MĂ€rz 1, 2021
Von SchwarzerPfeil
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AnlÀsslich der 100. JÀhrung der Rebellion von Kronstadt und der spÀtestens damit einsetzenden staatlichen Verfolgung von Anarchist*innen durch das bolschewistische Regime im folgenden ein Augenzeugenbericht der Anarchistin Emma Goldman, sowie eine Schilderung der aus ihrer Sicht daraufhin verstÀrkt und umfassend einsetzenden Verfolgungswelle gegen Anarchist*innen.

Der Text folgt dabei der vor rund einem Jahr veröffentlichten deutschsprachigen Übersetzung von Emma Goldmans sehr viel umfassenderen Bericht My Disillusionment in Russia, sowie dessen zweitem Teil My Further Disillusionment in Russia, den sie nach ihrer Flucht aus Sowjetrussland ĂŒber ihre dort gemachten Erfahrungen veröffentlichte. Wer sich bisher kein gedrucktes Exemplar dieses Buches sichern konnte, findet zumindest eine PDF-Version online bei archive.org, sowie den gesamten Text auf der Anarchistischen Online-Bibliothek.


Kapitel 27: Kronstadt

Im Februar 1921 traten die Arbeiter*innen mehrerer Fabriken in Petrograd in den Streik. Der Winter war außergewöhnlich hart und die Menschen in der Stadt litten sehr unter der KĂ€lte, dem Hunger und der Erschöpfung. Sie baten um eine Erhöhung ihrer Nahrungsmittel-Rationen, etwas Brennstoff und Kleidung. Die von den AutoritĂ€ten ignorierten Beschwerden der Streikenden nahmen bald einen politischen Charakter an. Hier und da wurde auch die Forderung nach einer verfassungsgebenden Versammlung und freiem Handel laut. Der Versuch der Streikenden auf den Straßen zu demonstrieren wurde unterdrĂŒckt, die Regierung hatte die militĂ€rischen kursanti hinausbefohlen. Lisa Zorin, die von all den Kommunist*innen, die ich getroffen hatte, den Menschen am verbundensten geblieben war, war bei der Auflösung der Demonstration. Eine Frau wurde ĂŒber die BrutalitĂ€t des MilitĂ€rs so wĂŒtend, dass sie Lisa angriff. Letztere, getreu ihrer proletarischen Instinkte, rettete die Frau vor der Verhaftung und begleitete sie nach Hause. Dort fand sie die erschreckendsten ZustĂ€nde vor. In einem dunklen, feuchten Raum lebte eine Arbeiter*innenfamilie mit ihren sechs Kindern, halbnackt in der bitteren KĂ€lte. SpĂ€ter sagte Lisa zu mir: »Mir wurde ĂŒbel bei dem Gedanken, dass ich im Astoria lebte.« SpĂ€ter zog sie dort aus.

Als die KronstĂ€dter Matros*innen davon erfuhren, was in Petrograd gerade geschah, drĂŒckten sie ihre SolidaritĂ€t mit den ökonomischen und revolutionĂ€ren Forderungen der Streikenden aus, aber sie weigerten sich irgendeine Forderung nach einer verfassungsgebenden Versammlung zu unterstĂŒtzen. Am 1. MĂ€rz organisierten die Matros*innen eine Massenversammlung in Kronstadt, an der auch der Vorsitzende des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees, Kalinin[131] (der vorsitzende PrĂ€sident der Russischen Republik), der Kommandant der KronstĂ€dter Festung, Kusmin, und der Vorsitzende des KronstĂ€dter Sowjets, Wassiljew, teilnahmen. Das im Wissen des Exekutivkomitees des KronstĂ€dter Sowjets abgehaltene Treffen erließ eine Resolution, die von den Matros*innen, der Garnison und der BĂŒrger*innenversammlung von 16.000 Menschen verabschiedet wurde. Kalinin, Kusmin und Wassiljew sprachen sich gegen die Resolution aus, die spĂ€ter die Grundlage fĂŒr den Konflikt zwischen Kronstadt und der Regierung werden wĂŒrde. Sie enthielt die gĂ€ngige Forderung nach Sowjets, die vom Volk frei gewĂ€hlt werden wĂŒrden. Es macht Sinn, das vollstĂ€ndige Dokument abzudrucken, so dass die*der Leser*in in der Lage dazu ist, den wahren Charakter der Forderungen von Kronstadt zu bewerten. Die Resolution lautete:

Nachdem der Bericht der von der Generalversammlung der Schiffsmannschaften zur Untersuchung der Situation in Petrograd dahin entsandten Vertreter*innen gehört wurde, wurde folgendes beschlossen:

  1. Angesichts der Tatsache, dass die derzeitigen Sowjets nicht den Willen der Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen vertreten, das Abhalten sofortiger Neuwahlen durch geheime Abstimmungen, deren Wahlkampagnen im Vorfeld vollstĂ€ndige Agitationsfreiheit bei den Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen genießen,
  2. Die Wiederherstellung der Rede- und Pressefreiheit fĂŒr Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen, fĂŒr Anarchist*innen und linke sozialistische Parteien,
  3. Die Sicherung der Versammlungsfreiheit fĂŒr Gewerkschaften und BĂ€uer*innenorganisationen,
  4. Die Einberufung einer nicht-parteiischen Konferenz der Arbeiter*innen, Rote-Armee-Soldat*innen und Matros*innen von Petrograd, Kronstadt und der Petrograder Provinz bis spÀtestens 10. MÀrz 1921,
  5. Die Freilassung aller politischen Gefangenen sozialistischer Parteien, sowie von Arbeiter*innen, BĂ€uer*innen, Soldat*innen und Matros*innen, die im Zusammenhang mit Arbeiter*innen- und BĂ€uer*innenbewegungen verhaftet wurden,
  6. Die Bildung einer Kommission, die die FĂ€lle derer ĂŒberprĂŒft, die in GefĂ€ngnissen und Konzentrationslagern gefangen gehalten werden,
  7. Die Abschaffung aller politodeli[132], da keiner Partei besondere Privilegien in der Verbreitung ihrer Ideen gewĂ€hrt werden sollte und keine Partei finanzielle UnterstĂŒtzung der Regierung fĂŒr diese Zwecke erhalten sollte. Stattdessen sollten Kommissionen fĂŒr Bildung und Kultur gebildet werden, die lokal gewĂ€hlt und von der Regierung finanziert werden,
  8. Die sofortige Abschaffung aller zagryaditeliye otryadi[133],
  9. Die Angleichung aller Rationen derer, die arbeiten sollen, mit Ausnahme derer, die in Branchen beschÀftigt sind, die gesundheitsschÀdliche Auswirkungen haben,
  10. Die Abschaffung der kommunistischen Kampfabteilungen in allen Teilen der Armee, sowie der kommunistischen WĂ€rter*innen, die ihren Dienst in Minen und Fabriken leisten. Sollten solche WĂ€rter*innen oder MilitĂ€rabteilungen fĂŒr notwendig erachtet werden, können sie in der Armee von der Basis und in den Fabriken gemĂ€ĂŸ der Beurteilung der Arbeiter*innen geschaffen werden,
  11. Volle Handlungsfreiheit hinsichtlich ihres Lands fĂŒr die BĂ€uer*innen sowie das Recht Vieh zu halten, unter der Bedingung, dass die BĂ€uer*innen mit ihren eigenen Mitteln auskommen, das bedeutet, ohne Arbeiter*innen anzustellen,
  12. Alle Abteilungen der Armee, sowie unsere Genoss*innen, die militÀrischen kursanti[134], dazu aufzurufen, unsere Resolution zu unterzeichnen,
  13. Wir fordern, dass die Presse unseren Resolutionen die grĂ¶ĂŸte Aufmerksamkeit verschafft.
  14. Die Bildung einer Kontrollkommission fĂŒr Reisende,
  15. Die Erlaubnis fĂŒr freie kustarnoye[135] Produktion durch eigene BemĂŒhungen.

Am 4. MĂ€rz wĂŒrde sich der Petrograder Sowjet treffen und die allgemeine Wahrnehmung war, dass sich dabei das Schicksal Kronstadts entscheiden wĂŒrde. Trotzki wĂŒrde zu der Versammlung sprechen und ich hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, ihn in Russland zu hören. Ich war neugierig darauf, an der Versammlung teilzunehmen. Ich hatte mir noch keine feste Meinung zu Kronstadt gebildet. Ich konnte nicht glauben, dass die Bolschewiki die Geschichte ĂŒber General Koslowski als AnfĂŒhrer der Matros*innen bewusst erfunden haben sollten[136]. Ich erwartete, dass das Treffen des Sowjets die Angelegenheit aufklĂ€ren wĂŒrde.

