MĂ€rz 19, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Emma Goldman: Trotzki protestiert zu viel

Herausgegeben von „The Anarchist Communist Federation“ in Glasgow, Schottland im Jahre 1938 unter dem Titel „Trotsky Protests Too Much“.

Einleitung.

Dieses Pamphlet entstand aus einem Artikel fĂŒr Vanguard, die in New York City erscheinende anarchistische Monatszeitschrift. Er erschien in der Juli-Ausgabe 1938, aber da der Platz in der Zeitschrift begrenzt ist, konnte nur ein Teil des Manuskripts verwendet werden. Er wird hier in ĂŒberarbeiteter und erweiterter Form wiedergegeben.

Leo Trotzki will, dass die Kritik an seiner Rolle in der KronstĂ€dter Tragödie nur dazu dient, seinem Todfeind Stalin zu helfen und ihn zu unterstĂŒtzen. Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass man den Wilden im Kreml und sein grausames Regime verabscheuen und dennoch Leo Trotzki nicht von dem Verbrechen an den Matrosen von Kronstadt freisprechen könnte. In Wahrheit sehe ich keinen merklichen Unterschied zwischen den beiden Protagonisten des wohlwollenden Systems der Diktatur, außer dass Leo Trotzki nicht mehr an der Macht ist, um seine Segnungen durchzusetzen, und Josef Stalin schon. Nein, ich halte nichts von dem gegenwĂ€rtigen Herrscher Russlands. Ich muss jedoch darauf hinweisen, dass Stalin nicht als Geschenk des Himmels auf das unglĂŒckliche russische Volk herabgekommen ist. Er setzt lediglich die bolschewistischen Traditionen fort, wenn auch auf eine unerbittlichere Art und Weise.

Der Prozess der Entfremdung der russischen Massen von der Revolution hatte fast unmittelbar nach dem Machtantritt Lenins und seiner Partei begonnen. Krasse Diskriminierung bei Verpflegung und Unterbringung, UnterdrĂŒckung jeglicher politischer Rechte, fortgesetzte Verfolgung und Verhaftungen waren schon frĂŒh an der Tagesordnung. Die SĂ€uberungen, die damals durchgefĂŒhrt wurden, betrafen zwar nicht die Parteimitglieder, doch auch Kommunisten halfen, die GefĂ€ngnisse und Konzentrationslager zu fĂŒllen. Ein Beispiel dafĂŒr ist die erste Arbeiteropposition, deren Basis schnell beseitigt und deren FĂŒhrer, Schlapnikow, zur „Erholung“ in den Kaukasus geschickt und Alexandra Kollontay unter Hausarrest gestellt wurden. Aber allen anderen politischen Gegner, darunter Menschewiki, SozialrevolutionĂ€re, Anarchisten, viele der liberalen Intelligenz und Arbeiter sowie Bauern, wurde in den Kellern der Tscheka kurzer Prozess gemacht oder sie wurden zum langsamen Tod in entfernte Teile Russlands und Sibiriens verbannt. Mit anderen Worten: Stalin hat weder die Theorie noch die Methoden erfunden, die die russische Revolution niedergeschlagen und dem russischen Volk neue Ketten angelegt haben.

Ich gebe zu, die Diktatur unter Stalins Herrschaft ist ungeheuerlich geworden. Das mindert jedoch nicht die Schuld von Leo Trotzki als einem der Akteure im revolutionÀren Drama, von dem Kronstadt eine der blutigsten Szenen war.

Leo Trotzki protestiert zu viel.

von Emma Goldman.

Ich habe zwei Nummern, Februar und April 1938, der New International, Trotzkis offizieller Zeitschrift, vor mir. Sie enthalten Artikel von John G. Wright, einem hundertprozentigen Trotzkisten, und dem Großmogul selbst, die vorgeben, eine Widerlegung der Anklagen gegen ihn in Bezug auf Kronstadt zu sein. Mr. Wright gibt lediglich das Echo seines Meisters wieder, und sein Material stammt in keiner Weise aus erster Hand oder aus persönlichem Kontakt mit den Ereignissen von 1921. Ich ziehe es vor, Leo Trotzki meinen Respekt zu zollen. Er hat zumindest das zweifelhafte Verdienst, an der „Liquidierung“ von Kronstadt beteiligt gewesen zu sein.

Es gibt jedoch mehrere sehr voreilige Falschbehauptungen in Wrights Artikel, die umgestoßen werden mĂŒssen. Ich werde dies daher sofort tun und mich danach mit seinem Meister befassen.

John G. Wright behauptet, dass Die Kronstadt Rebellion1 von Alexander Berkman „lediglich eine Wiederholung der angeblichen Tatsachen und Interpretationen der rechten SozialrevolutionĂ€re mit ein paar unbedeutenden Änderungen ist“–(entnommen aus „The Truth About Russia in Volya, Russia, Prague, 1921“).

Der Autor wirft Alexander Berkman weiter vor, „dreist zu sein, zu plagiieren und, wie es seine Gewohnheit ist, ein paar unbedeutende Änderungen vorzunehmen und die wirkliche Quelle dessen zu verbergen, was als seine eigene EinschĂ€tzung erscheint.“ Alexander Berkmans Leben und Werk haben ihn in die Reihe der grĂ¶ĂŸten revolutionĂ€ren Denker und KĂ€mpfer gestellt, ganz seinem Ideal verpflichtet. Diejenigen, die ihn gekannt haben, werden bezeugen, dass er in all seinen Handlungen von hoher QualitĂ€t war, ebenso wie seine IntegritĂ€t als ernsthafter Schriftsteller. Sie werden sicherlich amĂŒsiert sein, von Mr. Wright zu erfahren, dass Alexander Berkman ein „Plagiator“ und „dreist“ war und dass „seine Gewohnheit darin besteht, ein paar unbedeutende Änderungen vorzunehmen. 
“

Der durchschnittliche Kommunist, ob von der Marke Trotzki oder Stalin, weiß ungefĂ€hr so viel ĂŒber anarchistische Literatur und ihre Autoren, wie, sagen wir, der durchschnittliche Katholik ĂŒber Voltaire oder Thomas Paine weiß. Allein der Vorschlag, dass man wissen sollte, wofĂŒr seine Gegner stehen, bevor man sie beschimpft, wĂŒrde von der kommunistischen Hierarchie als Ketzerei abgetan werden. Ich glaube daher nicht, dass John G. Wright absichtlich ĂŒber Alexander Berkman lĂŒgt. Vielmehr denke ich, dass er schlichtweg ignorant ist.

