Februar 3, 2023
Von Emrawi
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Der tĂŒrkische Staat ist einer der entscheidenden Faktoren dafĂŒr gewesen, dass sich der Aufstand gegen das Assad-Regime in Syrien zu einem Massaker und einem blutigen Krieg entwickelte. WĂ€hrend der tĂŒrkische Staat seine neosmanischen Interessen in Syrien verfolgte, machte vor allem die Revolution von Rojava vom 19. Juli 2012 einen Strich durch seine Rechnung. Seitdem setzt der tĂŒrkische Staat alles ein, um diese Revolution zu vernichten. Als ersten Schritt wurden Gruppen wie al-Qaida in Syrien – Jabhat al Nusra – und andere Dschihadistenbanden zusammen mit kurdischen Kollaborateuren aus der TĂŒrkei nach Rojava geschleust, um die Revolution zu ersticken. Doch der Widerstand in SerĂȘkaniyĂȘ (Ras al-Ain) war zu groß. Daraufhin begann der tĂŒrkische Staat, den Islamischen Staat (IS) zu stĂ€rken und gleichzeitig ein SöldnerbĂŒndnis, die sogenannte „Syrische Nationalarmee“ (SNA), ins Leben zu rufen. Bei der SNA handelte es sich um ein Konglomerat aus rechtsextremen und dschihadistischen Gruppen wie Ahrar al-Sham, Faylaq al-Sham und anderen Al-Qaida-Ablegern, Proxys der Muslimbruderschaft oder der Grauen Wölfe. Als dies auch keinen Erfolg hatte, griff die tĂŒrkische Armee am 24. August 2016 selbst ein.

Der Angriff begann mit al-Nusra

Der erste Angriff von al-Nusra richte sich gegen die selbstverwalteten Stadtviertel ƞĂȘxmeqsĂ»d und EƟrefĂźye in Aleppo. Vom 25. bis 26. Oktober 2012 wurden mindestens 30 Kurd:innen ermordet. Zwischen dem 27. und 30. Oktober begannen Angriffe auf Dörfer bei EfrĂźn. Eine Woche spĂ€ter startete ein Angriff auf SerĂȘkaniyĂȘ. Dabei drangen die Al-Nusra-Dschihadisten am 8. November 2012 ĂŒber die tĂŒrkische Grenze in Kaniya Xezalan (tr. Ceylanpınar) nach SerĂȘkaniyĂȘ vor. Die tĂŒrkische Armee hatte ihnen und kurdischen Kollaborateuren aus dem Umfeld der sĂŒdkurdischen PDK die Grenze geöffnet. Das Konglomerat aus dschihadistischen Terrorgruppen und tĂŒrkeitreuen Kollaborateuren verkĂŒndete eine Allianz gegen das Regime und versuchte so, die arabische Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen. Gleichzeitig wurde in den besetzten Gebieten in SerĂȘkaniyĂȘ ein Schreckensregime nach IS-Manier errichtet. Am 19. November folgte ein Angriff auf die kurdischen Stadtteile. Dabei wurde der Vorsitzende des Volksrats von SerĂȘkaniyĂȘ, Ebid XelĂźl, in einem Hinterhalt ermordet. Eine kleine Einheit von YPG-KĂ€mpfer:innen befreite im Januar 2013 Schritt fĂŒr Schritt die von VerstĂ€rkung abgeschnittene Stadt. In den VerwaltungsgebĂ€uden der Dschihadisten wurden Dokumente sichergestellt, welche die Zusammenarbeit mit der TĂŒrkei und ISIS belegten. Al-Nusra wurde international als Terrororganisation eingestuft und benannte sich am 28. Juli 2016 in „Jabhat Fatah al-Sham“ und spĂ€ter dann in Hayat Tahrir al-Sham (HTS) um, um sich ein neues Image zu geben.