Das Taurische Palais war ĂŒberfĂŒllt und ein Spezialkommando von kursanti bewachte die BĂŒhne. Die Stimmung war ziemlich angespannt. Alle warteten auf Trotzki. Aber als er um 10 Uhr noch nicht erschienen war, eröffnete Sinowjew die Versammlung. Er hatte noch keine Viertelstunde gesprochen, da war ich ĂŒberzeugt, dass er die Geschichte von Koslowski selbst nicht glaubte. »NatĂŒrlich ist Koslowski alt und nicht in der Lage etwas zu tun«, sagte er, »aber die weißen Offizier*innen stehen hinter ihm und tĂ€uschen die Matros*innen.« Seit Tagen hatten die sowjetischen Zeitungen General Koslowski als die treibende Kraft des »Aufstands« dargestellt. Kalinin, dem die Matros*innen erlaubt hatten, Kronstadt unbehelligt zu verlassen, tobte wie ein FischverkĂ€ufer. Er denunzierte die Matros*innen als KonterrevolutionĂ€re und sprach sich fĂŒr ihre sofortige Unterwerfung aus. Mehrere andere Kommunist*innen folgten seinem Beispiel. Als die Versammlung zur Diskussion ĂŒberging, verlangte ein Arbeiter der Petrograder Waffenfabrik das Wort. Er sprach mit großen Emotionen und erklĂ€rte furchtlos, die stĂ€ndigen Unterbrechungen ignorierend, dass die Arbeiter*innen von der Indifferenz der Regierung gegenĂŒber ihren Beschwerden zum Streik gezwungen worden seien und die KronstĂ€dter Matros*innen, weit davon entfernt KonterrevolutionĂ€r*innen zu sein, der Revolution dienen wĂŒrden. Er erinnerte Sinowjew daran, dass sich die bolschewistischen AutoritĂ€ten gegenĂŒber den Arbeiter*innen und Matros*innen so verhielten, wie damals die Kerenski-Regierung gegenĂŒber den Bolschewiki. »Damals wurdet ihr als KonterrevolutionĂ€r*innen und deutsche Agent*innen denunziert«, sagte er. »Wir, die Arbeiter*innen und Matros*innen, hielten zu euch und verhalfen euch zur Macht. Nun denunziert ihr uns und seid bereit uns mit Waffen anzugreifen. Denkt daran, dass ihr mit dem Feuer spielt.«

Daraufhin sprach ein Matrose. Er bezog sich auf die glorreiche revolutionĂ€re Vergangenheit Kronstadts, appellierte an die Kommunist*innen, sich nicht an einem Geschwistermord zu beteiligen und verlas die Resolution von Kronstadt, um die friedfertige Einstellung der Matros*innen zu beweisen. Aber die Stimmen dieser Söhne des Volkes trafen auf taube Ohren. Der Petrograder Sowjet, dessen GemĂŒter von der bolschewistischen Demagogie erregt waren, verabschiedete die Resolution Sinowjews, die Kronstadt unter Androhung seiner Vernichtung befahl, sich zu ergeben.

Die KronstĂ€dter Matros*innen waren immer die Ersten gewesen, die der Revolution gedient hatten. Sie hatten eine wichtige Rolle bei der Revolution von 1905 gespielt, sie waren 1917 in den ersten Reihen. Unter Kerenskis Regime riefen sie die Kommune von Kronstadt aus und begaben sich in Feindschaft zur Konstituierenden Versammlung. Sie waren die Vorhut der Oktoberrevolution gewesen. Im großen Kampf gegen Judenitsch leisteten die Matros*innen die kampfesstĂ€rkste Verteidigung von Petrograd und Trotzki lobte sie als »Stolz und Ruhm der Revolution.« Doch nun hatten sie es gewagt, ihre Stimme gegen die neuen Herrscher*innen Russlands zu erheben. Das war aus Sicht der Bolschewiki Hochverrat. Die Matros*innen von Kronstadt waren verdammt.

Petrograd war aufgebracht ĂŒber die Entscheidung des Sowjets, sogar einige der Kommunist*innen, besonders die der französischen Sektion, empfanden Empörung. Aber keine*r von ihnen hatte den Mut gegen das geplante Massaker zu protestieren, nicht einmal in Parteikreisen. Sobald die Resolution des Petrograder Sowjets bekannt wurde, versammelte sich eine Gruppe bekannter Literat*innen aus Petrograd, um sich darĂŒber zu beraten, ob mensch denn nichts gegen das geplante Verbrechen unternehmen könne. Jemand schlug vor, dass mensch Gorki bitte, Kopf eines Komitees zu sein, dass gegen die sowjetischen AutoritĂ€ten protestieren solle. Mensch hoffte, dass er seinem glorreichen Landsmann Tolstoi nacheifern wĂŒrde, der in seinem berĂŒhmten Brief an den Zaren seine Stimme gegen das furchtbare Massaker an den Arbeiter*innen erhoben hatte. Auch nun wurde eine solche Stimme benötigt und mensch hielt Gorki fĂŒr den richtigen Mann, um zu den jetzigen Zaren zu sprechen, sich zu besinnen. Aber die meisten Anwesenden bei der Versammlung verschmĂ€hten diese Idee. Gorki sei einer der Bolschewiki sagten sie, er wĂŒrde nichts tun. Mensch hĂ€tte sich bereits frĂŒher mehrmals an ihn gewandt, aber er hĂ€tte es abgelehnt zu intervenieren. Die Konferenz brachte keine Ergebnisse. Dennoch gab es einige Menschen in Petrograd, die nicht schweigen wollten. Sie sandten dem Sowjet der Verteidigung folgenden Brief:

An den Petrograder Sowjet der Arbeit und Verteidigung, Vorsitzender Sinowjew:

Es ist unmöglich, ja sogar kriminell, jetzt zu schweigen. Die jĂŒngsten Ereignisse veranlassen uns Anarchist*innen dazu, zu sprechen und unsere Haltung gegenĂŒber der aktuellen Situation zu erklĂ€ren.

Der Geist der Unruhe und Unzufriedenheit, der sich unter den Arbeiter*innen und Matros*innen breit gemacht hat, ist das Ergebnis von Ursachen, die unserer vollsten Aufmerksamkeit bedĂŒrfen. KĂ€lte und Hunger haben Unzufriedenheit geschaffen und die Ermangelung jeder Möglichkeit der Diskussion und Kritik zwingt die Arbeiter*innen und Matros*innen dazu, ihrem Unmut offen Luft zu machen.

Gruppen weißer Gardist*innen wĂŒnschen und könnten versuchen, diese Unzufriedenheit fĂŒr die Interessen ihrer eigenen Klasse auszunutzen. Indem sie sich hinter den Arbeiter*innen und Matros*innen verstecken, verwenden sie Formeln der Konstituierenden Versammlung, die Forderung nach freiem Handel und Ähnliches. Wir Anarchist*innen haben seit jeher die LĂŒgen dieser Forderungen enttarnt und wir erklĂ€ren vor der ganzen Welt, dass wir mit Waffengewalt gegen jeden Versuch des konterrevolutionĂ€ren Umsturzes zusammen mit allen Freund*innen der sozialen Revolution und Hand in Hand mit den Bolschewiki kĂ€mpfen werden.

Was den Konflikt zwischen der sowjetischen Regierung und den Arbeiter*innen und Matros*innen betrifft, sind wir der Meinung, dass er nicht durch Waffengewalt geklĂ€rt werden darf, sondern durch Kameradschaft, eine geschwisterliche revolutionĂ€re Vereinbarung. Die Zuflucht zum Blutvergießen auf Seiten der sowjetischen Regierung wird – in der gegebenen Situation – die Arbeiter*innen weder einschĂŒchtern noch zum Schweigen bringen. Im Gegenteil, es wird ZustĂ€nde nur noch verschlimmern und die Bande zwischen Entente[137] und der internen Konterrevolution stĂ€rken.