Es war Alexander Berkmans lebenslange Gewohnheit, Tagebuch zu fĂŒhren. Sogar wĂ€hrend des vierzehnjĂ€hrigen Fegefeuers, das er im Western Penitentiary in den Vereinigten Staaten erduldet hatte, hatte Alexander Berkman es geschafft, sein Tagebuch zu fĂŒhren, das er mir sub rosa2 zukommen lassen konnte. Auf der S.S. „Buford“, die uns auf unserer langen, gefahrvollen Reise von 28 Tagen mitnahm, setzte mein Kamerad sein Tagebuch fort und er behielt diese alte Gewohnheit wĂ€hrend der 23 Monate unseres Aufenthalts in Russland bei.

Die GefĂ€ngnis-Erinnerungen eines Anarchisten, die von konservativen Kritikern sogar als vergleichbar mit Fjodor Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus eingestuft werden, wurden aus seinem Tagebuch gestaltet. Die Kronstadt Rebellion und sein Bolschewistischer Mythos sind ebenfalls das Ergebnis seiner tĂ€glichen Aufzeichnungen in Russland. Es ist daher dumm, zu behaupten, Berkmans BroschĂŒre ĂŒber Kronstadt sei „lediglich eine Wiederholung der angeblichen Fakten. 
“ aus dem in Prag erschienenen S.R.-Werk.

Von der Genauigkeit her gleichauf mit dieser Anklage gegen Alexander Berkman durch Wright ist seine Beschuldigung, mein alter Freund habe die Existenz von General Koslowski in Kronstadt geleugnet.

In Die Kronstadt Rebellion, Seite 15, steht: „Es gab tatsĂ€chlich einen ehemaligen General Koslowski in Kronstadt. Es war Trotzki, der ihn dort als Artilleriespezialist platziert hatte. Er spielte bei den KronstĂ€dter Ereignissen keinerlei Rolle.“ Dies wurde von keinem Geringeren als Sinowjew bestĂ€tigt, der sich damals noch auf dem Zenit seines Ruhms befand. Auf der außerordentlichen Sitzung des Petrograder Sowjets am 4. MĂ€rz 1921, die einberufen wurde, um ĂŒber das Schicksal von Kronstadt zu entscheiden, sagte Sinowjew: „NatĂŒrlich ist Koslowski alt und kann nichts mehr tun, aber die Weißen Offiziere stehen hinter ihm und fĂŒhren die Matrosen in die Irre.“ Alexander Berkman betonte jedoch die Tatsache, dass die Matrosen nichts von Trotzkis ehemaligem Lieblingsgeneral haben wollten, noch wĂŒrden sie das Angebot von Proviant und anderer Hilfe von Victor Tchernov, dem FĂŒhrer der Rechten S.R. in Paris (Sozialistische RevolutionĂ€re), annehmen.

Trotzkisten halten es zweifellos fĂŒr bĂŒrgerliche SentimentalitĂ€t, den verleumdeten Matrosen das Recht zuzugestehen, fĂŒr sich selbst zu sprechen. Ich bestehe darauf, dass diese Herangehensweise an den Gegner verdammenswerter Jesuitismus ist und mehr zur Zersetzung der gesamten Arbeiterbewegung beigetragen hat als alles andere von der „heiligen“ Taktik des Bolschewismus.

Damit der Leser in der Lage ist, zwischen der verbrecherischen Anklage gegen Kronstadt und dem, was die Matrosen fĂŒr sich selbst zu sagen hatten, zu entscheiden, gebe ich hier den Funkspruch an die Arbeiter der Welt vom 6. MĂ€rz 1921 wieder:–

„Unsere Sache ist gerecht: Wir stehen fĂŒr die Macht der Sowjets, nicht der Parteien. Wir stehen fĂŒr frei gewĂ€hlte Vertreter der werktĂ€tigen Massen. Die von der Kommunistischen Partei manipulierten Ersatzsowjets waren immer taub fĂŒr unsere BedĂŒrfnisse und Forderungen; die einzige Antwort, die wir je erhalten haben, war Schießen. 
 Genossen! Sie tĂ€uschen euch nicht nur, sie verdrehen absichtlich die Wahrheit und greifen zu den abscheulichsten Verleumdungen. 
 In Kronstadt liegt die ganze Macht ausschließlich in den HĂ€nden der revolutionĂ€ren Matrosen, Soldaten und Arbeiter – nicht bei den KonterrevolutionĂ€ren unter der FĂŒhrung eines gewissen Koslowski, wie euch das verlogene Moskauer Radio glauben machen will. 
 Zögert nicht, Genossen! Schließt euch uns an, nehmt Kontakt mit uns auf; verlangt fĂŒr eure Delegierten Einlass nach Kronstadt. Nur sie werden euch die ganze Wahrheit sagen und die teuflische Verleumdung ĂŒber das finnische Brot und die Angebote der Entente entlarven.

„Lang lebe das revolutionĂ€re Proletariat und die Bauernschaft!“

„Lang lebe die Macht der frei gewĂ€hlten Sowjets!“

Die Matrosen, die von Koslowski „gefĂŒhrt“ werden und doch die Arbeiter der Welt anflehen, Delegierte zu entsenden, damit sie sehen, ob an der schwarzen Verleumdung, die die Sowjetpresse gegen sie verbreitet, etwas Wahres ist!

Leo Trotzki ist ĂŒberrascht und entrĂŒstet, dass es jemand wagen sollte, ein solches Geschrei ĂŒber Kronstadt zu erheben. Immerhin ist es schon so lange her, tatsĂ€chlich sind siebzehn Jahre vergangen, und es war eine bloße „Episode in der Geschichte der Beziehung zwischen der proletarischen Stadt und dem kleinbĂŒrgerlichen Dorf.“ Warum sollte jemand zu diesem spĂ€ten Zeitpunkt so viel Aufhebens machen wollen, wenn nicht, um „die einzige echte revolutionĂ€re Strömung zu kompromittieren, die ihr Banner nie verworfen hat, die keine Kompromisse mit ihren Feinden eingegangen ist und die allein die Zukunft reprĂ€sentiert.“ Leo Trotzkis Egoismus, der bei seinen Freunden und Feinden weithin bekannt ist, war nie seine schwĂ€chste Stelle. Seit sein Todfeind ihn mit nichts geringerem als einem Zauberstab ausgestattet hat, hat seine Selbstherrlichkeit alarmierende Ausmaße angenommen.

