Oktober 26, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Wes Anderson ist einer der Hollywood-Regisseure, von denen man sagt, die Hollywoodstars schlĂŒgen sich darum, in einem seiner Filme mitspielen zu dĂŒrfen und wie schon in seinem letzten Werk „Grand Budapest Hotel“, findet sich auch in The French Dispatch, der seit diesem Donnerstag im Kino lĂ€uft, eine seltenes Starensemble zusammen. AngefĂŒhrt von Bill Murray, der den alternden Magazin-Chefredakteur des titelgebenden Magazins – inspiriert in erster Linie von dem US-amerikanischen „New Yorker“ – Arthur Howitzer Jr. gibt, der in der fiktiven französischen Stadt Ennui-sur-BlasĂ© einige exzentrische Reporter um sich schart. Der Film zeigt nun drei der Reportagen aus der letzten Ausgabe des Magazins, das, wie in dessen Testament verfĂŒgt, wegen des Todes Howitzers eingestellt wird. Die Gemeinsamkeit der drei im Film neben der Rahmenhandlung erzĂ€hlten Episoden ist das Kuriose, das ErzĂ€hlenswerte, die Liebe zum ErzĂ€hlen.

In der ersten Geschichte wird der inhaftierte Mörder Moses Rosenthaler (Benicio del Toro) zum gefeierten KĂŒnstler. ZunĂ€chst sehen wir ihn allein in einem Raum mit einem Akt-Modell Simone (LĂ©a Seydoux), doch als er anfĂ€ngt, die Frau statt die Leinwand anzumalen, beendet Simone die Session, zieht sich ihre WĂ€rter-Uniform an und fĂŒhrt den Maler flugs wieder in seine Zelle, eh sich der KunsthĂ€ndler Adrien Brody dem Werk Rosenthalers ĂŒberaus geschĂ€ftstĂŒchtig annimmt.

Im zweiten „Artikel“ berichtet die Reporterin Lucindia Krementz (Frances McDormand) ĂŒber den jungen AnfĂŒhrer der 1968er Unruhen in Paris, Zeffirelli (TimothĂ©e Chalamet) und ihre kurze AffĂ€re mit dem fast 40 Jahre jĂŒngeren Mann und in der dritten Episode wird der Food-Reporter Roebuck Wright in die EntfĂŒhrung des Sohnes des Polizeichefs verwickelt, obwohl er eigentlich nur den Polizeikoch Lt. Nescaffier (Stephen Park) portrĂ€tieren wollte.

Die Figuren und Geschichten beziehen sich auf tatsÀchliche New-Yorker-Artikel, etwa die Reportagen von Mavis Gallant von den 68er-Protesten oder die Texte des schwulen schwarzen Kulinarik-Reporters John Baldwin.

Die Taktung, der Rhythmus, die Anderson seinen Filmen so demonstrativ verpasst, dass sie oft mehr wie MusikstĂŒcke, wie Kompositionen als wie Filme wirken, dazu der jazzlastige Soundtrack, der diesen Eindruck noch verstĂ€rkt, werden in The French Dispatch von einer Ästhetik ergĂ€nzt, die mehrmals auf den Magazincharakter des Films verweist. Jedes Bild ist durchgestylt, ist ein kleines Kunstwerk fĂŒr sich, aber gerade diese beeindruckende und schier unendliche Facettenhaftigkeit der Bilder und der Geschichten wird hier oft zu viel. Statt all der Gags und all der cleverern Regie-Tricks und -EinfĂ€lle hĂ€tte man manches Mal lieber etwas mehr ĂŒber die Figuren erfahren, ĂŒber ihr Leiden und Lieben, ihre Geschichten und Motivationen, aber da ist The French Dispatch lĂ€ngst beim nĂ€chsten Anderson-Streich. Statt die sozialen, politischen HintergrĂŒnde der Geschichten und die persönlichen BrĂŒche der Figuren und Geschichten irgendwie ernstzunehmen und zu bearbeiten, dienen diese ja durchaus schweren Themen – etwa die Auswirkungen von Haft auf Menschen, psychische Krankheit, gesellschaftlich-revolutionĂ€re AufstĂ€nde und Theorie, Rassismus und Homophobie – in erster Linie als Quell fĂŒr Gags und die durchaus wunderschön irren Inszenierungen Andersons. Angesichts der pedantischen Detailverliebtheit und dem großen Geschick des Regisseurs, jedes Bild irgendwie besonders wirken zu lassen und der unĂŒbersehbaren SelbstreferentialitĂ€t des Films möchte man fast annehmen, dass Anderson seinen Film mit Absicht so ĂŒbertrieben andersonhaft hat Aussehen lassen. Schließlich lautet der wichtigste Spruch des toten Howitzer: „Versuchen Sie, es so klingen zu lassen, als hĂ€tten Sie es absichtlich so geschrieben.“




Quelle: Graswurzel.net