November 6, 2020
Von Indymedia
248 ansichten


2000 Kilometer trennen mich seit einem Monat von meinem Zuhause in Berlin. Ich bin Kinderkrankenschwester und Medizinstudentin. Im Moment helfe ich der NGO Med‘Equali auf Samos, die Gesundheitsversorgung des GeflĂŒchtetenlagers sicherzustellen. Wir ĂŒbernehmen die medizinische Grundversorgung von Kindern und Erwachsenen, und in NotfĂ€llen können wir GeflĂŒchtete auch an das örtliche Krankenhaus verweisen. Allerdings nur in absoluten NotfĂ€llen.Außer uns gibt es noch einen Arzt im Camp und die Medecins Sans Frontieres, die hauptsĂ€chlich fĂŒr Schwangerenbetreuung und psychiatrische Versorgung zustĂ€ndig sind, doch sehr begrenzte KapazitĂ€ten haben.

Das Camp sollte ursprĂŒnglich 650 Menschen Platz bieten. Ein Containerdorf, etwas den HĂŒgel hinauf, gut versteckt vor dem verschlafenen Urlaubsort Vathy. Jetzt leben hier ĂŒber 7.000 Menschen. Um das Camp herum breitet sich eine Zeltstadt aus, der sogenannte Jungle. Im Jungle gibt es keine Stromversorgung, in Teilen des Camps auch nicht. Vor einem Monat sind in einem Streit um ElektrizitĂ€t KĂ€mpfe und mehrere BrĂ€nde ausgebrochen, viele Menschen haben ihre Zelte und damit ihren gesamten Besitz verloren. Kein fließendes Wasser, keine Klos oder Duschen. Gekocht wird ĂŒber offenem Feuer. Dieses Camping, wie du und ich es ohne passende AusrĂŒstung keine Woche aushalten wĂŒrden, ist Monate bis Jahre grausame RealitĂ€t fĂŒr ohnehin traumatisierte Menschen.

Es ist das Ergebnis des EU-TĂŒrkei-Deals: Das Regime in Ankara bekommt Milliarden von der EU, damit es die Grenzen auch von seiner Seite her dicht macht. Wer es dennoch bis hierhergeschafft hat, wird in den Lagern eingepfercht, um die Vielen, die in der TĂŒrkei weiter ausharren und auf eine Gelegenheit hoffen, von der gefĂ€hrlichen Überfahrt abzuschrecken.

Das System der Lager ist riesig. Zehntausende Menschen sitzen fest vor den Mauern der Festung Europa: auf Samos, Chios, Lesbosund an den anderen Außengrenzen.

Seit Jahren spitzt sich die Lage immer weiter zu. Nachdem am 4. MĂ€rz auf GeflĂŒchtete an der griechisch-tĂŒrkischen Grenze geschossen wurde, sagte Luise Amtsberg, Sprecherin fĂŒr FlĂŒchtlingspolitik der GrĂŒnen-Bundestagsfraktion: „Die Bundesregierung muss deutlich machen, dass vom Schutz der europĂ€ischen Grenze niemals eine Gefahr fĂŒr Menschenleben ausgehen darf.” (https://www.spiegel.de/politik/ausland/schuesse-an-griechischer-grenze-europaparlamentarier-fordern-eu-untersuchung-a-c9f01a22-ede4-415e-9dd1-4b9be309095d) Aus diesem Satz spricht eine Ignoranz, die mich wĂŒtend macht.Es mĂŒsste auch bei den GrĂŒnen angekommen sein, dass der Schutz der europĂ€ischen Außengrenzen seit jeher ĂŒber Leichen geht. Das ist kein versehentlicher Nebeneffekt der Militarisierung des „Grenzschutzes“, dessen Sinn ja gerade darin besteht, sichere Fluchtwege zu blockieren. Die ungezĂ€hlten Toten im Mittelmeer und in den WĂŒsten Nordafrikas sind eine direkte Folge dieser Politik – und das ist inzwischen auch einer breiten Öffentlichkeit in Europa glasklar.  Das Klammern am illusionĂ€ren Selbstbild eines Europas, das Menschenleben und nicht nur Grenzen schĂŒtzt, wird immer absurder.

