Oktober 24, 2022
Von Der Rechte Rand
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Interview
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 185 – Juli / August 2020

#EinzigartigkeitsbedĂŒrfnis

Gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zur EindĂ€mmung der Corona-Pandemie wurde seit Ende MĂ€rz auf der Straße und im Netz demonstriert. Unter Namen wie »Hygiene-Demos«, »Widerstand2020« versammelte sich eine politisch heterogene Masse, hĂ€ufig unter Beteiligung von extrem Rechten. Was viele einte, ist der Glaube an verschiedene VerschwörungserzĂ€hlungen, die im Kontext von COVID-19 und den nachfolgenden staatlichen Maßnahmen verbreitet wurden. DarĂŒber sprach Sascha Schmidt fĂŒr »der rechte rand« mit den Autorinnen des Buchs »Fake Facts«, Katharina Nocun und Pia Lamberty.

Antifa Magazin der rechte rand
Autorinnen des Buchs »Fake Facts«, Pia Lamberty (li.) und Katharina Nocun.

drr: Nahezu zeitgleich mit dem Erscheinen eures Buchs demonstrierten Zehntausende gegen die Maßnahmen der Bundesregierung und eine vermeintliche Corona-Hysterie. Wart ihr ĂŒberrascht, dass so viele Menschen auf die Straße gingen?
Katharina Nocun: Wir waren vor allem ĂŒberrascht darĂŒber, wie ĂŒber das PhĂ€nomen berichtet wurde. Im Zuge unserer Recherche haben wir uns auch die Impfgegner-, Alternativmedizin- und Esoterik-Szene intensiv angeschaut. Schon zu Beginn der Pandemie kursierten in diesen Kreisen zahlreiche VerschwörungserzĂ€hlungen rund um das Coronavirus. Bestehende Mythen wurden um ErzĂ€hlungen zu Corona erweitert. Viele dieser Gruppen haben spĂ€ter fĂŒr die Demonstrationen mobilisiert. Trotzdem war zu Beginn in der Berichterstattung hĂ€ufig die Rede von einem neuen PhĂ€nomen und neuen Gruppen, die quasi aus dem Nichts entstanden seien. Das war aus unserer Sicht eine kolossale FehleinschĂ€tzung, weil vielerorts auf bestehende Mobilisierungsstrukturen zurĂŒckgegriffen werden konnte.

Die Versammlungen waren durch ein breites politisches Spektrum geprĂ€gt – darunter auch extrem rechte Akteur*innen, deren PrĂ€senz anscheinend geduldet wurde. Seht ihr vor diesem Hintergrund ideologische Schnittmengen, die dies erklĂ€ren wĂŒrden?
Katharina Nocun: Es gab schon immer BerĂŒhrungspunkte zwischen Milieus wie etwa der Esoterikszene und der extremen Rechten. So gibt es Verlage, die einerseits BĂŒcher zum Thema ĂŒbernatĂŒrliche PhĂ€nomene verlegen und andererseits kein Problem damit haben, wenn rechtsextreme Autoren antisemitische Hetzschriften bei ihnen publizieren. HĂ€ufig wird in solchen Kreisen ein sehr traditionelles Frauenbild vertreten, darĂŒber hinaus ist die Rede von einer »natĂŒrlichen Ordnung« – so etwas ist sehr anschlussfĂ€hig an das Weltbild der extremen Rechten. Eine Abgrenzung nach rechts findet vielerorts nicht statt, da hĂ€ufig die Haltung vorherrscht, man sei »weder rechts, noch links, sondern frei«. Wenn man in die Geschichte der Esoterik zurĂŒckblickt, trifft man zudem auf Autoren, die davon ausgehen, es gĂ€be unterschiedliche »Menschenrassen«. 

