, ein glĂ€ubiger Jude im Gebet in der Synagoge, dem die Todesangst vor den Heimsuchungen der Pogrome in jedem Detail anzusehen war, eine alte jĂŒdische Frau, die tragische Hinterbliebene einer abgeschlachteten Familie und Ă€hnliche Szenen aus dem Leben der russischen JĂŒd*innen. Die Arbeiten waren oft primitiv, aber sie hatten nichts von der gestelzten Art, die charakteristisch fĂŒr den Proletkult war. Es gab keinen Versuch, dem kĂŒnstlerischen Ausdruck ein eindeutiges Muster aufzuerlegen.

SpĂ€ter besuchten wir das Studio. In einem kahlen Raum fĂŒhrten die KĂŒnstler*innen der Kulturliga verschiedene Einakter ohne Szenerie, Beleuchtung, KostĂŒme oder Makeup auf und boten auch eine unveröffentlichte Arbeit dar, die im Besitz eines*einer BĂŒhnenautor*in gefunden worden war. Die AuffĂŒhrung hatte eine kĂŒnstlerische Art und einen Feinschliff, die ich zuvor nur selten gesehen hatte. Das StĂŒck hieß »Das Ende der Welt«. Der Zorn Gottes breitet sich wie Donner ĂŒber der Welt aus und befiehlt den Menschen, sich auf das Ende vorzubereiten. Aber die Menschen beachten ihn nicht. Dann werden die Elemente entfesselt und verfolgen einander in wilder Raserei; der Sturm wĂŒtet und schreit und das Stöhnen der Menschen wird von der ungeheuren Stunde des JĂŒngsten Gerichts ertrĂ€nkt. Die Welt geht unter und alles ist tot.

Dann beginnt sich wieder etwas zu rĂŒhren. Schwarze Schatten, die halb Tier, halb Mensch symbolisieren, mit entstellten Gesichtern und zögernden Bewegungen, kriechen aus ihren Höhlen. In Ehrfurcht und Angst strecken sie ihre zitternden HĂ€nde nacheinander aus. Zuerst stockend, dann mit wachsendem Vertrauen, versuchen die Menschen sich durch gemeinsame Anstrengung mit ihren Mitmenschen aus ihrer schwarzen Leere zu erheben. Licht beginnt hervorzubrechen. Wieder rollt eine donnernde Stimme ĂŒber die Erde. Es ist die Stimme der ErfĂŒllung.

Es war eine ergreifende kĂŒnstlerische Leistung.

Als die Liga damals gegrĂŒndet wurde, unterstĂŒtzten die Bolschewiki ihre Arbeit. SpĂ€ter, als sie nach dem RĂŒckzug Denikins nach Kiew zurĂŒckkehrten, unterstĂŒtzten sie die Bildungseinrichtungen der Kulturliga nur noch sehr spĂ€rlich. Diese unfreundliche Einstellung kam durch die Jewkom, die JĂŒdische Kommunistische Sektion, die gegen jede unabhĂ€ngige jĂŒdische kulturelle Anstrengung intrigierte. Als wir Kiew verließen, waren die eifrigen Arbeiter*innen der Liga sehr besorgt um die Zukunft der Organisation. WĂ€hrend ich das schreibe, bin ich nicht in der Lage dazu zu sagen, ob die Liga in der Lage war, ihre Arbeit fortzusetzen oder ob sie vollkommen abgeschafft wurde. So lobenswert die Innovationen der Kulturliga und die Anstrengungen des Kammertheaters und des Semperante hinsichtlich neuer Formen des Ausdrucks jedenfalls waren, kann mensch nicht sagen, dass sie irgendwelche Auswirkungen auf die Revolution hatten.

Staatliche UnterstĂŒtzung fĂŒr sogenannte Kunst wird hauptsĂ€chlich an Lunatscharskis dramatische Unternehmungen und andere kommunistische Interpretationen von Kultur vergeben. Als ich Lunatscharski das erste Mal traf, sah ich in ihm weniger den Politiker als den KĂŒnstler. Ich hörte mir einen Vortrag von ihm vor einem großen Publikum aus Arbeiter*innen an der Swerdlow-UniversitĂ€t an, bei dem er ĂŒber den Ursprung und die Entwicklung der Kunst erzĂ€hlte. Es war ein großartiger Vortrag. Als ich ihn wieder traf, war er so vollstĂ€ndig in den FĂ€ngen der Parteidisziplin und so vollstĂ€ndig seiner Macht beraubt, dass jede seiner Anstrengungen enttĂ€uscht wurde. Dann begann er TheaterstĂŒcke zu schreiben. Das war sein Untergang. Er konnte das Material der herrschenden ZustĂ€nde nicht verarbeiten und die Februarrevolution, Kerenski und die Konstituierende Versammlung waren bereits zum Erbrechen karikiert worden. Lunatscharski widmete sich der Deutschen Revolution. Er schrieb »Der Schmied und der Ratsherr«, eine Art Burleske. Das StĂŒck ist so amateurhaft und gewöhnlich, dass sich kein Theater außerhalb Russlands dafĂŒr interessiert hĂ€tte, es aufzufĂŒhren. Aber Lunatscharski hatte die Macht ĂŒber die Theater – warum sie nicht fĂŒr seine eigenen Arbeiten nutzen? Das StĂŒck wurde mit großem finanziellem Aufwand aufgefĂŒhrt, zu einer Zeit, als an der Wolga Millionen verhungerten. Aber selbst das wĂ€re verzeihlich gewesen, wenn das StĂŒck irgendeine Bedeutung oder irgendeinen Vorschlag hinsichtlich der Tragödie Russlands gehabt hĂ€tte. Stattdessen fehlte ihm jedes Leben und es war nur reich an vulgĂ€ren Szenen, die Ludendorff, den abtrĂŒnnigen sozialdemokratischen PrĂ€sidenten, einen degenerierten Aristokraten und eine Prinzessin der Halbwelt portrĂ€tierten. Die betrunkenen MĂ€nner balgen sich krampfhaft um das Eigentum an der Frau, und reißen ihr buchstĂ€blich die Kleider vom Leib. Eine ekelhafte Szene und dennoch wurde im gesamten Publikum voller Lehrer*innen und Mitglieder des Amtes fĂŒr Bildungswesen nicht eine Stimme des Protests gegen diese KrĂ€nkung des Geschmacks und der Intelligenz des revolutionĂ€ren Russlands laut. Im Gegenteil, sie applaudierten dem BĂŒhnenautor, da die Rationen dieser Kriecher*innen von Lunatscharski abhingen. Sie konnten es sich nicht leisten, kritisch zu sein.

Eitelkeit und Macht brechen den stĂ€rksten Charakter und Lunatscharski ist nicht stark. Es ist das Fehlen eines festen Willens, das ihn entgegen seines besseren Urteils unterwĂŒrfig gegenĂŒber der Ă€rgerlichen Disziplin und Spionage machte, die ihm auferlegt wurde. Vielleicht rĂ€chte er sich, indem er der Öffentlichkeit und den Schauspieler*innen unter seinem Befehl seine dramatischen Werke aufzwang.

Nach einer sorgfĂ€ltigen Analyse der Bildungs- und Kulturbestrebungen der Bolschewiki wird die*der gewissenhafte Student*in zu den folgenden Schlussfolgerungen gelangen: Erstens zĂ€hlt eher die QuantitĂ€t als die Substanz in der Bildung des heutigen Russlands, zweitens erhalten die Theater, das Ballett und die Museen großzĂŒgige UnterstĂŒtzung von der Regierung, aber die GrĂŒnde dafĂŒr sind weniger die Liebe zur Kunst als die Notwendigkeit eine Ablenkung fĂŒr die kontrollierten und unterdrĂŒckten SehnsĂŒchte der Menschen zu finden.

Die politische Diktatur der Bolschewiki unterdrĂŒckte auf einen Schlag die sozialen Lebensbereiche in Russland. Es gab kein Forum mehr, nicht einmal fĂŒr die friedfertigsten sozialen Begegnungen, keine Clubs, keine Versammlungsorte, keine Restaurants, ja nicht einmal einen Tanzsaal. Ich erinnere mich an den schockierten Ausdruck Zorins, als ich ihn fragte, ob die jungen Menschen sich nicht gelegentlich zu einem Tanz frei von kommunistischer Kontrolle treffen könnten. »TanzsĂ€le sind Versammlungsorte fĂŒr KonterrevolutionĂ€r*innen, wir haben sie geschlossen«, informierte er mich. Die emotionalen und menschlichen BedĂŒrfnisse der Menschen wurden als gefĂ€hrlich fĂŒr das Regime betrachtet.

Auf der anderen Seite laugte die miserable Existenz – Hunger, KĂ€lte und Dunkelheit – die Menschen aus. Dunkelheit und Verzweiflung am Tag, Blutwallungen, fehlendes Licht und Hitze in der Nacht und kein Entkommen. NatĂŒrlich gab es das politische Leben der Kommunistischen Partei – ein ernstes und abweisendes Leben, ein Leben ohne Farbe und WĂ€rme. Die Massen hatten keine BerĂŒhrung mit und kein Interesse an diesem Leben und ihnen war es nicht erlaubt, selbst etwas zu haben. Ein unterdrĂŒcktes Volk ist eine Bedrohung. Es muss etwas Ablenkung geboten werden, etwas Entlastung von der dunklen Verzweiflung. Die Theater, die Oper und die Museen waren diese Entlastung. Was, wenn die Theater keine neuen StĂŒcke auffĂŒhrten? Was, wenn in der Oper schlecht gesungen wurde? Und das Ballett die alten Pirouetten drehte? Die Orte waren warm, sie waren beleuchtet. Sie boten die Gelegenheit menschlicher Gesellschaft und mensch konnte die Misere und Einsamkeit vergessen – mensch konnte sogar die Tscheka vergessen. Das Theater, die Oper, das Ballett und das Museum wurden zum Sicherheitsventil des bolschewistischen Regimes. Und da in den Theatern keine Stimme des Protests, nichts Neues oder Lebendiges aufgefĂŒhrt wurde, war es ihnen erlaubt, zu existieren. Sie lösten ein großes und schwieriges Problem und boten eine exzellente Vorlage fĂŒr Propaganda im Ausland.

Kapitel 31: Die Ausnutzung der Hungersnot

Gegen Ende des Sommers 1921 kamen die erschĂŒtternden Nachrichten der Hungersnot. FĂŒr die, die sich mit den inneren ZustĂ€nden auseinandergesetzt hatten, kamen diese Nachrichten nicht gerade ĂŒberraschend. Wir hatten wĂ€hrend der ersten HĂ€lfte des Sommers erfahren, dass ein großer Teil der Bevölkerung zum Tode durch Verhungern verdammt war. Damals hatte sich eine Gruppe von Landwirt*innen in Moskau versammelt. Ihr Bericht offenbarte, dass der bĂŒrokratischen Zentralisierung, Korruption und Verzögerung der Aussaat geschuldet rechtzeitige und ausreichende Aussaat verhindert worden war. Die sowjetische Presse hielt den Bericht der Landwirtschaftskonferenz vor der Öffentlichkeit zurĂŒck. Aber im Juli begannen Artikel in der Prawda und der Iswestija zu erscheinen, die von einer schrecklichen Trockenheit in der Region der Wolga und den beĂ€ngstigenden ZustĂ€nden in den von Hungersnöten geplagten Regionen berichteten.

Sofort erklĂ€rten sich verschiedene Gruppen und Individuen bereit, mit der Regierung bei der BewĂ€ltigung dieser Katastrophe zu kooperieren. Die linken KrĂ€fte – Anarchist*innen, SozialrevolutionĂ€r*innen und Maximalist*innen – boten an, Hilfsleistungen zu organisieren und Spenden zu sammeln. Aber sie bekamen keinen Zuspruch von den sowjetischen AutoritĂ€ten. Auf der anderen Seite wurden KrĂ€fte der Rechten, die Kadetten (Konstitutionelle Demokrat*innen) mit offenen Armen empfangen. Kischkin, Finanzminister unter Kerenski, Mine, Kuskowa, Prokopowitsch und andere prominente Konservative, die erbittert gegen die Revolution gekĂ€mpft hatten, wurden von den Bolschewiki akzeptiert. Diese Menschen waren als KonterrevolutionĂ€r*innen denunziert und wiederholt verhaftet und eingesperrt worden, doch nun wurde ihnen der Vorzug gewĂ€hrt und ihnen erlaubt, eine Gruppe namens BĂŒrger*innenkomitee zu grĂŒnden. Als diese sich weigerten unter der Schirmherrschaft des Moskauer Sowjets zu arbeiten und auf vollstĂ€ndige Autonomie und das Recht, eine eigene Zeitung herauszugeben, bestanden, willigte die Regierung ein. FĂŒr diese Diskriminierung derer, die der Revolution treu geblieben waren, zugunsten der ReaktionĂ€ren, konnte es nur zwei ErklĂ€rungen geben. Erstens betrachteten es die Bolschewiki als gefĂ€hrlich, den linken KrĂ€ften freien Zugang zu der BĂ€uer*innenschaft zu gewĂ€hren, zweitens war es notwendig, in Europa Eindruck zu schinden, was mithilfe der konservativen Gruppe besser erreicht werden konnte. Das wurde klar, bevor das BĂŒrger*innenkomitee seine Hilfsarbeit begann.

ZunĂ€chst erhielt das Komitee volle UnterstĂŒtzung von der Regierung. Ihm wurde ein eigenes GebĂ€ude als Hauptquartier zugeteilt und ihm wurde das Recht zugesprochen, eine eigene Zeitung namens Pomoschtch (UnterstĂŒtzung) herauszugeben. Mitgliedern des Komitees wurde außerdem die Erlaubnis zugesichert, nach Westeuropa zu gehen, um dort Interesse und UnterstĂŒtzung fĂŒr die Hungersnot zu erwecken. Zwei Ausgaben der Zeitung wurden herausgegeben. Ihr Erscheinen verursachte bedeutende Aufmerksamkeit: Es war eine exakte Reproduktion hinsichtlich GrĂ¶ĂŸe, Typ und allgemeiner Form der alten Wjedomosti, dem reaktionĂ€rsten Blatt unter dem ehemaligen Regime. Die Publikation war natĂŒrlich sehr gewĂ€hlt in ihrem Ton; aber zwischen den Zeilen konnte mensch die Feindschaft gegenĂŒber der herrschenden Partei herauslesen. Die erste Ausgabe enthielt einen Brief des Metropoliten Tichon, in dem er die GlĂ€ubigen aufforderte ihm ihre Spenden zu senden. Er versicherte seiner Gemeinde, dass er vollstĂ€ndige Kontrolle ĂŒber die Verteilung der Spenden hĂ€tte. Dem BĂŒrger*innenkomitee wurde eine Blankovollmacht in der Fortsetzung ihrer Arbeit erteilt, und diese Tatsache wurde von den Bolschewiki als Beweis ihrer FreizĂŒgigkeit und ihres Willens, mit allen KrĂ€ften zur BekĂ€mpfung der Hungersnot zusammenzuarbeiten, verkĂŒndet.

Derzeit hatte die sowjetische Regierung eine Vereinbarung mit der American Relief Administration und anderen europĂ€ischen Organisationen hinsichtlich der Hilfe fĂŒr die Leidenden an der Wolga getroffen und anschließend das Hauptquartier des BĂŒrger*innenkomitees gerazzt, ihre Zeitung verboten und die fĂŒhrenden Mitglieder des Komitees wegen des ĂŒblichen Verdachts der Konterrevolution der Tscheka ĂŒbergeben. Dabei war doch ersichtlich, dass Madame Kuskowa und ihre Mitarbeiter*innen nicht konterrevolutionĂ€rer gewesen waren, als ihnen erlaubt wurde, UnterstĂŒtzung fĂŒr die Wolga-Region zu organisieren, als sie es jeher seit 1917 gewesen waren. Warum hatte der kommunistische Staat dann ihre Hilfe akzeptiert, wĂ€hrend er die Hilfe von wahren RevolutionĂ€r*innen abgelehnt hatte? Ausschließlich aus PropagandagrĂŒnden. Als das BĂŒrger*innenkomitee diesen Zweck erfĂŒllt hatte, wurde es in guter bolschewistischer Tradition ĂŒber Bord geworfen. Nur eine Person wagte die Tscheka nicht anzufassen – Wera Nikolajewna Figner, die ehrwĂŒrdige RevolutionĂ€rin. Als die große Humanistin, die sie ist, trat sie dem BĂŒrger*innenkomitee bei und widmete sich ihrer Arbeit mit demselben Eifer, der sie so effektiv zu einem der fĂŒhrenden Geister der Narodnaja Wolja gemacht hatte. Zweiundzwanzig Jahre lebendigen Todes in SchlĂŒsselburg hatten nicht gereicht, um ihre Leidenschaft zu zerstören. Als das BĂŒrger*innenkomitee verhaftet wurde, forderte Wera Nikolajewna, dasselbe Schicksal zu teilen, aber die Tscheka wusste um den geistigen Einfluss dieser Frau in Russland und im Ausland und so wurde sie in Frieden gelassen. Die anderen Mitglieder des BĂŒrger*innenkomitees wurden fĂŒr eine lange Zeit im GefĂ€ngnis gefangen gehalten und dann in entlegene Teile Russlands verbannt und schließlich abgeschoben.

Bis auf die auslĂ€ndischen Organisationen, die Hilfsarbeit in Russland leisteten, konnte die sowjetische Regierung nun vor der Welt als einzige Spenderin von Hilfe fĂŒr die Verhungernden in den Regionen der Hungersnot auftreten. Kalinin, der marionettenhafte PrĂ€sident der Sozialistischen Republik, veranstaltete, ausgerĂŒstet mit zahlreicher Propagandaliteratur und umgeben von einem großen Personal an sowjetischen WĂŒrdentrĂ€ger*innen und auslĂ€ndischen Korrespontent*innen, seinen Triumphmarsch durch die betroffene Region. Das wurde ĂŒberall auf der Welt verkĂŒndet und der gewĂŒnschte Effekt wurde erzielt. Aber die eigentliche Arbeit in den Regionen der Hungersnot wurde weniger von der offiziellen Maschinerie geleistet, als von der großen Schar unbekannter MĂ€nner und Frauen aus den Reihen des Proletariats und der Intelligenzija. Hingebungsvoll und mit völliger Aufopferung gaben sie ihre eigene dezimierte Energie. Viele von ihnen starben an Typhus, Überanstrengung und Erschöpfung, einige wurden von der Macht der Dunkelheit getötet, die jetzt mehr noch als zu Zeiten Tolstois viele Regionen Russlands in ihrem Griff hat. Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und Hilfsleistende wurden oft von den UnglĂŒcklichen, denen zu helfen sie gekommen waren, getötet, wie von bösen Geistern, die die Hungersnot und die UnglĂŒcksserie Russlands gewollt hatten. Das waren die wahren Held*innen und MĂ€rtyrer*innen, unbekannt und unbesungen.

Kapitel 32: Die Sozialistische Republik flĂŒchtet sich in Abschiebungen

Die Tscheka hatte Erfolg damit, alle Menschen zu terrorisieren. Die einzige Ausnahme waren die politischen, deren Courage und Hingabe zu ihren Idealen den Bolschewiki trotzten, wie sie den Romanows getrotzt hatten. Ich kannte viele dieser mutigen Geister und ich sah in ihnen die einzige Hoffnung, um es inmitten des allgemeinen Ruins auszuhalten. Sie waren der lebendige Beweis fĂŒr die Machtlosigkeit von Terror gegenĂŒber einem Ideal.

Typisch fĂŒr diese Art von Menschen war ein bestimmter Anarchist, der von der Tscheka lange als ein wichtiger Machnowtschik gesucht worden war. Er war Mitglied des militĂ€rischen Personals der revolutionĂ€ren povstantsi der Ukraine und enger Freund und Berater von Machno. Er hatte ihn bereits gut gekannt, als sie zusammen in den Tagen der Zaren in der katorga gewesen waren. Er hatte all die MĂŒhsal und die Gefahren des Lebens als povstantsi geteilt und sich an ihren Kampagnen gegen die Feind*innen der Revolution beteiligt. Nach dem Sieg ĂŒber Wrangel und dem jĂŒngsten Verrat der Bolschewiki gegenĂŒber Machno, bei dem die Armee des letzteren zerstreut und viele ihrer Mitglieder getötet worden waren, gelang es diesem Mann den bolschewistischen FĂ€ngen zu entkommen. Er entschloss sich nach Moskau zu gehen und dort eine Geschichte der Machnowtschina zu schreiben. Es war eine lebensgefĂ€hrliche Reise unter schwierigsten UmstĂ€nden, bei der der Tod ihm stĂ€ndig auf den Fersen war. Unter falschem Namen verschaffte er sich einen kleinen Raum in der Umgebung der Hauptstadt. Er lebte in jĂ€mmerlichster Armut, stets in Lebensgefahr und besuchte seine Frau in der Stadt nur im Schutze der Dunkelheit. Einmal alle vierundzwanzig Stunden kam er zu dem vereinbarten Treffpunkt fĂŒr etwas Erholung und sein einziges Mahl des Tages, bestehend aus Kartoffeln, Hering und Tee. Er riskierte jederzeit entdeckt zu werden, da er in Moskau bekannt war, und eine Entdeckung wĂŒrde seine Hinrichtung bedeuten. Auch seine Frau wĂŒrde das gleiche Schicksal erleiden, wenn sie entdeckt werden wĂŒrde – die hingebungsvolle Frau war ihm, obwohl sie zu dieser Zeit schwanger war, nach Moskau gefolgt. Nach einer verzweifelten Suche nach einer Anstellung fand sie eine Stelle in einer Kinderkrippe, aber da schwangere Frauen in solchen Institutionen nicht geduldet waren, musste sie ihre UmstĂ€nde verbergen. Den ganzen Tag war sie auf den Beinen, um ihren Pflichten nachzukommen und lebte in stĂ€ndiger Angst um die Sicherheit ihres Ehemannes.

Als das Baby geboren wurde, verschlechterte sich ihre Situation. Die Frau wurde von ihren Vorgesetzten schikaniert, weil sie die Stelle bekommen hatte, ohne dass sie von ihrer Schwangerschaft gewusst hatten. Die kleinliche BĂŒrokratie und die harte Arbeit verschlangen ihre Energie und die tĂ€gliche Sorge um den Mann, den sie liebte, machten sie verrĂŒckt. Dennoch war nie auch nur ein Zeichen von all dem zu sehen, wenn der Mann sie besuchte.

Ich verbrachte viele Abende mit diesem Paar. Sie waren vollstĂ€ndig abgeschnitten von der Außenwelt und frĂŒheren Freund*innen, ganz alleine, sich nur der Angst vor Entdeckung und vor dem Tode sicher, die ihre stĂ€ndige Begleiterin war. In dem trostlosen, feuchten Raum, wĂ€hrend das Baby schlief, verbrachten wir viele Stunden damit, mit gedĂ€mpften Stimmen ĂŒber die ukrainische BĂ€uer*innenschaft und die Machno-Bewegung zu sprechen. Mein Freund kannte jede ihrer Phasen aus eigener Erfahrung, die er nun in sein Buch ĂŒber Machno aufnahm. Er war vollkommen von dieser Arbeit absorbiert, die der Welt das erste Mal die Wahrheit ĂŒber Machno und die povstantsi erzĂ€hlen sollte. In großer Sorge um seine Frau und sein Kind war er vollkommen nachlĂ€ssig gegenĂŒber seiner eigenen Sicherheit, obwohl er wusste, dass das Netz der Tscheka um ihn mit jedem Tag enger wurde. Mit großen Schwierigkeiten wurde er schließlich davon ĂŒberzeugt, sein geliebtes Russland zu verlassen, da das der einzige Weg sei, seine Familie zu retten. Was fĂŒr ein Zeugnis der Sozialistischen Republik, deren mutigste und treueste Söhne sich verstecken mĂŒssen oder ihren Heimatboden verlassen mĂŒssen!

Das Leben in Russland war fĂŒr mich zu einer bestĂ€ndigen Qual geworden; ich hatte das dringende BedĂŒrfnis, mein zweijĂ€hriges Schweigen zu brechen. Den ganzen Sommer lang tobte in mir der Konflikt zwischen der Notwendigkeit zu gehen und meiner UnfĂ€higkeit, mich von dem, was fĂŒr mich ein Ideal gewesen war, zu lösen. Es war wie das tragische Ende einer großen Liebe, an die mensch sich noch lange klammert, nachdem sie bereits erloschen ist.

Inmitten meines Kampfes mit mir selbst passierte etwas, das ein weiterer Beweis fĂŒr den vollstĂ€ndigen Untergang der Bolschewiki als RevolutionĂ€r*innen war. Es war die AnkĂŒndigung der RĂŒckkehr des zaristischen Generals Slastschew, einer der reaktionĂ€rsten und brutalsten Militarist*innen des alten Regimes, nach Russland. Er hatte die Revolution von Anfang an bekĂ€mpft und Teile von Wrangels Truppen auf der Krim angefĂŒhrt. Er war teuflischen Barbareien an Kriegsgefangenen schuldig und als Urheber von Pogromen berĂŒchtigt. Nun war Slastschew umgekehrt und kehrte in »sein Vaterland« zurĂŒck. Dieser Erz-KonterrevolutionĂ€r und JĂŒd*innenhasser wurde zusammen mit mehreren anderen zaristischen GenerĂ€l*innen und weißen Soldat*innen von den Bolschewiki mit einer MilitĂ€rparade empfangen. Ohne Zweifel war es bloß ein Racheakt, dass der Antisemit dem Juden Trotzki, seinem militĂ€rischen Vorgesetzten, salutieren musste. Aber fĂŒr die Revolution und die Menschen in Russland war die triumphale RĂŒckkehr der Imperialist*innen ein Frevel.

