April 22, 2021
Von InfoRiot
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Wittstock/Dosse – Die GedenkstĂ€tte Todesmarsch im Belower Wald erinnert an die furchtbaren Tage im April 1945, als 16.000 HĂ€ftlinge des KZ Sachsenhausen krank und hungernd hier ausharren mussten.

In den frĂŒhen Mor­gen­stun­den des 21. April 1945, als die Rote Armee nur noch wenige Kilo­me­ter ent­fer­nt war, rĂ€umten die Nazis das KZ Sach­sen­hausen bei Oranien­burg. Sie schick­ten die noch verbliebe­nen 33.000 HĂ€ftlinge in 500er-Grup­pen auf so genan­nte TodesmĂ€rsche, Rich­tung Nord­west­en. Unter den HĂ€ftlin­gen waren auch Frauen und Kinder. Unter­wegs töteten die SS-Wach­mĂ€n­ner hun­derte von ihnen.

Der jĂŒdis­che Kom­pon­ist Peter Heil­but, der damals 25 Jahre alt war, beschrieb einen dieser Morde: “Ein­er, einige Rei­hen vor uns, bricht zusam­men, fĂ€llt, liegt da [
] Gibt er sich der sim­plen Hoff­nung hin, dass weit­er­marschiert und er hier liegen- und zurĂŒck­ge­lassen werde? [
] Auf SS-Befehl wird er bei­seite getra­gen, neben den Weg gelegt. Ein Schuss knallt. Wir haben den ersten Toten.” Diese und weit­ere Erin­nerun­gen von Über­leben­den doku­men­tiert die Stiftung Bran­den­bur­gis­che GedenkstĂ€t­ten auf ihrer Home­page [www.below-sbg.de].

“Ausgemergelte, ungewaschene, zerrissene Gestalten”

Ab dem 23. April zogen die Nazis 16.000 KZ-HÀftlinge im Below­er Wald (bei Wittstock/Dosse) zusam­men. Vor einem Hirten­haus, in dem sich die SS-Wach­mÀn­ner aus­ruht­en, mussten die HÀftlinge eine knappe Woche lang auf dem blanken Wald­bo­den ausharren.

Fritz Eick­e­meier, ein damals 37-jĂ€hriger Kom­mu­nist, kam etwas spĂ€ter hinzu und beschrieb das Lager, das er damals vor­fand [www.below-sbg.de]: “Soweit das Auge reicht, Wald­hĂŒt­ten, Erd­höhlen und Laub­dĂ€ch­er. [
] aus­ge­mergelte, seit Tagen unge­wasch­ene, zer­ris­sene Gestal­ten hock­en um das Feuer. Über­all sieht man in Kochgeschirren, Kon­ser­ven­bĂŒch­sen, Suppe kochen. Es ist Wass­er mit Brennnes­sel und ander­er GrĂ€s­er, denn Verpfle­gung hat es bis jet­zt auch hier noch nicht gegeben.”

Aus Verzweiflung von Baumrinde ernÀhrt

Car­men Lange, die Direk­torin der heuti­gen GedenkstĂ€tte Todes­marsch im Below­er Wald, deutet auf eine Kiefer, bei der ein etwa 50 Zen­time­ter langes StĂŒck Rinde fehlt. “Das ist eine sehr ein­drucksvolle Spur. Hier sieht man, wie die Men­schen in ihrer Verzwei­flung ver­sucht­en, sich von der Baum­rinde zu ernĂ€hren.” Die Stiftung Bran­den­bur­gis­che GedenkstĂ€t­ten zeigt in ihrer Ausstel­lung im mit­tler­weile nachge­baut­en SS-Hirten­haus impro­visierte Reiben, die auf dem Wald­bo­den gefun­den wurden.

“Das sind Blech­stĂŒcke, in die die Men­schen mit ihren NĂ€geln Löch­er reinge­drĂŒckt haben. An der einen Seite der Löch­er ent­standen scharfe Kan­ten und so kon­nten sie damit Baum­rinde zu SpÀ­nen zer­reiben und mit PfĂŒtzen-Wass­er zu Brei ver­ar­beit­en”, erzĂ€hlt Lange.

132 GrÀber am Belower Wald

In Grabow (Meck­len­burg-Vor­pom­mern), dem ersten Dorf hin­ter dem Below­er Wald, gibt es einen Gedenkstein. Hier wur­den 132 Men­schen beerdigt, die das Lager nicht ĂŒber­lebten. Die meis­ten HĂ€ftlinge wur­den von den Trup­pen der Alli­ierten befre­it, vor allem von der Sowjetarmee.

Im Laufe der Jahrzehnte besucht­en viele Über­lebende immer wieder die GedenkstĂ€tte im Below­er Wald. Car­men Lange erin­nert sich an etwa 30 Per­so­n­en, die in den 2000er Jahren regelmĂ€ĂŸig zu den Gedenk­feiern im April kamen. “FĂŒr viele war der Todes­marsch nach den Erleb­nis­sen im KZ der Scheit­elpunkt. Sie wussten nicht, was sie erwartet, entwed­er der Tod oder die Frei­heit. Das war sehr aufwĂŒh­lend und ich glaube, deshalb war fĂŒr viele dieser Marsch sehr wichtig”, sagt Lange. Jet­zt, 76 Jahre spĂ€ter, hat die GedenkstĂ€t­ten­lei­t­erin nur noch Kon­takt zu vier Überlebenden.

Neonazistischer Brandanschlag 2002

Ein ein­schnei­den­des Erleb­nis war ein neon­azis­tis­ch­er Bran­dan­schlag auf die GedenkstĂ€tte im Jahr 2002. Dabei wur­den die TĂ€ter nie gefasst. Immer­hin gab es danach ein starkes Zeichen, sagt Lange: “Der Bran­dan­schlag hat genau das Gegen­teil von dem bewirkt, was die Neon­azis woll­ten. Denn nach dem Anschlag ist die Neugestal­tung der GedenkstĂ€tte so richtig in Schwung gekommen.”






Quelle: Inforiot.de