Juni 11, 2021
Von FAU Muenster
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An der Fahrraddemo „Sicherer Hafen MĂŒnsterland!“ beteiligten sich etwa 250 Teilnehmer:innen in MĂŒnster (und weitere am Vortag in anderen StĂ€dten des MĂŒnsterlands. Zu dieser Aktion hatten SeebrĂŒcke AktionsbĂŒndnis MĂŒnsterland, SeebrĂŒcke MĂŒnster, Welcome MĂŒnster, Odak Kulturzentrum und Sea-Eye MĂŒnster aufgerufen.

Wir beteiligten uns mit unten nachzulesendem Redebeitrag. Zugleich machten unsere Genoss*innen der Gruppe B.A.S.T.A. auf die bevorstehende Delegationsreise der zapatistischen Bewegung aus Chiapas/Mexiko aufmerksam, die auch in MĂŒnster eine lĂ€ngere Station machen wird.

Redebeitrag der FAU MĂŒnster

FrĂŒhjahr 2021 – Landkreis Diepholz
Tausende Saisonarbeiter*innen kommen aus Osteuropa fĂŒr die Spargel- und Erdbeerernte. Sie wissen zuvor: zwei Wochen mĂŒssen sie in QuarantĂ€ne, und zwar in ArbeitsquarantĂ€ne. Sie können zwar auf den Feldern schuften, werden aber ansonsten hermetisch abgeriegelt. Die Arbeiter*innen werden jedoch zuweilen so auf die Arbeitsorte verteilt, dass sie auch mit solchen aus anderen UnterkĂŒnften ohne geregelten Abstand zusammenarbeiten mĂŒssen.  Es kommt – fast wie vorprogrammiert – zu einem großen Corona-Ausbruch, mindestens 131 Personen werden infiziert. Einige sind schwer erkrankt. FĂŒr alle wird die QuarantĂ€ne verlĂ€ngert.  Von den ersten Infektionen bis zu einer systematischen Testung aller BeschĂ€ftigten dauerte es zehn Tage. Viele Arbeiter*innen weigerten sich zwischenzeitlich auf die Felder zu gehen, andere traten die RĂŒckreise an. Sie berichten dass sie selbst bei Krankschreibung ihre Unterkunftskosten zahlen sollten. Mangels anderer Alternativen fĂŒgten sich die meisten jedoch in ihr Schicksal und gingen weiter auf die Felder

Mai 2020 – Bornheim bei Bonn
Der Insolvenzverwalter des Spargelhofs Ritter heuert einige hundert Erntearbeiter*innen aus RumĂ€nien an. FĂŒr die erbrachte Arbeit werden nur kleine LohnabschlĂ€ge bezahlt. Die Ernte soll wegen des durch die Coronakrise eingebrochenen Umsatzes vorzeitig eingestellt werden und die BeschĂ€ftigten ihre UnterkĂŒnfte verlassen. Viele Erntearbeiter*innen legen die Arbeit nieder, um die Auszahlung der Löhne durchzusetzen. Durch eine Intervention der FAU Bonn und vieler UnterstĂŒtzer*innen werden weitere Lohnzahlungen unter der Aufsicht von AnwĂ€lten durchgesetzt. Doch viele Abrechnungen sollen völlig falsche Zahlen enthalten, außerdem fordern die Arbeiter*innen auch, fĂŒr den Arbeitsausfall durch die abgebrochene Ernte bezahlt zu werden, bis sie neue Arbeit finden oder ihr Vertrag auslĂ€uft. 
Nach monatelangen juristischen Auseinandersetzungen erhalten ĂŒber 100 Personen Nachzahlungen von insgesamt etwa 100.000€. In diesem Fall war eine kĂ€mpferische Gewerkschaft auf Zack, und hat sich von den eilig wieder auf der Suche nach neuen Arbeitsstellen abreisenden BeschĂ€ftigten Vollmachten fĂŒr die arbeitsgerichtliche Vertretung ausstellen lassen. 