Der alte General hatte seine Farben gewechselt, nicht aber seine Natur. In seinem Brief an die Offizier*innen und MĂ€nner der Armee Wrangels hatte er folgendes geschrieben:

Ich, Slastschew Krimsky, befehle euch, in euer Vaterland und in den Schoß der Roten Armee zurĂŒckzukehren. Unser Land braucht unsere Verteidigung gegen seine Feind*innen. Ich befehle euch zurĂŒckzukehren.

Als Belohnung fĂŒr seine neu entwickelte Liebe zum sozialistischen Vaterland wurde Slastschew »Krimsky« beauftragt, die karelischen BĂ€uer*innen niederzuschlagen, die Selbstbestimmung forderten und Slastschew hatte Gelegenheit, der autokratischen Macht, die er erhalten hatte, freien Lauf zu lassen.

MilitĂ€rische EmpfĂ€nge und Ehren fĂŒr den Mann, der fĂŒhrend darin gewesen war, zu versuchen, die Revolution niederzuschlagen, und fĂŒr die Einsperrung und den Tod der Verfechter*innen der Freiheit zu sorgen. Zugleich werden die wahren Söhne [und Töchter] Russlands, die die Revolution gegen jeden Angriff verteidigten und den Bolschewiki zu politischer Macht verhalfen, durch Deportation in fremde Regionen ihrer Heimat beraubt. Nie zuvor hat die Geschichte ein tragischeres Debakel erlebt. Die ersten, die von der »revolutionĂ€ren« Regierung verschleppt wurden, waren zehn Anarchist*innen, die meisten von ihnen in der internationalen revolutionĂ€ren Bewegung bekannt als erprobte Idealist*innen und MĂ€rtyrer*innen fĂŒr ihre Sache. Unter ihnen war Volin, ein Ă€ußerst kultivierter Mann, ein begabter Autor und Redner, der in Europa und Amerika Herausgeber verschiedener anarchistischer Publikationen gewesen war. Nachdem er 1917 nach Russland zurĂŒckgekehrt war, half er dabei, die ukrainische Förderation Nabat aufzubauen und war eine Zeit lang Dozent fĂŒr das sowjetische Bildungsamt in Charkiw. Volin war Mitglied einer anarchistischen Partisan*innenmilitĂ€reinheit gewesen, die gegen die austro-deutsche Besetzung gekĂ€mpft hatte und fĂŒr eine beachtliche Zeit leistete er auch Bildungs- und Kulturarbeit in Machnos Armee. WĂ€hrend des Jahres 1921 wurde er von den Bolschewiki gefangen genommen und nach dem Hungerstreik der Anarchist*innen im Taganka, der zehneinhalb Tage dauerte, abgeschoben.

In der gleichen Gruppe war auch G. Maximoff, ein langjĂ€hriger Anarchist. Vor der Revolution war er unter den Student*innen der Petrograder UniversitĂ€t und auch unter den BĂ€uer*innen aktiv gewesen. Er nahm an allen revolutionĂ€ren KĂ€mpfen seit der Februarrevolution teil, war einer der Herausgeber der Golos Truda und Mitglied des Allrussischen Sekretariats der Anarcho-Syndikalist*innen. Er war ein begabter und berĂŒhmter Autor und Redner.

Mark Mratschni, ebenfalls einer der Deportierten, war ein Anarchist seit 1907. Als Hetman Skoropadsky die Ukraine mithilfe deutscher Bajonette regierte, war Mratschni Mitglied des RevolutionĂ€ren BĂŒros der Student*innen in Charkiw. Er hatte die Position eines Ausbilders im sowjetischen Schulministerium von Charkiw inne, spĂ€ter in dem von Sibirien. Er gab die Nabat wĂ€hrend der Zeit der Übereinkunft zwischen Machno und den Bolschewiki heraus und wurde spĂ€ter zusammen mit den anderen Anarchist*innen, die fĂŒr die anarchistische Konferenz nach Charkiw gekommen waren, verhaftet.

Ebenfalls unter den Verschleppten war Jartschuk, bekannt als einer der AnfĂŒhrer*innen der KronstĂ€dter Matros*innen beim Aufstand im Juli 1917, ein Mann, der außergewöhnlichen Einfluss unter den Matros*innen und Arbeiter*innen genoss und dessen Idealismus und Hingabe historisch dokumentiert sind. In der Gruppe waren auch einige Student*innen – Jugendliche, die am anarchistischen Hungerstreik im Taganka-GefĂ€ngnis teilgenommen hatten.

LĂ€nger im bolschewistischen Russland zu bleiben war untragbar geworden. Ich war gezwungen, mein Schweigen zu brechen und beschloss das Land zu verlassen. Freund*innen versuchten eine geheime Reise ins Ausland zu arrangieren, aber gerade als alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, erfuhren wir von neuen Entwicklungen. Berliner Anarchist*innen hatten von der sowjetischen Regierung gefordert, dass ReisepĂ€sse fĂŒr Alexander Berkman, A. Schapiro und mich ausgestellt wĂŒrden, damit wir am Internationalen Anarchistischen Kongress, der im Dezember 1921 in Berlin stattfinden sollte, teilnehmen könnten. Ob wegen dieser Forderung oder aus anderen GrĂŒnden, jedenfalls stellte die sowjetische Regierung schließlich die erforderlichen Papiere aus und am 1. Dezember 1921 verließ ich Russland gemeinsam mit Alexander Berkman und A. Schapiro. Es war nur ein Jahr und elf Monate, nachdem ich meinen Fuß auf das Land gesetzt hatte, das ich fĂŒr das gelobte Land gehalten hatte. Mein Herz war schwer, erfĂŒllt von der Tragödie Russlands. Ein Gedanke ĂŒberwog alle anderen: Ich muss meine Stimme gegen die Verbrechen erheben, die im Namen der Revolution begangen werden. Egal ob Freund*in oder Feind*in, ich muss gehört werden.

Kapitel 33: Nachwort

I

Nicht-Bolschewistische, sozialistische Kritiker*innen des russischen Reinfalls behaupten, dass die Revolution in Russland gar nicht erfolgreich sein konnte, da die industrielle Entwicklung in diesem Land nicht den nötigen Höhepunkt erreicht hĂ€tte. Sie verweisen auf Marx, der gelehrt hat, dass eine soziale Revolution nur in LĂ€ndern mit einer hochentwickelten Industrie und dem dazugehörigen sozialen Antagonismus möglich sei. Dementsprechend behaupten sie, dass die Russische Revolution keine soziale Revolution gewesen sein könne und dass sie sich historisch entlang rechtsstaatlicher, demokratischer Linien begleitet von einer wachsenden Industrie bewegen mĂŒsse, um das Land ökonomisch fĂŒr den grundlegenden Wandel reifen zu lassen.

Diese orthodox-marxistische Ansicht lĂ€sst einen wichtigen Faktor unberĂŒcksichtigt – einen Faktor, der möglicherweise sogar noch bedeutender fĂŒr die Entstehung und den Erfolg einer sozialen Revolution ist als die Industrie. Das ist die Psychologie der Massen zu einer bestimmten Zeit. Warum gibt es beispielsweise keine soziale Revolution in den Vereinigten Staaten, Frankreich oder sogar Deutschland? Diese LĂ€nder haben gewiss die industrielle Entwicklung erreicht, die von Marx als Höhepunkt vorausgesetzt wird. In Wahrheit sind industrielle Entwicklung und starke soziale Unterschiede an sich keineswegs ausreichend, um eine neue Gesellschaft hervorzubringen oder um eine soziale Revolution loszutreten. Das notwendige soziale Bewusstsein, die erforderliche Massenpsychologie fehlt in LĂ€ndern wie den Vereinigten Staaten und den anderen genannten. Das erklĂ€rt, warum dort keine soziale Revolution stattgefunden hat.

In dieser Hinsicht ist Russland anderen, industrialisierteren und »zivilisierteren« LĂ€ndern voraus. Es stimmt, dass Russland industriell nicht so entwickelt war wie seine westlichen NachbarlĂ€nder. Aber die russische Massenpsychologie, inspiriert und intensiviert von der Februarrevolution, reifte so schnell, dass die Menschen innerhalb weniger Monate fĂŒr so ultrarevolutionĂ€re Slogans wie »Alle Macht den RĂ€ten« und »Das Land den BĂ€uer*innen, die Fabriken den Arbeiter*innen« bereit waren.

Die Bedeutung dieser Parolen sollte nicht unterschĂ€tzt werden. Indem sie in großem Maße den instinktiven und halb-bewussten Willen der Menschen ausdrĂŒckten, deuteten sie die vollstĂ€ndige soziale, ökonomische und industrielle Neuorganisation Russlands an. Welches Land in Europa oder Amerika ist bereit, solche revolutionĂ€ren Mottos auf das Leben zu ĂŒbertragen? In Russland wurden diese Slogans in den Monaten Juni und Juli 1917 populĂ€r und wurden von einem Großteil der industriellen und bĂ€uerlichen Bevölkerung von mehr als 150 Millionen in Form direkter Aktion enthusiastisch und aktiv aufgegriffen. Das war ein hinreichender Beweis fĂŒr die »Reife« der Menschen in Russland fĂŒr die soziale Revolution.

Hinsichtlich der ökonomischen »Bereitschaft« im marxschen Sinne darf auch nicht vergessen werden, dass Russland hauptsĂ€chlich ein landwirtschaftliches Land ist. Marxs Diktum setzt die Industrialisierung der bĂ€uerlichen und landwirtschaftlichen Bevölkerung in jeder hochentwickelten Gesellschaft als einen Schritt in Richtung soziale Eignung fĂŒr eine Revolution voraus. Aber die Ereignisse von 1917 in Russland zeigten, dass die Revolution diesen Prozess der Industrialisierung nicht abwartet und – was noch wichtiger ist – nicht gezwungen werden kann, ihn abzuwarten. Die russischen BĂ€uer*innen fingen an, die Landbesitzer*innen zu enteignen und die Arbeiter*innen nahmen die Fabriken in Besitz, ohne das marxistische Diktum zur Kenntnis zu nehmen. Diese aus dem einfachen Volk kommende Aktion brachte kraft ihrer eigenen Logik die soziale Revolution in Russland in Gang und warf alle marxschen Berechnungen ĂŒber den Haufen. Die Psychologie der Slaw*innen stellte sich als stĂ€rker heraus als sozialdemokratische Theorien.

Teil dieser Psychologie war das Verlangen nach Freiheit, das von einem Jahrhundert revolutionĂ€rer Agitation in allen Klassen der Gesellschaft genĂ€hrt worden war. Die Menschen in Russland waren glĂŒcklicherweise von der Korruption und Verwirrung politisch unbeeinflusst und unberĂŒhrt geblieben, die beim Proletariat in anderen LĂ€ndern durch die »demokratische« Freiheit und Selbstbestimmung ausgelöst worden waren. Die Russ*innen blieben in dieser Hinsicht natĂŒrlich und einfach, unvertraut mit den Feinheiten der Politik, dem parlamentarischen Schwindel und gesetzlicher Notbehelfe. Stattdessen war ihr primitiver Sinn fĂŒr Recht und Gerechtigkeit ausgeprĂ€gt und lebendig, ganz ohne die zersetzende Finesse der Pseudo-Zivilisation. Sie wussten, was sie wollten und sie warteten nicht auf die »historische ZwangslĂ€ufigkeit«, damit sie ihnen das brĂ€chte: Sie nutzten die direkte Aktion. FĂŒr sie war die Revolution eine Angelegenheit des Lebens, keine bloße Theorie, die zur Diskussion stand.

Dadurch fand die Revolution in Russland trotz der industriellen RĂŒckstĂ€ndigkeit des Landes statt. Aber die Revolution zu machen war nicht genug. Um sie voranzubringen und auszuweiten, war es notwendig den ökonomischen und sozialen Wiederaufbau voranzubringen. Die Phase der Revolution erforderte grĂ¶ĂŸtmöglichen Spielraum fĂŒr persönliche Initiative und kollektive BemĂŒhungen. Die Entwicklung und der Erfolg der Revolution hingen von der grĂ¶ĂŸtmöglichen AusĂŒbung des kreativen Genies der Menschen, von der Zusammenarbeit des intellektuellen und handarbeitenden Proletariats ab. Das Gemeininteresse ist das Leitmotiv aller revolutionĂ€ren Bestrebungen, besonders in ihren schöpferischen Aspekten. Der Geist gegenseitigen Interesses und der SolidaritĂ€t trug Russland in den ersten Tagen der Oktober-/Novemberrevolution auf einer gigantischen Welle fort. Diesem Enthusiasmus wohnten KrĂ€fte inne, die Berge hĂ€tten versetzen können, wenn sie klug und ausschließlich im Interesse des Wohls aller Menschen gefĂŒhrt worden wĂ€ren. Das Medium fĂŒr eine solche effektive FĂŒhrung war vorhanden: Die Arbeiter*innenorganisationen und die Genossenschaften, von denen Russland ĂŒberzogen war wie von einem Netz aus BrĂŒcken, die die Stadt mit dem Land verknĂŒpften; die Sowjets, die den BedĂŒrfnissen der Menschen in Russland entsprangen; und schließlich die Intelligenzija, deren Traditionen ein Jahrhundert lang die heroische Hingabe fĂŒr die Sache der Emanzipation Russlands verkörperten.

Aber eine solche Entwicklung war keineswegs Teil des Programms der Bolschewiki. Einige Monate lang duldeten sie, dass die volkstĂŒmlichen KrĂ€fte in Erscheinung traten, dass die Menschen die Revolution in immerzu grĂ¶ĂŸer werdende Bahnen lenkten. Aber sobald die Kommunistische Partei sich fest im Sattel der Regierung wĂ€hnte, begann sie den Einfluss der vom Volke ausgehenden AktivitĂ€ten zu beschrĂ€nken. Alle folgenden Handlungen der Bolschewiki, ihre weitere Politik, StrategieĂ€nderungen, ihre Kompromisse und ihre RĂŒckzĂŒge, ihre Methoden der UnterdrĂŒckung und Verfolgung, ihr Terror und die Vernichtung aller anderen politischen Ansichten – alle dienten nur als Mittel zu einem einzigen Zweck: der Erhaltung der Staatsmacht in den HĂ€nden der Kommunistischen Partei. TatsĂ€chlich machten die Bolschewiki selbst (in Russland) darum gar kein Geheimnis. Die Kommunistische Partei, argumentierten sie, sei die Vorhut des Proletariats und die Diktatur mĂŒsse in ihren HĂ€nden liegen. Leider hatten die Bolschewiki die Rechnung ohne die*den Wirt*in gemacht – ohne die BĂ€uer*innenschaft, die weder die Razwjorstka, die Tscheka, noch die massenhaften Erschießungen ĂŒberzeugen konnten, das bolschewistische Regime zu unterstĂŒtzen. Die BĂ€uer*innenschaft wurde zu dem Felsen, an dem die bestausgearbeiteten PlĂ€ne und EntwĂŒrfe Lenins zerschellten. Aber Lenin, ein geschickter Akrobat, war geĂŒbt darin, sich innerhalb der engsten Grenzen zu bewegen. Die Neue Ökonomische Politik wurde gerade rechtzeitig eingefĂŒhrt, um das UnglĂŒck, das langsam aber sicher das ganze kommunistische GedankengebĂ€ude einholte, abzuwenden.

II

Die »Neue Ökonomische Politik« ĂŒberraschte und schockierte die meisten Kommunist*innen. Sie sahen darin eine Umkehrung von allem, wofĂŒr ihre Partei gestanden hatte, eine Verkehrung des Kommunismus selbst. Aus Protest verließen einige der Ă€ltesten Mitglieder der Partei, MĂ€nner, die den Gefahren und Verfolgungen des alten Regimes ins Gesicht geblickt hatten, wĂ€hrend Lenin und Trotzki im Ausland in Sicherheit lebten, die Kommunistische Partei verbittert und enttĂ€uscht. Die FĂŒhrer*innen verkĂŒndeten dann einen Ausschluss. Sie wiesen die SĂ€uberung der ParteirĂ€nge von allen »skeptischen« Elementen an. Jede*r, die*der einer unabhĂ€ngigen Einstellung verdĂ€chtigt wurde und diejenigen, die die neue ökonomische Politik nicht als der revolutionĂ€ren Weisheit letzter Schluss akzeptierten, wurden ausgestoßen. Unter ihnen waren Kommunist*innen, die seit Jahren treue Dienste geleistet hatten. Einige von ihnen, zutiefst verletzt von dem ungerechten und brutalen Vorgehen und zutiefst erschĂŒttert vom Zusammenbruch dessen, was sie fĂŒr das Höchste gehalten hatten, flĂŒchteten sich in den Freitod. Aber die Verwirklichung von Lenins neuem Evangelium musste gesichert werden, dem Evangelium von Privatbesitz und der Freiheit halsabschneiderischen Wettbewerbs errichtet auf den Ruinen der vier Jahre Revolution.

Allerdings zeigte die kommunistische EntrĂŒstung ĂŒber die Neue Ökonomische Politik lediglich die geistige Verwirrung auf Seiten von Lenins Gegner*innen. Was, wenn nicht geistige Verwirrung hĂ€tte sonst die zahlreichen akrobatischen politischen Stunts Lenins absegnen können und nun, angesichts des endgĂŒltigen Überschlags, dem logischen Höhepunkt, entrĂŒstet sein? Das Problem mit den frommen Kommunist*innen war, dass sie sich an die unbefleckte EmpfĂ€ngnis des kommunistischen Staates klammerten, der mithilfe der Revolution die Welt erlösen wĂŒrde. Aber die meisten fĂŒhrenden Kommunist*innen hatten sich diesem Irrglauben nie hingegeben. Am wenigsten von allen Lenin.

WĂ€hrend meiner ersten Unterredung [mit Lenin] gewann ich den Eindruck, dass er ein gerissener Politiker war, der genau wusste, was er tat und der vor nichts zurĂŒckschrecken wĂŒrde, um seine Ziele zu erreichen. Nachdem ich ihn bei verschiedenen Gelegenheiten reden gehört und seine Arbeiten gelesen hatte, war ich ĂŒberzeugt davon, dass Lenin kaum Interesse an der Revolution hatte und dass Kommunismus fĂŒr ihn eine sehr entfernte Angelegenheit war. Der zentralisierte politische Staat war Lenins Gottheit, der alles andere geopfert werden musste. Jemand sagte einmal, dass Lenin die Revolution opfern wĂŒrde, um Russland zu retten. Lenins Politik bewies jedoch, dass er bereit war beides zu opfern, die Revolution und das Land – oder zumindest einen Teil von letzterem –, um in dem, was von Russland ĂŒbrig blieb, seine politischen Vorstellungen zu verwirklichen.

Lenin war der anpassungsfĂ€higste Politiker, den die Geschichte gesehen hatte. Er konnte zur selben Zeit ultrarevolutionĂ€r, kompromissbereit und konservativ sein. Als der Ruf »Alle Macht den RĂ€ten« wie eine riesige Welle ĂŒber Russland hinwegfegte, schwamm Lenin mit dem Strom. Als die BĂ€uer*innen das Land in Besitz nahmen und die Arbeiter*innen die Fabriken, befĂŒrwortete Lenin diese direkte Methode nicht nur, er ging sogar weiter. Er prĂ€gte den berĂŒhmten Slogan »Beraubt die RĂ€uber*innen«, ein Slogan, der dazu diente, den Verstand der Menschen zu vernebeln und der dem revolutionĂ€ren Idealismus unermesslichen Schaden zufĂŒgte. Niemals zuvor hatte irgendein*e RevolutionĂ€r*in soziale Enteignung als einen Transfer des Wohlstands von einer Gruppe Individuen auf eine andere interpretiert. Dennoch war das genau das, was Lenins Slogan bedeutete. Die willkĂŒrlichen und unverantwortlichen Razzien, die Akkumulation des Wohlstands der ehemaligen Bourgeoisie durch die neue sowjetische BĂŒrokratie, die Schikane denen gegenĂŒber, deren einziges Verbrechen ihr frĂŒherer Stand gewesen war, all das war das Ergebnis von Lenins »Beraubt die RĂ€uber*innen«-Politik. Die gesamte weitere Geschichte der Revolution ist ein lebhaftes Zeugnis fĂŒr Lenins Kompromisse und des Verrats an seinen eigenen Parolen.

Die Handlungen und Methoden der Bolschewiki seit den Oktobertagen scheinen im Widerspruch zu der Neuen Ökonomischen Politik zu stehen. Aber tatsĂ€chlich sind sie Glieder in der Kette, die die allmĂ€chtige, zentralisierte Regierung mit Staatskapitalismus als ihrem ökonomischen Ausdruck bildete. Lenin besaß eine klare Vorstellung und einen eisernen Willen. Er wusste, wie er seine Genoss*innen in Russland und von außerhalb Glauben machte, dass sein Plan wahrer Sozialismus sei und seine Methoden die der Revolution. Kein Wunder, dass Lenin eine solche Verachtung fĂŒr seine Gefolgschaft empfand, die er niemals zögerte, ihnen ins Gesicht zu schleudern. »Nur ein*e Idiot*in kann glauben, dass momentan Kommunismus in Russland möglich ist«, war Lenins Antwort an die Opponent*innen der Neuen Ökonomischen Politik.

TatsĂ€chlich lag Lenin richtig. Wahrer Kommunismus wurde in Russland nie versucht, außer irgendeine*r betrachtet dreiunddreißig Lohnklassen, unterschiedliche Essensrationen, Privilegien fĂŒr einige und GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber der großen Masse als Kommunismus.

Im Anfangsstadium der Revolution war es fĂŒr die Kommunistische Partei verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig einfach gewesen, an die Macht zu gelangen. Alle revolutionĂ€ren Elemente, die von den ultrarevolutionĂ€ren Versprechungen der Bolschewiki mitgerissen wurden, verhalfen ihnen an die Macht. Aber als sie erst in Besitz des Staates waren, begannen die Kommunist*innen ihren Prozess der UnterdrĂŒckung. Alle politischen Parteien und Gruppen, die sich weigerten, sich der neuen Diktatur unterzuordnen, mussten beseitigt werden. Zuerst die Anarchist*innen und Linken SozialrevolutionĂ€re, dann die Menschewiki und andere Gegner*innen von Rechts und schließlich jede*r, die*der es wagte, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das Schicksal aller unabhĂ€ngigen Organisationen war Ă€hnlich. Sie wurden entweder den BedĂŒrfnissen des neuen Staates untergeordnet oder vollkommen zerstört, so wie die Sowjets, die Gewerkschaften und die Genossenschaften – drei große Faktoren zur Realisierung der Hoffnungen der Revolution.

Die Sowjets grĂŒndeten sich das erste Mal wĂ€hrend der Revolution von 1905. Sie spielten eine wichtige Rolle in dieser kurzen, aber bedeutenden Periode. Auch wenn die Revolution niedergeschlagen wurde, blieb die sowjetische Idee in den Köpfen und Herzen der russischen Massen verankert. Bei der ersten DĂ€mmerung, die Russland im Februar 1917 erhellte, lebten die Sowjets wieder auf und erblĂŒhten in kĂŒrzester Zeit. FĂŒr die Menschen bedeuteten die Sowjets keineswegs eine BeeintrĂ€chtigung des Geistes der Revolution. Im Gegenteil, die Revolution sollte ihren grĂ¶ĂŸten, freiesten praktischen Ausdruck durch die Sowjets erfahren. Das war der Grund dafĂŒr, dass sich die Sowjets so spontan und schnell ĂŒberall in Russland verbreiteten. Die Bolschewiki erkannten die Bedeutung dieses populĂ€ren Trends und stimmten in den Ruf ein. Aber als sie erst die Kontrolle ĂŒber die Regierung erlangt hatten, sahen die Kommunist*innen in den Sowjets eine Bedrohung fĂŒr die Vorherrschaft des Staates. Sie konnten diese jedoch nicht willkĂŒrlich zerstören, ohne ihr eigenes Ansehen zu Hause und im Ausland als BefĂŒrworter*innen des sowjetischen Systems zu untergraben. Sie begannen schrittweise ihre Macht zu beschneiden und sie schließlich ihren eigenen BedĂŒrfnissen unterzuordnen.

Die russischen Gewerkschaften ließen sich viel leichter entmachten. ZahlenmĂ€ĂŸig und im Hinblick auf ihre revolutionĂ€re Ader steckten sie noch immer in den Kinderschuhen. Durch die obligatorische VerbundenheitserklĂ€rung mit Gewerkschaften gewannen die russisschen Arbeiter*innenorganisationen an GrĂ¶ĂŸe, aber mental blieben sie im Kindesalter stecken. Der kommunistische Staat wurde zur Amme der Gewerkschaften. Im Gegenzug dienten die Organisationen als Lakaien des Staates. »Eine Schule fĂŒr den Kommunismus«, sagte Lenin in der berĂŒhmten Kontroverse ĂŒber die Funktionen der Gewerkschaften. Ganz richtig. Aber eine veraltete Schule, in der der Geist des Kindes gefesselt und gebrochen wird. Nirgendwo auf der Welt sind Arbeiter*innenorganisationen dem Willen und den Befehlen des Staates gegenĂŒber so unterwĂŒrfig wie im bolschewistischen Russland.