Schlimmer noch, der Einsatz von Gewalt gegen Arbeiter*innen und Matros*innen durch die Arbeiter*innen- und BĂ€uer*innen-Regierung wird einen rĂŒckschrittlichen Effekt auf die internationale revolutionĂ€re Bewegung haben und wird der Sozialen Revolution ĂŒberall unberechenbaren Schaden zufĂŒgen.

Genoss*innen Bolschewiki, besinnt euch, bevor es zu spĂ€t ist. Spielt nicht mit dem Feuer: Ihr seid dabei, einen Ă€ußerst schwerwiegenden und folgenreichen Schritt zu machen.

Wir schlagen euch hiermit folgendes vor: Lasst eine Kommission aus fĂŒnf Personen, darunter zwei Anarchist*innen, bilden. Die Kommission soll nach Kronstadt gehen, um den Konflikt auf friedlichem Weg zu klĂ€ren. In der gegebenen Situation ist das die radikalste Methode. Sie wĂ€re von internationaler revolutionĂ€rer Bedeutung.

Petrograd,

den 5. MĂ€rz 1921.

Alexander Berkman.

Emma Goldman.

Perkus.

Petrowski.

Aber dieser Protest wurde ignoriert.

Am 7. MĂ€rz begann Trotzki mit dem Bombardement Kronstadts und am 17. wurde die Festung und die Stadt nach zahlreichen Angriffen, die ein schreckliches menschliches Opfer forderten, eingenommen. So war Kronstadt »liquidiert« und die »konterrevolutionĂ€re Verschwörung« in Blut ertrĂ€nkt worden. Die »Eroberung« der Stadt zeichnete sich durch rĂŒcksichtslose Grausamkeit aus, obwohl nicht einer der von den KronstĂ€dter Matros*innen verhafteten Kommunist*innen von ihnen verletzt oder getötet worden war. Vor der ErstĂŒrmung der Festung richteten die Bolschewiki sogar kurzerhand zahlreiche Soldat*innen der Roten Armee hin, deren revolutionĂ€rer Geist und SolidaritĂ€t sie dazu brachte, sich zu weigern an dem Blutbad teilzunehmen.

Einige Tage nach dem »glorreichen Sieg« ĂŒber Kronstadt sagte Lenin auf dem Zehnten Kongress der Kommunistischen Partei Russlands: »Die Matros*innen wollten die KonterrevolutionĂ€r*innen nicht, aber uns wollten sie auch nicht.« Und – Ironie des Bolschewismus! – auf demselben Kongress setzte sich Lenin fĂŒr den freien Handel ein – ein reaktionĂ€rerer Schritt als jeder, der den KronstĂ€dter Matros*innen vorgeworfen worden war.

Zwischen dem 1. und dem 17. MĂ€rz wurden mehrere Regimente der Petrograder Garnison und alle Matros*innen des Hafens entwaffnet und in die Ukraine und den Kaukasus befehligt. Die Bolschewiki trauten ihnen in der Situation um Kronstadt nicht: Beim ersten psychologischen Moment könnten sie sich mit Kronstadt verbĂŒnden. TatsĂ€chlich hatten auch viele Rote Soldat*innen der Krasnaja Gorka und der umliegenden Garnisonen Sympathien fĂŒr Kronstadt und wurden unter Vorhaltung von Waffen gezwungen, die Matros*innen anzugreifen.

Am 17. MĂ€rz verkĂŒndete die kommunistische Regierung ihren »Sieg« ĂŒber das KronstĂ€dter Proletariat und am 18. MĂ€rz gedachte sie den MĂ€rtyrer*innen der Pariser Kommune. Allen, die stumme Zeug*innen der von den Bolschewiki begangenen GrĂ€ueltaten geworden waren, war klar, dass das Verbrechen gegen Kronstadt viel schlimmer als das Massaker der Kommunard*innen 1871 gewesen war, da es im Namen der Sozialen Revolution, im Namen der Sozialistischen Republik verĂŒbt worden war. Die Geschichte kann nicht getĂ€uscht werden. In den Annalen der Russischen Revolution werden die Namen Trotzkis, Sinowjews und Dybenkos[138] denen von Thiers[139] und Gallifet[140] hinzugefĂŒgt werden.

Siebzehn fĂŒrchterliche Tage, fĂŒrchterlicher als irgendetwas, das ich in Russland gesehen hatte. Qualvolle Tage, wegen meiner vollstĂ€ndigen Machtlosigkeit angesichts der furchtbaren Dinge, die sich vor meinen Augen abspielten. Es war just zu dieser Zeit, dass ich einen Freund besuchte, der monatelang Patient in einem Krankenhaus gewesen war. Er war Ă€ußerst verzweifelt. Viele derer, die beim Angriff auf Kronstadt verletzt worden waren, waren in dasselbe Krankenhaus eingeliefert worden, hauptsĂ€chlich kursanti. Ich hatte die Gelegenheit mit einem von ihnen zu sprechen. Sein physischer Zustand, sagte er, sei nichts im Vergleich zu seinen mentalen Höllenqualen. Er habe zu spĂ€t bemerkt, dass er von dem Geschrei von »Konterrevolution« ĂŒbertölpelt worden sei. Es habe keine zaristischen GenerĂ€le in Kronstadt gegeben, keine weißen Gardist*innen – er habe nur seine eigenen Kamerad*innen vorgefunden, Matros*innen und Soldat*innen, die heroisch fĂŒr die Revolution gekĂ€mpft hatten.

Die Rationen der gewöhnlichen Patient*innen in dem Krankenhaus waren alles andere als ausreichend, aber die verwundeten kursanti bekamen von allem das Beste und ein dafĂŒr gebildetes Komitee von Kommunist*innen war damit beauftragt worden, sich um ihr Wohlergehen zu kĂŒmmern. Einige der kursanti, darunter der Mann, mit dem ich gesprochen hatte, weigerten sich, die Privilegien anzunehmen. »Sie wollen uns fĂŒr Mord bezahlen«, sagten sie. Weil sie fĂŒrchteten, dass die gesamte Institution von diesen erwachten Opfern infiziert werden könnte, ordnete das Management an, sie in eine separate Station zu verlegen, die »Kommunistische Station«, wie die Patient*innen sie nannten.

Kronstadt sprengte die letzte Kette, die mich an die Bolschewiki gebunden hatte. Das schamlose Gemetzel, das sie angezettelt hatten, sprach deutlicher gegen sie als irgendetwas anderes. Was immer sie in der Vergangenheit vorgegeben hatten zu sein, stellten sich die Bolschewiki nun als die schÀdlichsten Feind*innen der Revolution heraus. Ich konnte nicht lÀnger irgendetwas mit ihnen zu tun haben.

Kapitel 28: Die Verfolgung der Anarchist*innen

In einem Land, das sich so umfassend in der Hand und unter Kontrolle des Staates befindet wie Russland, ist es beinahe unmöglich, ohne die »Gnade« der Regierung zu leben. Dennoch war ich entschlossen, den Versuch zu wagen. Ich wĂŒrde nichts von den mit dem Blut der tapferen KronstĂ€dter Matros*innen befleckten HĂ€nden annehmen, nicht einmal Brotrationen. GlĂŒcklicherweise hatte ich etwas Kleidung, die mir von einem Freund aus Amerika ĂŒberlassen worden war, die konnte ich gegen VorrĂ€te eintauschen. Ich hatte außerdem etwas Geld von meinen Leuten aus den Vereinigten Staaten erhalten. Das wĂŒrde mir eine Zeitlang erlauben zu leben.

In Moskau bezog ich ein kleines Zimmer, das einst von der Tochter Peter Kropotkins bewohnt worden war. Ab diesem Tag lebte ich wie tausende andere Russ*innen, schleppte Wasser, hackte Holz, wusch und kochte, und das alles in meinem kleinen Zimmer. Aber ich fĂŒhlte mich dadurch freier und besser.