Leo Trotzki ist empört, dass die Leute die Kronstadt „Episode“ wieder aufleben lassen und Fragen nach seiner Rolle stellen. Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass diejenigen, die ihn gegen seine Verleumder in Schutz genommen haben, das Recht haben zu fragen, welche Methoden er angewandt hat, als er an der Macht war, und wie er mit denen umgegangen ist, die sein Diktum nicht als die Wahrheit des Evangeliums unterschrieben haben. NatĂŒrlich war es lĂ€cherlich zu erwarten, dass er sich an die Brust schlagen und sagen wĂŒrde: „Auch ich war nur ein Mensch und habe Fehler gemacht. Auch ich habe gesĂŒndigt und habe meine BrĂŒder getötet oder befohlen, sie zu töten.“ Nur erhabene Propheten und Seher haben sich zu solchen Höhen des Mutes erhoben. Leo Trotzki gehört gewiss nicht zu ihnen. Im Gegenteil, er beansprucht weiterhin Allmacht in all seinen Handlungen und Urteilen und ruft Anathema3 auf die Köpfe all derer, die törichterweise andeuten, dass der große Gott Leo Trotzki auch FĂŒĂŸe aus Lehm hat.

Er verhöhnt die dokumentarischen Beweise, die von den KronstĂ€dter Matrosen hinterlassen wurden, und die Beweise derjenigen, die in Sicht- und Hörweite der schrecklichen Belagerung von Kronstadt waren. Er nennt sie „falsche Etiketten“. Das hindert ihn jedoch nicht daran, seinen Lesern zu versichern, dass seine ErklĂ€rung des KronstĂ€dter Aufstandes „durch viele Tatsachen und Dokumente untermauert und illustriert werden kann.“ Intelligente Menschen mögen sich fragen, warum Leo Trotzki nicht den Anstand hatte, diese „falschen Etiketten“ zu prĂ€sentieren, damit das Volk in der Lage ist, sich eine korrekte Meinung ĂŒber sie zu bilden.

Nun, es ist eine Tatsache, dass selbst kapitalistische Gerichte dem Angeklagten das Recht zugestehen, Beweise in seinem eigenen Namen vorzulegen. Nicht so Leo Trotzki, der Sprecher der einen und einzigen Wahrheit, er, der „sein Banner nie verworfen und niemals mit seinen Feinden Kompromisse geschlossen hat.“

Man kann diesen Mangel an Anstand bei John G. Wright verstehen. Er zitiert, wie ich bereits festgestellt habe, lediglich heilige bolschewistische Schriften. Aber dass eine Weltgestalt wie Leo Trotzki die Beweise der Matrosen zum Schweigen bringt, scheint mir auf einen sehr kleinen Charakter hinzudeuten. Das alte Sprichwort vom Leoparden, der seine Flecken wechselt, aber nicht sein Wesen, trifft zwangslĂ€ufig auf Leo Trotzki zu. Der Kalvarienberg, den er wĂ€hrend seiner Jahre des Exils durchlitten hat, der tragische Verlust derer, die ihm nahestanden und lieb waren, und, was noch ergreifender ist, der Verrat durch seine ehemaligen KampfgefĂ€hrten, haben ihn nichts gelehrt. Nicht ein Schimmer von menschlicher GĂŒte oder Sanftmut hat Trotzkis rĂŒcksichtslosen Geist beeinflusst.

Wie schade, dass das Schweigen der Toten manchmal lauter spricht als die Stimme der Lebenden. In Wahrheit haben die in Kronstadt erstickten Stimmen in diesen siebzehn Jahren an LautstÀrke zugenommen. Ist es aus diesem Grund, frage ich mich, dass Leo Trotzki sich an ihrem Klang stört?

Leo Trotzki zitiert Marx mit den Worten, „dass es unmöglich ist, entweder Parteien oder Menschen nach dem zu beurteilen, was sie ĂŒber sich selbst sagen.“ Wie erbĂ€rmlich, dass er nicht erkennt, wie sehr dies auf ihn zutrifft! Kein Mann unter den fĂ€higen bolschewistischen Schreibern hat es geschafft, sich so sehr in den Vordergrund zu stellen oder sich so unaufhörlich seines Anteils an der russischen Revolution und danach zu rĂŒhmen wie Leo Trotzki. Nach diesem Kriterium seines großen Lehrers mĂŒsste man alle Schriften Leo Trotzkis fĂŒr wertlos erklĂ€ren, was natĂŒrlich Unsinn wĂ€re.

Bei der Diskreditierung der Motive, die den KronstĂ€dter Aufstand bedingten, hĂ€lt Leo Trotzki Folgendes fest: „Von verschiedenen Fronten schickte ich Dutzende von Telegrammen ĂŒber die Mobilisierung neuer ‚zuverlĂ€ssiger‘ Truppenteile aus den Reihen der Petersburger Arbeiter und der Matrosen der Baltischen Flotte, aber schon 1918 und auf jeden Fall nicht spĂ€ter als 1919 begannen die Fronten sich zu beschweren, dass ein neues Kontingent von ‚KronstĂ€dtern‘ unbefriedigend, anspruchsvoll, undiszipliniert, unzuverlĂ€ssig im Kampf sei und mehr Schaden als Nutzen anrichte.“ Weiter, auf derselben Seite, klagt Trotzki an: „Als die VerhĂ€ltnisse im hungrigen Petrograd sehr kritisch wurden, erörterte das PolitbĂŒro mehr als einmal die Möglichkeit, eine ‚innere Anleihe‘ aus Kronstadt zu erhalten, wo noch eine Menge alter VorrĂ€te vorhanden war, aber die Delegierten der Petrograder Arbeiter antworteten: ‚Ihr werdet niemals etwas von ihnen durch Freundlichkeit bekommen; sie spekulieren mit Tuch, Kohle und Brot. Zur Zeit hat in Kronstadt jede Art von Gesindel sein Haupt erhoben.‘“ Wie sehr bolschewistisch ist das, seine Gegner nicht nur zu erschlagen, sondern auch ihren Charakter zu besudeln. Von Marx und Engels, Lenin, Trotzki bis Stalin war diese Methode immer die gleiche.

Nun maße ich mir nicht an, darĂŒber zu streiten, was die KronstĂ€dter Matrosen im Jahre 1918 oder 1919 waren. Ich habe Russland erst im Januar 1920 erreicht. Von da an bis zur „Liquidierung“ Kronstadts wurden die Matrosen der baltischen Flotte als das glorreiche Beispiel fĂŒr Tapferkeit und unerschrockenen Mut hochgehalten. Immer wieder wurde mir nicht nur von Anarchisten, Menschewiki und SozialrevolutionĂ€ren, sondern auch von vielen Kommunisten gesagt, dass die Matrosen das eigentliche RĂŒckgrat der Revolution seien. Am 1. Mai 1920 stellten die KronstĂ€dter Matrosen bei der Feier und den anderen Festlichkeiten, die fĂŒr die erste britische Arbeitsmission organisiert wurden, ein großes, sauberes Kontingent und wurden dann als unter den großen Helden hervorgehoben, die die Revolution vor Kerenski und Petrograd vor Judenitsch gerettet hatten. WĂ€hrend des Jahrestages des Oktobers waren die Matrosen wieder in den vordersten Reihen, und ihre Nachstellung der Einnahme des Winterpalastes wurde von einer dicht gedrĂ€ngten Masse wild bejubelt.

