Juni 19, 2022
Von InfoRiot
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Dem ist nichts hinzuzufĂŒgen: Hausfassade in Neuruppin anlĂ€sslich eines Neonazi-Aufmarschs in der Stadt im Jahr 2012

Dem ist nichts hinzuzufĂŒgen: Hausfassade in Neuruppin anlĂ€sslich eines Neonazi-Aufmarschs in der Stadt im Jahr 2012

Foto: dpa/Patrick Pleul

Im Schirrhof der Potsdamer Schiffbauergasse feiert das brandenburgische AktionsbĂŒndnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit am Freitagabend sein 25-jĂ€hriges Bestehen. MinisterprĂ€sident Dietmar Woidke (SPD) hĂ€lt aus diesem Anlass eine Trauerrede. Er hat vorher ĂŒberlegt, ob er das wirklich so machen soll und sich dafĂŒr entschieden. »Der GrĂŒndung gingen eine ganze Reihe schrecklicher Erlebnisse voraus«, erinnert Woidke. Vor und nach 1997 kostete die rechte Gewalt in Brandenburg Menschenleben. Der Politiker nennt Namen: Amadeu Antonio Kiowa, Farid Guendoul und Marinus Schöberl.

Der angolanische Arbeiter Amadeu Antonio wurde in Eberswalde bewusstlos geschlagen, lag elf Tage im Koma und starb im Dezember 1990. Der algerische Asylbewerber Farid Guendoul wurde im Februar 1999 durch Guben gehetzt, wollte in Todesangst in ein Haus flĂŒchten, verletzte sich an der zersplitterten Glasscheibe der TĂŒr und verblutete. Marinus Schöberl wurde in Potzlow 2002 das Genick gebrochen, seine Leiche in eine Jauchegrube geworfen. Neonazis ermordeten diese drei Menschen und noch andere. Amadeu Antonio und Farid Guendoul starben mit 28 Jahren, als ihre Freundinnen mit einem Sohn und einer Tochter schwanger waren. Marinus Schöberl war erst 16 Jahre alt.

Man könne gar nicht oft genug an diese Menschen denken, meint MinisterprĂ€sident Woidke. Er besinnt sich auf die viel zu lange Verharmlosung des Rechtsextremismus durch Politik und Gesellschaft in Brandenburg: »Zur Wahrheit gehört, dass es auch bei uns im Land viele gegeben hat, die gesagt haben: Ach, das sind nur ein paar dumme Jungs, von Neonazis aus dem Westen aufgehetzt, eigentlich sind die ganz lieb.«

1998 endlich entwickelte die Landesregierung ihr Handlungskonzept »Tolerantes Brandenburg«. Im Zusammenspiel mit der Zivilgesellschaft, die sich im AktionsbĂŒndnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit vernetzte, machte das Bundesland spĂŒrbare Fortschritte. 2014/15, als viele syrische FlĂŒchtlinge eintrafen, schossen ĂŒberall in Brandenburg Willkommensinitiativen aus dem Boden und die Bevölkerung akzeptierte Asylheime in der Nachbarschaft sogar eher als im angeblich so weltoffenen Berlin.

Doch etwa zeitgleich etablierte sich die AfD. »In den 90er Jahren trugen Nazis Springerstiefel«, sagt Woidke. »Heute kommen sie im Zwirn und sitzen im Landtag.« Der Kampf gegen den Rechtsextremismus sei nicht gewonnen. »Wir mĂŒssen ihn weiter fĂŒhren.«

Thomas Wisch kommt ins GrĂŒbeln. Er ist Superintendent der evangelischen Kirche und seit 2014 im AktionsbĂŒndnis Vorsitzender. »Wir ĂŒberlegen auch«, gesteht Wisch. »Wir tun so viel und trotzdem steht die AfD so gut da. Das ist gruselig.« Zuletzt schwĂ€chelte die AfD zwar etwas. Aber bei der Landtagswahl 2019 bekam sie 23,5 Prozent der Stimmen, wurde zweitstĂ€rkste Kraft im Parlament – mit nur 2,7 Prozentpunkten Abstand auf den Wahlsieger SPD.

Man weiß ja nicht, wie schlimm es ohne das AktionsbĂŒndnis wieder geworden wĂ€re, tröstet Wischs Vorstandskollegin Gabi Jaschke. Auch fĂŒr sie ist es eigentlich ein trauriger Anlass, dass man so ein AktionsbĂŒndnis grĂŒnden musste und es auch nach 25 Jahren Arbeit noch braucht, weil die Probleme leider nicht verschwunden sind. »Aber ich bin froh, dass es das AktionsbĂŒndnis gibt, und ich bin dankbar, dass die Landesregierung das fördert, was in Deutschland einmalig ist«, sagt Jaschke.

Wie schlimm es insbesondere Anfang der 1990er Jahre gewesen ist, erzĂ€hlt die aus Zehdenick stammende Schriftstellerin Manja PrĂ€kels in ihrem autobiografisch inspirierten Roman »Als ich mit Hitler Schnapskirschen aĂŸÂ«. Was sie in diesem 2017 veröffentlichten Buch offenbart, schildert sie am Freitag in Kurzform bei der AktionsbĂŒndnis-Feier. »Ich habe nie wieder in meinem Leben so viel Angst haben mĂŒssen in Brandenburg wie in den 1990er Jahren«, sagt PrĂ€kels. Wie es sei, wenn ein Moped im Wald knattert, dass man sich dann nicht kopfĂŒber ins Dickicht stĂŒrzen muss, um sein Leben zu retten, weil ein Neonazi hinter einem her sein könnte. »Am schlimmsten ist die Gewöhnung«, erklĂ€rt die 47-JĂ€hrige.

Aber das AktionsbĂŒndnis will sich an rechte Gesinnungen niemals gewöhnen. 1997 mit 29 Mitgliedern gestartet, nimmt es am Freitag als sein 87. Mitglied auf: Das BĂŒndnis »MĂŒncheberg ist bunt«.




Quelle: Inforiot.de