Berlin, Advent 2014
Der Bau der Mall of Berlin ist fast abgeschlossen. Die Eröffnung naht. In den Baucontainern harren noch Arbeiter aus RumĂ€nien aus und warten auf ihre Löhne von mehreren Monaten. Die VertrĂ€ge sind undurchsichtig oder existieren auch nicht auf Papier. Einer der Subunternehmer, der sie angestellt hat, ist nicht mehr erreichbar, der andere geht bald darauf in Insolvenz.  Die FAU Berlin organisiert UnterkĂŒnfte, Demonstrationen und Klagen vor dem Arbeitsgericht. Das zieht sich monatelang hin und am Ende kam man zu spĂ€t: Auch der Generalunternehmer geht in die Insolvenz. Und anders als dieser kann nach Ansicht des Gerichts der EigentĂŒmer und Investor des Einkaufszentrums nicht fĂŒr ausstehenden Löhne haftbar gemacht werden. 

Dies sind nur einige ExtremfĂ€lle. Dass auf den Höfen und in der Fleischarbeitung, oder auf dem Bau mehr oder minder regelmĂ€ĂŸig durch WerkvertrĂ€ge, in Rechnung gestellte hohe Unterkunftskosten oder Ă€hnliche AbzĂŒge, frisierte Abrechnungen und so weiter, selbst der gesetzliche Mindestlohn unterlaufen wird, wird hingenommen. Staatliche Gegenmaßnahmen sind nur halbherzig. Viele Arbeiter*innen scheinen sich damit arrangiert zu haben, mangels Alternativen. Vielen fehlt das Wissen, wie sie sich wehren können. Andere trauen sich nicht, und wollen schließlich auch im nĂ€chsten Jahr wieder einen Job bekommen, so beschissen die Bedingungen auch sind. 

Noch schwerer ist es fĂŒr diejenigen, die ĂŒberhaupt keine Papiere haben, die zum Beispiele geflĂŒchtet sind und sich mit solchen Jobs durchschlagen. Ein Beispiel hierfĂŒr sind die zahlreichen Migrant*innen aus Westafrika, die auf GemĂŒseplantagen in SĂŒdspanien arbeiten. Es gibt fĂŒr sie oft kein ZurĂŒck mangels Geld und Papieren und auch kein VorwĂ€rts mangels Aufenthaltstitel. Und damit auch kaum eine Möglichkeit sich zu wehren. In Deutschland wĂŒrde ein Arbeitsgericht ihnen zwar Lohn und Arbeitsrechte wie allen anderen zugestehen, aber das hilft wenig, wenn man gleichzeitig die Abschiebung befĂŒrchten muss, sobald man mit Behörden in Kontakt kommt. Auch wenn es immer wieder Beispiele von erfolgreicher Gegenwehr gibt – durch wilde Streiks und/oder dadurch, dass Lohnforderungen per Gericht durchgesetzt werden: Meistens dĂŒrfte das nicht so sein und die Betriebe kommen mit ihren schĂ€bigen Tricks durch.

Was wir als FAU vorschlagen können: Sagt Bescheid, wenn ihr von Konflikten dieser Art hört. Ergreift ggf. auch selbst die Initiative und geht auf die Betroffenen zu. Wir können auf jeden Fall durch unsere regionale und bundesweite Erfahrung, rechtliches Wissen und oft auch praktische SolidaritĂ€t organisieren, sind aber umgekehrt gerade bei solchen Konflikten auf UnterstĂŒtzung vor Ort angewiesen. 

Ziel sollte es sein, dass die wenigen Beispiele erfolgreicher Gegenwehr die Runde machen, insbesondere in den Medien jener LĂ€nder, aus denen regelmĂ€ĂŸig Saisonarbeiter*innen nach Deutschland kommen. In der Hoffnung dass Gegenwehr selbstverstĂ€ndlicher wird, denn nur so kommt man auf die Dauer wirklich weiter. 




Quelle: Muenster.fau.org