November 2, 2020
Von Contraste
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Straßennamen und DenkmĂ€ler sind in die Topologie der Stadt eingebrannte Geschichte. In immer mehr StĂ€dten setzen sich postkoloniale Arbeitskreise fĂŒr die Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit und die Umdeutung von Namen und Erinnerungsorten ein.

Friederike Grabitz, LĂŒbeck

Seit Ende August ist es amtlich: Die Mohrenstraße in Berlin wird Geschichte sein. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte hat die Umbenennung der Straße in Berlins Zentrum beschlossen. Sie soll kĂŒnftig den Namen von Anton Wilhelm Arno (geb. 1707) tragen, dem ersten Philosophen afrikanischer Herkunft an einer preußischen UniversitĂ€t. Der Umbenennung war ein langer Streit vorausgegangen, in dem sich hauptsĂ€chlich der Verein »Decolonizing the City« sowie die »Initiative Schwarze Menschen in Deutschland« (ISD Bund e.V) fĂŒr die »Dekolonisierung« des Straßennamens einsetzten. Sie hatten dem BĂŒrgermeister von Berlin-Mitte eine Petition mit fast 14.000 Unterschriften ĂŒberreicht.

Ehre fĂŒr die »Mohren«?

Die Straße, argumentieren sie, erinnere nicht zufĂ€llig an Kolonialgeschichte. Sie fĂŒhrt zur Reichskanzlei, wo bei der »Berliner Konferenz« 1884 die europĂ€ischen KolonialmĂ€chte den afrikanischen Kontinent unter sich aufteilten. Deutschland bekam Deutsch-Ostafrika, das heutige Namibia, zugeteilt. Aus der Mohrenstraße kommt auch der Sarotti-Mohr, den die gleichnamige Schokoladenmarke als Hommage an den Straßennamen bis 2003 in ihrem Logo trug. In der Uniform eines Dieners serviert er eine Schachtel mit der »Kolonialware« – eine Bildsprache, die stereotype SelbstverstĂ€ndlichkeiten ĂŒber dunkelhĂ€utige Menschen transportiert.

»Nirgendwo bĂŒrgert sich ein Straßenname ein und hĂ€lt sich 300 Jahre lang, um die darin Bezeichneten zu schmĂ€hen«, argumentierte die »Berliner Zeitung« in einem Kommentar gegen die Umbenennung. Doch war das wirklich so gemeint? Das Pejorative sei im Wort des Mohren an sich enthalten, sagt der Politikwissenschaftler Joshua Kwesi Aikins: »Im deutschen Sprachgebrauch bedeutet â€șMohrâ€č dumm oder primitiv.« In einem anderen Punkt gibt er der BZ-Autorin Maritta Tkalec dann aber recht: »Entkolonialisierung geschieht nicht durch die Änderung einiger Straßennamen.«

Menschen im Zoo

Auch in Leipzig setzt sich eine Gruppe, die »Arbeitsgemeinschaft Leipzig Postkolonial«, dafĂŒr ein, koloniale Spuren in der Stadt ins öffentliche Bewusstsein zu holen. Sie bietet zum Beispiel postkoloniale StadtrundgĂ€nge an, die unter anderem daran erinnern, dass im Jahr 1876 im Leipziger Zoo auf einer »Völkerwiese« Menschen aus anderen Erdteilen ausgestellt wurden. 1893 bis 1897 gab es hier im Rahmen der SĂ€chsisch-ThĂŒringischen Gewerbeausstellung sogar eine große Völkerschau.

Solche postkolonialen Arbeitskreise sind in den letzten Jahren in vielen StĂ€dten entstanden, die meisten im universitĂ€ren Umfeld. In Hamburg erinnert eine Gruppe an die Völkerschauen im Tierpark Hagenbeck und daran, dass die Stadt auch durch koloniale Systeme reich geworden ist. Als hier die Sanierung des 36 Meter hohen Bismarck-Denkmals fĂŒr neun Millionen Euro beschlossen wurde, trommelte die Initiative »Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg« zu einer Demo dagegen. Der erste deutsche Reichskanzler war fĂŒr sie ein »Antidemokrat, Kriegstreiber und Wegbereiter des Kolonialismus«, sagte Initiator Dirk Lau in einem NDR-Info-Podcast.

DenkmĂ€ler fĂŒr die Helden des Widerstands

Wie soll mit solchen DenkmĂ€lern fĂŒr umstrittene Persönlichkeiten umgegangen werden? Einige fordern eine Demontage, andere eine VerĂ€nderung der Kontexte oder lediglich zusĂ€tzliche Infotafeln. Kodjo Valentin GlĂ€ser von der »Initiative Schwarze Menschen in Deutschland« wĂŒnscht sich, dass Ortsnamen und DenkmĂ€ler nicht nur den SiegerInnen der Geschichte gewidmet werden: »Es gibt so viele Persönlichkeiten im Widerstand. Wir sind keine Opfer, wir sind auch HeldInnen.« Die Stadt Leipzig hat sich schon 1961 daran gehalten: Als der kongolesische UnabhĂ€ngigkeitskĂ€mpfer Patrice Lumuba 1961 umgebracht wurde, errichtete sie ihm kurz darauf ein Denkmal – ein Beispiel fĂŒr progressive Erinnerungskultur von Staats wegen.

Eine Liste mit Links zu den verschiedenen postkolonialen Initiativen hat die Gruppe »kassel postkolonial« auf ihrer Webseite zusammengestellt:

https://tinyurl.com/yy7kmwxm

Titelbild: Friederike Grabitz




Quelle: Contraste.org