November 7, 2020
Von Graswurzel Revolution
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115 Jahre nach GrĂŒndung der „Deutschen Gesellschaft fĂŒr Rassenhygiene“ durch den Rassenhygieniker und GrĂŒnder der deutschen Eugenik Alfred Ploetz (1) sorgte im September 2019 der Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Intensivpflege fĂŒr scharfe Kritik. Er weckt zu Recht Erinnerungen an die jĂŒngere deutsche Geschichte.

Behinderte Menschen, die auf Fremdbeatmung angewiesen sind, werden im Sinne der kapitalistischen Verwertungs-Logik durch das Gesetz entrechtet. Sie verlieren ihr Anrecht auf ein selbstbestimmtes Leben. Zur Kosteneinsparung sollen sie in Heimen untergebracht werden, denn die ambulante Betreuung sei zu kostenintensiv und unsicher durch unqualifiziertes Intensiv-Pflegepersonal in ambulanten Pflegediensten, so behauptet Spahn.
Weite Teile der Gesellschaft empören sich zu Recht laut ĂŒber die KĂ€lte und Unmenschlichkeit des Gesundheitsministers und der Regierung. Die entfachten Diskussionen ĂŒber die LebensqualitĂ€t von Menschen mit Behinderungen sorgten nicht nur fĂŒr mehr Sichtbarkeit der Alltags- und strukturellen Behindertenfeindlichkeit. Auch sich als humanistisch verstehende Teile der Gesellschaft sehen ihre Zeit gekommen, eugenische Weltbilder offen auszusprechen. Oft harmlos daherkommend, mit sanft anmutendem Bedauern ĂŒber das Schicksal der Behinderten. Die in ihren Augen angeblich von Natur aus mit einem schwachen Immunsystem ausgestattet sind, deren Leid oftmals durch die moderne Medizin nur unnötig verlĂ€ngert wird. Andere hingegen sprechen von kranken Menschen nur als Kostenfaktor.
Das Leid und die Entmenschlichung von behinderten Menschen, welches lange vor der Christianisierung begann, gipfelten in einer kaum in Worte zu fassenden Grausamkeit der NS-Eugenik. Psychisch Kranke, geistig und körperlich behinderte Menschen wurden in Heil- und anderen Pflegeanstalten untergebracht. Dort wurden sie gequĂ€lt, zu Tode gehungert und fĂŒr medizinische Experimente missbraucht. Auch Kinder, die das Down-Syndrom hatten, Autist:innen und alle, die laut NS-Ideologie nicht der „Reinhaltung der arischen Rasse fĂŒr einen gesunden Volkskörper“ dienten, wurden auch als menschliches Versuchsmaterial zur Vorbereitung des industriellen Massenmordes, der Shoa, missbraucht.
Mit dem Tod endete das Leid der Opfer nicht. Ihre Organe wurden zu Forschungszwecken entnommen. Zu den bekanntesten Rassehygiene-Ideologen gehörte der NS-Verbrecher und Hirnforscher Julius Hallervorden (2), der von 1949 an als Abteilungsleiter am Max-Planck-Institut fĂŒr Hirnforschung in Gießen tĂ€tig war. Über seine Forschungen in der NS-Zeit Ă€ußerte sich Hallervorden, der seine Verbrechen bis zum Tode leugnete, wie folgt: „Es war wunderbares Material unter diesen Gehirnen, Schwachsinnige, Mißbildungen und frĂŒhe Kinderkrankheiten.“ Im Hirnforschungsinstitut Frankfurt wurde an den entnommenen Gehirnen der NS-Eugenik- und Euthanasieopfer weiter geforscht. Beerdigt wurden die Gehirne der Opfer erst 1990 in MĂŒnchen. (3)
Hallervorden, der 1956 das große Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen hat, wurde 1960 zum Ehrenmitglied der Leopoldina (4) ernannt. Die Leopoldina steht seit 2008 unter der Schirmherrschaft des BundesprĂ€sidenten. „Nur“ 72 Jahre nach 1945 sah sich die Justus-Liebig UniversitĂ€t in Gießen in der Lage, dem NS-Verbrecher Hallervorden, der nie bestraft wurde, posthum die verliehene EhrendoktorwĂŒrde der UniversitĂ€t abzuerkennen.
Ein weiteres Ehrenmitglied der Leopoldina, Dr. med. Alfred Ploetz, der den Begriff Rassenhygiene prĂ€gte und der als GrĂŒnder der deutschen Eugenik gilt, wird bis in die Gegenwart als „geschĂ€tzter“ Wissenschaftler verehrt. Ploetz, der sich in seiner frĂŒhen Zeit mit sozialistischen Weltbildern identifizierte und Jahrzehnte vor der MachtĂŒbernahme der NSDAP die Grundlagen fĂŒr die NS-Eugenik und Rassenhygiene schuf, wurde ein glĂŒhender Verehrer von Adolf Hitler.
Bis in das Jahr 1992 wurden in der BRD jĂ€hrlich ca. 1.000 geistig behinderte MĂ€dchen zwangssterilisiert. Erst mit Änderung des Betreuungsgesetzes im selben Jahr endeten die massenhaften Zwangssterilisationen. Wer meint, dass damit die NS-Eugenik der Nachkriegszeit gebrochen wurde, tĂ€uscht sich. Das NS-Bild ĂŒber behinderte Menschen und der „Wertigkeit“ ihrer Leben hat sich tief im kollektiven GedĂ€chtnis der Gesellschaft eingebrannt. Ihnen werden zusĂ€tzlich zu den nicht vorhandenen FĂ€higkeiten auch andere FĂ€higkeiten, die sie haben, abgesprochen. Dies Ă€ußert sich unter anderem im Ableismus.

Eugenische und rassistische Weltbilder sind auch innerhalb der Linken zu finden. Schon 1997 schrieb Jutta Ditfurth (5) ĂŒber die historischen Verschmelzungen dieser Ideologien mit der Arbeiter:innen-Bewegung: „Was der BĂŒrger zuvor z. B. durch den Adel an intraeuropĂ€ischem Rassismus auch am eigenen Leibe verspĂŒrt hatte, wandte er schließlich, als er nach und durch die Französische Revolution von 1789 herrschende Klasse wurde, gegen die von ihm unterdrĂŒckte Klasse der LohnarbeitsabhĂ€ngigen an und entwickelte den Rassismus ‚wissenschaftlich‘. Die Arbeiter verdankten ihre elende Lage, so hieß es, den erblichen Defekten ihrer Körper und ihres Geistes. Die autoritĂ€re, staatsfixierte, reformistische und ökonomistische Mehrheit der Arbeiterbewegung ĂŒbernahm dieses biologistische und rassistische Bild vom Menschen.“

Bis heute hat die Kritik leider nichts an AktualitÀt verloren. Im Gegenteil, durch die gesamtgesellschaftliche Verschiebung nach rechts brechen die Eugenik und die Rassenlehre unter der brodelnden OberflÀche der Faschisierung hervor.

Christiane Agu




Quelle: Graswurzel.net