Oktober 20, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Wer mit dem Blick auf zeitlose Weiten neue Moral, neue Gerechtigkeit, neue Menschlichkeit zum Inhalt seines Strebens macht, der weiß aus unzĂ€hligen Erfahrungen, daß er mißverstanden wird. Es ist fast notwendiges Schicksal seiner Überredungskunst, selbst bei Menschen von Verstand, Kritik und gutem Willen KopfschĂŒtteln und Achselzucken zu erregen. Denn jede Agitation, deren Absicht nicht zeitlich begrenzt ist, steigt unbekĂŒmmert und rĂŒcksichtslos ĂŒber praktische Bedenklichkeiten hin. FĂŒr bĂŒrgerliche – das heißt gegenwartsbesorgte – Naturen ist das Ziel immer der nĂ€chste Schritt. Wer aufs Ideal steuert, „schießt ĂŒber das Ziel hinaus“. Den Weg zu einem Ziele nicht in jeder Kurve kennen, das Werkzeug zu einem Kampfe nicht auf jede Gefahr erprobt haben, das bewirkt die Zweifel, das Warnen, das Bangemachen und selbst den gewalttĂ€tigen Widerstand gegen Tendenzen, gegen deren Ehrlichkeit garnichts eingewandt wird. Aber wer im reinen GefĂŒhl die Wahrheit weiß und in kluger Skepsis von ihr ablĂ€ĂŸt, den heiße ich einen Lumpen.

Hier ist mein idealer Zweck – da sehe ich das Mittel, ihn zu erfĂŒllen: was kĂŒmmert mich die Chamade der Vorsichtigen? Naturwissenschaftler, Volkswirtschaftler, Historiker, Geographen, Politiker und Kaufleute sollen hundertmal recht haben, – mein GefĂŒhl, das seine Wege kennt, können sie nicht widerlegen. Ich will den Völkerfrieden, weil er mich gut dĂŒnkt. Ich weiß, er wird sein, wenn die Arbeit der Menschen nicht mehr fĂŒr den Krieg steuert, wenn die Soldaten sich weigern, ihresgleichen zu töten, wenn der Wille der Völker auf Frieden aus ist. Ich will Sozialismus und Anarchie. Ich weiß sie möglich, wenn Arbeit und Verbrauch auf gerechten Ausgleich gebracht sind, wenn Ordnung und Friedfertigkeit in den Menschen Leben gewonnen haben, wenn AutoritĂ€t und Gehorsam, Herrschaft und Knechtschaft aus der Gewohnheit der Völker gewichen sind. Sie werden weichen, wenn allenthalben aus der Sehnsucht nach Freiheit der Wille zur Freiheit geworden ist. Ich will Kultur und Kunst Gemeingut der Völker wissen. Sie werden es sein, wenn der Geschmack der Besten sich Allen mitgeteilt hat, wenn die Ethik der Massen sich zum Anstand geformt hat, wenn aus Zwang und Strafe Rechtlichkeit und VerstĂ€ndigung geworden ist.

Aber fĂŒr den Frieden sind alle Vorbedingungen nicht erfĂŒllt. Die Völker haben ein natĂŒrliches ExpansionsbedĂŒrfnis und bedrohen die Grenzen ihrer Nachbarn. Gehorsamsverweigerung, Generalstreik, Revolution ziehen entsetzliche Strafen nach sich. Der Gedanke, das Raubtier Mensch werde in Ordnung und VerstĂ€ndigkeit miteinander auskommen, der Geschmack der rohen Masse könne umgeformt werden, Freiheit werde jemals etwas anderes sein als eine schöne Phrase, ist absurd und kindlich. Schon die Formulierung deiner Ideale ist ein Beweis, wie unabwendbar und naturgewollt alle die Einrichtungen sind, die du bekĂ€mpfst. Bitte: ich fordere nicht auf, – ich bekenne. Und ich suche meine GefĂŒhle, die mir Wahrheiten sind, in das GefĂŒhl der Nebenmenschen zu verpflanzen. VerstandeskĂŒhle Einwendungen können richtig oder falsch sein, – an der Erkenntnis dessen, was gut und recht ist, prallen sie ab.