Das Schicksal der Genossenschaften ist zu gut bekannt, als dass es einer ErlĂ€uterung bedĂŒrfe. Die Genossenschaften waren das bedeutendste Bindeglied zwischen der Stadt und dem Land. Ihr Wert fĂŒr die Revolution als beliebtes und erfolgreiches Medium des Austauschs und der Verteilung und fĂŒr den Wiederaufbau Russlands war unschĂ€tzbar. Die Bolschewiki verwandelten sie in ZahnrĂ€der im Getriebe der Regierung und zerstörten dadurch ihre NĂŒtzlichkeit und ihre Effizienz.

III

Es ist nun klar, warum die Revolution, so wie sie von der Kommunistischen Partei ausgefĂŒhrt wurde, ein Fehlschlag war. Die politische Macht der Partei, organisiert und zentralisiert im Staat, strebte danach, sich mit allen verfĂŒgbaren Mitteln selbst zu erhalten. Die zentralen AutoritĂ€ten versuchten die AktivitĂ€ten der Menschen in Bahnen zu lenken, die im Einklang mit den Absichten der Partei standen. Das einzige Ziel davon war es, den Staat zu stĂ€rken und alle ökonomischen, politischen und sozialen AktivitĂ€ten – ja sogar alle kulturellen Ausdrucksformen – zu monopolisieren. Die Revolution hatte ein gĂ€nzlich anderes Anliegen verfolgt und ihr schierer Charakter war die Negation von AutoritĂ€t und Zentralisierung. Sie strebte danach, immer grĂ¶ĂŸere Möglichkeiten proletarischen Ausdrucks zu eröffnen und die Phasen individueller und kollektiver Anstrengung zu vervielfachen. Die Ziele und Absichten der Revolution waren denen der herrschenden politischen Partei diametral entgegengesetzt.

Ebenso diametral entgegengesetzt waren die Methoden der Revolution und des Staates. Die der ersteren waren inspiriert vom Geist der Revolution selbst: das bedeutet, von der Emanzipation von allen unterdrĂŒckerischen und einengenden KrĂ€ften, kurz gesagt: von libertĂ€ren Prinzipien. Die Methoden des Staates – des bolschewistischen Staates ebenso wie jedes anderen Staates – auf der Gegenseite basierten auf Zwang, der sich im Verlauf der Dinge notwendigerweise in systematische Gewalt, UnterdrĂŒckung und Terror verwandelte. Diese beiden entgegengesetzten Bestrebungen kĂ€mpften um die Vorherrschaft: Der bolschewistische Staat gegen die Revolution. Das war ein Kampf auf Leben und Tod. Die beiden BeweggrĂŒnde, einander in Zielen und Methoden entgegengesetzt, konnten nicht miteinander harmonieren: Der Triumph des Staates bedeutete die Niederschlagung der Revolution.

Es wĂ€re ein Fehler anzunehmen, dass die Revolution nur wegen des Charakters der Bolschewiki gescheitert sei. GrundsĂ€tzlich war ihr Scheitern das Ergebnis der Prinzipien und Methoden des Bolschewismus. Es waren der autoritĂ€re Geist und die Vorsteher*innen des Staates, die alle libertĂ€ren und befreienden Bestrebungen erstickten. WĂ€re irgendeine andere politische Partei an der Macht in Russland gewesen, wĂ€re das Resultat im Grunde dasselbe gewesen. Es waren weniger die Bolschewiki, die die Revolution in Russland getötet hatten, sondern vielmehr die bolschewistische Idee. Es war Marxismus, wenn auch abgewandelt, kurz fanatische StaatsglĂ€ubigkeit. Nur dieses VerstĂ€ndnis der zugrundeliegenden KrĂ€fte, die die Revolution niedergeschmettert hatten, kann die wahre Lehre dieser weltbewegenden Ereignisse offenbaren. Die Russische Revolution spiegelt in einem kleinen Rahmen den jahrhundertealten Kampf des libertĂ€ren Prinzips gegen das autoritĂ€re wider. WofĂŒr gibt es Fortschritt, wenn nicht fĂŒr die grĂ¶ĂŸere allgemeine Akzeptanz der Prinzipien der Freiheit statt denen des Zwangs? Die Russische Revolution war ein libertĂ€rer Schritt, niedergeschlagen vom bolschewistischen Staat durch den temporĂ€ren Sieg der reaktionĂ€ren, der regierenden Idee.

Dieser Sieg hatte eine Reihe von GrĂŒnden. Die meisten habe ich bereits in den vorangehenden Kapiteln behandelt. Der Hauptgrund jedoch war nicht die industrielle RĂŒckstĂ€ndigkeit Russlands, wie von vielen Autor*innen zu diesem Thema behauptet. Die Ursache lag in der Kultur, die obwohl sie den Menschen in Russland bestimmte Vorteile gegenĂŒber ihren hochentwickelten Nachbar*innen verlieh, einige fatale Nachteile mit sich brachte. Die Russ*innen waren »kulturell rĂŒckschrittlich« in dem Sinne, dass sie von politischer und parlamentarischer Korruption unberĂŒhrt waren. Dieser Zustand beinhaltete auf der anderen Seite mangelnde Erfahrung im politischen Spiel und einen naiven Glauben an die ĂŒbernatĂŒrliche Macht der Partei, die am lautesten schrie und die grĂ¶ĂŸten Versprechungen machte. Dieses Vertrauen in die Macht der Regierung diente dazu, die Menschen in Russland zu Sklav*innen der Kommunistischen Partei zu machen, bevor die große Masse ĂŒberhaupt realisierte, dass ihr ein Joch um den Nacken gebunden worden war.

Das libertĂ€re Prinzip war sehr stark in den ersten Tagen der Revolution, das BedĂŒrfnis nach freiem Ausdruck war fesselnd. Aber als die erste Welle des Enthusiasmus zum nĂŒchternen, alltĂ€glichen Leben abebbte, wurde eine starke Überzeugung benötigt, um die Feuer der Freiheit am Leben zu halten. Es gab verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig nur eine Handvoll in der großen Weite Russlands, die diese Feuer am Brennen hielten, die Anarchist*innen, deren Zahl klein war und deren Engagement unter dem Zaren vollstĂ€ndig unterdrĂŒckt war, hatten nicht genug Zeit gehabt, damit ihre Arbeit FrĂŒchte tragen konnte. Die Menschen in Russland, zu einem gewissen Grad instinktive Anarchist*innen, waren zu wenig vertraut mit den wahren libertĂ€ren Prinzipien und Methoden, um diese effektiv auf ihr Leben anzuwenden. Die meisten der russischen Anarchist*innen waren unglĂŒcklicherweise selbst im Netz beschrĂ€nkter GruppenaktivitĂ€ten und individualistischer Unterfangen im Vergleich zu den viel wichtigeren sozialen und kollektiven Bestrebungen gefangen. Die Anarchist*innen, so wird die*der zukĂŒnftige, unvoreingenommene Historiker*in zugeben, spielten eine sehr bedeutende Rolle in der Russischen Revolution – eine weitaus bedeutendere und fruchtbarere Rolle, als mensch aufgrund ihrer verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kleinen Zahl erwartet hĂ€tte. Dennoch zwingen mich Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dazu zu behaupten, dass ihre Arbeit von unendlich grĂ¶ĂŸerem praktischen Nutzen gewesen wĂ€re, wenn sie besser organisiert und ausgestattet gewesen wĂ€ren, um die entfesselten Energien der Menschen auf die Neuorganisierung des Lebens auf einer libertĂ€ren Basis zu lenken.

Aber das Scheitern der Anarchist*innen in der Russischen Revolution, wie es hier beschrieben wurde, bedeutet keineswegs die Vernichtung der libertÀren Idee. Im Gegenteil: Die Russische Revolution hat ohne Zweifel gezeigt, dass die Idee eines Staates, Staatssozialismus in all seinen Formen (ökonomisch, politisch, sozial und bildend) vollkommen und hoffnungslos bankrott ist. Niemals zuvor in der ganzen Geschichte haben AutoritÀt, Regierung und der Staat sich als so grundsÀtzlich statisch, reaktionÀr und sogar konterrevolutionÀr herausgestellt. Kurz gesagt: die genaue Antithese der Revolution.

Es bleibt wahr, was wĂ€hrend jedes Fortschritts galt, dass nur der libertĂ€re Geist und libertĂ€re Methoden den Menschen in seinem ewigen Streben nach einem besseren, feineren und freieren Leben einen Schritt voran bringen können. Hinsichtlich der großen sozialen UmbrĂŒche, die als Revolutionen bekannt sind, gilt diese Tendenz ebenso wie fĂŒr den gewöhnlichen evolutionĂ€ren Prozess. Die autoritĂ€re Methode war ein großes Versagen in der gesamten Geschichte und nun ist sie in der Russischen Revolution erneut gescheitert. Bisher hat der menschliche Einfallsreichtum kein anderes Prinzip außer dem LibertĂ€ren entdeckt, denn der Mensch Ă€ußerte in der Tat die grĂ¶ĂŸte Weisheit, als er sagte, dass die Freiheit die Mutter der Ordnung sei, nicht ihre Tochter. Ungeachtet aller politischen Lehren und Parteien kann keine Revolution wirklich und dauerhaft erfolgreich sein, wenn sie nicht entschiedenen Einspruch gegen jede Tyrannei und Zentralisierung erhebt und zielstrebig dafĂŒr kĂ€mpft, die Revolution zu einer echten Neubewertung aller ökonomischen, sozialen und kulturellen Werte zu machen. Nicht der bloße Austausch einer politischen Partei gegen eine andere an der Regierung, nicht die Verschleierung von Autokratie durch proletarische Parolen, nicht die Diktatur einer neuen Klasse ĂŒber eine alte, keine politischen Machenschaften jedweder Art, sondern alleine die vollstĂ€ndige Umkehr all dieser autoritĂ€ren Prinzipien wird der Revolution dienen.

Im Bereich der Wirtschaft muss diese Transformation in den HĂ€nden der Massen liegen: Letztere haben die Wahl zwischen einem industriellen Staat und Anarchosyndikalismus. Im Falle des Ersteren ist die Bedrohung fĂŒr die konstruktive Entwicklung der neuen Sozialstruktur ebenso groß wie durch den politischen Staat. Er wĂŒrde zu einer schweren Last fĂŒr die Entwicklung der neuen Formen des Lebens werden. Genau aus diesem Grund ist Syndikalismus (oder Industrialismus) alleine nicht ausreichend, wie seine BefĂŒrworter*innen behaupten. Nur wenn der libertĂ€re Geist die ökonomischen Organisationen der Arbeiter*innen durchdringt, können sich die vielfĂ€ltigen kreativen Energien der Menschen entfalten und die Revolution beschĂŒtzt und verteidigt werden. Nur die freie Initiative und allgemeine Beteiligung in den Angelegenheiten der Revolution kann den fĂŒrchterlichen Pfusch, wie er in Russland begangen wurde, verhindern. Beispielsweise hĂ€tte es mit Brennstoffen nur 100 Werst [ungefĂ€hr 66 Meilen] von Petrograd entfernt keine Notwendigkeit fĂŒr diese Stadt gegeben, zu frieren, wenn die ökonomischen Organisationen der Arbeiter*innen Petrograds frei gewesen werden, Initiative fĂŒr das Gemeinwohl zu ergreifen. Die BĂ€uer*innen der Ukraine wĂ€ren an der Bestellung ihres Landes nicht gehindert worden, wenn sie Zugang zu den GerĂ€tschaften gehabt hĂ€tten, die sich in den Lagerhallen von Charkiw und anderen industriellen Zentren stapelten und auf Befehl aus Moskau fĂŒr ihre Verteilung warteten. Das sind charakteristische Beispiele der bolschewistischen Regierung und Zentralisierung, die den Arbeiter*innen von Europa und Amerika eine Warnung vor den zerstörerischen Folgen des Etatismus sein sollten.

Die industrielle Macht der Massen, ausgedrĂŒckt durch ihre libertĂ€ren Verbindungen – Anarcho-Syndikalismus – ist alleine in der Lage, das ökonomische Leben zu organisieren und die Produktion fortzufĂŒhren. Auf der anderen Seite funktionieren die Genossenschaften, wenn sie im Einklang mit der Industrie arbeiten, als Verteilungs- und Austauschmedium zwischen Stadt und Land und zugleich als Bindeglied des geschwisterlichen Bundes aus industriellen und agrarischen Massen. Ein gemeinsames Band gegenseitiger FĂŒrsorge und Hilfe wird geknĂŒpft, das das stĂ€rkste Bollwerk der Revolution ist – weitaus effektiver als Zwangsarbeit, die Rote Armee oder Terror. Nur auf diesem Weg kann die Revolution als Treibstoff zur Beschleunigung der Entwicklung neuer sozialer Formen dienen und die Massen zu grĂ¶ĂŸeren Errungenschaften inspirieren.

Aber libertĂ€re industrielle Organisationen und Gewerkschaften sind nicht das einzige Medium im Wechselspiel der komplexen Phasen des sozialen Lebens. Es gibt noch die kulturellen KrĂ€fte, die, auch wenn sie eng mit den ökonomischen AktivitĂ€ten verbunden sind, dennoch ihre eigene Aufgabe zu erfĂŒllen haben. In Russland wurde der kommunistische Staat zum einzigen Vermittler fĂŒr alle BedĂŒrfnisse des sozialen GefĂŒges. Wie bereits beschrieben war das Ergebnis ein vollstĂ€ndiger kultureller Stillstand und die LĂ€hmung aller kreativen Unterfangen. Wenn ein solches Debakel in Zukunft vermieden werden soll, mĂŒssen die kulturellen KrĂ€fte trotz ihrer Verwurzelung mit der Ökonomie ihren unabhĂ€ngigen Wirkungsbereich und ihre Ausdrucksfreiheit bewahren. Nicht die Treue zur herrschenden politischen Partei, sondern die Hingabe fĂŒr die Revolution, Wissen, FĂ€higkeiten und – vor allem anderen – der kreative Impuls sollten die Kriterien fĂŒr die Eignung fĂŒr kulturelle Arbeit sein. In Russland wurde das fast von Beginn der Oktoberrevolution an durch die gewaltsame Trennung der Intelligenzija und der Massen unmöglich gemacht. Es stimmt, dass die ursprĂŒnglichen Schuldigen in diesem Fall die Intelligenzija, besonders die technische Intelligenzija, waren, die in Russland – wie auch in anderen LĂ€ndern – hartnĂ€ckig am Rockzipfel der Bourgeoisie hingen. Dieses Element, unfĂ€hig die Bedeutung der revolutionĂ€ren Ereignisse zu verstehen, strebte danach den Lauf der Dinge durch umfassende Sabotage aufzuhalten. Aber in Russland gab es auch eine andere Art der Intelligenzija – eine mit einer hundertjĂ€hrigen ruhmreichen revolutionĂ€ren Vergangenheit. Dieser Teil der Intelligenzija hielt den Menschen die Treue, auch wenn sie die neue Diktatur nicht vorbehaltlos anerkennen konnte. Der fatale Fehler der Bolschewiki war, dass sie zwischen diesen beiden Elementen keinen Unterschied machten. Sie begegneten der Sabotage mit umfassendem Terror gegen die Intelligenzija als Klasse und begannen eine Kampagne des Hasses, die schlimmer war als die Verfolgung der Bourgeoisie selbst – eine Methode, die eine Kluft zwischen der Intelligenzija und dem Proletariat öffnete und eine Barriere gegen konstruktive Arbeit errichtete.

Lenin war der erste, der diesen kriminellen Fehler erkannte. Er betonte, dass es ein tödlicher Fehler war, die Arbeiter*innen glauben zu lassen, dass sie die Industrie wiederaufbauen und sich in kultureller Arbeit engagieren könnten, ohne die Hilfe und Zusammenarbeit mit der Intelligenzija. Das Proletariat besaß weder das Wissen noch die Übung fĂŒr diese Aufgabe, und die Intelligenzija musste hinsichtlich des industriellen Lebens wiederhergestellt werden. Aber die Erkenntnis eines Fehler rettete Lenin und seine Partei keineswegs davor sofort einen anderen zu begehen. Die technische Intelligenzija wurde zu Bedingungen zurĂŒckbeordert, die der Feindschaft gegenĂŒber dem Regime Zersetzung hinzufĂŒgte.

WĂ€hrend die Arbeiter*innen weiterhin hungerten, bekamen Ingenier*innen, industrielle Expert*innen und Techniker*innen hohe GehĂ€lter, Sonderprivilegien und die besten Rationen. Sie wurden zu den verhĂ€tschelten Angestellten des Staates und zu den neuen Sklaventreiber*innen der Massen. Letztere, die jahrelang mit den trĂŒgerischen Lehren, dass alleine Muskelkraft fĂŒr eine erfolgreiche Revolution notwendig sei und dass nur körperliche Arbeit produktiv sei, gefĂŒttert worden waren und die von der Kampagne des Hasses, die jede*n Intellektuelle*n als Spekulant*in und KonterrevolutionĂ€r*in abgestempelt hatte, aufgehetzt worden waren, konnten keinen Frieden mit denen schließen, die zu verachten und denen zu misstrauen sie gelehrt worden waren.

UnglĂŒcklicherweise ist Russland nicht das einzige Land, in dem diese proletarische Einstellung gegen die Intelligenzija vorherrscht. Überall spielen politische Demagog*innen mit der Ignoranz der Massen, lehren sie, dass Bildung und Kultur bourgeoise Vorurteile seien, dass die Arbeiter*innen ohne sie zurecht kommen könnten, und dass sie alleine in der Lage dazu seien, die Gesellschaft zu erneuern. Die Russische Revolution hat sehr deutlich gezeigt, dass beides, Muskeln und Verstand, unverzichtbar fĂŒr die Arbeit der sozialen Regeneration sind. Geistige und körperliche Arbeit sind im sozialen GefĂŒge so eng verbunden wie Hirn und Hand im menschlichen Organismus. Ohne das eine kann das andere nicht funktionieren.

Es stimmt, dass sich die meisten Intellektuellen als Teil einer höheren Klasse als der der Arbeiter*innen verstehen, aber die sozialen ZustĂ€nde rĂŒtteln ĂŒberall am hohen Stand der Intelligenzija. Sie werden gezwungen sein, zu erkennen, dass auch sie Proletarier*innen sind, die sogar noch abhĂ€ngiger von ihren ökonomischen Herr*innen sind als die körperlichen Arbeiter*innen. Die intellektuellen Proletarier*innen können nicht einfach wie die körperlichen Proletarier*innen ihre Werkzeuge nehmen und in die Welt hinaus ziehen, auf der Suche nach einer VerĂ€nderung einer beschissenen Situation. Sie sind fester in ihrer spezifischen sozialen Umgebung verwurzelt und können nicht so einfach ihre TĂ€tigkeit oder ihre Lebensart Ă€ndern. Daher ist es von Ă€ußerster Wichtigkeit, den Arbeiter*innen die rapide Proletarisierung der Intellektuellen und die dadurch entstehende Verbindung zwischen ihnen zu vermitteln. Wenn die westliche Welt von den Lehren Russlands profitieren will, muss die demagogische Schmeichelei gegenĂŒber den Massen und die blinde Feindschaft gegenĂŒber der Intelligenzija ein Ende finden. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass die Arbeiter*innen sich vollstĂ€ndig auf die intellektuellen Elemente verlassen sollen. Im Gegenteil: Die Massen mĂŒssen sofort damit anfangen sich fĂŒr die große Aufgabe, die die Revolution ihnen abverlangt, vorzubereiten und auszurĂŒsten. Sie sollten sich das Wissen und die technischen Fertigkeiten aneignen, die notwendig sind, um die komplizierten Mechanismen der industriellen und sozialen Strukturen ihrer jeweiligen LĂ€nder zu verwalten und zu steuern. Aber auch im besten Fall werden die Arbeiter*innen die Kooperation der fachkundigen und kulturellen Elemente brauchen. Genauso mĂŒssen letztere erkennen, dass ihre wahren Interessen mit denen der Massen identisch sind. Wenn diese beiden sozialen KrĂ€fte sich zu einer harmonischen Einheit verbinden, können die tragischen Aspekte der Russischen Revolution grĂ¶ĂŸtenteils verhindert werden. Keine*r wĂŒrde erschossen werden, weil sie*er einst »eine Bildung genossen hatte«. Der*die Wissenschaftler*in, der*die Ingenieur*in, der*die Spezialist*in, der*die Forscher*in, der*die Lehrer*in und der*die kreative KĂŒnstler*in, ebenso wie der*die Schreiner*in, der*die Mechaniker*in und der Rest sind alle integraler Bestandteil der kollektiven Kraft, die die Revolution zur großen Architektur des neuen sozialen GebĂ€udes formt. Nicht Hass, sondern Einheit, nicht Feindschaft, sondern Kameradschaft, nicht Erschießungen sondern Sympathie – Das ist die Lektion des großen russischen Debakels, sowohl fĂŒr die Intelligenzija als auch fĂŒr die Arbeiter*innen. Alle mĂŒssen den Wert gegenseitiger Hilfe und libertĂ€rer Zusammenarbeit lernen, auch wenn jede*r in der Lage sein muss, in seinem*ihrem Bereich unabhĂ€ngig zu bleiben und in Harmonie zu sein mit dem Besten, das sie*er zur Gesellschaft beitragen kann. Nur auf diesem Weg werden sich produktive Arbeit und bildungs- und kulturelle Anstrengungen in immer neueren und vielfĂ€ltigeren Formen ausdrĂŒcken. Das ist fĂŒr mich die allumfassende und entscheidende Moral der Russischen Revolution.

IV

Auf den vorangehenden Seiten habe ich versucht darzulegen, warum die bolschewistischen Prinzipien, Methoden und Taktiken scheiterten und dass Ă€hnliche Prinzipien und Methoden, wenn sie in anderen LĂ€ndern angewandt werden, auch in denen mit der fortgeschrittensten industriellen Entwicklung, ebenso scheitern mĂŒssen. Ich habe außerdem gezeigt, dass es nicht nur der Bolschewismus ist, der gescheitert ist, sondern der Marxismus selbst. Das bedeutet, dass sich die IDEE DES STAATES, das autoritĂ€re Prinzip, durch die Erfahrung der Russischen Revolution als Bankrott herausgestellt hat. Wenn ich mein ganzes Argument in einem Satz zusammenfassen mĂŒsste, wĂŒrde ich sagen: Die grundsĂ€tzliche Tendenz des Staates ist es, einzuschrĂ€nken, zu begrenzen und alle sozialen AktivitĂ€ten zu vereinnahmen, die Natur der Revolution dagegen ist es, zu wachsen, sich auszudehnen und sich in immer weiteren Kreisen zu verbreiten. Mit anderen Worten: Der Staat ist institutionell und statisch, die Revolution fließend und dynamisch. Diese beiden Tendenzen sind unvereinbar und zerstören sich gegenseitig. Die Idee des Staates tötete die Russische Revolution und sie wird dasselbe Resultat bei allen anderen Revolutionen haben, wenn nicht die libertĂ€re Idee obsiegt.

Jetzt gehe ich noch viel weiter. Es sind nicht nur Bolschewismus, Marxismus und Gouvernementalismus, die fatal fĂŒr die Revolution und allen lebendigen menschlichen Fortschritt sind. Die Hauptursache fĂŒr die Niederschlagung der Russischen Revolution liegt viel tiefer. Sie liegt in der gesamten sozialistischen Konzeption der Revolution selbst.

Die dominante, beinahe allgemeine Idee der Revolution – besonders der sozialistischen Idee – ist, dass Revolution eine gewaltsame VerĂ€nderung der sozialen Bedingungen sei, durch die eine soziale Klasse, die Arbeiter*innenklasse, die Macht ĂŒber eine andere Klasse, die kapitalistische Klasse, erlangt. Das ist das Konzept einer ausschließlich materiellen VerĂ€nderung und als solche besteht sie nur aus politischen UmwĂ€lzungen und institutionellen Neuordnungen. Die bourgeoise Diktatur wird durch eine »Diktatur des Proletariats« ersetzt – bzw. durch die ihrer »Avantgarde«, der Kommunistischen Partei. Lenin nimmt den Platz der Romanows ein, das Kaiserliche Kabinett wird in Sowjet der Volkskommissare umbenannt, Trotzki wird zum Kriegsminister berufen und ein Arbeiter wird zum militĂ€rischen Generalgouverneur von Moskau. Das ist im Wesentlichen die bolschewistische Konzeption von Revolution, wie sie derzeit in die Praxis umgesetzt wird. Und mit nur wenigen kleinen VerĂ€nderungen ist das auch die Idee von Revolution aller anderen sozialistischen Parteien.