Die Neue Ökonomische Politik[141] verwandelte Moskau in einen gewaltigen Marktplatz. Handel wurde zur neuen Religion. LĂ€den und GeschĂ€fte tauchten ĂŒber Nacht auf und waren mysteriöserweise mit Köstlichkeiten gefĂŒllt, die mensch in Russland seit Jahren nicht gesehen hatte. Große Mengen an Butter, KĂ€se und Fleisch wurden zum Verkauf angeboten, mensch konnte GebĂ€ck, seltene FrĂŒchte und SĂŒĂŸigkeiten jeder Art kaufen. Im GebĂ€ude des Ersten Hauses der Sowjets hatte eines der grĂ¶ĂŸten GebĂ€ckgeschĂ€fte eröffnet. MĂ€nner, Frauen und Kinder standen mit verkniffenen Gesichtern und hungrigen Augen davor, starrten in die Schaufenster und sprachen ĂŒber das große Wunder: Was bis gestern noch als ein abscheuliches Verbrechen gegolten hatte, wurde nun vor ihren Aufen offen und legal zur Schau gestellt. ZufĂ€llig hörte ich, wie ein*e Rote*r Soldat*in sagte: »Und dafĂŒr haben wir die Revolution gemacht? DafĂŒr mussten unsere Genoss*innen sterben?« Die Parole »Beraubt die RĂ€uber*innen« hatte sich jetzt in »Respektiert die RĂ€uber*innen« verwandelt und wieder wurde die Heiligkeit des Privateigentums ausgerufen.

Russland kehrte dadurch schrittweise zu den sozialen ZustĂ€nden zurĂŒck, die die Revolution zerstört hatte. Aber die RĂŒckkehr zum Kapitalismus verĂ€nderte die Einstellung der Bolschewiki gegenĂŒber den linken Elementen keineswegs. Bourgeoise Ideen und Praktiken wurden gefördert, um das industrielle Leben Russlands zu entwickeln, aber revolutionĂ€re Tendenzen wurden unterdrĂŒckt wie zuvor.

In Verbindung mit Kronstadt kam es zu allgemeinen Razzien gegen Anarchist*innen in Petrograd und Moskau. Die GefĂ€ngnisse wurden mit diesen Opfern gefĂŒllt. Beinahe jede*r bekannte Anarchist*in war verhaftet worden und die anarchistischen BuchlĂ€den und Druckereien von »Golos Truda«[142] wurden in beiden StĂ€dten von der Tscheka versiegelt. Die ukrainischen Anarchist*innen, die am Abend der Konferenz in Charkiw verhaftet worden waren (obwohl ihnen durch die Vereinbarung der Bolschewiki mit Machno ImmunitĂ€t zugesichert worden war), wurden nach Moskau gebracht und dort in die Butyrka verlegt, sodass dieses GefĂ€ngnis der Romanows wieder seinem alten Zweck diente – ja sogar einige der einst dort inhaftierten RevolutionĂ€r*innen saßen wieder darin. Bald wurde bekannt, dass die politischen Gefangenen in der Butyrka von der Tscheka brutal misshandelt und heimlich zu unbekannten Orten deportiert worden waren. Moskau war sehr aufgebracht ĂŒber dieses Wiederaufleben der schlimmsten GefĂ€ngnispraktiken des Zarismus. Der Moskauer Sowjet fĂŒhrte Befragungen zu diesem Thema durch und die Empörung der Abgeordneten war so groß, dass der*die Vertreter*in der Tscheka von der BĂŒhne geschrieen wurde. Einige anarchistische Gruppen aus Moskau sandten einen energischen Protestbrief an die AutoritĂ€ten, den ich hier in Teilen wiedergeben möchte:

Die unterzeichnenden anarcho-syndikalistischen Organisationen drĂŒcken hiermit nach einer sorgfĂ€ltigen Untersuchung der Situation, die jĂŒngst durch die Verfolgung von Anarchist*innen in Moskau, Petrograd, Charkiw und anderen StĂ€dten Russlands und der Ukraine entstanden ist, und die unter anderem in der gewaltsamen UnterdrĂŒckung anarchistischer Organisationen, Clubs, Publikationen, usw. besteht, ihren entschlossenen und energischen Protest ĂŒber diese despotische Vernichtung von nicht nur agitatorischen und propagandistischen AktivitĂ€ten, sondern sogar aller rein kulturellen Arbeit anarchistischer Organisationen aus.

Die systematische Menschenjagd auf Anarchist*innen im Allgemeinen und auf Anarcho-Syndikalist*innen im Besonderen, mit dem Resultat, dass jedes GefĂ€ngnis im sowjetischen Russland mit unseren Genoss*innen gefĂŒllt ist, deckt sich zeitlich und inhaltlich mit Lenins Rede auf dem Zehnten Kongress der russischen Kommunistischen Partei. Bei dieser Gelegenheit verkĂŒndete Lenin, dass denen, die er »kleinbĂŒrgerliche anarchistische Elemente« nannte und die sich ihm zufolge wegen der »anarcho-syndikalistischen Tendenzen der Arbeiter*innenopposition« selbst innerhalb der Kommunistischen Partei ausbreiten wĂŒrden, der gnadenloseste Krieg erklĂ€rt werden mĂŒsse. Am gleichen Tag, an dem Lenin die oben ausgefĂŒhrten Aussagen von sich gab, wurden im ganzen Land zahlreiche Anarchist*innen ohne jeden Grund oder ErklĂ€rung verhaftet. Gegen keine*n der eingesperrten Genoss*innen konnten irgendwelche VorwĂŒrfe erhoben werden, obwohl einige von ihnen bereits ohne Anhörung oder Prozess und in Abwesenheit zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind. Die Bedingungen ihrer Haft sind außergewöhnlich niedertrĂ€chtig und brutal. Einer der Eingesperrten, Genosse Maximoff[143], wurde dadurch, nach vielen vergeblichen Beschwerden gegen die unglaublichen unhygienischen ZustĂ€nde, in denen er gezwungen wurde zu leben, zum einzigen Mittel des Protests, das ihm noch blieb, getrieben – zu einem Hungerstreik. Ein anderer Genosse, Jartschuk, der nach sechs Tagen Haft entlassen worden war, wurde kurz darauf erneut verhaftet, ohne dass ihm irgendetwas vorgeworfen werden konnte.

Wir haben aus einer verlĂ€sslichen Quelle erfahren, dass einige der inhaftierten Anarchist*innen in das GefĂ€ngnis von Samara[144] gebracht werden sollen, weit entfernt von zu Hause und von Freund*innen, und so auch noch der kleinen kamaradschaftlichen Hilfe, die sie nĂ€her an ihrer Heimat erhalten hĂ€tten können, beraubt werden. Eine große Zahl anderer Genoss*innen sah sich durch die furchtbaren Bedingungen ihrer Haft gezwungen in Hungerstreik zu treten. Eine*r von ihnen ist nach zwölf Tagen des Hungers gefĂ€hrlich erkrankt.

Sogar physische Gewalt wird unseren Genoss*innen im GefĂ€ngnis angetan. Die Stellungnahme der Anarchist*innen im Butyrka-GefĂ€ngnis, die von achtunddreißig Genoss*innen unterzeichnet wurde und am 16. MĂ€rz an das Exekutivkomitee der Allrussischen Außerordentlichen Komission gesandt wurde, enthĂ€lt neben anderen Dingen folgende Aussage: »Am 15. MĂ€rz wurde der Genosse T. Kashirin in Anwesenheit des GefĂ€ngnisdirektors Dukis im GefĂ€ngnis der Spezialabteilung der Außerordentlichen Kommission von Ihrem Agenten Mago und seinen Helfer*innen brutal angegriffen und zusammengeschlagen.«

Neben den umfassenden Verhaftungen unserer Genoss*innen und der physischen Gewalt ihnen gegenĂŒber fĂŒhrt die Regierung einen systematischen Krieg gegen unsere Bildungsarbeit. Sie hat zahlreiche unserer Clubs sowie das Moskauer BĂŒro des Verlags der anarcho-syndikalistischen Organisation Golos Truda geschlossen. Eine Ă€hnliche Menschenjagd fand am 15. MĂ€rz in Petrograd statt. Zahlreiche Anarchist*innen wurden ohne Grund verhaftet, die Druckerei von Golos Truda wurde geschlossen und ihre Arbeiter*innen eingesperrt. Gegen die verhafteten Genoss*innen wurden keine VorwĂŒrfe erhoben, dennoch befinden sich alle noch immer hinter Gittern.

Diese unertrĂ€glichen autokratischen Taktiken der Regierung gegenĂŒber den Anarchist*innen sind unbestreitbar das Ergebnis der allgemeinen Politik des ausschließlich unter der Kontrolle der Kommunistischen Partei befindlichen bolschewistischen Staates gegenĂŒber Anarchismus, Syndikalismus und ihren AnhĂ€nger*innen.

