Mai 31, 2021
Von Die Plattform
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Inhaltswarnung: Rassistische/koloniale Gewalt

Im folgenden Text werden von manchen Menschen erlebte UnterdrĂŒckungserfahrungen thematisiert. Wir sprechen deshalb eine Inhaltswarnung fĂŒr Rassismus und rassistische Gewalt im Kontext des deutschen Kolonialismus aus. Lest den Text nur, wenn ihr denkt, dass ihr damit zurecht kommt.

ErklÀrung zur Anerkennung des Völkermords an den Herero & Nama durch die BRD

Vor einigen Tagen hat der deutsche Außenminister Heiko Maas bekannt gegeben, dass die Bundesrepublik plant, Verbrechen des deutschen Kaiserreiches in seiner damaligen Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Namibia als Völkermord anzuerkennen. Zwischen 1904 und 1908 hatten deutsche Kolonialtruppen auf einen Aufstand der indigenen Bevölkerung der Herero mit einem brutalen Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama reagiert. Der befehlshabende deutsche Offizier erteilte einen Vernichtungsbefehl, etwa 80.000 Herero und Nama wurden getötet oder verdursteten in der WĂŒste.

Über 100 Jahre haben das deutsche Kaiserreich und seine Nachfolgestaaten von Weimar ĂŒber NS-Staat bis zur BRD alles getan, um diesen Versuch, ganze indigene Bevölkerungen fĂŒr immer zu vernichten, zu feiern, zu rechtfertigen, umzudeuten und zu verleugnen. Diese Politik ist beispielhaft fĂŒr den deutschen Umgang mit der Kolonialzeit und der mit ihr verbundenen Verbrechen. Deutschland stellt sich wie schon Ende des 19. Jahrhunderts als “zuspĂ€tgekommene” Kolonialmacht dar und rechtfertigt damit die völlig unzureichende Aufarbeitung dieser Epoche. Die Nachkommen der Betroffenen und ihre Forderungen werden ignoriert und im Schulunterricht wird diese Zeit kaum behandelt. Es gab nie einen klaren Bruch dieses deutschen Staates mit der deutschen KontinuitĂ€t von Kolonialismus, Imperialismus und UnterdrĂŒckung.

Dass die BRD nun die Verbrechen von damals als Völkermord anerkennt und um Vergebung bittet kann nur als Farce betrachtet werden. Denn diese Entscheidung war nicht Folge eines tatsĂ€chlichen Umdenkens weg von kolonialer AttitĂŒde. Denn noch immer halten die BRD und ihre imperialistischen VerbĂŒndeten die Nationalwirtschaften Afrikas in AbhĂ€ngigkeit, auch wenn es heute nicht mehr durch direkte Gewalt, sondern durch Wirtschaftsabkommen und “Entwicklungshilfe” geschieht. Und noch immer forcieren die Herrschenden in der BRD eine rassistische Agenda. Diese zeigt sich sowohl im Umgang mit den Opfern rassistischen Terrors wie in Hanau, genauso im racial profiling, dem die Angehörigen nicht-weißer Communities ausgesetzt sind, in der regelmĂ€ĂŸig tödlichen Abschiebepraxis des deutschen Staatsapparates, in den staatlichen Morden an Schwarzen Menschen und People of Color und am brutalsten im von der BRD gestĂŒtzten EU-Grenzregime, das tĂ€glich Menschen im Mittelmeer ersaufen lĂ€sst. Wundern sollte uns das alles nicht. Die BRD ist nicht das Kaiserreich und doch eint die beiden Staaten ihr kapitalistischer, imperialistischer, rassistischer und (neo-)kolonialer Charakter. Die BRD kann nicht wirklich an der AufklĂ€rung, Aufarbeitung und Wiedergutmachung dieser Verbrechen interessiert sein, denn sie profitiert von den gleichen globalen MachtverhĂ€ltnissen, die die Verbrechen an den Herero und Nama erst möglich gemacht haben. Sie ist an “antirassistischer” Imagepflege interessiert, nicht daran, wirklich mit den kolonialen KontinuitĂ€ten zu brechen.

Heute haben die Vertretungen der Herero und Nama bekannt gegeben, dass sie den Deal des namibischen Staates mit der BRD als “inakzeptabel” ablehnen. Auch wir weisen den deutschen Plan, sich mit mickrigen Zahlungen ihrer kolonialen Vergangenheit zu entledigen, entschieden zurĂŒck. Wir fordern eine kontinuierliche Aufarbeitung der deutschen und anderer Kolonialherrschaften im Schulunterricht und in der Gesamtgesellschaft sowie eine echte EntschĂ€digung der Nachkommen. Wir wissen, dass es das mit diesem Staat und seinen VerbĂŒndeten nicht geben wird. Ein tatsĂ€chliches Ende der Kolonialzeit wird es nur mit dem Ende von Kapitalismus, Imperialismus und Staat geben. Lasst und dafĂŒr kĂ€mpfen!

Im Gedenken an alle Opfer der deutschen Kolonialherrschaft!




Quelle: Dieplattform.org