Mai 31, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Philipp Vergin
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 195 – MĂ€rz / April 2022

#Hohenzollern

Als die Öffentlichkeit im Sommer 2019 erfuhr, dass die Bundesregierung sowie die LĂ€nder Berlin und Brandenburg seit Februar 2014 Geheimverhandlungen mit der Erbengemeinschaft der Hohenzollern ĂŒber die RĂŒckgabe mehrerer tausend KunstgegenstĂ€nde und die Nutzung von Immobilien wie zum Beispiel Schloss Cecilienhof in Potsdam fĂŒhren, war die Empörung und Verwunderung groß. Wieso sollten ausgerechnet die Nachfahren von Wilhelm II., dem letzten deutschen Kaiser und König von Preußen, irgendwelche EntschĂ€digungen, noch dazu in einem Gesamtwert im dreistelligen Millionenbereich, erhalten? Hatte doch die Novemberrevolution 1918 das Zeitalter der Monarchie, die fĂŒr die zahllosen Kolonialverbrechen und die Millionen Toten des Ersten Weltkriegs verantwortlich war, in Deutschland beendet. Laut Bundesregierung hatten »die GesprĂ€che der öffentlichen Hand mit dem Haus Hohenzollern (
) das Ziel, eine dauerhafte Gesamtlösung fĂŒr verschiedene Kunst- und SammlungsgegenstĂ€nde herbeizufĂŒhren (
). In den Verhandlungen geht es um rechtliche Unklarheiten in den damaligen Regelungen, aber auch um Rechtspositionen, die sich durch die nachfolgenden historischen Ereignisse, insbesondere durch Maßnahmen der sowjetischen Besatzungsmacht und der Regierung der DDR verĂ€ndert haben« (Bundestags-Drucksache 19/12369). Wie konnte es dazu kommen?

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Hitler und der ehemalige Kronprinz Wilhelm von Preußen am 21. MĂ€rz 1933, dem Tag von Potsdam, vor der Garnisonkirche.
© Bundesarchiv, Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

WĂ€hrend 1918 in Österreich nach dem Sturz der Donaumonarchie die RevolutionĂ€re das Vermögen der Habsburger grĂ¶ĂŸtenteils zugunsten der Kriegsopfer enteigneten, wurde der Adel in Deutschland mit Samthandschuhen angefasst. Die fĂŒrstlichen BesitztĂŒmer waren in der Revolution 1918/19 zwar beschlagnahmt, jedoch nicht enteignet worden. Da die Weimarer Verfassung in Artikel 153 das Privateigentum garantierte, forderten die FĂŒrsten bald hohe finanzielle EntschĂ€digungen fĂŒr entgangene Gewinne und die freie VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber ihren Besitz. In Preußen kam am 15. Oktober 1926 ein Ausgleich zwischen dem Land und dem Haus Hohenzollern zustande. Damit war die ökonomische Basis des Adels allgemein und der Hohenzollern im Besonderen bis auf weiteres gesichert.

Adel im Nationalsozialismus
Finanzielle EntschĂ€digung allein reichte der Adelskaste nicht. Die Schmach der Niederlage musste getilgt und die verhasste Republik mit dem Ziel einer Restauration der Hohenzollern-Monarchie so schnell es geht beseitigt werden. Doch die Monarchie war bis weit ins konservative und nationalistische Lager diskreditiert. Um die nötige Massenbasis fĂŒr die Konterrevolution zu bekommen, war der Adel zu BĂŒndnissen mit faschistischen Organisationen gezwungen. Die völkisch bis rassistisch geprĂ€gte »Deutsche Adelsgenossenschaft«, die bereits 1918 den »Ariernachweis« eingefĂŒhrt hatte, spielte dabei als grĂ¶ĂŸte Vereinigung Adeliger im Deutschen Reich eine wichtige Rolle. Allerdings reprĂ€sentierte sie nicht den gesamten Adel. Vor allem in den katholischen Regionen standen etliche Adelige aufgrund ihrer ĂŒberwiegend religiösen und politisch konservativen Grundhaltung dem Nationalsozialismus skeptisch gegenĂŒber.

