Juni 4, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 4 Minuten

Ich wollte aus aktuellem Anlass eigentlich selbst gerne etwas zum Thema der Wagenknechtschaft schreiben. Allgemeine Gedanken dazu oder auch eine Rezension. Weil ich dazu nicht kam, mir aber der folgende Text aus dem Lower Class Magazin ganz gut gefallen hat, spiegele ich diesen. Darin bringt der Autor meiner Ansicht nach die wesentlichen Dinge auf den Punkt. DarĂŒber hinaus weise ich aber darauf hin, dass ich die Position zu PalĂ€stina, die im LCM vertreten wird, nicht teile.

Die Talkshow-Königin der Linkspartei Sahra Wagenknecht hat ein viel diskutiertes Buch herausgebracht. Unserem Gastautor Stella Bugatti gefÀllt es nicht so gut.

Bist du kĂŒrzlich aus einem zehnjĂ€hrigen Koma erwacht? Wenn ja, dann ist das neue Buch „Die Selbstgerechten“ von Sahra Wagenknecht das perfekte Buch fĂŒr dich. In diesem wird sie nicht mĂŒde, sĂ€mtliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte darauf zurĂŒckzufĂŒhren, dass studierte Menschen in Berlin-Mitte veganen Cappuccino trinken. Dabei muss man sich immer wieder daran erinnern, dass hier eine Politikerin der Linken schreibt und man nicht etwa aus Versehen bei einem wĂŒtendem Post eines AfD-Kreisverbands auf Facebook gelandet ist. Denn hat das Buch Ă€ußerlich den Charme der DB mobil, bekommt man inhaltlich altbackene Klischees, formuliert im Duktus einer Person, die die Wahrheit gepachtet hat und sie nun endlich mit uns allen teilt. NatĂŒrlich nicht, ohne schon im Vorwort zu witzeln, dass nun die cancel culture ĂŒber sie herfallen wird. Aber natĂŒrlich hĂ€lt sie das nicht davon ab, sich hier zu positionieren. Stunning and brave.

Im Prinzip handelt es sich bei den „Selbstgerechten“ um zwei separate BĂŒcher. In dem einen analysiert Wagenknecht die aktuellen ZustĂ€nde und Entwicklungen durchaus treffend und zeigt wirkliche Problemlagen auf. In dem anderen lamentiert sie in bester rechter Stammtischmanier ĂŒber die abgehobene studierte gutverdienende Elite in den Stadtzentren, die nicht anderes tut, als den Kapitalismus bunt anzustreichen. Ab und zu nehmen diese Kapitel Bezug aufeinander, eine Kritik wird trotzdem nicht daraus. Am Ende geht es um Datenschutz, doch passt dieses Kapitel nicht wirklich in das Buch und scheint nur dazu sein, um tatsĂ€chlich einmal ein aktuelles Thema ansprechen zu können.

Sahra Wagenknecht will die AnwĂ€ltin des armen weißen Mannes sein. Sie zeigt, wie er seit den 1960ern seine WĂŒrde und seinen Wohlstand durch die neoliberale Politik verloren hat und wie die Linksliberalen nichts beizutragen haben, außer wirren Diskussionen um Sprechverbote und Soßennamen. Die liberalen Linken sind auch dafĂŒr verantwortlich, dass die Rechte ĂŒberhaupt so stark werden konnte. FĂŒr Wagenknecht spielen einzig und allein wirtschaftliche Aspekte eine Rolle, alles andere ist IdentitĂ€tspolitik. Mit wirren ErklĂ€rungen und saloppen Beispielen untermauert sie, warum der Kampf gegen Rassismus, Sexismus und Inklusion nicht nur vollkommen absurd ist, sondern noch dafĂŒr sorgt, dass der Arbeiter sich dadurch nach rechts gedrĂ€ngt fĂŒhlt.

Dabei ist der Arbeiter im Buch dumm, fett und ignorant. Den ganzen Tag am Arbeiten, ist er unfĂ€hig, sich selbststĂ€ndig weiterbilden zu können. So plump wie möglich entwirft Wagenknecht die eigentliche Konfliktlinie im Land: Arbeiter gegen Studierte. Wo der Arbeiter im Kapitalismus leidet, jubelt das gutverdienende studierte Pack. Man sollte mitdenken: All das schreibt eine promovierte MillionĂ€rin. Clown-Emoji. Das Buch ist eine Ansammlung aller rechten Klischees und StrohmĂ€nner, die sie genĂŒsslich auf die linksliberale Elite loslĂ€sst. So wundert sie sich beispielsweise darĂŒber, dass „inmitten linker Texte immer wieder dubiose Sternchen“ vorkommen. Nicht umsonst wird ihr Buch am rechten Rand gefeiert. Ideen fĂŒr neue Politik hat sie nicht. Starker Staat, geschlossene Grenzen, AuslĂ€nder raus. Nach ihrer Definition sind das die Tugenden der echten Linke.

