Dezember 1, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Eingereichte Übersetzung von First Protocols of Queer Goetia, Originalveröffentlichung auf Contagion Press

[1. QUEER: „komisch, seltsam, exzentrisch.“ Vom deutschen quer, welches wiederum vom Althochdeutschen Wort fĂŒr „schief“, twerh, abstammt, dieses kommt von der Wurzel terkw-, „sich drehen, wenden“, wie in „das Labyrinth dreht und wendet sich“

2. GOËTIE: „die Beschwörung von DĂ€monen oder Geistern“ vom Altgriechischen goeteia, „Zauberei“, von goes „Zauberer, Magier“, letztendlich abgeleitet von goao „zu jammern, zu weinen“ wie in Trauer oder einem Beerdigungs Ritual]

Diese Toten sind hungrig. Fick, tanz, lauf, kĂŒss, stiehl, iss dekandent, sing, zerstöre, kreiere. Die Energie des Lebens, eksatischem Lebens, bringt sie nĂ€her, nĂ€hrt.

Lass dich von deinem kĂŒssen, tanzen, ficken, kreieren, zerstören in eine Trance bringen.

Gib ihnen Platz und schmĂŒcke ihn ĂŒberschwĂ€nglich. Sprich dort mit ihnen, wo sie es gemĂŒtlich haben und zuhause sind.

Die Toten, vor allem die queeren Toten, sind unorganisiert, chaotisch. Erwarte keine Organisation. Suche stattdessen Knoten, AffinitÀten, Kontakte zwischen ihnen. Sie werden untereinander koordinieren.

Lern ihre Namen, alle ihre Namen, auch die geheimen. Umso besser sie damit zu rufen.

Recherchiere wie besessen, recherchiere hektisch, recherchiere ekstatisch.

Lerne ihre Codes, verpflichte dich diesem Slang, den Zeichen, öffne dich gegenĂŒber verschleierten Nachrichten.

Sei Aufmerksam gegenĂŒber subtilen Vorzeichen – im Radio, in Thrift Shops, BĂŒchereien, beilĂ€ufigen GesprĂ€chen – sie funktionieren durch SynchronitĂ€t.

Es gibt so etwas wie Zufall nicht.

Achte besonders auf Ausgestoßene, Schimpfende, VerrĂŒckte, SĂ€ufer*innen.

Experimentiere mit Wahrsagerei: praktiziere Bibliomantie, achte auf Vögel, hellsehe in Wein, beruhige deinen Geist.

Ändere deinen Bewusstseinszustand mit Drogen, mit Fasten, mit Tanz, mit Gesang.

Halte Mahnwachen, besuche ErinnerungsstĂ€tten, schenke Trankopfer ein, entzĂŒnde Kerzen.

Feiere Geburtstage, Sterbetage, feiere Errungenschaften, feiere Feste.

Skizzier eine Karte mit heiligen Orten, eine verzauberte Geographie.

Gehe die alten Wege ab: Bars und Parks und Cruisingorte. Nimm dort ihre Spur auf.

Manche reisen in Rudeln und HĂ€usern, andere sind einsamer. Lern mit
ihnen gemeinsam und alleine umzugehen.

Unter ihnen werden mehr oder weniger erhobene Geister sein, mehr oder weniger weise, mehr oder weniger von ihrem Trauma gefesselte.

Suche Rat von den weisen, und werde nicht vom Schmerz und der Angst der anderen ertrÀnkt.

Du wirst dich vielleicht fĂŒhlen als wĂŒrdest du sterben, du wirst dich vielleicht in Panik und Angst verfallen fĂŒhlen. Das sind Kosten der Arbeit. Lerne zu unterscheiden was deines ist und was nicht.

Teil der Arbeit wird es sein die zu unterstĂŒtzen, die Heilung brauchen. Ihnen beizubringen sich selbst zu heilen.

Heilung kann auch ekstatisch sein.

Kultiviere Empathie. Lerne sie zu regulieren.