Diese Konzeption ist grundsĂ€tzlich und verheerend falsch. Revolution ist in der Tat ein gewaltsamer Prozess. Aber wenn sie bloß zu einem Wechsel der Diktatur, zu einer Änderung von Namen und politischen Persönlichkeiten fĂŒhrt, dann ist sie die MĂŒhe kaum wert. Sie ist sicherlich nicht all die KĂ€mpfe und Opfer, den gewaltigen Verlust an Menschenleben und kulturellen Werten, die jede Revolution zur Folge hat, wert. Selbst wenn eine solche Revolution einen grĂ¶ĂŸeren sozialen Wohlstand bringen wĂŒrde (was sie in Russland nicht getan hat), wĂ€re sie ebenfalls nicht den schrecklichen Preis, den mensch fĂŒr sie zahlen muss, wert: Bloße Verbesserungen können ohne eine blutige Revolution erreicht werden. Es sind nicht Linderungsmittel und Reformen, die die wahren Ziele und Zwecke einer Revolution sind, wie ich sie verstehe.

Meiner Meinung nach – tausendfach bestĂ€rkt durch die Russische Erfahrung – ist der große Auftrag der Revolution, der SOZIALEN REVOLUTION, eine grundlegende Umwertung der Werte. Eine Umwertung nicht nur der sozialen, sondern auch der menschlichen Werte. Letztere sind sogar wichtiger als erstere, da sie die Basis aller sozialen Werte sind. Unsere Institutionen und VerhĂ€ltnisse resultieren aus eingefleischten Ideen. Diese VerhĂ€ltnisse zu Ă€ndern und gleichzeitig die zugrundeliegenden Ideen und Werte intakt zu lassen, wĂŒrde nur eine kĂŒnstliche Umgestaltung bedeuten, eine, die weder permanent sein könnte noch wahre Verbesserung bringen wĂŒrde. Es wĂ€re nur ein Wandel des Erscheinungsbildes, nicht des Wesens, wie Russland so tragisch bewiesen hat.

Es ist zugleich ein großes Scheitern und eine große Tragödie, dass die Russische Revolution (angefĂŒhrt von der herrschenden politischen Partei) nur versuchte, Institutionen und UmstĂ€nde zu verĂ€ndern, wĂ€hrend sie die menschlichen und sozialen Werte, fĂŒr die die Revolution stand, vollkommen ignorierte. Schlimmer noch, in seinem verrĂŒckten Streben nach Macht versuchte der kommunistische Staat sogar noch die Ideen und Konzeptionen, die zu zerstören die Revolution sich aufgemacht hatte, zu stĂ€rken und zu vertiefen. Er unterstĂŒtzte und beförderte die schlimmsten anti-sozialen Eigenschaften und zerstörte die bereits erweckten, neuen revolutionĂ€ren Werte systematisch. Den Sinn fĂŒr Gleichheit und Gerechtigkeit, die Liebe zur Freiheit und zur menschlichen Geschwisterschaft, diese Grundlagen einer echten Erneuerung der Gesellschaft wurden vom kommunistischen Staat bis zum Punkt ihrer Auslöschung bekĂ€mpft. Der instinktive Sinn der Menschen fĂŒr Gerechtigkeit wurde als schwache SentimentalitĂ€t gebrandmarkt, die menschliche WĂŒrde und Freiheit wurden zu einem bourgeoisen Aberglauben, die Heiligkeit des Lebens, die die grundlegende Essenz der sozialen Erneuerung ist, wurde als arevolutionĂ€r, beinahe konterrevolutionĂ€r verurteilt. Diese angsteinflĂ¶ĂŸende Verkehrung fundamentaler Werte trug den Keim der Zerstörung in sich. Der Konzeption folgend, dass die Revolution nur ein Mittel zur Sicherung der politischen Macht sei, war es unvermeidbar, dass alle revolutionĂ€ren Werte den BedĂŒrfnissen des sozialistischen Staates untergeordnet werden mussten, ja sogar ausgenutzt werden wĂŒrden, um die Sicherheit der neu erlangten Regierungsmacht zu gewĂ€hrleisten. »Zwecke des Staates«, getarnt als »Interessen der Revolution und des Volkes« wurden zum einzigen Kriterium der Handlung, ja sogar des Empfindens. Gewalt, die tragische Unvermeidlichkeit revolutionĂ€rer Erhebungen, wurde zu einer verbreiteten Sitte, zu einer Angewohnheit und wurde kĂŒrzlich zur mĂ€chtigsten und »idealsten« Institution gekrönt. Hatte nicht Sinowjew selbst Dserschinski, den Leiter der verdammten Tscheka, zum »Heiligen der Revolution« kanonisiert? Hatte der Staat nicht Urizki, dem GrĂŒnder und sadistischen Chef der Petrograder Tscheka, die grĂ¶ĂŸten Ehren erwiesen?

Diese Perversion der ethischen Werte manifestierte sich schon bald im alles beherrschenden Slogan der Kommunistischen Partei: DER ZWECK HEILIGT ALLE MITTEL. Auf Ă€hnliche Weise hatten sich in der Vergangenheit die Inquisition und die Jesuiten dieses Mottos bedient und ihm jegliche MoralitĂ€t untergeordnet. Das rĂ€chte sich sowohl bei den Jesuiten als auch an der Russischen Revolution. Infolge dieses Slogans kam es zu LĂŒgen, Betrug, Heucheleien, Verrat und Mord, sowohl versteckt, als auch offen. Es sollte den Student*innen der sozialen Psychologie von dringendem Interesse sein, dass zwei Bewegungen, die so unterschiedlich hinsichtlich ihrer Epoche und ihrer Ideen sind, wie der Jesuitismus und der Bolschewismus, exakt die gleichen Resultate in der Entwicklung des Prinzips, dass der Zweck alle Mittel heilige, erzielten. Diese bisher beinahe vollstĂ€ndig vernachlĂ€ssigte historische Parallele hĂ€lt eine wichtige Lehre fĂŒr alle kommenden Revolutionen, ebenso wie fĂŒr die gesamte Zukunft der Menschheit bereit.

Es gibt keinen grĂ¶ĂŸeren Trugschluss als den Glauben, dass Ziele und Absichten eine Sache seien, wĂ€hrend Methoden und Taktiken eine andere sind. Diese Konzeption ist eine gewaltige Bedrohung fĂŒr die soziale Erneuerung. Alle menschlichen Erfahrungen lehren, dass Methoden und Mittel nicht von ihrem letztlichen Ziel getrennt werden können. Die angewandten Mittel werden durch individuelle Gewohnheiten und soziale Gepflogenheiten fester Bestandteil des endgĂŒltigen Zwecks, sie beeinflussen ihn, verĂ€ndern ihn und schließlich werden Zweck und Mittel identisch. Seit dem Tag meiner Ankunft in Russland fĂŒhlte ich das, zuerst nur vage, dann immer bewusster und klarer. Die großen und inspirierenden Ziele der Revolution wurden durch die von der herrschenden politischen Macht genutzten Methoden so vernebelt und verdunkelt, dass es schwer wurde zu unterscheiden, was temporĂ€res Mittel und was endgĂŒltiger Zweck war. Sowohl psychologisch als auch sozial beeinflussten und verĂ€nderten die Mittel die Ziele notwendigerweise. Die gesamte Geschichte der Menschheit ist ein kontinuierlicher Beweis der Maxime, dass die Trennung der Methoden von den ethischen Vorstellungen dazu fĂŒhrt, dass mensch in den Tiefen völliger Demoralisierung versinkt. Darin liegt die wahre Tragödie der bolschewistischen Philosophie, wie sie in der Russischen Revolution zur Anwendung kam. Möge diese Lektion nicht vergeblich gewesen sein.

Keine Revolution kann jemals unter dem Aspekt der Befreiung erfolgreich sein, wenn nicht die eingesetzten MITTEL im Sinne der zu erreichenden ZWECKE sind. Revolution ist die Negation des Bestehenden, ein gewaltsamer Protest gegen die Unmenschlichkeit des Menschen gegenĂŒber dem Menschen in all den eintausendundeinen Formen der Sklaverei, die diese umfasst. Sie ist eine Zerstörung der dominanten Werte, auf denen durch Ignoranz und BrutalitĂ€t ein komplexes System der Ungerechtigkeit, UnterdrĂŒckung und des Falschen errichtet wurde. Sie ist Botin NEUER WERTE, die durch die VerĂ€nderung der grundlegenden Beziehungen zwischen dem Menschen zum Menschen und dem Menschen zur Gesellschaft eingefĂŒhrt werden. Sie ist keine bloße Reformerin, die einige soziale MissstĂ€nde flickt, keine bloße VerĂ€nderungen der Formen und Institutionen, nicht nur eine Neuverteilung des sozialen Wohlstands. Sie ist all das, aber mehr, viel mehr. Sie ist zuerst und vor allem die UMWERTUNG, die Überbringerin neuer Werte. Sie ist die große LEHRERIN der NEUEN ETHIK, die den Menschen mit einem neuen Konzept des Lebens und seines Ausdrucks in sozialen Beziehungen inspiriert. Sie ist die mentale und spirituelle Erneuerung.

Ihr erster ethischer Grundsatz ist die IdentitĂ€t der angewendeten Mittel und angestrebten Ziele. Das ultimative Ziel jedes revolutionĂ€ren sozialen Wandels ist es, die Heiligkeit des menschlichen Lebens, die WĂŒrde des Menschen und das Recht jedes menschlichen Wesens auf Freiheit und Wohlergehen zu schaffen. Externe soziale VerĂ€nderungen können und wurden durch den normalen, evolutionĂ€ren Prozess erreicht (werden). Revolution dagegen bedeutet nicht bloß externe VerĂ€nderung, sondern interne, grundlegende, fundamentale VerĂ€nderung. Diese interne VerĂ€nderung von Konzepten und Ideen durchdringt immer grĂ¶ĂŸere soziale Schichten und gipfelt schließlich in der gewaltsamen Erhebung, die als Revolution bekannt ist. Sollte dieser Höhepunkt den Prozess der Umwertung umkehren, sich gegen sie wenden, sie verraten? Das ist in Russland passiert. Die Revolution muss im Gegenteil den Prozess, deren wachsender Ausdruck sie ist, beschleunigen und vertiefen, ihre wichtigste Mission ist es, ihn zu inspirieren und ihn zu grĂ¶ĂŸeren Höhen zu tragen, ihm die grĂ¶ĂŸtmögliche Ausdrucksfreiheit ermöglichen. Nur dadurch bleibt sich die Revolution selbst treu.

In der Praxis bedeutet das, dass die Periode der eigentlichen Revolution, die sogenannte Übergangsphase, die Einleitung, das Vorspiel fĂŒr die neuen sozialen VerhĂ€ltnisse sein muss. Sie ist die Schwelle zum NEUEN LEBEN, dem neuen GEFÜGE DER MENSCHHEIT UND MENSCHLICHKEIT. Als solche muss sie dem Geist des neuen Lebens entsprechen und mit der Erbauung des neuen GefĂŒges harmonieren.

Heute ist der Ursprung von Morgen. Die Gegenwart wirft ihren Schatten weit in die Zukunft. Das ist das Gesetz des Lebens, sowohl individuell, als auch sozial. Eine Revolution, die sich selbst von ethischen Werten lossagt, legt dadurch die Grundlage fĂŒr Unrecht, Schwindel und UnterdrĂŒckung in der zukĂŒnftigen Gesellschaft. Die Mittel, die genutzt werden, um die Zukunft einzuleiten, werden zu ihren Eckpfeilern. Die tragischen VerhĂ€ltnisse in Russland bezeugen das. Die Methoden der staatlichen Zentralisierung haben individuelle Initiative und Anstrengung gelĂ€hmt, die Tyrannei der Diktatur hat die Menschen zu sklavischem Gehorsam eingeschĂŒchtert und die Feuer der Freiheit gelöscht, der organisierte Terror hat die Massen verdorben und entmenschlicht und jeden idealistischen Anspruch erstickt, der institutionalisierte Mord hat das menschliche Leben verbilligt und jeden Sinn fĂŒr WĂŒrde und den Wert des Lebens eliminiert, Zwang bei jedem Schritt machte alle BemĂŒhungen zur Qual, Arbeit als Bestrafung verwandelte die gesamte Existenz in ein System gegenseitiger Hinterlist und erweckte die niedersten und brutalsten Instinkte der Menschen. Ein jĂ€mmerliches Erbe, um damit ein neues Leben in Freiheit und Geschwisterlichkeit zu beginnen.

Es kann nicht genug betont werden, dass die Revolution sinnlos ist, wenn sie nicht von ihrem ultimativen Ideal inspiriert wird. RevolutionĂ€re Methoden mĂŒssen im Einklang mit den revolutionĂ€ren Zielen sein. Die Mittel, die eingesetzt werden, um die Revolution voranzubringen, mĂŒssen mit ihren Zielen harmonieren. Kurz gesagt, die ethischen Werte, die die Revolution in der neuen Gesellschaft etablieren wird, mĂŒssen mit den revolutionĂ€ren AktivitĂ€ten der sogenannten Übergangsphase angestoßen werden. Letztere kann nur dann als echte und verlĂ€ssliche BrĂŒcke zum besseren Leben dienen, wenn sie aus dem gleichen Material errichtet ist, wie das Leben, das erreicht werden soll. Die Revolution ist der Spiegel der zukĂŒnftigen Tage, sie ist das Kind, das der*die Erwachsene von morgen sein wird.

[1] Der sogenannte Matros*innenaufstand von Kronstadt fand von Ende Februar bis zum 18. MĂ€rz 1921 statt. Die AufstĂ€ndischen forderten unter anderem ein Ende der bolschewistischen Diktatur. Als Kronstadt von einer Übermacht der Roten Armee erstĂŒrmt wurde, konnten nur wenige AufstĂ€ndische fliehen. 500 AufstĂ€ndische und Zivilist*innen wurden nach der Kapitulation von der Roten Armee ohne Verfahren erschossen. 2000 weitere AufstĂ€ndische wurden im spĂ€teren Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt, die ĂŒbrigen AufstĂ€ndischen landeten zur großen Mehrheit in Konzentrationslagern und rund 2500 Zivilist*innen aus Kronstadt wurden nach Sibirien ins Exil geschickt. Kritik an diesem Massaker ließ die bolschewistische Diktatur nicht gelten. FĂŒr sie war das Massaker auch 17 Jahre spĂ€ter noch ein notwendiges Exempel um »die Zahl der Opfer auf ein Minimum zu reduzieren« (vgl. Trotzki. Das Zetergeschrei um Kronstadt. 1938). Emma Goldman hatte vor der ErstĂŒrmung Kronstadts durch die Rote Armee versucht zu vermitteln und ein solches Massaker zu verhindern.

[2] Die russische Hungersnot von 1921–1922, auch bekannt als Powolschje-Hungersnot, war eine schwere Hungersnot in Sowjetrussland, welche fĂŒnf Millionen Menschenleben forderte. HauptsĂ€chlich betroffen von der Hungersnot, die im FrĂŒhjahr 1921 begann und bis Ende 1922 andauerte, waren die Regionen an der Wolga und dem Ural. Die Hungersnot entstand durch ökonomische RĂŒckwirkungen des Ersten Weltkriegs und des mehrjĂ€hrigen BĂŒrgerkriegs in Verbindung mit der Politik des Kriegskommunismus, besonders durch die Prodraswjorstka-Kampagne (Nahrungsmittelrequirierung). Ein schlechtes Schienenverkehrsnetz trug zur VerschĂ€rfung der ErnĂ€hrungslage bei, weil Lebensmittel nicht effizient verteilt werden konnten. Eine der periodisch wiederkehrenden DĂŒrren in der Geschichte Russlands verschĂ€rfte die Situation zu einer nationalen Katastrophe.

[3] Originaltitel: »The Truth About the Bolsheviki«, Mother Earth Publishing Association, New York, February 1917. (Anm. d. Übers.)

[4] In den USA wurden nach dem Ersten Weltkrieg AuslĂ€nder*innen und »auslĂ€ndische Ideen« immer weniger toleriert. Nach ihrer Entlassung aus dem GefĂ€ngnis 1919 wurde Emma Goldman auf Befehl Hoovers, damaliger Director of Intelligence fĂŒr das US Justice Department, sofort wieder verhaftet. Hoover ĂŒberzeugte die Gerichte, Goldman die StaatsbĂŒrger*innenschaft zu entziehen. Durch diese Maßnahme war es möglich, Emma Goldman ĂŒber den 1918 verabschiedeten »Alien Act« abzuschieben. Der »Alien Act« erlaubte es den Behörden, jede*n Anarchisten*in ohne US-amerikanische StaatsbĂŒrger*innenschaft abzuschieben. Am 21. Dezember 1921 wurden Emma Goldman und 248 andere auslĂ€ndische Anarchist*innen in die Sowjetunion abgeschoben.

[5] Die Tscheka (russisch ВЧК) war die Außerordentliche Allrussische Kommission zur BekĂ€mpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage. Dabei handelte es sich um die schon am 20. Oktober 1917 gegrĂŒndete Staatssicherheit. Ende 1922 ging aus ihr die politische Polizei hervor. Bis dahin exekutierte die Tscheka SchĂ€tzungen zufolge zwischen 50.000 und 250.000 Menschen (vgl. Christopher Andrew, Vasili Mitrokhin. The Sword and The Shield. 1999. S. 28).

[6] John Brown war ein US-amerikanischer Abolitionist, der die Abschaffung der Sklaverei durch bewaffneten Aufstand durchsetzen wollte. Er wurde 1859 in Folge eines gescheiterten bewaffneten Aufstands hingerichtet.

[7] Der Russische BĂŒrgerkrieg dauerte von 1918 bis 1922 und endete mit dem Sieg der Bolschewiki und der GrĂŒndung der Sowjetunion. Dieser BĂŒrgerkrieg fand an vielen Fronten statt, die Rote Armee der Bolschewiki kĂ€mpfte gegen die Weiße Armee, einer heterogenen Gruppe aus Konservativen, Demokraten, gemĂ€ĂŸigten Sozialisten, Nationalisten, gegen die Entente und die MittelmĂ€chte. Des Weiteren wurde auch massiv die Zivilbevölkerung bekĂ€mpft, was um die acht bis zehn Millionen Opfer forderte.

[8] Georgi Wassiljewitsch Tschitscherin war ein sowjetischer Politiker. 1918 bis 1930 war er Volkskommissar fĂŒr AuswĂ€rtige Angelegenheiten (also faktisch Außenminister der Sowjetunion).

[9] Die Katorga, abgeleitet vom griechischen kateirgon (»zwingen«), war nach der Todesstrafe die schwerste Strafe im Russischen Zarenreich, bei welcher der StrĂ€fling Zwangsarbeit zu leisten hatte. Zudem wurden die StrĂ€flinge verbannt, beispielsweise nach Sibirien oder auf die Insel Sachalin und ihrer BĂŒrger*innenrechte enthoben. Nach Ablauf ihrer Strafzeit durften die Verurteilten nicht zurĂŒckkehren, sondern mussten ihr Leben in der Verbannung weiterfĂŒhren. In den 1940er Jahren fĂŒhrte der bolschewistische Diktator Stalin die Katorga wieder ein.

[10] dt. MĂŒtterchen Russland (Anm. d. Übers.)

[11] Sergej Semjonowitsch Zorin (Sergej Gumberg) (1891–1937) war der Erste SekretĂ€r des Petrograder Stadtkomitees, was ungefĂ€hr der Position einer*s BĂŒrgermeisters*in entspricht. Er bekleidete diese Position zwischen November 1919 und Februar 1921.

[12] Heute heißt Petrograd St. Petersburg.

[13] Tammany Hall war eine politische Seilschaft in New York, die 1786 als Tammany Society gegrĂŒndet wurde. Sie war die Organisation der Demokratischen Partei in New York City und kontrollierte ĂŒber Jahrzehnte hinweg die Politik in der Stadt. Tammany gab den Immigrant*innen und den Unterschichten in der Stadt eine Stimme, doch zugleich nutzte die Organisation diese Gruppen mit erheblicher Skrupellosigkeit aus, um ihre eigenen politischen Ziele durchzusetzen. Insbesondere in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts wurde Tammany Hall berĂŒhmt berĂŒchtigt wegen der Skandale und des Missbrauchs stĂ€dtischer Ressourcen und Posten als Versorgungsmittel fĂŒr die Klientel der Partei und zur Gewinnung finanzieller UnterstĂŒtzung. Bis heute gilt Tammany Hall als Synonym fĂŒr korrupte Parteipolitik insbesondere in GroßstĂ€dten.

[14] Charles Francis »Silent Charlie« Murphy (1858-1924), auch als Boss Murphy bekannt, war ein Amerikanischer Politiker und Kopf der Tammany Hall von 1902 bis 1924.

[15] Nikolai Nikolajewitsch Judenitsch (1862-1933) war ein General der russischen Armee und der antikommunistischen Weißen Garde. Am 19. Oktober 1919 erreichten seine Truppen die Außenbezirke von Petrograd, schafften es jedoch nicht, den Moskau-Petrograd Zug zu erobern, sodass der RevolutionĂ€re MilitĂ€rrat massive VerstĂ€rkung schicken konnte, um den Fall der Stadt zu verhindern. Judenitschs Offensive wurde in den letzten Oktobertagen niedergeschlagen und die Weiße Armee wurde im November bis nach Estland zurĂŒckgedrĂ€ngt.

[16] Die Narodnaja Wolja (dt. Volkswille), eine sozialrevolutionĂ€re Geheimgesellschaft, verĂŒbte am 01. MĂ€rz 1881 ein erfolgreiches Bombenattentat auf den Zaren Alexander II. Sie war aus der Spaltung der Bewegung Land und Wille (bzw. Land und Freiheit; russisch Semlja i wolja) 1879 hervorgegangen, die die Revolution ins Volk tragen wollte („VolkstĂŒmler*innen“). Die Ziele der Organisation waren der Sturz des Zaren, freie und allgemeine Wahlen, Volksvertreter*innen und Meinungs-, Presse- und Gewissensfreiheit und eine Verfassung. Ihr gehörten viele Anarchist*innen und Nihilist*innen an. Durch einen Informanten im Exekutivkomitee der Organisation, Sergei Degajew, der von dem Petersburger Inspektor Georgi Sudeikin angeworben worden war, gelang es der Ochrana (Geheimpolizei im Zarenreich), Druckereien und Bombenlabors sowie die gesamte Organisation zu zerschlagen. Viele Mitglieder wurden fĂŒr die Beteiligung am Attentat hingerichtet, verbannt oder starben wĂ€hrend langjĂ€hriger Festungshaft, darunter auch Wera Figner und Wladimir Lenins großer Bruder, Alexander Uljanow.

[17] dt. Das Rote Amtsblatt (Anm. d. Übers.)

[18] Alexander Iwanowitsch Herzen (1812-1870) war russischer Philosoph, Schriftsteller und Publizist, der als »Vater des russischen Sozialismus« bekannt wurde.

[19] Die Romanows waren ein russisches Zarengeschlecht der zweiten Dynastie.

[20] Die Kolokol (dt. Die Glocke) war die erste unzensierte russische Wochenzeitung. Sie erschien von 1857 bis 1867 in London und Genf und wurde von Alexander Herzen und Nikolai Ogarjow in russischer und französicher Sprache herausgegeben. Obwohl sie in Russland verboten war, hatte sie großen Einfluss auf die revolutionĂ€re Bewegung.

[21] John »Jack« Reed (1887-1920) war ein US-amerikanischer Journalist und 1919 BegrĂŒnder und Vorsitzender der ersten kommunistischen Partei der USA, der Kommunistischen Arbeiter*innenpartei, aus der – zusammen mit anderen revolutionĂ€r-sozialistischen Gruppierungen – nur wenig spĂ€ter die Kommunistische Partei der USA hervorging. Im September 1920 starb er in Moskau an Typhus.

[22] Am 25. September 1919 verĂŒbte die Gruppe Anarchistinnen im Untergrund (Anarkhisty Podpol’ia) gemeinsam mit einigen SozialrevolutionĂ€r*innen einen Bombenanschlag auf das Hauptquartier des Moskauer Komitees der Kommunistischen Partei Russlands in der Leontiewstraße, wĂ€hrend dort eine Sitzung stattfand, um sich fĂŒr die Verhaftung mehrerer Genoss*innen zu rĂ€chen. Dabei wurden 12 Personen getötet und 55 verletzt. Die Gruppe Anarchistinnen im Untergrund – eine Gruppe im Untergrund, die von Kasimir Kowalewitsch, einem Mitglied der Moskauer Bahnarbeiter*innenunion, und einem ukrainischen Anarchisten namens Petr Sobolew gegrĂŒndet worden war und der unter anderen auch Lew Tschorny angehört hatte –, euphorisch ĂŒber den Erfolg, rief daraufhin in der zweiten Ausgabe ihrer Zeitung Anarkhija vom 23. Oktober 1919 eine neue Ȁra des Dynamits« aus. Bereits in der ersten Ausgabe ihrer Zeitung, die wenige Tage nach dem Attentat erschien, am 29. September 1919, hatten sie die bolschewistische Diktatur als schlimmste Tyrannei der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Ihr Erfolg war jedoch nur von kurzer Dauer, denn es folgte eine massive Repressionswelle gegen Anarchist*innen im Allgemeinen, die auch die Mitglieder der Anarchist*innen im Untergrund traf. Dabei konnten sie nicht einmal auf den RĂŒckhalt anderer Anarchist*innen zĂ€hlen, die sich scharenweise von der Aktion distanzierten und lieber ihre uneingeschrĂ€nkte Treue zu der Partei bekundeten, die offen die Einrichtung einer Diktatur unter ihrer FĂŒhrung propagierte und die Anarchist*innen permanent verfolgte, einsperrte und hinrichtete. Sechs Personen aus der Gruppe sprengten sich in der von ihnen enteigneten Kraskow-Villa in die Luft, nachdem die beiden GrĂŒnder, Kowalewitsch und Sobolew, von der Tscheka erschossen worden waren. Viele andere Mitglieder wurden ebenfalls erschossen.