Das also ist das Wesen der Agitation: auszusprechen, was subjektiv wahr ist, die Energie der andern nach der Richtung zu beeinflußen, die zu erstreben ist. Was die stĂ€rkste Energie – Weniger oder der Menge – wollen wird, das wird die Zukunft sein. Unmittelbare praktische Wirkungen gelten nicht allzuviel. Sie sind nur wertvoll als Symptome eines neuen Geistes, der unterirdisch im Werden ist. Der neue Geist aber entsteht heimlich und unbeobachtet, langsam und viel spĂ€ter, als sein Same gestreut ist. Wenn er zuerst in einem Gedanken, einer Tat, einem Kunstwerk oder einer Erkenntnis plötzlich aus dem Boden schießt, dann ist sein Ursprung lĂ€ngst nicht mehr zu entdecken, dann hat er gewirkt, als ob er selbstverstĂ€ndlich und ohne Rausch wĂ€re.

Plötzlich ist eine neue Bewegung da, ĂŒberraschend, scheinbar aus dem Nichts gestampft. Sie zieht Kreise, wĂ€chst, wirkt, aber ihre Herkunft ist verschollen. Aller Fortschritt ist diskreter Geburt, denn er stammt vom heiligen Geist, er stammt aus der Sehnsucht und der Bitternis vergangener Idealisten. Freilich sieht jeder Erfolg des Idealismus anders aus als seine Werbung. Was daraus eingeht in das Leben des Menschen, sind Anpassungen an geltende VerhĂ€ltnisse, sind nichts weiter als Entwicklungsfaktoren. Gerade darum aber mĂŒssen die Forderungen an die Welt so schroff wie möglich gestellt werden, muß stets das denkbar Äußerste verlangt werden, ohne RĂŒcksicht auf die Aussichten der Verwirklichung. Nur die ideale Forderung in ihrem weitesten Umfange schafft Fortschritte im engen Kreise. Die Utopie ist die Vorbedingung jeder Entwicklung.

Die Entwicklung hat mit dem Abrollen der Jahre nichts zu tun, nicht nur, weil uns die IrrealitĂ€t der Zeit bewußt ist, sondern weil uns die Geschichte der Vergangenheit lehrt, daß die vorgeschrittene Jahreszahl keine GewĂ€hr gibt fĂŒr höhere Kultur und tieferen Menschenwert. Einsichten und Sitten entstehen und verschwinden mit dem Werden und Vergehen der Generationen. Nie wird die Zeit kommen, die keiner Revolution bedĂŒrfte. Dennoch wollen wir unser Weltbild gestalten nach dem Ideal der Vollkommenheit, und das können wir, wenn wir den Blick aufs KĂŒnftige, und das ist aufs Ewige, gerichtet halten. Und wir wollen uns freuen, wenn irgendwo aus dem Geschehen der Zeit eine BlĂŒte treibt, in der wir verwandelt und verdĂŒnnt den Keim unserer Werbung erkennen.

Wir erleben seit einem halben Jahrhundert eine gewaltige soziale Bewegung. Die werktĂ€tige Menschheit, also die Sklaven und Entrechteten, haben sich auf ihren Anspruch besonnen, an den Lebenswerten teilzunehmen. Ja, sie haben begriffen, worauf ihre Versklavung beruht, und sie haben erkannt, daß die Ablösung des Kapitalismus Sozialismus heißen muß. Zwar kamen die Advokaten und Politiker, die GeschĂ€ftemacher und Demagogen, und bemĂ€chtigten sich der Idee der Gerechtigkeit und der Befreiung, indem sie daraus ein Parteiprogramm machten. Zwar kam die TrĂ€gheit des Denkens und Handelns wieder ĂŒber die Massen und der tiefste Fluch des Lebendigen, die Zufriedenheit. Aber ein Funke aus der heiligen Glut der Saint-Simon, Proudhon, Bakunin, Lassalle schwĂ€lt noch unter dem Schutt, und wir Lebenden dĂŒrfen nicht ruhen, ihn freizumachen und zu neuem hellen Feuer anzublasen.