Empathie kann als Verlangen, Krankheit, Terror, Freude registriert werden.

HĂ€ng dich in deine Ängste und Manien rein, in deine Höhen und Tiefen. Oft findest du die Geister am anderen Ende.

Gleichgewicht ist notwendig. WĂ€hrend du dich mit dem Tot umgibst, lade in gleichem Maße Leben ein.

Reinige dich. Die Toten sind an sich miasmisch.

Reinige mit Blumen, BĂ€dern, Perfums.

Reinige die TĂŒren der Wahrnehmung.

Lerne TĂŒren zu öffnen und zu schließen, baue und verbrenne BrĂŒcken.

Sing, vor allem wenn das nie tust, sing fĂŒr sie und sie allein.

Kultiviere spezielle QualitĂ€ten – ekstatisch, kathartisch, extravagant, chtonisch – in allen Dingen.

Übe automatisches Schreiben, besessenden Tanz und andere Methoden des Channelings.

Reise in die Unterwelt und finde deinen Weg hinaus.

Nimm dir Pausen, nimm dir Platz, nimm dir Zeit, nimm dir Freiheiten.

Die Freaks kommen in der Nacht raus.

Alles tanzt.

Experimentiere mit Arbeit in Gruppen, verstĂ€rke Energie und Klarheit. Andere könnten können etwas bemerken das du ĂŒbersiehst.

Baue Langzeitbeziehungen auf, leiste Eide, ziehe Grenzen.

Schreib Liebesbriefe an die Toten. Achte auf ihre Antworten.

Überwache deine TrĂ€ume, zeiche sie auf wenn du wachst.

Schreib alles auf, vor allem wenn es anfangs unverbunden scheint.

Lege exzessive Opfergabe dar, Wein und MixgetrĂ€nke, Zigaretten, Drogen, Wasser, SĂŒĂŸigkeiten, Kaffee, Licht. Was die Toten im Leben liebten, werden sie darĂŒber hinaus willkommen heißen.

Putze dich heraus um sie zu treffen so wie du es fĂŒr ein Date tun wĂŒrdest.

Bring ihnen Blumen. Trag sie in deinem Haar um dich an deine Zukunft unter der Erde zu erinnern.

Erwarte nicht, dass die Toten ihre Verabredungen einhalten. Manche kommen ungĂŒnstig frĂŒh, andere modisch spĂ€t.

Komm trotzdem pĂŒnktlich.

Geh raus, und nimm sie mit.

Bleib drinnen, und habe sie zu Besuch.

Erlaube dir zu wandern, in StÀdten und der Wildnis. Lass die Toten nebenher schweben.

Trag KostĂŒme, trag Drag, trag Masken. Lass sie die Leere dahinter fĂŒllen.

Übe verschiede Masken fĂŒr verschiedene Situationen zu kreieren.

Schönheit, Intention und Anmut in allen Dingen.

Immer mit Musik, immer mit Stil.

Beschmiere dein Gesicht mit Lippenstift, Asche, Wein.

Zersetze deine IdentitĂ€t. Öffne Löcher durch die Andere eintreten kann.

Diese Geister verschmieren Grenzen, zwischen Geschlechtern, zwischen Selbst und Anderen, zwischen lebend und tod. Lerne dich diesem zersetzen zu ergeben und trotzdem auf der anderen Seite hinauszukommen.

Übe Einsicht in allen Dingen.

Doch spiel mit Undeutigkeit.

Der Unterschied zwischen Leben und Tod kann fĂŒr die Toten willkĂŒrlich erscheinen. Halte dich und deine Freund*innen am Leben. Die Geister werden es nicht.

Wenn die Toten dich lieben, könnten sie dich immer unter ihnen wollen. Lebe dennoch kraftvoll. Du wirst dich ihnen sowieso eines Tages anschließen.

Tod ist ein Initiation.

Tod ist kein Ende.

Fixiere dich nicht auf Grenzen oder Kategorien. PietĂ€t und Verehrung können fĂŒr diese Geister anders aussehen.