[23] Karl Radek (1885-1939) war ein Journalist und Politiker, der in Polen, Deutschland und der Sowjetunion wirkte. In den 1920er Jahren gehörte Radek als Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU (bis 1924) zur Opposition um Trotzki, wurde 1927 aus der Partei ausgeschlossen und nach Sibirien verbannt. Nach seiner RĂŒckkehr und seiner »Selbstkritik«, d. h. der willenlosen Unterwerfung unter die offizielle Linie der Partei 1929, war er als international geschĂ€tzter Journalist und KulturfunktionĂ€r tĂ€tig. 1934 gab ein Prawda-Artikel von Radek das Startsignal zum Personenkult um Stalin. Jedoch wurde der Stalinismus Radek zum VerhĂ€ngnis. 1937 wurde er als AnhĂ€nger Trotzkis im zweiten Moskauer Schauprozess angeklagt und im Februar 1937 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Radek wurde angeblich in seiner Haftzeit in einem sowjetischen Arbeitslager von MithĂ€ftlingen umgebracht, wahrscheinlich 1939.

[24] Adolf Abramowitsch Joffe (1883-1927) war ein russisch-sowjetischer RevolutionÀr und WeggefÀhrte Leo Trotzkis. 1905 nahm er in Russland an der Revolution teil. Nach ihrer Zerschlagung ging er nach Wien ins Exil, wo er Leo Trotzki kennenlernte. Ab 1912 wurde er in Russland erst nach Tobolsk verbannt und dann nach Sibirien. 1917 floh er aus Sibirien und wirkte an der Vorbereitung der Oktoberrevolution mit. Er hatte unterschiedliche Posten in der bolschewistischen Regierung inne und war insbesondere als Botschafter tÀtig. Als Trotzki aus der KPdSU ausgeschlossen wurde, beging Joffe aus SolidaritÀt Suizid.

[25] Die Duma war seit 1906 bis zur Revolution das Unterhaus, die 2. Parlamentskammer der Förderationsversammlung von Russland. Sie wurde direkt vom Volk gewÀhlt.

[26] Grigori Jewsejewitsch Sinowjew (1883-1936) war ein sowjetischer Politiker. Er war von 1921 bis 1926 Mitglied im PolitbĂŒro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. UrsprĂŒnglich ein enger WeggefĂ€hrte von Josef Stalin, wurde er im Zuge der stalinistischen SĂ€uberungen hingerichtet.

[27] Die Menschewiki (dt. wörtl. Minderheitler) waren eine Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Ihre parteiinternen Gegner waren die Bolschewiki (dt. wörtl. Mehrheitler). Die Menschewiki waren der Ansicht, dass nicht die Partei, sondern die Massen eine FĂŒhrungsrolle in der Revolution einnehmen mĂŒssten.

[28] Koltschak war ein ehemaliger General der russischen Marine und Monarchist. Er war ein erbitterter Gegner des Bolschewismus. Koltschak wurde am 07. Februar 1920 von den Bolschewiki hingerichtet und sein Leichnam in einem Eisloch in der Angara versenkt.

[29] Maxim Gorki (1868-1936) war ein russischer Schriftsteller. Er stellte sich öffentlich gegen das Zarenregime, was ihm mehrere GefĂ€ngnisstrafen einbrachte. 1905 verließ er Russland und kehrte 1913 erst zurĂŒck. Zeitweise war er eng mit Lenin und den Bolschewist*innen verbunden, kritisierte sie ab 1917 aber zunehmend. Aus Angst vor Repression und von Tuberkulose gezeichnet, verließ Gorki Russland im Oktober 1921. Durch Stalin ermutigt kehrte Gorki ab 1929 wiederholt in die Sowjetunion zurĂŒck und richtete sich ab 1932 defintiv wieder in der UdSSR ein. Er wurde Mitglied der sowjetischen Elite und unterstĂŒtzte die Propaganda des Regimes, das ihn ehrte, aber auch ĂŒberwachte. Er starb 1936 unter UmstĂ€nden, die jahrelang Verschwörungstheorien rund um seinen Tod befeuerten. Heute geht mensch aber davon aus, dass er eines natĂŒrlichen Todes starb.

[30] Demjan Bedny (1883-1945) war ein russicher Dichter. Nach der Oktoberrevolution verfasste Bedny politische Lieder und Gedichte, die ihn sehr populĂ€r machten. 1937 forderte er im Auftrag der stalinistischen StaatsfĂŒhrung in Gedichten die Erschießung von »Volksfeinden«. 1938 wurde er aus der KPdSU ausgeschlossen. WĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs schrieb Bedny antideutsche Fabeln und Spottgedichte, konnte seine frĂŒhere PopularitĂ€t jedoch nicht wiedererlangen.

[31] dt. etwa Berechtigungsschein (Anm. d. Übers.)

[32] BuchweizengrĂŒtze (Anm. d. Übers.)

[33] Ein russischer Wasserkocher zur Zubereitung von Tee (Anm. d. Übers.)

[34] Balabanoff ist die mĂ€nnliche Form von Balabanova (Anm. d. Übers.)

[35] Die Prawda (dt. Wahrheit) war eine der bedeutendsten Tageszeitungen nach 1917 in Russland. Sie wurde von Lenin im Exil gegrĂŒndet und wurde nach der Russischen Revolution zum Parteiorgan der Bolschewiki.

[36] Der Friedensvertrag von Bresk-Litowsk wurde wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs zwischen Sowjetrussland und den MittelmĂ€chten geschlossen. Der Vertrag beendete den Krieg fĂŒr Russland, enthielt aber einige Passagen zuungunsten Sowjetrusslands hinsichtlich der Gebiete der heutigen LĂ€nder Polen, Litauen und Teilen Lettlands (Kurland). Noch wĂ€hrend den Verhandlungen des Friedensvertrags verloren die Bolschewiki bei demokratischen Wahlen ihre Macht (25. November 1917). Durch die Auflösung des gewĂ€hlten Parlaments und der Einsetzung von RĂ€ten am 19. Januar 1918 sicherten sich die Bolschewiki ihre Macht jedoch wieder.

[37] Kh. Z. »Efim« Jartschuck (1882 oder 1886-1937) war einer der GrĂŒnder der Gruppe Chernoe Znamia (Das schwarze Banner) – der grĂ¶ĂŸten anarchistischen Terrororganisation im Zarenreich – in Bialystok vor der Revolution 1905. Nach der Niederschlagung der Revolution von 1905 wurde er fĂŒr fĂŒnf Jahre nach Sibirien verbannt und wanderte nach seiner Freilassung 1913 in die USA aus, wo er sich der Russischen Arbeiter*innenunion anschloss und Mitarbeiter ihrer Zeitung, Golos Truda (Die Stimme der Arbeit), wurde. Im FrĂŒhling 1917 kehrte er nach Russland zurĂŒck und ließ sich in Kronstadt nieder. Dort wurde er zum Sowjet des MarinestĂŒtzpunkts und spielte eine wichtige Rolle bei den Julitagen im Vorfeld der Oktoberrevolution. Ab November 1918 war er als Anarchosyndikalist in Moskau tĂ€tig, war SekretĂ€r und Schatzmeister eines ExekutivbĂŒros, das zur Aufgabe hatte eine »Allrussischen Konföderation der Anarchosyndikalist*innen« aufzubauen – ohne Erfolg – und gab die nicht sehr lange bestehende Volnyi Golos Truda (Die freie Stimme der Arbeit) – die Nachfolgezeitung der Golos Truda, nachdem diese verboten worden war – mit heraus. Er wurde sechsmal von den Bolschewiki verhaftet und saß wĂ€hrend des KronstĂ€dter Aufstandes im GefĂ€ngnis. 1921 war er Teil der gefangenen Anarchist*innen im Taganka-GefĂ€ngnis, die in einen elf Tage andauernden Hungerstreik traten und die im Januar 1922 nach der FĂŒrsprache internationaler Anarcho-Syndikalist*innen sowie Alexander Berkman und Emma Goldman abgeschoben wurden. Er ließ sich erst in Berlin nieder, wo er gemeinsam mit Maximoff und Schapiro ein Periodikum namens Rabochii Put (Der Weg der Arbeiter*innen) veröffentlichte, zog dann nach Paris, wo er Erfahrungsberichte unterschiedlicher Zeug*innen ĂŒber Kronstadt veröffentlichte. 1925 zog er nach Russland zurĂŒck und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei. Er wurde 1937 nach einem Schauprozess hingerichtet.

[38] Die russische konstituierende Versammlung war eine demokratisch gewĂ€hlte verfassungsgebende Körperschaft in Sowjetrussland nach der Oktoberrevolution von 1917. Sie bestand vom 18. Januar 1918 16 Uhr abends bis 19. Januar 1918 5 Uhr morgens fĂŒr 13 Stunden und wurde von der Regierung der Bolschewiki aufgelöst.

[39] Anatoli Schelesnjakow (1895-1919) war ein russischer Anarchist und RevolutionĂ€r. WĂ€hrend der Februarrevolution war er Matrose in Kronstadt. Als die wĂ€hrend der Februarrevolution besetzte Villa von P. P. Durnowo – dem Moskauer Gouverneur-General wĂ€hrend der Russischen Revolution von 1905 – in Petrograd, die in ein »Ruhehaus« verwandelt worden war, durch die provisorische Regierung und den Petrograder Sowjet von RĂ€umung bedroht war, eilten 50 Matros*innen aus Kronstadt – darunter Schelesnjakow – zur Verteidigung der Besetzung. Nachdem in der Villa mehreren Gefangenen, die aus dem GefĂ€ngnis im selben Viertel befreit worden waren, Unterschlupf gewĂ€hrt wurde, wurden wĂ€hrend einer Razzia der Villa auch Schelesnjakow verhaftet und zu vierzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Wenige Wochen spĂ€ter entkam er jedoch aus dem GefĂ€ngnis. Schelesnjakow, nun Kommandant der Taurischen Palastgarde, fĂŒhrte auf Befehl der neuen bolschewistischen Regierung wĂ€hrend der Oktoberrevolution 1918 die Truppe an, die die Konstituierende Versammlung nach einem Tag der Existenz auflöste. WĂ€hrend des Russischen BĂŒrger*innenkriegs fĂŒhrte er eine Flotille und einen Panzerzug der Roten Armee an. Er wehrte sich gegen die Reorganisierung der Roten Armee durch Trotzki, die die Selbstorganisierung abschaffte und wurde von den Bolschewiki zeitgleich mit den Schwarzen Garden und Machnos Schwarzer Armee zum Feind erklĂ€rt. SpĂ€ter durfte er doch wieder einen Panzerzug befehligen und wurde von der Artillerie Denikins am 26. Juli 1919 getötet.

[40] Wilhelm Maria Theodor Ernst Richard Graf von Mirbach-Harff (1871-1918) war ein deutscher Diplomat und Botschafter. Vom 16. Dezember 1917 bis zum 10. Februar 1918 stand er der deutschen Gesandtschaft in Petrograd vor, die nach Unterzeichnung des Waffenstillstands von Brest-Litowsk eingerichtet wurde. Vom 2. April 1918 bis zu seiner Ermordung war Wilhelm Graf von Mirbach-Harff Außerordentlicher Gesandter und BevollmĂ€chtigter Minister des Deutschen Reichs in Sowjetrussland.

[41] Trial and Speeches of Alexander Berkman and Emma Goldman before the Federal Court of New York, June-July 1917, Mother Earth Publishing Co., New York

[42] Alice Stone Blackwell (1857-1950) war eine US-amerikanische Feministin, Suffragistin, Journalistin, radikale Sozialistin und KĂ€mpferin fĂŒr Menschenrechte.

[43] Die Kommunistische Internationale (kurz Komintern, auch KI), auch Dritte Internationale genannt, war ein internationaler Zusammenschluss kommunistischer Parteien zu einer weltweiten gemeinsamen Organisation. Die GrĂŒndung erfolgte 1919 in Moskau auf Initiative Lenins, der die Zweite Internationale mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 fĂŒr tot erklĂ€rt hatte. Ab Mitte der 1920er Jahre wurde die Komintern im Zuge der sogenannten Bolschewisierung der kommunistischen Parteien weitgehend von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion dominiert und diente als Einflussinstrument auf kommunistische Parteien und Organisationen in anderen LĂ€ndern. Die Komintern gilt als eine der wichtigsten politischen Organisationen der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts. Ihr ursprĂŒngliches Ziel war eine proletarische Weltrevolution, die – basierend auf einzelnen nationalen Revolutionen – alle LĂ€nder der Erde ergreifen sollte. Dieses Ziel verlagerte sich jedoch im Verlauf der 1920er Jahre nach dem Scheitern des Deutschen Oktobers – war doch die Durchsetzung der Revolution in Deutschland anfangs als unabdingbare Voraussetzung fĂŒr den internationalen Erfolg angesehen worden – zu einer Interessenpolitik im Sinne des Stalinismus mit seiner Doktrin vom Sozialismus in einem Land, der Sowjetunion.

[44] Der Rotbannerorden (oder auch Rotbannerkampforden) war eine Auszeichnung, die erstmals im Spetember 1918 von der Regierung Sowjetrusslands gestiftet wurde und die spĂ€ter als Auszeichnung der UdSSR fortbestand. Mit dieser Auszeichnung wurden »militĂ€rische Heldentaten« gewĂŒrdigt.

[45] Die Industrial Workers of the World (IWW, deren Mitglieder oft auch als Wobblies bezeichnet werden) waren und sind immer noch eine weltweite Gewerkschaft. GegrĂŒndet auf einem Kongress am 27. Juni 1905 in Chicago von Delegierten verschiedener Einzelgewerkschaften, Sozialist*innen, Anarchist*innen und militanten ArbeiterfĂŒhrer*innen, organisierte sie insbesondere die von der traditionellen Arbeiter*innenbewegung vernachlĂ€ssigten gesellschaftlichen Gruppen. Eine StĂ€rke der IWW war die Organisation der Arbeiter*innen als Klasse anstatt in rivalisierenden Berufsgruppen. Des Weiteren sah die IWW direkte Aktionen stets als wichtiges, wenn auch nicht unumstrittenes Mittel im Arbeitskampf. Die Gewerkschaft spielte in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts eine einflussreiche bis maßgebliche Rolle bei zahlreichen spektakulĂ€ren Streiks. Zunehmende Repression wĂ€hrend und nach dem Ersten Weltkrieg sowie ein wachsender Einfluss der Kommunistischen Partei der USA ließen sie ab Mitte der 1920er nach mehreren Spaltungen zu einer Randerscheinung werden. Auf ihrem organisatorischen Höhepunkt 1923 hatte die IWW 100.000 Mitglieder, Ende der 1950er Jahre weniger als hundert.

[46] Wera Nikolajewna Figner (1852-1942) war eine russische RevolutionĂ€rin und VolkstĂŒmlerin (Narodniki). Sie war Tochter eines russischen Adligen. Sie war Teil der Organisation Narodnaja Wolja (Volkswille) und wurde wegen der Beteiligung an der Planung von Attentaten auf den Zaren Alexander II. von 1881 bis 1883 zum Tode verurteilt. Ihre Strafe wurde jedoch in lebenslange Haft umgewandelt und in den folgenden 20 Jahren in SchlĂŒsselburg vollstreckt. 1904 wurde sie entlassen. 1910 grĂŒndete sie in Paris ein Komitee zur UnterstĂŒtzung politischer Gefangener in Russland. Zum Beginn des Ersten Weltkrieges kehrte sie nach Russland zurĂŒck und wohnte erneut unter Polizeiaufsicht in Nischni Nowgorod, bevor sie im Dezember 1916 die Erlaubnis bekam, sich in Sankt Petersburg niederzulassen. Nach der Februarrevolution 1917 amnestiert, leitete sie das Komitee zur Hilfeleistung fĂŒr befreite StrĂ€flinge und Verbannte, das zwei Millionen Rubel an ca. 4000 Menschen verteilte. Sie war Mitglied der Konstituante, die am 19. Januar 1918 von den Bolschewiki aufgelöst wurde. WĂ€hrend des Russischen BĂŒrgerkrieges lebte Wera Figner bei Verwandten im Gouvernement Orjol. ZurĂŒckgekehrt nach Moskau, wurde sie 1921 Vorsitzende des Komitees zur Ehrung Kropotkins, das ein Museum in Kropotkins Geburtshaus einrichtete. Bis zu ihrem Tod 1942 reiste sie mehrmals nach Kasan, um soziale und kulturelle Einrichtungen zu unterstĂŒtzen.

[47] Sarra Naumowna »Olga« Rawitsch (1879-1957) war eine russische RevolutionĂ€rin. Rawitsch lebte ab 1907 im Schweizer Exil. 1908 wurde sie in MĂŒnchen im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Bank von Tiflis, organisiert von Josef Stalin, verhaftet. Ab 1914 war sie Mitarbeiterin Lenins. 1917 begleitete sie Lenin nach Russland. 1925 gehörte sie der Leningrader Opposition an. 1935 wurde sie aus der KPdSU ausgeschlossen und danach mehrfach verhaftet und in Gulag-Arbeitslagern inhaftiert. 1954 wurde sie, bereits schwer krank, freigelassen.

[48] Zu dt. »Steininsel«. Eine kleine Insel vor St. Petersburg (Petrograd). (Anm. d. Übers.)

[49] Eine adlige russische Familie. Die meisten Mitglieder der Familie bekleideten hohe Ämter im Staatsdienst des Zarenreichs. Die Familie besaß große LĂ€ndereien in ganz Russland.

[50] Ebenfalls eine noble Familie.

[51] Emma Goldman spricht hier wörtlich von »Behinderten« [defectives]. Da sich aus dem Kontext des Textes kein Grund ergibt, diese als diskriminierend empfundene Sprache in der Übersetzung zu reproduzieren, haben wir uns als Übersetzer*innen dagegen entschieden. Wir sind jedoch auch der Meinung, dass der Sprachgebrauch eines Textes nicht losgelöst von seinem Inhalt ist, daher haben wir uns dazu entschieden, unseren Eingriff transparent zu machen (Anm. d. Übers.).

[52] Coney Island war zu Emma Goldman’s Zeiten eine Insel vor Brooklyn. Coney Island war zuerst AmĂŒsier- und RĂŒckzugsort fĂŒr die Oberschicht und die reiche Mittelschicht (mit Pferderennbahnen und teuren Seehotels). Vom Seebad entwickelte sich die Insel mit der Öffnung fĂŒr weniger noble Menschen (aus der Mittelschicht) ab circa 1910 zur »Feierinsel« mit zwielichtigen Bars, drittklassigen Theatern, ShowbĂŒhnen und regelrechten Trinkmeilen. Zu der Zeit wurden dort auch die ersten FahrgeschĂ€fte errichtet.

[53] Alexander Fjodorowitsch Kerenski (1881-1970) war ein russischer Politiker und zeitweise Chef der Übergangsregierung zwischen Februar- und Oktoberrevolution im Jahr 1917. Er musste bei der MachtĂŒbernahme der Bolschewiki fliehen und lebte in Frankreich im Exil. Nach dem deutschen Einmarsch in Paris 1940 flĂŒchtete Kerenski in die Vereinigten Staaten, wo er auch starb.

[54] VĂ€terchen (Anm. d. Übers.)

[55] MĂŒtterchen (Anm. d. Übers.)

[56] Ethel Snowden, geborene Anakin (1881-1951) war eine britische sozialistische und feministische Politikerin. Ethel Snowden war christliche Sozialistin und Labourpolitikerin und ist vor allem bekannt als eine der fĂŒhrenden Persönlichkeiten in der Bewegung fĂŒr das Frauenwahlrecht in Großbritannien. Sie engagierte sich auch in der Abstinenzbewegung und in der Friedensbewegung wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs. In ihrem Buch »Through Bolshevik Russia« von 1920 Ă€ußerte sie sich sehr kritisch zur politischen Entwicklung in Russland nach der MachtĂŒbernahme der Bolschewiki, weshalb es in der damaligen britischen Linken sehr umstritten war.

[57] Bertrand Russell (1872-1970) war ein britischer Philosoph, Mathematiker und Logiker, Atheist und Rationalist. Als weltweit bekannter Aktivist fĂŒr Frieden und AbrĂŒstung war er eine Leitfigur des Pazifismus, auch wenn er selbst kein strikter Pazifist war. Russell kehrte von seiner Reise in die Sowjetunion desillusioniert zurĂŒck und Ă€ußerte sich Ă€ußerst negativ ĂŒber den russischen Sozialismus. So schrieb er in einem Brief: „Bis zum einfachsten Bauern herunter sind sie ein Volk von KĂŒnstlern; die Bolschewiken haben sich zum Ziel gesetzt, sie so weit wie möglich zu industrialisieren und zu Yankees zu machen.“ Russell, der zuvor mit dem Sozialismus sympathisiert hatte, war fortan ein ausgesprochener Gegner des Kommunismus. SpĂ€ter grĂŒndete er zusammmen mit seiner Frau Dora Black die libertĂ€re experimentelle Beacon Hill School.

[58] Der militÀrische Dienstgrad des Hetman bezeichnet den zweithöchsten Offizier nach dem König.

[59] Matwij Oleksandrowitsch Hryhorjew, bekannt als Nikifor Grigorjew (1884-1919) war zuerst ein Offizier der kaiserlich-russischen Armee. Nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk tat er seinen Dienst zuerst in der neu gegrĂŒndeten Ukrainischen Armee, stellte jedoch ab Dezember 1918 eine Partisanenarmee auf, um gegen die von den MittelmĂ€chten beeinflusste Regierung und die von der Entente geschickte Truppen vorzugehen. Er ist dafĂŒr bekannt, wĂ€hrend des ukrainischen BĂŒrgerkriegs mehrmals die Seiten gewechselt zu haben. Ab 1919 fĂŒhrte er dann eine anarchistische Bauernarmee in der Ukraine an und arbeitete mit Nestor Machno zusammen. Dies ging jedoch nicht lange gut und schließlich wurde Grigorjew von Machnos MĂ€nnern getötet.

[60] Werst ist eine Maßeinheit fĂŒr die LĂ€nge, die im russischen Reich (1721-1917) verbreitet war. 1 Werst entspricht etwa 1.068,7 Meter.

[61] Gelbe Ausweise (yellow tickets) waren wĂ€hrend des Zaren-Regimes persönliche Identifikationsdokumente fĂŒr Prostituierte. Prostituierte mussten ihren richtigen Personalausweis und die Aufenthaltserlaubnis im örtlichen Polizeirevier hinterlegen und erhielten stattdessen einen »gelben Ausweis«. Der enthielt neben Informationen zur IdentitĂ€t einer Person eine Aufenthaltserlaubnis, eine Lizenz, die das AusĂŒben von Prostitution erlaubte und eine medizinische Untersuchungskarte, die dazu verpflichtete, sich regelmĂ€ĂŸig einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen. Die Bezeichnungen Zhyolty bilet (»gelbe Karte«) und zheltobiletnitsa (»Inhaber*in einer gelben Karte«) sind im Russischen Euphemismen fĂŒr Prostitution und Protistuierte geworden.

[62] Molly Stimer, auch bekannt als Mollie Steimer, eigentlich Marthe Alperine (1897-1980), war eine russische Anarchistin und Autorin. Nachdem ihre Familie 1913 in die USA emigriert war, wurde sie 1918 zu fĂŒnfzehn Jahren Haft verurteilt, weil sie Antikriegs-FlugblĂ€tter verteilt hatte, 1921 wurde sie dann nach Russland deportiert. Dort grĂŒndete Mollie Steimer mit Senja Fleschin, der ihr lebenslanger Partner wurde, eine Organisation zur UnterstĂŒtzung anarchistischer Gefangener in Russland, war Mitglied der Nabat und arbeitet mit Volin zusammen. Am 01. November 1922 wurde sie zusammen mit Fleschin wegen der »UnterstĂŒtzung krimineller Elemente« verhaftet. Auf Druck von Emma Goldman und anderen Anarchist*innen wurden Mollie Steimer und Senja Fleschin 1923 von den Bolschewiki nach Deutschland abgeschoben. Sie wohnten anschließend abwechselnd in Paris und Berlin und Stimer steuerte viele Artikel zu anarchistischen Zeitungen bei. In spĂ€teren Jahren wohnte sie mit Fleschin in Mexiko City, wo sie ein Fotoatelier betrieben. Steimer starb 1980 an einem Herzinfarkt.

[63] Zu deutsch etwa »Kinderlaufsteg« (Anm. d. Übers.)

[64] Als Dekabrist*innen werden die Teilnehmer*innen an dem Offiziersaufstand fĂŒr eine konstitutionelle Verfassung in Russland im Jahre 1825 bezeichnet.

