Juni 23, 2022
Von Indymedia
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Contentwarning: In diesem Text wird auch sexualisierte Gewalt thematisiert.

Am 15. Juni fanden im Kontext des sogenannten Antifa-Ost Verfahrens zwei Hausdurchsuchungen in Berlin und Leipzig statt. 

Das Verfahren wird seit September 2021 vor dem sĂ€chsischen Oberlandesgericht in Dresden gefĂŒhrt. Der vermeintlichen Vereinigung werden eine Reihe antifaschistischer Aktionen vorgeworfen. Vier Genoss:innen sind angeklagt, zusammen mit mindestens sechs weiteren Beschuldigten eine „kriminelle Vereinigung“ im Sinne des §129 StGB gebildet zu haben. Eine der angeklagten Genoss:innen, Lina, sitzt seit November 2020 in Untersuchungshaft.

Wie wir erfahren mussten, fanden die letzten Durchsuchungen aufgrund von Kronzeugenaussagen statt. Einer der Beschuldigten, Johannes Domhöver, hatte sich entschieden im Tausch gegen vermeintlichen Schutz und Strafmilderung ausfĂŒhrliche Aussagen bei den Repressionsbehörden zu machen. Allein zum Antifa-Ost Verfahren umfassen die Aussagen mehrere hundert Seiten. Hinzu kommen offenbar weitere Aussagen zu Personen und Strukturen aus der linken Bewegung im ganzen Bundesgebiet, ĂŒber die Domhöver Kenntnis zu haben vorgibt.

Das ist nicht das erste Mal, dass Johannes alles, wofĂŒr er einzustehen vorgegeben hat, durch sein Handeln verraten hat. Im Oktober vergangenen Jahres wurde öffentlich gemacht, dass er, wĂ€hrend er sich in linken ZusammenhĂ€ngen bewegte, gegenĂŒber mehreren Personen massiv sexualisierte und psychische Gewalt ausĂŒbte, Übergriffe beging und mit Selbst- und Fremdverletzung drohte. Seitdem sein Verhalten öffentlich bekannt wurde, hat er unseres Wissens nach keine weitere UnterstĂŒtzung durch SolidaritĂ€tsgruppen und -bĂŒndnisse erfahren – weder finanziell, noch politisch.

Mit seinem sexistischen Verhalten und den Aussagen bei den Repressionsbehörden hat sich Johannes Domhöver entschieden, sĂ€mtliche Prinzipien der SolidaritĂ€t und Menschlichkeit ĂŒber Bord zu werfen.

Durch die patriarchale Gewalt, die er ausgeĂŒbt hat, hat er sich komplett von einem linken SelbstverstĂ€ndnis entsolidarisiert und sich den Prinzipien der bĂŒrgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zugewandt, was nun ganz öffentlich in seiner Verbeugung vor der Staatsmacht mĂŒndet.

Mit seinen Aussagen versucht er einfach nur seinen eigenen Hals zu retten. Die Gewalt der Repressionsbehörden gegenĂŒber anderen hat er damit vollstĂ€ndig mitzuverantworten. . Hinzu kommt, dass ihm bekannt sein dĂŒrfte, dass seine Aussagen ĂŒber die Verteidigung der Nebenklage höchstwahrscheinlich auch in die HĂ€nde von Faschist:innen gelangen.

Wir verurteilen diesen Verrat, genauso wie den vorangegangenen durch die AusĂŒbung sexualisierter Gewalt, auf`s SchĂ€rfste. Allen, die unter den Handlungen von Johannes Domhöver zu leiden haben und hatten, direkt oder vermittelt durch die Staatsgewalt, sprechen wir unsere volle SolidaritĂ€t aus.

