März 18, 2022
Von InfoRiot
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Kollektiv “Abya Yala Libre”, Leipzig

Gefördert von Jugendstil: Das feministische Kollektiv Abya Yala Libre (Graffito, Leipzig)

Als Eric Mbiakeu endlich die Gemeinschaftsunterkunft in Brandenburg an der Havel verlassen kann und in eine eigene Wohnung zieht, zeigen sich seine neuen Nachbarn wenig erfreut. Als er sich als neuer Hausbewohner vorstellt, reagieren sie feindselig, beschimpfen ihn. Manche fragen, weshalb er eine Wohnung bekomme, obwohl er doch gar kein Deutscher sei. Ende 2013 hatte Eric Mbiakeu sein Heimatland Kamerun verlassen, ging ins Nachbarland Nigeria, schlug sich durch bis nach Libyen und bestieg ein Boot Richtung Europa. Weil er selbst am Steuer stand, wurde er in Italien inhaftiert. Dann folgte die Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt, schließlich die Stadt Brandenburg.

Mit Rassismus wird Eric Mbiakeu hier immer wieder konfrontiert. »Es gibt institutionellen Rassismus im Büro, im Supermarkt … Die Leute gucken auf dich runter«, erklärt der 29jährige, der in Kamerun Topographie studierte. Und ergänzt: »Aber darüber wollen die Leute nicht gerne reden.« Eric Mbiakeu schon, er wählt das Theater als Medium. Letztes Jahr gründete er den Verein Opendreams Brandenburg, der Menschen ermutigt, die eigene Geschichte mit Hilfe des Theaters zu erzählen.

Gefördert wird der Verein durch den Jugendstil-Ideenfonds. Auf den Weg gebracht hat ihn die Stiftung »Bürger für Bürger« gemeinsam mit dem Dachverband der Migrantenorganisationen in Ostdeutschland. Ines Callsen koordiniert das Projekt von Halle aus, sie erklärt den Ansatz von Jugendstil: »Wir fördern junge Menschen, die doppelt benachteiligt sind. Die gesellschaftlich migrantisiert werden und in Ostdeutschland aufgewachsen sind oder dort leben.« Der Bedarf, migrantisches Leben sichtbar zu machen und dessen Strukturen zu fördern, sei in Ostdeutschland sehr groß. »Die Zugänge zu den Strukturen sind immer noch sehr andere als in Westdeutschland«, so Callsen, die selbst in der Nähe von Kiel aufgewachsen ist.

Der Ideenfonds, der seit Anfang 2020 besteht, soll gezielt junge Menschen unterstützen, die in anderen Förderprogrammen benachteiligt sind. So werden nicht nur Vereine gefördert, sondern auch einzelne Akteure und kleine Gruppen, die etwas auf die Beine stellen möchten und dafür Geld benötigen. Mit dem Fonds gelingt das niedrigschwellig und unbürokratisch. Das hebt das Programm aus der Stiftungslandschaft, auch in Sachen Selbstdarstellung. Statt auf ein seriöses Auftreten setzt man auf eine poppige Website. Und auf Instagram.

Um die großen Summen geht es hier nicht. Die Maximalförderung liegt bei 1.000 Euro. Um sich als Theatergruppe zu organisieren oder ein Straßenfest zu initiieren, genügt das aber oft schon. Für größere Vorhaben wie das True Colours Festival im vergangenen Jahr in Leipzig kann die Förderung aber lediglich ein Baustein sein, der beispielsweise Künstlerhonorare sichert.

Überhaupt Leipzig. Hier wird der Jugendstil-Fonds am stärksten in Anspruch genommen. »Wir haben ein aktives Jurymitglied aus Leipzig, das in Sachsen sehr gut vernetzt ist. Außerdem sind die Strukturen schon da, deshalb gibt es hier einen Schneeballeffekt«, erzählt Callsen. Die Fördermöglichkeit spreche sich herum und falle auf bestellten Boden. Im Land Brandenburg hingegen ist Eric Mbiakeu mit seiner Theatergruppe bislang der einzige geförderte Akteur. Für die kommenden Förderperioden habe man sich deshalb vorgenommen, stärker in den kleinstädtischen Raum zu gehen, den Fonds auch dort bekannt zu machen, sagt Callsen. Berlin sei bewusst ausgenommen. Dort gebe es bereits eine große Zahl zivilgesellschaftlicher Akteure und zahlreiche Fördermittelgeber. »Da engagieren sich schon andere, das müssen wir nicht auch noch machen.« Man wolle sich lieber auf die Flächenländer konzentrieren. Dabei gehe es nicht allein um Geld. Das Vernetzen der Akteure in Ostdeutschland, das Schaffen von Fortbildungsmöglichkeiten – auch das ist Teil der Arbeit des Jugendstil-Programms.

Damit es gelingt, flächendeckend Fuß zu fassen, setzen Callsen und ihre Kolleginnen auf engen Kontakt zu migrantischen Gruppen. Eine entscheidende Mittlerposition nimmt die Jugendjury ein. Deren Mitglieder entscheiden darüber, welche Vorhaben gefördert werden und setzen auch die Kriterien, nach denen ausgewählt wird. Die Idee dahinter: Die migrantischen Jugendlichen kennen ihre Bedürfnisse selbst am besten, sie sind die Experten ihrer Lebenswelt. Wenn eine erwachsene Person aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft etwas »für Jugendliche« organisieren möchte, fällt das bei der Jury direkt durch, weil das Engagement nicht aus der Zielgruppe selbst kommt.

Eric Mbiakeu und seine Theatergemeinschaft sind Teil der Zielgruppe. Im vergangenen Juli hatten sie sich vor der Ausländerbehörde versammelt, um mit einer Theateraktion den langen Prozess der Aufenthaltsgenehmigung zu problematisieren. Eingeladen waren Verantwortliche wie der Bürgermeister der Stadt Brandenburg. Der sei sogar gekommen, erzählt Mbiakeu. Er ist überzeugt von den Möglichkeiten des Theaterspiels, andere Perspektiven zu vermitteln. Das sei gerade in Brandenburg notwendig. »Rassismus ist Realität in dieser Region, insbesondere in dieser Stadt«, schrieb er vor wenigen Wochen auf Facebook.

In Brandenburg begann Eric Mbiakeu auch, in einer Rugbymannschaft zu spielen – als einziger nichtweißer Spieler, als einziger, der Englisch sprach. Er wurde angefeindet, war aber nicht bereit, den Sport aufzugeben, der ihn motiviert und ihm viel zurückgibt. Er stellte sich der Situation und erzählte seine Geschichte in dem Kurzfilm »Schau mir in die Augen«. Wieder nutzte er Theater und Film als Gesprächs- und Vermittlungsangebot. Für Mbiakeu hat das funktioniert und das Team insgesamt ist gestärkt worden. Er ist heute immer noch Teil der Mannschaft. Und hat weitere Pläne. In diesem Jahr will er durch Deutschland touren und Sammellager aufsuchen, in denen Geflüchtete leben. Mit ihnen will er gemeinsam kochen, Musik machen, Erfahrungen austauschen. Und die Bewohner der Unterkünfte deutschlandweit vernetzen.




Quelle: Inforiot.de