MĂ€rz 19, 2021
Von Contraste
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1989 stand die Welt aus Ost und West Kopf. Mit dem vorlĂ€ufigen Aus fĂŒr den real existierenden Sozialismus zerbrachen ideologische Fixpunkte. FĂŒr (westdeutsche) Linke standen damals neue Großmachts-Dystopien und »Nie wieder Deutschland« als Angstkulisse und radikale Antwort nebeneinander. Als Schlaglichter auf 1989 sind diese Erinnerungen an die sogenannte »Wiedervereinigung« aber lange nicht vollstĂ€ndig. Das Buch »Erinnern Stören« fĂŒllt diese LĂŒcke – das war lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig.

Bernd HĂŒttner, Redaktion Bremen

Als vor mehr als 30 Jahren die Mauer zwischen BRD und DDR fĂ€llt, bedeutet das auch eine gewaltige ZĂ€sur fĂŒr migrantisches und jĂŒdisches Leben in Ost und West. Zu diesem Zeitpunkt leben allein in West-Berlin circa 130.000 TĂŒrk*innen, in der DDR knapp 100.000 »auslĂ€ndische BeschĂ€ftigte«, die meist im Rahmen von Arbeitsabkommen im Land sind. Vor 1989 waren 30.000 Menschen in Deutschland (Ost und West) jĂŒdischen Glaubens. Ihre weitaus grĂ¶ĂŸte Zahl lebte »im Westen«.

Angeregt durch eine neue, junge Generation von Aktivist*innen und Autor*innen wird heute zusehends gefragt, wer damals eigentlich vereinigt wurde. Wer hat damals warum was gefeiert? Wer wurde ausgeschlossen? Ein erster Eindruck: Migrant*innen, People of Color und JĂŒd*innen haben in der Geschichte der sogenannten »Wiedervereinigung« keinen Platz (S. 315).

Das vorliegende Buch enthÀlt neben einem Intro und einem Nachwort der Herausgeber*innen 18 BeitrÀge von Autor*innen aus den Generationen der 30- bis 60-JÀhrigen. Unter den Texten sind damit neben den Berichten und Erinnerungen von Beteiligten auch EinschÀtzungen von »Nachgeborenen«, die die Zeit vor 1989 nur aus ErzÀhlungen, der Literatur und aus den Medien kennen und darum etwa die unterschiedlichen Erinnerungsperspektiven auf »die Wende« in den Blick nehmen.

Dabei machen alle Texte auf sehr Ă€hnliche Erfahrungsstrukturen aufmerksam: Sie erzĂ€hlen von ausgegrenzten, wenn nicht unterdrĂŒckten Perspektiven auf die deutsch-deutsche Vereinigung. Denn sie erinnern auf radikale Weise zum Beispiel an die KĂ€mpfe um Teilhabe in den 1980er Jahren, schildern einschneidende Erlebnisse um die »Wende«-Jahre, beschreiben die Erfahrungen der Selbstbehauptung gegen den Rassismus der 1990er Jahre. In den Texten werden an den Rand gedrĂ€ngte Stimmen sichtbar und ein »anderes Erinnern« entsteht. Sie zeigen die KontinuitĂ€t migrantischer Organisierung (zumindest im Westen) ebenso wie die von Rassismus und antisemitischer Bedrohung.

Vieles, was in »Erinnern stören« geschildert wird, nimmt Bezug auf sehr persönliche Erlebnisse, wie die eines 1976 geborenen Sinto ĂŒber sein Aufwachsen in der DDR, oder die eines 1982 geborenen Rom aus dem (ehemaligen) Jugoslawien, der jahrelang mit seiner Familie in verschiedenen Lagern leben muss. Eine tĂŒrkische Kommunistin erzĂ€hlt, wie sie von der Partei 1985 in die DDR geschickt wird, dort studiert und nach der »Wende« dort bleibt.

So bringt der Band beeindruckende Geschichten zusammen: von BĂŒrgerrechts- und AsylkĂ€mpfen ehemaliger Gastarbeiter*innen, von GeflĂŒchteten in BRD und DDR. BeitrĂ€ge ĂŒber den Eigensinn von Vertragsarbeiter*innen, von damaligen internationalen Studierenden, ĂŒber jĂŒdisches Leben in Ost und West. Vieles ist Berlin-zentriert, aber auch andere Orte kommen vor. In Merseburg (heute Sachsen-Anhalt) werden im August 1979 die kubanischen Vertragsarbeiter Delfin Guerra und RaĂșl Garcia Paret ermordet, die TĂ€ter*innenschaft ist bis heute unaufgeklĂ€rt. Seit einigen Jahren untersucht und skandalisiert die »Initiative 12. August« den Fall – und berichtet darĂŒber in ihrem Beitrag.

Ceren TĂŒrkmen informiert ĂŒber einen Brand 1984 in Duisburg, bei dem sieben Menschen getötet wurden: DöndĂŒ Satır (40 Jahre), Zeliha (18 Jahre), Rasim (15 Jahre) und Tarık Turhan (50 Tage), SongĂŒl (vier Jahre), Ümit (fĂŒnf Jahre) und Çidem Satır (sieben Jahre). Erst zehn Jahre spĂ€ter wird das Feuer, das im Treppenhaus des Wohnhauses begann, als Brandstiftung identifiziert – obwohl es in den Jahren zuvor immer Hinweise dafĂŒr gegeben hatte, dass der Brand vorsĂ€tzlich aus rassistischen Motiven gelegt worden war.

»Erinnern stören« ist ein umfangreiches, inhaltsvolles und wichtiges, nicht zuletzt lĂ€ngst ĂŒberfĂ€lliges Buch. Es ist auch ein Buch ĂŒber antirassistische Allianzen – und ihre Schwierigkeiten. Wer sich in Zukunft ĂŒber deutsche Zeitgeschichte, die Geschichte antirassistischer KĂ€mpfe und ein linkes, zeitgenössisches jĂŒdisches SelbstverstĂ€ndnis austauschen will, sollte es gelesen haben.

ErgĂ€nzend und vertiefend sei noch auf die Zeitschrift JALTA hingewiesen, die, so der Untertitel »Positionen zur jĂŒdischen Gegenwart« veröffentlicht. Sie erscheint seit 2017 und verfolgt Ă€hnlich wie »Erinnern stören« kritische, feministische und queere Perspektiven auf Geschichte und Gegenwart. JALTA will »mehrheitsgesellschaftliche Deutungsmuster in Frage« stellen und »die DiversitĂ€t der Post-Migrationsgesellschaft« widerspiegeln. Sie ist auch fĂŒr (radikale) Linke sehr lesenswert.


Lydia Lierke und Massimo Perinelli (Hg.): »Erinnern stören«. Der Mauerfall aus migrantischer und jĂŒdischer Perspektive; Verbrecher Verlag, Berlin Oktober 2020, 540 Seiten, 20 Euro

JALTA, Neofelis Verlag, Berlin, 16 Euro, bisher sieben Ausgaben, Link: https://bit.ly/3jY72Uz

Unter https://bit.ly/2LRuMNt können die BeitrÀge des Buches einzeln heruntergeladen werden.

Das Webprojekt »Erinnern stören« (https://bit.ly/3tYQxMB) stellt FilmbeitrĂ€ge, Interviews sowie den Film »Duvarlar – Mauern – Walls« (Can Candan, 2000) zur VerfĂŒgung.




Quelle: Contraste.org