 
Wie viele Berichte von den unhaltbaren ZustĂ€nden mĂŒssen wir noch hören, wie viele Texte, die an unser MitgefĂŒhl appellieren, mĂŒssen noch geschrieben werden? Die Geschichte wiederholt sich so lange, bis wir endlich aus ihr lernen. Also noch ein Text.

In der Klinik ist die Schlange jeden Tag so lang, dass wir nicht alle Patient*innen sehen können. Ab13:00 Uhr (wir starten um sieben) können sich keine neuen Menschen mehr anstellen, sie mĂŒssen am nĂ€chsten Tag wiederkommen. FrĂŒher. Außer donnerstags geht das hier jeden Tag so, Ärzt*innen, PflegekrĂ€fte, Koordinator*innen und Dolmetscher*innen arbeiten ohne Pause bis in den Nachmittag hinein.

Die Erkrankungen sind meist auf die unzumutbaren LebensumstĂ€nde zurĂŒckzufĂŒhren: Schlimme Infektionen der Haut (mangels sauberer Kleidung und Möglichkeiten zum Waschen), starke Verbrennungen von kochendem Wasser und heißem Fett, Neugeborene mit Rattenbissen, Magen-Darm-Erkrankungen und MangelernĂ€hrung. Gerade Babys und Kinder benötigen bestimmte NĂ€hrstoffe und eine ausgewogene ErnĂ€hrung, um sich entwickeln zu können. SchĂ€den, die dabei entstehen, sind hĂ€ufig irreversibel.

Hier sind schon im Mai 35 Grad Celsius, im Winter aber auch Temperaturen im einstelligen Bereich und dazu starke Witterung. Das mĂŒssen viele in einem einfachen Zelt aushalten.Außerdem ist die zahnĂ€rztliche Versorgung miserabel. Zuletzt gab es einen Zahnarzt, der 50 Euro nur fĂŒr die Untersuchung genommen hat. Behandlungskosten von mehreren 100 Euro kamen obendrauf. Eine Summe, die sich GeflĂŒchtetenatĂŒrlich nicht leisten können.
Da sich der Zahnarzt auch extrem rassistisch Ă€ußert, musste die Zusammenarbeit mit ihm beendet werden – was bedeutet, dass es gar keine Zahnmedizin mehr gibt.

Eine besonders verletzliche Gruppe sind Frauen und junge MĂ€dchen. Sexualisierte Gewalt, die viele von ihnen schon vor der Flucht erfahren haben, gibt es auch im Camp. Es ist gefĂ€hrlich, die wenigen vorhandenen Toiletten und SanitĂ€ranlagen zu benutzen. Es kommt zu Übergriffen und Vergewaltigungen, besonders nachts. Die Frauen und MĂ€dchen können nach solchen Erlebnissen manchmal gar nicht das Umfeld des TĂ€ters verlassen. Außerdem sind das Camp und der Jungle ein weitestgehend rechtsfreier Raum: es gibt keine Anzeigen, die Polizei schreitet nicht ein.

Eine andere gefĂ€hrdete und völlig durchs Raster fallende Gruppe sind unbegleitete MinderjĂ€hrige. Rechtlich haben Sie kaum Möglichkeiten der Versorgung, ohne eine erziehungsberechtigte Person, die einwilligt Wir dĂŒrfen minderjĂ€hrige medizinisch nicht behandeln, sie dĂŒrfen das Camp theoretisch nicht verlassen und bekommen kein Geld. Sie sind komplett auf Kleiderspenden und Essenausgaben angewiesen. Manche dealen mit Drogen und sind selbst drauf. Ein riesiger blinder Fleck. Es gibt zwar Patenprogramme, aber die reichen lange nicht aus.