FĂ€lle von Adeligen, die schon frĂŒh in der NS-Bewegung Karriere machten, gibt es ebenfalls in HĂŒlle und FĂŒlle. Als Beispiel sei Franz Pfeffer von Salomon genannt, der von 1926 bis 1930 »Oberster SA-FĂŒhrer« war und von 1932 bis 1941 als NSDAP-Reichstagsabgeordneter und Mitglied im »Verbindungsstab des FĂŒhrers« in der Reichskanzlei fungierte. Obwohl die SA vielen Adeligen zu proletarisch und ob ihrer pseudo-sozialistischen Rhetorik suspekt war, besetzten sie doch zahlreiche FĂŒhrungspositionen: Von den 178 höchsten SA-FĂŒhrern waren 21 Adelige – 12 Prozent. Damit lag der Adelsanteil zwar unter den 21 Prozent im Offizierskorps der Reichswehr, aber dennoch deutlich ĂŒber ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung von etwa 0,15 Prozent. Schon eher den Elitevorstellungen des Adels entsprach hingegen die SS, die denn auch den »Neuen Adel« des NS-Staates begrĂŒnden sollte. 1938 waren fast 19 Prozent aller SS-ObergruppenfĂŒhrer adelig.

Die EntschÀdigungsdebatte
Nach der Niederlage Nazideutschlands am 8. Mai 1945 wurden die Karten neu gemischt. Eine Vielzahl von Objekten, die mit dem Vertrag von 1926 Wilhelm II. und seiner Familie vom Staat ĂŒberlassen worden waren, befand sich nun auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise spĂ€teren DDR. Im Rahmen der Bodenreform wurde ein Teil der VermögensgegenstĂ€nde von der sowjetischen MilitĂ€radministration enteignet. Nach der Wiedervereinigung wurde dann entschieden, die Bodenreform der sowjetischen Besatzungsmacht – anders als die spĂ€teren Enteignungen in der DDR – nicht rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Allerdings wurde im Jahr 1994 fĂŒr die seinerzeit Enteigneten beziehungsweise deren Erben ein Anspruch auf finanzielle EntschĂ€digung beschlossen, es sei denn, diese haben »dem nationalsozialistischen (
) System (
) erheblichen Vorschub geleistet«. Louis Ferdinand Prinz von Preußen, zweitĂ€ltester Sohn und Erbe des ehemaligen Kronprinzen Wilhelm Prinz von Preußen, machte in den 1990er Jahren seine AnsprĂŒche geltend und nach seinem Tod verfolgt nun Georg Friedrich Prinz von Preußen als Erbe diese im Namen der Familie bis heute weiter. Im Rahmen der Verhandlungen beauftragten die Hohenzollern und das Land Brandenburg nach und nach jeweils zwei Gutachter damit, die Frage zu klĂ€ren, ob der preußische Kronprinz Wilhelm von Preußen in den 1930er Jahren dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet hat. Der von den Hohenzollern beauftragte Historiker Christopher Clark von der UniversitĂ€t Cambridge fĂŒhrte zwar etliche Argumente dafĂŒr an, dass Wilhelm den Nationalsozialisten nicht nur nahestand, sondern auch bei zahlreichen Gelegenheiten seine Sympathie und UnterstĂŒtzung fĂŒr Hitler und die Nationalsozialisten zum Ausdruck gebracht hat. Allerdings sei Wilhelm als Person wie als Politiker zu unbedeutend gewesen, als dass er den Nationalsozialisten »erheblichen Vorschub« hĂ€tte leisten können. Nachdem der Preußen-Spezialist Peter Brandt und insbesondere der in Edinburgh lehrende Stephan Malinowski in ihren Gutachten eine Vielzahl von weiteren belastenden Fakten herausgearbeitet hatten, ruderte Clark zurĂŒck und schloss sich dieser EinschĂ€tzung an. Entscheidend fĂŒr die Frage, ob Wilhelm dem NS-Regime Vorschub geleistet habe, sei, dass der »Kronprinz« angesichts der nach wie vor starken AnhĂ€nger*innenschaft der Monarchie in Deutschland mit seiner positiven Haltung gegenĂŒber dem Nationalsozialismus eine erhebliche Breitenwirkung besessen habe. Er habe auf diese Weise »stetig und in erheblichem Maß zum Übergang der Macht an die NSDAP und zu deren Festigung beigetragen«. Der daraufhin von den Hohenzollern mit einem weiteren Gutachten beauftragte Hindenburg-Biograf Wolfgang Pyta erklĂ€rte, dass all die Handlungen und Haltungen des Kronprinzen in Wirklichkeit aber auf fantasievolle und raffinierte Weise dazu gedient hĂ€tten, die MachtĂŒbernahme oder zumindest eine Alleinherrschaft Hitlers zu verhindern.

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Screenshot einer 3sat-Sendung mit dem Historiker und
Theologen Benjamin Hasselhorn.