Aus der Schande tausendjĂ€hriger EntwĂŒrdigung als Kreatur der MĂ€nner ist das Weib erwacht. Es will Mensch sein, die Rechte und Anerkennung des Menschen haben. Daß die kĂ€mpfenden Frauen unserer Tage im Langen nach dem Gute der Freiheit vorbeigreifen und statt Menschenrechte MĂ€nnerrechte begehren, soll uns nicht verdrießen. Die Not und die Verstocktheit der Zeit hat den Frauen MĂ€nnerpflichten auferlegt. Vielleicht schafft sich doch einmal die Einsicht Bahn, daß nun nicht die Assimilation ans andere Geschlecht, sondern die Befreiung von seiner Herrschaft – das ist die Freiheit des Weibes in Liebe und Mutterschaft – das GlĂŒck des Frauentums wĂ€re. Sie mĂŒssen ihre Ziele weit setzen, die Frauen, die in den Kampf getreten sind. Die Neubildung aller gesellschaftlichen Formen auf dem Boden des Mutterrechts mĂŒssen sie verlangen. Wenn sie es dann einmal erreichen, daß kein Weib mehr ein anderes deswegen verachtet, weil es Mutter ist, dann mĂŒssen sie die Genugtuung fĂŒhlen, daß ihr Werben und KĂ€mpfen nicht umsonst war, wie sie selbst Zeugnis dafĂŒr sein sollten, daß die herrlichen Frauen der Romantik nicht umsonst die Vorbilder freier, schöner Weiblichkeit waren.

Seit ganz kurzem aber beobachten wir die ersten AtemzĂŒge einer neuen Bewegung, die vielleicht berufen sein wird, das höchste anarchistische Ideal, die Selbstbestimmung des Menschen, sein stolzes Vertrauen auf die eigene Persönlichkeit zur Sehnsucht der gehorsambeherrschten Zeitgenossen zu machen. Zum erstenmale organisiert sich die Jugend gegen AutoritĂ€t und Zwang, gegen Tradition und Erziehung, gegen Schule und Eltern. Die jungen Leute wollen die HĂ€lse freibekommen von dem UmschnĂŒrungen der Verbote und des Drills. Sie wollen anerkannt werden als Menschen mit eigner Sehnsucht, mit eignem Leben, die nicht zu danken, sondern zu fordern haben. In schönem Radikalismus streben sie nach den grĂ¶ĂŸten Dingen: nach Wahrheit in Empfangen und Geben, nach Freiheit in Leben und Lernen, nach Raum zum Atmen und Werden. Was in der Zeitschrift der Jugend Der Anfang aus jungen Herzen nach Ausdruck drĂ€ngt, das ist viel ungegorenes und manchmal bizarres Zeug, aber es ist die Sprache der Jugend, es ist das aufgeregte und den Freund der ZukĂŒnftigen heiß aufregende Bekennen heiliger, starker revolutionĂ€rer InbrĂŒnste. Mögen Lehrer, Pfaffen und Eltern vor Entsetzen bersten, mögen sie sich mit Maulkörben bewaffnen und die Polizei herbeirufen, um das freie Wort im Munde der Jungen zu verstopfen, – es nĂŒtzt nichts mehr. Der Gedanke ist stĂ€rker als das Wort, der Gedanke ist losgelassen, ihn hĂ€lt nichts mehr auf. Das Problem VĂ€ter und Söhne ist gelöst, die Jugend hat es gelöst. Sie schreitet dahin ĂŒber den Jammer der Alten wie der FrĂŒhling ĂŒber die DĂŒrre des Winters. Die immer und immer bewĂ€hrten „Erfahrungen“ der Sechzig- und SiebzigjĂ€hrigen sind um diese bereichert worden: daß die recht haben, die eine ganze Generation jĂŒnger sind, also um eine Generation Erfahrungen mehr haben. Der Kampf der Jungen ist angefacht. Er wird zum Siege fĂŒhren, denn an Nachwuchs wird er nie Mangel haben, und die fröhliche Torheit, die das schöne Vorrecht der Jugend ist, wird allzeit seine gute Waffe sein.