ZusĂ€tzlich leiden hier Menschen unter Erkrankungen, die auf Traumatisierungen aus dem Herkunftsland zurĂŒck zu fĂŒhren sind: Folter, Vergewaltigung, Krieg, extreme Armut und politische Verfolgung – aufgrund der Zugehörigkeit zu einer religiösen Minderheit oder der eigenen SexualitĂ€t. Die Liste der Diskriminierungen ist lang, so auch die Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen. HĂ€ufig handelt es sich um psychosomatische und psychiatrische Krankheitsbilder, wir sehen schlimme Selbstverletzungen und Suizidversuche.

Das Coronavirus hat die Lebensbedingungen hier trotz allem nochverschlechtert.

Auch Samos befindet sich im Lockdown, die WÀscherei hat geschlossen, dadurch können die Menschen nicht mehr gegen KrÀtze behandelt werden. Eine extrem belastende Situation. Die Schule ist gar nicht mehr geöffnet.
Inzwischen sind fast alle NGOs, die sich um psychosoziale und rechtliche Betreuung der GeflĂŒchteten gekĂŒmmert haben, nicht mehr aktiv. Auf die Insel kann nur noch medizinisches Personal unter strengen Kontrollen einreisen. Zuletzt wurden ankommende GeflĂŒchtete auf Samos im örtlichen GefĂ€ngnis zur QuarantĂ€ne untergebracht, Familien mit kleinen Kindern hinter Gittern.

 Es ist ein menschenverachtendes System, gegrĂŒndet auf Rassismus.

Dass solche „Lebens“-Bedingungen, der fehlende Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung, dass all das gerechtfertigt werden kann, ist nur erklĂ€rbar vor dem Hintergrund des tief verankerten, aber geleugneten Rassismus unserer weißen europĂ€ischen Gesellschaft. Dieser Rassismus, gegen den in diesen Tagen Hunderttausende auf die Straße gehen, zeigt sich auch im Alltag in Vathy. Meine Kolleg*innen berichten, dass GeflĂŒchtete in GeschĂ€ften nicht bedient werden, oder es zwei verschiedene Schlangen gibt: eine fĂŒr Weiße, die als erstes dran kommen, und eine fĂŒr GeflĂŒchtete.

Jeden Abend um 19 Uhr fĂ€hrt die Polizei durch die Straßen und schickt geflĂŒchtete Menschen mit Sirenen zurĂŒck ins Lager, da sie sich abends nicht im Ort aufhalten dĂŒrfen. Immer wieder hören wir von sogenannten „Push-backs“ – also staatlichen Maßnahmen, mit denen GeflĂŒchtete nach dem Überqueren der Grenze zurĂŒckgedrĂ€ngt werden. Ohne BerĂŒcksichtigung ihrer individuellen UmstĂ€nde, und ohne die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen, Argumente gegen die getroffenen Maßnahmen vorzubringen. Push-backs verstoßen gegen das in der EuropĂ€ischen Menschenrechtskonvention festgelegte Verbot von Kollektivausweisungen. Und trotzdem finden solche Maßnahmen auch hier statt – zuletzt im April gut dokumentiert, durch eine Gruppe von Investigativjournalist*innen. (https://www.bellingcat.com/news/uk-and-europe/2020/05/20/samos-and-the-anatomy-of-a-maritime-push-back/) GeflĂŒchtete werden aufgehalten, wieder zurĂŒck auf die tĂŒrkische Seite der der ÄgĂ€is gebracht und dort in Detention Centern (Haftanstalten) untergebracht.