Als am 29. Januar 2020 im Kulturausschuss des Bundestages eine öffentliche Anhörung zum Thema stattfand, fiel das Urteil der Historiker ĂŒbereinstimmend deutlich aus: Kronprinz Wilhelm von Preußen hat vor und nach 1933 dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet. Direkt nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 hatte Wilhelm denn auch gejubelt, nun habe sich erfĂŒllt, wofĂŒr er ein Jahr gekĂ€mpft habe. Nur der von der Union benannte SachverstĂ€ndige Benjamin Hasselhorn (Julius-Maximilians-UniversitĂ€t WĂŒrzburg) verstieg sich zu der Ansicht, ein abschließendes Urteil sei kaum zu fĂ€llen. Alle bislang vertretenen Positionen seien »wissenschaftlich begrĂŒndbar«, allein es fehle noch an »Quellenforschung«. Außerdem stĂŒnde die Frage im Raum, ob nicht die SPD im Vergleich sogar dem Nationalsozialismus mehr Vorschub als die Konservativen und Monarchisten geleistet habe, »weil sie seit 1930 keine Reichsregierung mehr unterstĂŒtzte und in Schleicher einen gefĂ€hrlicheren Gegner sah als in Hitler«. Er forderte deshalb ein Ende vom Hohenzollern-Bashing – insbesondere in Bezug auf Wilhelm II. – und beklagte eine allgemeine Anti-Preußen-Stimmung in der Bundesrepublik.

Verschiebung des Geschichtsbilds
Das Ganze erinnerte frappierend an die Klimaleugner*innendebatte. Trotz klaren wissenschaftlichen Befunds wollten CDU und CSU weiter nach entlastenden Dokumenten fĂŒr die Hohenzollern suchen lassen. Elisabeth Motschmann (CDU) behauptete gar, dass sich bisher niemand die MĂŒhe gemacht habe, im Hohenzollernarchiv zu forschen und dort ganz sicher entlastendes Material zu finden sei. Offensichtlich hofft die ehemalige Baroness auf geheime Unterlagen ĂŒber eine Widerstandsgruppe im preußischen Adelshaus. Ebenfalls bemerkenswert war der Auftritt der »Alternative fĂŒr Deutschland« (AfD): Deren Ausschussmitglied Marc Jongen legte sich mĂ€chtig ins Zeug fĂŒr die Interessen der »Kleinen Leute« aus der Erbengemeinschaft der Hohenzollern.
Ein paar Monate spĂ€ter, im MĂ€rz 2020, brachte eine Recherche des Historikers Niklas Weber in der SĂŒddeutschen Zeitung zutage, dass Hasselhorn einem neurechten Netzwerk in den Geisteswissenschaften angehört. Demnach hat er nicht nur in »Cato«, »Cicero« und der neurechten »Blauen Narzisse« publiziert und mehrfach fĂŒr die evangelikale Nachrichtenseite »idea« geschrieben, sondern ist durch zahlreiche persönliche Kontakte, unter anderem zum »Institut fĂŒr Staatspolitik« (IfS) von Götz Kubitschek, tief ins neurechte Milieu eingebunden. »Der alte Revisionismus kehrt durch die HintertĂŒr zurĂŒck«, resĂŒmierte Weber, »im Gewand der unschuldigen Frage. Das neurechte Interesse am Hohenzollernstreit besteht dabei nicht in der unrealistischen Hoffnung auf eine Restauration der Monarchie, sondern in einer behutsamen Verschiebung des Geschichtsbilds.«

WĂ€hrend es den Hohenzollern in der Auseinandersetzung vor allem um ihr Vermögen und Ansehen geht und sie den Raum fĂŒr eine öffentliche und kritische Diskussion ĂŒber die Rolle ihrer Familie im Nationalsozialismus durch massenhafte Klagen und Abmahnungen zu minimieren suchen, will die »Neue Rechte« einen GelĂ€ndegewinn in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung erlangen. Die Zerstörung der Weimarer Republik durch die konservativen Eliten soll in Verkehrung der historischen Tatsachen als edelmĂŒtiger Versuch erscheinen, den Nationalsozialismus zu verhindern. Die Rechte möchte ihren Weg zu einem neuen, schuldbefreiten Nationalmythos weiter beschreiten, der im NS nur noch ein tragisches Zwischenspiel in tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte und in der Konservativen Revolution eine leider verpasste Chance erblickt. DafĂŒr mĂŒssen nicht nur die historischen AnhĂ€nger*innen einer »Konservativen Revolution«, sondern auch ihre selbsternannten Erb*innen – die »Neue Rechte« – vom ĂŒblen Nazi-Ruch befreit werden.




Quelle: Der-rechte-rand.de