August 3, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Timo Reuter
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 193 – November | Dezember 2021

#Saarlouis

Knapp 30 Jahre nach dem Mord an Samuel Yeboah im saarlÀndischen Saarlouis wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen.
Antifaschist*innen, die frĂŒh auf die mutmaßlichen TĂ€ter hingewiesen hatten, stießen auf Ignoranz und Widerstand der Stadt.

In der Nacht vom 18. auf den 19. September 1991 verbrannte der damals 27-jĂ€hrige Samuel Kofi Yeboah im Saarlouiser Stadtteil Fraulautern. Das als »Asylbewerberunterkunft« dienende ehemalige Hotel, in dem Yeboah mit weiteren GeflĂŒchteten lebte, wurde mittels Brandbeschleuniger im Treppenhaus angezĂŒndet. 16 Menschen konnten ins Freie gelangen, zwei mussten aus dem Fenster springen und ĂŒberlebten mit schweren Verletzungen. Yeboah wurde von der Feuerwehr im Dachgeschoss entdeckt und ins Krankenhaus gebracht, wo er kurze Zeit spĂ€ter verstarb. Saarlouis war damals eine Hochburg faschistischer Organisierung im Saarland. Das Magazin Stern berichtete schon 1986 ĂŒber offen artikulierte Mordabsichten der dortigen Neonazis. Wenige Stunden nach Yeboahs Tod brannte die nĂ€chste FlĂŒchtlingsunterkunft im benachbarten Saarwellingen. In den Monaten zuvor waren bereits mehrere BrandanschlĂ€ge in der Region verĂŒbt worden. Neun Tage nach dem Mord fand im 45 Kilo­meter entfernten saarlĂ€ndischen St. Ingbert ein Open-Air-Konzert mit den Neonazibands »Screwdriver«, »Radikahl« und »Tonstörung« mit geschĂ€tzten 400 Teilnehmenden statt. Die Existenz radikaler, bundesweit vernetzter und terroristisch agierender Neonazistrukturen war damals fĂŒr aufmerksame Beobachter*innen offensichtlich, zumal Antifaschist*innen stĂ€ndig darauf hinwiesen. Nicht so fĂŒr die saarlĂ€ndischen Behörden und die Saarlouiser Politik. Eine richtige Szene gebe es nicht, meinte beispielsweise der damalige SPD-BĂŒrgermeister Alfred Fuß und auch der damalige Vorstandssprecher der GrĂŒnen, Hubert Ulrich, wusste angeblich nichts von einer rechten Szene.

antifa Magazin der rechte rand

Erst Mitte der 1990er Jahre wurde durch GrĂŒndung der Antifa Saarlouis nachhaltig gegen die Nazistrukturen in der Stadt vorgegangen und ihre Vorherrschaft auf der Straße teilweise gebrochen. Allerdings gegen den offensiven Widerstand von Stadt und Lokalpolitik, die der rechten Szene mittels »akzeptierender Sozialarbeit« RĂ€ume, Infrastruktur und eine Lobby verschafften. Antifaschist*innen hingegen erfuhren polizeiliche Repression und Druck seitens der Stadt. Ein Beispiel dafĂŒr ist der Umgang des Prestigeprojekts KOMM mit den Betreiber*innen eines antifaschistischen Infoladens in den RĂ€umlichkeiten des Kulturzentrums. So befinden sich im Archiv der Antifa Saar/Projekt AK mehrere Briefe eines KOMM-Mitarbeiters. Darin drĂ€ngt er Antifaschist*innen auf eine Zusammenarbeit mit Polizei und Nazis, zumal sich die örtliche Neonaziszene solchen Kontakten nicht versperren wĂŒrde und sich an getroffene Absprachen mit der Polizei (sic!) halte. Nachdem es im Sommer 1997 nach einer Veranstaltung ĂŒber die lokale Neonaziszene im Infoladen zu massiven Auseinandersetzungen mit angreifenden Nazis kam, wurde der antifaschistische Anlaufpunkt durch die GrĂŒnen geschlossen. Die Nazis jubelten. Die gesamten Ereignisse dokumentiert die vor 21 Jahren erschienene Antifa-BroschĂŒre »Kein schöner Land«.

Antifa – Recherche

Dort wird auch ausfĂŒhrlich auf Peter Werner Schlappal hingewiesen, eine der FĂŒhrungsfiguren der Saarlouiser Kameradschaftsszene. Er hat mittlerweile seinen Familiennamen in Schröder geĂ€ndert und gilt derzeit als einer der HauptverdĂ€chtigen im Mordfall Yeboah. Denn nach 29 Jahren wurden die Ermittlungen im vergangenen Jahr wieder aufgenommen, da »gravierende Anhaltspunkte auf einen rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Hintergrund des Anschlags« hinweisen. Die Ermittlungen wegen achtzehnfachen versuchten Mordes und wegen Mordes an Yeboah wurden zwar bei der Bundesanwaltschaft angesiedelt, allerdings bei der saarlĂ€ndischen Polizei belassen. Ebenso wie eine polizeiliche Ermittlungsgruppe, die schwerwiegende VorwĂŒrfe gegen die 1991 ermittelnden Polizeibeamt*innen prĂŒfen sollte. Nachdem die TĂ€ter Jahrzehnte lang Zeit hatten, Beweismittel verschwinden zu lassen, kam es 2020 zu Hausdurchsuchungen bei ehemals fĂŒhrenden Kadern der Saarlouiser Neonazis, unter anderem auch bei Peter Schlappal/Schröder. SaarlĂ€ndische Antifaschist*innen bezweifeln jedoch, dass es ĂŒberhaupt zu einer Anklage kommen wird.

Erstmals versuchte auch die Stadt Saarlouis, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Am Tatort wurde eine offensichtlich noch schnell zum Jahrestag angefertigte Hinweistafel angebracht. Antifaschist*innen bezeichnen dies als »ein Erinnern ohne Vergangenheit« und kritisieren, die Stadt klammere »die eigene 30 Jahre lang andauernde Vertuschung und Verharmlosung aus«. Einen von Antifaschist*innen 2001 am Rathaus befestigten Gedenkstein hatte die Stadt umgehend entfernt und sogar gegen einen der mutmaßlich Verantwortlichen prozessiert. Bis heute das einzige Strafverfahren im Zusammenhang mit dem Mord an Samuel Yeboah.




Quelle: Der-rechte-rand.de