Einige prominente VerschwörungserzĂ€hler, wie Ken Jebsen oder JĂŒrgen ElsĂ€sser, sind keineswegs neu in diesem GeschĂ€ft. Welche Rolle spielen die digitalen Plattformen solcher Personen fĂŒr die Verbreitung solcher ErzĂ€hlungen?
Pia Lamberty: In Debatten zum Thema stehen oft soziale Medien im Fokus. Es herrscht dann die Vorstellung vor, der Verschwörungsglaube sei erst in den letzten Jahren entstanden. Dabei sind solche Narrative ja teilweise schon Jahrhunderte lang in der Gesellschaft verbreitet. Die antisemitischen »Protokolle der Weisen von Zion« wurden beispielsweise 1903 veröffentlicht, andere Mythen wie die Ritualmordlegende oder der Mythos der Brunnenvergiftungen sind deutlich Ă€lter. Trotzdem spielen soziale Medien bei der Verbreitung von VerschwörungserzĂ€hlungen natĂŒrlich auch eine Rolle. Eine Studie aus den USA zeigt beispielsweise, dass alle interviewten »Flat Earther« direkt oder indirekt ĂŒber YouTube mit dieser VerschwörungserzĂ€hlung in Kontakt gekommen sind. Andere Studien zeigen, dass eine einmalige Konfrontation mit VerschwörungserzĂ€hlungen schon einen Effekt haben kann und Menschen dadurch beispielsweise weniger bereit sind, sich impfen zu lassen. Konzerne wie Facebook oder Google haben lange wenig getan, um solchen Tendenzen etwas entgegenzusetzen und teilweise ja die Verbreitung solcher Inhalte durch die Empfehlungs- und Vorschlags-Algorithmen sogar befeuert. In der Krise haben dann viele Anbieter mehr unternommen, was auch die Abwanderung hin zu Telegram erklĂ€ren kann. Der Messenger-Dienst Telegram stand ja schon lĂ€nger in der Kritik, da bereits der IS oder Rechtsextreme aus den USA die Plattform fĂŒr ihre politische Mobilisierung genutzt haben. Durch das Internet können sich einfacher Netzwerke bilden – auch international –, die vorher so nicht möglich gewesen wĂ€ren. Die aus den USA stammende und auf dem Imageboard »4chan« entstandene Gruppierung »QAnon« beispielsweise erlangt auch in Deutschland immer mehr an PopularitĂ€t. Zu Beginn der Pandemie waren AktivitĂ€ten der Gruppierung noch vornehmlich online anzutreffen, aber in den letzten Wochen wurde »QAnon« auch auf den Demonstrationen oder durch Graffiti immer sichtbarer im öffentlichen Raum. Diese VerschrĂ€nkung von einer Online-Mobilisierung, die sich dann auf den Straßen wiederfindet, kennen wir ja von den rassistischen »Nein zum Heim«-Protesten aus den Jahren 2015/2016.

AuffĂ€llig war zuletzt, dass vor allem mĂ€nnliche Promis in Erscheinung traten; mal mit steilen Thesen im Internet, mal als selbst inszenierte WiderstandskĂ€mpfer auf der Straße. Habt ihr hierfĂŒr eine ErklĂ€rung?
Pia Lamberty: Das spiegelt auch die empirische Lage wider. Studien wie die sogenannte Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigen, dass der Verschwörungsglaube bei MĂ€nnern stĂ€rker verbreitet ist als bei Frauen. Woher diese Unterschiede genau kommen, muss aber noch stĂ€rker erforscht werden. Wir wissen aus der psychologischen Forschung, dass ein ausgeprĂ€gtes EinzigartigkeitsbedĂŒrfnis beispielsweise den Glauben an Verschwörungen beeinflussen kann. Man kann sich ĂŒber die Verbreitung von solchen Mythen selbst aufwerten und vermeintlich ĂŒber andere stellen, die dann als »Schlafschafe« oder gleich als Teil der Verschwörung diffamiert werden. Dieses EinzigartigkeitsbedĂŒrfnis ist bei MĂ€nnern stĂ€rker vorhanden als bei Frauen. Der Kampf gegen den vermeintlichen Verschwörer kann dann als Heldentat inszeniert werden, wĂ€hrend sich Maßnahmen gegen die Pandemie weniger gut dazu eignen. Es geht hier also viel um Selbstinszenierung und klassische MĂ€nnlichkeitsbilder.