Wir unterstĂŒtzen auch jetzt noch explizit, dass er fĂŒr die sexualisierte Gewalt, die er ausgeĂŒbt hat, (szene)öffentlich geoutet wurde. Der konsequente Kampf gegen patriarchale Gewalt kann unsere eigenen Strukturen nicht ausklammern. Outings wie dieses sind darin ein mutiger und notwendiger Schritt. Sie machen die Gewalt, die innerhalb unserer eigenen Strukturen und Gemeinschaften passiert, sichtbar. Und nur wenn sie sichtbar ist, können wir sie bekĂ€mpfen und uns davor schĂŒtzen.

Aus diesen GrĂŒnden lehnen wir es ab, den Schutz vor Repression gegen den Schutz vor sexualisierter Gewalt auszuspielen.

Wir alle wissen, dass auf Johannes Domhövers Aussagen Repression folgt. Es war seine Entscheidung. Die Verantwortung dafĂŒr jetzt bei anderen zu suchen, trifft letztendlich nur diejenigen, die sowieso schon am meisten unter seinem Verhalten zu leiden haben.

Statt solcher unsolidarischer Diskursverschiebungen sollten wir uns auf das konzentrieren, was uns wirklich gegen Repression hilft: SolidaritĂ€t und gegenseitige UnterstĂŒtzung. Aber auch Aussageverweigerung, Wachsamkeit, eine konstante Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen, solidarische Kritik und den Mut und das Vertrauen untereinander genau das offen diskutieren zu können.  Dies sind die Grundlagen unserer Beziehungen als Genoss:innen. Sie werden nicht durch Personen aufrechterhalten, welche ihre politischen GrundsĂ€tze, sowie die Menschen in ihrem Umfeld, verraten haben. 

Zu einem solidarischen Umgang gehört fĂŒr uns auch, dass wir nicht spekulieren. Auch nicht darĂŒber, ĂŒber wen oder was genau der VerrĂ€ter Aussagen getroffen haben könnte. Wir wissen, dass viele Menschen aktuell besorgt sind, um sich oder ihre Genoss*innen, aber auch hier gilt: Spekulationen helfen lediglich den Repressionsbehörden. 

Wir mĂŒssen davon ausgehen, dass Domhöver in den Vernehmungen alles erzĂ€hlt, wovon er denkt, dass es ihn wertvoll erscheinen lĂ€sst – egal ob frei erfunden oder nicht. KriminalĂ€mter und der VS interessieren sich nicht fĂŒr die Wahrheit, sondern vor allem dafĂŒr, ihre repressiven Maßnahmen zu rechtfertigen. 

Wir sollten auch nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen, indem wir angesichts des Verrats unsere ganze Aufmerksamkeit auf den VerrĂ€ter lenken. Das hat er nicht verdient und es bringt auch nichts. Fruchtlose Überlegungen und Debatten von linken Autor:innen zu BeweggrĂŒnden und Psyche von VerrĂ€tern wie Tarek Mousli und Hans-Joachim Klein haben reihenweise BĂŒcher und Artikel gefĂŒllt, wĂ€hrend die Erfahrungen derjenigen, die von ihnen verraten wurden, kaum Platz in der linken Geschichtsschreibung fanden. 

Das sollte uns nicht nochmal passieren. Wir mĂŒssen aufeinander aufpassen, emotionale Arbeit leisten und diejenigen Genoss*innen, welche von Johannes Domhövers verachtenswertem Verhalten betroffen sind, unterstĂŒtzen, wo wir nur können. Der Vereinzelung, dem Misstrauen und dem GefĂŒhl der Hilflosigkeit mĂŒssen wir unsere SolidaritĂ€t entgegensetzen. Das beinhaltet auch, ein GefĂŒhl der Sicherheit zu vermitteln, dass wir diese Situation gemeinsam tragen können und werden. Darauf sollten wir uns konzentrieren. 

Wenn wir das schaffen, dann ist unser Ausspruch „getroffen hat es einige, gemeint sind wir alle“ keine leere Phrase, sondern ein GefĂŒhl und eine Praxis unter Genoss:innen. 

Freiheit fĂŒr Lina und alle anderen politischen Gefangenen! 

Von der Roten Hilfe Berlin.




Quelle: De.indymedia.org