Ist es möglich, dass die fĂŒhrenden Mitglieder der Partei, außer Leo Trotzki, nichts von der Korruption und der von ihm behaupteten Demoralisierung Kronstadts wussten? Ich glaube es nicht. Außerdem bezweifle ich, dass Trotzki selbst diese Ansicht ĂŒber die KronstĂ€dter Matrosen bis MĂ€rz 1921 vertrat. Seine Geschichte muss also ein nachtrĂ€glicher Einfall sein, oder ist sie eine Rationalisierung, um die sinnlose „Liquidierung“ von Kronstadt zu rechtfertigen?

Zugegeben, das Personal hatte sich verĂ€ndert, aber es ist dennoch eine Tatsache, dass die KronstĂ€dter im Jahr 1921 weit von dem Bild entfernt waren, das Leo Trotzki und sein Echo gezeichnet haben. Tatsache ist, dass die Matrosen nur aufgrund ihrer tiefen Verwandtschaft und SolidaritĂ€t mit den Petrograder Arbeiterinnen und Arbeitern, deren Kraft, KĂ€lte und Hunger zu ertragen, in einer Reihe von Streiks im Februar 1921 den Bruchpunkt erreicht hatte, ihrem Schicksal entgegengingen. Warum haben Leo Trotzki und seine AnhĂ€nger dies nicht erwĂ€hnt? Wenn Wright es nicht weiß, dann weiß Leo Trotzki ganz genau, dass die erste Szene des KronstĂ€dter Dramas in Petrograd am 24. Februar inszeniert wurde, und zwar nicht von den Matrosen, sondern von den Streikenden. Denn an diesem Tag hatten die Streikenden ihrem angestauten Zorn ĂŒber die gefĂŒhllose GleichgĂŒltigkeit der MĂ€nner Luft gemacht, die von der Diktatur des Proletariats schwadroniert hatten, die lĂ€ngst zur gnadenlosen Diktatur der Kommunistischen Partei verkommen war.

Alexander Berkmans Eintrag in seinem Tagebuch dieses historischen Tages lautet:–

„Die Arbeiter der Trubotschny-MĂŒhle sind in den Streik getreten. Sie beschweren sich, dass die Kommunisten bei der Verteilung der Winterkleidung gegenĂŒber den Nicht-Parteimitgliedern ungebĂŒhrlich bevorzugt wurden. Die Regierung weigert sich, die Beschwerden zu berĂŒcksichtigen, bis die MĂ€nner zur Arbeit zurĂŒckkehren.

„Auf der Straße in der NĂ€he der MĂŒhlen versammelten sich Scharen von Streikenden, und Soldaten wurden geschickt, um sie zu zerstreuen. Es waren Kursanti, kommunistische Jugendliche von der MilitĂ€rakademie. Es gab keine Gewalt.

„Jetzt haben sich den Streikenden die MĂ€nner aus den Betrieben der AdmiralitĂ€t und der Kalernaja-Docks angeschlossen. Es gibt viel Unmut ĂŒber die arrogante Haltung der Regierung. Es wurde eine Straßendemonstration versucht, aber berittene Truppen unterdrĂŒckten sie.“

Nach dem Bericht ihres Komitees ĂŒber die tatsĂ€chliche Lage der Arbeiter in Petrograd taten die KronstĂ€dter Matrosen 1921, was sie 1917 getan hatten. Sie machten sofort gemeinsame Sache mit den Arbeitern. Die Rolle der Matrosen im Jahre 1917 wurde als der rote Stolz und Ruhm der Revolution gefeiert. Ihre identische Rolle im Jahre 1921 wurde vor der ganzen Welt als konterrevolutionĂ€rer Verrat angeprangert. NatĂŒrlich half Kronstadt 1917 den Bolschewiki in den Sattel. 1921 forderten sie eine Abrechnung fĂŒr die falschen Hoffnungen, die in den Massen geweckt wurden, und das große Versprechen, das gebrochen wurde, kaum dass sich die Bolschewiki in ihrer Macht verschanzt hatten. In der Tat ein abscheuliches Verbrechen. Die wichtige Phase dieses Verbrechens ist jedoch, dass Kronstadt nicht aus heiterem Himmel „gemeutert“ hat. Die Ursache dafĂŒr war tief im Leiden der russischen Arbeiter verwurzelt; des Stadtproletariats, wie auch der Bauernschaft.

Zwar versichert uns der ehemalige Kommissar, dass „die Bauern sich mit der Requisition als einem vorĂŒbergehenden Übel versöhnten“ und dass „die Bauern die Bolschewiki guthießen, aber den ‚Kommunisten‘ gegenĂŒber immer feindlicher wurden.“ Aber diese Behauptungen sind reine Fiktion, wie zahlreiche Beweise zeigen – nicht zuletzt die Liquidierung des Bauernsowjets, an dessen Spitze Maria Spiridonowa stand, und die Anwendung von Eisen und Feuer, um die Bauern zu zwingen, alle ihre Erzeugnisse, einschließlich ihres Getreides fĂŒr die FrĂŒhjahrsaussaat, aufzugeben.

In historischer Hinsicht hassten die Bauern das Regime fast von Anfang an, sicherlich von dem Moment an, als Lenins Losung „Beraubt die RĂ€uber“ in „Beraubt die Bauern zum Ruhme der kommunistischen Diktatur“ umgewandelt wurde. Deshalb waren sie in stĂ€ndigem Aufruhr gegen die bolschewistische Diktatur. Ein Beispiel dafĂŒr war der Aufstand der karelischen Bauern, der vom zaristischen General Slasttschew-Krimskij in Blut ertrĂ€nkt wurde. Wenn die Bauern so verliebt in das Sowjetregime waren, wie Leo Trotzki uns glauben machen will, warum war es dann notwendig, diesen schrecklichen Mann nach Karelien zu hetzen.

Er hatte von Anfang an gegen die Revolution gekĂ€mpft und einen Teil der Wrangel-Truppen auf der Krim angefĂŒhrt. Er hatte sich teuflischer Grausamkeiten an Kriegsgefangenen schuldig gemacht und war als Urheber von Pogromen berĂŒchtigt. Nun widerrief Slasttschew-Krimskij und kehrte in „sein Vaterland“ zurĂŒck. Dieser Erz-GegenrevolutionĂ€r und Judenhasser wurde zusammen mit mehreren zaristischen GenerĂ€len und Weißgardisten von den Bolschewiki mit militĂ€rischen Ehren empfangen. Zweifellos war es eine gerechte Vergeltung, dass der Antisemit dem Juden, Trotzki, seinem militĂ€rischen Vorgesetzten, salutieren musste. Aber fĂŒr die Revolution und das russische Volk war die triumphale RĂŒckkehr des Imperialisten ein Skandal.