Dieser Zustand zwingt uns dazu, laut gegen die beunruhigende und brutale UnterdrĂŒckung der anarchistischen Bewegung durch die bolschewistische Regierung zu protestieren. Hier in Russland ist unsere Stimme nur schwach. Sie ist erstickt. Die Politik der herrschenden Kommunistischen Partei dient dazu, absolut jede Möglichkeit oder BemĂŒhung anarchistischer AktivitĂ€ten oder Propaganda zu zerstören. Die Anarchist*innen in Russland werden daher in den Zustand eines vollstĂ€ndigen moralischen Hungerstreiks gezwungen, da die Regierung uns selbst die Möglichkeit raubt, die PlĂ€ne und Projekte umzusetzen, die sie selbst erst kĂŒrzlich versprach zu unterstĂŒtzen.

Weil wir die Richtigkeit unseres anarchistischen Ideals und die dringende Notwendigkeit seiner Anwendung auf unser Leben klarer als jemals zuvor erkannt haben, sind wir davon ĂŒberzeugt, dass das revolutionĂ€re Proletariat der ganzen Welt auf unserer Seite steht.

Nach der Februarrevolution sind russische Anarchist*innen aus allen LĂ€ndern nach Russland zurĂŒckgekehrt, um sich revolutionĂ€ren AktivitĂ€ten zu widmen. Die Bolschewiki haben den anarchistischen Slogan »Die Fabriken fĂŒr die Arbeiter*innen, das Land fĂŒr die BĂ€uer*innen« ĂŒbernommen und damit die Sympathien der Anarchist*innen gewonnen. Sie sahen in den Bolschewiki Verfechter*innen der sozialen und ökonomischen Revolution und verbĂŒndeten sich mit ihnen.

WĂ€hrend der Oktoberperiode arbeiteten die Anarchist*innen Hand in Hand mit den Kommunist*innen zusammen und kĂ€mpften Seite an Seite mit ihnen, um die Revolution zu verteidigen. Dann kam der Vertrag von Brest-Litowsk, den viele Anarchist*innen als Verrat an der Revolution betrachteten. Es war fĂŒr sie das erste Warnsignal dafĂŒr, dass an den Bolschewiki irgendetwas faul war. Aber Russland war noch immer der Intervention aus dem Ausland ausgesetzt und die Anarchist*innen hatten das GefĂŒhl, dass sie weiterhin zusammen gegen den gemeinsamen Feind kĂ€mpfen mussten.

Im April 1918 folgte ein weiterer Schlag. Auf Befehl Trotzkis wurde das anarchistische Hauptquartier in Moskau mit Artillerie angegriffen, wobei zahlreiche Anarchist*innen verwundet wurden, eine große Anzahl verhaftet und alle anarchistischen AktivitĂ€ten »liquidiert.« Diese vollkommen unerwartete Gewalttat entfremdete die Anarchist*innen weiter von der herrschenden Partei. Dennoch stand die Mehrheit von ihnen weiterhin an der Seite der Bolschewiki: Sie hatten trotz der inneren Verfolgung das GefĂŒhl, dass sie den konterrevolutionĂ€ren KrĂ€ften in die HĂ€nde spielen wĂŒrden, wenn sie sich gegen die Bolschewiki wenden wĂŒrden. Die Anarchist*innen beteiligten sich an jeder sozialen, Bildungs- und ökonomischen Anstrengung, sie arbeiteten sogar in den militĂ€rischen Einheiten, um Russland zu helfen. In der Roten Garde[145], den Freiwilligenbataillonen und spĂ€ter in der Roten Armee, als Organisator*innen und Verwalter*innen von Fabriken und LĂ€den, als Leiter*innen der Brennstoff-BĂŒros, als Lehrer*innen – Überall ĂŒbernahmen die Anarchist*innen schwierige und verantwortungsvolle Ämter. Aus ihren Reihen kamen einige der fĂ€higsten MĂ€nner[146], die mit Tschitscherin und Kharakan im AuswĂ€rtigen Amt arbeiteten, in den verschiedenen PressebĂŒros, als bolschewistische Diplomat*innen in Turkestan, Buchara und der Fernöstlichen Republik. In ganz Russland arbeiteten Anarchist*innen im Glauben, dass sie dadurch der Revolution dienen wĂŒrden, mit und fĂŒr die Bolschewiki. Aber die Hingabe und der Eifer der Anarchist*innen hielt die Kommunist*innen nicht davon ab, die anarchistische Bewegung erbarmungslos zu verfolgen.

Die seltsame allgemeine Situation und die Begriffsverwirrung, die vom bolschewistischen Experiment in allen revolutionĂ€ren Kreisen geschaffen wurde, teilte die anarchistischen KrĂ€fte Russlands in mehrere Fraktionen und schwĂ€chte dadurch ihren Einfluss auf den Verlauf der Revolution. Es gab einige Gruppen, die alle getrennt und vergeblich gegen die furchtbare Maschine kĂ€mpften, die sie selbst geschaffen hatten. In dem dichten politischen Nebel verloren viele ihren Orientierungssinn: Sie konnten nicht zwischen Bolschewiki und Revolution unterscheiden. In ihrer Verzweiflung wurden einige Anarchist*innen in den Untergrund getrieben, so wie sie es wĂ€hrend des Zarenregimes gewesen waren. Aber solche AktivitĂ€ten waren unter den neuen Herrscher*innen schwieriger und gefĂ€hrlicher und sie öffneten auch den finsteren Machenschaften von Provokateur*innen die TĂŒr. Die grĂ¶ĂŸeren anarchistischen Organisationen wie die Nabat in der Ukraine, Golos Truda in Petrograd und Moskau und die Gruppe Wolny Trud – von denen letztere beiden der anarcho-syndikalistischen Stömung angehören – setzten ihre Arbeit so gut sie konnten offen fort.

UnglĂŒchlicherweise, ebenso wie unvermeidbar unter diesen UmstĂ€nden, fanden einige böse Geister Zugang zu den anarchistischen Reihen – Treibholz, das von der revolutionĂ€ren Flut angespĂŒlt worden war. Sie waren Typen, fĂŒr die die Revolution nur Zerstörung bedeutete[147], gelegentlich sogar zum eigenen Vorteil. Sie gingen zwielichtigen TĂ€tigkeiten nach und verwandelten sich oft in VerrĂ€ter*innen und schlossen sich der Tscheka an, wenn sie verhaftet und ihre Leben bedroht wurden. Besonders in Charkiw und Odessa gedieh diese giftige Saat. Die Gesamtheit der Anarchist*innen waren die Ersten, die sich gegen dieses PhĂ€nomen engagierten. Die Bolschewiki, die immer daran interessiert waren, sich die Dienste der anarchistischen Wracks zu sichern, verdrehten systematisch die Fakten. Sie verleumdeten, verfolgten und jagten die anarchistische Bewegung als Ganze. Es war dieser Verrat und Despotismus der Kommunist*innen, der dazu fĂŒhrte, dass eine Bombe in die Versammlung der Moskauer Sektion der Kommunistischen Partei im September 1919 geworfen wurde. Es war ein Akt des Protests, an dem sich Mitglieder der verschiedenen politischen Strömungen beteiligten. Die anarchistischen Organisationen Golos Truda und Wolny Trud aus Moskau verurteilten solche Methoden öffentlich, aber die Regierung antwortete mit Repressalien gegen alle Anarchist*innen. Dennoch, trotz ihrer bitteren Erfahrungen und dem Martyrium unter dem bolschewistischen Regime, klammerten sich die meisten Anarchist*innen beharrlich an die Hand, die sie erschlug. Es bedurfte der GrĂ€ueltaten gegenĂŒber Kronstadt, um sie von dem hypnotischen Bann des bolschewistischen Aberglaubens zu erwecken.