GeschĂŒtzt werden die Grenzen hier auch von deutschen Schiffen. Unter der Flagge von Frontex, der europĂ€ische Grenz- und KĂŒstenwache arbeiten unter anderem deutsche Polizist*innen.Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit, und nachmittags, auf dem RĂŒckweg zu meiner Unterbringung, laufe ich im Hafen von Vathy an einem Schiff der Bundespolizei, „KĂŒstenwache Uckermark“, vorbei. Eine große schwarz-rot-gelbe Fahne weht an seinem Deck. Und dann erinnere ich mich daran, wie die öffentliche Debatte zur „FlĂŒchtlingskrise“ in Deutschland gefĂŒhrt wird, wie darĂŒber diskutiert wird, als gĂ€be es zwei gelichberechtigte Meinungen: Die Option, Menschen das Leben zu retten, ihnen ein Grundrecht auf Unversehrtheit, zu gewĂ€hren – oder eben nicht.

All das erscheint mÀchtiger als wir es im Einzelnen sind. Und doch ist es menschengemacht und kann auch von Menschen wieder abgeschafft werden.

Das Coronavirus hat auf erschreckende Weise gezeigt, wie zuvor unmöglich Geglaubtes möglich gemacht wird, es zeigt uns einmal mehr, dass die VerÀnderung hin zu einer solidarischen, antirassistischen Gesellschaft keine Frage der Möglichkeiten, sondern eine Frage des politischen Willens ist.

Also lasst uns dieser Wille sein!

Beginnen wir endlich mit der Evakuierung aller Lager an den Außengrenzen, jetzt sofort!

 

Aber wir brauchen auch akute UnterstĂŒtzung vor Ort:

Derzeit haben wir Probleme, ausreichend Spenden zu erhalten. Wir benötigen dringend VitaminprĂ€parate, speziell fĂŒr Babys und Kinder, aber auch fĂŒr Erwachsene (zum Beispiel von „Sanostol“ oder „Centrum“), außerdem Zinktabletten oder Zinkpulver. Beides ist in jeder Apotheke erhĂ€ltlich und frei verkĂ€uflich, da es nicht als Medikament, sondern als NahrungsergĂ€nzungsmittel in Deutschland gefĂŒhrt wird. Leider ist es auch recht teuer. Wir brauchen wirklich große Mengen davon, da MangelernĂ€hrung und Durchfallerkrankungen hier sehr hĂ€ufig auftreten.

Ihr könnt die Sachen direkt kaufen und Pakete packen und sie an die untenstehende Adresse senden, oder Geld spenden, an die untenstehenden Kontodaten und dann kĂŒmmern wir uns um den Einkauf.

Denkbar wĂ€re auch, Hersteller anzuschreiben und um eine Spende der PrĂ€parate zu bitten. Wir sind hier auf jegliche UnterstĂŒtzung angewiesen, da sich Med‘Equali komplett durch Spenden finanziert. Doch ohne diese Organisation wĂ€re die Gesundheitsversorgung der GeflĂŒchteten auf Samos nicht lĂ€nger gedeckt wĂ€re.

 

Ich danke euch von ganzem Herzen, im Namen der Med’Equali Crew auf Samos!

Adresse:                       MedequaliTeam- Mai-Ly Khan

                                      Kanari 23

                                      83100 Vathy

                                      Samos (Greece)

                                      +30 694 878 3419

Kontoverbindung:      Med’Equali

                                      IBAN: DE05 4306 0967 1046 4829 00

 

https://www.medequali.de/spende/

Normal
0

21

false
false
false

DE

/* Style Definitions */
table.MsoNormalTable
{mso-style-name:”Normale Tabelle”;
mso-tstyle-rowband-size:0;
mso-tstyle-colband-size:0;
mso-style-noshow:yes;
mso-style-priority:99;
mso-style-parent:””;
mso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt;
mso-para-margin:0cm;
mso-pagination:widow-orphan;
font-size:12.0pt;
font-family:”Calibri”,sans-serif;
mso-ascii-font-family:Calibri;
mso-ascii-theme-font:minor-latin;
mso-hansi-font-family:Calibri;
mso-hansi-theme-font:minor-latin;
mso-bidi-font-family:Calibri;
mso-bidi-theme-font:minor-bidi;
mso-fareast-language:EN-US;}




Quelle: De.indymedia.org