Als Belohnung fĂŒr seine neugewonnene Liebe zum sozialistischen Vaterland wurde Slasttschew-Krimskij beauftragt, die karelischen Bauern niederzuschlagen, die Selbstbestimmung und bessere Bedingungen forderten.4

Leo Trotzki sagt uns, dass die KronstĂ€dter Matrosen 1919 ihren Proviant nicht durch „Freundlichkeit“ aufgegeben hĂ€tten. „Freundlichkeit“ – nicht, dass Freundlichkeit zu irgendeiner Zeit versucht worden wĂ€re. In der Tat existiert dieses Wort im bolschewistischen Jargon nicht. Doch hier sind diese demoralisierten Matrosen, die Spekulanten des Lumpenpacks usw., die sich 1921 auf die Seite des Stadtproletariats stellen, und ihre erste Forderung ist die nach Gleichstellung der Rationen. Wirklich, was fĂŒr Schurken diese KronstĂ€dter waren!

Von beiden Schriftstellern gegen Kronstadt wird viel aus der Tatsache gemacht, dass die Matrosen, die, wie wir betonen, den Aufstand nicht vorbereiteten, sondern sich am 1. MĂ€rz trafen, um Mittel und Wege zur UnterstĂŒtzung ihrer Petrograder Genossen zu besprechen, sich schnell zu einem Provisorischen Revolutionskomitee formierten. Die Antwort darauf gibt eigentlich John G. Wright selbst. Er schreibt: „Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die örtlichen Behörden in Kronstadt die Situation stĂŒmperhaft gehandhabt haben. 
 Es ist kein Geheimnis, dass Kalinin und Kommissar Kusmin von Lenin und seinen Kollegen nicht allzu hoch geschĂ€tzt wurden. 
 In dem Maße, in dem die örtlichen Behörden blind fĂŒr das volle Ausmaß der Gefahr waren oder es versĂ€umten, angemessene und wirksame Maßnahmen zur BewĂ€ltigung der Krise zu ergreifen, spielten ihre Fehler eine Rolle bei den sich entfaltenden Ereignissen. 
“

Die Behauptung, dass Lenin Kalinin oder Kusmin nicht hoch schĂ€tzte, ist leider ein alter Trick des Bolschewismus, alle Schuld auf irgendeinen StĂŒmper zu schieben, damit die Köpfe blĂŒtenrein bleiben können.

In der Tat haben die örtlichen Behörden in Kronstadt „gestĂŒmpert“. Kusmin griff die Matrosen bösartig an und drohte ihnen mit schlimmen Folgen. Die Matrosen wussten offensichtlich, was sie von solchen Drohungen zu erwarten hatten. Sie konnten nur ahnen, dass, wenn Kusmin und Wassiljew erlaubt wĂŒrde, auf freiem Fuß zu sein, ihr erster Schritt sein wĂŒrde, Waffen und VorrĂ€te aus Kronstadt zu entfernen. Das war der Grund, warum die Matrosen ihr Provisorisches RevolutionĂ€res Komitee bildeten. Ein zusĂ€tzlicher Faktor war auch die Nachricht, dass einem Komitee von 30 Matrosen, das zu Beratungen mit den Arbeitern nach Petrograd geschickt worden war, die RĂŒckkehr nach Kronstadt verweigert wurde, dass sie verhaftet und in die Tscheka gesteckt wurden.

Beide Autoren machen aus den auf der Versammlung vom 1. MĂ€rz verkĂŒndeten GerĂŒchten, dass eine Wagenladung schwer bewaffneter Soldaten auf dem Weg nach Kronstadt sei, einen Berg aus einem MaulwurfshĂŒgel. Wright hat offensichtlich nie unter einer luftdichten Diktatur gelebt. Ich schon. Wenn jeder Kanal des menschlichen Kontakts verschlossen ist, wenn jeder Gedanke auf sich selbst zurĂŒckgeworfen und jede Äußerung erstickt wird, dann schießen GerĂŒchte wie Pilze aus dem Boden und wachsen in erschreckende Dimensionen. Außerdem waren Lastwagenladungen von bis an die ZĂ€hne bewaffneten Soldaten und Tschekisten, die tagsĂŒber durch die Straßen fuhren, nachts ihre Netze auswarfen und ihre menschliche Beute zur Tscheka schleppten, ein hĂ€ufiger Anblick in Petrograd und Moskau wĂ€hrend der Zeit, als ich dort war. In der Spannung des Treffens nach Kusmins drohender Rede war es ganz natĂŒrlich, dass man GerĂŒchten Glauben schenkte.

Die Nachricht in der Pariser Presse ĂŒber den KronstĂ€dter Aufstand zwei Wochen, bevor er stattfand, war in der Kampagne gegen die Matrosen als positiver Beweis dafĂŒr hervorgehoben worden, dass sie Werkzeuge der imperialistischen Bande gewesen seien und dass in Paris tatsĂ€chlich eine Rebellion ausgebrĂŒtet worden sei. Es war zu offensichtlich, dass dieses Garn nur benutzt wurde, um die KronstĂ€dter in den Augen der Arbeiter zu diskreditieren.

In Wirklichkeit waren diese Vorabnachrichten wie andere Nachrichten aus Paris, Riga oder Helsingfors, die selten, wenn ĂŒberhaupt, mit dem ĂŒbereinstimmten, was von den konterrevolutionĂ€ren Agenten im Ausland behauptet worden war. Andererseits ereigneten sich in Sowjetrussland viele Ereignisse, die das Herz der Entente erfreut hĂ€tten und die sie nie zu erfahren bekamen – Ereignisse, die fĂŒr die russische Revolution weitaus schĂ€dlicher waren, verursacht durch die Diktatur der Kommunistischen Partei selbst. Zum Beispiel die Tscheka, die viele Errungenschaften des Oktobers untergrub und schon 1921 zu einer bösartigen Wucherung am Körper der Revolution geworden war, und viele andere Ă€hnliche Ereignisse, deren Behandlung hier zu weit fĂŒhren wĂŒrde.

Nein, die Vorabmeldungen in der Pariser Presse hatten keinerlei Einfluss auf den KronstĂ€dter Aufstand. TatsĂ€chlich glaubte 1921 niemand in Petrograd an diesen Zusammenhang, nicht einmal eine ganze Reihe von Kommunisten. Wie ich bereits festgestellt habe, ist John G. Wright lediglich ein treuer SchĂŒler von Leo Trotzki und daher ziemlich unschuldig an dem, was die meisten Leute innerhalb und außerhalb der Partei ĂŒber diese sogenannte „Verbindung“ dachten.