Macht korrumpiert und Anarchist*innen bilden da keine Ausnahme. Mensch muss zugeben, dass bestimmte anarchistische Elemente davon zersetzt wurden, die groĂŸĂ© Mehrheit jedoch bewahrte ihre IntegritĂ€t. Weder die Verfolgung durch die Bolschewiki noch die oft versuchte Bestechung mit guten Positionen und all ihren Sonderprivilegien hatten Erfolg darin, die große Masse der Anarchist*innen von ihren Idealen zu entfremden. Deshalb wurden sie kontinuierlich schikaniert und eingekerkert. Ihr Dasein in den GefĂ€ngnissen war eine ununterbrochene Qual: In den meisten herrschte noch immer das alte Regime und nur die kollektiven KĂ€mpfe der Gefangenen hatten gelegentlich Erfolg darin, Reformen und Verbesserungen zu erzwingen. Daher bedurfte es wiederholter »Hemmnisse« und Hungerstreiks in der Butyrka, bevor die AutoritĂ€ten zu ZugestĂ€ndnissen gezwungen werden konnten. Den politischen Gefangenen gelang es, eine Art UniversitĂ€t zu grĂŒnden, VortrĂ€ge zu organisieren und Besuche und Nahrungsmittelpakete zu empfangen. Aber die Tscheka missbilligte derartige »Freiheiten«. Plötzlich, ohne jede Vorwarnung, wurde der angemessenen[148] Behandlung ein Ende gesetzt, die Butyrka wurde gerazzt und die mehr als 400 Gefangenen, die verschiedenen revolutionĂ€ren FlĂŒgeln angehörten, wurden gewaltsam aus ihren Zellen geholt und in andere Strafanstalten verlegt. Ein Brief aus dieser Zeit, datiert auf den 27. April, von einem der Opfer lautet:

Konzentrationslager von Rjasan.

In der Nacht des 25. April wurden wir von Roten Soldat*innen und bewaffneten Tschekist*innen angegriffen, uns wurde befohlen uns anzuziehen und uns darauf vorzubereiten, die Butyrka zu verlassen. Einige der politischen Gefangenen, die befĂŒrchteten, dass sie exekutiert werden wĂŒrden, weigerten sich zu gehen und wurden heftigst zusammengeschlagen. Besonders die Frauen wurden misshandelt, einige von ihnen wurden an ihren Haaren die Stufen hinuntergeschleift. Viele haben ernsthafte Verletzungen erlitten. Ich selbst wurde so heftig zusammengeschlagen, dass sich mein ganzer Körper wie eine einzige Wunde anfĂŒhlt. Wir wurden mit Gewalt in unseren SchlafanzĂŒgen hinausbefördert und in Waggons geworfen. Die Genoss*innen in unserer Gruppe wussten nichts ĂŒber den Aufenthaltsort der ĂŒbrigen politischen Gefangenen, darunter Menschewiki, SozialrevolutionĂ€r*innen, Anarchist*innen und Anarcho-Syndikalist*innen.

Zehn von uns, darunter Fanya Baron, wurden hierher gebracht.[149] Die ZustĂ€nde in diesem GefĂ€ngnis sind unertrĂ€glich. Kein Freigang, keine frische Luft, das Essen ist knapp und verdreckt, ĂŒberall sind furchtbarer Dreck, Bettwanzen und LĂ€use. Wir beabsichtigen in einen Hungerstreik fĂŒr bessere Behandlung zu treten. Gerade wurde uns gesagt, dass wir unsere Sachen packen sollen. Sie werden uns wieder verlegen. Wohin wissen wir nicht.

[Unterzeichnet] T.

Als die UmstĂ€nde der Razzien in der Butyrka bekannt wurden, hielten die Student*innen der Moskauer UniversitĂ€t eine Protestversammlung ab und verabschiedeten Resolutionen, die die GrĂ€ueltaten verurteilten. Daraufhin wurden die AnfĂŒhrer*innen der Student*innen verhaftet und die UniversitĂ€t geschlossen. Den nicht aus Moskau stammenden Student*innen wurde unter dem Vorwand fehlender Nahrungsmittel befohlen, Moskau innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Die Student*innen erboten sich, auf ihr payok zu verzichten, aber die Regierung bestand darauf, dass sie die Hauptstadt verlassen mĂŒssten. SpĂ€ter, als die UniversitĂ€t wiedereröffnet wurde, ermahnte Preobraschenski[150], der Dekan, die Student*innen unter Androhung des Rauswurfs von der UniversitĂ€t, jede politische Äußerung zu unterlassen. Einige der verhafteten Student*innen wurden der UniversitĂ€t verwiesen, unter ihnen einige weibliche Studentinnen, deren einziges Verbrechen die Mitgliedschaft in einem Zirkel war, dessen Ziel es gewesen war, die Arbeiten Kropotkins und anderer anarchistischer Autor*innen zu studieren. Im bolschewistischen Russland wurden die Methoden des Zaren von seinen Thronfolger*innen wiederbelebt.

***

Nach dem Tod von Peter Kropotkin hatten seine Freund*innen und Genoss*innen entschieden, ein Kropotkin-Museum zu Ehren des großen anarchistischen Lehrers und zur Förderung seiner Ideen und Ideale zu grĂŒnden. Ich zog nach Moskau, um bei der Organisation der geplanten GedenkstĂ€tte mitzuwirken, aber das Museumskomitee hatte bereits seit langem beschlossen, dass das Projekt derzeit nicht realisiert werden konnte. Da alles dem Monopol des Staates unterlag, konnte nichts ohne die Genehmigung der AutoritĂ€ten gemacht werden. Die Hilfe der Regierung zu akzeptieren wĂ€re jedoch ein wissentlicher Verrat am Geiste Kropotkins gewesen, der sein Leben lang die Zusammenarbeit mit dem Staat verweigert hatte. Als Kropotkin einst krank und auf Hilfe angewiesen war, bot ihm die bolschewistische Regierung eine große Summe fĂŒr das Recht an, seine Werke zu veröffentlichen. Kropotkin lehnte ab. Er war durch seine Krankheit gezwungen, Rationen und medizinische UnterstĂŒtzung zu akzeptieren, aber er wĂŒrde weder einwilligen, dass seine Werke vom Staat publiziert wĂŒrden, noch irgendeine andere Hilfe von ihm annehmen. Das Komitee des Kropotkin-Museums vertrat die gleiche Auffassung. Es nahm vom Moskauer Sowjet das Haus an, in dem Kropotkin geboren worden war und das in ein Museum zu Ehren Kropotkins verwandelt werden sollte, aber es wĂŒrde die Regierung um nichts weiter bitten. Das Haus wurde zu dieser Zeit von einer MilitĂ€rorganisation genutzt, es hĂ€tte Wochen gedauert es zu rĂ€umen und dann hĂ€tten die Mittel gefehlt es zu renovieren. Einige der Mitglieder des Komitees waren der Meinung, dass ein Kropotkin-Museum im bolschewistischen Russland fehl am Platz sei, solange Dsepotismus um sich griff und die GefĂ€ngnisse mit politisch Andersdenkenden gefĂŒllt waren.

Als ich zu einem kurzen Besuch in Petrograd war, wurde das Moskauer Appartement, in dem mein Zimmer war, von der Tscheka durchsucht. Ich erfuhr, dass das ĂŒbliche Spiel gespielt worden war und alle, die den Ort wĂ€hrend der zassada aufgesucht hatten, verhaftet worden waren. Ich besuchte Rawitsch, um gegen ein solches Vorgehen zu protestieren und teilte ihr mit, dass wenn das Ziel gewesen sei, mich in Haft zu nehmen, ich dazu bereit sei. Rawitsch hatte nichts davon mitbekommen, aber versprach, sich mit Moskau in Verbindung zu setzen. Einige Tage spĂ€ter wurde ich darĂŒber informiert, dass sich die Tschekist*innen aus dem Appartement zurĂŒckgezogen hĂ€tten und die verhafteten Freund*innen freigelassen werden wĂŒrden. Als ich einige Zeit darauf in mein Zimmer zurĂŒckkehrte, waren die meisten von ihnen wieder frei. Zeitgleich waren zahlreiche Anarchist*innen in verschiedenen Teilen der Hauptstadt verhaftet worden und keine*r wusste etwas ĂŒber ihr Schicksal oder den Grund fĂŒr ihre Verhaftung. Einige Wochen spĂ€ter, am 30. August, veröffentlichte die Moskauer Iswestija den offiziellen Bericht der WeTscheKa ĂŒber »anarchistisches Bandit*innentum,« der mitteilte, dass zehn Anarchist*innen ohne Anhörung und Prozess als »Bandit*innen« erschossen worden waren.