[65] Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski (1828-1889) war ein russischer Schriftsteller, Publizist, Literaturkritiker und RevolutionĂ€r. In der Zeit von 1853 bis 1862 lebte Tschernyschewski in Sankt Petersburg. Er war Mitarbeiter unabhĂ€ngiger Zeitschriften und Autor. Er kritisierte die UnterdrĂŒckung der Menschen im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts ebenso wie die kleinbĂŒrgerliche Einstellung seiner Zeitgenossen. 1862 wurde Tschernyschewski aus politischen GrĂŒnden verhaftet. Im GefĂ€ngnis schrieb er 1863 den Roman »Was tun?«, in dem er der Frage nachgeht, wie idealistische Menschen die Welt im Kleinen verĂ€ndern können. Dieser Roman war fĂŒr die junge Emma Goldman prĂ€gend gewesen und legte den Grundstein fĂŒr ihre eigenen anarchistischen Ideen und ihre unabhĂ€ngige Einstellung. 1864 wurde Tschernyschewski zunĂ€chst zu einer Scheinhinrichtung (eine Foltermethode, bei der das Opfer in dem Glauben gelassen wird, dass es hingerichtet wird, die entsprechende Prozedur jedoch kurz vor der eigentlichen Hinrichtung abgebrochen wird) und anschließend zur Verbannung nach Sibirien (ab 1872 in Wiljuisk) verurteilt, das er erst 1883 wieder verlassen durfte. 1889 starb er in seiner Geburtsstadt Saratow.

[66] Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) war russischer Schriftsteller. Dostojewski schrieb elf Romane, zahlreiche Novellen und ErzĂ€hlungen und ein umfangreiches Korpus an nichtfiktionalen Texten. Das literarische Werk beschreibt die politischen, sozialen und spirituellen VerhĂ€ltnisse zur Zeit des Russischen Kaiserreiches, das sich im 19. Jahrhundert fundamental im Umbruch befand. In der zweiten HĂ€lfte der 1840er Jahre stand Dostojewski dem FrĂŒhsozialismus nahe und nahm an Treffen des revolutionĂ€ren Petraschewski-Zirkels teil. Dies fĂŒhrte 1849 zu seiner Festnahme, Verurteilung zunĂ€chst zum Tode und dann – nach Umwandlung der Strafe – zu Haft und anschließendem MilitĂ€rdienst in Sibirien. Nach der Entlassung 1859 begann er zunĂ€chst mit kleineren Arbeiten und dann mit den »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus« seine Reputation als Schriftsteller wiederherzustellen.

[67] Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814-1876) war ein russischer RevolutionĂ€r und Anarchist. Bakunin entstammte einer alten russischen Adelsfamilie, war Artillerieoffizier und Mathematiklehrer. Durch seinen Aufenthalt in Westeuropa mit vielen revolutionĂ€ren Persönlichkeiten bekannt, nahm er 1848 an den Erhebungen in Paris und Prag sowie 1849 an fĂŒhrender Stelle in Dresden teil. Nach der Niederschlagung des Dresdner Maiaufstands wurde Bakunin festgenommen und interniert. Er verbrachte acht Jahre in GefĂ€ngnissen und weitere vier Jahre in sibirischer Verbannung, bis ihm die Flucht gelang. Seine darauf folgenden revolutionĂ€ren AktivitĂ€ten konzentrierte er im Wesentlichen auf das zu seiner Zeit dreigeteilte Polen und das neugegrĂŒndete Italien. Bakunin entwickelte die Idee des kollektivistischen Anarchismus. In der Internationalen Arbeiterassoziation war Bakunin die Hauptfigur der AntiautoritĂ€ren und mit Generalratsmitglied Karl Marx im Konflikt, was zur Spaltung der Internationale fĂŒhrte und gleichzeitig zur Trennung der anarchistischen von der kommunistischen Bewegung und der Sozialdemokratie.

[68] Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842-1921) war ein russischer Anarchist, Geograph und Schriftsteller undstammte aus einer aristokratischen Familie. Nach dem Tod seiners Vaters 1872 bereiste Kropotkin Westeuropa, schloss sich der libertĂ€ren Juraföderation in NeuschĂątel an und bekannte sich zum Anarchismus. Nach seiner RĂŒckkehr nach Russland schloss er sich dem Tschaikowski-Kreis an, der viele progressive Mitglieder verband, die sich spĂ€ter auch der radikaleren Narodnaja Wolja anschlossen. Kropotkin wurde 1874 deswegen verhaftet. Die Festnahme Kropotkins sorgte in der Öffentlichkeit fĂŒr großes Aufsehen, da sich mit Kropotkin erstmals auch ein ranghoher Adliger und persönlicher Bediensteter des Zaren an der antizaristischen Bewegung beteiligt hatte. Kropotkin wurde in der Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg festgehalten. Da er aufgrund der schlechten Haftbedingungen lebensgefĂ€hrlich erkrankte, wurde er zur Erholung in ein kleineres GefĂ€ngnis beim St. Petersburger MilitĂ€rspital gebracht, wo ihm ein spektakulĂ€rer Ausbruch aus dem GefĂ€ngnis gelang. Kropotkin engagierte sich daraufhin in Großbritannien, der Schweiz und in Frankreich in der anarchistischen Bewegung. 1882 wurde Kropotkin in Frankreich fĂŒr seine Mitgliedschaft in der Internationale zu fĂŒnf Jahren Haft verurteilt. 1886 wurde er auf Druck der Öffentlichkeit vorzeitig entlassen. Nach seiner Entlassung ließ er sich fĂŒr lĂ€ngere Zeit in London nieder. Ab 1887 konzentrierte Kropotkin sich auf das Schreiben von Artikeln fĂŒr anarchistische Zeitschriften und Vortragsreisen ĂŒber den Anarchismus. Im Juni 1917 kehrte Kropotkin nach der Februarrevolution nach Russland zurĂŒck. Nach der Machtergreifung der Bolschewiki blieb er aufgrund seiner PopularitĂ€t verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig unbehelligt, musste aber dennoch diverse Razzien und Schikanen ĂŒber sich ergehen lassen. 1921 starb er an einer LungenentzĂŒndung. Er hinterließ viele Schriften, darunter die revolutionĂ€re Schrift »Die Eroberung des Brotes« und sein wissenschaftliches Werk »Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt«.

[69] Golgota ist der Ort (ein Berg), an dem dem Neuen Testament zufolge der im christlichen Glauben als »Gottes Sohn« verehrte Jesus gekreuzigt worden sein soll. Übersetzt bedeutet Golgota soviel wie »Ort des SchĂ€dels«.

[70] Sergei Gennadijewitsch Netschajew (1847-1882) war ein russischer RevolutionĂ€r, der der nihilistischen Bewegung nahestand. 1868–1869 leitete Netschajew, damals Lehrer an einer Kirchspielsschule in St. Petersburg, wĂ€hrend der Studentenunruhen eine radikale Studentengruppe. Im Januar 1869 flĂŒchtete er nach Genf und schloss enge Freundschaft mit Michail Bakunin und Nikolai Ogarjow. Er verfasste dort sein Programm, den »RevolutionĂ€ren Katechismus«, in dem er seine autoritĂ€ren Vorstellungen ĂŒber den »BerufsrevolutionĂ€r« darlegte. Dabei sollte dieser sich vollkommen dem Ziel der Revolution unterordnen und nur fĂŒr dieses Ziel leben. Er forderte eiserne Disziplin und vollkommene Selbstaufgabe. Dabei waren ihm jedes Mittel zur Erreichung der Revolution recht. Er war »weniger ein aufrechter Anarchist als ein Apostel der revolutionĂ€ren Diktatur, mehr interessiert an den Mitteln der Verschwörung und des Terrors als mit dem erhabenen Ziel einer staatslosen Gesellschaft.« (Avrich: »Russian Anarchists«). Er liebte Intrigen und schuf einen ganzen Kult um seine Figur, insbesondere als er im August 1869 nach Russland zurĂŒckkehrte und dort die Geheimorganisation Narodnaja Rasprawa (»Volksvergeltung«) grĂŒndete. Als Iwan Iwanowitsch Iwanow, ein Mitglied der Gruppe, aufgrund von Meinungsverschiedenheiten die Gruppe verließ und ein Verrat seinerseits befĂŒrchtet wurde, wurde er von Netschajew und seiner Gruppe verprĂŒgelt und erschossen. Bald darauf wurde die Gesellschaft entdeckt und siebenundachtzig Personen vor Gericht gestellt. Netschajew selbst gelang 1870 die Flucht nach ZĂŒrich und schrieb eine Zeit lang fĂŒr die Zeitung Kolokol. Doch als er begann, private Schriften und Briefe von Bakunin und anderen Exilanten zu stehlen, um diese, falls nötig, zu erpressen und in Bakunins Namen eine Morddrohung an dessen Verleger sendete, distanzierten sich Bakunin und viele andere von Netschajew. Inzwischen wurde von Russland die Auslieferung gefordert und die schweizerische Polizei nahm die Fahndung auf. 1872 wurde er an die Polizei in ZĂŒrich verraten, anschließend festgenommen und an Russland ausgeliefert. Er wurde wegen Mordes zu einundzwanzig Jahren Haft verurteilt. 1882 starb Sergei Netschajew in der Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg an Wassersucht. Er wird oft als »Bolschewik vor den Bolschewiki« bezeichnet und seine Ideen haben Wladimir Lenin stark beeinflusst, der ihn als »Titan der Revolution« bezeichnete. Unter Stalin wurde Netschajew rehabilitiert.

[71] German Alexandrowitsch Lopatin (1845-1918) war ein russischer RevolutionĂ€r, Journalist und Schriftsteller. Er war einer der ersten russischen RevolutionĂ€re, der sich intensiv mit den Schriften von Marx und Engels auseinandersetzte. Er war Teil der Internationale und mit Marx und Engels befreundet. Beim Versuch, den revolutionĂ€ren Schriftsteller Tschernyschewski aus der sibirischen Verbannung zu befreien, wurde Lopatin 1870 selbst festgenommen. 1873 entkam er aus Sibirien und kehrte nach Westeuropa zurĂŒck. 1879 reiste er erneut heimlich nach Russland, um an der Arbeit revolutionĂ€rer Geheimorganisationen (erst »Land und Freiheit«, spĂ€ter »Der Volkswille«) teilzunehmen. Er wurde jedoch wieder verhaftet und floh 1883 ein weiteres Mal aus Sibirien. Als er 1884 erneut heimlich nach Russland reiste, wurde er erneut festgenommen und zu lebenslĂ€nglicher Haft in der Festung SchlĂŒsselburg verurteilt. Lopatin wurde bei der fehlgeschlagenen Russischen Revolution von 1905 befreit. Aufgrund seiner durch die Haft ruinierten Gesundheit zog er sich zurĂŒck und ließ sich in Vilno nieder. 1913 kehrte er nach St. Petersburg zurĂŒck. Er begrĂŒĂŸte die Februarrevolution 1917 enthusiastisch, sprach sich aber gegen die Oktoberrevolution aus. 1918 starb Lopatin an Krebs.

[72] Alexander Iljitsch Uljanow (1866-1887) war ein russischer RevolutionĂ€r, der dem terroristischen FlĂŒgel der Narodniki angehörte. Er war der Ă€ltere Bruder Lenins. Alexander Uljanow stammte aus einer Familie niederen Adels. 1883 schrieb sich Alexander an der St. Petersburger UniversitĂ€t ein und studierte Biologie. Gemeinsam mit weiteren Student*innen war er Teil der terroristischen Fraktion der Narodnaja Wolja, die nach dem erfolgreichen Attentat auf den russischen Zaren Alexander II. im MĂ€rz 1881 auch die Ermordung seines Nachfolgers Alexander III. plante. Als Uljanow mit seinen Genoss*innen die Fahrtroute des Zaren zur St. Petersburger Kathedrale erkundete, wurden sie durch Zufall von der Petersburger Polizei entdeckt. Uljanow wurde in der Peter-und-Paul-Festung gefangen gehalten und wurde 1887 wegen der Beteiligung am fehlgeschlagenen Attentat zum Tode verurteit und in der Festung SchlĂŒsselburg gehĂ€ngt.

[73] Iwan Platonowitsch Kaljajew (1877-1905) war ein russischer Dichter, Terrorist und Mitglied der SozialrevolutionĂ€re. Kaljajew war 1904 am Attentat auf den Innenminister Wjatscheslaw von Plehwe beteiligt. 1905 verĂŒbte er ein Attentat auf den GroßfĂŒrsten Sergei Alexandrowitsch Romanow und wurde dafĂŒr in SchlĂŒsselburg hingerichtet.

[74] Stepan Balmaschew (1881-1902) war Mitglied der SozialrevolutionĂ€ren Partei und russischer Terrorist. 1902 ermordete er den zaristischen Innenminister Dimitri Sitiagin und wurde dafĂŒr in SchlĂŒsselburg gehĂ€ngt.

[75] »Frankensteins Monster«, das hier vermutlich mit der Bezeichnung »Frankenstein« gemeint ist, ist eine Figur aus dem Roman »Frankenstein« von Mary Shelley. Der Wissenschaftler Frankenstein erschafft, getrieben von dem Wunsch, kĂŒnstlich Leben zu schaffen, einen Menschen, den er – und auch alle anderen Menschen, denen dieser begegnet – als Ă€ußerst hĂ€sslich und furchterregend empfindet. Aufgrund der Ablehnung, die der kĂŒnstlich geschaffene Mensch von seinem Schöpfer und anderen Menschen erfĂ€hrt, ermordet er aus Rache mehrere Menschen im Umfeld seines Schöpfers.

[76] Wiktor Michailowitsch Tschernow (7173-1952) war 1902 GrĂŒnder der Partei der SozialrevolutionĂ€re. Nach der Februarrevolution 1917 wurde er Landwirtschaftsminister in der Provisorischen Regierung. Nach der Oktoberrevolution stellte er sich als fĂŒhrender Kopf gegen die Bolschewiki. 1920 emigrierte er ins Ausland, von wo er weiterhin gegen die Bolschwiki auftrat.

[77] Fjodor Iljitsch Dan (1871-1947) war ein russischer Arzt und fĂŒhrender Menschewik. Nach der Februarrevolution 1917 war er Mitglied des Petrograder Sowjets, nach der Oktoberrevolution kĂ€mpfte er gegen die Regierung der Bolschewiki. 1921 wurd er verhaftet und 1922 aus der Sowjetunion ausgewiesen. Danach lebte er in Berlin, Paris und New York.

[78] Maria Alexandrowna Spiridonowa (1884-1941) war eine russische SozialrevolutionĂ€rin und Politikerin aus der Partei der SozialrevolutionĂ€re. 1906 verĂŒbte sie am Bahnhof von Borissoglebsk ein Attentat auf den Vizegouverneur von Tambow, Gawriil Nikolajewitsch Luschenowski. Sie wurde fĂŒr diese Tat zum Tode verurteilt. Wegen ihrer schlechten Gesundheit wurde die Strafe jedoch in eine Zuchthausstrafe umgewandelt, die sie in Sibirien verbĂŒĂŸen musste. Im Zuge einer Generalamnestie nach der Februarrevolution 1917 wurde sie freigelassen. Anfangs war Spiridonowa fĂŒr eine Zusammenarbeit mit den Bolschewiki, im Juli 1918 jedoch leitete sie den Aufstand der Linken SozialrevolutionĂ€re gegen die Bolschewiki. 1919 wurde sie verhaftet, brach jedoch aus dem GefĂ€ngnis aus, lebte fĂŒr kurze Zeit frei in KlandestinitĂ€t (in dieser Zeitspanne traf sie auch Emma Goldman), und wurde im Oktober 1920 erneut verhaftet, wegen »Wahnsinns« verurteilt und in eine Psychiatrie gesperrt. 1923 scheiterte ein Fluchtversuch und sie wurde fĂŒr drei Jahre ins Exil nach Kaluga geschickt. 1931 wurde sie erneut fĂŒr insgesamt fĂŒnf Jahre ins Exil nach Ufa geschickt. 1937 wurde sie erneut verhaftet und zu fĂŒnfundzwanzig Jahren Haft verurteilt. 1941 wurde sie im GefĂ€ngnis in Orjol erschossen.

[79] Der ursprĂŒnglich anders verwendete Begriff Junker wurde im 19. Jahrhundert zunĂ€chst zu einem Kampfbegriff der Liberalen und spĂ€ter der Sozialisten, um eine starke Bastion ihrer konservativen und reaktionĂ€ren Gegner – den ostelbischen Landadel – zu bezeichnen. Die pejorative Bezeichnung Junker setzte sich spĂ€testens seit dem Junkerparlament im liberalen politischen Sprachgebrauch fest. Die Junker besaßen insbesondere im 19. und noch in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts im östlich der Elbe gelegenen Kerngebiet Preußens eine bedeutende politisch-ökonomische Machtstellung. Der Landadel galt als sehr konservativ, militaristisch und antiliberal. Er war die reaktionĂ€re StĂŒtze der Monarchie der Hohenzollern und des preußischen Staats- und MilitĂ€rwesens.

[80] Graf Wilhelm von Mirbach fĂŒhrte die Verhandlungen ĂŒber den Waffenstillstand von Brest und war spĂ€ter Botschafter des deutschen Reichs in Sowjetrussland. Mirbach wurde am 6. Juli 1918 von Jakow Bljumkin und Nikolai Andrejew, zwei linken SozialrevolutionĂ€ren, in der deutschen Botschaft in Moskau erschossen.

[81] Die Demokratische Fernöstliche Republik, kurz zumeist nur Fernöstliche Republik, war eine zwischen dem 6. April 1920 und dem 15. November 1922 bestehende sozialistische Sowjetrepublik in Russisch-Fernost und in SĂŒd- und Ostsibirien. Sie war zwar nominell unabhĂ€ngig, wurde aber faktisch grĂ¶ĂŸtenteils von Sowjetrussland kontrolliert. Sie war von Sowjetrussland als Pufferstaat gegrĂŒndet worden, um einen direkten Krieg mit Japan zu verhindern.

[82] Ein russischer Wasserkocher zur Zubereitung von Tee (Anm. d. Übers.)

[83] Die Tolstoianer waren AnhĂ€nger einer um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert verbreiteten Form des christlichen Anarchismus und Pazifismus. Inspiriert waren sie von den Werken Leo Tolstois. Der vor allem als Schriftsteller berĂŒhmte Tolstoi war christlicher Anarchist und kĂŒmmerte sich insbesondere um die Einrichtung von Dorfschulen und um die Reformierung der PĂ€dagogik. Seine Theorien hatten viel Einfluss auf die spĂ€teren Freien Schulen wie Summerhill.

[84] Das Landgut Jasnaja Poljana (dt. »Helle Lichtung«) war der Geburts- und Wohnort von Leo Tolstoi.

[85] Fanja Baron (1887-1921), geborene Greck in Vilnius zog in die Vereinigten Staaten, wo sie eine Beziehung mit dem BĂ€cker Aron Baron (alias Kantorowitsch) anfing. Fanya war in der anarchistischen Bewegung in Chicago und bei den Industrial Workers of the World (I.W.W.) aktiv. Sie war an den Hungerdemonstrationen von 1915 beteiligt und wurde von einem Bullen bewusstlos geschlagen. Sie und fĂŒnf andere russische Frauen und fĂŒnfzehn MĂ€nner wurden verhaftet. Sie kehrte 1917 mit Aron und Boris Jelenskij nach Russland zurĂŒck. Zwischen 1919 und 1920 war sie bei der Nabat in der Ukraine aktiv. Sie wurde zusammen mit vielen anderen Anarchist*innen bei einer Konferenz in Charkiw am 25. November 1920 von der Tscheka verhaftet.

Ab dem FrĂŒhjahr 1921 war sie im GefĂ€ngnis von Rjasan. Sie entkam von dort mithilfe der Anarchist*innen im Untergrund am 10. Juli 1921, mit neun anderen Anarchist*innen. Sie wollte Aron helfen, aus dem GefĂ€ngnis in Moskau zu fliehen und suchte Zuflucht bei Arons Bruder, Semion, einem Mitglied der bolschewistischen Partei. Am 17. August wurde sie in seiner Wohnung von der Tscheka verhaftet. Semion wurde auf der Stelle hingerichtet. Fanya wurde am 29. September 1921 auf direkten Befehl von Lenin von der Tscheka erschossen, nachdem man sie der »Komplizenschaft antisowjetischer Verbrechen« fĂŒr schuldig befunden hatte. Gleichzeitig ermordet wurde der Dichter Lew Tschorny mit neun weiteren Anarchist*innen. Ihr Tod wurde zum Symbol der UnterdrĂŒckung gegen den russischen Anarchismus. Aron starb 1937 in den Arbeitslagern.

[86] Auch bekannt als Senya Fleshin (Anm. d. Übers.).

[87] Senja Fleschin (1894-1981) war ein anarchistischer RevolutionĂ€r und Fotograf. Er wurde in Kiew geboren. Mit 16 Jahren emigrierte er mit seiner Familie in die USA. Er arbeitete mit Emma Goldman fĂŒr die »Mother Earth«. 1917 kehrte er nach Russland zurĂŒck. Als Fleschin einen kritischen Artikel ĂŒber die Bolschewiki schrieb, wurde er inhaftiert. Nach seiner Entlassung grĂŒndete er mit Molly Steimer zusammen eine »Hilfsgesellschaft fĂŒr anarchistische Gefangene«. 1922 wurden beide wegen der »Hilfe von kriminellen Elementen« verhaftet und zu zwei Jahren in einem sibirischen Arbeitslager verurteilt. Durch die ErklĂ€rung eines Hungerstreiks kamen sie allerdings frei, wurden jedoch kurze Zeit spĂ€ter, Ende 1923, wieder verhaftet. Ein erneuter Hungerstreik sowie der Protest auslĂ€ndischer Anarchosyndikalist*innen einschließlich Emma Goldman fĂŒhrte dazu, dass sie entlassen, dafĂŒr allerdings aus dem Land ausgewiesen wurden. Sie ließen sich in Berlin nieder und eröffneten ein Fotostudio. Nach der Machtergreifung Hitlers flohen sie nach Paris. Steimer wurde 1940 verhaftet und in ein Kriegsgefangenenlager gesteckt. Nach sieben Wochen schaffte sie es mit der Hilfe französischer Anarchist*innen zu entkommen. Steimer und Fleschin flohen daraufhin nach Mexiko und ließen sich dort nieder und betrieben wieder ein Fotostudio. Senja Fleschin starb in Mexico City in hohem Alter.

[88] Von Emma Goldmann in den Jahren von 1906 bis 1917 herausgegebene Zeitschrift (Anm. d. Übers.).

[89] Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, die Ă€lteste, grĂ¶ĂŸte und bevölkerungsreichste Unionsrepublik der Sowjetunion (UdSSR).

[90] Auch bekannt als »Yussuf, der Emigrant« (Anm. d. Übers.).

[91] Ein Roman von Emile Zola. Der Roman erzĂ€hlt die Geschichte eines Bergarbeiter*innenstreiks, angestiftet und angefĂŒhrt vom Sozialisten Etienne Lantier. Der Streik scheitert, jedoch sprengt der Anarchist Suwarin just am Tag der Arbeitswiederaufnahme einen Schacht, der um die zwanzig Arbeiter*innen verschĂŒttet, unter ihnen auch den Protagonisten Etienne Lantier. Er wird als Einziger lebend geborgen und verlĂ€sst die Mine, weiterhin von seinen sozialistischen Idealen beseelt.

[92] Das Donezbecken ist ein an der russisch-ukrainischen Grenze gelegenes Gebiet mit einem großen Steinkohlevorkommen. Vermutlich mussten dorthin verschleppte Arbeiter*innen dort in den Minen arbeiten.

[93] Pawel Dybenko (1889-1938) war ein russischer RevolutionÀr, sowjetischer Marineoffizier und Mitglied der ersten Sowjetregierung im Rat der Volkskommissare. In den spÀten 1930er Jahren fiel Dybenko als angeblicher AnhÀnger von Trotzki bei Stalin in Ungnade. 1938 wurde er verhaftet, in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.

[94] Alexandra Michailowna Kollontai (1872-1952) war eine russische RevolutionĂ€rin, Diplomatin und Schriftstellerin. Sie war die erste Ministerin und Botschafterin der jĂŒngeren Geschichte. Kollontai setzte sozialreformerische Ideen in ihrer Zeit als Volkskommissarin um und engagierte sich fĂŒr eine stĂ€rkere Bedeutung der Frau in der russischen Gesellschaft. Sie kritisierte wiederholt die FĂŒhrer Lenin und Stalin, dennoch blieb sie das einzige Mitglied des ZK der KPdSU des Jahres 1927, das die von Stalin initiierte große SĂ€uberung ĂŒberlebte.

[95] Ca. 107 km.

[96] Stenka Rasin (um 1630-1671) war ein Ataman der Donkosaken. Nachdem in seiner Jugend sein Ă€lterer Bruder als Deserteur gehenkt worden war, schwor Stenka Rache und grĂŒndete eine RĂ€uberbande mit entflohenen Leibeigenen, die er anfĂŒhrte. Er wurde Pirat und befehligte bald eine Flotte von mehr als 30 eroberten Handelsschiffen. 1670 eroberte er mit seinen zum Heer angewachsenen AnhĂ€nger*innen weite Teile SĂŒdrusslands. Nachdem sich jedoch die Niederlagen hĂ€uften, zerstreute sich Rasins Armee und Rasin wurde von seinen eigenen Leuten festgenommen und spĂ€ter durch Vierteilung hingerichtet.

[97] Sofia Korolenko (1886-1957) arbeitete fĂŒr mehrere Jahre als Lehrerin in lĂ€ndlichen Gegenden, wurde 1905 persönliche SekretĂ€rin ihres Vaters und war 1914 Mitherausgeberin einer Gesamtausgabe des Werkes ihres Vaters. Nach dem Tod ihres Vaters 1921 initiierte Sofia die GrĂŒndung des Korolenko-Museums in Poltawa, dem sie lange Jahre vorstand.