ZukĂŒnftige Historiker werden zweifellos die KronstĂ€dter „Meuterei“ in ihrem wirklichen Wert einschĂ€tzen. Wenn und sobald sie das tun, werden sie zweifellos zu dem Schluss kommen, dass der Aufstand nicht gĂŒnstiger hĂ€tte kommen können, wenn er absichtlich geplant gewesen wĂ€re.

Der wichtigste Faktor, der das Schicksal von Kronstadt bestimmte, war die N.E.P. (die Neue Ökonomische Politik). Lenin, der sich des betrĂ€chtlichen Widerstands in der Partei bewusst war, auf den dieses neumodische „revolutionĂ€re“ Projekt stoßen wĂŒrde, brauchte irgendeine bevorstehende Bedrohung, um die reibungslose und bereitwillige Annahme der N.E.P. sicherzustellen. Kronstadt kam da gerade recht. Die ganze erdrĂŒckende Propagandamaschine wurde sofort in Gang gesetzt, um zu beweisen, dass die Matrosen mit allen imperialistischen MĂ€chten und allen konterrevolutionĂ€ren Elementen im Bunde waren, um den kommunistischen Staat zu zerstören. Das funktionierte wie ein Wunder. Die N.E.P. wurde ohne Probleme durchgedrĂŒckt.

Die Zeit allein wird beweisen, welch furchtbare Kosten dieses Manöver verursacht hat. Die dreihundert Delegierten, die junge kommunistische BlĂŒte, die vom Parteitag zur Zerschlagung Kronstadts herbeigeeilt waren, waren nur eine Handvoll von den Tausenden, die mutwillig geopfert wurden. Sie gingen glĂŒhend im Glauben an die Kampagne der Verleumdung. Diejenigen, die am Leben blieben, erlebten ein böses Erwachen.

Ich habe eine Begegnung mit einem verwundeten Kommunisten in einem Krankenhaus in Meine EnttÀuschung aufgezeichnet. Sie hat in den Jahren danach nichts von ihrer SchÀrfe verloren:

„Viele der Verwundeten des Angriffs auf Kronstadt waren in dasselbe Krankenhaus gebracht worden, meist Kursanti. Ich hatte die Gelegenheit, mit einem von ihnen zu sprechen. Sein körperliches Leiden, sagte er, war nichts im Vergleich zu seinen seelischen Qualen. Zu spĂ€t habe er begriffen, dass er durch den Schrei von „Konterrevolution“ getĂ€uscht worden sei. Keine zaristischen GenerĂ€le, keine Weißgardisten in Kronstadt hatten die Matrosen angefĂŒhrt – er fand nur seine eigenen Genossen, Matrosen, Soldaten und Arbeiter, die heroisch fĂŒr die Revolution gekĂ€mpft hatten.“

Niemand, der bei Verstand ist, wird irgendeine Ähnlichkeit zwischen der N.E.P. und der Forderung der KronstĂ€dter Matrosen nach dem Recht auf freien Warenaustausch sehen. Die N.E.P. kam, um die schwerwiegenden Übel wieder einzufĂŒhren, die die Russische Revolution versucht hatte auszurotten. Der freie Austausch von Produkten zwischen den Arbeitern und den Bauern, zwischen Stadt und Land, verkörperte die eigentliche raison d’etre der Revolution. NatĂŒrlich waren „die Anarchisten gegen die N.E.P.“. Aber der freie Austausch, so hatte Sinowjew mir 1920 gesagt, „gehört nicht zu unserem Plan der Zentralisierung.“ Der arme Sinowjew konnte sich nicht vorstellen, was fĂŒr ein furchtbares Ungeheuer die Zentralisierung der Macht werden wĂŒrde.

Es ist die idĂ©e fixe der Zentralisierung der Diktatur, die schon frĂŒh die Stadt und das Dorf, die Arbeiter und die Bauern zu spalten begann, nicht, wie Leo Trotzki es sagen wird, weil „die einen proletarisch 
 und die anderen kleinbĂŒrgerlich sind“, sondern weil die Diktatur die Initiative sowohl des Stadtproletariats als auch der Bauernschaft gelĂ€hmt hatte.

Leo Trotzki lĂ€sst es so aussehen, als hĂ€tten die Petrograder Arbeiter schnell „den kleinbĂŒrgerlichen Charakter des KronstĂ€dter Aufstandes gespĂŒrt und sich deshalb geweigert, etwas mit ihm zu tun zu haben.“ Er lĂ€sst den wichtigsten Grund fĂŒr die scheinbare GleichgĂŒltigkeit der Petrograder Arbeiter aus. Es ist daher von Bedeutung, darauf hinzuweisen, dass die Kampagne der Verleumdung, LĂŒgen und Verleumdung gegen die Matrosen am 2. MĂ€rz 1921 begann. Die Sowjetpresse versprĂŒhte regelrecht Gift gegen die Matrosen. Die abscheulichsten Anschuldigungen wurden gegen sie erhoben, und dies wurde bis zur Liquidierung von Kronstadt am 17. MĂ€rz fortgesetzt. DarĂŒber hinaus wurde Petrograd unter Kriegsrecht gestellt. Mehrere Fabriken wurden geschlossen, und die so beraubten Arbeiterinnen und Arbeiter begannen, sich untereinander zu beraten. Im Tagebuch von Alexander Berkman finde ich folgendes:–

„Es finden viele Verhaftungen statt. Gruppen von Streikenden, die von Tschekisten auf dem Weg ins GefĂ€ngnis bewacht werden, sind ein hĂ€ufiger Anblick. Es herrscht große nervöse Spannung in der Stadt. Es wurden aufwendige Vorkehrungen getroffen, um die Regierungseinrichtung zu schĂŒtzen. Auf dem Astoria, den WohnhĂ€usern von Sinowjew und anderen prominenten Bolschewiki, sind Maschinengewehre aufgestellt. Offizielle Proklamationen befehlen die sofortige RĂŒckkehr der Streikenden in die Fabriken 
 und warnen die Bevölkerung davor, sich auf den Straßen zu versammeln.