Es war zur gÀngigen Praxis der bolschewistischen Regierung geworden, ihr barbarisches Vorgehen gegen Anarchist*innen mit dem allgemeinen Vorwurf des Bandit*innentums zu verschleiern. Diese Anschuldigung wurde gegen praktisch alle verhafteten Anarchist*innen und oft sogar gegen Sympathisant*innen der Bewegung erhoben. Eine besonders gÀngige Methode, eine unliebsame Person loszuwerden: So konnte jede*r heimlich hingerichtet und begraben werden.

Unter den zehn Opfern waren zwei der bekanntesten russischen Anarchist*innen, deren Idealismus und lebenslange Hingabe im Namen der Menschlichkeit die zaristischen Kerker und das Exil und Verfolgung und Leiden in anderen LĂ€ndern ĂŒberdauert hatten. Es waren Fanya Baron, die einige Monate zuvor aus dem GefĂ€ngnis von Rjasan ausgebrochen war und Lew Tschorny[151], der unter dem alten Regime viele Jahre seines Lebens in der Katorga und im Exil verbracht hatte. Die Bolschewiki hatten nicht den Mut zuzugeben, dass sie Lew Tschorny erschossen hatten; in der Liste der Hingerichteten tauchte er unter dem Namen »Turtschaninow« auf, unter dem er, obwohl das sein richtiger Name war, selbst einigen seiner engsten Freund*innen nicht bekannt gewesen war. Tschorny war in ganz Russland als begabter Dichter und Autor bekannt gewesen. 1907 hatte er ein Werk ĂŒber »Assoziierenden Anarchismus« verfasst und seit seiner RĂŒckkehr aus Sibirien im Jahre 1917 hatte er große Beliebtheit unter den Arbeiter*innen Moskaus als Redner und GrĂŒnder der »Föderation der geistigen Arbeiter*innen« genossen. Er war ein Ă€ußerst begabter Mann, liebevoll und sympathisch in jeder Hinsicht. Kein Mensch konnte weiter vom Bandit*innentum entfernt sein als er.[152]

Die Mutter von Tschorny hatte sich wiederholt beim Ossoby Otdel (Spezialabteilung der Tscheka) nach dem Schicksal ihrers Sohnes erkundigt. Jedes Mal wurde ihr gesagt, sie solle am nĂ€chsten Tag wiederkommen, dann wĂŒrde mensch ihr erlauben ihn zu sehen. Wie sich spĂ€ter herausstellte, war Tschorny bereits erschossen worden, als diese Versprechungen gemacht wurden. Nach seinem Tod weigerten sich die AutoritĂ€ten seinen Leichnahm an seine Verwandten und Freund*innen zu ĂŒbergeben, damit sie ihn beerdigen könnten. Es gab anhaltende GerĂŒchte darĂŒber, dass die Tscheka Tschorny nicht töten wollte, sondern dass er durch Folter gestorben sei.

Fanya Baron war der Typ russische Frau, die sich vollkommen der Sache der Menschlichkeit verschrieben hatte. Als sie in Amerika gewesen war, investierte sie ihre gesamte Freizeit und einen guten Teil ihres mageren Einkommens in einer Fabrik, um anarchistische Propaganda weiter zu fördern. Jahre spĂ€ter, als ich sie in Charkiw traf, war ihr Eifer und ihre Hingabe durch die Verfolgung, die sie und ihre Genoss*innen seit ihrer RĂŒckkehr nach Russland erlitten hatten, nur noch gesteigert worden. Sie besaß grenzenlosen Mut und einen großmĂŒtigen Geist. Sie bewĂ€ltigte die schwierigsten Aufgaben und beraubte sich dabei des letzten StĂŒcks Brot mit GĂŒte und völliger Selbstlosigkeit. Unter furchtbaren Reisebedingungen reiste Fanya durch die ganze Ukraine, um die Nabat zu verbreiten, die Arbeiter*innen und BĂ€uer*innen zu organisieren oder um fĂŒr ihre eingesperrten Genoss*innen Hilfe und UnterstĂŒtzung zu leisten. Sie war eines der Opfer der Razzien in der Butyrka gewesen, wo sie an den Haaren herumgeschleift und heftig zusammengeschlagen worden war. Nach ihrer Flucht aus dem GefĂ€ngnis von Rjasan marschierte sie zu Fuß nach Moskau, wo sie mittellos und in Lumpen ankam. Es war ihre verzweifelte Lage, die sie dazu brachte, beim Bruder ihres Mannes Schutz zu suchen, in dessen Haus sie dann von der Tscheka gefunden wurde. Diese großherzige Frau, die der sozialen Revolution ihr Leben gewidmet hatte, wurde von den Menschen ermordet, die vorgaben, die Vorhut der Revolution zu sein. Die sowjetische Regierung gab sich nicht mit dem Verbrechen, Fanya Baron zu ermorden, zufrieden, sie verpasste dem Andenken ihres toten Opfers auch noch das Stigma des Bandit*innentums.

Fußnoten

[131] Michail Iwanowitsch Kalinin (1875-1946) war ein sowjetischer Politiker. Er war von MĂ€rz 1919 bis Dezember 1922 formelles Staatsoberhaupt Sowjetrusslands und von 1923 bis 1946 Vorsitzender des PrĂ€sidiums des Obersten Sowjets und damit formelles Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Er widersetzte sich nicht den großen Terrorwellen in den 1930er Jahren. Er unterzeichnete Exekutionslisten und konnte nicht einmal seine Frau davor bewahren, 1938 verhaftet und bis 1944 interniert zu werden. Er hatte keine eigene Macht und wurde 1946 auf eigenes Ersuchen von seinen Amtspflichten entbunden. Er starb kurze Zeit spĂ€ter.

[132] Politische BĂŒros

[133] Bewaffnete Einheiten der Bolschewiki zum Zwecke der UnterdrĂŒckung des GĂŒterverkehrs und der Konfiszierung von Lebensmitteln.

[134] Kadett*innen. (Anm. d. Übers.)

[135] Individuell, kleiner Umfang

[136] General Alexander Nikolajewitsch Koslowski (1864-1940) war Generalmajor der kaiserlich-russischen Armee und spÀter General der Roten Armee und zum Zeitpunkt des KronstÀdter Aufstands Artilleriechef der KronstÀdter Festung.

[137] Die Sieger*innenmÀchte im Ersten Weltkrieg Frankreich, Vereinigtes Königreich, USA und Italien.

[138] Pawel Jefimowitsch Dybenko (1889-1938) war ein russischer RevolutionÀr, sowjetischer Marineoffizier und Mitglied der ersten Sowjetregierung im Rat der Volkskommissare. Dybenko war mit Alexandra Kollontai verheiratet. 1938 wurde er als Trotzkist erschossen.

[139] Louis Adolphe Thiers (1797-1877) war ein französischer Politiker und Historiker. Er war von 1871 bis 1873 der erste StaatsprÀsident der Dritten Republik. Er befehligte die Niederschlagung der Pariser Kommune.

[140] Gaston Alexandre Auguste, Marquis de Galliffet (1830-1909) war ein französischer General, der die Brigade der Armee von Versailles wÀhrend der Niederschlagung des Aufstands der Pariser Kommune befehligte.

[141] Die Neue Ökonomische Politik (Abk. NEP) war ein wirtschaftspolitisches Konzept in der Sowjetunion, das Lenin und Trotzki 1921 gegen erheblichen Widerstand in der eigenen Partei durchsetzten. Ihr Hauptmerkmal war eine Dezentralisierung und Liberalisierung in der Landwirtschaft, im Handel und in der Industrie, die der Wirtschaft teilweise auch marktwirtschaftliche Methoden zugestand. Sie löste die Wirtschaftspolitik des Kriegskommunismus ab, in der nur »WerktĂ€tige« Anspruch auf Lebensmittel-Zuteilung hatten, die Produktion nach dem Bedarf diktiert und die Lebensmittelproduktion der BĂ€uer*innen beschlagnahmt wurde. Die NEP legalisierte die gewinnorientierte Produktion, das Privateigentum in der KonsumgĂŒter-Produktion und den Erwerb von Reichtum und band außerdem die BĂ€uer*innen durch eine »Naturalsteuer« in das ökonomische System ein. Die NEP blieb bis 1928 reale Politik und fĂŒhrte zu einer Verbesserung der Versorgung und zu relativen gesellschaftlichen Freiheiten.