Diese Geister sind immer die Ausnahme.

Bleib flexibel. Passe dich an. Protokolle, wie alles andere, verÀndern sich.

Gib dich Festen der Sinne hin.

Dein Hirn ist ein fleischiges Organ deines Körpers. NÀhre und pflege deine sinnlichen KapazitÀten.

Geist ist dem materiellem innewohnend, lehne falsche GegensÀtzlichkeit ab.

Joissance, der kleine Tod wo Schmerz und VergnĂŒgen ungetrennt werden, ist ebenfalls eine TĂŒröffnung.

Lerne die RĂŒstung abzunehmen.

Lass deine tÀgliche Routine zu Ritualen gerinnen, lass sie Kraft aufbauen.

Oszilliere zwischen FormalitĂ€t und InformalitĂ€t, gib beidem was ihnen zusteht, und erfreue dich an den besonderen, unterschiedlichen VergnĂŒgen.

Geistesbeschwörer*innen Echtheit, Hellseher*innen Echtheit, Geistermedium Echtheit.

Wende dich an Psychopomps.

Widme dich den Kompliz*innen von Eros und Thanatos.

Verbringe Zeit in KĂŒchen, GĂ€rten, Bibliotheken.

Verbringe Zeit mit Nichtstun.

Verbringe Zeit in Stille.

Denke nach ĂŒber ihre Leben, denke nach ĂŒber deines.

Denke nach ĂŒber Nichts, denke nach ĂŒber die Leere.

Schau in die Sterne. Schau auf den Mond. Schau in die Leere.

Suche PrĂŒfungen heraus die dich nĂ€her bringen könnten.

Praktiziere Gegenseitigkeit in allen Dingen. Ein Geschenk erfordert ein Geschenk.

Teil dein Essen und deinen Wein, teil deinen Platz, teil die Sonne. Den Toten fehlt es an sinnlicher KapazitÀt, aber sie erfreuen sich an unserer.

Schrei deinen Kummer, schrei deine Wut, schrei deine Freude. Die exzessive QualitÀt der Emotionen wird mit ihnen am klarsten resonieren.

Manchmal erfordern die Toten Blut um zu sprechen.

Was sie brauchen, mehr als alles andere, ist das Geschenk der Erinnerung. ErzÀhl ihre Geschichten, nenn ihre Namen, bestÀtige ihre Wahrheiten.

Die Toten werden shaden und tea spillen, pass auf brutalste Wahrheiten auf.

Rezitiere ihre Gedichte, sing ihre Lieder, lies ihre Texte. Lass ihre Wörter in deinen Werken und deiner Sprache weiterleben.

Was erinnert wird lebt.

Das sind Vorfahren zertrennter Linien. Viele wurde im Leben abgeschnitten, wenige haben biologische Nachfahren. Falls du ihr echter Nachfahre bist, ist dein Wohl in ihrem Interesse.

Frag nach UnterstĂŒtzung in deinen Projekten und BemĂŒhungen, komm zu ihnen fĂŒr Inspiration und Einsicht.

Un allem was du tust, ehre sie und erkenne diese UnterstĂŒtzung.

Diese Geister, im Leben, fĂŒrchteten sich davor alleine zu sterben. Sichere gegen ihre Isolation im Tod.

Sie starben in GefÀngnissen und Camps und Irrenanstalten, durch die HÀnden von Inquisitoren, Gaybashern und Cops.

Rache ist auch fĂŒr sie sĂŒĂŸ.

Die grĂ¶ĂŸte Rache ist es in ihrem Namen freudig zu leben.

Sei bereit, dass alte Schulden fÀllig werden.

Die Toten sind selten von menschlicher Moral eingeschrĂ€nkt, sie sind furcheinflĂ¶ĂŸende Verschwörer*innen und Verteidiger*innen.

Krieg breitet sich auf alle Ebenen aus, es gibt ebenfalls feindliche KrÀfte. Behalte deine Freund*innen nah.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de