[98] Wladimir Korolenko (1853-1921) war ein russischer Schriftsteller, Journalist, Humanist und Menschenrechtsaktivist polnisch-ukrainischer Herkunft. Korolenko war ein scharfer Kritiker des Zarenreiches und in seinen letzten Lebensjahren der Bolschwiki.

[99] Nach jĂŒdischem Speisegesetz nicht zum Verzehr geeignetes Fleisch oder Fisch (Anm. d. Übers.).

[100] Die balalaika ist eine russische Laute (Anm. d. Übers.).

[101] Die Westukrainische Volksrepublik war ein von Ende 1918 bis Mai 1919 nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns fĂŒr kurze Zeit existierender Staat auf dem Gebiet Ostgaliziens, der Nord-Bukowina und Transkarpatiens. Die Westukrainische Volksrepublik war zwar unter dem Eindruck der Oktoberrevolution der russischen Bolschewiki 1917 entstanden, befand sich aber unter dem Einfluss der Zentralna Rada (ukrainisch fĂŒr »Zentralrat«), einer bĂŒrgerlichen Koalition aus SozialrevolutionĂ€ren, Menschewiki, Sozial-Föderalisten und anderen, und stand in Opposition zu den Bolschewiki.

[102] Die Jewkom war ein Kommissariat, das damit beauftragt war, die Diktatur des Proletariats in den jĂŒdischen Gemeinwesen herzustellen. Dazu gehörte beispielsweise, den Übergang des jĂŒdischen KleinbĂŒrgertums zu produktiven TĂ€tigkeiten in Industrie und Landwirtschaft zu begĂŒnstigen.

[103] Symon Wassyljowytsch Petljura war ein ukrainischer Politiker, Journalist, Literat und Publizist und von 1919 bis 1920 PrÀsident der Ukrainischen Volksrepublik.

[104] Galina (Agafja) Andrejewna Kusmenko (1892-1978) war die dritte Ehefrau von Nestor Machno. 1916 wurde sie Lehrerin und unterrichtete die ukrainische Sprache und Literatur in Gulyai-Pol. Sie wurde als Anarchistin und ukrainische Patriotin bekannt. Anfang 1919 heiratete sie Nestor Machno. Ihr lagen insbesondere die Rechte der Frauen und ihre Bildung am Herzen. Ab September 1919 beschĂ€ftigte sie sich mit der EinfĂŒhrung von Reformen in der Schulbildung. Sie stellte sich an die Spitze einer Schulsektion, die als Teil der Abteilung fĂŒr Kultur und Bildung des Rebellenrates fĂŒr die Kriegs- und Revolutionsangelegenheiten gegrĂŒndet wurde. Sie beteiligte sich aktiv an den meisten FeldzĂŒgen der Machnowtschina, hatte einen großen Einfluss auf die Entscheidungen von Machno und seinem Stab. Sie war Mitglied der Kommission fĂŒr die Untersuchung der Anti-Machnobewegung-Angelegenheiten und nahm an vielen riskanten AufklĂ€rungs- und Propagandaoperationen teil. Nach der Niederschlagung der Machnowtschina begleitete sie Machno ins Exil und blieb nach dessen Tod 1934 in Frankreich. WĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges wurde sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Nach der Befreiung durch die Rote Armee wurde sie in der UdSSR zu zehn Jahren Haft verurteilt und im Sonderlager DubrawLag interniert. Nach ihrer Entlassung 1954 bis zu ihrem Tod in den 1970er-Jahren lebte sie in Kasachstan.

[105] Baron Pjotr Nikolajewitsch Wrangel (1878-1928) war ein FĂŒhrer der antikommunistischen Weißen Armee im Russischen BĂŒrgerkrieg. Im militĂ€rischen Rang eines Generalleutnants operierte er mit den ihm unterstellten Truppen ab 1918 im SĂŒden Russlands. Im FrĂŒhjahr 1919 ĂŒbernahm er das Kommando ĂŒber die im gesamten Kaukasus stationierten FreiwilligenverbĂ€nde der Weißen und fĂŒgte durch die Zerschlagung der dortigen Roten Armeegruppe den Sowjets eine empfindliche Niederlage zu.

[106] Bundismus war eine sĂ€kulare jĂŒdische sozialistische Bewegung, deren organisationeller Ausdruck der Allgemeine JĂŒdische Arbeiter*innenbund von Litauen, Polen und Russland war. Der »Bund« hatte zunĂ€chst das Ziel, alle jĂŒdischen Arbeiter*innen des zaristischen Russlands in eine sozialistische Partei zu vereinigen und den russischen JĂŒd*innen zu rechtlicher Anerkennung zu verhelfen. Eine entscheidende Rolle spielten die weißrussischen Bundist*innen in der Russischen Revolution von 1905, die sie in den jĂŒdischen StĂ€dten anfĂŒhrten. 1917 waren die Bundist*innen erst Gegner*innen der Oktoberrevolution, unterstĂŒtzten sie allerdings dann doch, als es zu Pogromen gegen JĂŒd*innen durch die Weiße Armee kam. Der Bund spaltete sich in pro-bolschewistische AnhĂ€nger*innen, die von der Kommunistischen Partei absorbiert wurden und Demokrat*innen, die antikommunistisch eingestellt waren.

[107] Die Jakobiner*innen waren im formellen Sinn die Mitglieder eines politischen Klubs wĂ€hrend der Französischen Revolution, im weiteren Sinne die AnhĂ€nger*innen von Robespierre. 1792 erzwangen sie gegen den Willen ihrer gemĂ€ĂŸigten Gegenspieler*innen, der Girondist*innen, einen Prozess gegen den König. Unter der FĂŒhrung von Maximilien de Robespierre errichteten sie ab 1793 ein Schreckensregime, die Terrorherrschaft (franz. La Terreur), das hauptsĂ€chlich durch Massenhinrichtung politischer Gegner*innen, energische und blutige UnterdrĂŒckung von konterrevolutionĂ€ren Bewegungen in den Provinzen und durch eine Zwangswirtschaft mit Höchstpreisen gekennzeichnet war.

[108] Chaim Nachman Bialik (1871-1934) war ein jĂŒdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf HebrĂ€isch und Jiddisch schrieb. Er ist einer der einflussreichsten hebrĂ€ischen Dichter. Er lebte von 1900 bis 1921 in Odessa.

[109] Ca. 21 km. (Anm. d. Übers.)

[110] Anspielung auf das TheaterstĂŒck »Der Held der westlichen Welt« (im Orig. »The Playboy of the Western World«) von John Milington Synge von 1907. Im StĂŒck geht es um einen jungen Mann, der in einem irischen Wirtshaus verzweifelt und nur sehr zögerlich davon erzĂ€hlt, dass er seinen tyrannischen Vater ermordet habe, was jedoch bei den Dorfbewohner*innen zu Bewunderung ihm gegenĂŒber fĂŒhrt und ihm die Liebe der Wirtstochter einbringt. Als sein Vater lebend auftaucht, verliert er die Bewunderung und Liebe der Menschen, weshalb er seinen Vater ein zweites Mal angreift und vermeintlich tötet. Diesmal jedoch wird er gefangen und soll gerade gehĂ€ngt werden, als sein Vater blutverschmiert, aber am Leben den Platz betritt. Der junge Mann wird freigelassen, kann die Liebe der Wirtstochter allerdings nicht zurĂŒckgewinnen und geht mit seinem Vater, mit dem er sich versöhnt hat, auf Wanderschaft.

[111] Ca. 160 km. (Anm. d. Übers.)

[112] Christian Georgijewitsch Rakowski (1873-1941) war ein bulgarischer sozialistischer RevolutionĂ€r, bolschwistischer Politiker und sowjetischer Diplomat. Im Zuge des Großen Terrors wurde er 1937 zu 20 Jahren Zwangsarbeit im Gulag verurteilt. Nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion wurde er auf Weisung Stalins zusammen mit um die 150 weiteren Gefangenen 1941 erschossen.

[113] Der Kongress der Völker des Ostens war ein multilateraler Kongress, der im September 1920 in Baku stattfand. An dem Kongress, der von der Kommunistischen Internationale (Komintern) organisiert wurde, nahmen circa 1900 Delegierte aus LĂ€ndern Asiens und Europas teil. Der Kongress stand unter der Losung »Proletarier aller LĂ€nder und unterdrĂŒckte Völker, vereinigt euch!«. Ziele waren die UnterstĂŒtzung nationaler Bewegungen in kolonisierten Staaten und die StĂ€rkung der Internationalen Arbeiterbewegung.

[114] Nikolai Iwanowitsch Bucharin (1888-1938) war ein russischer Politiker, marxistischer Philosoph und Wirtschaftstheoretiker. Er nahm an den russischen Revolutionen von 1905 bis 1917 teil und wurde im Zuge der Stalinschen SĂ€uberungen erschossen.

[115] Der Allukrainische RÀtekongress war von 1917 bis 1938 das oberste Regierungsorgan der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik und fand einmal im Jahr, spÀter alle zwei Jahre statt.

[116] Volin, eigentlich Wsewolod Michailowitsch Eichenbaum, (1882-1945) war ein russischer Anarchist und RevolutionĂ€r. 1917 ĂŒbernahm er die Leitung der »anarchosyndikalistischen Propaganda-Union« zunĂ€chst in St. Petersburg, spĂ€ter in Moskau, wo er auch eine Tageszeitung, die »Golos Truda«, herausgab, die zu einem wichtigen Sprachrohr der Anarchist*innen im revolutionĂ€ren Russland wurde. Ende 1918 bildete Volin mit anderen die anarchistische Föderation der Ukraine. Im Jahr 1919 stieß er bei Odessa zur Machnowtschina. Volin wurde von den Bolschewiki inhaftiert und im Zuge des von Emma Goldman erwĂ€hnten Abkommens freigelassen. Er wurde 1921 wieder verhaftet, dann aus RĂŒcksicht auf die in Moskau tagende Gewerkschafts-Internationale freigelassen und aus Russland ausgewiesen. Volin ging nach Berlin und arbeitete eine Zeit lang fĂŒr die FAUD. SpĂ€ter zog er nach Paris. In Frankreich wĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges war er innerhalb einer kleinen Gruppe internationaler Anarchist*innen Teil der RĂ©sistance gegen die deutschen Besatzer*innen. Er starb 1945 an Tuberkulose. Zwei Jahre nach seinem Tod 1947 erschien sein dreibĂ€ndiges Hauptwerk »La RĂ©volution Inconnue« (»Die unbekannte Revolution«). Hierin stellt Volin die Vor- und Nachgeschichte der russischen Revolution aus anarchistischer Sicht dar und schildert insbesondere die Rolle der Anarchist*innen, der Machno-Bewegung und des KronstĂ€dter Aufstands.

[117] Als »Wobblies« werden die Mitglieder der I.W.W. bezeichnet.

[118] Das Smolny-Institut war ursprĂŒnglich im zarischen St. Petersburg eine Bildungsanstalt fĂŒr adelige MĂ€dchen, die auf das Leben in der höheren Gesellschaft als Hofdamen vorbereitet wurden. Im August 1917 verlegte der Petrograder Sowjet seinen Tagungsort vom nahegelegenen Taurischen Palais in den Smolny. Hier wurde die Oktoberrevolution geplant und nach der Revolution war hier der Regierungssitz der Sowjetunion. Nachdem Moskau am 10. MĂ€rz 1918 wieder Hauptstadt des Landes geworden war, diente das Smolny-Institut als Sitz der Petrograder/Leningrader KPdSU.

[119] Boris Wiktorowitsch Sawinkow (1879-1925) war ein russischer Politiker, Terrorist und Autor. Als SozialrevolutionĂ€r war er zunĂ€chst ein Gegner des zaristischen Staatswesens und wurde nach der Oktoberrevolution ein ĂŒberzeugter Feind des Sowjetsystems. Als AnfĂŒhrer einer »Gesellschaft zur Verteidigung des Mutterlands und der Freiheit« genannten Gruppe organisierte Sawinkow wĂ€hrend des russischen BĂŒrgerkriegs mehrere bewaffnete Erhebungen gegen die Bolschewiki; so unter anderem in Jaroslawl, Rybinsk und Murom. Diese AufstĂ€nde konnten jedoch von der Roten Armee und Einheiten der Tscheka niedergeschlagen werden. 1924 wurde er verhaftet und stĂŒrzte aus einem Fenster im fĂŒnften Stock seines GefĂ€ngnisses in den Tod. Ob es Suizid oder Mord war, ist ungeklĂ€rt.

[120] »Tovarishtch« bedeutet so viel wie Genoss*in, Freund*in Kolleg*in, usw. (Anm. d. Übers.)

[121] Nikolai Wassiljewitsch Tschaikowski (1850-1926) war ein russischer SozialrevolutionÀr. WÀhrend der Oktoberrevolution war er ein erbitterter Gegner der Bolschewiki. Er war Mitglied des »Komitees zur Rettung des Vaterlandes und der Regierung«. 1919 stand er der »Regierung Nordrussland« in Archangelsk vor.

[122] Leonid Nikolajewitsch Andrejew (1871-1919) war ein russischer Schriftsteller.

[123] Der Tschaikowski-Zirkel war eine russische literarische Gesellschaft fĂŒr Selbstbildung, Volksbildung und Propaganda und war eine revolutionĂ€re Organisation der Narodniki in den frĂŒhen 1870er Jahren. Er ist nach einem seiner GrĂŒnder und prominentem Mitglied Nikolai Wassiljewitsch Tschaikowski benannt. Ebenfalls Mitglied des Tschaikowski-Kreises war Kropotkin, ebenso Menschen, die sich spĂ€ter auch der radikaleren Narodnaja Wolja anschlossen, die 1881 die Ermordung von Zar Alexander II. organisierte.

[124] Ca. 80 km. (Anm. d. Übers.)

[125] David Borissowitsch Rjasanow (1870-1938) nahm an der Oktoberrevolution teil und bezeichnete sich selbst als »weder Bolschewik noch Menschewik noch Leninist, sondern nur ein Marxist, und dahingehend ein Kommunist«. Er war BegrĂŒnder des Moskauer Marx-Engels-Instituts und wurde in den 20er und 30er Jahren als erster Herausgeber vieler zuvor ungedruckter Werke von Karl Marx und Friedrich Engels bekannt. 1931 wurde er von seinen stalinistischen Gegner*innen verhaftet und nach Saratow verbannt. 1937 wurde er wegen »Rechts-Trotzkismus« erneut verhaftet und Anfang 1938 erschossen.

[126] Alexander Gawrilowitsch Schljapnikow (1885-1937) war ein russischer Gewerkschafter und Politiker. Er war Metallarbeiter und Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Nach der Oktoberrevolution wurde er Mininster fĂŒr Arbeit in der ersten Sowjetregierung und wichtigster FĂŒhrer der Arbeiter*innenopposition. 1933 wurde er aus der KPdSU ausgeschlossen und 1935 wegen angeblicher FortfĂŒhrung dieser oppositionellen Gruppe zu fĂŒnf Jahren Haft verurteilt. 1937 wurde er wĂ€hrend des Großen Terrors zum Tode verurteilt und erschossen.

[127] Alexandra Petrowna »Sascha« Kropotkin (1887-1966) war die Tochter von Peter Kropotkin.

[128] Als Anarchist*in könnte mensch allerdings auch zu dem Schluss kommen, dass es immer sinnlos ist, an eine Regierung zu appellieren, anstatt die eigenen Belange und Anliegen selbst in die Hand zu nehmen (Anm. d. Übers.)

[129] Ca. 7,5 km (Anm. d. Übers.)

[130] Eine gruselige Vorstellung 
 (Anm. d. Übers.)

[131] Michail Iwanowitsch Kalinin (1875-1946) war ein sowjetischer Politiker. Er war von MĂ€rz 1919 bis Dezember 1922 formelles Staatsoberhaupt Sowjetrusslands und von 1923 bis 1946 Vorsitzender des PrĂ€sidiums des Obersten Sowjets und damit formelles Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Er widersetzte sich nicht den großen Terrorwellen in den 1930er Jahren. Er unterzeichnete Exekutionslisten und konnte nicht einmal seine Frau davor bewahren, 1938 verhaftet und bis 1944 interniert zu werden. Er hatte keine eigene Macht und wurde 1946 auf eigenes Ersuchen von seinen Amtspflichten entbunden. Er starb kurze Zeit spĂ€ter.

[132] Politische BĂŒros

[133] Bewaffnete Einheiten der Bolschewiki zum Zwecke der UnterdrĂŒckung des GĂŒterverkehrs und der Konfiszierung von Lebensmitteln.

[134] Kadett*innen. (Anm. d. Übers.)

[135] Individuell, kleiner Umfang

[136] General Alexander Nikolajewitsch Koslowski (1864-1940) war Generalmajor der kaiserlich-russischen Armee und spÀter General der Roten Armee und zum Zeitpunkt des KronstÀdter Aufstands Artilleriechef der KronstÀdter Festung.

[137] Die Sieger*innenmÀchte im Ersten Weltkrieg Frankreich, Vereinigtes Königreich, USA und Italien.

[138] Pawel Jefimowitsch Dybenko (1889-1938) war ein russischer RevolutionÀr, sowjetischer Marineoffizier und Mitglied der ersten Sowjetregierung im Rat der Volkskommissare. Dybenko war mit Alexandra Kollontai verheiratet. 1938 wurde er als Trotzkist erschossen.

[139] Louis Adolphe Thiers (1797-1877) war ein französischer Politiker und Historiker. Er war von 1871 bis 1873 der erste StaatsprÀsident der Dritten Republik. Er befehligte die Niederschlagung der Pariser Kommune.

[140] Gaston Alexandre Auguste, Marquis de Galliffet (1830-1909) war ein französischer General, der die Brigade der Armee von Versailles wÀhrend der Niederschlagung des Aufstands der Pariser Kommune befehligte.

[141] Die Neue Ökonomische Politik (Abk. NEP) war ein wirtschaftspolitisches Konzept in der Sowjetunion, das Lenin und Trotzki 1921 gegen erheblichen Widerstand in der eigenen Partei durchsetzten. Ihr Hauptmerkmal war eine Dezentralisierung und Liberalisierung in der Landwirtschaft, im Handel und in der Industrie, die der Wirtschaft teilweise auch marktwirtschaftliche Methoden zugestand. Sie löste die Wirtschaftspolitik des Kriegskommunismus ab, in der nur »WerktĂ€tige« Anspruch auf Lebensmittel-Zuteilung hatten, die Produktion nach dem Bedarf diktiert und die Lebensmittelproduktion der BĂ€uer*innen beschlagnahmt wurde. Die NEP legalisierte die gewinnorientierte Produktion, das Privateigentum in der KonsumgĂŒter-Produktion und den Erwerb von Reichtum und band außerdem die BĂ€uer*innen durch eine »Naturalsteuer« in das ökonomische System ein. Die NEP blieb bis 1928 reale Politik und fĂŒhrte zu einer Verbesserung der Versorgung und zu relativen gesellschaftlichen Freiheiten.

[142] »Golos Truda« war eine russische anarchosyndikalistische Zeitschrift. In Sankt Petersburg fĂŒgte sich die Zeitschrift nach der Februarrevolution in die entstehende anarchosyndikalistische Bewegung ein, verkĂŒndete die Notwendigkeit einer sozialen Revolution von und fĂŒr die Arbeiter*innen und positionierte sich in Opposition zu der Vielzahl von linksradikalen Bewegungen. Im MĂ€rz 1921 sagte Lenin den »kleinbĂŒrgerlichen Elementen«, darunter den Anarchosyndikalist*innen, den Kampf an. Dies hatte zur Folge, dass die Verlags- und DruckrĂ€umlichkeiten der »Golos Truda« in Sankt Petersburg und ein Buchladen in Moskau von der Tscheka geschlossen wurden und mit Ausnahme von sechs Personen alle Anarchist*innen der »Golos Truda«-Gruppe festgenommen wurden. Trotz des Verbots der Zeitschrift setzte die »Golos Truda«-Gruppe ihre Arbeit fort und publizierte schließlich eine letzte Ausgabe in Form eines Magazins in Sankt Petersburg und Moskau im Dezember 1929. Nach einigen Jahren zurĂŒckhaltender PublikationsaktivitĂ€ten wurde das Golos Truda-Kollektiv schließlich 1929 vom stalinistischen Regime ausgelöscht.

[143] Grigorij Petrowitsch Maximoff (1893-1950) war ein russischer Anarchosyndikalist und Teil der ukrainischen anarchosyndikalistischen Organisation »Nabat«. In dieser Funktion war er auch in der Redaktion der anarchosyndikalistischen Zeitschrift »Golos Truda« tÀtig. Zwischen 1918 und 1921 wurde er insgesamt sechs mal verhaftet und eingesperrt.

[144] Samara ist eine Industriestadt im SĂŒdosten des europĂ€ischen Teils Russlands, am Ostufer der Wolga gelegen. Die Entfernung nach Moskau betrĂ€gt ca. 860 Kilometer.

[145] Die Rote Garde war die bewaffnete Arbeiter*innenmiliz der russischen Bolschewiki zur Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der Oktoberrevolution. Sie wurde Ende MĂ€rz 1917 gegrĂŒndet und ging im ersten Halbjahr 1918 in der neu gegrĂŒndeten Roten Armee auf.

[146] und, das vergaß Emma Goldman wohl zu erwĂ€hnen, Frauen (Anm. d. Übers.)

[147] Es mag auch heute noch solche Typen geben, von denen eine ganze anarchistische Bewegung sagt, dass sie ihren Zielen nur schaden wĂŒrden. Typen, die sich weigern mit Regierungen zu arbeiten, Typen, die sich weigern politische BĂŒndnisse zu schmieden, Typen, die sich weigern, einem Ideal zu dienen, Typen, die die bestehende Welt brennen sehen wollen, ohne dabei eine neue (autoritĂ€re) Vorstellung zu entwickeln, wie die Dinge danach laufen sollten (Anm. d. Übers.).

[148] Was auch immer eine angemessene Behandlung im Knast sein soll! (Anm. d. Übers.)

[149] Am 25.11.1920 wurden bei einer Konferenz zahlreiche Anarchist*innen verhaftet, unter ihnen auch Fanja Baron. Ab dem FrĂŒhjahr 1921 war sie im GefĂ€ngnis von Rjasan. Sie entkam von dort mithilfe der Anarchist*innen im Untergrund – einem geheimen anarchistischen Netzwerk – am 10. Juli 1921, mit neun anderen Anarchist*innen. Sie wollte ihrem Ehemann Aron Baron helfen, aus dem GefĂ€ngnis in Moskau zu fliehen und suchte Zuflucht bei dessen Bruder, Semion, einem Mitglied der bolschewistischen Partei. Am 17. August wurde sie in seiner Wohnung von der Tscheka verhaftet. Semion wurde auf der Stelle hingerichtet. Fanya wurde am 29. September 1921 auf direkten Befehl von Lenin von der Tscheka erschossen, nachdem man sie der »Komplizenschaft antisowjetischer Verbrechen« fĂŒr schuldig befunden hatte. Aron Baron hingegen wurde nach 18 Jahren GefĂ€ngnis und Exil 1938 ĂŒberraschend freigelassen. Nachdem er sich allerdings in Charkiw niedergelassen hatte, wurde er erneut festgenommen, woraufhin mensch nie wieder etwas von ihm hörte.

[150] Jewgeni Alexejewitsch Preobraschenski (1886-1937) war ein sowjetischer RevolutionĂ€r und Politiker. Von 1920 bis 1921 war er SekretĂ€r des Zentralkomitees und Mitglied des PolitbĂŒros der Kommunistischen Partei. Zudem war er Chef des Volkskommissariats fĂŒr Erziehung. 1936 wurde er im Zuge des Großen Terrors (erneut) aus der Partei ausgeschlossen und schließlich verhaftet. 1937 wurde er zum Tode verurteilt und erschossen.