„Das Verteidigungskomitee hat eine ‚SĂ€uberung der Stadt‘ eingeleitet. Viele Arbeiter, die verdĂ€chtigt werden, mit Kronstadt zu sympathisieren, wurden unter Arrest gestellt. Alle Petrograder Matrosen und ein Teil der Garnison, die als ‚unzuverlĂ€ssig‘ gelten, wurden an weit entfernte Punkte beordert, wĂ€hrend die Familien der KronstĂ€dter Matrosen, die in Petrograd leben, als Geiseln gehalten werden. Das Verteidigungskomitee teilte Kronstadt mit, dass ‚die Gefangenen als Pfand‘ fĂŒr die Sicherheit des Kommissars der Baltischen Flotte, N. N. Kusmin, des Vorsitzenden des KronstĂ€dter Sowjets, T. Wassilijew, und anderer Kommunisten gehalten werden. Wenn unseren Genossen der geringste Schaden zugefĂŒgt wird, werden die Geiseln mit ihrem Leben bezahlen.“

Unter diesen eisernen Regeln war es fĂŒr die Arbeiter von Petrograd physisch unmöglich, sich mit Kronstadt zu verbĂŒnden, zumal kein einziges Wort der von den Matrosen in ihrer Zeitung herausgegebenen Manifeste zu den Arbeitern in Petrograd durchdringen durfte. Mit anderen Worten: Leo Trotzki verfĂ€lscht absichtlich die Tatsachen. Die Arbeiter hĂ€tten sich mit Sicherheit auf die Seite der Matrosen gestellt, weil sie wussten, dass sie keine Meuterer oder KonterrevolutionĂ€re waren, sondern dass sie sich auf die Seite der Arbeiter gestellt hatten, wie es ihre Genossen schon 1905 und im MĂ€rz und Oktober 1917 getan hatten. Es ist daher eine grob kriminelle und bewusste Verleumdung des Andenkens der KronstĂ€dter Matrosen.

In der New International auf Seite 106, zweite Spalte, versichert Trotzki seinen Lesern, dass sich niemand, „wie wir beilĂ€ufig sagen dĂŒrfen, in jenen Tagen Gedanken ĂŒber die Anarchisten gemacht hat.“ Das stimmt leider nicht mit der unaufhörlichen Verfolgung der Anarchisten ĂŒberein, die 1918 begann, als Leo Trotzki die anarchistische Zentrale in Moskau mit Maschinengewehren liquidierte. Zu dieser Zeit begann der Prozess der Eliminierung der Anarchisten. Selbst jetzt, so viele Jahre spĂ€ter, sind die Konzentrationslager der Sowjetregierung voll mit den am Leben gebliebenen Anarchisten. Eigentlich vor dem KronstĂ€dter Aufstand, nĂ€mlich im Oktober 1920, als Leo Trotzki seine Meinung ĂŒber Machno wieder geĂ€ndert hatte, weil er seine Hilfe und seine Armee brauchte, um Wrangel zu liquidieren, und als er der Anarchistenkonferenz in Charkhov zustimmte, wurden mehrere hundert Anarchisten in ein Netz gezogen und in das Boutirka-GefĂ€ngnis verschleppt, wo sie ohne jede Anklage bis April 1921 festgehalten wurden, als sie zusammen mit anderen linken Politikern mitten in der Nacht gewaltsam abgefĂŒhrt und heimlich in verschiedene GefĂ€ngnisse und Konzentrationslager in Russland und Sibirien geschickt wurden. Aber das ist eine Seite der sowjetischen Geschichte fĂŒr sich. Worauf es in diesem Fall ankommt, ist, dass man sehr viel von den Anarchisten gehalten haben muss, sonst hĂ€tte es keinen Grund gegeben, sie zu verhaften und auf die alte zaristische Weise in entfernte Teile Russlands und Sibiriens zu verschiffen.

Leo Trotzki macht sich ĂŒber die Forderungen der Matrosen nach freien Sowjets lustig. Es war in der Tat naiv von ihnen zu denken, dass freie Sowjets Seite an Seite mit einer Diktatur leben können. TatsĂ€chlich hatten die freien Sowjets in einem frĂŒhen Stadium des kommunistischen Spiels aufgehört zu existieren, ebenso wie die Gewerkschaften und die Kooperativen. Sie waren alle an das Wagenrad der bolschewistischen Staatsmaschine angehĂ€ngt worden. Ich erinnere mich gut, wie Lenin mir mit großer Genugtuung sagte: „Dein großer alter Mann, Enrico Malatesta, ist fĂŒr unsere Sowjets.“ Ich beeilte mich zu sagen: „Du meinst freie Sowjets, Genosse Lenin. Auch ich bin fĂŒr sie.“ Lenin lenkte unser GesprĂ€ch auf etwas anderes. Aber ich fand bald heraus, warum es in Russland keine freien Sowjets mehr gab.

John G. Wright wird behaupten, dass es bis zum 22. Februar keine Unruhen in Petrograd gab. Das deckt sich mit seinem anderen Aufguss des „historischen“ Parteimaterials. Die Unruhe und Unzufriedenheit der Arbeiter war schon sehr ausgeprĂ€gt, als wir ankamen. In jedem Betrieb, den ich besuchte, fand ich extreme Unzufriedenheit und Unmut, weil die Diktatur des Proletariats in eine verheerende Diktatur der Kommunistischen Partei mit ihren unterschiedlichen Rationen und Diskriminierungen verwandelt worden war. Wenn die Unzufriedenheit der Arbeiter vor 1921 nicht ausgebrochen war, dann nur, weil sie sich noch zĂ€h an die Hoffnung klammerten, dass mit der Liquidierung der Fronten das Versprechen der Revolution erfĂŒllt werden wĂŒrde. Es war Kronstadt, das die letzte Seifenblase zerplatzen ließ.

Die Matrosen hatten es gewagt, sich an die Seite der unzufriedenen Arbeiter zu stellen. Sie hatten es gewagt zu fordern, dass das Versprechen der Revolution – alle Macht in den Sowjets – erfĂŒllt werden sollte. Die politische Diktatur hatte die Diktatur des Proletariats erschlagen. Das und nur das war ihr unverzeihliches Vergehen gegen den heiligen Geist des Bolschewismus.