Der Angriff des IS

Als al-Nusra nicht erfolgreich war, trat 2014 der IS auf den Plan. Nach der Besetzung von Mossul und dem Massaker von ƞengal richtete der hochgerĂŒstete selbsternannte „Islamische Staat“ seine ganze Energie auf die selbstverwalteten Gebiete in Nord- und Ostsyrien. So sollten die Selbstverwaltung und das alternative Gesellschaftsmodell vernichtet und ein direkter Korridor zum IS-HauptunterstĂŒtzer TĂŒrkei geschaffen werden. Dem IS gelang es, weite Gebiete bis zur tĂŒrkischen Grenze zu erobern. Über die tĂŒrkische Grenze konnte der IS Öl verkaufen, Dschihadisten zur Behandlung in tĂŒrkischen KrankenhĂ€user schicken und Söldner aus der ganzen Welt in Empfang nehmen. Ein kontinuierlicher Strom an Waffen und Söldnern aus der TĂŒrkei ĂŒber StĂ€dte wie GirĂȘ SpĂź (Tall Abyad) und Minbic stellte die Lebensader des IS dar. Nach der Eroberung von Raqqa und Tabqa startete der IS in der Nacht vom 14. auf den 15. September einen Großangriff auf KobanĂȘ. Die VerteidigungskrĂ€fte von Rojava und die Menschen in der Region stellten sich dem brutalen Angriff mit leichten Waffen und grĂ¶ĂŸter Opferbereitschaft entgegen und konnten die Islamisten mithilfe einer Welle von internationaler SolidaritĂ€t zurĂŒckschlagen und die erste Niederlage des IS einleiten. Hatten USA und EU KobanĂȘ bereits abgeschrieben, so waren sie aufgrund der internationalen Aufmerksamkeit zum Eingreifen gezwungen. Die Hauptlast der KĂ€mpfe trugen jedoch weiterhin die VerteidigungskrĂ€fte, und sie setzten ihren Kampf von Minbic ĂŒber Tabqa und Raqqa bis nach al-Bagouz zur vollstĂ€ndigen Zerschlagung der Territorialherrschaft des IS fort.

Der tĂŒrkische Staat hĂ€lt bis heute am IS fest, um seine Interessen in der Region durchzusetzen. Enge tĂŒrkische Verbindungen zeigten sich beim Anschlag am 27. Juli 2016 auf das XerbĂź-Viertel in QamiƟlo, bei dem 62 Menschen ermordet und 176 verletzt wurden, als ein mit Sprengstoff beladener LKW explodierte.

Die tĂŒrkische Armee greift selbst ein

Als der tĂŒrkische Staat erkannte, dass er seine Ziele nicht durch Söldnergruppen erreichen konnte, setzte er seine eigene Armee ein. Unter dem Namen „Operation Euphrat-Schild“ drang sie am 24. August 2016 in die syrischen StĂ€dte Azaz, Bab und Cerablus ein. Azaz und Cerablus wurden kampflos vom IS an die tĂŒrkische Armee ĂŒbergeben. So sollte einer Befreiung der Region zuvorgekommen werden. Im Jahr 2017 startete der tĂŒrkische Staat einen Invasionsangriff auf Idlib und errichtete dort ein Protektorat unter der Herrschaft von Hayat Tahrir al-Sham (HTS).

Am 20. Januar 2018 begann dann mit der „Operation Olivenzweig“ die Eroberung und Besetzung von EfrĂźn. Der tĂŒrkische Staat griff mit 72 Kampfflugzeugen an und verĂŒbte schwerste Massaker an der Zivilbevölkerung. In Folge dieser Angriffe, bei denen unzĂ€hlige Menschen massakriert wurden, wurde EfrĂźn am 18. MĂ€rz 2018 fast vollstĂ€ndig besetzt, und mehr als 300.000 Einwohner:innen mussten vor dem Terror von Armee und Söldnern in umliegende Regionen fliehen. Seitdem herrscht in EfrĂźn ein Regime der Vertreibung und des Besatzungsterrorismus.

Am 9. Oktober 2019 fiel die tĂŒrkische Armee in SerĂȘkaniyĂȘ und GirĂȘ SpĂź ein und besetzte die Regionen. Bei der Besetzung wurden unter anderem auch Phosphorbomben gegen Zivilist:innen eingesetzt. Seitdem herrscht dort ein Ă€hnliches Terrorregime wie in EfrĂźn. EfrĂźn, Idlib, SerĂȘkaniyĂȘ und GirĂȘ SpĂź sind zu RĂŒckzugsorten fĂŒr den IS geworden.

„Feuerpause“ als Komplott gegen Rojava

WĂ€hrend die Invasionsangriffe auf SerĂȘkaniyĂȘ und GirĂȘ SpĂź weitergingen, wurde die Region mit einem „Waffenstillstandsabkommen“ zwischen den USA und der TĂŒrkei am 17. Oktober 2019 und zwischen Russland und der TĂŒrkei am 22. Oktober 2019 den Söldnern ĂŒberlassen. Der tĂŒrkische Staat setzte unter dem Vorwand von angeblichen Verletzungen der Waffenruhe durch die Demokratischen KrĂ€fte Syriens (QSD) seine Angriffe unter dem Credo der „Grenzsicherung“ fort. Seitdem hageln zehntausende Granaten aus den besetzten Gebieten auf die StĂ€dte und Dörfer im Umfeld. Dabei wurden viele Zivilist:innen getötet. Doch Russland und die USA betreiben seit fast vier Jahren eine Politik des Wegschauens und ermutigen damit die TĂŒrkei zu immer massiveren Angriffen.