[151] Pawel Dmitrijewitsch Turtschaninow (1878-1921), bekannt unter dem Pseudonym Lew Tschorny, war ein russischer Anarchist und Dichter. Er war beeinflusst von Max Stirner und Benjamin Tucker und verlangte nach der totalen Befreiung der Persönlichkeit von den Fesseln der Gesellschaft. Er forderte die Nietzscheanische Umwertung aller Werte in der russischen Gesellschaft und sah die anarchokommunistischen Ideen Peter Kropotkins als Gefahr fĂŒr die Freiheit des Individuums und lehnte sie ab. Wegen seiner revolutionĂ€ren AktivitĂ€ten wurde er vom zaristischen Regime nach Sibirien verbannt. Nach dem Ausbruch der Februarrevolution 1917 kehrte er wieder nach Moskau zurĂŒck und wurde SekretĂ€r der neu gegrĂŒndeten »Moskauer Föderation anarchistischer Gruppen«, die im MĂ€rz des gleichen Jahres gegrĂŒndet wurde. Obwohl er Bekanntschaften mit fĂŒhrenden Bolschewiki unterhielt, kritisierte er auf einer Kundgebung am 5. MĂ€rz 1918 die sich bildende Sowjetunion heftig und erklĂ€rte, dass die Anarchisten genau so Gegner des sozialistischen Staates sind, wie des vorherigen bĂŒrgerlichen Staates. Im Wochenblatt »Anarchija« forderte er eine dezentrale Produktionsweise und das Aufbrechen der internen Machtstrukturen. Als die Bolschewiki damit begannen, systematisch Andersdenkende mit repressiven Methoden zum Schweigen zu bringen, bildeten sich im FrĂŒhjahr 1918 innerhalb der »Moskauer Föderation anarchistischer Gruppen« bewaffnete Gruppen, die sogenannte »Schwarze Garde«, und Lew Tschorny wurde zum Kopf dieser neugebildeten Arbeitereinheiten. In der Nacht des 11. April stĂŒrmten Einheiten der Tscheka ein GebĂ€ude der »Moskauer Föderation« und trafen auf bewaffneten Widerstand der »Schwarzen Garde«. Im darauffolgenden Kampf wurden 40 Anarchist*innen getötet oder verwundet und 500 festgenommen. Tschorny schloss sich daraufhin der Gruppe »Anarchist*innen im Untergrund« an und veröffentlichte zwei Schriften, in denen er die Diktatur der Bolschewiki als grausamste Tyrannei der Menschheitsgeschichte bezeichnete. Am 25. September 1919 verĂŒbten die »Anarchist*innen im Untergrund« einen Bombenanschlag auf das Hauptquartier des Moskauer Komitees der Kommunistischen Partei Russlands, bei dem 12 Kommunist*innen getötet und 55 verletzt wurden, darunter auch Nikolai Bucharin. Obwohl Lew Tschorny nicht an der Tat beteiligt war, wurde er festgenommen und im September 1921 ohne Prozess erschossen.

[152] Lew Tschorny mag das möglicherweise anders gesehen haben. Als Mitglied der »Schwarzen Garden« und spĂ€ter der »Anarchist*innen im Untergrund« fĂŒhrte er einen bewaffneten Kampf gegen die Bolschewiki und rief in mehreren Schriften auch dazu auf. Ob Emma Goldman das bewusst verschweigt oder nicht wusste ist uns unklar, aber wir nehmen an, dass Lew Tschorny eine solche Verharmlosung seiner Taten nicht gutgeheißen hĂ€tte (Anm. d. Übers.)

[153] Clare Sheridon (1885-1970) war eine englische Bildhauerin, Journalistin und Autorin, die insbesondere fĂŒr ihre BĂŒsten berĂŒhmter Persönlichkeiten und ihre ReisetagebĂŒcher bekannt ist. In den 1920 Jahren besuchte sie die Sowjetunion, wo sie Skulpturen von den fĂŒhrenden Kommunisten Lenin, Trotzki, Dserchinski (Organisator und erster Leiter der Tscheka) und Kamenew (Leiter des Exekutivkomitees des Moskauer Sowjets) schuf.

[154] Als Potemkinsche Dörfer werden VorgetÀuschtes bzw. die »Vorspiegelung falscher Tatsachen« bezeichnet: Durch materiellen und/oder organisatorischen Aufwand (»Attrappen«, Schauspieler*innen usw.) wird die Illusion von vorweisbaren Erfolgen, Wohlstand usw. geschaffen.

[155] Solomon Abramowitsch Losowski (1878-1952) war ein sowjetischer Staats- und GewerkschaftsfunktionĂ€r. Von 1921 bis 1937 war Losowksi GeneralsekretĂ€r der Roten Gewerkschafts-Internationale. Als nach der GrĂŒndung Israels 1948 eine antisemitische Verfolgungswelle in der UdSSR gegen sogenannte »wurzellose Kosmopoliten« einsetzte, erfolgte die politische Demontage Losowskis, der zwischen 1941 und 1948 SekretĂ€r des JĂŒdischen Antifaschistischen Komitees gewesen war. Er wurde im Januar 1949 verhaftet und im Juli 1952 unter dem Vorwurf der Spionage zum Tode durch Erschießen verurteilt. 1955 erfolgte Losowskis postume Rehabilitierung.

[156] Bucharan, Turkestan und (Nord-)Aserbaidschan waren zu diesem Zeitpunkt alle unter sowjetischer Kontrolle.

[157] Der zweite Weltkongress der Dritten Internationale beschloss 1920 Lenins 21 »LeitsĂ€tze ĂŒber die Bedingungen der Aufnahme in die Kommunistische Internationale«, die verhindern sollten, dass (vermeintlich) reformistische, nicht-revolutionĂ€re kommunistische Organisationen, die teilweise Teil der Zweiten Internationale gewesen waren, Teil der Dritten Internationale werden konnten.

[158] 1917 wurden in Chicago 166 hohe FunktionĂ€r*innen der Industrial Workers of the World – einer damals in den USA aktiven und zu der Zeit sehr erfolgreichen militanten Basisgewerkschaft – verhaftet und eingesperrt. Ihnen wurde das Verbreiten von Anti-Kriegs-Propaganda und Spionage vorgeworfen. Auch in anderen StĂ€dten wurden AnfĂŒhrer*innen der I.W.W. verhaftet. Die Repressionswelle war einschneidend fĂŒr die I.W.W. und ihre AnfĂŒhrer*innen. WĂ€hrend viele sich hauptsĂ€chlich nur noch darauf konzentrierten, legalistische Antipressionsarbeit zu leisten, distanzierte sich beispielsweise die verhaftete Gurley Flynn von ihren Positionen. Einige andere wurden gegen Kaution, die durch das Aufnehmen von Schulden von anderen gestellt worden war, freigelassen und nutzten die Gelegenheit, um nach Russland zu fliehen. Die meisten anderen vertrauten auf ihre AnwĂ€lt*innen, die Einspruch eingelegt hatten, wurden jedoch trotzdem zu langen Haftstrafen verurteilt, die sie freiwillig antraten. Die meisten derer, die freiwillig ihre Haftstrafe in der Haftanstalt Leavenworth in Kansas antraten, betrachteten die Geflohenen als VerrĂ€ter*innen an der I.W.W. und der Arbeiter*innenklasse.

[159] Vigilant*innen sind Personen, die Justiz schon eine geile Sache finden, wenn jedoch die Rechtsprechung nicht in ihrem Sinne ist, auch der Ansicht sind, dass sie auf nicht-staatliche Art und Weise Justiz ĂŒben wollen, z. B. in der Form von Lynchmobs, Nachbarschaftswachen und BĂŒrger*innenwehren. Vigilantismus hat gerade in den USA eine lange Geschichte und richtete sich zumeist gegen Angehörige marginalisierter Minderheiten sowie Gewerkschafter*innen und Radikale.

[160] Der Ku-Klux-Klan war und ist ein rassistischer Geheimbund, der sich in den 1920er Jahren unter vielen anderen auch mit vigilantistischen Methoden gegen politisch engagierte Arbeiter*innen und GewerkschaftsfunktionÀr*innen wandte.

[161] Zu dt. etwa: Die Extreme berĂŒhren sich (Anm. d. Übers.).

[162] Tom Mann (1856-1941) war ein britischer Gewerkschafter und sozialistischer Politiker und einer der bekanntesten und populĂ€rsten Vertreter der Arbeiterbewegung. 1920 grĂŒndete er unter dem Eindruck der russischen Revolution die Kommunistische Partei Großbritanniens und wurde Vorsitzender der britischen Sektion der Roten Gewerkschafts-Internationale.

[163] Einer christlichen Volkssage zufolge habe ein Jerusalemer Schuster namens Ahasverus dem sein Kreuz tragenden Jesus eine Ruhepause auf seiner TĂŒrschwelle verwehrt, weshalb er dazu verflucht sei, nicht eher zur Ruhe zu kommen, bis der Gekreuzigte am Ende der Tage wiederkomme. Seither befinde er sich auf ruheloser Wanderschaft durch die Zeiten, um Zeugnis fĂŒr Jesus abzulegen.

[164] Alexander Schapiro (1890-1942), auch bekannt unter den Namen Alexander Tanaroff, Sascha Piotr und Sergei, war ein ukrainischer Anarchist jĂŒdischer Abstammung und ein Publizist. 1905 war er bereits als Jugendlicher an revolutionĂ€ren Umtrieben in Russland beteiligt. Nach der russischen Revolution schloss er sich der Machnowtschina an. 1921 floh er aus der Sowjetunion und lebte teilweise in Berlin und Paris. 1936 nahm er am spanischen BĂŒrger*innenkrieg teil. Nach der Niederlage gegen die Faschist*innen kehrte er nach Frankreich zurĂŒck und wurde kurz nach der Besetzung Frankreichs verhaftet, an die deutschen Nazis ausgeliefert und wurde 1942 ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht, wo er als eines der ersten Opfer ermordet wurde.

[165] Proletkult bezeichnet eine kulturrevolutionÀre Bewegung der russischen Oktoberrevolution. Vom damaligen Petrograd ausgehend versuchte sie zwischen 1917 und 1925 eine Kultur der neuen herrschenden proletarischen Klasse ohne jeden bourgeoisen Einfluss zu erschaffen.

[166] Die Imagist*innen waren AnhĂ€nger*inen einer literarischen Bewegung, die gerade in der Lyrik die Tradition der romantischen und vikotrianischen Literatur hinter sich ließen, deren GewfĂŒhlsĂŒberschwang und KĂŒnstlichkeit sie ablehnten. Stattdessen setzten sie auf die Einbeziehung von Umgangssprache, auf eine prĂ€zise Bildersprache und klaren, scharfen Ausdruck. Den Regeln von Rhetorik und Metrik sollte keine Bedeutung mehr zugestanden werden. Ein freier Rhythmus bis hin zur Prosa fand immer mehr Zuspruch. Sie sprachen sich aus fĂŒr eine RĂŒckkehr zu in ihren Augen klassischen Werten wie der direkten Darstellung, der Ökonomie der Sprache und der Bereitschaft, auch mit nicht-traditionellen Formen zu experimentieren.

[167] Der Futurismus war eine avantgardistische Kunstbewegung, die aufgrund des breit gefĂ€cherten Spektrums den Anspruch erhob, eine neue Kultur zu begrĂŒnden. Grundlage des Futurismus war das »Futuristische Manifest« von Filippo Marinetti, ein Manifest, das einen radikalen Bruch mit der bisher bestehenden Kunst und Wissenschaft und ihren Institutionen wie Bibliotheken und Akademien forderte, Gewalt, Patriotismus und Krieg verherrlichte, Frauen und Feminismus verachtete, die Schönheit der Technik und der neuen Geschwindigkeit sowie die Schönheit der modernen Stadt besang. Ebenso besang es die Wut, die Leidenschaft und die Revolution. In Russland war der Futurismus insbesondere eine literarische Bewegung, in anderen LĂ€ndern war der Futurismus in allen kĂŒnstlerischen Bereichen, bildende Kunst, Architektur, Musik und Film, zu finden.

[168] Die MontessoripĂ€dagogik ist ein von Maria Montessori ab 1907 entwickeltes pĂ€dagogisches Bildungskonzept, das die Zeitspanne vom Kleinkind bis zum jungen Erwachsenen adeckt. Sie beruht auf dem Bild des Kindes als »Baumeister*in seines Selbst« und verwendet deshalb die Form des offenen Unterrichts und der Freiarbeit. Sie kann insofern als experimentell bezeichnet werden, als die Beobachtung des Kindes den*die Lehrende*n dazu fĂŒhren soll, geeignete didaktische Techniken anzuwenden, um den Lernprozess optimal zu fördern. Als Grundgedanke der MontessoripĂ€dagogik gilt die Aufforderung »Hilf mir, es selbst zu tun«.

[169] John Dewey (1859-1952) war ein US-amerikanischer Philosoph und PĂ€dagoge. Gesellschaftspolitisch setzte sich Dewey fĂŒr die Dem okratisierung sĂ€mtlicher Lebensbereiche ein. Dabei sieht er in »Demokratie« die grundsĂ€tzliche Anerkennung sozialer EgalitĂ€t, sprich des Zusammenhangs zwischen individueller Freiheit und den sozial-ethischen Vorbedingungen ebendieser Freiheit. Dies möchte er auch in der Bildung umsetzen mit dem Hauptziel, das Kind zu einem mĂŒndigen BĂŒrger hinzufĂŒhren und in der weiteren Konsequenz die Arbeitswelt, die sich nach Dewey auch auf die Schule auswirkt, zu humanisieren. Dewey stellt hierbei auch die gesellschaftlichen Möglichkeiten vor, der profitorientierten Entfremdung durch eine sinnerfĂŒllte und selbstbestimmte Arbeit entgegenzutreten. In seiner Versuchsschule Ă€ußerte sich dieses VerstĂ€ndnis in einer intelligenten SelbstfĂŒhrung der SchĂŒler als auch der Lehrenden. Dewey war der Meinung, dass der eigene Willen zum Lernen vorhanden sei und lediglich gefördert werden mĂŒsse.

[170] Émile Jaques-Dalcroze (1865-1950) war ein Schweizer Komponist und MusikpĂ€dagoge und gilt als BegrĂŒnder der rhythmisch-musikalischen Erziehung.

[171] Alexander Alesaxandrowitsch Blok (1880-1921) war ein Dichter der russischen Moderne. Er begrĂŒĂŸte enthusiastisch die Revolution von 1905, was sich auf sein literarisches Schaffen auswirkte, das deutlich politischer wurde. 1918 verfasste er unter dem Eindruck der Russischen Revolution das Gedicht »Zwölf«, das als sein Meisterwerk git. 1921 starb er, desillusioniert von der Revolution, vermutlich an UnterernĂ€hrung. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits seit drei Jahren nichts mehr geschrieben.

[172] Anna Iljinitschna Jelisarowa-Uljanowa (1864-1935) war eine russische Publizistin und die Ă€lteste Schwester von Wladimir Lenin. Seit 1898 war sie Mitglied der Kommunistischen Partei (damals noch die Sozialdemokratische Arbeiter*innenpartei Russlands) und nahm an der gescheiterten Revolution von 1905 aktiv teil. Nach der Revolution ĂŒbte sie verantwortliche Funktionen im Volkskommissariat fĂŒr Sozialwesen und im Volkskommissariat fĂŒr Bildungswesen aus.

[173] Marija Fjodorowna Andrejewa (1868-1953) war eine russische Theaterschauspielerin. Andrejewa fĂŒhrte nach der Jahrhundertwende eine informelle Ehe mit Maxim Gorki. Sie stand in Kontakt mit Lenin und war 1905 Herausgeberin der bolschewistischen Zeitung »Nowaja Schisn«. Nach der Oktoberrevolution hatte sie hohe Ämter im Kulturbereich inne; so wurde sie zur Kommissarin fĂŒr das gesamte russische Theaterwesen und Ministerin fĂŒr das ganze Theater- und Kunstwesen ernannt.

[174] Konstantin Sergejewitsch Stanislawski (1863-1938) war ein russischer Schauspieler, Schauspiellehrer, Regisseur, Theaterreformer und Vertreter des Naturalismus. Er grĂŒndete mit Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko das »Moskauer KĂŒnstlertheater« (MChAT). Auf Tourneen im Ausland erfolgreich, aber in der Sowjetunion nur mit Vorbehalten anerkannt, fĂŒhrte Stanislawski ein zurĂŒckgezogenes Leben und vermied die Konfrontation mit den Machthabern.

[175] Die »Union der Sozialistisch-RevolutionĂ€ren Maximalist*innen« war eine Partei, ein radikaler FlĂŒgel, der 1906 aus der SozialrevolutionĂ€ren Partei ausgeschlossen wurde. Sie forderten die volle Einbindung des »Maximum-Programms« in der erwarteten Revolution: volle Sozialisierung der LĂ€ndereien, Fabriken und anderer Produktionsmittel.

[176] Die Konstitutionell-demokratische Partei, auch Kadetten, war eine Anfang des 20. Jahrhunderts in der russischen Duma aktive Gruppierung. Politisch stand sie liberalen Gedanken nahe. Nach der Februarrevolution 1917 stellten die Kadetten mit FĂŒrst Lwow den ersten demokratisch legitimierten MinisterprĂ€sidenten Russlands. Nach der Oktoberrevolution wurden die Kadetten von den Bolschewiki zur »Partei der Volksfeinde« erklĂ€rt.

[177] Jekaterina Dmitrijewna Kuskowa (1869-1958) war eine russische Publizistin, gemĂ€ĂŸigte Marxistin und Freimaurerin. Nach der erfolgreichen Februarrevolution 1917 unterstĂŒtzte Kuskowa das neue Regierungssystem und pflegte den Kontakt zu Alexander Fjodorowitsch Kerenski und anderen FĂŒhrer*innen bis zum Ende der Provisorischen Regierung, zu der auch die Freimaurer Prokopowitsch und Pjotr Ioakimowitsch Paltschinski gehörten. Im Juli 1921 grĂŒndeten in Moskau Kuskowa, Prokopowitsch und Kischkin zur Linderung der Hungersnot das Allrussische Komitee fĂŒr Hungerhilfe (WK Pomgol, WKPG). Aufgrund von GerĂŒchten im August 1921 ĂŒber antisowjetische Reden im WKPG wies Lenin Stalin an, das WKPG aufzulösen und die FĂŒhrer zu verhaften. Im September 1921 wurden Kuskowa, Prokopowitsch und Kischkin auf Beschluss der Tscheka nach Wologda verbannt. Als Kuskowa und Prokopowitsch im folgenden Jahr nach Moskau zurĂŒckkamen, wurden sie im Juni 1922 ins Ausland verbannt.

[178] Ehemann von Jekaterina Kuskowa, ebenfalls gemĂ€ĂŸigter Marxist und Freimaurer.

[179] Patriarch Tichon (1865-1925) war der erste Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche nach dem Untergang des Zarenreichs.

[180] Zu deutsch etwa: Verwaltung des amerikanischen Hilfswerks. Eine Regierungsunternehmung der Vereinigten Staaten, die nach dem ersten Weltkrieg die Lebensmittelversorgung und den Aufbau der inneren Transportsysteme in Europa und spĂ€ter in Sowjetrussland unterstĂŒtzte.

[181] Emma Goldman spricht hier mit ziemlicher Sicherheit von Pjotr Andrejewitsch Arschinow (1887-1938). Arschinow war zunĂ€chst Bolschewik, ehe er sich 1906 den Ideen des Anarchokommunismus annĂ€herte. 1907 wurde er zum Tode verurteilt, nachdem er den Leiter einer Eisenbahnwerkstatt erschossen hatte, der hunderte von Arbeiter*innen wegen der Beteiligung an einem Streik denunziert hatte. Im gleichen Jahr gelang es einer Gruppe seiner Genoss*innen das GefĂ€ngnis zu besetzen und alle Insass*innen zu befreien. 1909 wurde er erneut verhaftet und kam ind das Butyrka-GefĂ€ngnis in Moskau. Dort lernte er 1910 Nestor Machno kennen. Er teilte mit ihm seine anarchokommunistischen Ideen und die beiden freundeten sich an. 1917 wurden beide im Zuge der Februar-Revolution befreit. Machno ging in die Ukraine, wĂ€hrend Arschinow in Moskau blieb und dort in der Föderation anarchistischer Gruppen tĂ€tig wurde. 1918 ĂŒberzeugte ihn Machno, in die Ukraine zu kommen. Dort gehörte er bald zum inneren FĂŒhrungskreis der Machnowtschina. Er gab in der Zeit verschiedene Zeitschriften heraus, sammelte Dokumente ĂŒber die Bewegung und schrieb erste AnfĂ€nge einer Geschichte ĂŒber die Machnowtschina, die immer wieder durch ÜberfĂ€lle verloren gingen, bis 1921 die Bewegung von den Bolschewiki zerschlagen wurde. ZunĂ€chst floh er nach Berlin und gab von dort aus die Geschichte der Machnowtschina heraus. Von 1925 an lebte er in Paris, wo er auch Machno wieder traf. Er entfernte sich von tradierten anarchistischen Ansichten und setzte sich fĂŒr die GrĂŒndung einer anarchistischen Partei ein. Er war einer der Autoren des breit rezipierten Texts »Die Organisationsplattform der allgemeinen anarchistischen Union« von 1926, der die Strömung des Plattformismus – eine bolschewisierte, direktdemokratrische, auf Selbstdisziplin basierende, angeblich anarchistische Organisationsform – schuf und ihm scharfe Kritik einbrachte. Nach Veröffentlichung zweier antianarchistischer Publikationen, die zum öffentlichen Bruch mit seinem WeggefĂ€hrten Nestor Machno fĂŒhrten, kehrte er 1934 in die UdSSR zurĂŒck. Anfang 1938 wurde er wĂ€hrend des stalinistischen Großen Terrors verhaftet. Ihm wurde die Bildung und Leitung einer anarchistischen Untergrundorganisation vorgeworfen, daraufhin wurde er zum Tode verurteilt und erschossen.

[182] Karelien ist eine historische Landschaft in Nordosteuropa, aufgeteilt zwischen Russland und Finnland. Nach der Oktoberrevolution und der finnischen UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung 1917 – vorher gehörte Finnland zum russischen Zarenreich – war Karelien Schauplatz blutiger KĂ€mpfe des Finnischen BĂŒrgerkriegs. Zudem kĂ€mpften finnische Truppen gegen das bolschewistische Russland. Im Olonez-Feldzug versuchte Finnland vergebens, auch Teile Ostkareliens seinem Staatsgebiet hinzuzufĂŒgen. 1920 erkannte Russland die UnabhĂ€ngigkeit Finnlands in den Grenzen des ehemaligen GroßfĂŒrstentums an. Aus dem Russischen Karelien wurde 1923 die Karelische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) innerhalb der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik.

[183] Mark Mratschni war ein tatkrĂ€ftiges Mitglied der anarchistischen Student*innenbewegung in Charkiw. Er schloss sich der Nabat kurz nach deren GrĂŒndung an und wurde beauftragt eine klandestine Druckerei in Sibirien einzurichten, was ihm auch gelang. Er wurde 1921 in Charkiw bei einer anarchistischen Konferenz verhaftet und nach Taganka gebracht. Dort trat er gemeinsam mit anderen anarchistischen Gefangenen in einen elftĂ€gigen Hungerstreik. Im Januar 1922 wurde er mit anderen Anarchist*innen nach Berlin abgeschoben. Gemeinsam mit den anderen abgeschobenen Anarchist*innen, Emma Goldman und Alexander Berkman organisierte Mratschni Hilfsorganisationen fĂŒr gefangene russische Anarchist*innen oder RevolutionĂ€r*innen.

[184] Pawlo Skoropadskyj (1873-1945) war kaiserlich-russischer General, Großgrundbesitzer und ukrainischer Politiker. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs war er als vom Deutschen Kaiserreich gestĂŒtzter Hetman (Hauptmann) das Staatsoberhaupt des Ukrainischen Staates.

[185] Die Raswjorstka bzw. Prodraswjorstka bezeichnet die Konfiszierung von Getreide und anderen Erzeugnissen der BĂ€uer*innen, eine Praktik, die die Bolschewiki in der Zeit des Russischen BĂŒrger*innenkriegs durchfĂŒhrten. Dabei mussten die BĂ€uer*innen ihre Ernte zu vom Staat festgelegten Preisen verkaufen und durften nur einen geringen Teil, manchmal sogar keinen fĂŒr sich behalten. Dabei wurde sogar das Saatgut fĂŒr die nĂ€chste Ernte beschlagnahmt, was mit Auslöser fĂŒr die Hungersnot von 1921 und 1922 war.

[186] Ca. 107 km. (Anm. d. Übers.)

[187] Felix Edmundowitsch Dserschinski (1877-1926) war ein polnisch-russischer »BerufsrevolutionĂ€r«. Nach dem Sieg der Bolschewiki Ende 1917 schuf Dserschinski auf Veranlassung Lenins die Geheimpolizei Tscheka, deren Leiter er bis zu seinem Tod blieb. Am 5. September 1918 erhielt er nach dem fehlgeschlagenen Attentat Fanny Kaplans auf Lenin von diesem die Order, mit dem Roten Terror zu beginnen. Bis zu seinem Tode hatte Dserschinski verschiedene hohe Funktionen. Er blieb Chef der Tscheka, die nunmehr GPU genannt wurde, war bis 1921 Volkskommissar (Minister) fĂŒr Innere Angelegenheiten, dann bis 1923 Verkehrsminister. Als Vorsitzender des Obersten Wirtschaftssowjets leitete er seit 1924 den Aufbau vieler Wirtschaftsregionen der Sowjetunion. Dserschinski starb 1926 unmittelbar nach einer von ihm gehaltenen Rede vor dem Zentralkomitee an einem Herzinfarkt.

[188] Moissei Solomonowitsch Urizki (1873-1918) war ein russischer RevolutionĂ€r und Politiker. Er schloss sich wenige Monate vor der Oktoberrevolution den Bolschewiki an. Im Juli 1917 wurde Irizki in das Zentralkomitee der Bolschewiki gewĂ€hlt. WĂ€hrend der Oktoberrevolution spielte er dann eine wichtige Rolle bei der MachtĂŒbernahme durch die Bolschewiki. SpĂ€ter wurde er zum Leiter der Tscheka, der Geheimpolizei der Bolschewiki, in Petrograd ernannt. Am 30. August 1918 wurde Urizki von Leonid Kannegiesser, einem jungen Kadetten, der sich fĂŒr die Hinrichtung einiger Freunde und anderer Offiziere durch die Tscheka rĂ€chen wollte, in Petrograd erschossen.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org