Hier ist ein prĂ€chtiges Beispiel, wie idealistische Agitation wirkt, bis der Ursprung verwischt ist und bis plötzlich an einer Stelle, die niemand kannte, in einer Art, die niemand voraussah, ihr Segen aus der Erde quillt. Was haben die Alten nicht getan, um ihre Macht ĂŒber die Jungen zu konservieren! Sie haben verboten und gestraft, geprĂŒgelt und gelogen, sie haben das Geheimnis der Menschwerdung vor den Kindern gehĂŒtet, als ob alles Seelenheil in Gefahr wĂ€re, wenn der Junge weiß, wie das MĂ€del beschaffen ist. Und nun stellt sich die Jugend lachend vor ihnen auf und ruft ihnen ins Gesicht: ihr braucht uns nichts zu erklĂ€ren, denn wir sind lĂ€ngst so klug wie ihr. Ihr braucht uns nichts zu verbieten, denn wir tun doch, was wir fĂŒr recht halten. Ihr braucht uns nichts zu befehlen, denn wir gehorchen euch nicht mehr. Wir Älteren haben das noch nicht gewagt, wie brĂŒnstig wir es auch gefĂŒhlt haben. Aber nun wollen wir uns ehrlich freuen, daß wir es bei den JĂŒngeren mit ansehen dĂŒrfen, und die nach uns kommen werden, wollen wir in einem Geiste aufwachsen lassen, der die Beherrschung in sich selbst hat und keine Beherrschung von außen mehr duldet.

Die Jugend, der Nachwuchs, die kommende Generation hat sich mĂŒndig erklĂ€rt. Das Alter ist nicht berechtigt, mit seinen ĂŒberlebten, verknöcherten Prinzipien daran zu rĂŒtteln. Bei der Jugend ist alle Zukunft geborgen. Ihr wollen wir unsere Ideale anvertrauen. Haben wir die jungen Leute gewonnen, dann haben wir alles gewonnen: Freiheit und Kultur, Revolution und neue Menschheit. Die Jugend soll uns die Staaten zertrĂŒmmern und den Frieden aufbauen, sie soll Sozialismus und Kultur schaffen, sie soll die Erde dem Geiste und dem MenschenglĂŒck bewohnbar machen. Wir anderen mĂŒssen uns ja wohl begnĂŒgen, ihr in Dichtung und Werbung anfeuernd zuzurufen und zu gleichem Tun denen den Mund zu öffnen, in denen die geistigen GĂŒter der Menschheit gespeichert sind.

Noch vertrĂ€umen die KĂŒnstler und Kulturellen ihre Zeit in Ă€sthetischen Zirkeln. Noch haben sie nicht begriffen, daß sie zum Volke gehören, in die Gemeinschaft aller, und daß ihr Werk erst Wert enthĂ€lt, wenn es Resonanz findet im Herzen der Mitmenschen. Der Geiste der Lebenden gehört an die Spitze und in die Gefolgschaft der rebellischen Jugend. Seien wir Agitatoren, bilden wir eine Jungmannschaft der Welt, auf daß auch unser Wort Keime lege zu neuem Geschehen und neuer Gestaltung! Verstopfen wir unsere Ohren vor den Unkenrufen trĂ€ger Philister und vor den Rechenexempeln praktischer Nörgler! Rufen wir die Wahrheit unserer Ideale aus, unbekĂŒmmert um Erfahrungen und zweifelnde ErwĂ€gungen, – und wir werden eine Welt erleben, die auf Schönheit und Gemeinschaft und – fern ab von Gott und Kirche – auf religiöser Inbrunst errichtet ist.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org