Neue Invasionsdrohungen

Die AKP/MHP-Regierung droht permanent, den ganzen Norden Syriens anzugreifen und zu besetzen. So hat sie am 1. Juni 2022 KobanĂȘ, Minbic und Til Rifat ins Visier genommen. Der tĂŒrkische Regimechef Erdoğan erklĂ€rte: „Wir treten in die neue Phase unseres Planes ein, eine 30 Kilometer tiefe Sicherheitszone entlang unserer SĂŒdgrenzen zu schaffen. Wir befreien Til Rifat und Minbic von Terroristen.“

Mazlum Abdi, Generalkommandant der QSD, erklĂ€rte in seiner ersten Stellungnahme zu den neuen Invasionsdrohungen und AngriffsplĂ€nen des tĂŒrkischen Staates: „Seit zwei Jahren will Erdoğan seine innenpolitische ZwickmĂŒhle aufbrechen, indem er die Region angreift. Wenn er die verschiedenen KrĂ€fte ĂŒberzeugen und die Infrastruktur fĂŒr die Angriffe schaffen kann, wird die TĂŒrkei angreifen. Wir haben uns seit langem auf diesen Krieg und die Selbstverteidigung vorbereitet. Nach den Ereignissen in SerĂȘkaniyĂȘ und GirĂȘ SpĂź bereiten wir uns auf Widerstand vor. Die Menschen werden mit uns Widerstand leisten. Es wird ein harter Krieg werden. Ich glaube nicht, dass die TĂŒrkei gewinnen wird. Wir sind dafĂŒr, alle Probleme im Dialog zu lösen, aber wenn es zu einem Angriff kommt, werden wir uns wehren.“

Der Demokratische Syrienrat (MSD), die QSD und die Selbstverwaltung hielten am 11. Juni 2022 angesichts der Invasionsdrohungen eine außerordentliche Sitzung ab und bekrĂ€ftigten, dass man aus den Erfahrungen von EfrĂźn, GirĂȘ SpĂź und SerĂȘkaniyĂȘ gelernt habe und entsprechend Widerstand leisten werde.

Die bedrohten Gebiete

Aktuell sind primĂ€r KobanĂȘ, Minbic und Tel Rifat von einer Invasion bedroht. Diese Gebiete sollen die BrĂŒckenköpfe fĂŒr weitere Attacken bilden.

KobanĂȘ: Die Einwohnerzahl der Stadt, die 30 Kilometer westlich des Euphrat und 150 Kilometer von Aleppo entfernt liegt, betrĂ€gt 300.000. KobanĂȘ hat eine FlĂ€che von 3.003 Quadratkilometern und besteht aus der Stadt, den fĂŒnf KreisstĂ€dten SirĂźn, QinĂȘ, ƞĂȘran und ÇelebĂź sowie 366 Dörfern. In der Stadt, die zu 90 Prozent von Kurd:innen bewohnt wird, leben auch Armenier:innen und Araber:innen. Die Stadt, deren Sicherheit vom MilitĂ€rrat und den KrĂ€ften der inneren Sicherheit gewĂ€hrleistet wird, ist ein wichtiges Zentrum fĂŒr die Organisation der Selbstverwaltung der Euphrat-Region. Die Einwohner:innen von KobanĂȘ sind angesichts des Widerstands, der gegen die IS-Invasion geleistet wurde, nicht bereit, die Stadt aufzugeben. Neben den militĂ€rischen Organisationen nimmt die Bevölkerung auch ihre eigenen Verteidigungsaufgaben im Rahmen der Gesellschaftlichen VerteidigungskrĂ€fte (HPC) wahr. Die HPC stehen unter der Kontrolle der BasisrĂ€te. An den Grenzen von KobanĂȘ sind auch syrische Regimesoldaten stationiert, von denen im Falle einer Invasion jedoch wenig zu erwarten ist.