[142] »Golos Truda« war eine russische anarchosyndikalistische Zeitschrift. In Sankt Petersburg fĂŒgte sich die Zeitschrift nach der Februarrevolution in die entstehende anarchosyndikalistische Bewegung ein, verkĂŒndete die Notwendigkeit einer sozialen Revolution von und fĂŒr die Arbeiter*innen und positionierte sich in Opposition zu der Vielzahl von linksradikalen Bewegungen. Im MĂ€rz 1921 sagte Lenin den »kleinbĂŒrgerlichen Elementen«, darunter den Anarchosyndikalist*innen, den Kampf an. Dies hatte zur Folge, dass die Verlags- und DruckrĂ€umlichkeiten der »Golos Truda« in Sankt Petersburg und ein Buchladen in Moskau von der Tscheka geschlossen wurden und mit Ausnahme von sechs Personen alle Anarchist*innen der »Golos Truda«-Gruppe festgenommen wurden. Trotz des Verbots der Zeitschrift setzte die »Golos Truda«-Gruppe ihre Arbeit fort und publizierte schließlich eine letzte Ausgabe in Form eines Magazins in Sankt Petersburg und Moskau im Dezember 1929. Nach einigen Jahren zurĂŒckhaltender PublikationsaktivitĂ€ten wurde das Golos Truda-Kollektiv schließlich 1929 vom stalinistischen Regime ausgelöscht.

[143] Grigorij Petrowitsch Maximoff (1893-1950) war ein russischer Anarchosyndikalist und Teil der ukrainischen anarchosyndikalistischen Organisation »Nabat«. In dieser Funktion war er auch in der Redaktion der anarchosyndikalistischen Zeitschrift »Golos Truda« tÀtig. Zwischen 1918 und 1921 wurde er insgesamt sechs mal verhaftet und eingesperrt.

[144] Samara ist eine Industriestadt im SĂŒdosten des europĂ€ischen Teils Russlands, am Ostufer der Wolga gelegen. Die Entfernung nach Moskau betrĂ€gt ca. 860 Kilometer.

[145] Die Rote Garde war die bewaffnete Arbeiter*innenmiliz der russischen Bolschewiki zur Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der Oktoberrevolution. Sie wurde Ende MĂ€rz 1917 gegrĂŒndet und ging im ersten Halbjahr 1918 in der neu gegrĂŒndeten Roten Armee auf.

[146] und, das vergaß Emma Goldman wohl zu erwĂ€hnen, Frauen (Anm. d. Übers.)

[147] Es mag auch heute noch solche Typen geben, von denen eine ganze anarchistische Bewegung sagt, dass sie ihren Zielen nur schaden wĂŒrden. Typen, die sich weigern mit Regierungen zu arbeiten, Typen, die sich weigern politische BĂŒndnisse zu schmieden, Typen, die sich weigern, einem Ideal zu dienen, Typen, die die bestehende Welt brennen sehen wollen, ohne dabei eine neue (autoritĂ€re) Vorstellung zu entwickeln, wie die Dinge danach laufen sollten (Anm. d. Übers.).

[148] Was auch immer eine angemessene Behandlung im Knast sein soll! (Anm. d. Übers.)

[149] Am 25.11.1920 wurden bei einer Konferenz zahlreiche Anarchist*innen verhaftet, unter ihnen auch Fanja Baron. Ab dem FrĂŒhjahr 1921 war sie im GefĂ€ngnis von Rjasan. Sie entkam von dort mithilfe der Anarchist*innen im Untergrund – einem geheimen anarchistischen Netzwerk – am 10. Juli 1921, mit neun anderen Anarchist*innen. Sie wollte ihrem Ehemann Aron Baron helfen, aus dem GefĂ€ngnis in Moskau zu fliehen und suchte Zuflucht bei dessen Bruder, Semion, einem Mitglied der bolschewistischen Partei. Am 17. August wurde sie in seiner Wohnung von der Tscheka verhaftet. Semion wurde auf der Stelle hingerichtet. Fanya wurde am 29. September 1921 auf direkten Befehl von Lenin von der Tscheka erschossen, nachdem man sie der »Komplizenschaft antisowjetischer Verbrechen« fĂŒr schuldig befunden hatte. Aron Baron hingegen wurde nach 18 Jahren GefĂ€ngnis und Exil 1938 ĂŒberraschend freigelassen. Nachdem er sich allerdings in Charkiw niedergelassen hatte, wurde er erneut festgenommen, woraufhin mensch nie wieder etwas von ihm hörte.

[150] Jewgeni Alexejewitsch Preobraschenski (1886-1937) war ein sowjetischer RevolutionĂ€r und Politiker. Von 1920 bis 1921 war er SekretĂ€r des Zentralkomitees und Mitglied des PolitbĂŒros der Kommunistischen Partei. Zudem war er Chef des Volkskommissariats fĂŒr Erziehung. 1936 wurde er im Zuge des Großen Terrors (erneut) aus der Partei ausgeschlossen und schließlich verhaftet. 1937 wurde er zum Tode verurteilt und erschossen.

[151] Pawel Dmitrijewitsch Turtschaninow (1878-1921), bekannt unter dem Pseudonym Lew Tschorny, war ein russischer Anarchist und Dichter. Er war beeinflusst von Max Stirner und Benjamin Tucker und verlangte nach der totalen Befreiung der Persönlichkeit von den Fesseln der Gesellschaft. Er forderte die Nietzscheanische Umwertung aller Werte in der russischen Gesellschaft und sah die anarchokommunistischen Ideen Peter Kropotkins als Gefahr fĂŒr die Freiheit des Individuums und lehnte sie ab. Wegen seiner revolutionĂ€ren AktivitĂ€ten wurde er vom zaristischen Regime nach Sibirien verbannt. Nach dem Ausbruch der Februarrevolution 1917 kehrte er wieder nach Moskau zurĂŒck und wurde SekretĂ€r der neu gegrĂŒndeten »Moskauer Föderation anarchistischer Gruppen«, die im MĂ€rz des gleichen Jahres gegrĂŒndet wurde. Obwohl er Bekanntschaften mit fĂŒhrenden Bolschewiki unterhielt, kritisierte er auf einer Kundgebung am 5. MĂ€rz 1918 die sich bildende Sowjetunion heftig und erklĂ€rte, dass die Anarchisten genau so Gegner des sozialistischen Staates sind, wie des vorherigen bĂŒrgerlichen Staates. Im Wochenblatt »Anarchija« forderte er eine dezentrale Produktionsweise und das Aufbrechen der internen Machtstrukturen. Als die Bolschewiki damit begannen, systematisch Andersdenkende mit repressiven Methoden zum Schweigen zu bringen, bildeten sich im FrĂŒhjahr 1918 innerhalb der »Moskauer Föderation anarchistischer Gruppen« bewaffnete Gruppen, die sogenannte »Schwarze Garde«, und Lew Tschorny wurde zum Kopf dieser neugebildeten Arbeitereinheiten. In der Nacht des 11. April stĂŒrmten Einheiten der Tscheka ein GebĂ€ude der »Moskauer Föderation« und trafen auf bewaffneten Widerstand der »Schwarzen Garde«. Im darauffolgenden Kampf wurden 40 Anarchist*innen getötet oder verwundet und 500 festgenommen. Tschorny schloss sich daraufhin der Gruppe »Anarchist*innen im Untergrund« an und veröffentlichte zwei Schriften, in denen er die Diktatur der Bolschewiki als grausamste Tyrannei der Menschheitsgeschichte bezeichnete. Am 25. September 1919 verĂŒbten die »Anarchist*innen im Untergrund« einen Bombenanschlag auf das Hauptquartier des Moskauer Komitees der Kommunistischen Partei Russlands, bei dem 12 Kommunist*innen getötet und 55 verletzt wurden, darunter auch Nikolai Bucharin. Obwohl Lew Tschorny nicht an der Tat beteiligt war, wurde er festgenommen und im September 1921 ohne Prozess erschossen.

[152] Lew Tschorny mag das möglicherweise anders gesehen haben. Als Mitglied der »Schwarzen Garden« und spĂ€ter der »Anarchist*innen im Untergrund« fĂŒhrte er einen bewaffneten Kampf gegen die Bolschewiki und rief in mehreren Schriften auch dazu auf. Ob Emma Goldman das bewusst verschweigt oder nicht wusste ist uns unklar, aber wir nehmen an, dass Lew Tschorny eine solche Verharmlosung seiner Taten nicht gutgeheißen hĂ€tte (Anm. d. Übers.)

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Quelle: Schwarzerpfeil.de