In seinem Artikel hat Wright eine Fußnote auf Seite 49, zweite Spalte, in der er feststellt, dass Victor Serge in einem kĂŒrzlich erschienenen Kommentar zu Kronstadt „einrĂ€umt, dass die Bolschewiki, einmal mit der Meuterei konfrontiert, keine andere Möglichkeit hatten, als sie zu zerschlagen.“ Victor Serge ist jetzt nicht mehr an den gastfreundlichen Gestaden des „Vaterlandes“ der Arbeiter. Ich betrachte es daher nicht als Vertrauensbruch, wenn ich sage, dass, wenn Victor Serge diese ihm von John G. Wright unterstellte Aussage gemacht hat, er einfach nicht die Wahrheit sagt. Victor Serge war einer aus der französischen kommunistischen Sektion, der genauso verzweifelt und entsetzt ĂŒber das bevorstehende Gemetzel war, das von Leo Trotzki beschlossen wurde, um „die Matrosen wie Fasane zu erschießen“, wie Alexander Berkman, ich und viele andere RevolutionĂ€re. Er verbrachte jede freie Stunde damit, in unserem Zimmer auf und ab zu laufen, sich die Haare zu raufen, die FĂ€uste vor Empörung zu ballen und zu wiederholen, dass „etwas getan werden muss, etwas getan werden muss, um das schreckliche Massaker zu stoppen.“ Als er gefragt wurde, warum er als Parteimitglied in der Parteisitzung nicht seine Stimme zum Protest erhob, war seine Antwort, dass dies den Matrosen nicht helfen wĂŒrde und ihn fĂŒr die Tscheka und sogar fĂŒr das stille Verschwinden markieren wĂŒrde. Die einzige Entschuldigung fĂŒr Victor Serge war damals eine junge Frau und ein kleines Baby. Aber dass er jetzt, nach siebzehn Jahren, behauptet, dass „die Bolschewiki, einmal mit der Meuterei konfrontiert, keine andere Möglichkeit hatten, als sie zu zerschlagen“, ist, gelinde gesagt, unentschuldbar. Victor Serge weiß so gut wie ich, dass es in Kronstadt keine Meuterei gab, dass die Matrosen tatsĂ€chlich in keiner Weise von ihren Waffen Gebrauch gemacht haben, bis die Bombardierung Kronstadts begann. Er weiß auch, dass weder die verhafteten kommunistischen Kommissare noch irgendwelche anderen Kommunisten von den Matrosen angefasst wurden. Ich fordere daher Victor Serge auf, mit der Wahrheit herauszurĂŒcken. Dass er unter dem kameradschaftlichen Regime von Lenin, Trotzki und all den anderen UnglĂŒcklichen, die kĂŒrzlich ermordet wurden, in Russland bleiben konnte, im Bewusstsein all der Schrecken, die vor sich gehen, ist seine Sache, aber ich kann nicht schweigen angesichts der Anschuldigung gegen ihn, dass die Bolschewiki berechtigt waren, die Matrosen zu zerschlagen.

Leo Trotzki ist sarkastisch ĂŒber die Anschuldigung, er habe 1.500 Matrosen erschossen. Nein, er habe die blutige Arbeit nicht selbst getan. Er beauftragte Tuchatschewski, seinen Leutnant, die Matrosen „wie Fasane“ zu erschießen, wie er gedroht hatte. Tuchatschewski fĂŒhrte den Befehl bis zur letzten Konsequenz aus. Die Zahl stieg zu Legionen an, und diejenigen, die nach dem unaufhörlichen Angriff der bolschewistischen Artillerie ĂŒbrig blieben, wurden unter die Obhut von Dibenko gestellt, der fĂŒr seine Menschlichkeit und seine Gerechtigkeit berĂŒhmt war.

Tuchatschewski und Dibenko, die Helden und Retter der Diktatur! Die Geschichte scheint ihre eigene Art zu haben, Gerechtigkeit zu ĂŒben.

Leo Trotzki versucht einen Trumpf auszuspielen, wenn er fragt: „Wo und wann wurden ihre großen Prinzipien bestĂ€tigt, in der Praxis zumindest teilweise, zumindest in der Tendenz?“ Diese Karte, wie alle anderen, die er in seinem Leben schon gespielt hat, wird ihm das Spiel nicht gewinnen. In der Tat wurden die anarchistischen Prinzipien in der Praxis und in der Tendenz in Spanien bestĂ€tigt. Ich stimme zu, aber nur teilweise. Wie könnte das anders sein bei all den KrĂ€ften, die sich gegen die spanische Revolution verschworen haben? Die konstruktive Arbeit, die von der Nationalen Konföderation der Arbeit (C.N.T.) und der Anarchistischen Föderation von Iberien (F.A.I.) geleistet wird, ist etwas, woran das bolschewistische Regime in all den Jahren seiner Macht nie gedacht hat, und dennoch ragt die Kollektivierung der Industrien und des Landes als die grĂ¶ĂŸte Errungenschaft jeder revolutionĂ€ren Periode heraus. Außerdem, selbst wenn Franco gewinnen sollte und die spanischen Anarchisten ausgerottet werden, wird die Arbeit, die sie begonnen haben, weiterleben. Die anarchistischen Prinzipien und Tendenzen sind so tief im spanischen Boden verwurzelt, dass sie nicht ausgerottet werden können.

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Leo Trotzki, John G. Wright und die spanischen Anarchisten.

WĂ€hrend des vierjĂ€hrigen BĂŒrgerkriegs in Russland standen die Anarchisten fast geschlossen an der Seite der Bolschewiki, obwohl sie sich tĂ€glich mehr des bevorstehenden Zusammenbruchs der Revolution bewusst wurden. Sie fĂŒhlten sich verpflichtet, zu schweigen und alles zu vermeiden, was den Feinden der Revolution Hilfe und Beistand bringen wĂŒrde.

Gewiss kĂ€mpfte die russische Revolution gegen viele Fronten und viele Feinde, aber zu keiner Zeit waren die WiderstĂ€nde so erschreckend wie die, die dem spanischen Volk, den Anarchisten und der Revolution gegenĂŒberstehen. Die Bedrohung durch Franco, unterstĂŒtzt durch deutsche und italienische MannstĂ€rke und militĂ€rische AusrĂŒstung, der auf Spanien ĂŒbertragene Segen Stalins, die Verschwörung der imperialistischen MĂ€chte, der Verrat durch die sogenannten Demokratien und nicht zuletzt die Apathie des internationalen Proletariats, ĂŒberwiegen bei weitem die Gefahren, die die Russische Revolution umgaben. Was tut Trotzki im Angesicht einer solch schrecklichen Tragödie? Er schließt sich dem heulenden Mob an und stĂ¶ĂŸt seinen eigenen vergifteten Dolch in die VitalitĂ€t der spanischen Anarchisten in ihrer entscheidenden Stunde. Ohne Zweifel haben die spanischen Anarchisten einen schweren Fehler begangen. Sie haben es versĂ€umt, Leo Trotzki einzuladen, die Leitung der spanischen Revolution zu ĂŒbernehmen und ihnen zu zeigen, wie gut er in Russland Erfolg hatte, damit sich das Ganze auf spanischem Boden wiederholen kann. Das scheint sein Kummer zu sein.

[Die letzte Seite des Pamphlets enthĂ€lt eine Auflistung anarchistischer Pamphlete, die beim C.N.T.-F.A.I.-BĂŒro in London, England, und bei der Anarchist Communist Federation in Glasgow, Schottland, zu kaufen sind.]

 




Quelle: Panopticon.blackblogs.org