Dezember 12, 2021
Von GefangenensolidaritÀt Jena
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Wir veröffentlichen im Folgenden dankend einen Text von Peter Nowak ĂŒber Lara Melin, die 2014 nach GrĂŒndung der Gefangenen-Gewerkschaft in der JVA Tegel wichtige UnterstĂŒtzungsarbeit geleistet hat. Sie ist vor zwei Jahren, im Dezember 2019, gestorben. Wir denken an sie und die Hinterbliebenen.

Anfang Dezember 2019 ist die Fotografin Lara Melin nach lĂ€ngerer Krankheit verstorben. Ich behalte sie in Erinnerung als eine Frau, die solidarisch dafĂŒr gesorgt hat, dass die Gefangenengewerkschaft in den ersten Wochen nach ihrer GrĂŒndung draußen ein solidarisches Umfeld gefunden hat. Ich behalte sie in Erinnerung als KĂŒnstlerin, die mit der Ausstellung »Ode an einen Schandfleck« an die kurze Geschichte der Heidestraße gegenĂŒber dem heutigen Hauptbahnhof als Kunstboulevard erinnerte. Die Rezension zu der Ausstellung aus dem Jahr 2013 kann hier nachgelesen werden: http://peter-nowak-journalist.de/tag/lara-melin/.

Ich habe mich nach zwei Jahren entschlossen, noch einige Erinnerungen an Lara Melin zu veröffentlichen, weil ich verhindern will, dass wie so oft auch in der Linken, die Arbeit von Frauen vergessen wird. Ich hatte zunĂ€chst angenommen, dass die spĂ€ter aktiven Genoss*innen der Soligruppe der GG/BO an Lara erinnern werden. Ich hatte aber vergessen, dass das Engagement in der außerparlamentarischen Linken oft kurzlebig ist. So ist wohl den meisten Aktiven Lara Melin gar nicht mehr bekannt. Und doch ist es wesentlich ihr zu verdanken, dass außerhalb der Knastmauern eine Solistruktur entstanden ist. Es war kurz nach der GrĂŒndung der Gefangenengewerkschaft, ich hatte einen ersten Artikel in der Taz veröffentlicht und die GrĂŒndungsmitglieder waren mit Zellenrazzien und drohender Kriminalisierung konfrontiert, als Lara mich und andere Interessierte ins CafĂ© Kant im tiefsten Berliner Westen einlud. Fortan gehörten diese Treffen fĂŒr mehrere Monate zu meinen regelmĂ€ĂŸigen wöchentlichen Terminen. Es ging darum, weitere Interessierte anzusprechen, sowie Kontakte zur Presse und zu potentiell unterstĂŒtzenden Gruppen und Organisationen herzustellen und aufrechtzuhalten. Das war leichter gesagt als getan. Es bedeutet, Emails zu schicken, telefonisch nachzufragen und auf Plenas und Vollversammlungen aufzutreten. Lara hat diese Arbeit sehr ernst genommen, Ordner angelegt und sehr genau eingetragen, welche Kontakte es zu welchen Organisationen gegeben hat und welche Termine noch anstanden. Sie hat dann auch immer kurz vorher noch mal an die Termine erinnert. Ich war mit Lara u.a. bei einem Plenum der FAU, dem Erwerbslosenausschuss der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und bei Asten von Berliner AktivitĂ€ten. Ich weiß, dass Lara noch viele weitere Termine hatte.

Die Arbeit war zĂ€h, die berĂŒhmten unspektakulĂ€ren MĂŒhen der Ebene, aber sie war nicht erfolglos. So war es auch dieser Kleinarbeit zu verdanken, dass der erwĂ€hnte Erwerbslosenausschuss von Verdi (Berlin) mit zu den ersten Organisationen aus dem DGB-Spektrum gehörte, die die Gefangenengewerkschaft unterstĂŒtzte und ihre Anerkennung als gewerkschaftliche Organisation forderte. Diese Öffentlichkeits- und UnterstĂŒtzungsarbeit draußen war gerade in der FrĂŒhphase nach der GrĂŒndung der GG/BO wichtig, um eine Kriminalisierung der Kolleg*innen hinter Gittern zu verhindern. Es ist gelungen und Lara hat daran einen wesentlichen Anteil. Es ist mir auch deshalb ein BedĂŒrfnis, daran noch mal zu erinnern, weil auch in linken Organisationen die Arbeit von Frauen allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz oft verschweigen oder kleingeredet wird. Oder ihr Anteil wird vergessen, weil er scheinbar nicht spektakulĂ€r genug ist. Ich weiß, dass Lara auch froh war, dass sich nach einigen Monaten in Berlin und anderen StĂ€dten ein UnterstĂŒtzer*innenkreis der GG/BO gefunden hat und sich die Gewerkschaft auch in verschiedenen GefĂ€ngnissen etablieren konnte. Deshalb wollte sie sich zurĂŒckziehen und sich wieder stĂ€rker ihrer kĂŒnstlerischen Arbeit als Fotografin widmen.

Das Interesse an der Kunst teilte ich mit Lara, so dass ich eine Solo-Ausstellung von ihr besuchte und besprach und auch andere Ausstellungen registrierte, in denen Lara mit Fotos vertreten war. Leider verhinderte die Krankheit, an der sie dann gestorben ist, dass sie ihre vielen kĂŒnstlerischen PlĂ€ne, die sie hatte, verwirklichen konnte. Auf der Seite www.lara-melin.de [derzeit nicht abrufbar] können Ihre Arbeiten noch betrachtet werden.

Ich werde Lara in Erinnerung behalten als KĂŒnstlerin und sozial engagierte Frau.

Peter Nowak




Quelle: Gefangenensolijena.noblogs.org