Minbic: Die Stadt liegt an der syrischen Ost-West-Achse M4, 25 Kilometer vom Euphrat und 75 Kilomerter von Aleppo entfernt. Es ist eine Region, in der Araber:innen, Tscherkess:innen, Turkmen:innen und Kurd:innen zusammenleben. Minbic wurde am 15. August 2016 aus den HĂ€nden des IS befreit. Damit wurde die Route nach EfrĂźn freigemacht. Die Stadt gilt als Tor zum selbstverwalteten Kanton ƞehba und ist von entscheidender politischer und strategischer Bedeutung. Der MilitĂ€rrat und die KrĂ€fte der inneren Sicherheit sorgen fĂŒr die Sicherheit in der Stadt. Minbic ist eine der Regionen, in denen das Modell der pluralistischen demokratischen Nation am klarsten sichtbar wird. So hatte die TĂŒrkei immer wieder vergebens versucht, turkmenische Bevölkerungsgruppen gegen die Selbstverwaltung aufzuhetzen. Auch Russland und die Regierung von Damaskus unterhalten MilitĂ€rstĂŒtzpunkte in der Stadt.

Tel Rifat: Tel Rifet grenzt an Aleppo und bildet gewissermaßen die Verteidigunglinie vor Aleppo. Diese kleine Region, die aus etwa 80 Dörfern und Weilern besteht, 65 Kilometer lang und 10 bis 15 Kilometer breit ist, ist fĂŒr Aleppo von strategischer Bedeutung. Die von mit dem tĂŒrkischen Staat verbundenen Söldnern besetzte Region wurde am 16. Februar 2016 unter der FĂŒhrung der QSD-Mitgliedsgruppe Jabhat al-Akrad befreit. In der Region befinden sich viele BinnenflĂŒchtlinge aus EfrĂźn. Russland, Iran und Damaskus unterhalten dort MilitĂ€rstĂŒtzpunkte.

Welche Ziele werden darĂŒber hinaus verfolgt?

Die drei Zielregionen bilden BrĂŒckenköpfe. Hinzu kommt, dass vermutlich auch von den bereits besetzten Gebieten aus weitere Eroberungen folgen sollen. So befinden sich die Gebiete um Ain Issa und GirĂȘ SpĂź, Til Temir, Zirgan und DirbĂȘsiyĂȘ schon lange im tĂŒrkischen Fokus. Es wird auch prognostiziert, dass das Gebiet von TirbĂȘspiyĂȘ bei QamiƟlo bis zur Stadt DĂȘrik an der Grenze zu SĂŒd- und Nordkurdistan ebenfalls Ziel möglicher Invasionsangriffe sein könnte.

Taksim-Anschlag als Trigger-Szenario

Der Taksim-Anschlag am 13. November 2022 scheint Teil der Angriffsstrategie gewesen zu sein und sollte eine Invasion in der Region legitimieren. Es wurde sofort die absurde Behauptung gestreut, YPG und YPJ seien dafĂŒr verantwortlich und der Anschlag sei in KobanĂȘ geplant worden. Solche Provokationen sind nicht unĂŒblich. So hatte der Geheimdienstchef Hakan Fidan schon 2014 in einem GesprĂ€ch in Regierungskreisen zu einem Vorwand eines Angriffs auf Rojava erklĂ€rt: „Schauen Sie, General, ich schicke vier MĂ€nner auf die andere Seite und lasse sie acht StĂŒck (gemeint sind Granaten oder Raketen) auf ein leeres Feld schießen. Das ist kein Problem. Ein Vorwand lĂ€sst sich konstruieren.“ Und solche Provokationen wurden immer wieder versucht. Offenbar war der Taksim-Anschlag jedoch ein derartig durchsichtiges Manöver, dass die tĂŒrkische Regierung damit auch bei ihren VerbĂŒndeten nicht vollstĂ€ndig durchkam.

Die Angriffe am 19. und 20. November

Der tĂŒrkische Staat bombardierte als vermeintliche Vergeltung fĂŒr den Anschlag am Taksim-Platz in der Nacht vom 19. auf den 20. November die Regionen ƞehba, KobanĂȘ, Zirgan und DĂȘrik im Norden Syriens durch Kampfflugzeuge und bewaffnete Drohnen. Dabei wurden vor allem zivile Strukturen wie ein COVID19-Krankenhaus, Schulen, Wohngebiete, Infrastruktur und Dienstleistungseinrichtungen getroffen. Der zehntĂ€gige Angriff, bei dem 13 Zivilist:innen getötet und 14 Zivilist:innen, darunter drei Kinder, verletzt wurden, wurde groß als „Zeit der Abrechnung“ propagiert. FĂŒr die angekĂŒndigte Bodenoperation fehlt dem tĂŒrkischen Staat bis heute das grĂŒne Licht. Diese Situation kann sich jedoch im Angesicht der internationalen Verwerfungen jederzeit Ă€ndern und es besteht weiterhin akute Gefahr.




Quelle: Emrawi.org