Erschreckend hÀufig tauchten Demonstrierende mit dem »Judenstern« mit der Aufschrift »Ungeimpft« auf. Ist das ein neues PhÀnomen und wie erklÀrt ihr euch diese haarstrÀubende und widerliche Gleichsetzung?
Pia Lamberty: Nein, das ist leider kein neues PhĂ€nomen. In der »Impfkritik«-Szene kann man schon lĂ€nger beobachten, dass der sogenannte »Judenstern« verwendet wird, um die angebliche Opferrolle darzustellen. Diese Szene ist auch vor der Pandemie dadurch aufgefallen, dass sie eine sehr heterogene Gruppe vereint. Da gibt es dann sowohl Menschen aus einem eher links-alternativen oder esoterischen Spektrum und eindeutig Rechtsextreme, die auf diesen Veranstaltungen zusammenkommen. Anti-Impf-Haltungen haben in Deutschland auch eine lange antisemitische Tradition. Bereits im ausklingenden 19. Jahrhundert wurden antisemitische Mythen ĂŒber das Thema Impfungen verbreitet. 

Ihr ratet in eurem Buch davon ab, ĂŒber die psychologische Verfasstheit der dort Anwesenden zu spekulieren oder diese als »Spinner« abzutun. Ich frage mich, ob sozialpsychologische AnsĂ€tze, die beispielsweise zur Analyse des Antisemitismus existieren, weiterfĂŒhrend wĂ€ren, um die weit verbreitete AnfĂ€lligkeit fĂŒr Verschwörungsdenken zu erklĂ€ren.
Pia Lamberty: Allgemein gibt es in der Gesellschaft die Tendenz, unliebsame PhĂ€nomene als psychisch krank darzustellen und damit zu entpolitisieren. Das passiert auch im Kontext von Verschwörungsdenken. Lange wurde das Thema als nicht relevant dargestellt, weil es ja nur »ein paar Spinner« betreffen wĂŒrde. Das Ă€ndert sich gerade langsam. Zur Analyse ist es natĂŒrlich wichtig, sich klar zu machen, dass Verschwörungsdenken und Antisemitismus empirisch und analytisch starke VerschrĂ€nkungen haben. Vielfach endet Verschwörungsdenken in antisemitischen WelterklĂ€rungsmodellen. In einer Studienreihe haben Roland Imhoff und ich uns mit der Frage auseinandergesetzt, in welchem VerhĂ€ltnis Paranoia und Verschwörungsdenken zueinander stehen. Es zeigte sich, dass – obwohl es auch Überlappungen gibt – diese beiden Konstrukte doch unterschieden werden mĂŒssen. Interessanterweise war die paranoide Weltsicht, also das Wahnhafte, relevanter fĂŒr den Antisemitismus als das Verschwörungsdenken, was uns ehrlich gesagt ĂŒberrascht hat. Hier braucht es auf jeden Fall noch weiterfĂŒhrende Studien, um auch diese Frage abschließend beantworten zu können.

Mit Blick auf die Verbreitung von VerschwörungserzĂ€hlungen und die Gefahren, die – auch im Kontext von COVID-19 – damit einhergehen: Was braucht es, gesellschaftlich betrachtet, im Umgang mit VerschwörungserzĂ€hlungen?
Katharina Nocun: Das Thema Glaube an Verschwörungen wird oft als lustig und harmlos, ja sogar unterhaltsam abgetan. Gerade in den letzten Wochen und Monaten wurden immer wieder Screen­shots aus Telegram-Gruppen bekannter Verschwörungsideologen in ­Social Media verbreitet, um sich darĂŒber zu belustigen. Dabei wird vergessen, was fĂŒr gravierende Folgen der Glaube an Verschwörungen sowohl auf der privaten als auch der gesellschaftlichen Ebene nach sich ziehen kann. Wir haben mit Angehörigen gesprochen, die verzweifelt sind angesichts einer Situation, in der Verwandte sich weigern bei schweren Erkrankungen zum Arzt zu gehen, weil sie an eine große Verschwörung in Medizin und Wissenschaft glauben. Viele der rechtsextremen AttentĂ€ter der letzten Jahre haben versucht, ihre Morde mit VerschwörungserzĂ€hlungen zu rechtfertigen. Gerade fĂŒr die rechtsextreme Szene sind Verschwörungsmythen von »jĂŒdischer Weltverschwörung« ĂŒber »Systemmedien-Komplott« bis hin zum »großen Austausch« ein zentraler Bestandteil ihrer Radikalisierungsstrategie. Der Glaube an einen ĂŒbermĂ€chtigen Ă€ußeren Feind ist der Klebstoff, der Gruppen zusammenhĂ€lt. Es ist höchste Zeit, dieses PhĂ€nomen ernst zu nehmen.

Vielen Dank fĂŒr das Interview!




Quelle: Der-rechte-rand.de