Irritierend ist an diesem Buch, dass ihre Kritik teilweise weder unbegrĂŒndet noch falsch ist. Der Kapitalismus drĂ€ngt den Menschen zu Gunsten höherer Profite immer mehr ins Abseits und eine tatsĂ€chliche linksliberale Elite, die von diesen Prozessen (noch) nicht betroffen ist, erfreut sich an Maßnahmen, die keine reale Wirkung oder gar VerĂ€nderung bringen und die ZustĂ€nde sogar noch festigen. Ganz im Stil von: We need more female drone pilots. Zwar existiert tatsĂ€chlich eine ĂŒberdrehte Form der IdentitĂ€tspolitk, allerdings ĂŒberzeichnet Wagnenknecht diese als die dominierende Strömung und negiert ihren Nutzen damit komplett. Wenn sie schreibt, dass „[d]en Mindestlohn zu erhöhen oder eine Vermögenssteuer fĂŒr die oberen Zehntausend einzufĂŒhren“ natĂŒrlich mehr Widerstand hervorrufen wĂŒrde, „als die Behördensprache zu verĂ€ndern, ĂŒber Migration als Bereicherung zu reden oder einen weiteren Lehrstuhl fĂŒr Gendertheorie einzurichten“, fragt man sich, warum nicht beides möglich sein soll. Wie so oft in ihrem Buch, spielt Wagenknecht hier IdentitĂ€tspolitik und ökonomische Aspekte gegeneinander aus.

Auch streift sie immer wieder die Konsumkritik, die ebenfalls gerne vom linksliberale Milieu geĂ€ußert wird, welche tatsĂ€chlich ein Problem darstellt. Denn wer auf Sozialhilfe angewiesen ist, kann sich nicht das teure Bio-Fleisch leisten. Statt hier allerdings das tieferliegende Problem, wie z.B. HartzIV, aufzunehmen, attestiert sie der Elite eine Verachtung fĂŒr den kleinen Mann. Statt dafĂŒr zu sorgen, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, hochwertige Nahrung zu sich nehmen zu können, solle man einfach aufhören, ĂŒber Aldi zu lĂ€cheln. Auch an diesem Punkt verfehlen Wagenknecht und die von ihr kritisierten Linksliberalen gleichermaßen den Kern des Problems.

Die IdentitĂ€tspolitik ist Sahra Wagenknechts grĂ¶ĂŸter Feind. Das ist alles von der Umbenennung einer Soße bis zum Genozid in Ruanda. Die prominente Linkspartei-FunktionĂ€rin interessiert sich nicht fĂŒr Sexismus, Rassismus, Polizeigewalt oder rechtsextreme Morde. All dies sind Anliegen skurriler Minderheiten, die in ihrer Opferparade vom tatsĂ€chlichen Problem ablenken: dem geringen Verdienst weißer, deutscher, mĂ€nnlicher Arbeiter. Diese sind fĂŒr Wagenknecht das Klientel, das die Linke ansprechen und gewinnen muss. Da ihre Welt ein Nullsummenspiel ist, muss man sich entscheiden, ob man das Geld der deutschen Bevölkerung oder der islamistischen Parallelgesellschaft gibt. „Geld fĂŒr die Oma, statt Sinti und die Roma“, tönte vor Jahren die NPD.

Ihre große Vision ist die RĂŒckkehr in die BRD der 50er und 60er Jahre, als die Löhne fĂŒr alle noch hoch waren. Dazu muss die Linke um jeden Preis den Arbeiter fĂŒr sich gewinnen. Warum und was das bringen soll, wird nicht erklĂ€rt. Das Buch ist eine BankrotterklĂ€rung der Linken in Deutschland und eine LiebeserklĂ€rung an die Rechte. Scheiß auf AuslĂ€nder, scheiß auf Frauen, auf Rassismus, auf den ganzen Kram, mit dem der weiße deutsche Mann eh nix am Hut hat. Keine Kritik am Kapitalismus, schon gar kein Wort der Überwindung des Systems. Wer so eine Linke hat, braucht keine Rechte mehr.




Quelle: Paradox-a.de